Der dritte Teil der Geschichte
Prolog
Das Schreiben fällt mir viel leichter, als ich dachte. Schade, dass ich nicht so gut zeichnen kann, sonst könnte ich meine Geschichten noch mit ein paar Bildern anreichern. Trotzdem viel Spass.
Der grösste Teil dieser Geschichte ist im Weihnachtsurlaub auf einem Palm Handheld geschrieben worden (Hardware: Handspring Visor und ein Stowaway Keyboard, Software: SmartDoc). Leider ist SmartDoc mir dabei mehrmals abgestürzt, aber ich hatte nie grössere Datenverluste (einmal hat der letzte Absatz gefehlt). Kann ich also empfehlen. Inzwischen habe ich upgegraded auf die neue Version von SmartDoc, dass jetzt QuickWord heisst. Mal sehen, ob das besser ist.
Neue Figuren in dieser Geschichte: Fürst Hirano, ein Nachbar von Fürst Noriyuki, Fürst Tenekka (meine Erfindung, daher kein Bild), Fürst Fujitako (wurde von Stan einmal erwähnt, aber es gibt noch kein Bild von ihm) und Fürst Mono (ebenfalls meine Erfindung).Burg Weissreiher
Nachdem Usagi sich entschieden hatte, die zweite Aufgabe anzunehmen, führte Pau wieder einen seiner Transporte durch und sie erreichten die Gegend um Burg Weissreiher, den Sitz von Fürst Noriyuki, nach zwei Tagen. Noch immer hatte Usagi sich nicht ganz erholt und er war weit davon entfernt, er selbst zu sein. Er war still und in sich gekehrt und nahm kaum von seiner Umgebung Notiz.
Sie übernachteten noch einmal im Freien und am nächsten Morgen liess Pau die Kiste mit Usagis Waffen erscheinen und gab ihm sein Daisho(1). Das war der Augenblick, wo Usagi das erste mal bemerkte, wie stark er sich bereits verändert hatte. Wie lange kannte er Pau jetzt schon? Drei Wochen? Er musste unwillkürlich schmunzeln. Seit er die erste Aufgabe begonnen und Pau sein Daisho überlassen hatte, lief er unbewaffnet herum. Und er hatte es nicht einmal bemerkt. Beim Training mit den Schülern hatte er natürlich Bokken(2) verwendet, die Pau für sie zur Verfügung stellte. Die Schüler hatten immer mit offenem Mund dagestanden, wenn er sie plötzlich in der Hand hielt.
Aber die Veränderung riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte Pau fragend an.
"Wir werden heute kämpfen," kam die ausweichende Antwort.
Usagi nahm die Aussage zu seinem eigenen Erstaunen ungerührt hin. Wenn Pau das sagte, dann wird es so passieren. Sie gingen los und assen ihr Frühstück unterwegs. Der Tag war kühl und etwas dunstig. Pau beantwortete die Fragen der Schüler und sie kamen gut voran. Gegen Mittag hatten sie das Dorf am Fusse der Burg erreicht.
Kurze Zeit später standen sie am Haupttor, es waren ungewöhnlich viele Wachen zu sehen. Die Zinnen waren voll bemannt und eine grosse Schar grimmiger Wachen versperrte den Zugang. Usagi trat vor und verbeugte sich.
"Mein Name ist Usagi Miyamoto. Bitte teilen Sie Lady Tomoe Ame mit, dass ich sie zu sprechen wünsche."
Die Wache musterte die Gruppe misstrauisch und grunzte dann: "Sie ist nicht da. Kommt morgen wieder."
Usagi blinzelte verwirrt. Natürlich konnte ihn nicht jede Wache kennen, aber sein Name sollte bekannt sein. Auch fiel ihm auf, dass auffällig viele Wachen das Tor zur Burg bewachten. 'Ist etwas vorgefallen?'
Pau trat neben ihn. Er blickte die Wache direkt an und diese begann nervös zu werden. "Vielleicht...", begann Usagi, der die Situation entspannen wollte, aber Pau unterbrach ihn.
"Er wird sterben, wenn ihr uns nicht zu ihm lasst", stellte er zu der Wache gewandt, fest.
'Wer?' dachte Usagi unbehaglich, zwang sich aber zu Ruhe. Es war sicher nicht der richtige Moment um zu fragen. Die Wache wand sich. Schweissperlen standen auf ihrer Stirn. Man sah ihr an, dass sie die unerwünschten Fremden gerne fortgeschickt hätte, er aber nicht gegen Paus Persönlichkeit ankam.
"Ich kann das nicht entscheiden", quetschte die Wache schliesslich heraus.
"Dann findet bitte jemand, der das kann", forderte Pau.
Die Wache winkte einem Diener und schickte ihn los, seinen Vorgesetzten zu informieren. "Bitte tretet zurück", befahl er, denn in Paus Nähe war ihm sichtlich unwohl.
Pau tat ihm den Gefallen und Usagi nutzte die Gelegenheit um vorsichtig zu fragen, wer denn sterben wird. "Fürst Noriyuki", lautete die knappe Antwort.
"Was?" fuhr Usagi auf und lief zur Wache zurück, um mit dem notwendigen Nachdruck Eintritt zu verlangen. Pau folgte ihm nicht, er stand nur mit einem abwesenden Gesichtsausdruck da.
Die Wache war nicht geneigt, sich auf irgendwelche Risiken einzulassen. Sie ignorierte Usagis Worte zur Gänze und achtete nur darauf, dass er nicht versuchte, sich ohne Erlaubnis an ihr vorbeizudrängen.
"Pau!" rief Usagi schliesslich, "Helft mir!"
Doch Pau reagierte nicht. Doch zu Usagis grosser Erleichterung kam der Diener zurück. Er teilte der Wache mit, dass Major Nega, der Chef der Leibgarde von Noriyuki sie sehen wollte. Sofort trat diese beiseite und liess sie passieren.
Der Diener verbeugte sich tief und bat sie, ihm zu folgen. Dann hastete er los und sie rannten hinterher. Bis auf Pau. Dieser hatte immer noch seinen geistesabwesenden Blick und kam gemächlich hinterher. Usagi fluchte innerlich, lief zurück und packte ihn am Arm. Das nächste, was er mitbekam, war ein stechender Schmerz in der Schulter und er frass Staub. Jemand drückte seinen Kopf mit einer solchen Gewalt zu Boden, dass er befürchtete, er würde zerquetscht werden. Sein Handgelenk war wie in einem Schraubstock, sein Arm wurde ihm fast ausgekugelt und zu allem Überfluss sass noch jemand auf ihm, so dass er kaum Luft bekam. Die staubige Luft tat ihr übriges, um seine Lage noch unangenehmer zu machen.
Er hörte Jotaro rufen, dann liess der Druck nach. Ohne Anstrengung zog Pau ihn wieder hoch. Usagi rieb sich die schmerzende Schulter. "Es ist besser, wenn ihr mich nicht anfasst, wenn ich abwesend zu sein scheine", erklärte Pau. "In diesem Zustand agiert meine automatische Selbstverteidigung und Du könntest verletzt werden."
Nur am Rande nahm Usagi war, wie alle zu ihnen herüber starrten. Er hatte Pau ja bereits kämpfen sehen. Jetzt hatte er am eigenen Leib erlebt, wie schnell und stark er wirklich war. Die drei Schüler standen mit offenem Mund da und der Diener war ganz bleich. "Wir sind bereit euch weiter zu folgen", sprach Pau zum Diener und dieser hastete weiter.
Sie gingen direkt zum Wohntrakt der Burg, wo Noriyukis Quartier lag. Überall waren bewaffnete und nervöse Wachen. Die Stimmung war gereizt und bedrückt. Der Diener führte sie zu den fürstlichen Gemächern, vor deren Tür Major Nega sie erwartete. Er sah sehr besorgt aus.
"Usagi-san", begrüsste er Usagi ernst und nickte den anderen kurz zu. "Ich wünschte...", begann er und Pau ging einfach an ihm vorbei zur Tür.
Sofort waren sie von Wachen mit gezogenen Schwertern umringt. "Nicht!" rief Usagi, "Er kann helfen!" drang er in Nega.
Nega stand einen Moment regungslos, dann nickte er und die Wachen zogen sich wieder auf ihre Positionen zurück. Pau war von all dem völlig unbeeindruckt geblieben und trat durch die Tür, die ein Diener für ihn öffnete. Nega und die anderen folgten leise.
Im Inneren des Zimmers waren die persönlichen Leibärzte und Heilkundigen von Noriyuki in ein Gespräch vertieft. Sie blickten auf, als Pau den Raum betrat. Einer kam zu ihnen, um mit ihnen zu sprechen, aber Pau ignorierte auch ihn. Der Arzt war empört und wollte schon laut werden, als Nega ihn ablenkte. "Nun?" fragte er eindringlich.
Der Arzt blickte Pau, der ans Bett getreten war, wütend nach. Usagi konnte am rundlichen Körper von Noriyuki keine Bewegung mehr feststellen und fragte sich entsetzt, ob sie bereits zu spät gekommen waren. Pau blieb vor dem Bett regungslos stehen.
"Wir können nur noch hoffen", antwortete der Arzt schliesslich.
"Wo ist das Objekt, mit dem das Gift verabreicht wurde?" klang die Stimme von Pau auf.
Ein Heiler wies auf eine Schale mit einem kleinen Giftpfeil, wie ihn Ninjas verwenden. Pau ging hinüber, nahm den Pfeil und hielt in ins Licht. Dann biss er ein Stück davon ab und kaute nachdenklich darauf herum. Der Arzt setzte einen höhnischen Gesichtsausdruck auf und schien tatsächlich ein wenig enttäuscht zu sein, als Pau keine Reaktion zeigte. Schliesslich spukte Pau den Brei in eine leere Schale.
"Ich kann ihn retten", verkündete er dann, "Aber dazu brauche ich euer Vertrauen." Er blickte Major Nega abwartend an.
Major Nega wandte sich an Usagi. "Ich bürge für ihn. Wenn er sagt, dass er ihm helfen kann, dann ist das so", schwor Usagi und Nega entschied, es zu versuchen.
Sofort scheuchte Pau alle aus dem Raum. Die Heiler und Ärzte gingen unter Protest, aber fügten sich Negas Befehl. Pau hielt nur Jotaro zurück. Als alle fort waren, gebot Pau die Fenster zu schliessen und zu verriegeln. Dann trat er ans Bett und Noriyukis Körper verschwand. Verblüfft blickte Jotaro in die Kuhle, wo der Fürst eben noch gelegen hatte. Pau wies in leise an, niemand den Raum betreten zu lassen und ging dann zur Tür.
"Wo ist er?" verlangte Jotaro leise zu wissen.
"An einem Ort ohne Zeit. Dort kann er nicht sterben, weil das Zeit braucht und das gibt es dort nicht. So kann ich ihn so lange zurückhalten, bis ich alles für die Heilung vorbereitet habe."
An der Tür blieb Pau ein paar Minuten stehen, öffnete sie dann und trat schnell in den Gang hinaus. Jotaro schloss die sofort wieder, so dass niemand einen Blick in den Raum werfen konnte. Ihm war ein wenig unbehaglich zumute. Was sollte er tun, wenn jemand versuchte, den Raum zu betreten?
Von draussen hörte er ein Stimmengewirr. Alle redeten auf Pau ein, der schliesslich Ruhe gebot. "Wo ist der Attentäter?" erkundigte er sich bei Nega.
"Wir haben ihn noch nicht gefunden, sind aber sicher, dass er die Burg noch nicht verlassen hat. Wie geht es Fürst Noriyuki?"
"Findet ihn. Ich benötige mehr von dem Gift", verlangte Pau. "Fürst Noriyukis Zustand ist jetzt stabil, aber niemand darf versuchen, das Zimmer zu betreten. Der Zauber, den ich verwendet habe, um das Fortschreiten des Verfalls zu stoppen, ist sehr empfindlich und zerfällt leicht. Jemand muss auf dieser Seite der Türe horchen und mich sofort rufen, wenn mein Schüler Jotaro nach mir ruft."
Dann schwieg Pau wieder einen Moment mit seinem abwesenden Gesichtsausdruck. Schliesslich hob er den Giftpfeil gegen das Licht und betrachtete ihn sorgfältig. Im Hintergrund war das wütende Gemurmel der Heiler und Ärzte zu hören.
Schliesslich legte Pau den Pfeil in die flache Hand und fing an etwas in einer seltsam eintönigen und singenden Sprache zu intonieren. Der Pfeil fing an zu leuchten und löste sich von der Hand, bis er einen Fingerbreit über der Handfläche schwebte. Dann begann er sich zu drehen, erst langsam, dann ... zielstrebig. Schliesslich verharrte er.
"Mahotsukai(3)", flüsterte jemand.
"Sammelt ein paar eurer Leute", befahl Pau konzentriert.
Nega gab einigen Wachen einen Wink und Pau setzte sich in Bewegung. Während er lief, begann der Pfeil sich wieder zu drehen. Pau ging ein Stück den Gang hinunter, dann ging er die Treppe nach unten und verliess das Haus. Nega und seine Männer folgten in respektvollem Abstand und kampfbereit. Zielstrebig ging Pau zu einem Lagerhaus.
Er winkte Nega herbei und lief an der Wand entlang. Usagi konnte sehen, dass sich der Pfeil jetzt schneller drehte. Eine Seite schien immer an die gleiche Stelle zu zeigen. Irgendwo innerhalb des Lagerhauses.
Nega verstand. Er winkte seine Männer herbei, aber Pau hielt ihn zurück. Pau ging zur Wand bis der Pfeil senkrecht ins Innere des Gebäudes wies. Achtlos liess er ihn fallen und formte mit den Händen eine Schale, und legte sie auf die Wand. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich. Ein seltsames, tiefes Brummen erfüllte plötzlich die Luft. Licht schoss zwischen den Fingern von Pau hervor und dann war es vorbei.
Pau nickte Nega zu, der mit seinen Männern sofort das Lager stürmte. Nach wenigen Augenblicken kamen sie mit einem leblosen Körper zurück. Sie warfen ihn auf den Boden. "Er war bewusstlos, als wir ihn fanden", berichtete eine Wache.
"Ich weiss", murmelte Pau und begann den Körper systematisch abzusuchen. In dem Moment kam ein Diener herbeigelaufen. "Die Heiler ...", japste er und Nega zerbiss einen Fluch auf den Lippen. Sofort lief er los und alle bis auf vier seiner Männer folgten ihm. "versuchen mit Gewalt die Gemächer von seiner Lordschaft zu betreten", rief der Diener ihnen hinterher.
Pau schüttelte nur den Kopf und setzte seine Suche fort. Schliesslich fand er ein kleines Röhrchen mit einer schwarzen, klebrigen Substanz. Mit einem weiteren Giftpfeil holte er ein bisschen davon heraus und begann sie zu untersuchen. Schliesslich leckte er den Tropfen ab und rollte ihn ein wenig in seinem Mund herum. Als er zufrieden war, grub er mit den Händen ein kleines Loch im Boden, spuckte das Gift hinein und klopfte die Erde wieder fest.
Er verschloss das Röhrchen und steckte es ein. "Usagi und ich werden die Burg kurz verlassen, aber in etwa einer Stunde wieder hier sein."
Die Wachen nickten.
Pau Tai griff nach Usagi und sie fanden sich in einem lichten Wald wieder. Pau stand reglos und Usagi wartete mit ihm. Kurze Zeit später waren Pferdehufe zu hören. Eine Gruppe von Reitern näherte sich.
Usagi blickte angestrengt zwischen den Bäumen hindurch. Dann sah er sie. "Tomoe!" schrie er vor Freude und winkte.
Tomoe riss sofort ihr Pferd herum und ritt viel zu schnell auf Usagi zu. Kaum dass die ihn erreicht hatte, sprang sie vom Pferd und schlang ihre Arme um ihn.
"Ich habe Dich schrecklich vermisst", gestand sie. Usagi war die Szene etwas peinlich. Vorsichtig hielt er sie, aber ihre Leute waren alle intensiv damit beschäftigt den umgebenden Wald zu beobachten, als würde er eine ganze Armee von Feinden beherbergen, die jeden Moment hervorbrechen konnte.
Pau hatte Tomoes Pferd gefangen und wartete mit den Zügeln in der Hand.
Als Tomoe sich von Usagi löste, befahl er: "Wir kehren zur Burg zurück."
Voller Zorn blickte Tomoe ihn an: "Ich werde diesen feigen Ninja nicht entkommen lassen!" widersetzte sie sich finster.
Usagi wurde sehr unruhig, als sie das sagte. Er hatte inzwischen gelernt, dass man Paus Ratschläge nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte und seine Befehle noch viel weniger.
Pau blickte sie emotionslos an: "Wie ihr wünscht."
Er drehte sich um und ging voran. "Unsere Feinde erwarten uns bereits."
Tomoe war gerade dabei aufzusteigen: "Wie meint ihr das?" fragte sie misstrauisch.
"Es ist eine Falle."
Dann ertönten Kampfschreie aus vielen Kehlen und der Wald wurde lebendig.
Tomoe war mit 20 Mann aufgebrochen um einen Ninja zu fangen. Sie konnte nicht abschätzen, wie viele es waren, aber plötzlich waren sie überall.
Usagi war sofort kampfbereit, als der erste Schrei ertönte. Er blickte zu Pau herüber, der auf so etwas wie eine winzige Lichtung getreten war. Und so konnte er als einziger sehen was geschah.
Pau hatte so etwas wie eine Grundstellung eingenommen. Langsam näherte sich seine rechte Hand seinem Kopf und griff dann weiter nach hinten, so als ob er ein Schwert auf seinem Rücken ziehen wollte.
Als seine Hand anhielt, war da plötzlich ... etwas. Die Zeit schien zu gefrieren. Alles lief in Zeitlupe ab. Ein Schwert mit einem langen Griff und einer kurzen, breiten Klinge war erschienen. Und dieses Schwert beobachtete sie!
Usagi konnte spüren, wie das Ding ihn betrachtete. Analysierte. Seine Stärken und Schwächen abwog. Ihn als minderwertigen Gegner einstufte. Er spürte Kälte, Tot, den Willen und die Fähigkeit zu vernichten. Es war entsetzlich fremd und mit Ekel spürte er, wie es nicht nur seine Bewegungen, sondern seine Gedanken beobachtete. Abwartete. Auf den Gedanken wartete, mit dem Usagi angreifen würde, um ihn dann auszulöschen, wie ein Sturm ein Streichholz.
Pau umfasste den Griff und das Ding erwachte zu vollem Leben. Die Klinge glühte in einem kalten, blauen Licht auf und versprach den Tod oder Schlimmeres. Vor allem Schlimmeres.
Es amüsierte sich nicht über ihre Angst.
Es war Angst.
Pau zog das Schwert mit einer fliessenden Bewegung. Er war jetzt der einzige, der sich noch bewegte. Alle anderen waren starr vor Angst und nur ihre Augen, die jeder Bewegung dieser Waffe weit aufgerissen folgten, gaben Zeugnis davon, dass noch Leben in ihnen war. Noch.
Pau sprang und ein leuchtender, blauer Bogen wirbelte um ihn und traf den ersten Ninja. Die Waffe glitt durch den Körper, als wäre er Luft. Kein Laut war zu hören, nicht das Knirschen der Knochen noch sonst irgendein Geräusch. Wie zum Hohn. Denn sie konnten den Tod des Ninjas spüren. Wie das Schwert seine Seele aus dem Körper riss.
Sie vergewaltigte.
Sezierte.
Aufsaugte.
Usagi brach zusammen.
Er konnte nicht mehr.
Noch immer spürte er den Tod des Ninjas in jeder Faser seines Seins. Aber sein Körper weigerte sich weiter zu laufen. Er war über und über mit Schrammen und Blessuren bedeckt. Wie ein Tier hatte die Panik ihn im Griff.
Trieb ihn zur besinnungslosen Flucht.
Nur fort von diesem Ort.
Usagi wusste nicht wo er war oder wie lange er so gelaufen war. Sein Herz hämmerte, als wollte es zerspringen und jeder Atemzug war eine Qual. Er hatte einen metallischen Geschmack im Mund, der sich völlig ausgetrocknet anfühlte. Rote Flecken tanzten vor seinen Augen. Die Ohnmacht erlöste ihn schliesslich gnädig.
Als er wieder erwachte, lag er in einem Bett. Eine lange Zeit lag er einfach nur da, regungslos. Starrte mit Augen, die nicht sahen, die Decke an. Dann richtete er sich ruckartig auf. Der Schmerz liess ihn nach Luft schnappen und er fiel steif wieder ins Bett zurück. Sofort war ein Diener bei ihm.
Usagi sah die Besorgnis im Blick des Dieners. 'Wo bin ich?' Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war, dass er mit den anderen bei Burg Weissreiher angekommen war. Dann war da noch etwas gewesen. Etwas mit Fürst Noriyuki, aber es wollte ihm einfach nicht mehr einfallen.
Nervös wartete der Diener ab, dass Usagi ihn ansprach. "Wo bin ich ?" fragte er schliesslich.
Der Diener fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, bevor er antwortete. "Ihr seid in Sicherheit in der Burg Weissreiher seiner Lordschaft Noriyuki."
Und als hätte er Angst die Worte zu sprechen, fügte er hinzu: "In einem Gästequartier."
Die Tür öffnete sich, und Pau trat ein. Er lächelte nicht und sprach auch kein Wort. Sofort zog sich der Diener demütig zurück und senkte den Kopf. Pau trat zu Usagi und legte eine Hand auf seinen Kopf.
Usagi wollte schon anfangen Fragen zu stellen, aber sein Instinkt hielt ihn zurück. Er hatte das sichere Gefühl, dass Pau im Moment nicht sehr gesprächig war. So schluckte er die Fragen hinunter, die ihm auf der Zunge brannten und ertrug die Untersuchung.
Als Pau fertig war, stand er auf und verliess das Zimmer ohne ein weiteres Wort. Usagi fragte sich bedrückt, ob er etwas Dummes getan hatte. Etwas, dass selbst Paus Zorn geweckt hatte.
Unbehaglich blickte er zu dem Diener, der sich womöglich noch tiefer verbeugte. Bevor er den Mund öffnen und eine Frage stellen konnte, sprach dieser: "Verzeiht, Hoher Herr. Bruder Pau hat uns ausdrücklich verboten eure Fragen zu beantworten!"
Usagi konnte die Angst aus der Stimme des armen Mannes heraushören. Er schluckte hart. Was war nur vorgefallen? Verzweifelt wühlte er in seiner Erinnerung, aber das letzte, an das er sich erinnerte war, dass Major Nega von der Leibwache von Fürst Noriyuki sie zu seiner Lordschaft gebracht hatte.
Danach war nichts mehr. Als ob jemand die Erinnerungen ausgelöscht hatte. Pau? Usagi überlegte, ob er aufstehen sollte. Seltsamerweise fühlte er sich schwach und ausgelaugt. Er zog die Beine an, um bequemer sitzen zu können und stöhnte, als die Muskeln protestierten.
War er gerannt? Stöhnend legte er die Arme um die Knie und dann fiel sein Blick auf die vielen Striemen und Wunden an seinen Armen. Und mit dem Sehen kam der Schmerz. Plötzlich brannte sein Gesicht, die Ohren, die Beine, die Arme, einfach alles.
Einen Moment raubte der Schmerz ihm den Atem und ihm wurde schwarz vor Augen. Sofort war der Diener zur Stelle und half ihm, sich vorsichtig hinzulegen.
Seltsamerweise tat sein Rücken nicht weh und er konnte einigermassen ruhig liegen. Der Diener brachte Wasser und half Usagi zu trinken. Dann fütterte er ihn. Usagi wollte protestieren, aber er musste einsehen, dass das kurze Hinsetzen ihn sehr viel Kraft gekostet hatte. Und sein Gedächtnis schwieg wie der Diener.
Kurze Zeit später schlief er wieder ein. Als er das nächste mal aufwachte, sass Shunji neben seinem Lager. Auch er sah besorgt aus. Usagi versuchte zu lächeln, aber sein Gesicht musste so ähnlich aussehen, wie seine Arme. Zumindest fühlte es sich so an.
"Tomoe?" fragte er leise. Shunji öffnete den Mund, aber dann konnte Usagi sehen, wie ihm etwas einfiel. Er senkte den Kopf, weil er Usagi nicht in die Augen sehen konnte, als er sagte: "Pau hat uns verboten irgendwelche Deiner Fragen zu beantworten. Er war sehr ... eindringlich."
Usagi lachte auf und stöhnte, als eine Welle des Schmerzes durch seinen Körper lief. Ja, Pau konnte sicher sehr ... eindringlich werden. "Wenn Pau das gesagte hat, dann ist es sicher richtig", beruhigte er Shunji.
Shunji war die Situation sichtlich unangenehm. "Ähm", begann er, "Pau hat das hier dagelassen, falls Du Hunger hast." Er hielt einen von Paus Energieriegeln hoch. Usagi nickte. Shunji schnitt sorgfältig ein Stück davon ab und schob es Usagi in den Mund.
Er kaute vorsichtig, aber es war zu ertragen. Zum wiederholten Male fragte er sich, wie seine Verletzungen entstanden sein könnten. Seine Beine fühlten sich an, als ob er tagelang gerannt war. Aber die Schrammen überall schienen darauf hinzuweisen, dass er geschleift worden war.
Aber warum war nur seine Vorderseite verletzt? Er zuckte innerlich mit den Schultern. Das Rätsel gab ihn wenigstens etwas zu tun, während er dalag und wartete. Er bat Shunji um Wasser und trank bedächtig. Dann meditierte er über seinem Problem, bis der Schlaf wieder kam.
Pau sass neben seinem Bett, als Usagi wieder erwachte. Dieses mal ging es ihm schon viel besser. Seine Wunden schmerzten nur noch leicht. Als er den Arm hob, konnte er sehen, dass sein Fell am Körper klebte. Eine glänzende Schicht bedeckte die ganzen Arme, das Fell und die Wunden. Pau sagte nichts, schien sich aber wieder beruhigt zu haben.
Vorsichtig tastete Usagi nach der Schicht. Sie fühlte sich glatt und ein wenig ölig an. Wenn er eine seiner Wunden berührte, dann spürte er einen leichten Stich, aber kein Vergleich zu dem Zustand vorher.
"Werdet ihr meine Fragen beantworten?" fragte er Pau.
Pau blickte ihn ausdruckslos an. Dann verneigte er sich. "Ich habe einen Fehler begangen. Euch trifft keine Schuld", entschuldigte er sich.
"Ich habe mich zuerst um diejenigen gekümmert, die schlechter dran waren, als ihr."
"Tomoe geht es gut", antwortete er, bevor Usagi seine Frage aussprechen konnte.
"Könnt ihr mir sagen, was vorgefallen ist?" fragte Usagi.
"Das würdet ihr nicht wollen", wies Pau ihn ab. "Nur soviel. Ich habe eine Waffe eingesetzt, die Furcht und Schrecken verbreitet. Sie hat hervorragend funktioniert. Alle, unsere Feinde und Freunde, suchten ihr Heil in der Flucht."
"Es hat mich fast einen ganzen Tag gekostet, alle einzusammeln. Zwei von Tomoes Leuten haben nicht überlebt", schloss er unzufrieden.
'Daher also die Wunden', dachte Usagi. "Ich bin in kopfloser Panik durch einen Wald davongelaufen?"
Pau nickte. "Dann will ich wohl wirklich keine Details wissen", versuchte sich Usagi an einem kleinen Scherz.
"Tomoe ist noch nicht erwacht, wird aber ebenfalls keine bleibenden Schäden davontragen."
Usagi betrachtete seine Arme. Viele von den kleinen Wunden schienen bereits fast verheilt zu sein. "Künstliche Haut", erläuterte Pau. "Nicht sehr effektiv bei Fell."
"Wird bald anfangen zu jucken", drohte er.
"Dann habe ich ja schon etwas, auf das ich mich freuen kann", kam die sarkastische Antwort. "Ihr könnt Fürst Noriyuki mein Bedauern ausrichten, dass ich ihm noch nicht meine Aufwartung gemacht habe."
Er runzelte die Stirn. "Habe ich nicht, oder?"
"Was ist das Letzte, an dass ihr euch erinnert?"
"Wir haben uns mit Major Nega, dem Stellvertreter von Tomoe, getroffen. Die ganze Burg war in Aufruhr", erinnerte er sich. Besorgt blickte er Pau an.
"Ist etwas mit Fürst Noriyuki?"
"Er wurde vergiftet, wird aber überleben. Der Ninja, der ihn angegriffen hat, ist gefasst. Ich bin dabei, ihm sein Wissen zu entlocken. Ein weiterer Ninja wurde von Lady Tomoe verfolgt und sie geriet in einen Hinterhalt. Dort sind wir beide zu ihr gestossen."
"Und dort habt ihr eure Waffe eingesetzt", vervollständigte Usagi das Bild. Pau nickte.
"Dann kann ich ja noch ein wenig liegenbleiben."
Pau erhob sich. "Ich muss wieder nach den anderen sehen."
Usagi blickte ihm nach, wie er den Raum verliess. In der Tür rief er ihm noch nach: "Danke für alles, was ihr für uns tut."
Pau blickte noch einmal zurück. "Danke, dass ihr euch von mir helfen lasst", antwortete er und ging.
Usagi konnte den Energieriegel riechen. Vorsichtig drehte er den Kopf und fand ihn. Bedächtig kaute er ein weiteres Stück. Eine Waffe, die jeden in solche Panik versetzen konnte, dass er kopflos davonlief. Er erschauerte. Manchmal war Pau so normal, dass man leicht vergass, mit was man es zu tun hatte.
Pau konnte sagen, was er wollte. Usagi war sich sicher, dass er tot und sein Heimatdorf zerstört worden wäre, wenn Pau nicht irgendwie auf Fürst Hikiji eingewirkt hätte. Er hatte die erste Aufgabe erfüllt. Zu seiner eigenen Zufriedenheit erfüllt. Aber ohne Pau wäre er dort gestorben.
Nicht zum ersten Mal wunderte er sich, warum Pau das tat. Besorgt fragte er sich, ob damit ein Preis verbunden war. Ob Pau irgendwann etwas von ihm fordern würde. Ob er ablehnen können würde.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als er das nächste Mal erwachte. Jetzt fühlte er sich schon deutlich besser. Vorsichtig bewegte er die Beine, aber er hatte einen enormen Muskelkater. Er seufzte. Ein heisses Bad wäre jetzt schön.
Ein Diener trat an sein Lager und als ob er seine Gedanken erraten hatte, teilte er ihm mit, dass im Badehaus alles vorbereitet wäre. Einzig der Gedanke, welche der Probleme ihm der Weg bereiten würde, hielt Usagi kurz zurück. Dann nickte er tapfer.
Während er steif versuchte aufzustehen, winkte der Diener vier weitere heran. Sie traten an sein Bett. Der Diener bat ihn, sich wieder hinzulegen. Verwundert kam Usagi dem Wunsch nach. Dann bückten sich die Diener und jeder ergriff eine Ecke von dem Tuch, auf dem Usagi lag. Mitsamt dem Kopfkissen und der Zudecke trugen sie ihn davon.
Usagi war die Prozession sehr peinlich, aber er gestand sich ein, dass das sehr viel angenehmer war, als selbst zu laufen, obwohl jede Bewegung des Tuches ihn die Zähne zusammenbeissen liess.
Im Bad angekommen, entschuldigte sich der Diener und entfernte vorsichtig seine Zudecke. Usagi wartete ab, dass sie ihn absetzen würden, aber statt dessen wurde er mit dem Tuch direkt in die Wanne gelegt.
Das heisse Wasser war mit Ölen versetzt und roch sehr angenehm. Es biss leicht in die Haut, aber es fühlte sich wunderbar an. Seelig schloss er die Augen und trieb in der Wohltat. Die Diener beschwerten das Tuch sorgfältig mit Steinen, so dass er still liegen konnte, ohne befürchten zu müssen, dass sein Kopf unter Wasser geriet.
Eine Weile später wurde neues, heisses Wasser nachgegossen, aber Usagi merkte es nicht, denn er war wieder eingeschlafen.
Er wachte halb auf, als er aus dem Wasser gehoben wurde. Jemand trug ihn auf den Armen und er konnte im Halbschlaf kichernde Frauenstimmen hören. Er wurde auf den Bauch auf einen Tisch gelegt, der mit warmen, duftenden Tüchern bedeckt war.
Vorsichtig wurde er abgetrocknet und dann begannen geschickte Hände ihn zu massieren. Das war furchtbar und herrlich zugleich. Seine Muskeln protestierten bei der Bewegung, aber der Schmerz liess schnell nach und eine wohlige Wärme breitete sich in ihm aus.
Schliesslich liessen wie von ihm ab. Er wurde nochmal in warme Tücher gewickelt und zurück in sein Zimmer getragen.
Währenddessen war Pau wieder bei Tomoe. Er sass am Kopfende ihres Bettes und hielt ihren Kopf in den Händen. Kein Laut ausser ihrer Atmung war zu hören.
Zu Anfang atmete Tomoe abgehackt und unregelmässig, aber mit der Zeit wurde ihr Atem immer tiefer und gleichmässiger. Schliesslich schlug sie die Augen auf. Das erste, was sie sah, war Paus Gesicht, über sie gebeugt.
"Hallo", begrüsste sie ihn schwach.
"Hallo Tomoe."
"Wo ..?"
"Ihr seid in Burg Weissreiher. Ich kümmere mich um Fürst Noriyuki, er wird leben."
Sie lächelte ihn dankbar an. Ihr Mund öffnete sich für die nächste Frage.
"Ihr habt den Ninja verfolgt und seid in einen Hinterhalt geraten. Dann habe ich einen Fehler gemacht. Es hat mich fast einen Tag gekostet euch alle wieder einzusammeln."
Er lächelte entschuldigend. Tomoe überlegte. Sie konnte sich nur noch erinnern, wie sie den Ninja verfolgt hatten.
"Ihr könnt euch nicht mehr daran erinnern. Durch meinen Fehler habt ihr alle einen Schock erlitten und dann funktioniert das Gedächtnis nicht mehr. Daher habt ihr keine Erinnerung an das, was vorgefallen ist."
"Das hat zwei eurer Leute das Leben gekostet", erklärte Pau ernst. "Von den Ninjas sind die meisten inzwischen gestorben und die restlichen irren mit verwirrtem Geist durch den Wald."
Trauer war auf seinem Gesicht zu sehen. "Nur einer wird die Nacht überstehen."
"Einer von Sechzig" fügte er leise hinzu.
Wieder konnte Tomoe die Grösse dieses Mannes nur bewundern. Der Verlust von zweier ihrer Männer wog schwer, aber viel wichtiger war, dass die Ninjas fast alle gefallen waren. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie könnte nie Mitleid mit diesen Kreaturen haben. Aber Pau trauerte um jeden. Freund oder Feind.
"Ich danke euch für das, was ihr auf euch genommen habt, um meinen Herrn zu schützen", dankte sie ihm ernst.
"Was ist mit unseren Pferden?" erkundigte sie sich nach einer kurzen Pause.
"Bis auf zwei wieder im Stall. Alle sehr erschöpft, aber sie werden sich ebenfalls wieder erholen. Die beiden, die fehlen, sind bei ihrer wilden Flucht in eine Schlucht gestürzt."
"Sagt euch der Name Tenekka etwas?"
Tomoe überlegte einen Moment. "Fürst Tenekka ist unser Nachbar im Osten. Es gibt Gerüchte, dass er Truppen zusammenzieht, aber niemand weiss, gegen wen er ziehen will. Falls er überhaupt Truppen aushebt. In der Vergangenheit gab es keine Probleme zwischen uns und ihm."
"Gibt es etwas spezielles, das ihr wissen möchtet?"
"Hat er Fürst Noriyuki jemals persönlich getroffen?"
Tomoe dachte nach. "Ich glaube, die beiden haben sich in Edo einmal kurz gesehen." Sie sah Pau an. "Warum?"
"Er ist auf dem Weg hierher und wird in ein paar Stunden eintreffen."
Tomoe zuckte mit den Schultern. "Wir werden ihn vertrösten, bis Fürst Noriyuki wieder auf den Beinen ist."
Pau verzog das Gesicht. Er schien nicht überzeugt zu sein.
"Da ist mehr, oder?" fragte sie.
"Ich vermute, dass er hinter dem Attentat steckt oder zumindest davon weiss" antwortete Pau. "Er wird sich nicht hinhalten lassen."
"Er hat ungefähr zweitausend Mann ausgehoben und diese stehen an der Grenze bereit. Wenn er nicht auf Noriyuki trifft, dann werden diese wahrscheinlich über dieses Fürstentum herfallen", dachte Pau laut nach. "Das ist zumindest das, was ich tun würde."
Tomoe seufzte. Sie würden sich etwas einfallen lassen müssen. "Wie lange braucht ihr noch, bis ihr meinen Herrn geheilt habt?"
"Drei Tage. Es wird schon schwierig genug werden, dass keine Gerüchte entstehen, weil er so lange fort ist. Fürst Tenekka so lange hinzuhalten, halte ich für aussichtslos."
Major Nega erschien mit einem Diener in der Tür. Er verneigte sich. "Lady Tomoe", begann er, "ein Abgesandter von Fürst Tenekka ist eingetroffen. Er lässt uns mitteilen, dass sein Herr auf dem Weg ist und eine Audienz bei Fürst Noriyuki wünscht."
"Er verliert wirklich keine Zeit", fluchte Tomoe. Sie fühlte sich entsetzlich schwach und das jetzt, wo sie es nicht sein durfte.
Pau reichte ihr einen Energieriegel. Nachdenklich kaute sie darauf herum. Was sollte sie tun?
"Vertraut ihr mir?" fragte Pau.
Tomoe musste unwillkürlich lächeln. "Natürlich. Ich nehme an, ihr habt einen Plan?"
Pau nickte schlicht. "Was sollen wir tun?" erkundigte sich Tomoe.
"Zieht euch an, euer Herr wird Fürst Tenekka empfangen." Pau grinste schelmisch.
An Major Nega gewandt befahl er: "Teilt dem Boten mit, dass sich seine Lordschaft geehrt fühlt und gerne bereit ist, ihn zu empfangen. Wenn er in der Burg bleiben will, dann haltet ein Auge auf ihn, denn er wird spionieren."
Major Nega blickte Tomoe an, die den Befehl bestätigte. Der Major und der Diener verbeugten sich und gingen.
Tomoe schlug die Zudecke zurück und versuchte aufzustehen. Mit Paus Hilfe schaffte sie es, aber ihr wurde klar, dass sie nicht weit kommen würde. "Wir werden euch tragen lassen", entschied Pau. "Was wollt ihr anziehen?"
Mit Hilfe von einigen Dienerinnen kleidete Tomoe sich an, während Pau Major Nega aufsuchte. Sie trafen vor Fürst Noriyukis Gemächern zusammen. Einige Wachen, die Pau schon von früher kannten, bewachten den Zugang. Auch ein Heilkundiger war dort, der Pau finster musterte. Als Tomoe gebracht wurde, stürzte er sich sofort auf sie.
Er begann sich bitter über die Art und Weise zu beschweren, mit der er und die anderen behandelt wurden. Sicher wäre es besser, wenn sie der Behandlung durch Pau beiwohnen würden.
Tomoe, die ahnte, was Pau getan hatte, blickte zu ihm herüber. "Niemand darf den Raum betreten, nicht war?"
Pau nickte. Sie wandte sich wieder an den Heiler: "Ich bedauere zutiefst, dass ich euch verbieten muss, zu versuchen das Zimmer von seiner Lordschaft zu betreten."
Der Heiler erbleichte.
"Seid versichert," fuhr Tomoe fort, "dass ich die Heilmethoden von Bruder Pau kenne und ... es fehlen euch die Möglichkeiten, diese umzusetzen. Daher wäre es sinnlos, wenn ihr während der Heilung anwesend wärt. Ich verspreche euch, dass ich euren Einsatz lobend erwähnen werde, wenn seine Lordschaft wieder genesen ist."
Sie atmete tief durch und stand dann auf. Am wütenden Heiler vorbei trat sie zu Pau, der an die Tür klopfte: "Shunji, ich komme mit zwei Besuchern."
Nach einer Weile erklang es ernst von innen: "Ich bin bereit. Ihr könnt den Raum jetzt betreten." Die Tür öffnete sich gerade soweit, dass eine Person hindurchtreten konnte.
Pau betrat den Raum, gefolgt von Tomoe und Major Nega. Shunji beobachtete Tomoe und den Major misstrauisch. Hoffentlich wusste Pau, was er tat.
Major Nega blickte auf das leere Bett. Er war nicht überrascht. So etwas ähnliches hatte er erwartet. Er blickte zu Tomoe, die sich erschöpft auf einen Stuhl gesetzt hatte.
"Wie lautet euer Plan?" fragte sie schwer atmend.
"Ich werde als Fürst Noriyuki Fürst Tenekka empfangen", antwortete Pau schlicht.
Tomoe sah ihn von unten her an. "Darum wolltet ihr wissen, ob die beiden sich schon getroffen haben." Sie schüttelte den Kopf. "Fürst Tenekka weiss wie mein Herr aussieht. So wird das nicht funktionieren." Sie blickte zu Boden.
"Ich denke doch", kam es fröhlich von Pau. "Der Grund, warum ich wissen wollte, ob sich die beiden kennen, ist, dass ich wissen muss, ob Fürst Tenekka Fürst Noriyukis Stimme erkennen würde."
Tomoe runzelte die Stirn, da hörte sie den erstaunten Ausruf von Nega. Sie blickte auf und sah dort Fürst Noriyuki stehen. Wie aus Reflex wollte sie sich verbeugen, da sprach ihr Fürst mit der Stimme von Pau: "Echt genug?" und drehte sich um seine eigene Achse.
Tomoe konnte nur nicken. Die Täuschung war gut, fast perfekt. Pau bewegte sich nur anders und seine Sprache verriet ihm. Aber während der Audienz würde er sitzen und sich sparsam bewegen. Während sie seine Kleider aussuchten, plapperte Pau: "Mein Name ist Fürst Noriyuki. Ich bin das Oberhaupt des Geishu-Klan und meine Residenz ist in der Burg Weissreiher."
Tomoe und Nega korrigierten die Stimme, bis sie zumindest so ähnlich klang, wie die von Noriyuki. Dann legte Pau sich ins Bett und sie riefen nach den Dienern, die ihn waschen und ankleiden sollten.
Tomoe sass währenddessen auf ihrem Stuhl und erholte sich etwas. Nega beobachtete, wie Pau an den Dienern übte. Geschickt nutzte er die Gerüchte über seine Krankheit aus, um kleinere Fehler zu überspielen.
Als seine Lordschaft fertig angekleidet war, rief Nega die Leibwache und ein weiterer Stuhl wurde für Noriyuki gebracht. Neben Tomoe wurde er zum Audienzzimmer getragen. Seine persönliche Leibwache verteilte sich im Raum und setzte sich an den Wänden.
Nega musste die Art und Weise bewundern, wie Pau entlarvende Situationen meisterte. Seine Bewegungen wirkten ganz leicht fahrig und müde, als hätte er gerade eine schwere Krankheit überstanden und wäre jetzt das erste mal wieder auf den Beinen.
Im Gegensatz dazu war die Erschöpfung von Lady Tomoe echt. Besorgt überlegte Nega, was passieren würde, wenn sie mitten in der Audienz zusammenbrach.
Er konnte sehen, wie Pau sie an der Schulter berührte. "Geht es?" fragte er freundlich und einen Moment war er Noriyuki.
Danach schien es Tomoe besser zu gehen. Sie nickte und setzte sich aufrechter hin.
Fürst Tenekka liess sie warten. Nega konnte sehen, wie es in Paus Gesicht arbeitete. Schliesslich sagte er: "Schickt nach Kaneda." Sofort lief ein Diener los. Nega fragte sich misstrauisch, was er vor hatte, aber Tomoe schien keinen Anstoss daran zu nehmen. Also hielt er sich zurück. Sicher wusste sie, was sie tat.
Kurze Zeit später kehrte der Diener mit Kaneda zurück. Gleichzeitig traf ein Diener mit der Botschaft ein, dass Fürst Tenekka eingetroffen war. Pau nickte und teilte dem Diener mit, er solle Fürst Tenekka sagen, dass er sofort bereit wäre, ihn zu empfangen.
Der Diener verneigte sich und eilte davon. Kaneda nahm währenddessen seinen Platz vor Pau ein. Er verbeugte sich tief: "Mein Fürst."
Pau seufzte leicht. "Ich benötige euer Leben und das von 14 weiteren vertrauenswürdigen Männern", begann er. "Ihr werdet euch bewaffnen und die Stadt auf einer Nebenstrasse verlassen. Ausserhalb der Stadt werdet ihr meine Insignien ablegen und auf dem Hügel neben der Hauptstrasse warten."
"Wenn heute Nacht im Turmfenster ein blaues Feuer leuchtet, dann werdet ihr Fürst Tenekka auflauern, wenn er uns verlässt und ihn töten."
Nega war entsetzt. Einen anderen Fürst hinterhältig anzugreifen, war eines der schändlichsten Verbrechen, die er sich überhaupt vorstellen konnte. Er wollte schon aufspringen und Pau seine Maske vom Gesicht reissen, als Tomoes Stimme erklang.
"Wir wissen, dass wir etwas unehrenhaftes von euch verlangen und wir würden das nicht tun, wenn wir einen anderen Ausweg wüssten. Was auch immer geschieht, wenn wir euch das Zeichen geben, dann darf Fürst Tenekka unser Land nicht lebend verlassen."
Pau bat Kaneda ihn anzusehen. Trauer und Schmerz waren in dem rundlichen Panda-Gesicht deutlich zu sehen. "Seid ihr in der Lage meinen Befehl auszuführen?" fragte er leise.
Kaneda blickte ihn gerade an. "Ja, mein Fürst", akzeptierte er ernst. "Es war eine Ehre euch gedient zu haben", verabschiedete er sich, denn er würde nicht zurückkehren. Und auch keiner seiner Männer.
Er verneigte sich und ging. Nega konnte sehen, wie sich Pau zusammennehmen musste. Als er wieder ganz ruhig war, liess er Fürst Tenekka zu sich bitten.
Äusserlich ruhig betrat Fürst Tenekka das Audienzzimmer, aber im Innern kochte er vor Zorn. 'Was bildete sich dieses Kind ein?'
Nachdem er von den Ninjas das Signal für den gelungenen Anschlag erhalten hatte, hatte er einen Boten vorausgeschickt, um seine Ankunft anzukündigen. Er hatte sich extra Zeit gelassen, um die Bewohner der Burg nervös zu machen. Sollte Noriyuki wider Erwarten überlebt haben, so würde das von vorne herein das Signal setzen, dass er über Noriyuki stand.
Nun war er hier und Noriyuki hatte es gewagt, ihn warten zu lassen. Er war empört!
"Fürst Noriyuki", begrüsste er seinen Nachbarn freundlich. "Es ist mir eine grosse Ehre. Ich bin sehr glücklich, dass ihr mich so kurzfristig empfangen konntet." Nega registrierte, dass Fürst Tenekka sich nicht so weit verbeugte, wie das Protokoll es eigentlich vorschrieb.
"Fürst Tenekka", antwortete Pau. "es tut mir schrecklich Leid, dass ich euch warten lassen musste. Eigentlich wollte ich euch sofort empfangen, aber als eure Ankunft sich unerwarteterweise verzögerte, ergab sich eine Angelegenheit von grösster Dringlichkeit, die ich zu meinem grossen Bedauern vorziehen musste."
Er lächelte entschuldigend. "Ich hoffe ihr könnt mir vergeben. Ich bin in vielen Aspekten des Protokolls noch immer so furchtbar ungeschickt."
'Ich werde euch übers Knie legen und den Hintern versohlen, bevor ich euch den Kopf abschlage und auf einen Pfahl zur Schau stellen lasse.' dachte Fürst Tenekka erbost. Laut sagte er: "Aber natürlich. Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass ihr mich überhaupt so kurzfristig empfangen könntet."
Fürst Tenekka stellte seine zwölf Begleiter vor. Nega registrierte auch diesen Bruch des Protokolls. Eigentlich hätte er nur mit maximal acht Begleitern erscheinen dürfen.
"Wir danken euch. Es ist uns eine Ehre euch kennenzulernen. Nun sagt uns, womit wir euch dienen können."
"Wir haben Gerüchte gehört, dass Fürst Hirano im Westen eine Armee aufstellt und sich mit drei weiteren, kleineren Fürsten verbündet hat, um uns anzugreifen."
Auf Paus Gesicht zeichnete sich Erschrecken ab. "Das ist ja schrecklich! Konntet ihr herausfinden, ob die Gerüchte der Wahrheit entsprechen?"
"Leider ja, Fürst Noriyuki. Wir befürchten das Schlimmste. Angeblich soll sogar Fürst Hikiji irgendwie an der Geschichte beteiligt sein, aber leider konnte ich nicht herausfinden, ob das der Fall ist."
Pau spielte den Unentschlossenen. Fürst Tenekka sprach von weiteren Dingen, die seine Spione herausgefunden hatten. Er redete mit Engelszungen auf Pau ein um ihn zu einem Bündnis zu bewegen. Dieser wand sich wie ein Aal. Geschickt wies er auf Lücken in der Beweiskette von Fürst Tenekka hin, und auf seine Unerfahrenheit in diesen Dingen.
Natürlich glaube er dem Wort eines Fürsten. Aber so viel sei in den letzten Tagen auf ihn eingestürzt. Er könne nur versprechen, sich bis zum nächsten Morgen zu entscheiden.
Fürst Tenekka erhob sich, bevor er von Fürst Noriyuki entlassen worden war. Ein weiterer Affront, den Nega wütend registrierte. Er bedaure zutiefst, aber er müsse sofort zurückkehren, um damit zu beginnen, eine Armee auszuheben, um den drohenden Angriff zurückzuschlagen.
Noriyuki versprach sofort einen Boten loszuschicken, wenn er sich entschieden habe. Dann verliess Fürst Tenekka mit seinen Begleitern den Raum.
Nega konnte spüren, wie wütend alle im Raum über die herablassende Behandlung ihres Fürst waren. 'Was bildete Fürst Tenekka sich ein? Er ist hier aufgetreten, als hätte Fürst Noriyuki eine Audienz bei ihm gehabt und nicht umgekehrt', dachte Nega erbost.
Auch in Paus Gesicht arbeitete es. "Ich hätte gute Lust, das Signal zu geben. Viel Leid würde dadurch vermieden", presste er heraus.
Er musste sich einen Moment sammeln. Tomoe seufzte noch und sank dann zusammen. Fürst Noriyuki liess sie sofort zurück in ihr Zimmer bringen. Major Nega nahm den Platz neben Noriyuki ein.
Er erwartete, dass Pau jetzt in "seine" Gemächer zurückkehren würde, aber Pau rührte sich nicht.
"Mein Fürst?" versuchte Nega ihn anzusprechen.
"Was soll ich nur tun?" seufzte Pau leise.
'Aufhören Noriyuki zu spielen', dachte Nega unbehaglich, sagte aber nichts.
Pau straffte sich. Dann kamen seine Anweisungen Schlag auf Schlag. Ein Reiter sollte seine Männer vom Hügel vor der Stadt zurückholen. Zumindest diejenigen, die zurückkehren konnten.
Als nächstes diktierte Pau einen Brief.
"Fürst Hirano",
"Vor wenigen Augenblicken verliess mich Fürst Tenekka, aus dessen Mund ich ungeheure Beschuldigungen entgegennehmen musste. Er behauptet, dass ihr eine Armee aufstellen würdet um uns anzugreifen. Natürlich habe ich die Lüge als das durchschaut, was sie war. Euch ist sicher wie mir bekannt, dass Fürst Tenekka selbst eine Armee ausgehoben hat und bereit steht uns beide anzugreifen."
"Daher biete ich euch ein Bündnis um diese Bedrohung gemeinsam zu meistern und unsere Beziehungen zu festigen."
"Ungeduldig erwarte ich eure Antwort."
"Hochachtungsvoll",
"Fürst Noriyuki."
"Nun brauchen wir nur noch einen vertrauenswürdigen Verrückten, der lebensmüde genug ist, diese Botschaft zu überbringen", murmelte Pau.
"Eure Lordschaft denken an den gleichen Mann wie ich?" erkundigte sich Nega.
Pau nickte. "Tomoe wird mich wieder mit ihren Blicken töten." Er seufzte schwer. "Manchmal bedauere ich, dass ich Edo lebend erreicht habe", sagte er so leise, dass fast nur Nega ihn hören konnte.
Usagi wurde gerufen.
Schlaftrunken zog Usagi sich an. Seine Beine fühlten sich an, als ob sie mit Gelee gefüllt wären. Die kalte Abendluft half ihm zur Besinnung zu kommen. Als er das Audienzzimmer erreichte, war er einigermassen klar und torkelte nicht mehr, wie ein Betrunkener.
Ein wenig umständlich nahm er seinen Platz ein und verbeugte sich. "Mein Freund Usagi, ich habe eine Aufgabe, die ich keinem anderen anvertrauen kann. Nur bei euch sehe ich überhaupt eine Chance sie zu erfüllen", begann Pau.
Wenn Usagi die Illusion durchschaute, so zeigte er es nicht. "Fürst Noriyuki, ihr könnt euch auf mich verlassen. Was kann ich für euch tun ?"
"Dieser Brief muss unbedingt Fürst Hirano erreichen." Ein Schreiber überreichte Usagi das versiegelte Dokument. Dieser nahm es sorgfältig entgegen und steckte es ein.
"In der Herberge "Zum Reiher" werdet ihr auf einen Reisenden mit dem Namen Konuri treffen. Er wird wahrscheinlich ebenfalls in die Provinz von Fürst Hirano reisen, und ich denke, ihr werdet in ihm einen verlässlichen und angenehmen Reisebegleiter finden."
Usagi verbeugte sich tief. "Ihr könnt euch auf mich verlassen, Fürst Noriyuki."
"Ihr müsst euch beeilen", bat Noriyuki. "Wenn ihr nicht innerhalb der nächsten drei Tage den Brief übergeben könnt, werden viele Menschen sterben."
Usagis Gesicht zuckte kurz, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. "In diesem Fall werde ich sofort aufbrechen. Bitte richtet Lady Tomoe und Bruder Pau mein Bedauern aus, dass ich mich nicht von ihnen verabschieden kann."
"Das werde ich", versprach Pau ernst. "Ich wünsche euch von ganzem Herzen Glück. Für uns alle."
Usagi verneigte sich und machte sich auf den Weg. Diener gaben ihm Geld, damit er sich unterwegs zwei Pferde und Verpflegung kaufen konnte. Auf diese Weise hofften sie, dass sie eventuell vorhandenen Spionen nicht auffallen würde.
Und Pau gab sich erschöpft und liess sich in Noriyukis Gemächer zurücktragen. Er legte sich ins Bett und Nega scheuchte alle hinaus. Als Pau verliess er das Zimmer dann und teilte den Wachen draussen mit, dass die Anstrengung den Heilungsprozess verzögert habe und Noriyuki weitere drei Tage ruhen müsse.
Die Wachen versprachen weiterhin niemanden einzulassen. So konnte Shunji sich ein wenig erholen. Nega begleitete Pau nach draussen.
"Ich denke, dass wir sofort damit beginnen müssen, Truppen auszuheben", sagte er nachdenklich. Pau nickte stumm.
Nega sah ihm nachdenklich nach. Er war sich bewusst, dass Pau ohne Probleme die Macht über die Geishu-Provinz an sich reissen konnte. 'Woher hatte er von dem Spion von Fürst Hirano gewusst? Und am Ende war seine Illusion so perfekt gewesen, dass ich wirklich den Eindruck hatte, neben Noriyuki zu sitzen!' Fast mit Gewalt hatte er sich klarmachen müssen, dass er nicht neben seinem Fürst sass.
Nega hätte erwartet, dass Pau jeden spüren liess, wie unbedeutend man neben ihm war. Statt dessen gab er sich ganz normal. 'Was für ein ungewöhnlicher Mensch', dachte Nega und begann Befehle zu geben.
Pau ging zuerst zu den Begleitern von Tomoe und sah nach ihnen. Was auch immer er tat, alle kamen durch. Das Ansehen von Pau in der Burg stieg. Es wurde allenthalben als selbstverständlich angesehen, dass Soldaten für ihre Herren starben. Niemand wunderte sich, dass Pau Zeit und Kraft für die Heilung von Tomoe Ame aufwendete.
Aber einfache Soldaten dem sicheren Tod zu entreissen war ungewöhnlich und wurde zwar schweigend aber aufmerksam registriert.
Später in der Nacht kam Kaneda mit seinen Männern zurück. Pau empfing sie.
"Kaneda-san" begrüsste er den Anführer. "Ich bedauere zutiefst euch mittelten zu müssen, dass es Fürst Noriyuki wieder schlechter geht. Er wird euch nicht empfangen können. Es wäre aber eine grosse Ehre für mich, euch als euer Zweiter dienen zu können."
So beging Kaneda Seppuku, den rituellen Selbstmord im Dienste seines Herrn und Pau assistierte ihm.
Am nächsten Tag begannen die Vorbereitungen für den kommenden Krieg. Boten wurden mit Anweisungen ausgeschickt, um Truppen auszuheben, Vorräte anzulegen und Befestigungsanlagen zu überprüfen.
Zu diesem Zeitpunkt brachen auch Usagi und Konuri auf. Sie konnten gerade noch zwei Pferde erstehen, bevor ein Soldat des Fürsten erschien und alle Pferde des Händlers für seine Lordschaft konfiszierte. Sie hatten nicht gewagt, sich nachts heimlich aus der Stadt zu stehlen, weil sich damit automatisch verdächtig gemacht hätten.
Wie Noriyuki prophezeit hatte, war Konuri Usagi sofort sympathisch gewesen. Und auch umgekehrt schien Usagis Art Konuri zu gefallen. Wenn sie langsamer ritten, um die Pferde zu schonen, erzählte Konuri Geschichten über die Gegend durch die sie kamen. Und Usagi erzählte Konuri aus seiner Vergangenheit.
Wenn sie schweigend ritten, dann dachte Usagi über seinen Auftrag nach. Ihm war klar, dass Konuri auf keinen Fall irgendein Händler war. Aber wie durch ein stillschweigendes Abkommen sprach keiner von beiden über die Gründe, warum sie so schnell zur Hauptstadt von Fürst Hirano wollten.
Am Abend hatten sie fast die Grenze zum Reich von Fürst Hirano erreicht. Usagi war sich klar, dass er die Strecke alleine niemals so schnell zurückgelegt hätte. Konuri kannte sich hervorragend aus. Und auch ihre Strategie sich erst morgens auf den Weg zu machen, schien von Erfolg gekrönt zu sein, denn sie wurden nicht angegriffen oder sonstwie aufgehalten.
Während des Abendessens kam die Sprache irgendwann auf die noch vor ihnen liegende Strecke. Konuri schätze, dass sie in sechs, vielleicht fünf Tagen die Hauptstadt erreicht hätten.
Usagi wurde bleich. "Das kann nicht sein", murmelte er. An Konuri gewandt: "Ich muss die Hauptstadt unbedingt in zwei Tagen erreichen!" sagte er eindringlich.
Konuri reagierte seltsam. "In zwei Tagen?" wiederholte er langsam.
Usagi fluchte innerlich. Er hätte Noriyuki fragen sollen, wieviel er Konuri sagen durfte. Das ganze stank nach Politik und Usagi hatte eine starke Abneigung gegen die Intrigen und Lügen, die in der Politik überlebenswichtig zu sein schienen.
Natürlich kam als nächstes die Frage, die Usagi insgeheim befürchtet hatte. "Was wollt ihr denn in der Hauptstadt? Vielleicht kann man das ja auch in einer der grösseren Städte auf dem Weg erledigen?"
Usagi schwieg und dachte nach. 'Was soll ich sagen? Wieviel darf ich offenbaren?'
Dann fiel ihm etwas auf. Fürst Noriyuki hatte ihn nicht zur Hauptstadt geschickt. Er hatte ihm befohlen Fürst Hirano aufzusuchen und das Dokument zu übergeben. Usagi war selbstverständlich davon ausgegangen, dass Fürst Hirano sich in seiner Hauptstadt aufhalten würde. 'Aber wenn das gar nicht stimmte?'
"Ich muss unbedingt innerhalb der nächsten beiden Tage eine Audienz mit Fürst Hirano bekommen", verlangte er ernst,
Konuri blickte ihn amüsiert an: "Nun, ich wünsche euch natürlich von ganzem Herzen Glück, aber ich vermute, dass Fürst Hirano einen Ronin nicht einfach so empfangen wird."
Usagi hatte sich entschieden. Zu Lügen würde ihn nicht weiterbringen. Irgendwie sah man ihm an der Nasenspitze an, wenn er log. Also griff er in sein Gewand und zog den Brief von Fürst Noriyuki heraus und reichte ihn an Konuri.
Ohne Ausdruck im Gesicht nahm Konuri den Brief entgegen und hielt das Siegel ins Licht. "Ein Dokument von Fürst Noriyuki persönlich." Er blickte Usagi an: "Darf ich erfahren, wie ihr in seinen Besitz gelangt seid?"
"Fürst Noriyuki bat mich diesen Brief unter allen Umständen innerhalb der nächsten beiden Tage an Fürst Hirano zu überbringen. Er sagte mir, wo ich euch finden würde und dass ich mich auf euch verlassen könnte."
"Tatsächlich." Konuri lachte über einen Witz, den nur er verstand. Usagi wartete ruhig ab.
Schliesslich sah er, wie Konuri sich entschied. Konuri brach das Siegel und las den Brief im Schein des Feuers. Usagi erstarrte. 'Habe ich einen Fehler gemacht?'
Nachdem Konuri ihn gelesen hatte, fragt er: "Wisst ihr, was darin steht ?" Usagi schüttelte den Kopf. Konuri reichte ihm den Brief.
Usagi wollte ihn zusammenfalten, aber Konuri befahl ihn zu lesen und dann zu verbrennen. Usagi starrte den Mann verblüfft an. Er hatte sich völlig verändert. Nichts war mehr von dem witzigen Reisebegleiter geblieben. Usagi wurde klar, dass er einen Spion oder etwas in der Art vor sich hatte.
Da er nun nicht mehr zurück konnte, las er den Brief ebenfalls und warf ihn dann ins Feuer. Jetzt war er völlig in der Hand von Konuri. Dieser fuhr fort: "Seine Lordschaft findet ihr, wenn ihr im Gasthaus "Zur Trommel" in Tamakarena nach Herrn Yakatashi fragt. Ihr werdet ihm wortwörtlich berichten, was im Brief stand und sagen, dass Temori für euch bürgt."
Usagi wiederholte die Anweisungen, um sicherzugehen, dass er sie richtig verstanden hatte. "Wenn wir angegriffen werden, dann werde ich die Angreifer aufhalten, damit ihr fliehen könnt", versprach er Konuri.
Konuri lachte lautlos. "Ja, das werdet ihr."
Er stand auf und wies auf die nahe Grenze. "Bald werden wir auf die ersten gedungenen Mörder und Banditen von Fürst Tenekka treffen. Es ist möglich, dass er mich kennt. Daher wäre es vielleicht sicherer, wenn wir uns trennen würden."
Usagi schüttelte den Kopf. "Zusammen sind unsere Chancen besser."
"Dann hoffe ich, dass eure Nerven stark sind. Da wir keinen Brief mehr haben, können wir hoffen, dass wir laufen gelassen werden. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen."
Er blickte Usagi nachdenklich an. "Aber ich denke, dass euer Schwert so verlässlich ist, wie ihr selbst."
Konuri lächelte und war wieder die Person, die Usagi im Reiher getroffen hatte. Sie legten sich schlafen und brachen am nächsten Morgen früh auf.
Wie Konuri vorausgesagt hatte trafen sie bald darauf auf seltsame Banditen, die sich viel zu militärisch gaben, um einfache Verbrecher zu sein. Zweimal wurden sie durchsucht und konnten passieren, als die Banditen nichts fanden.
Beim dritten Mal hatten sie weniger Glück. Jemand hatte Konuri wohl erkannt und sie entkamen nur knapp dem Tod. Usagis Pferd wurde so schwer verletzt, dass sie es zurücklassen mussten. Konuri weigerte sich, ihn zurückzulassen.
Kurze Zeit später brach auch Konuris Pferd zusammen und sie mussten zu Fuss weiter. Konuri führte sie zu einem einsamen Bauernhof und kurze Zeit waren sie wieder unterwegs.
Nun mieden sie grosse Strassen und Konuri führte Usagi durch das unwegsame Hinterland. So verging ein weiterer Tag.
Die Nacht verbrachten sie ohne Feuer um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Am nächsten Morgen stiessen sie auf eine Patrouille mit dem Banner von Fürst Hirano. Konuri ritt zum Anführer und sprach so leise mit ihm, dass Usagi nichts verstehen konnte.
Zwei der Berittenen stiegen daraufhin ab und Konuri winkte Usagi die Pferde zu wechseln. Dann ritten sie unter dem Banner von Fürst Hirano weiter. Fünf Soldaten von Fürst Hirano begleiteten sie und bald trafen sie auf ein grosses Heereslager. Usagi konnte nicht sagen, wie viele Soldaten hier versammelt waren, aber er konnte drei Banner erkennen.
Konuri ritt direkt zu einem Zelt in der Mitte des Lagers. Die Wachen liessen sie sofort passieren. Vor dem Zelt stiegen sie ab und Soldaten führten die Pferde fort. Konuri wies Usagi an, vor dem Zelt zu warten und ging hinein.
Usagi fragte sich, wer Konuri war. Die Soldaten folgten seinen Befehlen ohne zu zögern. Man hatte ihn weder gebeten, seine Schwerter abzugeben, noch sie zu binden. Er musste nicht lange warten. Ein Soldat trat an ihn heran und verneigte sich.
"Usagi-san, seine Lordschaft erwarten euch." Er ging voran und Usagi folgte ihm.
Am Zelteingang blieb der Soldat stehen und hielt Usagi den Eingang auf. Usagi trat an ihm vorbei ins Zelt hinein.
Im Zelt wurde er von drei Fürsten erwartet. Konuri war nirgends zu sehen. Usagi verneigte sich und wartete mit gesenktem Kopf darauf, dass er angesprochen wurde.
"Bitte teilt uns den Inhalt des Briefes von Fürst Noriyuki mit", befahl Fürst Hirano. Falls er Usagi erkannte(4), so zeigte er es nicht.
Usagi wiederholte konzentriert den Inhalt des Briefes, den er gelesen hatte.
"Seht uns bitte an." Usagi hob den Kopf.
"Glaubt ihr, dass Fürst Noriyuki tatsächlich ein Bündnis mit uns sucht oder soll dieser Brief uns in Sicherheit wiegen?"
Die Frage überraschte Usagi vollkommen. Er blinzelte. "Ich... kann mir nicht vorstellen, dass Fürst Noriyuki mich mit einer falschen Botschaft fortgeschickt hätte", antwortete er schliesslich vorsichtig.
Fürst Hirano zeigte nicht, was er dachte. "Wir danken euch. Ihr könnt gehen."
Usagi verneigte sich und zog sich zurück.
Draussen blieb er unschlüssig stehen. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Während er noch überlegte, was er nun ton sollte, trat ein Major der Armee von Fürst Hirano an ihn heran.
"Kommt", lud er ihn ein. Usagi erkannte die Stimme von Konuri.
"Wie soll ich euch nennen?" fragte Usagi während er Konuri folgte,
Konuri lachte. "Konuri, wenn es euch recht ist."
Sie gingen zu einem Zelt, wo Essen ausgegeben wurde. Jeder bekam eine Portion und sie setzten sich.
"Warum hat Fürst Hirano mich gefragt, ob ich glaube, ob die Botschaft von Fürst Noriyuki echt ist?" wollte Usagi von Konuri wissen.
Konuri blickte ihn ernst an. "Fürst Tenekka war, kurz bevor wir aufgebrochen sind, bei Fürst Noriyuki. Die Frage, die sich seine Lordschaft jetzt stellt, ist natürlich, ob das angebotene Bündnis eine Finte ist."
"Fürst Hirano erwartet von mir das zu wissen?"
Konuri lachte. "Ich vermute, dass ihn eure Reaktion mehr gesagt hat, als eure Worte. Was habt ihr geantwortet?"
Usagi sagte es ihm. "Und da war noch etwas. Fürst Noriyuki war sehr wütend, als er mich rufen liess. Wenn also Fürst Tenekka kurz vor mir bei ihm war, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass er versucht Fürst Hirano zu täuschen."
Konuri zuckte mit den Schultern. "Das ist Politik. Vielleicht hat Fürst Tenekka Fürst Noriyuki ja gezwungen, diesen Brief zu schreiben und er war deswegen wütend."
Usagi konnte sich nicht vorstellen, dass Fürst Noriyuki ihn für so etwas missbrauchen würde und sagte das auch.
"Was euch natürlich zu einem idealen Boten für eine Täuschung machen würde", sinnierte Konuri.
Usagi fuhr wütend auf aber Konuri entschuldigte sich. "Verzeiht mir. Seit Monaten gehen die seltsamsten Gerüchte um und alle haben Angst. Es ist nicht einfach, in diesen Zeiten zu vertrauen."
Er blickte Usagi ernst an. "Viele seiner Untertanen werden sterben, wenn mein Fürst dem Falschen vertraut. Die Gerüchte, dass Fürst Noriyuki krank oder gar tot sein soll, sind auch nicht sehr hilfreich."
"Ich habe Fürst Noriyuki selbst gesehen. Er sah ..." Usagi brach ab. Es stimmte. Noriyuki war ihm seltsam vorgekommen. Die Stimme war seltsam gewesen und den Bewegungen hatte der gewohnte, jugendliche Schwung gefehlt.
"Es ist möglich, dass er krank war, aber er sah ganz gut aus, als ich ihn verliess", beendete er den Satz. Konuri mitzuteilen, dass Noruyki vergiftet worden war, würde wohl eher schaden als nützen. Dann hatte er eine Idee.
"Gibt es hier einen Platz, wo ich unbeobachtet etwas versuchen könnte?" erkundigte er sich vorsichtig.
Konuri überlegte. "Das kommt darauf an, was ihr tun wollt", wich er schliesslich aus.
"Man sollte mich nicht hören und sehen können." Er lächelte unsicher. "Ich möchte mich nicht vor allen Leuten hier lächerlich machen. Vielleicht kann ich Antworten auf unsere Fragen bekommen."
Konuri überlegte. "Ich denke, ich könnte etwas finden. Wann wollt ihr aufbrechen?"
"Sofort."
Konuri nickte zustimmend. Sie gaben ihr Geschirr ab und Konuri führte Usagi durch das Lager. "Wer sind die beiden anderen Fürsten?" wollte er unterwegs wissen.
"Fürst Mono und Fürst Fujitako haben ein Bündnis mit meinem Fürst geschlossen, weil sie wissen, dass Fürst Tenekka sie ohne Probleme überwältigen kann, wenn mein Fürst gefallen ist. Wenn uns Fürst Noriyuki ebenfalls unterstützt, dann können wir sogar hoffen, dass Fürst Tenekka uns unterliegt", erklärte Konuri.
"Am Ende hätten wir mehr Leute als er und wir würden das Schlachtfeld auswählen. Diese Vorteile sollten es uns ermöglichen, den Sieg zu erringen", schloss er.
"Solange niemand uns verrät", sprach Usagi seine Gedanken aus.
Konuri nickte. "Solange niemand uns verrät."
"Ihr versteht jetzt sicher, warum es für meinen Fürst so enorm wichtig ist, zu wissen, ob Fürst Noriyuki auf unserer Seite steht oder nicht."
"Könnt ihr mir sagen, was ihr vorhabt?"
Usagi verzog das Gesicht. "Ihr würdet mir nicht glauben", sagte er unsicher. "Ich bin mir selbst nicht ganz sicher, was ich tun werde."
Konuri gab sich mit der Antwort zufrieden. Sie erreichten eine kleine Koppel, wo Konuri zwei Pferde anforderte. Er ritt aus dem Lager und einen kleinen Hügel hinauf.
Oben gab es ein kleines Wäldchen mit einer Lichtung. Usagi sah sich um. Der Wald um die Lichtung war zwar nicht sehr dicht, aber auf der anderen Seite konnte man recht weit in alle Richtungen sehen. So war er sicher, dass niemand sie sah und gegen weit entfernte Beobachter waren sie gut geschützt.
Er reichte Konuri die Zügel und stieg ab. In der Mitte der Lichtung blieb er stehen und legte den Kopf in den Nacken. Am Himmel war nichts ungewöhnliches zu sehen, aber das hatte er auch nicht erwartet.
Laut rief er: "Pau Tai! Ich muss wissen, ob Fürst Noriyuki wirklich ein Bündnis mit Fürst Hirano sucht oder ob das ein Trick ist!"
Er ging zu Konuri zurück, der ihn seltsam ansah. Usagi kam sich ziemlich dumm vor. "Jetzt können wir nur warten", sagte er unsicher.
"Guten Tag Usagi, Major Tomori", erklang da Paus Stimme. Beide zuckten erschreckt zusammen. Usagi atmete erleichtert auf. Er blickte sich um, konnte Pau aber nirgendwo sehen. Auch war nicht auszumachen, woher die Stimme kam. Sie schien von allen Seiten zugleich zu kommen. Warum nannte Pau Konuri Tomori?
"Deine Frage ist nicht einfach zu beantworten, da Fürst Noriyuki noch keine Ahnung davon hat, dass er um ein Bündnis mit Fürst Hirano nachgesucht hat." Usagi wurde bleich und Konuri runzelte die Stirn.
"Vor vier Tagen, kurz bevor wir die Burg Weissreiher erreicht hatten, fand ein Attentat auf Fürst Noriyuki statt. Er wurde vergiftet. Ich bin dabei ihn zu heilen, aber die Genesung ist noch nicht abgeschlossen."
"Sobald Fürst Noriyuki wieder bei Bewusstsein ist, werde ich ihn über meine Eigenmächtigkeit informieren und er muss entscheiden, ob er meiner Empfehlung folgt oder nicht."
Die Stimme schwieg einen Moment. "Ich gehe davon aus", fuhr Pau dann fort, "dass Fürst Noriyuki auf keinen Fall ein Bündnis mit Fürst Tenekka eingehen wird. Meine Empfehlung lautet, dass Fürst Hirano seine vereinten Truppen bis an die Grenze der Geishu-Provinz vorrücken lässt."
"Sollte Fürst Noriyuki sich wider Erwarten gegen den Pakt entscheiden kann Fürst Hirano innerhalb von zwei Tagen die Hauptstadt der Geishu-Provinz erreichen und eine Allianz erzwingen."
"Sollte Fürst Noriyuki sich für das Bündnis entscheiden, so wird der Kampf ebenfalls auf dem Gebiet seiner Provinz stattfinden."
Konuri schaltete sich ein. "Fürst Noriyuki könnte das aber auch als bevorstehenden Angriff missverstehen. Ausserdem können wir dann immer noch nicht sicher sein, dass Fürst Noriyuki nicht doch ein Bündnis mit Fürst Tenekka eingeht und uns vernichtet, wenn wir gegen seine Hauptstadt ziehen", sprach er in die leere Luft.
"Davon ist nicht auszugehen", antwortet die körperlose Stimme, "da Fürst Tenekka hinter dem Attentat auf Fürst Noriyuki steht."
Konuri atmete scharf ein. "Ist das sicher?"
"So sicher, wie dass Fürst Mono euch verraten wird", antwortete Pau ruhig.
Konuri benötigte einen Moment, um diese Auskunft zu verdauen. "Könnt ihr das beweisen?" fragte er schliesslich so leise, dass Usagi ihn fast nicht verstand.
"Wenn sich unsere Armeen vereinigen, werde ich Beweise vorlegen können."
"Das bedeutet, dass wir nicht rechtzeitig gegen ihn vorgehen können."
"Das ist korrekt. Ich empfehle auch nicht, vorher gegen ihn vorzugehen, da das Bündnis noch zu unsicher ist. Ausserdem könnte es dazu führen, dass Fürst Tenekka seine Pläne ändert."
"Bis jetzt habe ich nur eure Worte. Mein Fürst wird sich nur ungern auf die Worte einer körperlosen Stimme verlassen wollen", gab Konuri zu bedenken.
"Ich bürge mit meinem Leben für die Worte von Pau Tai", verkündete Usagi feierlich.
"Tatsächlich", kam es fast gleichzeitig von Pau und Konuri. Während es bei Konuri beruhigt klang, hatte es bei Pau belustigt geklungen.
Usagi wusste erstmal nicht, was er sagen sollte. Auch Konuri war verwirrt.
"Ihr werdet euch auf mein Wort verlassen müssen, dann mehr kann ich euch nicht bieten", fuhr Pau schliesslich fort. "Noch etwas ?"
Usagi beschloss Pau zu fragen, was das zu bedeuten hatte, wenn er ihn das nächste mal treffen würde. "Tomoe?" fragte er stattdessen.
"Wird wieder auf den Beinen sein, wenn die Heilung von Fürst Noriyuki abgeschlossen ist."
"Ich empfehle nur bis zur Grenzstadt Pesa vorzurücken. Wenn Fürst Noriyuki sich für das Bündnis entscheidet, können seine Abgesandten euch innerhalb eines Tages erreichen und euren Grenzübertritt legalisieren."
Danach schwieg die Stimme. Usagi stieg wieder auf und wartete Konuris Entscheidung ab.
Konuri zuckte schliesslich mit den Schultern. "Viel gewonnen haben wir dadurch nicht. Was Pau Tai vorgeschlagen hat, hatten wir bereits vor."
"Und dass Fürst Mono ein Verräter ist?"
"Haben wir bereits vermutet, aber wir können auf keinen Fall auf ihn verzichten. Wir teilen die Auffassung von Pau Tai, dass er nicht eliminiert werden kann. Wir werden einfach wachsam sein müssen."
Usagi hatte ein unbehagliches Déjà-Vu. Schliesslich war sein Herr, Fürst Mifuné, durch den Verrat eines Verbündeten gefallen.
"Die Gerüchte, dass Fürst Hikiji seine Finger im Spiel hat?"
Konuri verzog das Gesicht. "Inzwischen ist es soweit, dass jede Spannung im Reich mit dem dunklen Fürst in Verbindung gebracht wird. Fürst Hikiji ist nicht der einzige, der von der Gier nach Macht getrieben wird."
Sie kehrten ins Lager zurück und gaben die Pferde ab. "Was werdet ihr eurem Herrn berichten?"
"Eine körperlose Stimme hat unsere Überlegungen bestätigt. Ihr könnt bedenkenlos das Leben eurer Untertanen aufs Spiel setzen", antwortete Konuri sarkastisch.
Usagi liess den Kopf hängen. "Es tut mir Leid. Ich hatte gehofft, Antworten zu erhalten, statt neue Unsicherheit."
"Macht euch keine Gedanken", tröstete ihn Konuri. "Es war höchst interessant. Ich wünschte, ich könnte meinem Fürst immer einfache Antworten auf seine Fragen geben, aber bisher hatte ich noch nie die Gelegenheit."
"Nur der Tod ist einfach", sagte Usagi düster und Konuri nickte bestätigend.
Konuri gab ihn beim Abendessen ab und ging um seinem Fürst zu berichten.
Später kam er zurück und holte sich Suppe mit Brot. Er setzte sich zu Usagi, der bereits fertig war, und begann zu essen.
Neugierig sah Usagi ihn an. "Und?"
Konuri ass noch etwas, bevor er antwortete. "Wir gehen wie geplant vor." Dann blickte er auf. "Es gibt nur eine Sache, die mich interessiert."
"Hört Pau Tai Dich nur, wenn Du ihn rufst?"
Usagi schwieg.
Tod eines Steins
Die Armee benötigte zwei Tage um die Grenzstadt Pesa zu erreichen. Usagi war sehr erleichtert, als eine Abordnung aus der Stadt herüber kam und um eine Audienz bei Fürst Hirano bat. Mit grossen Bedauern wurde Fürst Hirano mitgeteilt, dass Fürst Noriyuki noch keinen Boten mit der offiziellen Anweisung der Armee den Grenzübertritt zu erlauben, geschickt hatte.
Allerdings könnten sie der Armee gestatten, ihr Lager auf dieser Seite der Grenze aufzuschlagen, bis die sicherlich positive Anweisung von seiner Lordschaft eingetroffen war.
Also warteten sie. Usagi konnte die nervöse Spannung spüren, die über allem lag. Selten war ihm ein Tag so lang vorgekommen. Und mit einer Antwort war nicht vor übermorgen zu rechnen. Er betete inständig, dass es zu keinen unnötigen Verwicklungen kam. Und dass Pau Fürst Noriyuki würde überzeugen können.
Unterdessen hatte Pau Fürst Noriyukis Gemächer betreten und war von dort in die Station zurückgekehrt. Er stand jetzt vor einem aktiven Heiltank in dem der Körper eines Pandas schwebte. Regungslos wartete er ab, bis der Heilzyklus abgeschlossen war.
Als die Heilflüssigkeit abgepumpt und der Körper gereinigt worden war, nahm Pau ihn vorsichtig aus der Wanne und trug ihn in das Zimmer, in dem vorher Usagi und Tomoe erwacht waren.
Er legte ihn in das Bett und trat dann zurück. Normalerweise würde er jetzt abwarten, bis der Körper seinen normalen Rhythmus wiedergefunden hatte, aber es war keine Zeit. Also beschleunigte er den Vorgang.
Ein goldenes Leuchten hüllte den nackten Körper von Fürst Noriyuki ein. Reine Lebensenergie floss durch die Chakren und brachte den Körper rasch ins Gleichgewicht. Zufrieden deckte Pau ihn zu und wartete dann wieder ab, bis Fürst Noriyuki erwachte.
Noriyuki erwachte übergangslos. Einen Augenblick starrte er an die Decke, dann richtete er sich langsam auf. Sah sich um. Dies war kein Zimmer seiner Burg. Seltsame Statuen standen an den Wänden. Und ein Hund stand regungslos an seinem Bett.
Fürst Noriyuki war es gewohnt, seine Gefühle für sich zu behalten. Als Herrscher konnte er sich selten erlauben, seine wahren Gefühle zu zeigen.
"Pau Tai, vermute ich", sprach er ohne Regung im Gesicht.
Pau verneigte sich tief. "Fürst Noriyuki."
Noriyuki beobachtete Pau genau. Er war inzwischen ein Meister darin die Körpersprache anderer zu lesen. Das hatte sich in der Vergangenheit oft als unverzichtbar erwiesen. Aber Pau schien gar keine Körpersprache zu haben.
"Wo bin ich hier?"
"Ich habe hier das Gift aus eurem Körper entfernt. Seit dem Anschlag sind fünf Tage vergangen. Habt ihr Hunger?"
Noriyuki verspürte keinen Hunger, aber er nickte. Es würde ihm Zeit zum Nachdenken verschaffen. Eine der Statuen setzte sich in Bewegung und brachte eine Schüssel mit Reissuppe. Noriyuki dankte mit einem Nicken. Die seltsame Statue kehrte stumm auf ihren Platz zurück.
Langsam begann er zu essen.
"Ich habe eine Frage, die sehr wichtig für mich ist", begann Pau ernst. "Wollt ihr leben?"
Noriyukis Hand verharrte mit dem Löffel vor seinem Mund. Langsam senkte er die Hand wieder. "Wie meint ihr das?" fragte Noriyuki vorsichtig.
"Ich habe euch geheilt, weil Usagi mich um euer Leben gebeten hat. Aber es ist mir nicht erlaubt euch gegen euren Willen ins Leben zurückzuholen. Daher muss ich wissen, ob es euer Wunsch war, geheilt zu werden."
"Es ist mein Wunsch."
"Dann danke ich euch, dass ihr mir erlaubt habt, euch zu helfen," bedankte sich Pau und fuhr nach kurzer Pause fort: "Während eurer Heilung musste ich Fürst Tenekka an eurer Statt empfangen. Ihr seht eine Aufzeichnung der Audienz."
Drei Bilder erschienen in der Luft. In einem konnte Noriyuki das Audienzzimmer sehen, so wie er es normalerweise sah. In einem anderen sah er sich selbst von der Seite. Im letzten sah er sich von vorne. Äusserlich unbewegt betrachtete er fasziniert sich selbst, seine Leibwache und Tomoe.
"Was ist mit Tomoe?" Er hatte sofort ihren schlechten Zustand erkannt.
"Lady Tomoe ist bei der Verfolgung des zweiten Ninjas in einen Hinterhalt geraten. Beim Versuch sie zu retten, habe ich einen Fehler gemacht. Sie ist bereits wieder vollständig genesen. Das gleiche gilt für ihre Begleiter bis auf zwei, die in eine Schlucht gestürzt sind."
Teilnahmslos verfolgte er, wie Pau Kaneda Anweisungen gab. Dann betrat Tenekka den Raum. Noriyuki unterbrach sein Essen und beobachtete aufmerksam, wie Fürst Tenekka den Raum betrat.
"Ihr habt ihn warten lassen?" erkundigte er sich ruhig.
"Ja", sagte Pau. "Schliesslich musste ich ja erst den Mord an ihm in Auftrag geben."
Ohne weiteren Kommentar sah sich Noriyuki den Rest an.
"Was werdet ihr tun, wenn ich eure Anweisungen rückgängig mache ?"
"Ihr seid euer eigener Herr."
"Warum sollte ich euren Plan folgen?"
"Fürst Tenekka steht hinter dem Attentat auf euch."
"Woher wisst ihr das?" erkundigte sich Noriyuki.
"Ich beobachte jeden seiner Schritte." Ein weiteres Fenster erschien. Fürst Tenekka war dort zu sehen. Er besprach sich mit seinen Beratern.
Das Bild verschwamm, dann sah Noriyuki, wie Fürst Tenekka die Burg Weissreiher verliess. Er ritt aus der Stadt und machte trotz der einbrechenden Nacht erst weit ausserhalb der Stadt halt. Fasziniert betrachtete Noriyuki die gestochen scharfen Bilder von den Reitern, wie sie die Hauptstrasse entlangritten.
Noriyuki konnte sehen, wie Fürst Tenekka wütend auf und ab ging. Er konnte sich kaum beherrschen.
"Wie konnte das passieren?" herrschte er einen Berater an. "Der Ninja hat doch eindeutig das Signal gegeben, dass der Anschlag erfolgreich war!"
"Dieser Wurm müsste sich in Todesqualen auf dem Boden winden. Statt dessen lässt er mich warten! Mich!"
Das Bild verschwand.
Noriyuki stocherte in seiner Suppe. "Ich bin neugierig. Ist es möglich diese Bilder zu ... verändern?"
Das Bild erschien wieder. Wieder sah Noriyuki Fürst Tenekka wütend auf und ab laufen. Aber diesmal sass er zwischen den Beratern und jonglierte mit bunten Bällen. Er sah die Schatten der Bälle auf den Gesichtern der anderen. Sah das Flackern des Feuers auf seinem Gesicht. Wie der Schatten von Fürst Tenekka auf ihn und die Bälle fiel, wenn er vorbeiging.
Noriyuki gab keinen Kommentar ab, sondern begann wieder langsam zu essen.
Pau trat zur Seite. "Karten. Politisch. Geographisch. Taktisch." Bilder erschienen. Noriyuki erkannte die Umrisse der Geishu-Provinz auf allen. Pau trat zu der letzten Karte, wo verschiedene Punkte markiert waren.
Noriyuki konnte einen Punkt nahe der nordöstlichen Grenze seiner Provinz sehen. Ein Name stand daneben: Tenekka. Und eine Zahl: 2300.
Nahe der westlichen Grenze standen die Namen Hirano, Mono und Fujitako. Und neben jedem eine Zahl: 1300, 400, 800.
In der Geishu Provinz stand der Name Noriyuki und die Zahl 1000.
"Sollten wir in der Lage sein, den Verrat von Fürst Mono zu verhindern, sind wir Tenekka um 1200 Mann überlegen. Sollte Mono uns verraten, sind wir um 400 Mann in der Unterzahl. Zusätzlich wird Mono uns ohne Aufwand in die Seite fallen können und Tenekka kann uns ohne Aufwand vom Feld fegen."
Noriyuki teilte Paus Auffassung, sagte aber nichts.
Pau zeigte mögliche Schlachtfelder auf, an denen sie Fürst Tenekka zur Schlacht stellen können. Er wies darauf hin, dass eigentlich nur zwei in Frage kämen.
Er erläuterte die Vor- und Nachteile der ersten Position. Noriyuki hörte nur beiläufig zu. Er hätte auch diesen Punkt für die Schlacht ausgewählt.
"Und das zweite Schlachtfeld?"
Eine andere Position leuchtete auf. Noriyuki musste Pau zustimmen. Auch dieser Punkt bot interessante Vor- und Nachteile. Auf zwei wies Pau besonders hin.
"Fürst Tenekka wird nicht erwarten, dass ihr ihn dort stellen wollt. Und es gibt dort einen Stein."
Noriyuki sah überrascht auf. "Ein Stein?"
Pau grinste ein hässliches Grinsen. "Einen Stein, den ich hinrichten kann."
Noriyuki drang nicht weiter in ihn. "Könnt ihr mir eine detaillierte Karte von den beiden Standorten mitgeben?"
"Natürlich."
Noriyuki stellte die Schale weg. "Dann ist wohl alles gesagt. Kehren wir jetzt zu meiner Burg zurück?"
"Ja", begann Pau. "Ich hätte da aber noch eine ... zwei Bitten."
"Ich möchte, dass ihr niemandem erzählt, was ihr hier gesehen und erlebt habt. Ihr habt eure Burg nie verlassen."
"Und die zweite Bitte?" fragte Noriyuki ohne darauf einzugehen, ob er diesen Wunsch erfüllen würde.
"Wenn Usagi um die Hand von Tomoe anhält, dann möchte ich, dass ihr dem zustimmt."
Noriyuki musste lachen. "Wenn ihr das schafft, dann werde ich alles in meiner Macht stehende tun, damit die Heirat stattfindet!" versprach er.
Pau reichte Noriyuki seine Hand und als Noriyuki ihn berührte, verschwand das Zimmer und wurde durch seine Gemächer in Burg Weissreiher ersetzt.
"Erstaunlich", kommentierte Noriyuki beeindruckt. Er sass auf seinem Bett. Pau trat zurück und Noriyuki kroch unter die Laken.
"Die Pläne?" fragte er noch.
"Werden bereit liegen", versprach Pau. Dann öffnete er die Tür und liess den besorgten Hofstaat ein, der sich sofort auf seine Lordschaft stürzte.
Pau blieb an der Tür stehen, während die Leibärzte des Fürsten sich nach seinem Befinden erkundigten. Es gehe ihm gut, gab Noriyuki zur Antwort.
Er wandte sich an Pau. "Bruder Pau, wir sind sehr dankbar für das, was ihr für uns getan habt." Pau verneigte sich.
"Ich danke euch, dass ich euch helfen durfte."
Während ein Heiler den Puls des Fürsten fühlte, trat Tomoe an sein Lager.
"Mein Fürst", verbeugte sie sich.
"Ah Tomoe, wie schön euch gesund und munter wiederzusehen. Ich war in höchster Sorge, als ihr kurz nach der Audienz mit Fürst Tenekka zusammengebrochen seid."
"Es geht mir wieder gut, mein Fürst."
"Hat die Aushebung der Armee inzwischen begonnen?"
"Ja, mein Fürst."
"Hat Fürst Hirano auf mein Schreiben reagiert?"
"Ja, mein Fürst. Er steht mit seiner Armee bei der Grenzstadt Pesa und wartet ungeduldig auf eure Erlaubnis, die Grenze übertreten zu dürfen, um mit uns gemeinsam ins Feld ziehen zu können."
Fürst Noriyuki wiegte den Kopf nachdenklich. "Schickt einen Boten aus, mit folgender Botschaft: Wir erlauben ihm unsere Grenze mit seiner Armee zu überschreiten. Alle unsere Truppen, die sich auf seinem Weg sammeln, sollen sich ihm anschliessen. Bis wir uns mit ihm vereinen, erhält er den Oberbefehl über diese Einheiten."
Ein Raunen ging durch die Anwesenden. Das war höchst unüblich.
"Sofort, mein Fürst." Tomoe schickte Major Nega los, um den Befehl auszuführen.
Der Leibarzt war mit der Untersuchung von Noriyukis Puls fertig. Er verneigte sich tief. "Mein Fürst, ihr erfreut euch bester Gesundheit", verkündete er.
Noriyuki nickte dankend. Er erklärte, dass er sich jetzt ankleiden wolle. Alle, bis auf die persönlichen Diener des Fürsten verliessen den Raum.
Draussen lief der Leibarzt zu Pau. Seine Kollegen folgten ihm mit steinernen Mienen. "Verzeiht", begann er.
Pau wandte sich ihm zu. "Jiro-san."
"Wir möchten euch demütigst für eure Mühen zur Errettung des Lebens unseres Fürsten danken", sie verbeugten sich, "und uns demütigst für das Misstrauen entschuldigen, welches wir euch ungerechtfertigterweise entgegenbrachten."
Pau verneigte sich. "Euer Misstrauen entsprang der Sorge um euren Herrn. Niemals könnte ich euch das nachtragen. Im Gegenteil verdient die Art und Weise, in der ihr meine sehr ungewöhnlichen Methoden respektiert habt, meine Hochachtung."
"Wir danken euch." Die Ärzte verneigten sich dankbar und gingen an ihre Arbeit zurück.
Nachdem alles angelassen war, begab Pau sich heimlich ins Kartenzimmer von Fürst Noriyuki und deponierte die gewünschten Karten dort.
Als nächstes sah er nach Jotaro, Shunji und Waytiki. Gemeinsam gingen sie in die Stadt vor den Toren der Burg. Sie kauften frisches Obst und Gemüse, dass Pau in einem unbeobachteten Augenblick verschwinden liess. Auf dem Rückweg zur Burg kamen sie an einem alten, etwas verwahrlosten Haus vorbei.
Pau blieb eine Weile vor dem Haus stehen und sah es sich genau an. Bei einem Nachbarn erkundigte er sich nach dem Besitzer und erhielt die gewünschte Auskunft.
Sie machten sich auf den Weg. Der Besitzer des Hauses wurde ausfindig gemacht und Pau erwarb es zu einem guten Preis. Eine beglaubigte Urkunde und eine Menge Geld wechselten den Besitzer.
Dann lief Pau zu verschiedenen Handwerkern und gab ihnen Aufträge. Das Haus sollte renoviert werden. Gewisse Umbauten wurden besprochen und Preise verhandelt. In etwa vier Monaten würden die Arbeiten abgeschlossen sein.
Als Pau am Abend zurück in die Burg kam, war eigentlich alles vorbereitet. Alle Fäden des Schicksals waren geknüpft und er brauchte eigentlich nur noch abzuwarten und die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Natürlich würden noch kleinere Korrekturen notwendig sein, aber alles wichtige war zu seiner Zufriedenheit angelaufen.
In der Burg angekommen, wurde er sofort von einem Diener in Empfang genommen, der ihm händeringend mitteilte, dass Fürst Noriyuki ihn schon seit geraumer Zeit zu sehen wünsche. Pau schickte die drei Schüler ins Bett und begab sich zum Fürsten.
"Verzeiht, Fürst Noriyuki. Ich habe mich in der Stadt aufgehalten und daher konnten eure Diener mich nicht finden", entschuldigte sich Pau.
"Denkt euch nichts dabei", seufzte Noriyuki, "Ich war nur fünf Tage krank und schon scheint mein Reich zu zerfallen."
"Ich muss mich nochmals bei euch bedanken. Ich fühle mich ausgezeichnet." Er lächelte glücklich. "Ich hatte schon befürchtet, dass ich mich nach der Heilung wochenlang erholen müsste."
Pau verneigte sich. "Fürst Noriyuki, es war mir eine Ehre."
"Man hat mir berichtet, dass ihr den Ninja, der mich angegriffen hat, gefunden und verhört habt."
"Ja, Fürst Noriyuki."
"Was habt ihr erfahren?"
"Er hat jede Aussage verweigert und sich in einem unbeobachteten Augenblick selbst getötet. Aber er hatte das hier bei sich." Pau reichte ihn einen Brief.
Noriyuki untersuchte das Siegel. "Das ist das Siegel von Fürst Hikiji. War es schon zerbrochen, als ihr den Brief fandet?"
Pau nickte.
Sorgfältig faltete Noriyuki den Brief auseinander. Laut las er: "Hiermit befehle ich die Ermordung von Fürst Noriyuki. Gezeichnet Fürst Hikiji."
Fassungslos starrte er auf das Dokument. "Das ... das ist unglaublich. Diese Unverfrorenheit. Diese Frechheit. Einen solchen Brief überhaupt zu schreiben! Und ihn dann einen Ninja mitzugeben."
Noriyuki war ausser sich. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte. Schliesslich wandte er sich an Pau, "Ist dieses Dokument echt?"
Pau schüttelte den Kopf. "Dieser Brief ist eine Kopie des Originals, welche ich an einem sicheren Ort aufbewahre. Sie ist so gut, wie ich sie mit Hilfe der ... Schriftkünstler in der Stadt machen konnte."
"Schriftkünstler ... so so". Er betrachtete den Brief genau. "Die Fälschung ist sehr gut. Wenn ich nicht euer Wort hätte, ich würde ihn für authentisch halten. Das Siegel ist ausgezeichnet."
"Nur weil es gebrochen ist. Bevor wir es zerbrochen haben, war es leicht als Fälschung zu erkennen."
Noriyuki nickte nachdenklich. Pau fuhr fort: "Das Siegel am Original ist allerdings echt."
Noriyuki runzelte die Stirn. "Vielleicht solltet ihr uns die ganze Geschichte auf einmal erzählen, statt immer nur Brocken von euch zu geben."
"Verzeiht. Mein Wissen ist noch nicht vollständig. Ich bin sicher, dass der Brief ursprünglich von Herrn Hikiji geschrieben und von diesem versiegelt worden ist. Meine Vermutung ist, dass jemand den ursprünglichen Inhalt des Briefes gelöscht und durch diesen hier ersetzt hat, um den Verdacht auf Hikiji zu lenken."
"Die Hoffnung war wohl, dass jedermann sich sofort an die Gerüchte erinnern würde, die Hikiji mit den Anschlägen auf euer Leben in Zusammenhang bringen, welche stattgefunden haben, kurz bevor der Shogun euch als rechtmässigen Erben des Hauses Geishu anerkannt hat."
"Habt ihr einen Verdacht?"
"Ja, Fürst Noriyuki, allerdings wird ein Verdacht nicht ausreichen. Ich hoffe in ein bis zwei Monaten Beweise erbringen zu können, die ausreichen, um denjenigen, der hinter diesem feigen Anschlag steckt, zu überführen."
Noriyuki reichte den Brief zurück. "Nun gut. Ich denke, wir werden die Zeit sinnvoll nutzen und uns zunächst dem Problem mit Fürst Tenekka zuwenden. Ihr habt Erfahrung in militärischen Fragen?"
Pau nickte.
"Dann könnt ihr uns beim Entwurf eines ersten Schlachtplanes helfen." Sie gingen in Noriyukis Kartenraum.
"Wäre es nicht besser, auf Fürst Hirano zu warten?"
"Ich möchte die Zeit, bis er hier eintrifft, so gut wie möglich nutzen. Sicherlich müssen am Ende noch einige Anpassungen vorgenommen werden, aber z.B. die Auswahl möglicher Schlachtfelder kann ohne ihn erfolgen. Damit sind wir optimal vorbereitet, wenn er zu uns stösst."
Ein Adjutant breitete eine Karte der ganzen Provinz aus. "Unsere Spione berichten, dass Fürst Tenekka irgendwo hier die Grenze überschreiten wird. Er scheint die direkte Konfrontation zu suchen. Wir können ihm auf der Hauptstrasse nach Rekaranagar entgegenziehen. Damit werden wir schnell vorankommen und können uns aussuchen, wo wir ihn stellen wollen."
Sie diskutierten einige mögliche Schlachtfelder. Nach kurzer Zeit konzentrierte sich das Gespräch auf das erste Schlachtfeld, welches Pau Noriyuki bereits vorgeschlagen hatte. Schliesslich wandte Noriyuki sich an ihn.
"Bisher haben wir wenig von euch gehört", spielte er ihm den Ball zu.
"Ich stimme in allen Punkten mit euch überein", begann er. "Ich würde nur vorschlagen, ein weiteres Schlachtfeld ins Auge zu fassen, damit wir eine Alternative haben."
Er wies auf das zweite Schlachtfeld. "Wir können auch hier Position beziehen. Das Schlachtfeld hat fast die gleichen Vor- und Nachteile wie das erste."
"Zwar werden unsere Nachschublinien etwas länger, aber sollte Fürst Tenekka uns ignorieren und direkt auf die Hauptstadt ziehen, können wir seinen Nachschub unterbrechen und seine Armee von hinten aufrollen."
"Ausgezeichnet", lobte Noriyuki. "Ein weiterer Vorteil ist, dass es sich nicht so offensichtlich als Schlachtfeld eignet. Möglicherweise rechnet Fürst Tenekka nicht damit, dass wir uns dorthin begeben und wir können ihn so zwingen, seine Strategie kurzfristig anzupassen."
Noriyuki liess detaillierte Karten der beiden Schlachtfelder heraussuchen. Als nächstes begannen sie, optimale Aufstellungen für ihre Truppenteile zu planen. Spät in der Nacht trennten sie sich.
Am nächsten Tag traf sich Pau mit den Adjutanten und militärischen Beratern von Fürst Noriyuki. Bis zum Abend arbeiteten sie verschiedene Schlachtpläne aus, um sie Fürst Noriyuki zu unterbreiten. Dieser sparte nicht mit Lob.
Boten waren eingetroffen und genauere Zahlen über ihre Truppenstärke lagen vor. Noriyuki musste zugeben, dass Pau exzellent informiert war. Sie würden fast exakt 1000 Mann zur Verfügung haben, wie er prophezeit hatte.
Die Schlachtpläne waren alle sehr gut. Er würde Fürst Hirano einige interessante Alternativen vorlegen können. Das einzige Problem, das noch ungelöst war, war die Frage des Oberbefehls. Fürst Tenekka hatte den Vorteil, dass er sich mit niemandem absprechen musste. Wenn sie es nicht schaffen würden, sich auf einen Befehlshaber zu einigen, würden sie in der Schlacht wertvolle Zeit damit verlieren, sich abzusprechen.
Fürst Noriyuki hoffte, dass sie sich auf Fürst Hirano als Oberbefehlshaber einigen konnten. Er machte sich nichts vor. Zwar fand die Schlacht auf seinem Land statt und er stellte einen grossen Teil der Truppen. Aber es fehlte ihm jede praktische Erfahrung. Pau wäre sicher am besten geeignet, aber einen Priester als Anführer wäre kaum durchsetzbar.
Am nächsten Tag kamen die Truppen bei der Hauptstadt vorbei. Damit sie keine weitere Zeit verloren, ritt Noriyuki ihnen entgegen und vereinte seine Truppen mit dem Tross, ohne dass sie anhalten mussten.
Abseits der vorbeiziehenden Truppen trafen sich die Fürsten. Als Noriyuki mit seiner Leibgarde zu ihnen ritt, stieg Fürst Hirano ab und kniete vor Noriyuki nieder. Seine Begleiter waren einen Moment wie erstarrt, dann folgten sie rasch seinem Beispiel.
"Fürst Noriyuki", begann Fürst Hirano, "hiermit stelle ich meine Truppen unter euren Oberbefehl."
Noriyuki zügelte sein Pferd und stieg ab. Er ging zu Fürst Hirano, und kniete seinerseits vor ihm. "Niemals wird ein Verbündeter sich tiefer vor mir verneigen, als ich vor ihm", sprach er und verneigte sich.
Mit gesenkten Kopf fuhr er fort. "Und ich lehne euren Wunsch ab. Ich werde auf keinen Fall das Leben unserer Untertanen meinem Stolz opfern. Statt dessen bitte ich euch, meine Truppen in die Schlacht zu führen. Ihr werdet von mir jede Unterstützung erhalten, die ich euch geben kann."
Gemeinsam erhoben sie sich. "Fürst Noriyuki, trotz eurer Jugend stehe ich im Schatten eurer Weisheit. Gerne entspreche ich eurem Wunsch und verspreche alles zu tun, um das Vertrauen, dass ihr in mich setzt, nicht zu enttäuschen."
Fürst Hirano stellte seine Begleiter vor und Fürst Noriyuki tat es ihm gleich. Während sie neben dem Haupttross ritten, sprachen sie hauptsächlich über Nebensächlichkeiten und tasteten sich so gegenseitig ab.
Usagi und Konuri ritten neben Tomoe und Pau, etwas abseits von den Fürsten. Geschickt begab sich Konuri neben Pau, damit Usagi und Tomoe etwas Zeit für sich hatten.
"Nun bekommt die Stimme ... der Name ein Gesicht", begann Konuri.
"Major ...", begann Pau und Konuris Blick flackerte kurz, "Konuri." Pau verneigte sich. Konuri atmete erleichtert auf und Pau lächelte.
"Ich bedaure, dass ich ihnen keine besseren Antworten geben konnte."
Konuri winkte ab. "Es war höchst interessant. Mir zu überlegen, was ich meinem Lord nun berichten sollte, war tatsächlich eine Herausforderung." Er lachte.
"Aber wie es scheint, ist ja alles so eingetroffen, wie ihr es geplant habt."
Pau blickte zu den Fürsten hinüber. "So lange man nichts Unehrenhaftes von ihm verlangt, sind Fürst Noriyukis Handlungen leicht vorhersehbar. Ihr werdet einen verlässlichen und belastbaren Bündnispartner in ihm finden."
"Davon bin ich überzeugt", antwortete Konuri. "Und was ist mit euch?"
Pau blickte ihn amüsiert an, antwortete aber nichts.
"Konuri-san, darf ich euch Tomoe Ame, die Vertraute des Fürsten Noriyuki vorstellen?" bot Usagi an.
Konuri verneigte sich. "Tomoe-san."
"Konuri-san", grüsste Tomoe höflich zurück.
"Wie ich hörte, habt ihr euch um Usagi bemüht. Dafür Danke ich euch", erklärte Tomoe.
Konuri neigte den Kopf. "Es war mir eine Ehre. Selten trifft man jemanden mit einem so angenehmen Wesen. Ich wünsche mir, dass wir uns nach der Schlacht alle wiedersehen."
Tomoe seufzte leise. "Ja. Wieder haben wir Krieg. Tausende werden sterben um das Machtstreben eines Einzelnen zu befriedigen."
"Sechzig", korrigierte Pau sie sanft. "Sagen wir siebzig Tote, damit ich noch etwas Spielraum habe."
Er lächelte bitter in ihre schockierten Gesichter. "Es werden die Lebenden sein, die mich hassen werden."
