Prolog
Neue Figuren in dieser Geschichte: Meister Katsuichi, der Usagi ausgebildet hat und seine Schüler Shunji (gibt es bei Stan auch, aber ich habe noch kein gutes Bild gefunden) und Waytiki (meine Erfindung).Vorbereitungen
"Eine erste Stellungnahme des Rates ist eingetroffen", verkündete Pau am nächsten Morgen beim Frühstück. Sie hatten sich gestern noch ein paar Teile der Station angesehen und Usagi hatte mit Tomoe im Park geschlafen. Allerdings jetzt in zwei Betten.
"Und?" fragte Tomoe.
"Sie stimmen meinen Überlegungen grundsätzlich zu, haben sich aber noch nicht auf ein bestimmtes Vorgehen einigen können. Daher soll ich mit den allgemeinen Vorbereitungen beginnen und einige Details noch zurückstellen. Sie sagen, dass sie innerhalb der nächsten 10 Tage alle Informationen gesichtet und aufbereitet haben werden und dann rasch zu einer Entscheidung kommen können."
"Du hast uns noch nicht gesagt, um was es dabei eigentlich geht", bohrte Usagi.
"Solange nicht klar war, was ich tun könnte, wäre das auch nicht sehr sinnvoll gewesen", erklärte Pau.
"Und nun?" hakte Tomoe nach.
"Jetzt kann ich mit einigen Vorbereitungen beginnen. Dazu gehört zum Beispiel herauszufinden, wo sich alle betroffenen Personen aufhalten, spezielle Ausrüstung in mein Lager aufzunehmen und so weiter. Ausserdem sollten wir noch eine Nachuntersuchung durchführen."
"Was ist das?"
"Nach jeder Heilung sollte man sich ansehen, wie gut man sich erholt hat. Manchmal verdeckt zum Beispiel eine Verletzung eine andere. Das sieht man dann in der Nachuntersuchung."
Pau führte sie wieder zu den Heiltanks. Dort stellte Usagi sich wieder auf das Podest und wartete stoisch, bis die Untersuchung vorüber war. Pau liess die Ergebnisse anzeigen. Zuerst erschien der alte, verletzte Körper von Usagi wieder.
Dann liess er alle geheilten Verletzungen verschwinden. Die Narbe über seinem linken Auge blieb sowie einige Markierungen sein Rückgrat entlang. "Die Narbe habe ich in Ruhe gelassen, aber ich kann sie noch entfernen, wenn Du willst." Pau musste ihm wohl angesehen haben, dass Usagi nicht sehr glücklich mit der Idee war, nochmal in dieser seltsamen Flüssigkeit zu ertrinken. "Keine Sorge", lachte er, "das geht ohne die Tanks. Und weh tut es auch nicht."
Usagi lehnte ab. Die Narbe war inzwischen ein Teil von ihm. Allerdings bereiteten ihm die Verletzungen am Rücken Sorgen. "Das sind Chakren", erläuterte Pau. "Energiezentren. Sie sind bei fast allen Personen in der einen oder anderen Weise blockiert. Dabei handelt es sich nicht wirklich um Verletzungen, sondern um Blockaden. Diese verhindern, dass die Energie im Körper ungehindert fliessen kann. Wir achten auf diese Blockaden, weil sie die Ursachen für viele geistige und seelische Probleme sind bzw. weil sie auf Probleme im geistig/seelischen Bereich hinweisen. Bei Dir ist z.B. das 7. Chakra komplett blockiert, was bedeutet, dass Du Deine sexuellen Bedürfnisse komplett ignorierst."
Das Gespräch ging jetzt eindeutig in eine Richtung, die Usagi grosses Unbehagen bereitete. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Pau kam ihm zuvor: "Das wird Dich nicht umbringen, aber es kostet Dich einen Teil Deiner Kraft und es verhindert effektiv, dass Du in Dein Gleichgewicht kommen kannst. Du musst Dich selbst entscheiden, ob Du daran rühren willst oder nicht."
"Tomoe", fuhr er fort, "hat da ähnliche Probleme." Statt Usagi wurde übergangslos Tomoe gezeigt. Bei ihr leuchteten ähnliche Chakren auf, wie bei Usagi. Zum wiederholten Male wartete Usagi unwillkürlich darauf, dass die Illusion anfing sich zu bewegen, so echt wirkte sie auf ihn.
"Dann kann ich jetzt ...?" fragte Tomoe mit belegter Stimme. Usagi hatte keine Ahnung, worum es ging, aber er spürte, dass es für Tomoe sehr wichtig war.
"Ja", antwortete Pau sanft und wartete, bis Usagi sie umarmt hatte.
Usagi hielt Tomoe einfach fest und das schien ihr zu helfen. Er stellte keine Fragen, denn Tomoe würde ihm alles erklären, wenn sie selbst soweit war. Bis dahin würde er sie schützen, vor was auch immer.
Seelische Heilung
Pau brachte sie in den Park und liess sie dort allein. Tomoe war immer noch sehr still und starrte in den Armen von Usagi in den kleinen Teich. Irgendwann löste sie sich sanft und bat Usagi sie allein zu lassen. Usagi stand auf, drückte sie nochmal an sich und ging dann fort, ohne sich nochmal umzusehen. Tomoe wartete, bis er ausser Sicht war und ging dann zu einem Roboter und bat diesen, sie zu Pau zu bringen.
Pau sass in einem Raum mit einem grossen Podest, wie sie auch eines in der Krankenstation gesehen hatte. Um dieses waren Stühle gruppiert und auf einem sass Pau. Als sie den Raum betrat, blickte er auf. Tomoe konnte noch einen kurzen Blick auf die Gesichter von vielen Leuten werfen, die alle mit erklärenden Texten versehen waren. Fürst Noriyuki war darunter, der Shogun und Hikiji, Usagi und sie. Die ganzen Köpfe waren mit Linien verbunden, die wiederum mit Texten versehen waren. Dann verschwand das Bild und wurde durch einen Wasserfall ersetzt, der in eine beruhigende grüne Landschaft eingebettet war.
Tomoe wusste nicht, wie sie anfangen sollte, also begann Pau: "Du kannst Dich nicht entscheiden."
Sie nickte nur. "Du möchtest weder Deine Pflichten gegenüber Deinem Fürst verletzten noch den, den Du liebst."
"Was soll ich tun?" fragte sie hoffnungslos. "Wenn ich mich für Usagi entscheide, dann zwinge ich ihn entweder am Hof von Noriyuki zu leben, was er nicht will oder ich muss den Hof mit ihm verlassen, was ich nicht will."
"Und ohne ihn kann ich auch nicht mehr leben ...", setzte sie leise hinzu.
"Bushido", sagte Pau.
"Bushido", antwortete Tomoe. Sie setzte sich auf einen freien Stuhl und starrte in das Bild des Wasserfalls, sah es aber nicht.
"Habt ihr überlegt, mit beiden darüber zu reden?" erkundigte sich Pau.
Tomoe lachte humorlos auf. "Beide würden ihre rechte Hand geben, um mir einen Wunsch zu erfüllen. Alleine es zu erwähnen, würde sie dazu zwingen etwas zu tun, was sie nicht wollen. Das kann ich ihnen nicht antun."
"Aber ihr solltet es auch nicht so belassen."
"Das will ich auch gar nicht", seufzte Tomoe, "aber was soll ich tun? Alles was ich tun könnte, würde die Qual nur verlagern, aber nicht beenden."
"Möchtet ihr, dass ich mit Usagi spreche?" bot Pau an.
"Was würde das bringen? Auch wenn ihr in bittet, würde es am Ergebnis nichts ändern."
"Das würde ich auch nicht tun. Ich würde ihn einfach fragen, ob er sich vorstellen kann, an Noriyukis Hof zu leben. Eventuell sieht er das Ganze ja etwas anders als ihr. Während ihr vielleicht denkt, dass es sein Ende ist, wäre es für ihn vielleicht sehr angenehm, eine neue Heimat zu finden."
"Es würde niemals einem anderen Herrn als Mifuné dienen", erwiderte Tomoe hoffnungslos.
"Obwohl Katsuichi auf dem Gebiet lebt, das Fürst Hikiji beansprucht, würde doch niemand vermuten, dass er Hikiji dient. Ihr solltet euch vielleicht einmal Gedanken darüber machen, ob nicht eure eigene Angst, dass das Ganze nicht in Erfüllung gehen kann, die Ursache für eure Sorgen ist", schlug Pau sanft vor.
Tomoe liess den Kopf hängen. Pau wartete ab, bis sie sich schliesslich einen Ruck gab. "Ich stehe in eurer Schuld."
"Nein, eigentlich nicht", widersprach Pau sanft. "Ich wollte sowieso mit Usagi sprechen. Tatsächlich werde ich das jetzt gleich tun. Ich empfehle euch ein wenig durch den Park zu laufen und euch über eure Gedanken und Empfindungen klar zu werden. Egal wie das Ganze am Ende ausgeht, so wird euch das auf alle Fälle nützen."
Tomoe nickte, rutschte vom Stuhl und folgte einen Roboter nach draussen.
Nach einer Weile sagte Pau: "Und ihr dachtet, ihr hättet Probleme."
Usagi trat aus dem dunklen Nebenraum, eine Mischung aus Wut und Trauer im Gesicht. "Warum habt ihr das getan?" fragte er gepresst.
"Manchmal ist ein Tritt in den Hintern besser als ein Schlag ins Gesicht."
Usagi riss die Augen auf. "Was soll das nun wieder bedeuten? Sie hat euch vertraut! Ihr habt ihr Vertrauen aufs schändlichste missbraucht! Und mich dazu!" Er zitterte vor Wut.
"Ich bin kein Bote", antwortete Pau geduldig. "Ich sehe keinen Sinn darin, ständig zwischen zwei Leuten hin- und herzulaufen nur, um dem Einen zu sagen, was der Andere ihm direkt sagen sollte. Sie muss es euch selbst sagen, aber sie konnte nicht. Denn sie weiss, dass Du die Ursache aller ihrer Probleme bist."
Usagi öffnete den Mund und wollte heftig protestieren.
"Würde Noriyuki eure Verbindung ablehnen?" kam Pau ihm zuvor.
"Sonst irgendjemand? Nein? Aber Du willst nicht! Bushido! Hah!"
"Und gleichzeitig weisst Du, dass Du niemals ein wahrer Meister der Schwertkunst werden kannst, solange Du so unausgeglichen bist. Und warum bist Du unausgeglichen? Weil Du bestimmte Teile von Dir so sehr unterdrückst, dass Du Dich manchmal selbst fragst, ob sie überhaupt da sind!"
"Hallooo!" rief Pau. "Sie leidet, Usagi. So wie Du. Weil Du das so willst."
"Ich kann nicht ...", begann Usagi.
"Ah, es gibt ein neues Naturgesetz. Ronin kann nicht lieben. Kannte ich noch nicht. Du hast es erfunden? Bin beeindruckt. Findet sicher eine Menge Anklang bei Deinesgleichen."
"Du willst nicht", versetzte Pau. "Es gibt niemand, der Dich zwingt. Niemand, der Dir vorschreibt so zu leben, wie Du es tust. Nur Du selbst. Hat Dir Dein Meister sicher auch schon erklärt. Für alle Deine Handlungen ..."
"... bist allein Du selbst verantwortlich", beendete Usagi den Satz. Konnte es sein? Nein!
"Was ist, wenn ich getötet werde? Sie leidet, gut. Aber welchen Schmerz würde sie dann empfinden?"
"Unerfüllt? Sich für den Rest des Lebens fragend, ob da nicht eine Chance für euch beide gewesen wäre, hätte sie sich nur mehr angestrengt? Sich fragend, was sie falsch gemacht hat? Ob es wohl anders gekommen wäre, wenn sie bei Dir gewesen wäre?"
Usagi wandte sich ab. Er konnte das nicht mehr ertragen. Er ging zur Tür, aber sie blieb verschlossen. Pau hatte ihn in der Falle. Wenn er jetzt eine Waffe gehabt hätte, er hätte sie eingesetzt. Wie ein in die Enge getriebenes Tier stand er da. Gebückt. Bereit zum Angriff.
"Was ist? Es ist sicher Noriyukis Schuld", prasselten die Worte weiter auf ihn ein. "Sicher wäre alles ganz anders, wenn er nicht wäre. Oder Hikiji. Wenn er nicht ständig versuchen würde, Noriyuki zu töten oder Dich. Sicher ist er Schuld." Pau packte ihn und Usagi schlug mit aller Kraft zu. Er trat und schrie. Egal wie, er musste ihn zum Schweigen bringen. Schlug. Trat. Schrie. Weinte.
Als Usagi sich wieder beruhigt hatte, sass er in der Ecke des Raumes. Pau sass wieder am Pult und gab weiter Texte ein. Weitere Gesichter erschienen, wurden mit den anderen verbunden, die Verbindungen beschrieben.
"Was wollt ihr? Warum tut ihr mir das an?" verlangte Usagi mit überschlagender Stimme zu wissen.
Pau wählte seine Worte mit Bedacht. "Wenn einer von euch stirbt, dann wird der andere folgen. Das Einzige, was euch abhält, ist eure Angst, dass ihr verletzt werden könntet. Aber glaube mir eins, es ist schlimmer mit der Frage zu leben, ob man etwas falsch gemacht hat, als mit der Erinnerung an die schönen Stunden, die man miteinander verbracht hat und der Frage, ob man etwas hätte ändern können."
Pau wirkte auf einmal sehr müde. "Ich verfüge über Wissen, dass töten kann, Usagi Miyamoto. Nicht Kampfkunst. Nicht Waffen. Wissen. Das Wissen zu besitzen ist gleich bedeutend mit dem Wunsch zu sterben. Es nicht mehr zu wissen. Zu vergessen. Ich kann nicht vergessen. Ich erinnere mich klar und deutlich an jeden Fehler, den ich jemals gemacht habe, und glaubt mir eines: Ich wäre nicht mehr am Leben, wenn ich nicht jede Gelegenheit genutzt hätte, all dem Horror etwas Schönes als Ausgleich entgegen zu setzen. Jede Wunde durch die Erinnerung an die wunderbare Nähe eines anderen erträglich zu machen."
"Hikiji kann euch foltern und töten und wahrscheinlich wird er das auch tun, wenn er euch in die Finger bekommt. Aber die Beziehung zu Tomoe würde euch die Kraft geben alles zu überstehen. Und es ist für Dich die einzige Möglichkeit, Dein Ziel, die Meisterschaft zu erreichen. Solange Du wichtige Teile Deines Selbst verneinst, verweigerst Du Dich Dir selbst."
Mit einem leisen Zischen öffnete sich die Tür. Usagi sah den Gang hinaus. Endlich zu gehen und dieser Auseinandersetzung zu entkommen. Frieden zu finden. Er drehte sich um.
"Der Gedanke sie zu verlieren, ist unerträglich für mich", begann er leise.
"Und der Gedanke, dass sie leidet, ebenfalls", fügt er hinzu.
Er setze sich. "Was soll ich nur tun?" fragte er sich verzweifelt.
"In den Park gehen, ihren Kopf in die Hände nehmen, ihr tief in die Augen sehen, ihr sagen, dass ihr sie liebt, sie küssen", kam es postwendend zurück.
"Und wenn sie schwanger wird? Es würde ..."
"Ach ja", unterbrach Pau ihn, "und aufhören, sich ständig neue Ausreden einfallen zu lassen."
"Sie wird nicht schwanger", fügte Pau hinzu.
"Das seltsame Verhalten im Heilraum." Pau nickte.
Beide schwiegen einen Moment. "Gibst Du Dir immer noch die Schuld an Mifunés Tod?" fragte Pau dann.
Usagi sass bewegungslos. "Was?" fragte er schwach.
"Du denkst noch immer, dass Du etwas hättest tun können, um ihn zu retten, nicht war? Dass Du früher den wahren Charakter von Gunichi(1) hättest erkennen müssen. Dass sein Tod irgendwie Deine Schuld war."
Usagi fragte sich verzweifelt, woher Pau das alles wusste. Und ihm wurde klar, dass er es wieder vermied, sich mit dem Problem zu befassen. Sich seiner Angst zu stellen.
"Ich ...", begann er.
"Das ist der Grund, warum Du Dich keinem neuen Herrn anschliessen willst. Schliesslich hast Du ja schon einmal versagt. Denkst Du. Du fürchtest Dich davor, dass es nochmal passieren könnte. Dass Du nochmal jemand enttäuscht. Dass Du nochmal verletzt wirst. Darum wendest Du Dich ab."
Usagi konnte nicht fassen, wie exakt Pau seine Schwachpunkte fand. Wieder, wie schon vor ein paar Tagen schoss eine ganze Flut von schwarzen, entsetzlichen Gefühlen aus den Tiefen seiner Seele hervor und tobten in seinem Kopf. Und er ergab sich. Leistete keinen Widerstand. Eine riesige Flutwelle türmte sich auf und begrub seinen Verstand unter sich. Als es vorbei war, war er seltsamerweise noch da. Die Flutwelle war über ihn hinweggespült und wieder verschwunden. Er war sich fast sicher, wenn er Widerstand geleistet hätte, dann wäre er zerbrochen. Aber so zerrte die Flut an ihm, konnte ihn ein Stück mitreissen, aber am Ende stand er unversehrt. Und eine weitere Wunde an seiner Seele war geheilt.
Wortlos stand er auf, denn es gab nichts mehr zu sagen. Er ging in den Park, fand Tomoe, nahm ihren Kopf zärtlich in die Hände, blickte tief in diese herrlichen Augen und sagte schlicht: "Ich liebe Dich.". Dann küssten sie einander.
Am nächsten Morgen wachten sie eng umschlungen auf. Tomoe hatte keine Ahnung, wie Pau das hinbekommen hatte, aber es war ihr auch egal. Sie war glücklich. Und Usagi auch. Sie hatten sich entschieden.
Während sie sich gegenseitig wuschen, beichtete Tomoe Usagi, dass sie einst am Bauch verletzt worden war. Wie Pau sie untersucht und ihr mitgeteilt hatte, dass sie keine Kinder bekommen könnte. Dass er sie geheilt hatte. Usagi sagte nichts, küsste sie nur. Sie wünschte, sie könnten den ganzen Tag so stehen. Hand in Hand gingen sie zum Frühstück.
Wie immer erwartete Pau sie bereits. "Gut geschlafen?" erkundigte er sich.
Usagi nickte. "Wenig", fügte er lächelnd hinzu.
Nach dem Frühstück stellte Usagi Pau eine Frage, die ihn bewegte. "Tomoe erzählte mir, dass ihr sie geheilt habt, aber mir habt ihr gesagt, dass sie nicht schwanger werden würde. Wie passt das zusammen?"
Pau lächelte amüsiert. "Beides ist richtig. Sie ist jetzt zwar theoretisch in der Lage Kinder zu empfangen, aber ihr Körper muss sich erst umstellen", sagte Pau und reichte Tomoe eine kleine Tablette.
"Nimm das und Du wirst Kinder empfangen können", erklärte er. Auf ihre unausgesprochene Frage antwortete er: "Das bedeutet natürlich, dass Du noch warten kannst."
Tomoe entspannte sich sichtlich. "Dann werde ich warten, bis ich mit Herrn Noriyuki gesprochen habe", antwortete sie und verwahrte die Tablette sorgfältig in ihrem Ärmel.
"Als wir vor ein paar Tagen mit dem Roboter über Dich gesprochen haben", begann Usagi und blickte Pau dabei offen an, "sagte dieser, dass Du Schüler ausbildest."
"Würdest Du mich als Schüler akzeptieren?" bat er.
Pau erwiderte seinen Blick und antwortete: "Nein."
Die Enttäuschung zeichnete sich deutlich auf Usagis Gesicht ab. Er öffnete den Mund, aber Pau fuhr fort: "Anders als in Deiner Kultur übernehme ich nicht die Verantwortung für meine Schüler. Meine Schüler müssen bereits auf eigenen Beinen stehen und einige besondere Eigenschaften mitbringen. Du stehst auf eigenen Beinen und bringst viele der notwendigen Eigenschaften mit, aber etwas fehlt Dir noch."
Usagi wartete geduldig, dass Pau weitersprach. "Ich könnte euch jetzt erklären, was das ist, aber da Dir diese Fähigkeiten fehlen, würdest Du mich nicht verstehen. Daher schlage ich euch Folgendes vor. Ich werde Dir drei Aufgaben stellen. Nach jeder Aufgabe kannst Du Dich entscheiden, ob Du weitermachen willst oder nicht. Wenn Du alle drei Aufgaben zu Deiner eigenen Zufriedenheit erfüllt hast, werde ich Dich als Schüler akzeptieren. Bist Du damit einverstanden?"
"Zu meiner Zufriedenheit?" versicherte sich Usagi.
"Ich bilde keine Speichellecker aus oder Leute, die mich anbeten. Alle meine Schüler vereinen in sich eine ungeheure Macht. Sie müssen selbst entscheiden können und das gehört zu den Grundvoraussetzungen, um überhaupt mein Schüler zu werden."
Usagi verbeugte sich. "Ich akzeptiere", sagte er ernst.
"So sei es." Pau schwieg einen Moment. "Deine erste Aufgabe ist, Kenichi dazu zu bringen Dir zu vergeben."
Usagi schluckte hart und atmete tief durch. Das würde ein hartes Stück Arbeit werden. Kenichi und er hatten sich noch nie leiden können. Und im Laufe der Zeit hatte sich das eher noch verschlimmert. "Meine zweite Aufgabe?" fragte er mit belegter Stimme.
"Wirst Du erhalten, sobald Du die erste erledigt hast. Nein", kam Pau Usagis Widerspruch zuvor, "es ist sinnlos Dir die zweite jetzt schon zu nennen. Du kannst sie nicht vor der ersten erledigen und es würde Dich nur unnötig ablenken."
"Du hast das Potential", fuhr Pau fort, "ein Schüler von mir zu werden. Aber Du hast noch nicht die notwendige Reife erlangt, um die Entscheidung treffen zu können. Wenn Du die drei Aufgaben erledigt hast, wirst Du in der Lage dazu sein, die Tragweite dieser Entscheidung zu erkennen. Erst dann kann ich sie akzeptieren."
Die nächsten Tage vergingen mit weiteren Vorbereitungen und Usagi und Tomoe verbrachten viel Zeit miteinander. Dann kam der Tag, an dem der Rat seine Entscheidung mitteilte. Pau teilte es ihnen beim Abendessen mit.
"Der Rat hat alle Informationen, die sie von mir bekommen haben, abgewogen und mir einen detaillierten Einsatzplan zugesandt. Wir können starten. Ich habe alle Ausrüstung, die ich brauche. Was soll jetzt mit Deinem Daisho(2) geschehen?"
"Ich würde mich freuen, wenn die Klingen geschärft und geschliffen würden, aber die Seele darf nicht angetastet werden."
"Was ist mit den Griffen?"
"Nun", zögerte Usagi. "Du kannst sie neu wickeln oder sie ganz austauschen", entschied er schliesslich.
"Tomoe?"
"Für mich gilt das Gleiche", lächelte sie.
"Ich werde das so weitergeben", versprach Pau. "Jetzt müssen wir nur noch eure restliche Ausrüstung zusammenstellen. Das machen wir morgen."
Am nächsten Morgen holte Pau sie im Park ab.
"Wie redest Du eigentlich mit den Robotern?" wollte Usagi wissen. "Mir ist aufgefallen, dass sie manchmal auf Befehle zu reagieren scheinen, ohne dass Du etwas sagst. Es ist fast so, als ob sie Deine Gedanken lesen würden."
"Nun, in gewisser Weise tun sie das auch. Ich lebe jetzt schon so lange mit Robotern zusammen, dass sie mich gut kennen. Ausserdem beobachtet uns die Station ja die ganze Zeit. So sind in der Regel nicht viele Worte notwendig. Aber ich kann auch auf anderem Weg mit der Station kommunizieren. Es ist nicht direkt Gedankenübertragung, aber kommt dem schon ziemlich nahe."
"Die Station beobachtet uns?" fragte Usagi, der sich unbehaglich umsah. Er konnte aber keine Augen oder etwas in der Art entdecken.
"Natürlich", antwortete Pau. "Dein Unbehagen kommt daher, dass ihr euch davor fürchtet, dass Wissen über euch in die falschen Hände geraten könnte, aber das kann nicht passieren. Die Überwachung dient ausschliesslich zu unserem Schutz. Die Station hört zwar, wenn ihr etwas redet, aber sie vergisst das sofort wieder, wenn es nicht für sie bestimmt ist. Die Roboter sind in diesem Sinne ein Teil der Station."
"Wenn wir also z.B. ohne Roboter unterwegs sind, dann können wir die Station bitten uns einen zu schicken, wenn wir uns verlaufen?"
"Ja. Oder euch von der Station selbst erklären lassen, wo ihr seid und wie ihr ans Ziel kommt. Ausserdem nimmt sie viele Sicherheitsfunktionen war. Es ist z.B. nicht möglich, sich selbst oder jemanden anders zu verletzen. Die Station greift etwa ein, wenn Du von einer Brücke fällst oder wenn Dich jemand angreift."
"Und was passiert dann?" wollte Tomoe neugierig wissen.
Pau blickte sie kurz an, packte sie und warf sie gegen die Wand. Tomoe schrie überrascht auf, wollte sich im Flug noch drehen, um den Sturz abzufangen, hatte aber keine Chance. Sie machte sich schon auf einen harten Aufprall mit dem Kopf gefasst, als sie spürte, wie sie langsamer wurde. Sanft wurde sie mit den Füssen auf dem Boden abgesetzt.
Paul blickte sie kurz an, packte sie am Fuss und warf sie Richtung Wand. Tomoe gab einen überraschten Schrei von sich und versuchte zu reagieren. Die Wand kam ihr entgegengeflogen, bis zum erwarteten Aufschlag mit ihrem Kopf kam es jedoch nicht mehr. Etwas fasste sie und setzte sie sanft auf dem Boden auf. Tomoe schaute Pau erschrocken an.
"Verzeihung", machte Pau trocken. "Eine ähnliche Technologie, wie die, welche taktilen Empfindungen im Trainingsraum erzeugt, kommt hier zum Einsatz. Sie verhindert, dass man von Brücken springen, über Geländer klettern oder in Wände laufen kann. Ausserdem wird jeder sofort festgehalten, der mit einer Waffe umherläuft."
Usagi war wie versteinert. Pau war wirklich unglaublich schnell. Den Angriff auf Tomoe hatte er kaum mitbekommen. Er riss sich los und ging zu ihr, um sie zu beruhigen. Es war seltsam. Pau war manchmal so unglaublich normal und dann wieder so unsagbar fremd. Vielleicht hatte Pau wirklich recht und er war tatsächlich noch nicht bereit sein Schüler zu sein.
Pau wartete geduldig, bis sie sich wieder erholt hatten. Dann gingen sie weiter. "Auf diese Weise ist die Privatsphäre geschützt und es kann trotzdem nicht zu Unfällen kommen."
Usagi überlegte. "Aber führt das nicht dazu, dass man immer weniger auf solche Dinge achtet?"
"Selbstverständlich. Niemand, der in dieser Umgebung aufgewachsen ist, hätte Angst verspürt, wenn er gegen eine Wand geworfen wird. In eurer Welt kann so etwas ins Auge gehen. Daher ist euer Aufenthalt hier auch zeitlich eng begrenzt. Wenn ihr zu lange hier bleiben würdet, wärt ihm am Ende unfähig in eurer Welt zu überleben. Für mich gelten ähnliche Überlegungen. Es dauert immer eine Weile, bis ich mich umgestellt habe und mich", Pau grinste, "nun, "normal" verhalte."
Er lächelte. "Aber das ist nicht schlimm. Am Ende werden wir alle über die kleinen Patzer viel zu lachen haben."
Sie kamen in einem grossen Raum an, wo viele Kisten in allen Grössen gestapelt waren. Pau stellte sich vor einige und berührte sie, worauf sie verschwanden. Als er fertig war, verkündete er: "Das war die Letzte. Wir können nun losziehen. Jetzt ist die letzte Gelegenheit, falls ihr etwas braucht."
Usagi blickte an sich herunter. "Nun, so kann ich kaum auf der Erde herumlaufen. Man würde sofort denken, ich hätte einen reichen Kaufmann überfallen."
"Was möchtest Du?"
"Nun, normalerweise trage ich eine schwarze Hakama(3) und einem blauen Kimono mit weissem Rand."
"Mit einem Wappen?"
Usagi überlegte einen Augenblick. "Nein", sagte er dann bestimmt. "Mein Dienst unter Fürst Mifuné ist nun ein Teil meiner Vergangenheit."
Ein Roboter nahm neue Kleidung aus einer Klappe in der Wand und brachte sie ihm.
Usagi betrachtete sie etwas unglücklich. "Es ist das, was ich wollte, aber so einen Stoff könnte ich mir nie leisten. Macht es etwas aus, mir Kleidung aus normalem Stoff anzufertigen?"
"Überhaupt nicht", lachte Pau und ein Roboter brachte das Gewünschte. Usagi sah dem wunderbaren Gewand doch etwas traurig nach, aber er rief sich zur Ordnung. Er hatte seinen Platz in der Welt und diese Kleidung war einem einfachen Samurai wie ihm nicht angemessen.
Pau blickte Tomoe an, die ihm genau beschrieb, was sie wollte. Der Roboter kam nach wenigen Augenblicken mit ihren neuen Kleidern zurück. Während sie dem wartenden Roboter ihre alten Kleider gab, fragte sie: "Du wusstest doch schon vorher was wir haben wollen. Warum hast Du gefragt?"
"Wie kommst Du darauf, dass ich es schon wusste?"
"Weil die Kleider schon bereit lagen. Sonst hätten die Roboter sie doch nicht so schnell bringen können", triumphierte sie.
"Hoppla, erwischt", lachte Pau und sagte etwas zu einem Roboter, aber zu leise, als dass Tomoe es verstanden hätte. Als sie umgezogen waren, liessen sie sich noch Schuhe geben und standen dann bereit, loszuziehen.
"Einen Moment noch", bat Pau und stellte sie nebeneinander vor ein paar Kisten. Der Roboter sagte: "Fertig." Verwirrt blickten die beiden Pau an. Dieser schmunzelte.
Der Roboter ging zur Klappe in der Wand und entnahm ihr etwas und brachte es Tomoe. Tomoe nahm es. Es war ein sauber zusammengefaltetes Tuch. Sie blickte Pau an. "Falte es auf", bat dieser.
Vorsichtig faltete Tomoe das Tuch auseinander. Zuerst konnte sie nicht erkennen, was es war, nur irgendein Muster, aber dann sah sie es. Es waren sie und Usagi, wie sie in ihren neuen Kleidern vor der Kiste standen. 'So in etwa muss der Roboter uns gesehen haben', dachte sie verblüfft.
Pau verneigte sich wie ein Künstler, der das Publikum mit einem Trick verblüfft hat und alle mussten lachen. Als sie sich wieder beruhigt hatten, erklärte Pau: "Alles, was wir verwenden, wird in dem Moment hergestellt, in dem wir es brauchen. Alles, was wir nicht mehr brauchen, wird wieder in seine Bestandteile zerlegt und daraus werden dann die Dinge gemacht, die wir morgen brauchen. Spart eine Menge Platz. Können wir?"
Die beiden nickten beeindruckt.
Geschichten
Es war wie beim Transmitter. Im einen Moment standen sie noch in dem Lagerraum und im nächsten etwas abseits eines Weges. Sie blickten sich um, aber weit und breit war niemand sonst zu sehen.
Usagi freute sich, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Das Leben in der Station war ohne Frage sehr angenehm, aber er merkte, dass es ihm doch zugesetzt hatte. Die fremde Umgebung und die ständigen Überraschungen waren ihm am Ende doch ziemlich auf die Nerven gegangen.
Pau hielt übergangslos eine lange, dünne Kiste in der Hand und reichte sie Usagi. Neugierig öffnete er sie und da war sein Daisho. Sorgfältig setze er sich und nahm das Katana(4) aus der gepolsterten Form. Der Griff war neu und die Hülle ebenso. Mit einer gekonnten Bewegung des Daumens lockerte er das Schwert und zog es langsam aus der Hülle. Die Halterung hatte eine angenehme Stärke und es glitt fast geräuschlos aus der neuen Scheide. Aufmerksam untersuchte er die Klinge. Alle Scharten und Kratzer waren entfernt und die Klinge glänzte wie neu. Er peilte an ihr entlang und stellt zufrieden fest, dass die Schneide vollkommen gerade war. Als er die Schärfe mit dem Daumen kontrollieren wollte, hielt Pau ihn zurück.
"Vorsicht", mahnte er, "die Klinge ist jetzt wirklich scharf. Nimm erstmal etwas, dass weniger wertvoll ist, als Dein Daumen."
Usagi wollte schon entgegnen, dass er auch ein bisschen Erfahrung im Umgang mit scharfen Gegenständen hatte, hielt sich dann aber doch zurück. Er entnahm der Kiste ein Blatt Papier, wie man es normalerweise zum Reinigen der Klinge verwendet und liess es über die Schneide gleiten. Das Schwert schnitt ohne jeden Widerstand durch das Papier. Usagi musste zugeben, dass das wirklich scharf war. Er konnte das Blatt Papier sogar flach auf die Klinge legen und zusehen, wie es in der Mitte auseinander brach.
"Die Oberfläche ist behandelt. Es wird ziemlich lange so scharf bleiben und Schmutz hält sich jetzt auch nicht mehr darauf. Es macht also z.B. nichts aus, wenn es jemand mit seinen Fingern anfasst. Besser gesagt, dem Schwert macht es nichts mehr aus. Der andere hat dann halt keine Finger mehr ...", lachte er.
"Du musst nur etwas vorsichtig sein, wenn Du mit anderen Leuten kämpfst. Es kann Dir jetzt passieren, dass Du durch ein anderes Schwert einfach hindurchschlägst. Die Kiste kannst Du mir zurückgeben, wenn Du willst."
Sorgfältig steckte Usagi das Katana in seine Scheide zurück und zog das Wakizashi(5). Auch dieses war gereinigt und geschärft worden. Er entnahm der Kiste die Reinigungsutensilien und schloss sie. Die beiden Schwerter steckte er in seinen Gürtel und gab die Kiste an Pau zurück, der sie verschwinden liess. Die Reinigungsutensilien steckte er ein.
Usagi ging ein Stück und nahm die Grundstellung sein. Mit einer fliessenden Bewegung zog er sein Schwert und begann einige Muster zu durchlaufen. Er spürte sofort, das vertraute Gewicht seiner Waffe und die perfekte Balance, die sie jetzt hatte. Sie war neu ausgewogen und schnitt in exakten Bögen durch die Luft. Er war zufrieden. Mit einer letzten Bewegung steckte er das Schwert ein und ging zu den anderen zurück.
"Vielen Dank", sagte er zu Pau. "für dieses wunderbare Geschenk."
"Es freut mich, dass es Dir gefällt", antwortete Pau.
Inzwischen hatte auf Tomoe die Inspektion ihrer Waffe abgeschlossen und gab ihre Kiste an Pau zurück. "Wo sind wir?" fragte sie. "Es sieht so ähnlich aus, wie die Gegend um die Burg Weissreiher meines Herrn Noriyuki."
"So ist es", bestätigte Pau. "Ich dachte, dass Du sicher gerne schnell zu Deinem Herrn zurückkehren willst. Er ist inzwischen auf Deine Männer getroffen und erwartet Deine Rückkehr. Ich werde mit Usagi beginnen, alles für meinen Eingriff vorzubereiten."
Tomoe war unglücklich über die Trennung, aber sie wusste, dass Usagi keine Ruhe finden würde, bis er die Aufgabe erfüllt hatte, die Pau ihm gestellt hatte. Sie sorgte sich, was passieren würde, wenn Usagi versagte.
Oder wenn er es schaffte.
"Werdet ihr meinem Herrn die Aufwartung machen?" hoffte sie.
Doch Pau schüttelte den Kopf: "Es ist noch nicht so weit. Aber ich werde hier warten, wenn Usagi ihn zu sehen wünscht." Er blickte Usagi an.
Usagi sah auch nicht sehr glücklich aus. Aber er wusste, dass ein Aufenthalt im Schloss von Noriyuki den Abschied nicht leichter machen würde. Er küsste Tomoe: "Ich liebe Dich. Sobald das hier vorbei ist, komme ich so schnell ich kann zu Dir zurück", versprach er.
"Pass gut auf Dich auf Usagi", antwortete Tomoe. "Und Du auch, Pau. Ich will euch beide unversehrt wiedersehen!"
"Keine Sorge", lächelte Pau, "ich werde zu verhindern wissen, dass er sich der Heirat mit Dir durch Tod, Krankheit oder andere Ausreden entziehen wird."
Tomoe küsste Usagi ein letztes Mal, drehte sich dann mit einem Ruck um und ging in Richtung Burg davon. Usagi sah ihr nach, bis sie nicht mehr zu sehen war, aber sie drehte sich nicht mehr um. Pau wartete geduldig, bis er soweit war.
Und wieder wechselte die Landschaft. Sie waren in einem engen Tal, an das Usagi sich sehr gut erinnerte. Hier hatte er als kleiner Junge immer Wasser für seinen Meister Katsuichi geholt. Usagi sah Pau fragend an, aber dieser setzte sich wortlos auf einen Stein und genoss die Ruhe. Nur das Murmeln des Baches war zu hören.
Usagi blickte zur Sonne auf. Sie stand schon ziemlich weit oben am Himmel, obwohl sie am Morgen aufgebrochen waren. "Müsste die Sonne nicht viel weiter unten stehen?"
Pau schüttelte den Kopf. "Wir sind erst spät am Nachmittag aufgebrochen."
"Wie das? Wir sind doch gerade erst aufgestanden?"
Pau zuckte die Schultern. "Der Tag-und-Nacht-Rhythmus von euch Menschen hängt stark von der Sonne ab, aber er ist nicht exakt. Wenn ihr euch selbst überlassen seid und euer Rhythmus nicht durch den Sonnenaufgang korrigiert wird, dann bleibt ihr länger wach", erklärte er. "Und jeden Tag verschiebt sich das Ganze mehr. Wir hätten noch zwei Wochen länger in der Station bleiben können, dann hätten die beiden Rhythmen wieder übereingestimmt, aber" lachte er, "bis dahin wärt ihr völlig verweichlicht."
Usagi wollte schon fragen, was sie hier tun, da rief eine Stimme den Berg herunter: "Eoo!"
Ein Stück den Weg hinauf, den Usagi jeden Tag gegangen war, stand ein kleiner Junge mit einem Eimer. 'So muss ich ausgesehen haben', durchzuckte es ihn. Der Junge winkte und Usagi winkte zurück.
Kurze Zeit später war er unten angekommen. "Hallo", sagte er, "ich bin Waytiki, ein Schüler von Meister Katsuichi. Und wer seid ihr?"
"Ich bin Usagi Miyamoto, ein ehemaliger Schüler Deines Meisters. Und das hier ist Pau Tai ... ein Freund" schloss Usagi nach kurzem Zögern. Pau nickte dem Jungen freundlich zu, schwieg aber sonst.
"Usagi-san!" rief der Junge begeistert. "Mein Meister hat mir schon so viel von euch erzählt!"
'Oh je', dachte Usagi. "Tatsächlich?" sagte er laut.
Der Junge schaute sich verschwörerisch um. "Er muss unheimlich stolz auf euch sein! Wir sollen uns ein Vorbild an Dir nehmen, sagt er immer. Aber nicht sagen, dass ich euch das gesagt habe", bat er.
Usagi konnte sich noch lebhaft daran erinnern, was ihm immer passiert war. Dass sein Meister immer Narr zu ihm gesagt hatte, war noch das Harmloseste gewesen. Die ständigen Schläge auf den Kopf, wenn er wieder nicht aufmerksam gewesen war, hatten ihre Wirkung auch nicht verfehlt. Er wunderte sich nur, dass der Meister den Jungen noch so spät zum Wasserholen geschickt hatte. Er hatte immer nur morgens gehen müssen. Und natürlich, wenn sein Meister ihn überrascht und er den Eimer verschüttet hatte.
"Wie geht es ihm?" fragte er höflich.
Der Junge verzog das Gesicht. "Nicht sehr gut", gestand er. "Er ist sehr alt. Die anderen sagen mir nichts, aber ich glaube nicht, dass er noch lange zu leben hat", meinte er etwas traurig.
Usagi sah Pau erschrocken an, während der Junge seinen Eimer füllte, aber dieser reagierte nicht.
"Soll ich Dir tragen helfen?" fragte Usagi, als sie sich auf den Aufstieg machten.
Der Junge überlegte. "Nein danke", antwortete er dann. "Mein Meister hat mich gebeten, das Wasser zu holen und irgendwie weiss er immer, wenn ich ihn beschummle."
Daran konnte Usagi sich auch noch lebhaft erinnern. Inzwischen wusste er, mit welchen Tricks der Meister ihn geführt hatte, aber als Kind war er immer baff erstaunt gewesen, wie der Meister immer herausfand, wenn er sich um irgendetwas zu drücken versucht hatte. Noch immer empfand er diesen Nimbus der Überlegenheit. Der Junge gefiel Usagi. Er erinnerte ihn so stark an sich selbst. Besorgt fragte er sich, ob es Meister Katsuichi wirklich so schlecht ging und was aus seinen Schülern werden würde, wenn er starb.
Auf dem Weg nach oben musste er alle Fragen des Jungen beantworten. Ob er auch jeden Tag mit dem Eimer zum Fluss hinabgestiegen war. Ob der Meister ihn auch immer als Narr tituliert hatte. Ob er damals auch so streng gewesen war. Warum er Usagi als Schüler akzeptiert hatte, nachdem er doch schon so lange einsam und zurückgezogen gelebt hatte. Was er schon für tolle Abenteuer erlebt hatte. Als sie oben ankamen, war Usagi vom vielen Reden mehr erschöpft, als der Junge, der den ganzen Weg den Eimer geschleppt hatte.
Oben wurden sie von Shunji erwartet. "Usagi!" rief er aus und lief auf sie zu.
"Shunji!" begrüsste Usagi den Schüler von Katsuichi herzlich. "Wie geht es ihm?"
Mit einem Blick auf Waytiki antwortete Shunji vorsichtig: "Nicht gut."
"Kann ich mit ihm sprechen?" fragte Usagi besorgt.
"Natürlich. Kommt." Shunji führte sie zu der kleinen Hütte, in der der Meister lebte.
Katsuichi lag still auf seinem Lager. Usagi erschrak, als er ihn sah. Er war wirklich alt. Als Pau die Hütte betrat, drehte Katsuichi den Kopf und sah ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. Dann bemerkte er Usagi. "Usagi", sprach er mit schwacher Stimme. "Ich freue mich Dich zu sehen."
Usagi ging auf die Knie und verbeugte sich vor seinem ehemaligen Meister. "Ich freue mich auch", antwortete er.
"Was führt euch zu mir?" wollte Katsuichi wissen.
Usagi blickte Pau an, der desinteressiert aus dem Fenster blickte. Katsuichi entging der Blick nicht. "Ihr seid ein Priester, nicht war?" fragte er Pau.
Pau drehte den Kopf und blickte ihn ausdruckslos an ohne etwas zu sagen. "Seid ihr gekommen, um meine Totenfeier zu halten?" fügte der Meister hinzu.
"Sensei!" rief Waytiki.
"Eigentlich ...", begann Usagi.
Pau schüttelte den Kopf. "Ich bin ein Priester der Göttin Ookaa'h. Wir glauben, dass der Tod ein Teil des Lebens ist und nichts, was einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf."
Usagi fragte sich verblüfft, woher Katsuichi gewusst hatte, dass Pau ein Priester war.
"Mein Name ist Pau Tai", stellte Pau sich vor. "Ich begleite Usagi ein kleines Stück auf seinem Weg."
"Versteht ihr etwas von Heilkunde?" wollte Shunji wissen.
"Wenn das gewünscht wird", kam die orakelhafte Antwort.
Katsuichi sah Pau seltsam an. Dann sagte er: "Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mir helfen könntet. Es gibt da noch etwas, dass ich regeln muss."
Pau verneigte sich: "Wie ihr wünscht. Lasst uns allein."
Usagi ertappte sich dabei, dass er schon auf halben Weg zur Tür war, bevor er sich darüber klar wurde, was er da tat. Auf einmal strahlte Pau eine enorme Autorität aus. Er überlegte, ob er sich dagegen auflehnen sollte, aber entschied sich dagegen. Er ging mit den anderen nach draussen und sie sahen sich den Sonnenuntergang an. Aus der Hütte drang leises Gemurmel. Dann geschah ... etwas. Usagis Nackenhaare stellten sich auf. Zu Sehen war nichts, aber die anderen spürten es auch. Danach kam ihr Gespräch nicht mehr richtig in Gang.
Nachdem die anderen gegangen waren, kniete Pau neben Katsuichi nieder und nahm seine Hand. Er dreht die Handinnenfläche nach oben, legte die Hand in seine und zwei Finger der anderen Hand auf den Puls. Schweigend fühlte er. "Drei Tage", sagte er nach einer Weile und Katsuichi nickte bestimmt. Nacheinander legte Pau seine Hände auf die Chakren und tat, was er konnte.
Als Pau die Hütte verliess, standen die anderen auf und sahen ihn besorgt an. "Er schläft. Macht nicht so viel Lärm, wenn ihn nachher schlafen geht", wich er aus.
Die anderen drangen in ihn, wie der Zustand von Katsuichi war, aber Pau antwortete nicht. Schweigend setzte er sich unter einen Baum und blickte in den klaren Abendhimmel.
"Wer ist er?" fragte Shunji schliesslich Usagi.
Usagi wusste erstmal gar nicht, was er darauf antworten sollte. "Er hat mein Leben gerettet. Mehrmals", sagte er schliesslich zögernd.
Shunji blickte Usagi fragend an. Usagi gab schliesslich entnervt auf: "Was soll ich ihm antworten? Was soll ich sagen?" rief er Pau schliesslich zu.
Pau drehte den Kopf ein wenig, sah Usagi an und antwortete langsam: "Was immer Du für richtig hältst."
'Sehr hilfreich. Vielen Dank', dachte Usagi. "Die ganze Geschichte ist nicht so einfach. Ich habe in den letzten paar Wochen Dinge gesehen, die ich selbst kaum verstanden habe, geschweige denn, dass ich sie erklären könnte."
Er seufzte. "Die Taja-Ninjas hatten mich gefangen und ... zwangen mich, bei ihrer Ausbildung mitzumachen."
"Sie haben euch als Ninja ausgebildet?" fragte Waytiki überrascht.
"Äh, nein. Ninjas wurden an mir ausgebildet. Ich war nur der Sandsack", antwortete Usagi verdriesslich.
"Uns warum bist Du nicht geflohen?" bohrte Waytiki weiter.
"Sie haben mich nachts gefesselt und selbst dann nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen."
"Und er hat euch herausgeholt?" kam es von Shunji.
Usagi nickte. "Er hat mich befreit und die ganze Burg eingeebnet. Einen 200 Meter langen Felsüberhang darauf fallen lassen. Einfach so." Er legte seine flache Hand auf den Boden.
"Es hat wahrscheinlich einen ganzen Tag gedauert, bis sich der Staub gelegt hatte."
Shunji und Waytiki blickten Usagi entgeistert an. "Er hat einen 200 Meter langen Felsüberhang abgebrochen?" fragte Shunji schliesslich schwach. "Einfach so?"
Usagi verzog das Gesicht säuerlich. "Einfach nur die Hand auf den Boden gelegt und der Überhang brach ab."
"Wie hat er das gemacht? Und was ist aus den Ninjas geworden?"
Usagi zuckte mit den Schultern. "Das war noch seltsamer. Er kam mit einem Ninja in die Burg. Ein paar Minuten später taten alle, was er sagte. Ich habe nicht mitbekommen, was er tat."
"Und was hat der mit ihnen gemacht? Sind sie mit ihrer Burg untergegangen?"
"Nein. Er hat etwas anderes mit ihnen gemacht, aber das habe ich nicht richtig verstanden. Auf jeden Fall laufen sie nicht umher."
"Du hast es aber nicht gesehen, oder?"
Usagi schüttelte den Kopf.
Shunji blickte mit zusammengekniffenen Augen zu Pau. "Dann könnte es doch sein, dass er lügt, oder?"
Usagi lachte humorlos auf. "Nein. Ja, es könnte sein. Aber er hätte das nicht nötig, ich glaube es auch nicht und selbst wenn, könnte niemand von uns etwas tun. Seine Macht geht weit über alles hinaus, was wir uns vorstellen können."
"Ich habe andere Priester gesehen, aber Pau scheint von seinem Gott direkt mit Macht versorgt zu werden. Andere Priester beten, aber er kann schier unmögliche Dinge tun. Fällt Dir an mir etwas auf?"
Shunji betrachtete ihn genau. "Nun, mir ist aufgefallen, dass Du irgendwie ruhiger und entspannter bist. Früher warst Du so steif und irgendwie angespannt. Jetzt bist Du viel lockerer."
Usagi nickte. "Die Ninjas hatten mir die Zunge herausgeschnitten, damit ich mich nicht selbst töten konnte. Bei den Kämpfen habe ich mir den Arm und zwei Finger gebrochen. Ich hatte ein Auge verloren. Und einige Zähne. Ein Ohr wurde mir abgeschnitten. Sie sind nicht sanft mit mir umgegangen", schloss er leise.
"Er hat das geheilt? Eine Zunge und Zähne nachwachsen lassen? Und ein Auge?"
Usagi nickte nachdenklich. "Er hat auch die Wunden meiner Seele geheilt. Darum bin ich jetzt viel mehr ich selbst, als ich es jemals war."
Shunji und Waytiki schwiegen beeindruckt. "Wird er dem Meister helfen?" fragte Waytiki schliesslich hoffnungsvoll.
"Nein", kam es ruhig von Pau. Sie blickten ihn an. "Katsuichi ist am Ende seines Weges angekommen. Ich werde eure Wünsche nicht über die seinen stellen."
"Aber ...", verzweifelte Waytiki, aber Usagi hielt ihn zurück. "Meister. Er kann doch nicht einfach so sterben", weinte er.
"Nicht heute. Aber bald." Dann schwieg Pau wieder.
Pau blieb die ganze Nacht unter dem Baum sitzen. Die beiden Schüler gingen leise in die Hütte und schliefen dort. Usagi legte sich unter das Vordach. Als der Morgen anbrach, hatte Pau sich immer noch nicht bewegt.
"Meister!" kam es laut jauchzend aus der Hütte.
"Guten Morgen Waytiki. Shunji", erklang die Stimme von Katsuichi.
"Usagi-san", begrüsste Katsuichi Usagi, als er aus der Hütte in den Sonnenaufgang trat.
"Meister Katsuichi!" rief Usagi und verbeugte sich. "Ich freue mich, dass es euch wieder besser geht."
"Sass er die ganze Nacht da?" erkundigte sich Katsuichi.
Usagi blickte zu Pau hinüber. "Ja", nickte er.
Sie gingen zu Pau hinüber. Als sie näher kamen, blickte Pau auf und erhob sich dann. "Meister Katsuichi", verbeugte er sich leicht.
"Bruder Pau", erwiderte Katsuichi den Gruss. "Ich danke euch. Ihr habt mir die Möglichkeit gegeben, meine Angelegenheiten zu regeln."
"Ich bin noch nie jemandem wie euch begegnet", fuhr der Meister fort. "Sind alle Priester von Ookaa'h so wie ihr?"
Pau nickte schlicht.
"Ihr seid wegen Usagi hier", stellte Katsuichi fest.
Pau sah Katsuichi nachdenklich an. "Meine Göttin hat meine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Nun gehe ich ein Stück des Weges mit ihm."
"Usagi sagt, er hat einen ganzen Berg eingeebnet", krähte Waytiki.
Katsuichi sah in keinster Weise überrascht aus und auch Pau gab keinen Kommentar ab.
"Nun, da ihr ein Freund von Usagi seid, seid willkommen", sagte er stattdessen. "Werdet ihr länger bleiben?"
Pau blickte Usagi an. "Bis er aufbricht."
Katsuichi wandte sich an seine beiden Schüler. "Nun, die Sonne steht am Himmel, aber ihr trödelt immer noch herum."
"Bin schon weg", rief Waytiki, griff sich den Eimer und machte sich an den langen Abstieg, um Wasser zu holen.
"Verzeiht Meister, aber die Sorge um euch liess mir keine Ruhe", entschuldigte sich Shunji.
"Narr. Die Sorge wird Dir nichts nützen, wenn Du nicht in der Lage bist, Dein Schwert zu gebrauchen. Ich konnte mich zwar in den letzten Tagen nicht von meinem Lager erheben, aber ich konnte sehr wohl hören, wie unbeholfen Du herumgestolpert bist", wies Katsuichi ihn zurecht.
"Ja, Meister", sprach Shunji und holte den Bokken, um seine Übungen zu beginnen. Pau hatte sich wieder unter den Baum gesetzt und hypnotisierte den Horizont.
Katsuichi setzte sich neben ihn und Usagi folgte seiner Einladung. "Wie ist es euch ergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?" erkundigte sich der Meister bei Usagi.
Usagi überlegte einen Moment. "Fürst Hikiji hat seine Macht weiter ausgebaut. Ich befürchte, dass er bald soweit ist, dass er den Shogun stürzen kann. Die einzige Frage, die sich alle stellen ist, ob er damit wartet, bis er die Macht problemlos an sich reissen kann oder ob er Tausende in einer Schlacht opfern wird."
"Ihr dürft nie vergessen, dass Hikiji ein meisterhafter Stratege und Feldherr ist", sagte Katsuichi. "Er wird so lange mit dem Angriff warten, bis er sich seiner Sache sicher ist, aber keinen Augenblick länger. Auch wenn er euer Feind ist, so ist er doch Brilliant."
Usagi wollte das so nicht akzeptieren. "Er tötet ohne Gnade und kennt nur seine Gier nach Macht. Wenn das Land an ihn fällt, dann werden wir eine Zeit der Angst und der Dunkelheit erleben."
"Vielleicht. Aber das Land wird es überstehen."
"Es sind nicht die Felder, um die ich mich sorge. Es sind die Leute, die auf ihnen leben."
"Eure Sorge ehrt euch, aber sie darf euch nicht blind machen. Hütet euch davor Hikiji zu hassen, denn am Ende werdet ihr selbst darunter leiden."
Katsuichi hob einen Stein auf und reichte ihn Pau. "Würdet ihr diesen Stein bitte für mich zerbrechen?" bat er.
Pau nahm den Stein in die flache Hand und berührte ihn mit einem Finger der anderen Hand. Sofort verlor der Stein seine Form und rieselte als Sand zwischen seinen Fingern hindurch. Er streute den Rest auf den Boden und klopfte sich die Hände dann sauber. Shunji blickte entsetzt auf das kleine Häufchen Sand, das vom Stein übrig geblieben war und Usagi fragte sich, woher sein Meister gewusst hatte, dass Pau so etwas kann. Und warum Pau es getan hatte.
"Wisst ihr, was Pau ausmacht?"
Usagi konnte sich einiges vorstellen, aber wahrscheinlich wollte sein Meister auf etwas anderes hinaus. So blickte er ihn nur fragend an.
"Er kann das, tut es aber nur, wenn er will. Ich bin sicher, dass es nicht möglich ist, Pau dazu zu zwingen, so etwas zu tun. Egal, was ihr auch versucht, er wird sich nicht zwingen lassen. Ihr aber seid immer noch nicht gelassen genug. Ich vermute, dass er begonnen hat euch zu heilen, aber ihr müsst diesen Weg weitergehen. Sonst bleibt ihr immer angreifbar. Und Shunji, wie ich sehe, seid ihr bereits fertig?"
"Äh, nein", stotterte Shunji und setzte seine Übungen nervös fort.
Katsuichi seufzte. "Shunji, ihr müsst an eurer Konzentration arbeiten. Wenn ihr euch so leicht ablenken lasst, werdet ihr nicht lange leben."
Pau stand auf. "Waytiki wird bald wieder hier sein. Ich werde etwas Gemüse aus dem Garten fürs Frühstück holen."
Katsuichi nickte und Pau ging zum kleinen Feld. Der Meister blickte ihm nach. "Er ist wirklich etwas Besonderes. Seine Ausstrahlung ist sehr ungewöhnlich. Sie müsste viel stärker sein, ist aber kaum so stark wie die von Shunji. Selbst Waytiki hat eine stärkere Präsenz."
"Woher wusstet ihr, dass er ein Priester ist?" wollte Usagi wissen.
Katsuichi blickte ihn erstaunt an. "Ihr wusstet es nicht?"
"Nein", gestand Usagi, "erst als er es sagte."
Katsuichi überlegte einen Augenblick. "Er ist unbewaffnet und seine seltsame Ausstrahlung hat mir verraten, dass er sehr stark an sich und seinem Geist gearbeitet hat. Das machen normalerweise nur Priester. Ihr alle wart sehr aufgeregt und ein bisschen nervös, aber er war die Ruhe selbst."
"Da er selbst eine Waffe ist, kann er wohl darauf verzichten eine umherzutragen", meinte Usagi ein wenig unbehaglich.
"Hat er wirklich einen Berg eingeebnet?"
Usagi zögerte mit der Antwort. "Nicht ganz einen Berg. Er hat einen 200 Meter langen Felsüberhang ... abgebrochen."
"Erstaunlich", bemerkte Katsuichi. "Warum er das wohl getan hat?"
Usagi nickte. Das hatte er sich auch schon gefragt. Da kam Pau auch schon zurück. Er hatte einige Rüben dabei und ging in die Hütte, um einige Teller zu holen. Dann begann er das Gemüse zu putzen. Geschickt entfernte er die Erde und die Schale mit einem Messer.
"Verzeiht", fragte Shunji demütig. "Aber wäre es nicht einfacher, den Dreck mit Magie zu entfernen?"
Pau blickte ihn freundlich an. "Was ist einfacher? Am einfachsten wäre für mich, Dich zu bitten das Gemüse zu schälen. Oder ich könnte Magie einsetzen, aber dazu müsste ich meine ganze Konzentration einsetzen. So sind meine Hände beschäftigt und meine Gedanken sind frei. Ist das einfacher?"
Shunji dachte einen Moment darüber nach, dann bedankte er sich und setzte seine Übungen fort. Er konnte es nicht sehen, aber in diesem Moment war Stolz im Blick von Katsuichi.
Als Pau fertig war, kam Waytiki oben an. Er musste den ganzen Weg gerannt sein, damit er so schnell wieder da war. Pau nahm ihm den Eimer ab und leerte ihn aus. Waytiki öffnete den Mund, um zu protestieren und starrte dann verblüfft auf die Kugel aus Wasser, die sich gebildet hatte.
Dann hielt Pau den Eimer mit konzentriertem Gesichtsausdruck vor sich. Plötzlich war das Plätschern eines Flusses zu hören und vor Paus Füssen rauschte ein kleiner Bach vorbei. Allen Naturgesetzen zum Trotz schwebte der Bach in der Luft, Usagi konnte von seiner Position aus unter dem Bach durchsehen. Pau wusch seine Hände darin und tauchte den Eimer mehrmals in den Fluss. Er goss das Wasser zu der Kugel dazu, bis sie schliesslich eine ansehnliche Grösse erreicht hatte. Dann verschwand der Bach und Pau gab den Eimer mit einem Dank an Waytiki zurück, der mit offenem Mund da stand.
Während die anderen das eben Geschehene noch verdauten, spaltete Pau eine kleine Wasserkugel ab, wusch das Gemüse darin und schnitt es dann in kleinere Portionen. Dann ging er ins Haus und kam mit einem grossen Tablett zurück, auf dem sich frische Brötchen, Butter, das Gemüse, Käse und etwas Obst befanden.
Katsuichi und Usagi lachten, bedankten sich höflich und setzten sich, um zu frühstücken. Die anderen brauchten einen Augenblick länger, aber der Duft von frisch gebackenen Brötchen liess ihre Erstarrung schnell verschwinden.
Der Tag verging wie im Flug. Pau und Katsuichi unterwiesen die beiden Schüler und Usagi musste Katsuichi genau erzählen, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen war. Pau organisierte das Essen. Am Abend musste Katsuichi zugeben, dass das Leben als Einsiedler doch von der kulinarischen Seite zu wünschen übrig liess.
Am Abend liessen Waytiki und Shunji nicht locker, bis Pau Geschichten aus seinem Leben zum Besten gab. Pau erzählte, wie er einen seiner besten Schüler, Käl kennen gelernt hatte. Käl war damals schon ein mächtiger Krieger gewesen und er hatte nie akzeptiert, dass Pau besser war als er. Und so hatte er nichts unversucht gelassen, um Pau zu besiegen. Es war urkomisch zuzuhören, wie sie sich gestritten hatten, wenn sie überfallen worden waren, wer denn jetzt zuletzt wie viele Angriffe abgewehrt hatte. Wie die Räuber sie angriffen hatten und nichts ausrichten konnten, obwohl sie in der Überzahl und Pau und Käl eigentlich mit was anderem beschäftigt waren. "... Also habe ich natürlich protestiert. "Diesen ungeschickten Dieb kannst Du ja nun wirklich nicht zählen. Es war nicht so, dass ich ihm die Finger gebrochen habe, sondern er hat sie sich selbst bei dem Versuch gebrochen, sie aus meiner Geldbörse zu ziehen, weil ich danach gegriffen habe!""
""Tatsächlich", erwiderte Käl. "Nun, in diesem Fall können wir auch den Räuber nicht zählen, der vor meinem Brüllen geflohen ist!". "Brüllen?" lachte ich, "mit Deinem Mundgeruch kann man Pflanzen zum Verwelken bringen!" "WAS?" tobte er, "das werde ich nicht auf mir sitzen lassen." Und dann hat er sich einen Räuber geschnappt und ihn angehaucht. Käl hat ein grosses, beeindruckendes Raubtiergebiss. Auf jeden Fall fiel der Räuber sofort in Ohnmacht, als Käl sein Maul vor ihm aufriss. "Siehst Du!" rief ich "Hab ich's Dir nicht gesagt!". Und so ging das eine ganze Weile."
"Die Räuber haben immer mal wieder Pfeile auf uns abgeschossen, aber am Ende mussten sie frustriert und unverrichteter Dinge wieder abziehen. Tja und dann ging es natürlich erst richtig los. Wir haben uns die ganze Nacht darüber gestritten, wer denn das beste Schauermärchen erzählt hatte, um die Räuber zu verunsichern", lachte Pau.
"Und da wir uns partout nicht einigen konnten, beschlossen wir am nächsten Tag die Räuber aufzusuchen und sie entscheiden zu lassen. Also haben wir den ganzen Wald auf den Kopf gestellt, bis wir sie gefunden hatten. Sie haben sich natürlich gewehrt. Ihr könnt euch ihre dummen Gesichter vorstellen, als wie sie endlich zusammengetrieben hatten und dann von ihnen wissen wollten, wer von uns denn nun der Schrecklichere sei! Natürlich konnten sie sich nicht entscheiden, weil sie Angst hatten, dass der Verlierer etwas Entsetzliches mit ihnen machen würde. Am Ende flehten sie uns an, sie entweder zu töten oder der Polizei zu übergeben!"
"Das wollten wir natürlich wieder nicht. So ein Aufstand, die ganze Meute durch den Wald zu schleppen. Also haben wir abgelehnt und gesagt, dass wir sie am Leben lassen würden, wenn sie sich freiwillig stellen würden." Pau trank einen Schluck.
"Als wir ein paar Jahre später wieder in der Gegend vorbeikamen, erzählten sich die Leute immer noch Geschichten über den seltsamen Wald, der aus furchtbaren Räubern gesetzestreue Bürger gemacht hat!"
Waytiki und Shunji kullerten sich vor Lachen und Usagi japste nur, dass er endlich aufhören sollte, er könne einfach nicht mehr. Sie wischten sich die Lachtränen aus den Augen. Pau meinte nur süffisant: "Naja, das war ganz nett, aber morgen erzähle ich euch etwas wirklich Lustiges!"
"Oh, bitte nicht!" jammerten alle ohne richtige Überzeugungskraft und dann gingen sie schlafen. Noch eine Weile konnte man immer mal wieder jemand kichern hören.
Am nächsten Morgen ging es Katsuichi wieder etwas schlechter. Er setzte sich unter das Vordach und unterwies seine Schüler. Pau lockerte den Tag mit kleinen Tricks auf, mit denen er alle immer wieder verblüffte.
Am Abend nach dem Essen nahm Katsuichi ihn beiseite. Ausser Hörweite der anderen unterhielten sie sich.
"Ich habe mein Ende schon lange vorhergesehen. Daher sandte ich vor ein paar Monaten nach Meister Teroschi. Er sollte meine Schüler übernehmen und mein Werk vollenden. Aber bis heute habe ich keine Nachricht von ihm."
Pau blickte ihn ausdruckslos an. "Teroschi wird nicht kommen."
"Dann muss er tot sein." Pau nickte.
"Und er ist noch nicht soweit." Pau blieb stumm, aber Katsuichi war sich sicher, dass Pau wusste, wer gemeint war.
"Ich bin sicher, dass eure Mission hier von grösserer Bedeutung ist, als ich oder sonst jemand sich das vorstellen kann. Aber auch meine Verantwortung gegenüber meinen Schülern wiegt schwer. Daher muss ich fragen: Wärt ihr bereit, meine Schüler zu übernehmen?" fragte Katsuichi ernst.
Und Pau antwortete: "Bis ich einen geeigneten Meister für sie gefunden habe."
Katsuichi entspannte sich sichtlich. "Ich danke euch. Jetzt kann ich in Frieden sterben."
"Morgen."
"Morgen", bestätigte Katsuichi.
Am nächsten Tag ging es Katsuichi blendend. Mit einer lange vermissten Ruhe leitete er seine Schüler in Kalligrafie an. Am Abend rief er sie und Pau zu sich. Usagi stand etwas abseits und sah zu. "Nichts auf dieser Welt währt ewig und selbst die Himmel verändern sich. Dies war mein letzter Tag auf dieser Welt und ich bedauere nichts", begann Meister Katsuichi.
Er fuhr fort: "Gestern sprach ich mit Pau Tai und er konnte mir sagen, dass Meister Teroschi bereits nicht mehr unter uns weilt und ihr morgen ohne Meister sein werdet. Glücklicherweise ist er bereit, für euch die Verantwortung zu übernehmen, bis er einen Meister gefunden hat, der euer würdig ist." Pau gelobte es feierlich.
"Ich danke euch, Pau Tai."
Waytiki hatte Tränen in den Augen und Katsuichi umarmte ihn. "Waytiki Mato, ich möchte, dass ihr wisst, dass ich stolz bin, euer Meister gewesen zu sein, wenn auch nur für so kurze Zeit. Weint nicht, denn ich hatte ein erfülltes, befriedigendes Leben und so wird mein Tod leicht sein."
"Shunji, bald wird der Zeitpunkt kommen, wo ihr euch werdet entscheiden müssen. Wenn es soweit ist, dann müsst ihr selbst entscheiden und euch nicht von der Vergangenheit leiten lassen."
"Usagi." Katsuichi schwieg einen Moment. "Ihr seid mein grösster Schüler. Keiner vor euch und keiner nach euch kam euch gleich oder auch nur nahe. Ich sehe in euch das Potential, Grosses zu erreichen, aber wie bei Shunji wird ein Zeitpunkt kommen, wo ihr euch werdet entscheiden müssen. Auch wenn beide Wege gangbar erscheinen, so wählt doch mit Bedacht, denn einer wird euch mehr kosten, als ihr euch jemals vorstellen könnt."
"Pau Tai. Es war mir eine grosse Ehre euch kennen zu lernen und ich danke euch für alles, was ihr für mich und meine Schüler getan habt und noch tun werdet. Für eure Mission wünsche ich euch Glück und Erfolg." Katsuichi verbeugte sich tief.
"Meister Katsuichi", verbeugte sich Pau leicht.
Katsuichi richtete sich wieder auf und ging alleine in die Hütte, um zu sterben. Die anderen sassen draussen in der Nacht und hingen ihren Gedanken nach. Pau hielt Waytiki in den Armen und tröstete ihn. Dann irgendwann tat Katsuichi seinen letzten Atemzug und es war vorbei.
