Der zweite Teil der Geschichte
Prolog
Jei in seinem alten Körper, mit Grasscutter in der Hand
Quelle: FIXME Can't find reference "uy-book12", Seite 198
Neue Figuren in dieser Geschichte: Magistrat Kenichi, seine Frau Mariko und ihr Sohn Jotaro. Ausserdem gibt es einen kurzen Gastauftritt von Jei, dem Gesandten der Götter (Jei sucht alle bösen Leute und tötet sie im Namen der Götter). Bisher hat Usagi ihn erst dreimal umgebracht (d.h. auf ein Häufchen Asche reduziert), aber Jei steckt so etwas locker weg.
Trauer
Am nächsten Morgen begruben sie Katsuichi. Die Stimmung war gedrückt. Usagi wusste, dass Pau keinen Ritus für die Toten durchführen würde, aber es fiel ihm einfach nichts ein, was er hätte sagen können. Pau beobachtete sie ruhig und wartete ab. Schliesslich ging Usagi zu ihm.
"Ich bin nicht gut mit Worten", entschuldigte er sich. "würdet ihr bitte etwas sagen, um ..."
"Natürlich", stimmte Pau zu, erhob sich und ging zum Grab.
"Bitte setzt euch", bat er. Etwas unbehaglich setzten sie sich um das Grab herum ins Gras. Usagi fiel auf, dass sie gestern Abend genauso um das Feuer gesessen hatten. 'Als wäre Katsuichi immer noch da.'
"Ein Fluss", begann Pau mit ruhiger Stimme, "entspringt einer Quelle. Mit der Zeit wandert er durch diese Welt, wird grösser, trifft auf andere Flüsse und bietet den Lebewesen und Pflanzen an seiner Seite Leben. Manchmal hält er in einem See inne, um dann als mächtiger Strom oder als kleines Rinnsal seinen Weg fortzusetzen. Manchmal versickert er spurlos, manchmal ergiesst er sich als wunderschöner Wasserfall. Am Ende steht immer das Meer. Die Essenz des Flusses ergiesst sich in ein riesiges, unüberschaubares Meer aus Wasser. Und obwohl wir nicht mehr in der Lage wären zu sagen, wo sich das Wasser des Flusses genau befindet, so wissen wir doch, dass es irgendwo im Meer sein muss. Ununterscheidbar vom Ganzen und doch vorhanden."
"Katsuichi ist jetzt irgendwo, wo wir ihn nicht mehr sehen können. Aber so, wie wir das Wasser des Flusses nicht mehr sehen können, der sich im Meer aufgelöst hat, so ist er dennoch, unzweifelhaft noch da, denn wir erinnern uns an ihn. Etwas von seinem Leben ist in uns, und wird uns begleiten, untrennbar mit uns verbunden. Und so, wie das Wasser im Meer verdunstet und als Regen zurückkehrt, so ist auch Katsuichi ein Teil des ewigen Kreislaufs des Lebens. Und wenn es regnet, dann werden wir wissen, dass da irgendwo, unsichtbar, ein Teil von euch ist, der zurückkehrt. Und so richtet sich unser grösstes Bedauern darauf, dass ihr uns nicht mehr antworten könnt, wenn wir euch ansprechen. Doch wir respektieren euren Wunsch nach Ruhe, so wie ihr unseren Wunsch nach Wissen respektiert habt. Wir werden den Teil von uns, der ihr seid, in Ehren halten. Euer Wissen, das ihr uns geschenkt habt, mit denen teilen, die weniger haben als wir. Wir danken euch für alles, was ihr uns gegeben habt."
Pau schwieg einen Moment. "Ich danke euch, Meister Katsuichi." Dann erhob er sich und setzte sich wieder unter seinen Baum.
Und Usagi dachte daran, wie Katsuichi ihn angenommen hatte. Wie hart die Ausbildung gewesen war. Dass er danach in der Lage gewesen war, seinen eigenen Weg zu gehen. Dafür dankte er seinem Meister. "Ich danke euch, Meister Katsuichi", sagte er schlicht und er spürte, wie die Trauer einer grossen Ruhe wich. Er erhob sich und setzte sich zu Pau. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Sonne sich erhob und den Tag mit neuem Leben füllte.
Shunji sass am Grab des Meisters und hüllte sich in Trauer. Er verstand nicht, was das Ganze sollte. Neben ihm weinte Waytiki. Shunji hob den Kopf, um ihn zurechtzuweisen, denn ein echter Samurai liess sich niemals so gehen, und sah, dass Pau ihn direkt ansah. Der Blick ging ihm durch Mark und Bein. "Verlangt nicht von einem anderen, was ihr selbst nicht zu geben bereit seid", sprach Pau.
"Ich verstehe nicht", klagte Shunji.
Pau nickte. "Wissen kommt mit den Worten, aber verstehen kommt mit der Zeit. Gebt euch mehr Zeit und ihr werdet verstehen."
Shunji wollte aufbegehren, aber Pau hob die Hand. Pau war jetzt sein Meister und Shunji gab nach, wenn auch widerwillig.
"Ihr kennt die Abwehrstellung gegen einen geraden Stoss?" fragte Pau.
Shunji nickte und fragte sich, worauf Pau hinaus wollte. 'Warum redet er immer in Zirkeln? Kann er nicht einfach sagen, was er will?' dachte er missmutig.
"Und Waytiki?"
Shunji schüttelte den Kopf.
"Warum nicht?"
Shunji blickte ihn seltsam an. Als er merkte, dass Pau wirklich eine Antwort erwartete, quetschte er hervor: "Er ist noch nicht soweit."
Pau neigte den Kopf. "So ist es. Und ihr auch nicht. Daher ist das eure erste Aufgabe."
"Ich werdet an Waytikis' statt zum Fluss gehen und Wasser holen. Wenn ihr zurückkommt, möchte ich, dass ihr mir sagt, was Angst und Trauer gemeinsam haben."
Shunji erhob sich. Er würde seinen Meister nicht jetzt schon entehren. Meister Katsuichi hatte etwas in Pau gesehen, dass sie alle nicht erkennen konnten und daher würde er tun, was Pau von ihm verlangt hatte. Aber seine Gedanken gehörten ihm. Er würde diese Erniedrigung nicht vergessen. Mit versteinertem Gesicht ging er an der Wasserkugel vorbei, holte den Eimer und stieg den Pfad hinab, ohne sich noch einmal umzusehen.
Usagi blickte Shunji nachdenklich hinterher. "War ich auch mal so?" fragte er Pau leise.
"Ihr seid immer noch so", foppte Pau ihn freundlich. "Alles, was wir in anderen sehen, sind wir selbst. Alles, was wir anderen sagen, sagen wir uns selbst. Alles, was wir über andere denken, sind wir selbst. Im Guten und im Schlechten."
Und Waytiki sass immer noch am Grab des Meisters und weinte. Usagi ging schliesslich zu ihm hinüber und umarmte ihn.
"Warum tut das so weh?" klagte der Kleine und Usagi konnte nicht gleich antworten.
"Weil er uns so viel bedeutet", antwortete er schliesslich.
"Tut es immer so weh?" schniefte er. Usagi nickte.
"Dann will ich, dass niemals mehr jemand stirbt!"
"Dann folge dem Bushido, dem Weg des Kriegers. Dort wirst Du lernen, Deine Gegner zu besiegen, ohne sie zu töten", versprach Usagi.
Nach einer Weile versiegten die Tränen und der Kleine lehnte sich nur noch an Usagi. Schliesslich hob er den Kopf, löste sich von Usagi und setzte sich vor das Grab. Er verneigte sich, bis die Stirn die Erde berührte und sprach leise: "Ich danke euch, Meister Katsuichi." Dann stand er auf und setzte sich vor Pau.
"Meister Pau", begann er, "ich möchte den Weg des Bushido beschreiten. Was muss ich tun?"
Pau liess sich mit der Antwort Zeit. "Ich möchte, dass ihr mich Pau oder Bruder Pau nennt, denn ich bin nicht euer Meister und ich werde es nicht sein. Meine Aufgabe ist es, euch zu dem Meister zu bringen, den Katsuichi für euch ausgewählt hat. Aber ich werde euch alles lehren, was ich kann, bis wir angekommen sind."
"Um zu wahrer Grösse zu gelangen", erklärte Pau, "muss man mit sich selbst im Reinen sein. Seinen Mittelpunkt gefunden haben und in sich selbst ruhen. Wenn Du beim Schwertkampf nicht im Gleichgewicht bist, dann wird Dein Gegner Dich leicht umwerfen. Das Gleiche gilt, wenn Dein Geist nicht im Gleichgewicht ist."
"Ich kann Dir eine Übung zeigen, die Dir hilft, Deinem Geist Ruhe und Gelassenheit zu geben. Möchtest Du das?"
Waytiki nickte ernst. "Dann komm. Usagi?"
Usagi erhob sich und kam zu ihnen herüber. Zusammen gingen sie zu dem Platz, wo die Schüler immer ihre Übungen abgehalten hatten. Sie verteilten sich und begannen.
"Man nennt dies Tai Chi Chuan(1). Es heisst, dass ein Meister im Tai Chi unbesiegbar ist, doch ist es keine Form der Kampfkunst mehr, auch wenn einige Übungen manchen Kampftechniken ähnlich sind. Wir wollen uns hier auf den meditativen Aspekt von Tai Chi konzentrieren. Auf den Teil, der unser Chi, die Lebenskraft zum Fliessen bringt und uns so die Kraft gibt, unseren Weg zu gehen", erklärte Pau.
Pau ging in die Grundstellung des Tai Chi, beide Füsse parallel und in Schulterbreite auseinander. Die Knie waren leicht gebeugt. Usagi sah sofort die Parallelen zum Schwertkampf. Problemlos nahm er die gleiche Haltung an. Dann legte Pau eine Hand auf seinen Bauch: "Atmet tief und gleichmässig und spürt den Atem mit der Hand. Die andere Hand hängt locker herunter."
Ruhig standen sie da und nur ihr ruhiges, gleichmässiges Atmen war zu hören. Die Atmung war auch beim Schwertkampf ungeheuer wichtig, daher fand Usagi seinen Rhythmus problemlos. Geduldig führte er die Übung weiter, bis Waytiki soweit war.
"Als Nächstes sammeln wir die Luft in uns mit den Händen und heben sie hoch." Er hob seine linke Hand zur Rechten, bis die Fingerspitzen sich berührten, mit den Handflächen nach oben. Dann atmete er aus und bewegte dabei die Hände gleichmässig nach oben bis zum Hals. Oben angekommen drehte er die Hände um, atmete ein und liess sie wieder nach unten sinken. "Und dann drücken wir sie wieder in uns hinein."
Nach einer Weile hatte keiner mehr Schwierigkeiten die Atmung mit der Bewegung zu koordinieren. "Nun greifen wir ein Samenkorn", er legte Daumen und Zeigefinger vor dem Bauch zusammen. "und heben es ans Licht." Langsam bewegte sich die Hand nach oben, bis der Arm ausgestreckt war.
"Dann tauchen wir es in die Erde." Er liess den ausgestreckten Arm zur Seite sinken und beschrieb einen Kreis, bis die Hand wieder vor seinem Bauch war. "Und weil die Furche so weit weg ist, bücken wir uns." Er wiederholte die Übung und verlagerte diesmal sein Gewicht auf das Bein auf der Seite, wo der Arm war. "Und das Gleiche machen wir mit der Furche auf der anderen Seite."
Langsam und gleichmässig ging sein Atem. Rund tauchte er die Samen mal links, mal rechts in die Erde und verlagerte sein Gewicht dazu. Usagi hatte dank seiner Erfahrung bald den Bogen raus, aber bei Waytiki sahen manche Bewegungen irgendwie nicht ganz rund aus. Pau sprach ihn schliesslich an.
"Waytiki", und Usagi konnte sehen, wie sich kurz Enttäuschung auf Waytikis Gesicht breit machte, "der Grund, warum Du Schwierigkeiten hast, ist, dass Du Dich mehr auf die Erdbewegungen konzentrierst. Achte mehr auf Deine Atmung."
"Aber die Bewegungen sind komplizierter!" widersprach Waytiki.
"Das ist richtig. Wir atmen den ganzen Tag. Es scheint wie von selbst zu gehen. Daher schenken wir der Atmung nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Aber beim Tai Chi ist die Atmung das Wichtigste. Wenn Du Deine Aufmerksamkeit zwischen den Bewegungen und der Atmung teilen musst, so werden beide darunter leiden. Da aber die Atmung der wichtige Teil ist, wird die Bewegung misslingen, solange die Atmung nicht korrekt ist. "
"Am einfachsten ist das Ganze, wenn Du einfach in die normale Grundstellung gehst, sobald Du merkst, dass Du aus dem Takt gekommen bist."
Waytiki bedankte sich und ging in die Grundstellung zurück. Er schloss die Augen und legte die Hand wieder auf den Bauch. Dann konzentrierte er sich nur auf seine Atmung. Als er soweit war, begann er wieder mit der ersten Übung. Usagi konnte sehen, dass es ihm diesmal wirklich deutlich leichter viel.
"Bis Waytiki soweit ist, hier etwas für euch." Pau ging in eine neue Grundstellung. Die Stellung der Beine war wie zuvor, aber die eine Hand war beim Knie und nach unten offen, während die andere Hand oberhalb des Kopfes gehalten wurde und nach oben offen war. Die Arme waren leicht gebeugt. Dann bewegte Pau die Hände aufeinander zu, bis sie sich vor der Brust trafen. Dort führte Pau sie aneinander vorbei, als ob er eine Kugel in beiden Händen halten würde. Schliesslich endete Pau in der spiegelbildlichen Haltung von vorher. Usagi liess sich die Übung noch zweimal zeigen, bis er genau gesehen hatte, was Pau mit seinen Händen machte und begann dann.
Es sah viel einfacher aus, als es war. Usagi hatte enorme Schwierigkeiten mit der Übung. Er war es nicht gewohnt eine solche, gegenläufige Bewegung auszuführen und kam nach kurzer Zeit aus dem Rhythmus. Er atmete tief durch und ging in die Grundstellung, bis er wieder soweit war. Wie Waytiki versuchte er sich jetzt mehr auf die Atmung zu konzentrieren und weniger auf die Bewegung und das half. Gleichmässig wiederholte er die Übung, bis er zufrieden war. Dann begann er alle Übungen hintereinander zu durchlaufen. Eine angenehme Wärme breitete sich in ihm aus. Er spürte, wie er selbst mit der Atmung floss, wie die Bewegungen ein Teil seiner Atmung wurden und alles ein Teil von ihm.
Pau ging währenddessen durch weitere, komplexere Muster voller Eleganz und Ruhe. Schliesslich nahm er die Grundstellung wieder ein und sah zum Weg, wo Shunji mit dem Wasser den Berg hinauf kam. Shunji stellte den Eimer sorgfältig unter das Vordach und ging zum Grab von Meister Katsuichi. Dort verneigte er sich und sagte: "Ich danke euch, Meister Katsuichi." Dann kam er herüber.
"Habt ihr die Aufgabe lösen können?" erkundigte sich Pau.
Shunji sah ihn offen an. "Die Angst und die Trauer schützen mein Leben. Sie sind wie Freunde, die sich um mich sorgen. Aber genauso wenig, wie ich zulassen darf, dass jemand mein Leben kontrolliert, so wenig darf ich mich von Angst oder Trauer kontrollieren lassen. In allen Dingen muss ich mein eigener Herr sein, denn niemand als ich selbst ist für das verantwortlich, was ich tue."
"Ich bitte um meine Bestrafung", fügte er hinzu.
"Wofür?" fragte Pau, ohne überrascht zu wirken.
"Als ich mich auf den Weg machte, da habe ich schlecht über euch gedacht und damit das Andenken an meinen Meister beschmutzt. Dafür verdiene ich Strafe", bekannte Shunji.
"Kommt", bat Pau und ging zur Hütte. "Nehmt das Wasser und giesst es auf den Stein dort."
Wortlos gehorchte Shunji. Als er zurück kam, stellte er den Eimer zurück und wartete auf seine Bestrafung.
Pau lächelte. "Du hasst es, etwas Sinnloses zu tun. Du hast Wasser geholt und damit einen Stein getränkt. Was mich betrifft, so hast Du damit Deine Bestrafung erhalten. Und jetzt lasst uns essen, ich habe einen enormen Hunger."
Heimkehr
Nach dem Essen wuschen sie das Geschirr in einer kleinen Wasserkugel, die Pau abspaltete. Dann wandte er sich an Usagi. "Bereit für Deine Aufgabe?" fragte er.
Usagi überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. "Aber morgen werde ich nicht bereiter sein", bekannte er.
Pau lächelte seltsam. "Dann komm. Ich bin gleich wieder da", sagte er zu den beiden Schülern. Die Bergkuppe, auf der sie standen und die Schüler verschwanden und Usagi erkannte die vertraute Landschaft um sein Heimatdorf wieder.
"Ich werde mit den beiden zu Fuss nachkommen. In ein paar Tagen werden wir hier sein", versprach Pau.
Usagi dankte ihm. Dann ging er ein paar Schritte und blieb wieder stehen. "Würdet ihr das bitte für mich aufbewahren?" bat er und reichte Pau sein Daisho. Wie immer war Pau nicht im Geringsten überrascht. Er liess die Kiste erscheinen und Usagi legte seine Schwerter hinein. Er konnte hinterher nie sagen, warum er das getan hatte, nur, dass es irgendwie richtig gewesen war. Pau schloss die Kiste und verschwand. Usagi stand noch einen Augenblick da und drehte sich dann ruckartig um und ging in seinen Geburtsort. Er gestand sich ein, dass er Angst hatte. Er war sich nicht sicher, ob er Kenichi dazu bringen könnte ihm zu vergeben. Aber er würde es versuchen.
Nach kurzer Zeit hatte er die Spitze des Hügels erreicht und konnte das Dorf unter sich sehen. Ihm wurde klar, dass er keine Ahnung hatte, was er tun sollte. Wie er es tun sollte. Als Pau ihm geholfen hatte, war alles so einfach und klar gewesen. Aber Usagi hatte keinen Schimmer, wie Pau ihm geholfen hatte. Nur, dass es funktionierte. Andererseits würde es nicht helfen, den ganzen Tag hier zu stehen und zu grübeln. Er gab sich einen Ruck und ging zum Dorf hinunter.
Auf dem Dorfplatz standen einige Einwohner um Magistrat Kenichi herum und diskutierten mit ihm. Kenichi schien nicht zufrieden zu sein. Usagi stellte sich etwas abseits, um später mit Kenichi zu sprechen. Kurz darauf fiel ihm ein, dass er kein Geld dabei hatte. Usagi fluchte lautlos. In der ganzen Aufregung hatte er vergessen, Pau um etwas Geld zu bitten. Er atmete tief durch. Es half nichts, er war ja nicht das erste Mal in dieser Situation und er würde schon etwas finden. Aber er machte sich nichts vor, Pau würde von einem seiner Schüler sicher erwarten, auf so etwas zu achten. In diesem Moment stand Kenichi vor ihm.
"Was willst Du hier?" verlangte Kenichi kalt.
Usagi stöhnte innerlich auf. Das wurde immer schlimmer!
"Äh", begann er, "ich wollte mit Dir sprechen, aber ich sehe, dass Du sehr beschäftigt bist und vielleicht sollte ich später ..."
"Sag mir, was Du sagen willst, und dann geh wieder", spuckte Kenichi aus.
Usagi war jetzt ziemlich unbehaglich zumute. Seine Gedanken rasten und er versuchte etwas zu finden, das er sagen konnte, um Kenichi zu beruhigen.
"Nun?" forderte Kenichi.
Aber Usagi fiel einfach nichts ein. Schliesslich gab er es auf. 'Ich werde es dennoch versuchen', dachte er, 'vielleicht habe ich ja trotzdem Erfolg.'
Er atmete tief durch und sammelte sich. Dann sank er vor Kenichi auf die Knie und verbeugte sich tief und sprach ernst: "Ich bin gekommen, um euch um Vergebung zu bitten, für alles, was ich euch jemals angetan habe." Dann wartete er ab, den Blick immer noch gesenkt.
Usagi hatte sich schon Gedanken darüber gemacht, wie Kenichi reagieren würde, aber er wurde dennoch überrascht.
"Was???" Kenichi explodierte. "Du dreckiger Ronin ... Du wagst es ... nach all dem ... ich könnte ... ich werde ... das ist ... unverschämt ... unglaublich ...", brüllte er unzusammenhängend.
Er riss Usagi hoch und schrie ihm ins Gesicht. Usagi wehrte sich nicht und ertrug den Hass demütig. Schliesslich warf Kenichi Usagi zurück auf die Erde. Er bebte vor Zorn. Sein Kopf war knallrot, Sabber lief aus seinem Mund. Entsetzt fragte sich Usagi, was er geweckt hatte. Kenichi zog sein Schwert und hieb nach Usagi. Und Usagi rührte sich nicht. Wenn dies sein Karma war, dann würde er es demütig annehmen. Aber der tödliche Streich kam nicht.
Schliesslich steckte Kenichi sein Schwert wieder weg. "Nein", presste er hervor, "so einfach kommst Du mir nicht davon. Du tot und ich müsste Marikos und Jataros Trauer ertragen. Jeden Tag den Vorwurf in ihren Blicken sehen."
Vor Wut zitternd fügte er hinzu: "Verschwinde! Sonst lasse ich Dich aus dem Dorf werfen! Du bist hier nicht willkommen! Nie mehr!"
Und dann stampfte er zornerfüllt davon und liess Usagi zurück. Die anderen Dorfbewohner sahen betreten weg. Usagi fragte sich verzweifelt, was er jetzt tun sollte. Würde er bleiben, würde das nur Kenichis Zorn verstärken. Würde er gehen, würde Kenichi seinen Hass mit ins Grab nehmen. Er liess sich auf die Erde sinken und begann tief durchzuatmen, um seinen Kopf freizubekommen. 'Es muss eine Lösung geben. Es muss einfach', dachte er voller Verzweiflung.
"Hallo Usagi-san", sagte da eine freundliche Stimme. Er fuhr erschrocken hoch und erblickte Jotaro, den Sohn von Magistrat Kenichi und seiner Frau Mariko.
Jotaro schmunzelte. "Als ich gerade meinen Vater sah, so voller Wut und Zorn, da wusste ich, dass ihr wieder da seid", lachte er fröhlich, aber Usagi mochte nicht einstimmen.
"Jotaro", bat Usagi, "bitte sprecht nicht so über Kenichi. Ihr müsst euren Vater ehren."
"Nun, das tue ich auch", antwortete Jotaro amüsiert und Usagi fragte sich, ob er wusste, dass er nicht der Sohn von Kenichi, sondern sein eigener war. Hatte Mariko es ihm erzählt?
"Aber nirgendwo steht, dass ich es auf eine Art tun muss, die ihm gefällt", sagte er auf seine herzerfrischende Art. "Kommt, ich lade euch ein. Trinken wir etwas und dann könnt ihr mir erzählen, was passiert ist."
Usagi blickte unbehaglich in die Richtung, in die Kenichi verschwunden war. "Keine Sorge", lachte Jotaro, "Mutter kümmert sich um ihn. Er wird nicht so bald zurückkommen", und führte Usagi in die Kneipe.
'Wie gross er doch geworden ist', dachte Usagi, als sie die Kneipe betraten. 'Und selbstsicher. Er wird einst ein grosser Samurai werden.'
Jotaro winkte dem Wirt, der Sake(2) brachte. "Nun?" fragte er nach dem ersten Schluck.
Usagi sammelte sich einen Moment. Dann erklärte er schlicht: "Ich bin gekommen, um Kenichi um Vergebung zu bitten."
Jotaro fiel vor Lachen fast vom Stuhl. "Der ist gut. Den werde ich heute Abend meiner Mutter erzählen", prustete er und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.
"Und da ich euch gut kenne, weiss ich auch, dass ihr auf keinen Fall gehen werdet, bevor ihr habt, was ihr wollt", kicherte er. "Und Kenichi weiss das natürlich auch. Das werden einige sehr interessante Tage werden."
"Jotaro, bitte", flehte Usagi. "Das ist überhaupt nicht komisch! Es ist wichtig! Wirklich wichtig! Für uns beide!"
"Tja, ihr habt viel vor", meinte Jotaro und trank einen Schluck. "Die einfachste Möglichkeit, die ich sehe, wäre Kenichi so lange Sake einzuflössen, bis er alles tut, was man ihm sagt, aber es würde mich doch sehr wundern, wenn ihr damit zufrieden wärt."
Er goss beiden nach. "Ihr beide habt einiges gemeinsam. Vor allem euren Dickschädel. Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob es überhaupt möglich wäre, zwischen euch beiden Frieden zu stiften. Selbst wenn Kenichi das wollte. Was wollt ihr als Nächstes tun?"
"Ich weiss es noch nicht", gestand Usagi dumpf. "Ich hatte mir schon gedacht, dass Kenichi nicht sehr erfreut sein würde, mich zu sehen, aber dieser Ausbruch ..."
"Man konnte ihn bis zum anderen Ende des Dorfes brüllen hören", kicherte Jotaro. Er räusperte sich. "Verzeiht, aber ihr müsst selbst zugeben, dass die Situation einer gewissen Komik nicht entbehrt."
"Was soll ich nur tun?" fragte Usagi verzweifelt. "Als Pau das Gleiche mit mir gemacht hat, da war alles ganz einfach."
"Pau?"
"Das ist eine lange Geschichte", wich Usagi aus.
Inzwischen war es Mittag geworden. "Tja, ihr könnt sie mir ja beim Essen erzählen." Jotaro bestellte für beide.
Usagi überlegte, was er erzählen sollte. Schliesslich begann er stockend zu berichten. "Ich bin den Taja-Ninjas in die Hände gefallen. Pau hat mich und Tomoe befreit."
"Sind sie gut, diese Taja-Ninjas?"
"Besser", sagte Usagi grimmig.
"Dann muss Pau ja unheimlich gut sein."
Usagi erinnerte sich an ein kurzes, aber intensives Training in der Übungshalle der Station. "Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Ich denke, es gibt niemanden, der ihn besiegen könnte. Er könnte einen in Streifen schneiden, bevor irgendjemand mitbekommt, dass er überhaupt ein Schwert in der Hand hat."
Jotaro pfiff beeindruckt durch die Zähne. "Dann hat er euch befreit", half er Usagi.
"Und uns geheilt. Körperlich und geistig. Und deshalb bin ich hier, um meine Heilung fortzusetzen. Ich muss meinen Frieden mit Kenichi finden, oder alle meine Anstrengungen, mein Ziel zu erreichen, werden letztlich scheitern."
Und es war wirklich so. Usagi war nicht mehr wegen der Aufgabe hier, die Pau ihm gestellt hatte. Ob er sie erfüllte, war zu einer Nebensache geworden. Kenichi zu helfen war nun viel wichtiger. Er hatte keine Ahnung gehabt, was in Kenichi vorging, aber er ahnte, dass es in seinem Widerpart eher schlechter aussah, als in ihm selbst. Bedrückt machte er sich klar, dass das auch seine Schuld war und dass er nicht gehen konnte, bis er Kenichi geholfen hatte. Egal, was ihn selbst das kosten würde.
"Wie hat er euch geheilt?"
Frustriert schüttelte Usagi den Kopf: "Ich weiss es einfach nicht. Ich zerbreche mir jetzt schon die ganze Zeit den Kopf, aber es will sich mir einfach nicht offenbaren."
"Was hat er denn gemacht?"
"Nichts! Er sass einfach nur da und hat mit mir geredet."
"Und was hat er gesagt?"
Usagi versuchte sich verzweifelt daran zu erinnern, was wirklich damals geschehen war. War das wirklich erst ein paar Tage her? "Pau hat die Fähigkeit die richtigen Dinge zu sagen. Er redet auf mich ein und plötzlich bricht da etwas in mir auseinander und es kommt alles wieder hoch. All die schrecklichen Gefühle, die Angst und der Hass und es ist entsetzlich. Aber dann ist es vorbei und man ist wie befreit. Man ist ganz ruhig und gelassen. Da ist nur ein wenig Bedauern, dass man das nicht schon früher gemacht hat."
"Also trifft er einen mit Worten?"
Usagi nickte nur.
"Na, das hast Du ja schon einigermassen raus. Du sagst etwas und Kenichi explodiert." Usagi stöhnte nur. "Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung, was man Kenichi sagen könnte, über das er sich nicht aufregen würde. In letzter Zeit ist er etwas reizbar. Die Verantwortung für das Dorf lastet im Moment schwer auf ihm. Hikiji brütet wieder irgendetwas aus und er fürchtet, dass wir wieder darunter leiden müssen."
"Wenn Pau hier wäre, dann würde er sich Kenichi einfach ansehen, etwas sagen und das wars. Ihr hättet ihn sehen sollen, als Katsuichi gestorben ist. Mit ein paar einfachen Worten hat er uns die Trauer genommen. Verdammt, er ist jetzt erst ein paar Stunden tot! Und ich bin ganz ruhig, wenn ich an ihn denke. Ich bin immer noch traurig, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, wie ich mich fühlen würde, wenn Pau nicht da gewesen wäre."
"Wo ist Katsuichi denn gestorben?"
Usagi blinzelte verwirrt. "Oben in seiner Hütte, Du weisst schon, auf dem Berg."
"Und wo ist Pau?"
"Huh? Er ist wieder dort. Er hat gesagt, dass er mit den Schülern in ein paar Tagen ..." Usagi brach ab und schloss dann langsam: "nachkommt."
"Hmmm ...", machte Jotaro freundlich. "Wenn er zu Fuss unterwegs ist, dann wird er drei bis vier Tage brauchen, nicht?"
Usagi stöhnte innerlich auf. Warum musste er sich auch immer so verplappern. "Es tut mir Leid, Pau", sagte er leise.
Jotaro wartete geduldig ab. Schliesslich sagte Usagi: "Er ist eine Art Zauberer. Ein Priester. Ich kann Dir nicht viel sagen, weil ... ach, es ist schrecklich kompliziert." Er seufzte.
"Aber er ist euer Freund?"
Usagi überlegte. Dann zuckte er mit den Schultern: "Ich weiss nicht, ob so jemand überhaupt Freunde haben kann. Er ist mächtig, weisst Du. Wirklich mächtig. Er nimmt einen Stein, berührt ihn und er zerfällt zu Staub."
"Aber er redet mit uns Sterblichen?"
"Ja", gab Usagi zu, "er ist immer sehr freundlich. Ich habe noch nicht gesehen, dass er jemanden getötet hätte oder so. Selbst die Ninjas hat er aus der Burg geholt, bevor er den Überhang abgebrochen hat, unter dem die Burg stand."
"Nicht schlecht", staunte Jotaro. "Hört sich nach einer interessanten Bekanntschaft an. Wie gross war der Überhang?"
"Naja, so etwa 200 Ken(3)."
Jotaro pfiff beeindruckt durch die Lippen. "In ein paar Tagen wird er ja hier sein und dann kannst Du ihn bitten, das wieder auszubügeln, was Du angerichtet hast. Und mich ihm vorstellen. Bin gespannt, wie er so ist, dieser Pau. Was wirst Du in der Zwischenzeit machen? Unbewaffnet wirst Du Dich ja kaum aus dem Dorf herauswagen wollen. Wo ist Dein Daisho überhaupt? Hat Vater Dir sie abgenommen?"
Entsetzt wurde Usagi klar, dass Jotaro recht hatte. Wenn er so aus dem Dorf ging, dann könnte er sich nicht mal der wilden Tiere erwehren. Geschweige denn wandernden Räubern, die immer wieder die Gegend verunsicherten. Und Geld hatte er auch keines. Und Jotaro wartete auf eine Antwort.
"Pau hat sie. Nein", beantwortete er die unausgesprochene Frage von Jotaro, "ich habe sie ihm freiwillig und aus eigenem Antrieb gegeben. Schliesslich wird er ja in ein paar Tagen hier sein und ich wollte Deinem Vater nicht bewaffnet gegenübertreten."
"Eine Art Friedensangebot also. Ich schätze mein Vater wird als erstes vermutet haben, dass Du komplett abgebrannt bist und bereits Deine Waffen versetzen musstest. Hast Du Geld?"
Und Usagi konnte nur stumm den Kopf schütteln.
"Ich bin beeindruckt. Fassen wir zusammen: Du hast Vater so sehr verärgert, dass er Dich töten wird, sobald er Dich das nächste Mal sieht. In ein paar Tagen kommt jemand, der helfen könnte, aber es ist nicht gesagt, wie er das tun wird. Vielleicht ebnet er auch noch das Dorf ein, wenn Dir inzwischen was zugestossen ist. Dann hast Du keine Schwerter, um Dich zu verteidigen und auch kein Geld, um hier zu bleiben. Du kannst nicht gehen und bleiben kannst Du auch nicht."
Erschreckt gestand sich Usagi ein, dass er sich gar nicht überlegt hatte, wie Pau darauf reagieren würde, wenn ihm etwas zustossen sollte. Er hoffte, dass Pau das Dorf verschonen würde, sollte so etwas tatsächlich passieren, aber konnte er wirklich das Leben von all diesen Leuten so leichtfertig aufs Spiel setzen?
"Wenigstens kann es jetzt nicht mehr viel schlimmer kommen", bekannte er hoffnungslos.
Jotaro lachte auf. "Das glaube ich erst, wenn das hier vorbei ist."
"Also gut", fuhr er fort. "Machen wir Folgendes: Ich werde den Wirt bitten, Dir etwas zum Essen einzupacken. Dann kannst Du zu dem Tempel gehen, der ein Stück die Strasse hinunter liegt und dort abwarten. Währenddessen werden Mutter und ich versuchen, Kenichi zu beruhigen. Wenn wir Erfolg haben sollten, kommen wir dort vorbei. Wenn Pau von Katsuichis Hütte hierher kommt, dann müsste er beim Tempel vorbeikommen. Falls nicht, wird er hier im Dorf aufkreuzen und nach Dir fragen und dann schicken wir ihn zum Tempel. Was hältst Du davon?"
"Ich bin Dir zu grossem Dank verpflichtet", bekannte Usagi. "Ich werde beim Tempel warten."
Nachdem der Wirt etwas zum Essen bereitgestellt hatte, verliess Usagi das Dorf wieder. Er hoffte, dass Jotaro nicht unter seiner Hilfsbereitschaft zu leiden haben würde und schlich sich vorsichtig aus dem Dorf, damit Kenichi ihn nicht sah. Dann machte er sich auf den Weg zu dem Tempel, den Jotaro ihm beschrieben hatte.
Jotaro sah Usagi noch eine Weile nach und ging dann zum Haus seines Vaters, des Magistrats Kenichi. Er zerbrach sich den Kopf, wie er Usagi helfen könnte, aber es wollte ihm einfach nichts einfallen. Zuhause angekommen bemerkte er sofort die angespannte Stimmung.
"Wo bist Du gewesen?" fuhr sein Vater ihn an.
"In der Dorfkneipe", antwortete Jotaro ruhig.
"Mit Usagi", Er sprach es aus, wie einen Fluch.
"Mit einem Freund von Euch, Vater."
Kenichi war einen Moment verdutzt. "Und wie heisst dieser Freund?" verlangte er misstrauisch.
"Usagi."
Kenichi fuhr auf. "Wie kannst Du es wagen! Dieser Bastard ist niemals mein Freund gewesen und er wird es niemals sein! Erinnerst Du Dich", ereiferte er sich, "wie oft er hier war und jedes Mal brachte er nur Unglück über das Dorf! Die Mogura Ninjas! Jei! Hikiji!" schrie er.
Jotaro erwiderte nichts. Es wäre sinnlos gewesen, darauf hinzuweisen, dass alle diese Katastrophen auch ohne Usagi eingetreten wären und sie ohne seine Hilfe wahrscheinlich viel schlechter dagestanden hätten. Besorgt beobachtete er, wie der Hass seinen Vater veränderte. Und so schwieg er lieber.
"Ich will, dass Du ihn nie wieder siehst! Wo ist er jetzt? Ich hatte ihm befohlen das Dorf sofort zu verlassen!"
"Er ist im verlassenen Tempel ein Stück die Hauptstrasse hinunter."
Kenichi überlegte einen Moment. "Ich will, dass Du mir versprichst, nie wieder ein Wort mit ihm zu wechseln", gebot er dann streng.
Jotaro war entsetzt, hütete sich aber, sich das anmerken zu lassen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie seine Mutter die Augen aufriss. Was sollte er tun? Er konnte das Versprechen nicht geben und er konnte seinem Vater den Wunsch nicht abschlagen. Schliesslich sank er auf die Knie und flehte inständig: "Ich bitte euch Vater, mich nicht zu zwingen, zwischen euch beiden wählen zu müssen."
Er konnte nicht sehen, wie Kenichi darauf reagierte. Einen Augenblick war nur der schwere Atem seines Vaters zu hören, dann fuhr er herum und trampelte die Treppe hinauf. Als er nicht mehr zu hören war, blickte Jotaro auf und in die besorgten Augen seiner Mutter.
"Es tut mir Leid, Mutter", entschuldigte er sich.
Mariko sackte ein wenig in sich zusammen. Trauer stand in ihrem Gesicht. Jotaro setzte sich zu ihr.
"Warum hasst Kenichi Usagi so sehr?" fragte Jotaro leise.
Mariko sah ihn seltsam an. "Ich kann Dir nicht alles sagen", begann sie schliesslich und Jotaro wartete geduldig, dass sie fortfuhr.
Und Mariko erinnerte sich. "Ich weiss nicht, wie es begann, aber die beiden konnten sich nie leiden. Als kleine Kinder haben sie sich oft geprügelt und sich gegenseitig Streiche gespielt. Als sie älter wurden, wurde es besser, aber nur an der Oberfläche. Im Inneren sass der Hass tief."
"Als sie etwa so alt waren, wie Du jetzt, zogen sie los um sich den Topknot der Samurai zu verdienen(4). Natürlich war jeder der beiden überzeugt, dass er der Bessere war und als Usagi schliesslich auf Meister Katsuichi traf, da schieden sie im Streit. Später, als die Ausbildung der beiden abgeschlossen war, trafen sie bei einem Wettkampf wieder aufeinander. Usagi war der einzige Schüler von Katsuichi und Kenichi der beste Schüler der Dogora Fechtschule. Am Ende des Wettkampfes waren nur noch sie beide übrig."
"Usagi gewann", warf Jotaro ein und war sehr überrascht, als seine Mutter traurig den Kopf schüttelte.
"Die Dogora Schule war vor den Kopf gestossen, dass Katsuichi die Frechheit besessen hatte, mit nur einem Schüler am Wettkampf zu erscheinen. Da Fürst Mifuné den Wettkampf beiwohnt, konnten sie Katsuichi nicht zurückweisen, es hätte einen Gesichtsverlust bedeutet. Um so verzweifelter waren sie, als Usagi Kampf um Kampf gewann. Und Kenichi war stolz. Er versprach Usagi zu besiegen, oder die Schule in Schande zu verlassen."
"Es war nicht Usagi, der gewann, sondern Kenichi, der alles verlor", erzählte sie. "Kenichi hat sich davon niemals erholt. Er fing an zu trinken und Usagi holte ihn aus diesem Sumpf. Dann half Usagi uns mehrmals das Dorf zu retten und immer, wenn Kenichi ihn herausforderte, zog er auf die eine oder andere Weise den Kürzeren. Als Jei Dich entführte, rettete Dich Usagi. Er war der Held und Kenichi nur der Magistrat. Und jetzt ..."
"Jetzt bewunderst Du Usagi und Kenichi ist nur Dein Vater", schloss sie leise.
Jotaro überlegte, ob er fragen sollte, aber eigentlich war ihm das, was seine Mutter ihm verschwiegen hatte, schon bekannt. Er war nicht Kenichis Sohn, sondern der Sohn von Usagi. So hatte Usagi Kenichi auch noch seine Frau und seinen Sohn genommen, denn Geschwister hatte er keine. Und so sah Kenichi in ihm jeden Tag Usagi. Jotaro wurde sich bewusst, welch enormes Leid sein Vater mit sich herumtrug. Dazu die Verantwortung als Magistrat. Und noch etwas sah er nun.
"Da ist eine Grösse in ihm, die er selbst nicht sehen kann", sprach Jotaro. "Das gibt mir Hoffnung. Aber mein Herz blutet, wenn ich sehe, wie die beiden miteinander umgehen. Wir müssen etwas tun."
Mariko schwieg. Dann sagte sie: "Wir können nichts tun. Kenichi ist der Einzige, der etwas tun kann, aber er will nicht. Solange das so ist, werden weder Usagi noch Du noch ich irgendetwas erreichen. Du weisst, was für ein Sturkopf er sein kann und ich fürchte, dass nicht einmal Du etwas in diesem Fall erreichen kannst."
Dann schwiegen beide.
Schicksal
"Ich sass im Chaos und war traurig. Doch da sprach eine Stimme zu mir, lächle und sei froh, denn es könnte schlimmer sein. Da lächelte ich und war froh. Und es kam schlimmer."
Als Usagi den Tempel erreichte, war es schon dunkel. Vorsichtig betrat er das Gebäude, aber es schien leer zu sein. Ausser einigen Spinnweben war nichts zu sehen und der Staub auf dem Boden war unberührt. Usagi suchte sich eine einigermassen saubere Ecke aus und bereitete sich ein einfaches Nachtmahl. Dann setzte er sich hin, um zu meditieren und so vielleicht eine Lösung für die vertrackte Situation zu finden, in die er sich manövriert hatte. Weil die Nacht sehr kalt werden würde, machte er ein kleines Feuer.
In der Nacht fing es an zu regnen, aber das Dach war dicht und Usagi störte sich nicht weiter daran. Kurz nach Mitternacht betrat dann eine nasse Gestalt den Tempel. Usagi rührte sich nicht. Die Gestalt näherte sich Usagi lautlos. Kurz bevor sie Usagi erreichte, riss dieser plötzlich die Augen auf und rollte sich zur Seite ab. Trotzdem wäre er dem tödlichen Hieb nicht entgangen, wenn die Gestalt nicht gestoppt hätte.
"Ihr seid es und doch seid ihr es nicht", sprach eine Stimme aus dem Grab. "Wie seltsam."
"Jei!" stiess Usagi hervor. Dann sah er das Gesicht im flackernden Lichtschein. "Inazuma?"
Usagi brauchte einen Moment, um vollständig wach zu werden. Die Gestalt bewegte sich nicht, beobachtete ihn nur. 'Wie ein interessantes Insekt', dachte Usagi.
Es war unzweifelhaft Inazuma, aber die Stimme klang wie die von Jei, so kalt und tot. Und ihre Augen ... Kälte rann sein Rückgrat hinab. 'Was ist in jener Nacht(5) mit Inazuma geschehen?'
"Die Götter wünschen euren Tod nicht mehr", sagte Inazuma/Jei schliesslich und steckte ihr Schwert weg. Sie drehte sich um und ging zur Tür.
"Inazuma!" rief Usagi. "Was ist passiert?"
"Ich bin Jei", antwortete die Gestalt ohne anzuhalten. "Inazuma ist fort."
"Wartet!" Usagi lief ihr nach und die Gestalt hielt tatsächlich inne.
"Was tut ihr hier?" fragte er vorsichtig.
"Hier ist viel Böses. Es zieht mich an", kam die Antwort mit der grauenhaften Stimme. Und Usagi wusste sofort, dass sie von Kenichi sprach. Seine Gedanken rasten wieder. Er zwang sich zur Ruhe. Er musste Jei irgendwie aufhalten, aber er hatte nichts, was er als Waffe verwenden konnte. Zum wiederholten Mal verfluchte er sich, dass er Pau sein Daisho gegeben hatte. 'Was hat mich nur geritten?'
"Wolltet ihr nicht mich töten?"
Jei sah ihn mit seinen toten Augen an: "Nicht mehr."
'Ich muss es versuchen.' Usagi setzte alles auf eine Karte und warf sich vor Jei in den Staub. "Ich bitte euch um Kenichis Leben", flehte er.
"Nein", lehnte Jei emotionslos ab.
Usagi wollte aufbegehren. 'Aber wie könnte ich Jei zwingen?' "Ihr müsst mir eine Chance geben!" sagte er schliesslich bestimmt.
"Nein."
"Ich kann Kenichi von seinem Hass heilen", beteuerte Usagi. "So wie ich geheilt wurde."
"Böses heilt nur der Tod", kam die finstere Antwort. Während Usagi noch überlegte, wie er Jei überzeugen konnte, sagte dieser unvermittelt: "Ich gewähre euch drei Tage. Dann werde ich das Böse auslöschen."
Usagi war so überrascht, dass er regungslos dastand, während Jei wieder in der Dunkelheit verschwand. Dann begann er hektisch seine geringen Habseligkeiten zu sammeln und trat in den Regen hinaus, um seine Chance zu nutzen. Es musste ihm etwas einfallen, oder Kenichi war verloren. Jei hatte ihn selbst lange Zeit verfolgt, aber im Gegensatz zu ihm war Kenichi eine tönerne Ente.
Er, Usagi, konnte vor einem Feind weglaufen, aber Kenichi konnte das nicht. Und Usagi hatte Jei jetzt schon so oft im Kampf getötet, dass er wusste, dass dies nur einen kurzen Aufschub brachte, bis er wieder von den Toten auferstand und sich erneut auf den Weg machte. Selbst Kusanagi(6) hatte wohl nur den alten Körper von Jei vernichtet.
Er musste sich im Körper von Inazuma, die sich zu diesem Zeitpunkt in einem Tempel in der Nähe aufgehalten hatte, wieder manifestiert haben. Dann war sie es gewesen, die die Priester getötet hatte. Er fragte sich kurz, wie Sanshobo, der Oberpriester des Tempels, auf diese Nachricht reagieren würde. Aber zuerst würde er ein Leben retten.
Während er durch den Regen lief, wurde ihm bewusst, dass die Aufgabe unwichtig geworden war. Es spielte keine Rolle, ob er Erfolg hatte oder nicht. Er würde unter keinen Umständen das Leben von irgendjemand opfern, nur wegen einer lächerlichen Aufgabe, die letztlich nur seinem eigenen Stolz dienen würde.
Der Regen fiel dicht und Usagi konnte kaum noch etwas sehen. Nur die Steine unter seinen Füssen verrieten ihm, dass er noch auf der Strasse war. Andere hatten bessere Augen und so warnte ihn sein sechster Sinn erst, als die Ninjas ihn schon fast umzingelt hatten. Wie ein eiskaltes Feuer brannte die Panik plötzlich in ihm. Mit einem RYAAA riss er sein Schwert aus der Scheide und stürzte sich auf den ersten Ninja, der tatsächlich zurückwich, während Usagi realisierte, dass er nichts in der Hand hatte. Buchstäblich. Seine einzige Chance war es, einem der Ninjas eine Waffe zu entreissen.
Aber die Ninjas waren gut. Schnell erkannten sie, dass sie es zwar mit einem gefährlichen, aber auch unbewaffneten Gegner zu tun hatten. Mit ihren scharfen Schwertern hielten sie Usagi auf Distanz bis Verstärkung mit stumpfen Waffen und einem Netz eintraf. Schliesslich überwältigten sie Usagi, doch nicht ohne eigene Verluste. Also wickelten sie ihn nicht aus dem Netz, sondern banden es einfach an eine Stange und trugen ihn so problemlos fort.
Und Usagi begann sich besorgt zu fragen, ob es noch schlimmer kommen konnte. Wenn die Ninjas ihn töteten, dann würde Kenichi in drei Tagen von Jei getötet werden. Wenn sie ihn verschleppten, dann geschah das Gleiche, nur würde Usagi mit dem Wissen leben müssen, versagt zu haben. Wenn sie ihn nicht töteten ... Er konnte den Gedanken nicht weiterdenken. Und wieder zwang er sich zur Ruhe. Versuchte Ordnung in seine schwirrenden Gedanken zu bringen. Bereit zu sein, wenn sich eine Chance ergab.
Dann hörte der Regen auf. Zumindest an seinem Kopfende. Er drehte den Kopf zur Seite und sah in die Wand einer Sänfte, wie sie hohe Herrschaften benutzten. In der Dunkelheit konnte er das Wappen nicht erkennen. Usagi hoffte, dass er dem Insassen davon überzeugen konnte, ihn laufen zu lassen. Vielleicht konnte er ihm erzählen, dass er nur ein alter Veteran auf dem Weg zurück ins Dorf war. Doch die Hoffnung zerstob im Nichts, als sich die Seitenwand öffnete und Usagi in das sehr zufriedene Gesicht einer grossen Schlange blickte.
"Ah, Usagi Miyamoto", begrüsste ihn Herr Hebi, der persönliche Berater von Fürst Hikiji fröhlich. "Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, hier auf euch zu treffen", erklang die zischende Stimme. Er machte auf Usagi einen zuglaublich selbstzufriedenen Eindruck.
Usagi war fast froh, dass das Netz ihn hielt, denn er fürchtete, dass jetzt seine Beine nachgegeben hätten. Zu hoffen, dass Hikiji nicht wusste, wer viele von seinen Plänen vereitelt hatte, war wohl vergebens. Und wenn er nicht schon unterwegs war, um seinen Fang zu bewundern, dann würde er sich spätestens Morgen auf den Weg machen. "Herr Hebi, welche Überraschung", antwortete Usagi schwach.
Usagi konnte sehen, dass Hebi sich königlich amüsierte. Hikiji seinen Kopf auf einem Tablett darzubieten würde seinen grossen Einfluss auf den dunklen Fürst noch weiter verstärken, falls das überhaupt noch möglich war. Wenn er Glück hatte, dann würde Hebi ihn nur töten. Wenn er Pech hatte, würde er ihn noch ein bisschen foltern. Und dann töten.
"Es wird euch erfreuen zu erfahren, dass Fürst Hikiji auf dem Weg hierher ist", plauderte Hebi. "Ich erwarte, dass er überglücklich sein wird, wenn er erfährt, dass ihr hier seid."
"Wie schön für ihn", kam die Antwort.
"Verspottet ihr etwa euren Fürsten? Auf dessen Land euer Heimatdorf liegt?" zischte Hebi.
"Wer, ich?" fragte Usagi unschuldig.
"Schon euer Vater war ein impertinenter Aufrührer, der seiner Lordschaft den notwendigen Respekt versagt hatte", fuhr Hebi betont streng fort. 'Richtig. Und Hikiji hatte ihn dafür eigenhändig geköpft', dachte Usagi bitter.
"Es scheint, als würde euer Dorf nur Rebellen und Querulanten hervorbringen. Magistrat Kenichi ist bereits zum wiederholten Male mit seinen Tributzahlungen in Verzug. Übermorgen wird Fürst Hikiji mit einem Trupp Männer hier eintreffen und diesem ungeheuerlichen Affront gebührend beantworten!"
"Ihr werdet einen Platz in der ersten Reihe haben", versprach Hebi und schloss die Seite seiner Sänfte mit einem lauten Klack. Die Wachen, diesmal keine Ninjas, sondern die Leibgarde des Fürsten, hoben Usagi hoch und lehnten ihn achtlos an einen Baum. Nun war er dem kalten Regen wieder komplett schutzlos ausgeliefert, aber eine Erkältung war im Moment seine geringste Sorge. 'Wie soll ich Kenichi nun retten?' überlegte er verzweifelt. Hebi würde ihn vielleicht kurz mit ihm reden lassen, aber Usagi machte sich keine Hoffnungen, dass er Kenichi nach all dem, was vorgefallen war, mit zwei, drei Worten retten konnte.
'Was würde Hikiji dem Dorf antun? Und warum war Jei nicht hier? Sicher strahlten Hebi und seine Leute so viel Dunkelheit aus, dass Jei es bis ans andere Ende von Japan spüren musste?' Er grübelte, bis er erschöpft einschlief.
Mit einem Tritt in die Seite wurde er am nächsten Morgen geweckt. Dann banden sie ein Ende des Stabes an ein Packpferd und liessen das andere Ende über den unebenen Boden schleifen. Wenn Usagi den Kopf hängen liess, dann war es erträglich, aber schliesslich zogen sie das Netz über seinen Kopf und so schlug er sich bei jeder Unebenheit den Kopf an. Er presste die Zähne zusammen, damit er sich wenigstens nicht ständig auf die Zunge biss. Als sie endlich am Dorf ankamen, fühlte Usagis Hinterkopf sich schon wie Brei an und jeder Schlag sandte einen scharfen Schmerz durch seinen Kopf.
Hebi kroch gemächlich aus seiner Sänfte und glitt mit sichtlichem Abscheu durch den Matsch des Dorfplatzes. Die Bewohner waren zusammengelaufen und der Magistrat stand mit seiner Familie ganz vorne. Usagi wich seinem Blick nicht aus. 'Wenn Blicke töten könnten', schoss es Usagi durch den Kopf, als er Kenichis Gesichtsausdruck sah. Und natürlich würde Kenichi ihm auch daran die Schuld geben.
Hebi wartete neben seiner Sänfte, bis Magistrat Kenichi sich vor ihm in den Dreck geworfen hatte, wie das Protokoll es vorschrieb. Zu sehen, wie sich Kenichi mit Schmutz besudelte, bereitete ihm sichtlich Vergnügen, sehr zum Missfallen der Einwohner, die Hebi ängstlich verabscheuten.
"Herr Hebi", begann Kenichi demütig, "Willkommen in unserem Dorf. Euer Eintreffen trifft uns sehr überraschend. Wir hatten nicht mit so hohem Besuch gerechnet."
Hebi liess sich mit der Antwort Zeit. Genüsslich liess er Kenichi schmoren. Als er befand, dass auch dem letzten Einwohner klar war, wer hier das Sagen hatte, erhob er seine Stimme: "Magistrat Kenichi."
"Ich bedauere ausserordentlich, aber Fürst Hikiji vermisst immer noch die Steuern für diesen Monat."
Kenichi setzte an zu sprechen, aber Hebi fuhr fort: "Und für den letzten."
Kenichi wartete und als nicht mehr kam, setzte er wieder an, und wiederum sprach Hebi zuerst: "Und den davor."
Diesmal hatte Kenichi seine Lektion gelernt. Regungslos wartete er im kalten Schlamm ab, bis Hebi fortfuhr. Hebi liess sich Zeit.
"Nun? Bekomme ich eine Antwort?" verlangte der Fürst.
"Ich kann es nicht. Wir haben die Lebensmittel ordnungsgemäss abgeliefert", erklärte Kenichi demütig.
"Dann muss es in der Gegend üble Räuber geben", half Hebi. "Und als Magistrat dieses Dorfes wäre es eure Pflicht gewesen, dies unverzüglich zu melden! Muss mein Herr annehmen, dass ihr eure Pflichten vernachlässigt?"
"Berichte über ...", begann Kenichi, aber Hebi schnitt ihm das Wort ab.
"Und als ich mich auf den Weg hierher mache", sagte er süffisant, "da werde ich plötzlich von diesem Ronin hier überfallen. Noch dazu von einem, der schon seit Langem von meinem Herrn gesucht wird!"
Usagi schloss entsetzt die Augen. Davon hatte er nichts gewusst. Und Kenichi hatte auch nichts erwähnt. Selbst Jotaro nicht. Aber was sagte das schon. Hikiji würde nicht zögern, etwas gegen ihn zu erfinden. Alleine schon die Anschuldigung, dass er Hebi überfallen hatte, könnte ihn den Kopf kosten.
Sicherlich, Kenichi hatte genug Männer, um Hebi und seine Leibgarde zu töten. Aber wenn es stimmte, dass Hikiji auf dem Weg hierher war, dann würde dieser mehr Männer mitbringen und das Dorf niederbrennen. Und dann waren noch die Ninjas, die Usagi gefangen hatten. Sie waren natürlich nirgendwo zu sehen, aber garantiert da. Also sah es schlecht für Kenichi und das Dorf aus, egal wie man es wendete. Wenn es ganz gut lief, dann würden vielleicht ein Drittel der Einwohner den Kampf gegen Hebi überleben, aber spätestens in einer Woche wäre Hikiji mit genug Männern hier, um die nun offen Aufständigen in ihre Schranken zu weisen.
Usagi war nur noch das Sahnehäubchen auf diesem Plan. Und Kenichi machte sich in diesem Moment sicher sehr ähnliche Gedanken. Usagi blickte zu Jotaro und Mariko. Beide standen bei den anderen Einwohnern. Ihre Mienen waren ausdruckslos, aber Usagi konnte bis hier spüren, dass es in Jotaro arbeitete. Wie er selbst, verachtete Jotaro Leute, die die Hilflosen quälten. Usagi hoffte nur, dass Jotaro sich zurückhalten konnte. Sonst gab es schon heute ein Blutbad.
Wenn die Situation nicht so verzweifelt wäre, dann hätte Usagi laut gelacht. Er war erst einen Tag hier und schon war das Dorf praktisch verloren. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Hikiji eintreffen würde, um den Höhepunkt des Schauspiels zu geniessen.
"Wie kommt das, Magistrat?" schnitt Hebis Stimme durch die Luft.
Kenichi setzte an zu antworten und wieder fiel Hebi ihm ins Wort: "Könnte es sein, dass ihr mit der weisen Regentschaft von Fürst Hikiji unzufrieden seid?" ätzte Hebi.
Kenichi, der Hebi auf keinen Fall ins Wort fallen wollte, wartete ab, bis Hebi zischte: "Nun? Verweigert ihr dem obersten Berater von Fürst Hikiji bereits euren Respekt? Warum antwortet ihr nicht?"
Usagi schwindelte. 'Wie konnte ein Mensch nur so grausam sein? Fehlt nur noch, dass Hebi sich bei Kenichi darüber beschwert, dass Kenichi ihn ständig unterbicht!'
"Mir liegen keine Berichte über Aktivitäten von Banditen oder Räubern in unserer Gegend vor", antwortete Kenichi mit unnatürlich ruhiger Stimme. "Und diesen Ronin dort habe ich gestern eigenhändig aus dem Dorf geworfen. Da er keine Waffen bei sich hatte, bin ich davon ausgegangen, dass er keine Gefahr darstellen würde. Und letztlich habe ich die Übergabe des Tributs in Form von Lebensmittel an den geschätzten Fürst Hikiji persönlich überwacht. Wie üblich haben wir die Lieferung bis an die Grenze zu unserem Gebiet begleitet, um etwaige Überfälle zu verhindern."
"Was danach mit den Lieferungen passiert ist, entzieht sich meiner Kenntnis", schloss Kenichi. In dem Moment bewunderte Usagi ihn. Er hatte sich gut im Griff. Er bot Hebi keine Lücke, antwortete respektvoll und geschickt.
Trotzdem machte Usagi sich nichts vor. Wenn Kenichi alle Vorwürfe von Hebi entkräften würde, dann würde Hikiji einfach morgen mit einigen Banditen hier erscheinen und der Magistrat würde als Lügner und Aufrührer dastehen. Letztlich schob er das Unvermeidliche nur hinaus. Wäre nur Pau schon hier. Usagi wusste, dass er die Vernichtung seines Dorfes verhindern könnte. Es würde eine lange Wartezeit werden. Und hoffentlich kam er noch rechtzeitig. Wenn Hikiji morgen eintraf, und Pau erst übermorgen, dann würde er nur noch ihre Leichen vorfinden. Usagi fragte sich, ob Pau ihn wiederbeleben würde. Und ob er selbst das wollen würde ...
Hebi tat so, als würde er nachdenken. Als die Wartezeit sich unangenehm zu dehnen begann, sprach er schliesslich. "Nun, mein Herr ist mit einem grösseren Trupp Männer hierher unterwegs. Ihr werdet euch ihm erklären müssen. Obwohl", troff seine Stimme vor Hohn, "ich persönlich euch natürlich glaube."
"Meine eigentliche Aufgabe hier", fuhr Hebi nach einer Kunstpause fort, "ist alles für die Ankunft meines Herrn vorzubereiten. Und natürlich für die Hinrichtung dieses ... Ronin hier. Ich erwarte eure volle Unterstützung bei meinen Aufgaben."
"Ihr könnt euch auf mich verlassen", versprach Kenichi.
"Zuerst benötige ich eine ... angemessene Unterkunft. Die Reise war sehr beschwerlich", zischte Hebi höflich.
"Es wäre mir eine Ehre, euch mein Haus für die Dauer eures Aufenthalts zur Verfügung zu stellen", bot Kenichi demütig an.
"Geht bitte voran."
Kenichi erhob sich. Seine Hände, Stirn und die Beinkleider waren dick mit Schmutz verschmiert. Sein Gesicht wie aus Stein gemeisselt. Ohne Usagi eines Blickes zu würdigen, drehte er sich um und wartete geduldig, bis Hebis Sänfte ihm folgte. Als er durch die Gasse der Einwohner ging, reichte ihm jemand ein Handtuch, mit dem er sich rasch reinigte, um Hebi keinen Anlass zu geben, ihn dafür zu demütigen.
Nach kurzer Zeit kamen sie beim Haus des Magistrats an. Da die Leibwache unter dem Vordach Aufstellung nahm, blieb Kenichi nichts anderes übrig, als sich erneut in den Schlamm zu werfen, während Hebi langsam an ihm vorbeiglitt, um seine neue Unterkunft zu begutachten. Nach einer Weile liess Hebi ihn rufen. Rasch erhob sich Kenichi, liess sich von seinem Sohn ein Handtuch reichen, streifte seine Schuhe ab und eilte ins Innere, wo Hebi ihn bereits ungeduldig erwartete.
"Es ist akzeptabel", meinte dieser herablassend. "Aber schmutzig." Kenichi betrachtete die breite Schmutzspur, die Hebi in fast allen Räumen hinterlassen hatte, ohne eine Regung zu zeigen. Er verneigte sich tief und versprach sofort jemanden kommen zu lassen, der die Räume wieder reinigen würde.
"Nun gut", beendete Hebi schliesslich die Audienz. "Ihr könnt euch jetzt entfernen. Sicher habt ihr wichtige Dinge zu erledigen. Ich werde nach euch rufen lassen, wenn ich etwas brauche."
Kenichi verbeugte sich tief und schritt verbeugt rückwärts aus dem Raum. Draussen zog er ruhig seine Schuhe wieder an und verliess sein Haus. Dann begann er den Bewohnern Anweisungen für den kommenden Tag zu geben, wie er das immer tat. Als alle wussten, was sie zu tun hatten, löste sich die Menschenmenge auf und Kenichi ging zu seiner Familie. Sie gingen ein Stück und als sie schliesslich ausser Sichtweite waren, lehnte Kenichi sich erschöpft an eine Wand. Sein Gesicht verzerrte sich und er schlug mehrmals seinen Hinterkopf an die Wand.
Jotaro und Mariko warteten geduldig ab, bis er sich wieder gefangen hatte. "Ich bin mit ein paar Leuten vorausgelaufen und habe die wichtigsten unserer persönlichen Gegenstände aus dem Haus schaffen lassen. Ihr könnt euch also umziehen, Vater."
"Danke, Jotaro", nickte Kenichi. "Gehen wir."
Als sie sich umgezogen hatten, hatte Hebi sich neue Gemeinheiten ausgedacht, mit denen er Kenichi beleidigen konnte. Es wurde ein langer Tag.
Auch für Usagi. Seine Kleidung war noch immer nass und er fror erbärmlich. Aber er würde sich keine Blösse geben, denn die Wachen warteten sicher nur darauf, dass er ihnen einen Grund lieferte, ihn zu schikanieren.
Gegen Mittag kamen einige Dorfbewohner mit einigen Wachen aus dem Wald. Sie hatten einen recht dicken Baum gefällt und brachten ihn jetzt zum Dorfplatz. Dort stellten sie ihn senkrecht auf und befestigten dann vier dünnere Bäume daran, sodass er nicht umfallen konnte. Dann wurde Usagi unsanft aus dem Netz in den Schlamm gerollt und zum Baum geschleift. Durch die Kälte und die lange Zeit im Netz konnte Usagi sich nur schwach wehren und was hätte das auch genutzt. So liess er sich regungslos an den Baum fesseln. Seine Peiniger zwangen seine Arme hinter ihm um den Baum und banden sie dann zusammen. Dann schlugen sie einen Nagel ein, damit er nicht nach unten rutschen konnte. Wenn er heute Nacht einnicken würde, dann würde er zusammensacken und der Schmerz, wenn seine Arme nach oben gebogen wurden, würde ihn wieder wecken. Es würde eine lange Nacht werden.
Am späteren Nachmittag sah Usagi, wie Jotaro mit einigen Wachen redete und diese ihn wieder fortschickten. Er sah, wie Wachen an den Dorfausgängen Aufstellung nahmen, und Dorfbewohner zurückwiesen, die das Dorf verlassen wollten. Usagi wollte gar nicht wissen, mit welchen Schikanen Hebi das Dorf drangsalierte. Dagegen war sein Schicksal wohl noch ziemlich angenehm, denn er war Entbehrungen gewohnt. Aber die meisten Dorfbewohner waren nur einfache Bauern und die Wachen behandelten sie, wie eine Meute Wölfe einen Hühnerschwarm behandeln würde.
Die Nacht war weit weniger schlimm, als Usagi befürchtet hatte. Es konnte sich ganz gut gegen den Baum lehnen und so verhindern, dass seine Beine unter ihm wegsackten. Er ging im Geist eine Weile die Übungen des Tai Chi durch und das half ihm, sich etwas zu erholen. Den Rest der Nacht meditierte er und so war er am nächsten Morgen ziemlich gut beieinander. Er hatte nur ein paar blaue Flecken von ein paar Wachen, die sich gewissenhaft davon überzeugt hatten, dass er noch am Leben war.
Da es nicht mehr geregnet hatte, war der Boden wieder trocken und fest. Am späten Morgen kam Hebi mit Kenichi im Schlepptau vorbei, um sich mit ihm zu unterhalten. Usagi bemüht sich, Hebis Sadismus zu befriedigen und schliesslich zog er wieder ab. An Kenichis Gesicht war keine Regung abzulesen, aber Usagi fand, dass er seine Sache ganz gut gemacht hatte.
Kurze Zeit später kam Jotaro und wurde von den Wachen wieder fortgeschickt. Es war zum Verzweifeln. Wenn er Jotaro nur eine Nachricht hätte zukommen lassen können. Dass Jei unterwegs war und übermorgen hier eintreffen würde. Dass sie Hikiji irgendwie hinhalten mussten, bis Pau eintraf.
Am Nachmittag erschien eine Gruppe von Dorfbewohnern ausserhalb des Dorfes und wurde von den Wachen aufgehalten. Usagi konnte sehen, wie die Wachen mit den Einwohnern diskutierten und sie schliesslich das Dorf betreten liessen. Usagi fragte sich, woher sie gekommen waren. Sie hatten keine Arbeitsgeräte bei sich und sahen irgendwie auch nicht aus wie Bauern.
Während er noch überlegte, was so seltsam an den Trupp war, fiel es ihm auf. Normalerweise erkennt man Kämpfer an ihrem Gang. Ein guter Kämpfer ist immer in der Lage sofort in die ausgewogene Grundstellung zu gehen und kampfbereit zu sein. Das war bei dieser Gruppe nicht der Fall, sie gingen ganz normal.
Daher war Usagi auch nicht sofort aufgefallen, dass sie eine lockere Formation bildeten. Wenn sie angegriffen wurden, wären sie in der Lage sich gegenseitig Deckung zu geben, auseinander zu springen oder sich in alle Richtungen zu verteidigen. Usagi fragte sich, wer die Leute waren. Sie schienen unbewaffnet zu sein, aber das sagte gar nichts. Wahrscheinlich irgendwelche Killer von Hikiji oder Hebi. Usagi fragte sich, was sie hier wollten. Zeit war im Moment das einzige, von dem er viel hatte.
Er beobachtete sie so lange er konnte. Interessanterweise ignorierten sie die Wachen völlig und wandten sich statt dessen an Dorfbewohner. Diese wiesen ihnen den Weg.
Kurze Zeit später kamen sie zurück und Usagi konnte sehen, dass Jotaro bei ihnen war. Sie schlossen ihn ein, aber Usagi hatte irgendwie nicht den Eindruck, dass Jotaro unter Zwang mitging. Sie gingen in die Dorfkneipe und blieben dort eine Weile. Dann erschien Hebi mit Kenichi auf der Bildfläche und kurze Zeit später kam die ganze Gruppe mit Jotaro aus der Kneipe heraus.
Während Jotaro mit den anderen zurückblieb, ging einer zu Hebi und verneigte sich vor ihm. Hebi blieb stehen. Dann ging Kenichi weg und Usagi konnte sehen, wie er noch einen Blick auf Jotaro warf. Hebi und der Fremde gingen ein Stück. Der Fremde zeigte Hebi ein Dokument und Usagi konnte sehen, wie sich Hebis Gesicht verfinsterte. Er zischte etwas und der Fremde verneigte sich tief. Er überreichte einer der Wachen von Hebi das Dokument und wartete dann ab. Schliesslich sagte Hebi etwas zu einer Wache und die Wache und der Fremde verbeugten sich. Dann kamen beide zu Usagi herüber.
Usagi konnte sich wirklich keinen Reim darauf machen, was da abgelaufen war. Jotaro und die anderen standen immer noch bei der Kneipe. Bereit war das Wort, das sie beschrieb. Die Wache und der Fremde hatten schliesslich Usagis Wachen erreicht. Die Wache von Hebi sagte etwas zu der Wache von Usagi, was diese mit einem Nicken zur Kenntnis nahm. Beide Wachen blieben zurück und der Fremde kam zu Usagi. Die Leibwache von Hebi hatte einen wirklich seltsamen Gesichtsausdruck.
Der Fremde hatte den Körper einer Katze. Sein Gesicht war unbewegt, aber freundlich. Und die Augen. Usagi erschauerte. Die Augen waren völlig leer. Kein Leben zeigte sich in ihnen.
"Usagi-san", begrüsste der Fremde Usagi und Usagi fühlte, wie seine Knie nachgaben. Diese Stimme. Niemals würde er diese Stimme vergessen. Angst schnürte plötzlich seine Kehle zu und er zitterte so stark, dass seine Zähne anfingen, zu klappern. Es war die Stimme des obersten Ausbilders der Taja Ninjas. Usagis personifizierter Albtraum.
"Ist etwas nicht in Ordnung?" fragte die Stimme besorgt.
Usagi konnte nicht antworten und der Ninja wartete geduldig ab, bis er sich wieder einigermassen gefangen hatte. 'Wie war er Pau entkommen? War er ihm überhaupt entkommen? War Pau etwa schon hier?' Usagi wagte nicht zu fragen, aus Angst die nächste Katastrophe auszulösen, aber er musste etwas tun. 'Hier ist meine Chance Jotaro und den anderen eine Botschaft zu übermitteln, aber kann ich dem Boten trauen? Und was ist mit den ganzen anderen Ohren?'
"Ich habe eine Botschaft für euch", sprach der Ninja schliesslich mit seiner angenehmen Stimme. "Pau hat mir aufgetragen, sie wörtlich zu übermitteln. Sie lautet: "Ich sehe alles, was ihr tut.""
'Natürlich', dachte Usagi belämmert. 'Er beobachtet mich natürlich die ganze Zeit. Meine ganzen Sorgen sind völlig überflüssig.' Er atmete befreit auf, um dann innezuhalten. 'Wo bleibt Pau dann?'
Er leckte über seine trockenen Lippen. "Wann wird Bruder Pau hier eintreffen?"
"Übermorgen, zusammen mit Fürst Hikiji", kam die höfliche Auskunft.
'Gut', dachte Usagi, 'dann wird er sicher wissen, was sich hier tut.' Und schalt sich gleich darauf einen Narren. 'Natürlich weiss er, was sich hier tut. Er sieht es ja. Aber was wird er tun?'
"Kann ich noch etwas für euch tun?" erkundigte sich der Ninja.
Usagi überlegte einen Moment. "Ich habe grossen Durst", gestand er schliesslich und hoffte, dass die Schikanen, die damit einhergehen würden, zu ertragen sein würden. Für ihn und Kenichi.
"Ich werde sehen, was ich tun kann. Noch etwas?"
Usagi schüttelt nur den Kopf. Nach dem Magistrat zu rufen, würde Kenichis Situation nur noch schlimmer machen und reden konnten sie unter diesen Bedingungen sowieso nicht. Usagi lehnte den Kopf vorsichtig an den Stamm. Er hoffte, dass Pau das Schlamassel, das er hier angerichtet hatte, wieder in Ordnung bringen konnte.
Eine Weile später kam tatsächlich eine Wache mit einem Eimer und gab Usagi wortlos zu trinken. Er bedankte sich höflich, aber die Wache antwortete nicht. Und so kam die Nacht. Und ein starkes Bedürfnis sich zu erleichtern. Er bat die Wachen um einen Topf, aber diese verspotteten ihn nur. So musste er schliesslich in seine Kleider urinieren und am Morgen begann er zu stinken.
Da die Wachen das störte, holten sie Wasser und übergossen ihn damit. Jetzt roch er zwar nicht mehr, aber er fror wieder. Er hätte um etwas zu Essen bitten sollen. Und noch etwas hatte sich geändert. Er konnte nicht mehr bequem stehen, sondern hatte ein leichtes Übergewicht. Sie hatten den Baumstamm gekippt, sodass er sich jetzt nicht mehr entspannen konnte. 'Wie kann jemand nur so wenig Ehre haben? Einen Wehrlosen zu quälen?' Usagi verstand es einfach nicht.
Und ein weiterer Tag kroch vorbei. Usagi bekam zu trinken und etwas zu essen. "Schliesslich wollen wir, dass Du durch das Beil des Henkers stirbst und nicht an Schwäche", hatte Hebi zynisch gemeint und war tatsächlich etwas enttäuscht gewesen, als Usagi sich nicht darüber aufgeregt hatte.
Der Trupp Ninjas hing immer noch in der Dorfkneipe herum. Einer war immer zu sehen. Usagi war sich sicher, dass sie ihn im Auge behielten, aber er konnte sich nicht vorstellen warum. Und was Pau mit ihnen gemacht hatte, dass er sie gefahrlos frei herumlaufen lassen konnte.
Am nächsten Morgen hatte Usagi Krämpfe in den Armen. Die unmögliche Haltung forderte ihren Tribut. Dann traf endlich die erste Vorhut von Hikijis Truppen ein. Er hatte mehr als ein paar Mann dabei. Alleine die Vorhut bestand aus 20 Mann und als der Rest am Nachmittag eintraf, waren es über 120 Soldaten und Berittene. Das waren deutlich mehr, als das Dorf Einwohner hatte und Usagi fragte sich besorgt, was nun wohl kommen würde.
Fürst Hikiji ritt an der Spitze seines Haupttrupps ins Dorf ein. Seine Leute zeigten auffällig Präsenz, während Kenichi und Hebi ihren Fürsten gemäss Protokoll begrüssten. Kenichi fing langsam an Nerven zu zeigen und Usagi betete, dass er durchhalten würde.
Und da war auch Pau mit den beiden Schülern von Katsuichi. Er stand regungslos unter den restlichen Leuten von Hikijis Tross und Usagi begann sich wieder Sorgen zu machen, was jetzt kommen würde. 'Wird Pau eingreifen? Oder ist ihm das Dorf egal?' Usagi bat inständig darum, dass nochmal jemand kommen würde, damit er Pau eine Botschaft zukommen lassen konnte. 'Aber was soll ich ihm sagen?'
Dann stand plötzlich Hikijis Schlachtross vor ihm. Usagi musste in die Sonne blinzeln, um ihn zu sehen. Herr Hebi war höchst entzückt und Kenichi war froh, wenigstens einen Moment aus dem Fokus der Aufmerksamkeit entkommen zu sein. In den letzten beiden Tagen hatte er einen wahren Eiertanz vollführen müssen, immer bedacht keinen Fehler zu machen, der ihm angelastet werden konnte und andererseits Herrn Hebi auch nicht zu beleidigen.
"Usagi Miyamoto", klang die Stimme von Fürst Hikiji auf.
Usagi räusperte sich. "Fürst Hikiji", sagte er, bemüht respektvoll zu klingen.
Hikiji blickte Hebi an und dieser begann genüsslich und wortreich zu erzählen, wie Usagi sie hinterhältig angegriffen und mehrere seiner Männer getötet hatte. Usagi liess die Farce geduldig über sich ergehen.
"Hat es sich so zugetragen?" wollte Hikiji schliesslich von Usagi wissen.
Und er konnte seinen Mund einfach nicht halten. "Würde es einen Unterschied machen, wenn ich sagen würde, er lügt?"
Er konnte nicht sehen, wie Hikiji es aufnahm, aber Herr Hebi war schockiert. Kenichi schloss die Augen als könnte er den Anblick von so viel Dummheit nicht mehr ertragen.
Fürst Hikiji sprach: "Bei Sonnenuntergang werdet ihr hingerichtet", und ritt weiter.
Dann stand plötzlich Pau vor ihm. "Nun, wie weit seid ihr?" erkundigte er sich.
Usagi, der schon mit allem anderen hervorsprudeln wollte, verschluckte sich fast an seinen eigenen Worten. "Was?" kam schliesslich lahm.
Pau lächelte sein unergründliches Lächeln. "Wie weit seid ihr mit eurer Aufgabe?"
"Ich bin überhaupt nirgends! Hikiji wird heute Nacht dieses Dorf niederbrennen und die Aufgabe ist mir völlig gleichgültig. Zur Hölle damit. Ihr müsst etwas tun!" zischte Usagi.
Pau schüttelte bedauernd den Kopf und wandte sich zum gehen. "Bitte", flehte Usagi, "ich flehe euch an. Lasst dieses Dorf nicht zu Grunde gehen."
Pau blieb noch einmal stehen und sah zu Usagi: "Ich kann nichts für euch tun", bedauerte er. "Solange Kenichi keine Hilfe akzeptieren kann, sind mir die Hände gebunden. Genauso wenig, wie ich Katsuichi zwingen konnte zu leben, weil ihr das wolltet, kann ich Kenichi zwingen, etwas zu tun, was er nicht will."
"Aber ihr könnt mit ihm sprechen, wie ihr es mit mir gemacht habt", rief Usagi verzweifelt.
"Ihr wolltet meine Hilfe, er nicht. Daher seid ihr immer noch die einzige Hoffnung für dieses Dorf." Er lächelte. "Aber ihr habt ja noch etwas Zeit."
Dann ging er endgültig und liess einen betäubten Usagi zurück. So knapp vor dem Ziel und alles würde zu Grunde gehen. Durch seine Schuld. Als die Wachen ihn am Abend holten, war er völlig teilnahmslos. Er fürchtete sich davor, nach seinem Tod keine Ruhe zu finden, aber er konnte an nichts anderes mehr denken, als dass es zu Ende war.
Die Wachen führten einen schmutzigen Ronin zum Richtblock, wo der Henker bereits mit seinem Schwert auf ihn wartete. Als er ankam, bat er den Henker um einen letzten Wunsch. "Ich möchte mich vom Magistrat und seiner Familie verabschieden", bat er. Eine Wache lief zu Hikiji, um ihm den Wunsch zu unterbreiten. Er sah Hikiji nicken und die Wachen führten ihn zum Sitzplatz des Magistrats, neben Hebi und Hikiji. Pau war dort. Ruhig und ohne Regung sah Pau Usagi an. Und Usagi empfand gar nichts, nicht einmal mehr Bedauern.
Zwei weitere Wachen brachten Jotaro und Mariko. Und Usagi konnte ihre Nervosität mit einer ungewöhnlichen Klarheit spüren. Jotaro und Mariko mussten ihre Schwerter abgeben, bevor man sie vortreten liess. Wahrscheinlich hatten die Wachen Angst, dass er sich auf Hikiji stürzen würde, aber Usagi wollte das gar nicht.
Ein Blick in Kenichis Gesicht verriet Usagi, dass er hier nichts erreichen würde. Trotzdem verneigte er sich vor dem Magistrat und bat ihn ein weiteres Mal um Vergebung. Und Kenichi gewährte sie ihm, aber Usagi spürte, dass es wieder nur die Fassade von Kenichi war. Er konnte ihn nicht erreichen. So wandte er sich an Mariko und Jotaro.
"Ich bedauere zutiefst, was passiert ist und ich würde alles tun, um es wieder gut zu machen." Und dann hatte er auch keine Worte mehr. Wortlos drehte er sich um und die Wachen folgten ihm zum Richtblock. Steif liess er sich zu Boden sinken, legte seinen Kopf auf das Holz und schloss mit seinem Leben ab.
Und der Henker hob sein Schwert.
Und Hikiji nickte.
Und Hebi lächelte zufrieden.
Und Kenichi sass versteinert.
Und Jotaro schwor so viele von ihnen zu töten, wie er konnte.
Und Mariko schloss die Augen.
Und der Henker liess das Schwert herniedersausen.
Und Usagi verstand.
"Wartet!" rief er aus und alles zuckte erschreckt zusammen.
Und er spürte den kalten Kuss von Stahl an seinem Hals, aber er lebte noch.
Usagi blickte auf, und die Wachen wichen unwillkürlich einen Schritt zurück.
"Ich möchte bitte noch einmal mit dem Magistrat sprechen", bat er sanft.
Im Hintergrund konnte er sehen, wie Pau sich zu Kenichi herüber beugte.
Eine Wache lief los.
Sprach mit Hikiji.
Kenichi erhob sich.
Und kam herüber.
Sein Gesicht war wieder eine undurchdringliche Maske. Unbewegt stand er da, als Usagi sich umständlich erhob und vor ihm auf die Knie fiel. Da seine Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren, konnte er sich nicht richtig vor ihm in den Staub werfen. Er tat, was er konnte.
Klar klang seine Stimme über den Platz. "Ich danke euch Kenichi", begann er. "Ich danke euch dafür, dass ihr euch um meine Frau und mein Kind gekümmert habt, als ich es nicht konnte." Und er verneigte sich so tief es ging.
"Ich danke euch, dass ihr meine Pflicht als Verwalter dieses Dorfes auf euch genommen habt, denn ich und nicht ihr hätte meinem Vater nachfolgen sollen. Aber ich war nicht bereit." Und er verneigte sich so tief es ging.
"Ich danke euch, dass ihr meinem Sohn ein guter Vater gewesen seid." Und er verneigte sich so tief es ging.
"Ich danke euch, dass ihr meine Pflichten übernommen habt, als ich es nicht konnte und so diejenigen geschützt habt, die mir teuer sind und die unter meiner Entscheidung gelitten hätten." Und er verneigte sich so tief es ging.
"Ich bedaure, dass ich euch so wenig als Dank anbieten kann als dies: Wenn ich nun aus dem Leben scheide, so nehme ich keinen Groll gegen euch mit mir. Ich akzeptiere die Verachtung, die ihr mir entgegenbringt als kleinen Preis für das, was ich euch angetan habe und ich akzeptiere euren Zorn als Ausgleich dafür, was ihr alles für mich getan habt." Und er verneigte sich so tief es ging.
"Ich danke euch, Magistrat Kenichi", schloss er und verneigte sich ein letztes Mal.
Kenichi stand regungslos. Wie zu einer Statue erstarrt. Usagi erhob sich etwas umständlich und ging zurück zum Richtblock. Er legte seinen Kopf darauf und sagte schlicht: "Nun bin ich bereit."
Und Usagi schloss die Augen und begrüsste den Tod. Ein Schwert pfiff durch die Luft und ein Kopf fiel. Dann noch einer und noch einer und noch einer. Einer fiel auf Usagi. Ruhig blickte Usagi auf und sah Kenichi mit gezogenem Schwert über ihm stehen. Er zitterte. Ein seltsamer, unnatürlicher Ausdruck in den Augen. Usagi konnte spüren, wie etwas schief ging. Entsetzlich schief.
Er riss an seinen Fesseln, lockerte sie soweit, dass er seine Hände nach vorne bringen konnte und umfasste Kenichi. Kenichi liess sein Schwert fallen und blickte Usagi direkt an. Usagi sah den Wahnsinn in seinen Augen. So wie bei ihm tobte in Kenichi ein Orkan an entsetzlichen Gefühlen und riss an seinem Verstand. Aber da war ein Unterschied.
Usagi hatte sich seinen Ängsten gestellt. Wenn er eine Bedrohung sah, dann hielt er ihr stand. Wuchs an ihr. So hatte er das Selbstvertrauen gehabt, sich gehen zu lassen, als der Orkan über ihn hinweg zog.
Kenichi aber war seinen Ängsten immer ausgewichen. Er hatte Zeitlebens eine Maske getragen, war Bedrohungen aus dem Weg gegangen. Und er konnte nicht weinen. So stellte er sich dem Orkan entgegen, statt ihn über sich hinweg ziehen zu lassen und dieser zerrüttete seinen Verstand.
"Nein!" schrie Usagi. "Kenichi! Du darfst Dich nicht dagegen stemmen! Du musst es herauslassen!"
Aber Kenichi konnte es nicht. Usagi handelte instinktiv.
Er schrie.
Schrie sich den ganzen Schmerz heraus.
Seinen.
Kenichis.
Er schrie und weinte.
Lange Zeit.
Bis sie schliesslich beide erschöpft zu Boden sanken.
Die zweite Aufgabe
Usagi hatte keine Ahnung, wie lange es gedauert hatte. Er sass einfach nur da und hielt Kenichi fest. Seinen Körper und seinen Verstand.
Schliesslich kehrte Leben in Kenichi zurück. Er lehnte seinen Kopf gegen den von Usagi und Usagi freute sich über die Berührung. "Ich hasse Dich", flüsterte Kenichi schliesslich.
"Ich weiss."
"Das war furchtbar", sagte Kenichi fast unhörbar.
"Ich weiss", antwortete Usagi sanft. Und hielt ihn einfach fest.
Nach einer Weile spürte Usagi, wie Kenichi den Kopf hob. Ohne ihn loszulassen bewegte Usagi seinen Kopf ein kleines bisschen, damit Kenichi ihn frei bewegen konnte.
Usagi spürte, wie Kenichi sich umsah. "Wo sind alle hin?" fragte er schliesslich, als er ihn wieder auf Usagis Schulter legte.
Und Usagi lehnte wieder seinen Kopf an den von Kenichi. "Ist das wichtig?" fragte er.
Er spürte, wie Kenichi den Mund öffnete, dann aber nichts sagte. "Nicht wirklich", gab er zu. Und umarmte Usagi.
"Nicht jetzt", fügte er nach einer Weile hinzu.
Und so sassen sie noch eine Weile still. Hielten sich fest. Genossen es, beisammen zu sein.
"Ich habe Durst", gestand Kenichi viel später.
"Ich auch", antwortete Usagi.
"Hast Du auch so wenig Lust aufzustehen?"
Usagi nickte nur. Er war so wunderbar müde und erschöpft.
Jemand plätscherte mit Wasser. "Hier", sagte Jotaro.
Und Usagi spürte, wie Kenichi trank. Dann berührte eine Schale seine Lippen und er trank ebenfalls. Noch immer öffnete er seine Augen nicht.
Usagi konnte es klappern hören, als Jotaro sie Schale auf den Boden stellte. "Wollt ihr die Nacht draussen verbringen?" wollte er wissen. "Dann hole ich euch Decken."
"Quälgeist", schimpfte Usagi freundlich.
"Ganz der Vater", brummte Kenichi zustimmend.
"Hey!" kam Usagis empörter Aufschrei.
"Ja", spottete Jotaro. "Von beiden das Schlechte. Den Dickschädel, die grosse Klappe und die Fähigkeit mich in Schwierigkeiten zu bringen", zählte er auf.
"Tötest Du ihn?" fragte Usagi kichernd.
"Sag ihm, er soll sich runterbeugen, damit ich ihn hauen kann. Auf mich hört er ja nicht", kicherte Kenichi. "Irgendwo hier muss mein Schwert liegen."
"Darf ich es euch reichen, Vater?"
"Siehst Du? So geht das den ganzen Tag", beschwerte sich Kenichi gemächlich.
"Ihr habt mein volles Mitgefühl, Magistrat", tröstete ihn Usagi.
"Ich hasse euch beide."
"Dabei sind wir zwei ganz Liebe", spottete Usagi sanft.
Kenichi schwieg eine Weile und Usagi war es zufrieden ihn zu halten. Jotaro sass irgendwo in der Nähe auf dem Boden und wartete geduldig ab. In diesem Augenblick war Usagi wirklich stolz auf seinen Sohn. Und dankbar.
"Danke, Usagi-san", sprach Kenichi schliesslich ernst. "Ihr habt schon wieder euer Leben riskiert um mir zu helfen."
"Dafür sind doch Freunde da."
Usagi spürte, wie sein Rücken feucht wurde. Kenichi weinte lautlos. Und er hielt ihn einfach fest.
Irgendwann kam dann der Schlaf.
An nächsten Morgen war Usagi ziemlich steif. Jemand hatte sie irgendwann in eine dicke Decke gehüllt, sodass es angenehm warm war. Kenichi schlief noch immer und Usagi rührte sich nicht, um ihn nicht zu stören. Er öffnete nur die Augen und blickte umher.
An vielen Stellen konnte er die Männer von Hikiji sehen. Einige Dorfbewohner gingen ihren Geschäften nach. Neben dem Wassereimer sass Jotaro in eine Decke gehüllt und meditierte. Die ganze Szene hatte etwas Unwirkliches. 'Warum habe die anderen Wachen uns nicht getötet? Hat Pau am Ende doch eingegriffen? Warum ist es so ruhig?'
Seine Hände waren noch immer gefesselt, aber es waren keine Wachen in der Nähe zu sehen. Die toten Wachen und der Henker waren auch verschwunden. Das Ganze machte irgendwie keinen Sinn, aber er fühlte sich noch nicht soweit, dass er sich damit belasten wollte. Und so nickte er wieder ein.
Kenichi wachte schliesslich auf und weckte Usagi wieder, als er sich bewegte. Er schob Usagi ein Stück von sich und blickte sich ruhig um.
"Guten Morgen", sagte Usagi und sah, wie auch Jotaro die Augen aufschlug.
Kenichi blickte ihn einen Augenblick nur an. "Danke", sagte er schliesslich.
Dann erhob er sich, was ein bisschen schwierig war, weil Usagi noch immer gefesselt war. Jotaro zog sein Wakizashi(7) und schnitt geschickt die Seile durch. Kenichi erhob sich und ging ein paar Schritte, während Usagi begann seine steifen Muskeln zu lockern. Schliesslich kam Kenichi zurück und hielt Usagi seine Hand hin. Usagi schlug ein und Kenichi zog ihn hoch.
"Guten Morgen", sagte Jotaro auf seine lockere Art.
"Was ist geschehen?" wollte Magistrat Kenichi wissen.
Jotaro war einen Moment verblüfft, dann grinste er breit: "Ihr habt von der ganzen Sache nichts mitbekommen? Hmmm ... wo soll ich anfangen?"
"Warum Kenichi zu mir gekommen ist", schlug Usagi vor.
Jotaro sah Kenichi an. Dieser antwortete: "Als Du Deine Forderung gestellt hattest, dass ich kommen solle, war ich natürlich nicht sonderlich begeistert. Ein Gefangener kann nicht einfach einen Magistrat herumkommandieren."
Er schwieg einen Moment, rief sich die Situation wieder in Erinnerung: "Dann beugte sich dieser seltsame Priester zu mir herüber, der mit Fürst Hikiji hier eingetroffen ist."
"Bruder Pau Tai", warf Usagi ein.
Kenichi sah ihn fragend an: "Ihr kennt ihn?"
"Das ist Pau?" kam es von Jotaro.
Usagi nickte. Jotaro lachte: "Das erklärt einiges."
Kenichi runzelte die Stirn, fuhr dann aber fort: "Er sagte nur "Macht einmal im Leben das Richtige, auch wenn es falsch ist.""
Er schnaubte: "Ich war schon aufgestanden, bevor mir überhaupt klar wurde, was ich da tat. Fürst Hikiji war natürlich ausser sich, aber die ganze Situation war extrem angespannt. Er wusste, dass jede weitere Demütigung von mir das Fass zum Überlaufen bringen konnte. Also schwieg er. Aber ich konnte förmlich spüren, wie er seine Rache an mir plante."
Er blickte Usagi mit verschleierten Augen an. "Dann ging ich zu Dir. Das Nächste, an was ich mich erinnere ist, wie ich mitten in der Nacht in Deinen Armen aufgewacht bin. An die grosse Erschöpfung in mir und ..." Er brach ab.
"Die Ruhe in einem", beendet Usagi den Satz.
"Pau hat das inzwischen ein paar Mal mit mir gemacht", gab Usagi freimütig zu. "Es ist jedesmal die Hölle. Aber es ist es auch jedes Mal wert."
Er lächelte verlegen. "Tut mir Leid, dass ich so lange gebraucht habe, bis mir endlich klar wurde, was ich tun musste."
Kenichi verzog das Gesicht. "Wann hat schon jemals etwas, was Du getan hast, nicht in einer Beinahekatastrophe geendet?" sagte er säuerlich.
Usagi lächelte spitzbübisch. "Ich verspreche, dass ich nächstes Mal versuchen werde, Fürst Hikiji zu retten", versetzte er spitz.
Jotaro lachte Lauthals und auch Kenichi musste lachen. "Bitte erst nach meinem Tod", bat er.
Dann sahen beide Jotaro an und dieser begann seine Sicht der Ereignisse zu erzählen.
"Tja, Kenichi ging also zu Dir. Dann hast Du angefangen Dich zu bedanken."
"Äh", unterbrach ihn Usagi, "das habt ihr gehört?"
"Also ich habe es klar und deutlich gehört und ich gehe mal davon aus, alle anderen auch", antwortete Jotaro ohne eine besondere Regung. Usagi schluckte.
"Dann hast Du Deinen Kopf auf den Richtklotz gelegt und als der Henker sein Schwert hob, da hat Kenichi ihn getötet. Die Wachen haben ihn angegriffen und die hat er auch getötet. In dem Moment war es sehr ruhig. Kein Laut war zu hören. Aber Hikiji rührte sich nicht."
"Fürst Hikiji", korrigierte Kenichi ungerührt.
"Er sass einfach nur da. Dieser Tse, der ewig lächelnde Fremde, der vorgestern mit Dir gesprochen hat, stand hinter Fürst Hikiji. Ich habe nichts gesehen, aber ich denke er stand da nicht nur still rum. Pau hat sich zu Fürst Hikiji gebeugt und etwas gesagt. Hikiji blickte umher und hob dann die Hand, um seine Wachen zurückzuhalten."
Er blickte Usagi abschätzend an. "Natürlich hatte ich erwartet, dass die Wachen sofort loslaufen und euch beide töten würden, aber sie taten die ganze Zeit gar nichts. Es war totenstill. Dann fing Usagi an zu schreien und zu heulen. Das war richtig unheimlich. Alle sind vor Schreck zusammengezuckt. Das ging eine Weile so. Dann sagte Pau noch etwas zu Hikiji und der löste die Versammlung dann auf. Er schickte seine Wachen fort und alle sind nach Hause gegangen."
Kenichi schüttelte den Kopf. "Das ergibt überhaupt keinen Sinn! Warum sollte Hikiji so etwas tun? Er hatte uns vollkommen in der Hand!"
"Fürst Hikiji", korrigierte ihn Jotaro.
Kenichi blickte Jotaro nur an. "Natürlich", sagte er ruhig und Jotaro kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
"Tja, das ist nicht die ganze Geschichte", sagte er vorsichtig.
"Aha", kam es von Kenichi und Usagi.
"Ich kenne ja alle im Dorf", holte Jotaro aus und liess sie noch etwas zappeln. "Und Fürst Hikiji hatte ja gefordert, dass alle anwesend sein mussten."
Kenichi nickte: "Ich habe persönlich dafür gesorgt, dass alle kamen, damit er uns nicht wegen Respektlosigkeit zu fassen bekommen konnte."
Jotaro stimmte zu: "Und sie waren auch alle da. Alle ... und ein paar mehr."
"Mehr?" fragte Kenichi, dem das langsam zu bunt wurde. "Wer denn noch?"
"Naja, Tse hatte ja ein paar Freunde dabei. Die waren alle in der Nähe von Fürst Hikiji.". Er überlegte versonnen. "Nicht, dass ich jemals auf so einen schändlichen Gedanken kommen würde, aber wenn ich ein Attentat auf Fürst Hikiji vorhätte, dann hätte ich meine Leute etwa so verteilt, wie sie standen."
"Und auch bei den anderen Wachen waren ziemlich viele Gesichter, die mir vorher noch nicht aufgefallen waren. Ganz sicher Leute aus dem Dorf; sie hatten die gleiche Kleidung wie wir. Nur bin ich ihnen halt noch nie begegnet."
"Und dann waren da natürlich noch die Schatten auf den Dächern und in den Häusern." Jotaro überlegte einen Moment. "Müssen so an die 300 gewesen sein."
"300!" rief Kenichi überrascht aus. "Wo sind die hergekommen?"
Jotaro nickte zustimmend: "Und wohin sind sie wieder verschwunden? Sie waren nur ein paar Augenblicke da und dann wieder weg. Tja, auf jeden Fall war Fürst Hikiji deutlich in der Unterzahl. Und als er die Versammlung auflöste, war der Spuk vorbei."
Usagi spürte, dass da noch immer Angst in ihm war. Er hatte seine Erlebnisse mit den Taja-Ninjas immer noch nicht verarbeitet. Das waren etwa 300 Mann gewesen und er hatte eine Vermutung, dass da ein Zusammenhang war. Nachdenklich blickte er zum Ausbilder der Ninjas hinüber, der scheinbar völlig desinteressiert auf der Bank vor der Dorfkneipe hockte. Während er noch überlegte, ob er seine Gedanken mit den anderen teilen sollte, rief jemand seinen Namen.
"Usagi!" krähte Waytiki und hing schon an ihm. Usagi beugte sich zu dem jüngsten Schüler hinunter und strich ihm über den Kopf. "Ich bin ja so froh, dass es Dir gut geht!" rief der Kleine.
Im Schlepptau von Waytiki folgten Pau und Shunji. Shunji begrüsste Usagi herzlich, nur Pau war mit seinen Gedanken wieder woanders.
"Ich danke euch, Bruder Pau", bedankte sich Usagi förmlich.
Pau blickte ihn überrascht an: "Wofür?"
"Dass ihr an mich geglaubt habt, als ich es nicht tat."
Pau blickte ihn ernst an. Er zögerte mit einer Antwort und Usagi fragte sich, warum. "Das habe ich nicht", gab er dann zu.
Usagi sah ihn verwirrt an.
"Es ist nicht so, dass ich wusste, ob Du Deine Aufgabe erfüllen würdest oder nicht", erklärte Pau. "Wahrscheinlich liegt ein einfaches Missverständnis vor. Alles, was ich sagen wollte, war, dass ich nicht eingreifen kann, solange Kenichi jede Hilfe ablehnt. Du warst der Einzige, der seine sorgsam errichteten Bollwerke durchdringen konnte. Mir wäre das nicht möglich gewesen."
Usagi runzelte die Stirn: "Aber Du hättest doch mit ihm reden können?"
Pau schüttelte bedauernd den Kopf: "Ich hätte die Fähigkeit gehabt, aber es war mir nicht erlaubt. Solange ein Wesen meine Hilfe ablehnt, kann ich nur zusehen."
Usagi spürte, wie seine Knie unter ihm nachgaben. Wenn Kenichi nicht beherzt zugegriffen hätte, wäre er gestürzt. "Dann ...", stammelte er schwach, "wäre gestern beinahe das Dorf ausgelöscht worden?"
"Ja", bestätigte Pau, "aber das wäre es auch, wenn Du nicht da gewesen wärst. So gesehen, hast Du das Dorf gerettet. Ausserdem", fuhr er fort, "hat Herr Hebi in den letzten Tagen viel Zeit damit verbracht, sich auszumalen, wie Du sterben würdest und das hat natürlich wieder Magistrat Kenichi entlastet."
"Wie dem auch sei", wechselte er das Thema. "Fürst Hikiji sitzt beim Frühstück und er erwartet euch. Ich würde vorschlagen, dass wir zum Haus der Familie Tao gehen und ihr euch dort wascht. Danach gehen wir zum Fürsten."
Unterwegs wollte Magistrat Kenichi wissen, wie Pau Fürst Hikiji dazu gebracht hatte, die Hinrichtung abzusagen.
"Ich sagte ihm, dass wir alle unter einem starken Druck stehen und es vielleicht besser wäre, wenn wir alle eine Nacht schlafen würden. Er hatte ja eine anstrengende Reise hinter sich. Später haben wir uns dann noch ein wenig unterhalten."
"Und eure Krieger?" wollte Kenichi wissen.
Pau blickte zu Jotaro. "Die Taja-Ninjas?" sagte er und Usagi stöhnte unterdrückt auf. Pau legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Sie brauchen immer einen Augenblick, bis sie sich auf eine Situation eingestellt haben. Daher habe ich sie für den Fall der Fälle gerufen, aber ich war ziemlich sicher, dass ich sie nicht brauchen würde."
Pau lächelte spitz. "Im Gegensatz zu dem, was manche Leute vielleicht denken, habe ich Fürst Hikiji keineswegs bedroht. Wenn ich das getan hätte, hätte er sich ganz sicher zur Wehr gesetzt. So hatte er eine einfache Rückzugsmöglichkeit und er ist ja sehr klug. Er hat seine Chance gesehen und sie genutzt."
Inzwischen waren sie bei Familie Tao angekommen. Warmes Wasser, Seife, Handtücher und frische Kleidung lagen bereit.
"Und warum waren heute Morgen keine Wachen da, die auf mich aufgepasst haben?" wollte Usagi wissen.
"Ich habe Fürst Hikiji versprochen, dass Du nicht fliehen würdest", antwortete Pau und reichte jedem einen seiner Energieriegel.
Kenichi betrachtete ihn misstrauisch. "Genug Nahrung für einen Tag", erläuterte Pau.
Usagi lachte. "Wie viele habe ich davon nach meiner ersten Heilung verputzt?"
"Drei", schmunzelte Pau.
"Unglaublich", kaute Usagi, "wie viel Kraft so eine Heilung kostet."
"Ja", meinte Pau, "vor allem, wenn man bedenkt, dass ich Dich einen Tag zuvor komplett wiederhergestellt hatte und Deine Reserven eigentlich alle voll waren."
Sie tranken noch etwas und machten sich dann zielstrebig auf den Weg.
Als sie beim Haus des Magistrats ankamen, trafen sie auf eine Gruppe Reiter, die einen Gefangenen dabei hatten. Der Gefangene wimmerte vor Angst und die Wachen rissen ihn brutal herum. Er war ein Hase, wie Usagi mit langen Ohren und einem hellen, beigefarbenen Fell. Er war schon ziemlich alt. Usagi betrachtet ihn voll Mitleid. 'Was er wohl angeblich verbrochen hatte?'
"Ah", klang da die ölige Stimme von Herrn Hebi aus dem Eingang. "Magistrat Kenichi. Wie erfreulich. Wir wollten gerade nach ihnen schicken."
Sie verbeugten sich und Pau wies seine Schüler an, draussen zu warten. Im Inneren sassen bereits Fürst Hikiji und Mariko und unterhielten sich. Sie knieten vor Fürst Hikiji nieder und harrten der Dinge, die da kommen würden.
"Magistrat Kenichi", erklang Hikijis strenge Stimme.
"Bitte erheben sie sich." Sie blickten auf.
"Wir bedauern die Vorfälle der letzten Tage zutiefst", begann Hikiji. "Wie es scheint, haben wir aus den uns vorliegenden Tatsachen die falschen Schlüsse gezogen und eure Loyalität unnötigerweise in Frage gestellt."
"Wie wir inzwischen erfahren haben, sind die Lebensmittellieferungen von einem meiner eigenen Leute veruntreut worden, der noch dazu einen feigen Anschlag auf das Leben meines Vertrauten, Herrn Hebi durchgeführt hat."
Die Wachen schleiften den alten Hasen herein, der sich schwach sträubte. Sie warfen ihn vor Fürst Hikiji zu Boden, wo er weinerlich um sein Leben zu flehen begann. Hikiji betrachtet ihn mit leichter Abscheu und Hebi zischte empört. Mit einer Handbewegung liess Hikiji ihn fortschaffen.
"Aufgrund der Tatsache, dass wir uns hier selbst davon überzeugen konnten, welch hervorragende Arbeit ihr hier leistet, Magistrat Kenichi, haben wir beschlossen, die monatlichen Steuern an Lebensmitteln um die Hälfte zu kürzen. Ihr werdet das Dorf besser befestigen und die Strassen neu anlegen."
"Möchtet ihr noch einen Wunsch äussern?"
Kenichi zögerte einen Augenblick. Dann fragte er: "Wer war der Gefangene?"
Fürst Hikiji verzog keine Mine. "Es handelt sich um Hatoshi, der mir lange Jahre als Berater gedient hat. Es scheint, dass er sich in dieser Zeit bereits mehrmals ungerechtfertigt an meinem Besitz bereichert hat. Vor vier Tagen griff er in der Nacht Herrn Hebi an. Die Wachen schwärmten aus, konnten ihn aber nicht mehr finden. Stattdessen ergriffen sie unglücklicherweise Usagi und hielten ihn wegen der Dunkelheit für den Angreifer. So wurde er festgenommen und Hatoshi entkam."
"Letztlich kam der Irrtum ans Licht, weil Hatoshi bei dem Angriff sein Schwert zurücklassen musste. Als Usagi kurze Zeit später aufgegriffen wurde, hatte dieser aber keine Waffen bei sich. Meine Männer haben seit dem Morgengrauen den Wald durchsucht und Hatoshi schliesslich aufgestöbert. Als er aufgegriffen wurde, hatte er eine leere Schwertscheide bei sich, die zu dem Schwert passt, welches beim Angriff zurückgelassen wurde."
"Noch etwas?"
Kenichi verbeugte sich. "Nein, mein Fürst."
"Dann seid ihr entlassen." Sie erhoben sich und verliessen den Raum.
Sie schwiegen, bis sie ein Stück die Strasse hinuntergegangen und ausser Hörweite der Wachen waren. "Und ihr habt ihm wirklich nichts ins Essen gemischt?" fragte Kenichi schliesslich.
Pau lachte. "Fürst Hikiji ist sehr intelligent und ein exzellenter Taktiker. Alles, was ich tun musste, war ein paar Vorschläge zu machen und deren Vor- und Nachteile aufzuzählen. Gestern Abend z.B. war sich Fürst Hikiji durchaus der angespannten Situation bewusst. Ihm war klar, dass es zu einem Kampf kommen könnte und dass dabei einige seiner Männer umkommen würden."
Pau schmunzelte. "Es heisst nicht umsonst, dass man Söldner am einfachsten besiegt, Soldaten schon schwieriger und dass man um einen Bauern, der seine Scholle verteidigt einen grossen Bogen machen soll. Alles was er brauchte, war ein guter Grund, um das Ereignis ohne Gesichtsverlust absagen zu können."
"Hier oben endlich Ruhe zu haben, gibt ihm die Möglichkeit sich anderen, wichtigeren Problemen zuzuwenden. Die Tatsache, dass er hier Grösse gezeigt hat, wird sich bei den anderen Verwaltern herumsprechen und das ist auch nicht zu verachten."
Usagi wollte wissen, ob Hatoshi wirklich schuldig war. Pau sah ihn offen an. "Habt ihr Sehnsucht nach dem Richtblock?" Er wartete keine Antwort ab. "Herr Hatoshi ist nicht unschuldig." Usagi verzichtete darauf, weiter nachzubohren.
An der Kneipe erwartete sie der ewig lächelnde Ausbilder der Taja-Ninjas. "Ihr könnt das Dorf jetzt verlassen", befahl Pau ihm. Der Ausbilder sammelte seine Leute um sich und sie machten sich auf den Weg.
"Was habt ihr mit ihm gemacht?" fragte Jotaro unbehaglich.
Pau blickte ihnen geistesabwesend nach. "Ich habe einige Teile seines Bewusstseins ausgelöscht und andere verändert. Es ist nicht so, dass ich ihn zwinge etwas zu tun. Vielmehr ist es sein eigener Wunsch jeden meiner Befehle zu befolgen."
Jotaro erschauerte und auch die anderen fühlten sich auf einmal nicht mehr so wohl. "Und das hat er freiwillig mit sich machen lassen?"
Pau blickte ihn direkt an. "Ja", sagte er und Jotaro stellte keine Fragen mehr.
Am nächsten Tag früh am Morgen brach Fürst Hikiji mit seinen Männern auf. Es hatte erfreulich wenige Zwischenfälle gegeben. Hikiji hatte seine Männer gut im Griff. Trotzdem atmete das ganze Dorf befreit auf, als der letzte Soldat hinter der Biegung der Hauptstrasse verschwunden war.
Auch verlor niemand ein Wort darüber, was vor zwei Tagen geschehen war. Aber hinter vorgehaltener Hand waren die Dorfbewohner sich einig, dass Magistrat Kenichi seit dem viel gelassener und umgänglicher war.
Usagi genoss es, einmal in Ruhe in seinem Heimatdorf zu sein. Er besuchte viele alte Freunde und Bekannte und manchmal begleitete Kenichi ihn sogar. Dann konnte man in der Nacht ihr Lachen hören, wenn sie sich bei einem guten Krug Sake alte Geschichten erzählten.
Und irgendwann kam die Zeit des Abschieds. Kenichi begleitete Usagi zum Dorfplatz, wo Pau und die anderen schon warteten. "Wohin werdet ihr jetzt gehen?"
Usagi zuckte mit den Schultern. "Ich weiss es noch nicht", bekannte er. "Ich habe mich noch nicht entschieden weiter mit Pau zu reisen oder an den Hof von Fürst Noriyuki zu gehen."
"Ihr würdet eure Dienste einem neuen Herrn anbieten?" entfuhr es Kenichi überrascht.
Usagi schwieg einen Moment. "Noch nicht", bekannte er dann. "Aber ich denke, ich werde es tun. Tomoe ist dort", sagte er sehnsüchtig und Kenichi verstand.
Dann erreichten sie den Dorfplatz. Alle waren dort versammelt. Usagi blickte Kenichi fragend an.
Kenichi sank vor Usagi auf die Knie und das ganze Dorf folgte ihm. Alle verneigten sich tief vor Usagi, der wie erstarrt dastand. Kein Laut war zu hören, als Kenichi sprach: "Wir danken Dir, Usagi Miyamoto, dass Du geholfen hast unser Dorf zu beschützen."
Sie erhoben sich wieder. "Solange ich Magistrat bin, werdet ihr hier immer willkommen sein", fügte er hinzu und die Menge jubelte.
Usagi hatte Tränen in den Augen und Kenichi umarmte ihn. "Ich hoffe, ich sehe Dich bald wieder. Es ist so schrecklich langweilig ohne Dich."
Usagi musste trotz allem lachen. "Ich danke euch, Magistrat Kenichi. Das bedeutet mir wirklich viel."
"Ich weiss", antwortete Kenichi ernst. Er wandte sich an Pau.
"Bruder Pau", begann er, "trotz eurer Beteuerungen, dass ihr an der Rettung des Dorfes völlig unbeteiligt wart, fällt es mir schwer das zu glauben. Aber ich respektiere euren Wunsch und so danke ich euch nur für den seelischen Beistand, den ihr uns in dieser schwierigen Zeit geleistet habt. Und ich persönlich danke euch dafür, dass ihr es ermöglicht habt, dass ich mich an eine alte Freundschaft erinnern konnte." Pau verneigte sich.
"Ich habe gehört", fuhr Kenichi fort, "dass ihr die Schüler von Meister Katsuichi zu einem neuen Meister bringt?"
"So ist es", bestätigte Pau.
Kenichi winkte Jotaro heran. "Dann möchte ich euch bitten, auch meinen Sohn in eure Obhut zu nehmen. Ich bin sicher, dass ich keinen besseren Meister für ihn finden könnte, als den, der von Meister Katsuichi ausgewählt worden ist."
Pau wandte sich an Jotaro. "Seid ihr damit einverstanden?" fragte er.
Jotaro nickte. "Das bin ich", bekräftigte er.
"Dann bin ich bereit die Verantwortung für ihn zu übernehmen."
"Ich danke euch." Kenichi wandte sich an seinen Sohn. "Ich möchte, dass Du weisst, dass ich sehr stolz auf Dich bin."
"Vater", bedankte sich Jotaro.
Dann wandte Kenichi sich noch einmal Usagi zu. Er blickte ihm lange direkt ins Gesicht und Usagi wartete geduldig. Schliesslich senkte Kenichi den Kopf. "Ich kann es nicht", gab er leise zu.
Er atmete tief durch. "Ich kann euch noch immer nicht vergeben."
Usagi nickte verständnisvoll. "Gebt euch mehr Zeit. Ich werde wiederkommen, das verspreche ich."
Mariko reichte Jotaro ein Bündel und eine Börse mit Geld. Dann umarmte sie ihren Sohn und verabschiedete sich unter Tränen von ihm.
Die Dorfbewohner begleiteten sie noch ein Stück. Bevor sie hinter der Biegung verschwanden, winkten sie alle noch einmal. Usagi ging wie auf Wolken. Der Tag war strahlend schön, die Luft klar und rein. Er atmete tief durch und genoss, was seine Sinne ihm darboten.
Und dann fiel es ihm siedend heiss ein. Er fuhr herum und packte Pau an den Armen. "Jei!" rief er. "Inazuma. Das hatte ich völlig vergessen!"
Aber Pau lachte nur. "Beruhige Dich wieder. Ich habe mit Jei gesprochen. Er sagte, dass Kenichi nichts mehr zu befürchten hat."
Usagi fiel ein Stein vom Herzen. Nicht auszudenken, wenn er das nächste Mal ins Dorf zurückgekehrt wäre und man hätte ihm erzählt, dass Kenichi wenige Stunden, nachdem er gegangen war, von Jei ermordet worden wäre.
Pau schmunzelte. "Ich muss allerdings zugeben, dass selbst ich von Deiner Fähigkeit überaus beeindruckt bin, Dich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Gleich drei Deiner Todfeinde bei dem Versuch in die Hände zu fallen, jemand zu retten, der Dich hasst, ist eine enorme Leistung", mokierte er sich.
Sie lachten herrzlich.
Eine Woche ging ins Land. Sie zogen gen Süden, aber kamen nur langsam voran. Pau bestand darauf, dass die Schüler, die in seiner Obhut waren, ihr Training nicht vernachlässigten. Usagi kam so in den Genuss seinen Sohn Jotaro zum ersten Mal kämpfen zu sehen. Und er war mächtig stolz auf ihn. Es fehlte ihm sicherlich noch an Erfahrung und Training, aber es war schon jetzt abzusehen, dass er einmal einer der ganz Grossen sein würde.
Er gönnte Kenichi den Ruhm, der ihm zufallen würde, wenn Jotaro seinem Familiennamen Ehre machte. Schliesslich hatte Kenichi ja auch die ganze Arbeit damit gehabt, Jotaro grosszuziehen. Abends sassen sie oft lange zusammen und erzählten über sich. Die anderen hielten sich dann immer respektvoll zurück.
Pau brachte ihnen weitere Übungen des Tai Chi bei und Usagi gewann aus diesen neue Einsichten über seine eigene Kampftechnik. Pau liess ihn auch häufig die Übungen der Schüler überwachen und Usagi erkannte, wieviel ein Lehrer an seinen Schülern lernen kann. Und wie viel Spass er daran hatte, sein Wissen weiterzugeben. Er war fast ein wenig traurig, wenn er daran dachte, dass sie irgendwann bei dem Meister eintreffen würden, den Katsuichi ausgesucht hatte und er sie wieder verlieren würde.
Pau selbst sass meistens mit geistesabwesendem Blick in der Nähe. Auf Fragen antwortete er dann nur ausweichend oder überhaupt nicht. Auch die bohrenden Fragen der Schüler, wer denn der neue Meister sein würde, ignorierte er. Schliesslich gaben sie es auf und vertrauten darauf, dass Meister Katsuichi sicher eine weise Entscheidung getroffen hatte.
Aber Usagi stellte auch eine immer grössere Unruhe in sich selbst fest. Er erkannte erstaunt, dass es ihm fast nichts mehr bedeutete, dass er die erste Aufgabe gelöst hatte. Und dass er bald, wider besseres Wissen, Pau um die nächste Aufgabe bitten würde. Er war sich sicher, dass diese nicht so einfach und harmlos sein würde, wie die erste.
Auf der anderen Seite kannte Usagi sich gut genug, um zu wissen, dass da etwas in ihm war, dass ihn trieb. Er war einfach noch nicht so weit, dass er sich mit Tomoe zur Ruhe setzen konnte. Ein Leben an nur einem Ort mit Tomoe war zwar unheimlich verlockend, aber solange dieses Feuer in ihm war, wäre das Glück nicht von Dauer.
Nach einer weiteren Woche war er soweit. Er hatte eingesehen, dass er nicht vor der Aufgabe fliehen konnte. Wollte. Und was der Grund für die langsame Reise war: Pau gab ihm Zeit nachzudenken. Also ging er eines Abends zu Pau und fragte ihn. Pau war wie üblich keineswegs überrascht und teilte ihm seine neue Aufgabe mit. Usagi war wie vor den Kopf geschlagen.
In den nächsten beiden Tagen trainierte Pau die Schüler, während Usagi die Aufgabe verdaute. Er hatte sich natürlich Gedanken darüber gemacht, was es sein könnte, aber damit hatte er nicht gerechnet. Es war ein Albtraum. Er bat Pau um eine andere Aufgabe, egal was, aber dieser blieb hart.
Also überlegte Usagi, ob er sich irgendwie herauswinden konnte. Aber wie bei der ersten Aufgabe würde Pau keinen Masstab anlegen. Bei diesen Aufgaben konnte man nicht gewinnen. Man selbst gab sein Ziel vor und Usagi war sich selbst gegenüber ehrlich genug, dass er mit nichts Geringerem zufrieden sein würde, als ehrlich vor sich selbst sagen zu können, dass er die Aufgabe gelöst hatte. Es war zum Verzweifeln.
Dann begann Usagi Pau nach Details zur Aufgabe zu befragen. Und je mehr er erfuhr, desto furchtbarer wurde es.
"Ich habe das jetzt richtig verstanden", sagte er gepresst. "Sollte ich nicht erfolgreich sein oder die Aufgabe überhaupt nicht antreten, dann wird Fürst Noriyuki sterben und mit ihm viele seiner Leute?"
Pau nickte ohne die Spur eines Gefühls. Einen Augenblick lang hasste Usagi ihn dafür, aber natürlich war es nicht Pau, der Noriyuki oder Tomoe töten würde. Es würde einfach passieren, wenn er nichts unternahm. Pau teilte es ihm nur mit und eigentlich hätte er dankbar sein sollen. So hatte er wenigstens eine Chance. Er seufzte. Es war so schwer.
"Ich akzeptiere", sagte er schliesslich. "Ich werde Fürst Hikijis Leben retten."
Und Pau nickte, als wäre keine andere Antwort möglich. Geistesabwesend blickten beide in den Sonnenuntergang und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
