Der vierte Teil der Geschichte
Prolog
Neue Figuren in dieser Geschichte: Herr Okii, der persönliche Vertraute des Shoguns (und heimlicher Unterstützer von Fürst Hikiji) und der Shogun. Ausserdem lernen wir den Kopfgeldjäger Gennosuke (wird meist nur Gen genannt) kennen und seinen Kollegen, den Kopfgeldjäger InukaiInnere und Äussere Schlachten
Am Abend sassen die Fürsten und Berater zusammen und vereinten ihr Wissen. Fürst Noriyukis Berater trugen die Überlegungen zu den möglichen Schlachtfeldern vor und danach erklärten alle verschiedene Schlachtpläne. Spione hatten inzwischen Informationen über Truppenstärken des Feindes und ihre Zusammensetzung geliefert.
Mit Rollenspielen wurden verschiedene Strategien ausprobiert. Jeweils eine Gruppe übernahm dabei die Rolle des Feindes. Auf dem vorliegenden Kartenmaterial wurden Symbole, welche für die verschiedenen Einheiten standen, verschoben und man diskutierte lebhaft die möglichen Auswirkungen verschiedener Entscheidungen.
Einige Tage später erreichten sie das Schlachtfeld, auf welchem Fürst Tenekka sie wohl erwarten würde. Wie üblich schlugen sie ihr Lager auf. Kundschafter berichteten, dass Fürst Tenekka inzwischen die Grenze überschritten hatte und sich ihnen näherte. Als Fürst Tenekka noch zwei Tagesmärsche von ihnen entfernt war, brachen sie das Lager ab und zogen überraschend zum Schlachtfeld, welches Pau vorgeschlagen hatte.
Fürst Tenekka tobte vor Wut. Er konnte sich gerade noch beherrschen, bevor er einem Berater den Kopf abschlug. Pau beobachtete ihn ungerührt und unbemerkt. Fürst Tenekka konnte verschiedene Dinge nicht leiden, aber er hasste es überrascht zu werden.
Jetzt würde er seine Strategie etwas anpassen müssen. 'Wo will dieser Wurm Noriyuki überhaupt hin?' Nervös suchten seine Berater die Karten ab. Die Armee folgte währenddessen der von den vereinten Fürsten wie ein Lindwurm.
Zwei Tage später hatte die vereinte Armee das von ihr ausgewählte Schlachtfeld erreicht. Fürst Tenekkas Berater taten ihr möglichstes, um ihren tobenden Herrn zu beruhigen, damit sie in den drei Tagen, die ihnen noch zur Verfügung standen, eine Strategie aufstellen konnten.
Es war nicht leicht. Fürst Tenekka wollte sich nicht beruhigen, das Schlachtfeld sah völlig anders aus, als das, welches sie erwartet hatten und, was noch schlimmer war, sie mussten erkennen, dass Noriyuki sie in der Hand hatte.
Sie hätten ungehindert gegen seine Hauptstadt ziehen können, aber er konnte ihren Nachschub unterbrechen, wann immer er wollte. Wenn er jetzt einen Trupp aussandte, dann waren die Vorräte, die sie jetzt bei sich hatten, alles, was sie bis zur Schlacht haben würden. Ein Tag Verzögerung, und ihre Soldaten würden mit knurrendem Magen in die Schlacht ziehen müssen.
Sie wählten einen unter sich aus, der Fürst Tenekka diese Nachricht überbringen durfte. Er kam nicht zurück. Auch der Nachschub blieb aus. Alles, was noch kam, war ein Bote von Fürst Hirano, welcher ihnen mitteilte, dass der Nachschub von seiner Armee konfisziert worden war.
Fürst Tenekka nahm die Nachricht ohne Regung hin. Eiskalter Zorn erfüllt ihn. Äusserlich ruhig, setzte er sich mit seinen Beratern zusammen und innerhalb sehr kurzer Zeit erarbeiteten sie einen Schlachtplan, der ihnen wenigstens einige Vorteile zurückholen würde. Aber jetzt hing alles von Fürst Mono ab.
Ein Soldat überbrachte den vereinten Fürsten die Meldung, dass die Armee von Fürst Tenekka jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen war. Sie traten aus dem Zelt nach draussen und beobachteten, wie Fürst Tenekka seine Positionen einnahm. Fürst Noriyuki zollte Pau innerlich Respekt. Seine Angaben über Zusammensetzung und Stärke der gegnerischen Truppen waren so genau, dass Noriyuki argwöhnte, Pau hatte die exakten Zahlen gewusst und ihm nur ungefähre Angaben gemacht.
Beunruhigt dachte er an das, was Usagi ihm und den anderen Fürsten vor mehreren Tagen berichtet hatte. Dass Pau die Anzahl der Opfer dieser Schlacht prophezeit hatte. Zum wiederholten Mal fragte sich Noriyuki, was Paus Rolle in diesem Krieg war. Und ihre.
Äusserlich war nur sein Panda-Lächeln zu sehen, welches in sein Gesicht eingekerbt war. Nur ein sehr aufmerksamer Beobachter hätte vielleicht an seinen Augen gesehen, welch düstere Gedanken ihn bewegten.
Am Abend erreichte sie ein Bote von Fürst Tenekka. Mit grossen Bedauern liess er ausrichten, dass er sehr enttäuscht sei, dass Noriyuki auf die Lügen und Täuschungen von Fürst Hirano hereingefallen war und dass er nun keine andere Wahl habe, als sie am nächsten Tag anzugreifen.
Fürst Hirano liess antworten, dass sie bereit sein würden.
In der Nacht schlich sich ein Bote von Fürst Tenekka ungesehen in das Zelt von Mono und überbrachte die letzten Anweisungen von Fürst Tenekka. Mono legte wichtige Details des Schlachtplanes dar und der Spion ging wieder. Unerkannt verliess er das Lager und verschwand in der Dunkelheit, die ihn verschluckte.
Fürst Mono war etwas unwohl. Natürlich hatte er Vorkehrungen getroffen, sollte Fürst Tenekka versuchen, ihn zu hintergehen. Aber dennoch war er unruhig. Er ging kurz nach draussen, um sich etwas die Beine zu vertreten. Morgen würde eine grosse Schlacht stattfinden und es war sicher nicht ungewöhnlich, nervös zu sein.
Als er später in sein Zelt zurückkehrte, fand er einen Grund. Jemand hatte unbemerkt von seinen Wachen einen Speer in den Boden getrieben. Auf seiner Spitze steckte der Kopf des Spions, welcher ihn vorher aufgesucht hatte.
Kaltes Entsetzen ergriff ihn, als der Kopf noch einmal den Blick auf ihn richtete und der Mund lautlos ein Wort formte. Pau.
Die Schlacht der Angst
Am nächsten Morgen trafen sich die Fürsten auf einem Hügel. Ihre Truppen nahmen diszipliniert ihre Positionen ein. Auf der anderen Seite geschah das gleiche. Fürst Mono sah sehr schlecht aus. Besorgt erkundigten sich die anderen nach seinem Wohlbefinden, aber nur das Grauen in seinen Augen antwortete ihnen.
Monos Blick schien an Pau zu kleben, doch dieser beachtete ihn nicht. Paus Aufmerksamkeit war auf ihr Schlachtfeld gerichtet. Noriyuki bewunderte Paus Fähigkeit sein Bewusstsein auf eine Sache zu konzentrieren. Man spürte direkt, wie er die ganze Umgebung in sich aufsaugte.
Wie es sich gehörte, verbeugte Pau sich vor den Fürsten, aber er schien dabei seltsam abwesend, als ob er gleichzeitig noch etwas anderes täte.
Für Fürst Mono war diese stumme Ruhe, die Pau ausstrahlte furchtbarer als alles andere. Pau wusste doch, dass er ein Verräter war. Wie konnte Pau nur so ruhig sein? Warum hatte Pau ihn noch nicht an die anderen Fürsten verraten? Diese Gedanken füllten sein ganzes Selbst.
Als die Armeen ihre Stellungen eingenommen hatten, drehte Pau sich zu den Fürsten um. "Wenn ihr es wünscht, dann kann ich euch zu einem Sieg verhelfen, der nur 70 Beteiligten das Leben kosten wird", bot er ernst an.
Sie spürten, dass er jetzt ganz hier war. Seine Worte waren keine Angeberei, er meinte das völlig ernst. Die Fürsten berieten sich kurz. Noriyuki bestätigte Paus Wort ernst. Er hielt es tatsächlich für möglich, dass Pau tun konnte, was er versprach. Fürst Fujitako entschied, dass er mit allem einverstanden war, was Fürst Hirano tun würde. Fürst Mono schwieg.
Fürst Hirano wandte sich also nochmals an Pau, "Wird das, was ihr vorhabt, die Gefahr die von Fürst Tenekka ausgeht genauso sicher bannen, wie wenn wir euer Angebot ablehnen und selbst kämpfen würden?"
Pau schüttelte den Kopf. "Ihr könntet trotz allem verlieren." Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu, "Ich nicht."
"Ein Fürst dient zuallererst seinem Volk", sprach Fürst Hirano ernst. "Wenn ihr tausende von Leben retten könnt, dann bitte ich euch uns zu helfen."
Pau akzeptierte seine Bitte. "So sei es." Gelassen machte er sich auf den Weg zum Schlachtfeld.
Tomoe, Usagi und Konuri hatten die Diskussion schweigend verfolgt. Nun blickten sie Pau hinterher, wie er durch die Reihen der Soldaten schritt. "Die Lebenden werden mich hassen", wiederholte Konuri und sie teilten sein Unbehagen. Bushido lehrte, dass es Dinge gab, die waren schlimmer als der Tod.
Als Pau das Schlachtfeld erreicht hatte, hatte er irgendwie alle Blicke auf sich ruhen. Usagi konnte es nicht erklären. Pau schien das einzige in seinem Blickfeld zu sein, das seiner Aufmerksamkeit wert war.
So beobachteten etwas mehr als 5300 Mann, wie ein Einzelner zu dem Monoliten schritt, der sich mitten auf dem Schlachtfeld aus dem Boden erhob. Ohne Hast ging er einmal darum herum.
Dann stellte er sich auf eine Seite, so dass er von fast allen gut zu sehen war. Ein Kampfschrei gellt über das Feld und eine Faust grub sich mit lautem Krachen und Knirschen in den Fels und versank tief. Tödliche Stille folgte. Langsam zog Pau seinen Arm aus dem Feld.
Er steckte beide Hände in das Loch und ein zweiter Kampfschrei ertönte. Mit lauten Knall barst der Stein in drei Teile.
Geschickt fing Pau einen Brocken, der grösser war als er selbst und schleuderte ihn mit einer seltsam langsamen Bewegung nach oben. Tausende weit aufgerissene Augen folgten dem Stein, der sich hoch in die Lüfte erhob. Dann sprang Pau hinterher und schmetterte ihn zurück auf den Boden. Alle konnten spüren, wie dieser unter der Wucht des Einschlags erzitterte.
Mit einer seltsamen Mischung aus Faszination und Furcht sahen die Menschen, wie Pau den Stein bearbeitete. Kleinere Brocken in der Hand zerdrückte und grössere mit Schlägen und Tritten zerschmetterte.
Irgendwann hörte es auf. Rings um Pau lagen noch einige grössere Brocken, aber er stand ruhig in der Mitte. Schien immer noch ruhig zu atmen.
Mit einer allumfassenden Geste hob er die Arme und die Brocken gehorchten. Lautlos erhoben sie sich zu einem seltsamen Reigen. Sie stiegen nicht gleichmässig auf, sondern in geschwungenen Bahnen. Seltsam leicht und abstossend.
Über Pau bildete sich rasch eine grössere Ansammlung, die immer dichter wurde. Irgendwann schwebte dort, von unsichtbaren Kräften gehalten, ein beachtlicher Fels.
Eine Pause folgte, in der die Natur selbst den Atem anzuhalten schien. Furcht vor dem, was jetzt kommen würde, wanderte unsichtbar durch die Reihen.
Dann spürten sie, wie ungeheure Energien zu fliessen begannen. Sie zerrten an ihren Seelen, wie eine Stromschnelle an einem unvorbereiteten Schwimmer. Grelles Leuchten umgab Pau und dann schoss ein Blitz aus gleissendem Licht in die Höhe.
Geblendet schlossen alle die Augen. Selbst wenn sie die Arme vor das Gesicht hielten, biss das Licht schmerzhaft in ihrem Verstand. Dann donnerte es und in ihren Ohren klingelte es. Fast wie ein Hohn klang das leise Klappern und Rauschen als Gesteinsplitter bis in die hintersten Reihen auf die Armeen herniederregneten.
Fassungslos starrten Noriyuki und die anderen Fürsten auf das unglaubliche Bild. Als sie vor ein paar Tagen hier eingetroffen waren, hatten sie den Stein vorgefunden, wie Pau es prophezeit hatte. Sie hatten beschlossen, ihn zu entfernen, damit er sie nicht behindern würde.
Fünfzig Mann hatten gegraben und versucht den Stein zu bewegen. Ohne Erfolg. Pau hatte ihren Bemühungen nur lächelnd zugesehen.
Das Loch, in dem er gesteckt hatte, war riesig. Noriyuki wurde klar, dass der fünf Schritte hohe Stein an der Oberfläche nur ein winziger Bruchteil des ganzen gewesen war. Er wagte sich nicht vorzustellen, welche Kräfte da unten am Werk gewesen sein mussten.
Entsetzt sassen sie alle da. "Das ist etwas, dass ich morgens mache, um mich aufzuwärmen", hallte da Paus Stimme in einem lockeren Plauderton über das Schlachtfeld. Seine Stimme klang rau und dunkel wie immer. Keine Spur von Erschöpfung oder Anstrengung war zu hören.
"Womit wir zum ernsten Teil des Tages kommen", sprach er fröhlich weiter, was das Entsetzen der Soldaten nur vergrösserte.
Dann ging Pau in die Mitte des Feldes. Er ging über die Luft des von ihm geschaffenen Loches, als wäre es fester Boden. Er ging langsam, damit sich die Furcht in den Köpfen der Menschen um ihn herum voll entfalten konnte, die sich fragten, was jetzt kommen könnte. Gab es noch etwas schlimmeres?
Sie mussten erkennen, dass Paus Repertoire des Schreckens noch nicht ausgeschöpft war. Irgendwo über dem Loch blieb er stehen, mitten in der Luft.
Er nahm eine Art Grundstellung ein. Nicht so förmlich wie bei einem Duell. Lockerer. Aggressiver. Seine rechte Hand griff nach oben, hinter seinen Kopf, als wolle er einen Pfeil aus einem Köcher ziehen oder ein Schwert. Aber da war nichts.
Bis seine Hand hinter seinem Kopf stehen blieb. Plötzlich war da ... etwas. Sie spürten alle, dass es eine Waffe war. Eine alte Waffe. Tödlich. Schrecklich. Es sah aus wie ein Schwert, aber es beobachtete sie. Grub in ihren Gedanken. Nährte ihre Angst.
Usagi spürte, wie sein Verstand seltsam klar war. Als ob er sich und die ganze Situation nur beobachtete. Das musste die Waffe gewesen sein, die Pau vor knapp zwei Wochen im Wald eingesetzt hatte. Die sie in diese besinnungslose Flucht getrieben hatte.
Usagi zitterte vor Angst. Ein Rauschen erklang. Über seinem eigenen Zähneklappern dauerte es eine Weile, bis er erkennen konnte, was es war. Angst. 5000 Menschen zitterten vor Angst. Es war laut. Entsetzlich.
Der Geruch von Angst wälzte sich über ihn hinweg. Angstschweiss von 5000 Körpern. Gefangen in einem furchtbaren Alptraum. Unfähig sich zu rühren. Sich zur Flucht zu wenden.
So wie die Waffe sie wahrnahm, konnten sie die Waffe spüren. Ihre seltsamen Gedanken, unverständlich und fremd. Gewaltig. Unwillkürlich fühlte Usagi sich wie eine Ameise, die einen Tsunami auf sich zukommen sieht.
Regungslos erwarteten sie ihr Schicksal von ihrer eigenen Angst gebannt.
"Nun?" hallte Paus Stimme über das Feld. "Ich warte!"
Irgendjemand auf der anderen Seite schien sich noch ein wenig unter Kontrolle zu haben. Ein paar, vereinzelte Pfeile flogen durch die Luft. Sie landeten weitab von Pau, der keinen Muskel rührte.
Eine weitere Salve und noch eine. Bald schossen alle Bogenschützen auf der anderen Seite. Ihre Pfeile bildeten eine Schwarm hässlicher, schwarzer Striche am Firmament. Sie pfiffen und zischten auf ihrem Weg. Pau betrachtete sie ungerührt.
Bald regneten sie weiträumig in dem Gebiet nieder, in dem Pau stand. Usagi konnte nicht sehen, was er tat. Es schien nicht so zu sein, dass er überhaupt etwas tat. Auch die Pfeile schienen keine Wirkung zu haben.
'Da ist nichts unter ihm', dachte Usagi. 'Jetzt kann er seinen Schild problemlos einsetzen.' Er hoffte, dass Fürst Hirano keinen Angriff befahl. Dass der Hauptmann, der ihre Bogenschützen leitete, sich keine Eigenmächtigkeit erlaubte. Dass es bald vorbei war.
Da sprang Pau mit einem Schrei. Er folgte der Flugbahn der Pfeile zu ihrem Ursprung. Flog durch ihren tödlichen Schwarm wie ein Mensch durch eine Wolke aus Federn.
Als er landete, öffnete diese Hölle ein weitere Pforte. Sie konnten nicht sehen, was er tat, aber sie hörten die Schreie. Sie spürten, wie die Waffe die Seelen der armen Geschöpfe auf der anderen Seite quälte. Spürten das kalte Versprechen, das jedem anzutun, der es wagen würde, Pau anzugreifen.
Usagi begann sich Sorgen zu machen, wie lange er das durchhalten würde. Wie lange es dauern würde, bis die Panik, die in seinem Inneren tobte, ihn töten würde. Mit einer unerwarteten Klarheit erkannte er, dass er vor Angst starb. Und mit ihm, alle anderen. Bald. Das gab ihm etwas von seiner Ruhe zurück.
"Noch jemand?" donnerte Paus Stimme. Usagi hätte den Kopf geschüttelt, hätte er das gekonnt. Wenn er den Blick für einen Augenblick hätte abwenden können.
Einen Augenblick geschah nichts. Dann war es so plötzlich vorbei, wie es begonnen hatte. Der Druck der Waffe auf seinen Geist verschwand und Usagi sackte auf seinem Pferd zusammen. Sein Herz raste und seine Muskeln hatten sich so sehr verkrampft, dass er kaum Luft holen konnte.
Er nahm nicht wahr, dass es fast allen genauso erging, wie ihm. Reihenweise kippten die Soldaten um, liessen ihre Waffen fallen und klammerten sich mit dem bisschen Rest an Kraft, der ihnen geblieben war, an ihr Leben.
Pau hatte sie besiegt.
Auf der anderen Seite schritt Pau ruhig durch die Reihen den Hügel hinauf, wo Fürst Tenekka sein Zelt aufgeschlagen hatte. Trotz ihrer Erschöpfung machten ihm die Soldaten Platz, wie eine Schafherde einem Wolf ausweichen würde.
Pau beachtete sie nicht. Er kam bei Speerträgern vorbei und sammelte 7 Speere ein. Mit diesen unter dem Arm kam er beim Zelt von Fürst Tenekka an. Dort sassen er und seine Berater auf ihren Pferden.
Er ging zu sechs der Berater und reichte jedem einen Speer. Den letzten steckte er in den Boden. Dann nahm er sich ein Schwert einer Wache und ging zum Pferd von Fürst Tenekka. Er zog den Fürst, der sich nur schwach wehrte, vom Pferd. Riss dem Fürst den Helm herunter und packte ihn an den Haaren. Schlug ihm mit einer eleganten Bewegung den Kopf ab.
Schweigend betrachteten die anderen sie Szene. Sie waren über jeden Schrecken hinaus. Pau hielt den Kopf hoch und brachte ihn zu einem der Berater, denen er zuvor die Speere gegeben hatte. Er drückte ihm den Kopf in die Hände.
Wortlos köpfte er noch fünf weitere Berater und winkte dann, ihm zu folgen. Ohne etwas zu Empfinden, lenkten die sechs Berater ihre Pferde hinter Pau her. Dieser gab das Schwert zurück, zog den siebten Speer aus dem Boden und gemeinsam machten sie sich auf den langen Weg zurück.
Ruhig schritt Pau Tai durch die Reihen der gegnerischen Armee. Noch immer waren alle Soldaten von den Geschehnissen wie betäubt. Die Pferde mit den Lebenden und den Toten folgten ihm. Seltsamerweise schienen die Menschen weitaus schlimmer betroffen zu sein, als die Pferde. Während aus den Augen der Menschen Entsetzen und Erschöpfung sprach, schienen die Tiere von der ganzen Aufregung praktisch nichts mitbekommen zu haben.
Berater Nirai, der den Kopf von Fürst Tenekka trug, ritt an der Spitze und folgte Pau. Er machte sich keine Gedanken über sein weiteres Schicksal. Irgendwie schien er überhaupt die Fähigkeit verloren zu haben, zu denken. Er sah seine Armee. Die Blicke seiner Leute. Aber es bedeutete nichts mehr.
Pau hatte sie besiegt. Auf eine Art und Weise besiegt, die sie sich nicht hatten vorstellen können. Nirai war jenseits der Hoffnungslosigkeit. Er musste sich nicht umdrehen, um zu sehen, dass es den anderen ebenso erging.
Auf der anderen Seite ging es den Hügel hinauf. Wie schon bei Tenekkas Armee wichen auch hier die Soldaten aus. Durch eine breite Schneise ritten sie zum Zelt von Hirano.
Vor dem Zelt waren die Fürsten versammelt, geschützt von ihren persönlichen Leibwachen. Auch sie standen noch unter dem Schock dessen, was geschehen war. Seltsam distanziert nahmen sie die Ankunft von Pau wahr.
Pau hielt einen sorgfältigen Abstand zu den Leibwachen. Er steckte seinen Speer, mit dem Schaft voran, tief in den Boden. Dann ging er zu Berater Nirai und nahm ihm seinen Speer und Kopf ab. Wortlos steckte er den Kopf auf die Spitze des ersten Speers und steckte den zweiten Speer daneben in den Boden. Als nächstes ging er zum nächsten Berater um dessen Kopf und Speer zu holen.
Am Schluss steckten sechs Köpfe auf sechs Speeren und einer war noch leer. Pau stand neben dem letzten Speer und sah zu den Fürsten hinüber. Wortlos stieg Fürst Mono von seinem Pferd, reichte die Zügel seinem Adjutanten und ging auf Pau zu.
Fürst Mono war jenseits des Schreckens. Ohne eine Regung nahm er seinen Helm und den restlichen Kopfschutz ab. Einen Moment blickte er Pau seelenlos an. Dann zog er sein Schwert und beging Seppuku. Nachdem er sich seine tödlicher Verletzung zugefügt hatte, nahm Pau sein Schwert, schlug seinen Kopf ab und steckte ihn auf den letzten Speer.
Pau legte das Schwert neben den Toten ins Gras, verneigte sich vor den Fürsten, drehte sich um und ging. Die Schlacht war vorbei.
Langsam kam wieder Leben in die Armeen. Die Soldaten nahmen aus Gewohnheit wieder ihre Stellungen ein. Nur wenige Soldaten hatten gesehen, was Pau getan hatte, aber insgeheim hofften alle, dass es nicht mehr zu einer Schlacht kommen würde.
Die Führer der Truppenteile blickten zu den Signalgebern auf und diese warteten in dieser unwirklichen Situation auf die Anweisungen der Fürsten. Eine bleierne Ruhe legte sich über das Schlachtfeld.
Pau setzte sich unter einen Baum und harrte der Dinge, die da kommen würden. Die Fürsten hatten jetzt die Möglichkeit die Schlacht ohne einen weiteren Toten zu beenden. Seine Aufmerksamkeit schweifte über die Soldaten. 63 Tote zählte er.
Einige waren durch Unfälle gestorben, verletzt durch eigene Pfeile oder Waffen, die ihre Kameraden in ihrer Panik fallengelassen hatten. Andere waren schlicht vor Angst gestorben. Dazu kamen der tote Fürst, fünf seiner Berater und der Verräter.
Aber der eigentliche Preis für diesen Sieg würde erst noch zu zahlen sein.
Unterdessen waren die überlebenden Berater um Nirai von ihren Pferden abgestiegen und knieten nun vor den Fürsten. Nirai brauchte einige Zeit, um sich soweit zu sammeln, dass er sprechen konnte.
"Hiermit", begann er mit monotoner Stimme, "erkläre ich unsere bedingungslose Kapitulation." Regungslos und ohne Emotionen sassen er und seine Begleiter da und erwarteten ihr Schicksal.
Fürst Hirano bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen, aber die Geschehnisse forderten ihren Tribut. Schliesslich gab er auf. "Wir wünschen", begann er, "dass ihr zu euren Soldaten zurückkehrt und ihre Formationen auflöst."
Er schwieg einen Moment. Dann fuhr er fort, "Major Konuri, bitte sorgt dafür, dass die beschlagnahmten Vorräte zurückgegeben werden. Wir wünschen keine weiteren Toten."
Konuri musste sich räuspern. "Ja, mein Fürst."
"Morgen früh werden wir euch mitteilen, welches Schicksal euch erwartet. Ihr könnt euch jetzt zurückziehen."
Einem Boten gab er den Befehl, dass die eigene Formationen aufzulösen seien, wenn die andere Armee sich in ihr Lager zurückgezogen hatte. Dann ritt er in sein Zelt. Kurze Zeit später folgten ihm die anderen Fürsten.
"Mono?" fragte Fujitako tonlos.
"War ein Verräter", gab Noriyuki kurz angebunden zurück. Er versuchte sich etwas Sake einzugiessen, aber seine Hand zitterte zu stark. Schliesslich trank er direkt aus der Flasche. Etwas von der Flüssigkeit traf tatsächlich seinen Mund.
Er liess sich in einen Stuhl fallen und wartete, bis er sich wenigstens etwas beruhigt hatte. Eine geraume Zeit herrschte Schweigen, während die Fürsten sich etwas erholten.
"Was könnt ihr uns über Pau Tai sagen?" erkundigte sich Hirano schliesslich.
Noriyuki wiegte den Kopf. Er stand auf und ging zum Zeltausgang. Draussen konnte er Konuri, Usagi und Tomoe sehen, die die Auflösung der Formation beobachteten. Er winkte sie hinein.
Im Inneren wies er ihnen Plätze zu und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Nachdenklich begann er zu erzählen.
"Ich hörte vor etwa zwei Monaten das erste Mal von ihm. Ein Trupp meiner Männer war unter der Leitung von Tomoe Ame aufgebrochen, um Usagi zu suchen. Dabei stiessen sie auf Pau Tai. Er bewahrte sie vor einem Überfall durch eine Gruppe von Ninjas."
Noriyuki runzelte die Stirn. "Wenn ich es recht in Erinnerung habe, dann erzeugte er eine Illusion von festem Boden und die Ninjas stürzten in die Tiefe."
"Kurz darauf ... eroberte er auf unbekannte Art eine Burg der Taja-Ninjas. Dabei liess er ungefähr dreihundert Ninjas ... verschwinden. Die Burg zerstörte er, indem er den Felsüberhang abbrach, unter dem die Burg errichtet war."
"Usagi berichtete mir, dass Pau ihm kurzzeitig die Fähigkeit verliehen hat, zu fliegen." Usagi nickte bekräftigend. Erst zwei Monate war das her?
"Die Ninjas haben Usagi schwer verletzt. Pau hat alle seine Wunden heilen können. Darunter waren eine herausgeschnittene Zunge und ein zerstörtes Auge. Er brachte Tomoe zu meiner Burg und verschwand mit Usagi für etwa zwei Wochen. Usagi?"
Usagi sortierte seine Erinnerungen. "Bruder Pau brachte mich zu meinem alten Lehrmeister Katsuichi, der im Sterben lag. Das gab mir die Gelegenheit, mich von ihm zu verabschieden. Meister Katsuichi hatte zu diesem Zeitpunkt zwei Schüler, die er Bruder Pau anvertraute."
"Ich habe Bruder Pau gebeten, mich als Schüler zu akzeptieren. Er lehnte ab, weil ich nicht in der Lage sei, diese Entscheidung zu treffen. Stattdessen bot er an, mir drei Aufgaben zu geben. Wenn ich diese erfüllet hätte, dann würde ich bereit sein."
"Seine erste Aufgabe war, einem alten Freund, Magistrat Kenichi, um Vergebung zu bitten. Damit ich diese Aufgabe erfüllen konnte, brachte Pau mich zu meinem Heimatdorf, das von Magistrat Kenichi verwaltet wird. Dort traf ich auf Fürst Hikiji und Bruder Pau vereitelte einen Plan von Fürst Hikiji, mein Heimatdorf auszulöschen."
"Ich konnte meine erste Aufgabe erfüllen und Bruder Pau brachte mich und die Schüler zu Burg Weissreiher. Dort erfuhren wir, dass es ein Attentat auf Fürst Noriyuki gegeben hatte."
"Wie hat Pau den Plan von Fürst Hikiji vereitelt?" erkundigte sich Hirano.
Usagi überlegte einen Augenblick. "Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Bruder Pau selbst gab an, dass er Fürst Hikiji nur Alternativen aufgezeigt habe, aber ich habe auch gehört, dass zu diesem Zeitpunkt hunderte von Ninjas sich bereit gehalten haben, sollte Fürst Hikiji doch angreifen."
"Ninjas?"
Usagi verzog das Gesicht. "Es waren wahrscheinlich die Taja-Ninjas, die Bruder Pau zuvor auf seine Seite gezwungen hatte."
"Könnt ihr uns sagen, wie er das getan hat?"
Usagi schüttelte den Kopf. "Damals vermutete ich einen Trick der Ninjas. Alles, was ich gesehen habe, war, dass Pau die Burg betrat, mit einigen Ninjas sprach und gegen vier von ihnen gekämpft hat. Kurze Zeit später folgten sie seinen Befehlen."
"Wie denkt ihr, konnte er den Monoliten so zurichten?"
"Sein Körper hat ungeheure Kräfte", berichtete Usagi. "In der Burg hat er ohne jede sichtbare Anstrengung Türen aufgeschoben, welche mit dicken Riegeln gesichert waren." Mit den Händen demonstrierte Usagi den Querschnitt eines solchen Riegels.
Fürst Noriyuki ergänzte: "Er ist ausserdem ein Meister der Illusion. Während ich mich von den Folgen des Attentats erholte, trat er als ich auf und konnte meine persönlichen Diener und meine Leibwache täuschen."
"Könnte die Attacke eine solche Illusion gewesen sein?"
Fürst Fujitako lachte humorlos auf. "Und die Gesteinsplitter, welche auf uns herniedergeregnet sind?"
"Ich gehe davon aus, dass Pau den Stein wirklich zerstört hat." Usagi schauderte. "Wir alle erinnern uns an dieses entsetzliche ... Ding, mit dem er uns in Angst und Schrecken versetzt hat. Ich denke, er hat einfach viele Möglichkeiten, seine Ziele zu erreichen und aus der Tatsache, dass er manchmal Illusionen einsetzt, sollten wir nicht schliessen, dass seine Macht nicht real ist."
Fürst Hirano nickte. "Ich gebe euch Recht. Aber all das bringt uns nirgendwohin. Die zentrale Frage ist, was tun wir nun? Danken wir Pau dafür, was er getan hat? Oder verlangen wir, dass er geht?"
"Wenn wir verlangen, dass er geht und er weigert sich, was tun wir dann? Können wir ihn zwingen? Sollten wir? Oder gehen wir einfach über das hier hinweg und tun so, als wäre nichts geschehen?"
"Fragen wir ihn doch", schlug Tomoe einfach vor.
"Wird uns das die Antworten auf unsere Fragen geben?"
Usagi räusperte sich. "An meinen Taten sollt ihr mich messen, sagte er. Ich denke, wir sind uns einig, dass er tun und lassen kann, was immer er will. Und wir sind uns auch einig, dass er das nicht tut. Er hätte noch mehr Speere in den Boden stecken können. Niemand hätte ihn daran hindern können, die hier versammelten fünf Provinzen mit einem Streich zu erobern."
"Die Soldaten hätten in ihrem Zustand sicher keinen Widerstand geleistet", führte Fürst Noriyuki den Gedanken fort. "Wir leben und Fürst Tenekka ist tot, weil er es wollte. Ich habe ihn bisher immer als willig erlebt, seine Gedanken mit mir zu teilen. Sicherlich werden wir nur seine Worte haben, aber mehr können wir nicht erhoffen."
Offen blickte er die anderen Fürsten an. Diese nickten schliesslich.
"Würdet ihr Bruder Pau zu uns bitten?" wandte sich Noriyuki an Usagi. Usagi nickte und machte sich auf den Weg.
Draussen vor dem Zelt blickte er sich um. Pau sass immer noch unter seinem Baum. Er ging zu ihm.
Bei Pau angekommen, sank Usagi auf die Knie und wartete darauf, dass er angesprochen wurde, wie er es bei einem Fürsten tun würde.
"War der Preis für unseren Sieg Deine Freundschaft?" erkundigte sich Pau ruhig.
Usagi blickte auf. Pau schaffte es doch immer wieder, ihn aus dem Konzept zu bringen. "Ich wusste nicht, dass es überhaupt möglich ist, euer Freund zu sein", antwortete er schliesslich.
"Alle Lebewesen sind meine Freunde. Aber manche Lebewesen betrachten mich nicht als ihren Freund."
"Kann jemand wie ihr überhaupt so etwas wie Freundschaft empfinden?"
Pau lächelte. "Es ist immer nur Deine Entscheidung." Er erhob sich und ging ohne ein weiteres Wort an Usagi vorbei und zum Zelt der Fürsten.
Usagi fragte sich nicht, woher Pau wusste, was von ihm erwartet wurde. Stattdessen dachte er auf dem Rückweg über Paus Worte nach. Nachdenklich schweifte sein Blick über die sich auflösende Armee. Und er erkannte, dass seine eigene Angst die Distanz zu Pau aufgebaut hatte.
Pau hatte sich nicht verändert, sondern er selbst. Pau war auch schon gestern so mächtig gewesen. Aber heute hatte Usagi diese Macht am eigenen Leib gespürt und nun hatte er Angst. Er hatte Angst davor, dass Pau seine Macht missbrauchen würde. Nur war Pau wohl kein Mensch und menschliche Masstäbe anzulegen war dann ein Fehler.
Als sie das Zelt erreicht hatten, hatte Usagi diesen Gedanken akzeptiert. Er hielt Pau zurück. "Es ist schwierig für mich", begann er. "Alle Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, sind von zu viel Macht korrumpiert worden. Das scheint bei Dir nicht der Fall zu sein, aber weil Du Dich so menschlich gibst, unterstelle ich Dir auch immer menschliche Schwächen."
"An Herausforderungen wächst man", antwortete Pau.
Usagi grinste unwillkürlich. "Dann will ich das tun, mein Freund."
Pau lächelte zurück und gemeinsam betraten sie das Zelt.
Innen kniete Pau vor den Fürsten nieder, wie es sich für einen Priester gehörte. Unbehaglich bat Fürst Hirano ihn, sich zu erheben.
"Bruder Pau", begann er, "Wir sind euch dankbar für das, was ihr für uns getan habt, aber unsere Verantwortung unseren Untertanen gegenüber gebietet uns, euch einige Fragen zu stellen."
"Natürlich, Fürst Hirano."
"Warum habt ihr uns geholfen?"
"Ich bot meine Hilfe an und sie wurde akzeptiert."
"Und warum habt ihr uns eure Hilfe angeboten?"
Pau zögerte einen Moment mit der Antwort. "Der Grund ist aus eurer Sicht nicht unehrenhaft, aber ich kann ihn euch nicht nennen."
Noriyuki runzelte die Stirn. Dass er Paus Körpersprache nicht lesen konnte, irritierte ihn zutiefst. "Könnt ihr uns sagen, warum nicht?"
Pau drehte sich Noriyuki zu. "Bedauerlicherweise ist auch das nicht möglich. Ich kann aber bestätigen, dass ich es weder getan habe um Fürst Tenekka zu stürzen noch um zu verhindern, dass Soldaten sinnlos sterben müssen."
"Tomoe berichtete, dass ihr um jeden Toten trauert, sei es Freund oder Feind."
"Das ist richtig, denn im Gegensatz zu anderen Lebewesen bin ich mir über die Konsequenzen im klaren, die meine Handlungen haben." Er feilte einen Moment an der Formulierung. "Wenn ihr so wollt, dann bin ich in der Lage zu sehen, welche Veränderungen entstehen, wenn ich jemanden töten muss. Welche Nachkommen nicht mehr geboren werden und welche Auswirkungen das für die Zukunft hat."
"Es ist aber nicht so, dass ich den Tod selbst ablehne. Ich bin mir nur über die Konsequenzen im klaren, wenn ich etwas tue oder unterlasse."
Fasziniert musste Noriyuki fragen. "Was für Konsequenzen hätte mein Tod gehabt?"
"Ich hätte Fürst Hikiji töten müssen", antwortete Pau ruhig.
"Der Tod von Fürst Noriyuki zieht den Tod von Fürst Hikiji nach sich?" erkundigte sich Fürst Fujitako verwundert.
"Und umgekehrt", gab Pau ungerührt zu.
Alle starrten ihn an. "Wenn Fürst Hikiji stirbt, dann werdet ihr Fürst Noriyuki töten?" stellte Usagi schliesslich die Frage in die Stille.
"Ja."
"Warum?"
Pau blickte nach wie vor Fürst Noriyuki an. "Wenn ihr darauf besteht, dann werde ich die Frage beantworten."
Noriyuki schluckte. "Vor wenigen Minuten habt ihr, ohne uns zu warnen, tausende von Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Aber vor dieser Frage warnt ihr?"
Er winkte ab. "Ich verzichte auf die Antwort."
Pau wandte sich wieder Fürst Hirano zu und wartete ruhig auf die nächste Frage.
"Es ist für uns nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen, wenn ihr uns die Gründe, welche euch bewegen, nicht nennen könnt."
Pau blickte ihn ernst an. "Wenn ich mich irgendwann gegen euch wenden sollte, sind dann Worte, die ich hier und jetzt sprechen könnte, von Belang?"
"Meine Macht reicht weit über das hinaus, was ihr euch vorstellen könnt. Das gleiche gilt für mein Wissen. Ich möchte euch ein Beispiel geben. Als ich den Dienst meiner Herrin trat, da wünschte ich mir, einen Gedanken, einen einzigen, einfachen Gedanken meiner Herrin zu verstehen. Mein Wunsch wurde erfüllt."
"Ich erhielt einen Gedanken und musste tausend Jahre aufwenden, um ihn zu verstehen. Jetzt verstehe ich ihn. Man hat mich gebeten, ihn zu erklären. In Büchern oder anderen Medien, damit auch andere an diesem Wissen teilhaben können."
Traurig schüttelte er den Kopf. "Aber um ihn zu verstehen, muss jeder andere genau so viel Zeit aufwenden, wie ich. Man kann ihn nicht mit ein paar Worten erklären. Daher ist der Wunsch, so plausibel er auch scheinen mag, doch nicht erfüllbar, denn um zu verstehen was ich tue und warum, müsstet ihr zumindest ein paar Jahrhunderte Zeit haben, damit ich es euch erklären kann."
"Das was ich tue, sieht seltsam und manchmal schrecklich aus. Aber ich kann euch zumindest sagen, dass es immer einen Sinn hat, selbst wenn ein menschlicher Verstand diesen manchmal nicht erfassen kann."
"Oder will", fügte er nach einem Augenblick hinzu.
Fürst Hirano sah ihn nachdenklich an. "Das bedeutet aber auch, dass ihr unsere Interessen ignoriert, wenn sie in euren Augen sinnlos erscheinen."
"Natürlich", gab Pau sofort zu.
Usagi räusperte sich. "Ich denke, dass es uns nicht weiterbringt, wenn wir versuchen die Beweggründe von Bruder Pau zu verstehen. Obwohl er sich grosse Mühe gibt, auf uns menschlich zu wirken, so ist er das doch nicht und wenn wir dann unsere Masstäbe an ihn anlegen, so werden wir sicherlich scheitern. Sollten wir uns nicht viel eher entscheiden, was wir tun wollen? Wenn wir uns entschieden haben, welches Ziel wir erreichen wollen, dann können wir mit Bruder Pau darüber reden, wie wir es erreichen können und seinen Rat hören. Aber unsere Ängste können nur wir selbst uns nehmen."
Fürst Noriyuki stimme Usagi zu. "Als wir heute morgen aufgestanden sind, da gingen wir davon aus, dass es heute eine Schlacht geben würde und viele unserer Untertanen sterben würden. Jetzt stehen wir vor einer völlig veränderten Situation. Ich denke, wir sollten uns noch etwas mehr Zeit geben, uns von den ... Auswirkungen von heute Morgen zu erholen und uns dann der Frage zuwenden, was wir als nächstes tun wollen."
Fürst Hirano nickte schliesslich und entliess sie. Draussen vor dem Zelt stellte Usagi fest, dass Tomoe und Konuri unwillkürlich einen Abstand zu Pau hielten, während er selbst ganz normal neben ihm lief.
Usagi wollte sich umwenden, um sie darauf anzusprechen, aber Pau hielt ihn zurück. "Lass sie. Sie sind noch nicht soweit."
Da fiel ihm auf, dass er sich noch nicht umgedreht hatte. Er hatte erst den Entschluss gefasst, es zu tun. Usagi legte den Kopf schief und blickte zu Pau hinauf. "Ihr lest meine Gedanken", stellte er fest.
Pau blickte über das Lager. "Ich lese die Gedanken von allen Lebewesen im Umkreis von etwa einem halben Rio."
Usagi blickte sich um. "Das müssten Tausende sein."
"5316", kam die ungerührte Antwort.
Usagi lachte kurz auf. "Ich habe schon Schwierigkeiten zwei Leuten gleichzeitig zuzuhören. Und ihr hört 5000 zu?"
Pau schüttelte den Kopf. "Ihr sprecht nur ganz wenig von dem aus, was ihr denkt", sprach er, ohne seine Musterung des Lagers zu unterbrechen.
Usagi musste lachen. "Ich fasse es nicht. Wie geht so etwas?"
Pau blickte ihn nachdenklich an. "Ich bin viele. Einige von mir achten darauf, was um mich herum gedacht wird. Andere planen meine nächsten Schritte. Du sprichst jetzt gerade mit fünf Bewusstseinen in mir. Einer antwortet und die anderen hören zu, beobachten Dich, werten Deine Gedanken aus und prüfen Deine Reaktionen. Sie machen Vorschläge, was als nächstes gesagt werden könnte oder wie Du auf etwas reagieren könntest, das ich sage."
"Auf diese Weise kann ich mehrere Dinge gleichzeitig tun, so wie ihr auch. Nur benötige ich dafür nur einen Körper."
Pau machte eine ausschweifende Handbewegung. "Was Du hier siehst, ist das Ergebnis von drei Stunden Planung von etwa 800 Bewusstseinen in mir."
Etwas anderes beschäftigte Usagi. "Warum empfinde ich kein Unbehagen bei dem Gedanken, dass Du meine Gedanken lesen kannst ... liest?"
"Dein Bewusstsein hat sich soweit entwickelt, dass es mich zumindest teilweise als das akzeptieren kann, was ich bin. Wenn ein Gewitter herrscht, dann hast Du Angst. Aber Du hast jetzt keine Angst vor den Gewittern, die Du noch erleben wirst."
Das stimmte. Usagi fürchtete sich zwar vor dem nächsten Mal, wo Pau seine Macht demonstrieren würde, aber jetzt hatte er keine Angst. Voller Mitgefühl blickte er zu Tomoe und Konuri, die dem Gespräch mit wachsendem Entsetzen gefolgt waren. Er verstand, dass sie noch nicht so weit waren, um Pau zu akzeptieren.
"Kann ich etwas tun, um ihnen zu helfen?" fragte er Pau.
"Das ist erst möglich, wenn sie sich entschieden haben, Hilfe anzunehmen."
Usagi runzelte die Stirn und Pau fuhr fort. "Die Lebenserfahrung lehrt uns, dass man anderen Hilfe aufzwingen kann. Manchmal scheinen sie dann auch glücklich zu sein, aber beide Seiten belügen sich. Die eine Seite leidet darunter, die andere zu ihrem Glück gezwungen zu haben. Und die andere kann sich nicht entwickeln, weil die Schwierigkeit, an der sie hätte wachsen können, nicht mehr existiert. So haben beide verloren, wo sie beide etwas hätten gewinnen können."
"Dann soll man nie helfen, ausser die Hilfe wird gewünscht?"
"Nichts ist jemals einfach. Meistens ist es einfach besser für beide, wenn die Hilfe gewünscht wird. Aber manchmal hat man nicht den Luxus der Entscheidung. Wenn Du jemanden leiden siehst, dann musst Du helfen, denn der Preis es nicht zu tun, wäre für Dich sehr hoch. Ich dagegen kann mich immer frei entscheiden."
Usagi blickte nachdenklich zu Tomoe. "Dann wusstest Du, wie Tomoe und Konuri auf Deine Worte reagieren würde, dass Du ihre Gedanken lesen kannst."
"Ja. Es war gezielte Grausamkeit etwa in der Art dessen, was ich Dir angetan habe, um Dich zu heilen."
Paus Blick richtete sich auf den Horizont. "Im Moment hasst Tomoe mich und Konuri fürchtet mich. Aber beide werden an dieser Schwierigkeit wachsen. So wie Du können sie sich nicht lange in Selbstmitleid suhlen, sondern müssen hindurch."
"Dann kann ich nur abwarten?"
Pau blickte ihn an. "Es gibt vieles, was Du tun könntest. Du könntest zum Beispiel mit ihnen irgendwohin gehen, wo sie mich nicht die ganze Zeit sehen müssen. Im Moment stehen sie nur in meiner Nähe, weil Du hier bist. Sie schwanken zwischen der Angst vor mir und dem Wunsch bei Dir zu sein."
"Du könntest auch Deine Neugierde zügeln und aufhören Fragen stellen, deren Antworten für andere Personen unangenehm sind. Oder Du könntest Dir Gedanken machen, wie Du den ganzen anderen Leuten hier helfen kannst, die sich immer noch ängstlich von mir fernhalten."
Usagi sah Pau verschmitzt an. "Nun, warum ziehst Du Dich nicht einfach zurück? Ich werde Dich rufen, wenn sie hier alles wieder ein wenig beruhigt hat."
Pau lächelte. "Wie Du willst", sagte er und verschwand.
Usagi konnte spüren, wie das Lager aufatmete. Jeder schien zu spüren, dass Pau fort war und sofort beruhigte sich alles ein wenig. Selbst die Selbstbeherrschung von Tomoe und Konuri wankte einen Moment, als sie sich sichtlich entspannten.
"Wie hältst Du das nur aus?" fuhr Tomoe ihn an und Usagi spürte ihre Angst, die sie im Griff hatte.
Sanft nahm er sie am Arm und führte sie zu dem kleinen Wäldchen, an dem Pau vorher gesessen hatte. Die Sonne strahlte inzwischen hoch vom Himmel und von ihrer Position aus konnten sie bequem das ganze Tal überblicken. Sie setzten sich unter einen Baum.
Inzwischen hatte Tomoe sich wieder beruhigt und ihre Worte taten ihr Leid. Sie blickte Usagi an um sich zu entschuldigen und sah das Verständnis in seinen Augen. Worte waren ganz überflüssig. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und eine Weile sassen sie nur da und Usagi gab ihr Halt.
"Er hat recht, wisst ihr", unterbrach Konuri schliesslich die Stille.
Usagi drehte den Kopf und konnte spüren, wie Tomoe ihren hob. "Ich diene meinem Fürst jetzt viele Jahre. Er hat mir einmal erklärt, dass er viel Zeit darauf verwendet, die Körpersprache von anderen zu lesen. "Die Stimme folgt dem Verstand, aber der Körper kann nicht lügen" sagte er. Aber sein eigentliches Ziel ist es, die Gedanken von anderen zu lesen, damit er nicht betrogen werden kann", fuhr Konuri fort.
"So wie Pau", sagte Tomoe nachdenklich.
Konuri nickte. "Mein Fürst kennt mich inzwischen lange genug, dass er meine Gedanken mit einer unheimlichen Präzision erraten kann. Aber ich vertraue ihm, und daher ist das in Ordnung."
"Die Vorgehensweise von Pau heute morgen, hat mich eine Weile lang vergessen lassen, dass ich ihm vertraut habe", warf Usagi ein. "Als er mich darauf aufmerksam machte, sah ich meinen Fehler und danach konnte ich ihm wieder vertrauen. Daher hatte ich natürlich auch später keine Probleme mit seiner Nähe."
Konuri fuhr fort. "Ich denke, dass viele von den Schwierigkeiten daher kommen, dass er so anders ist. Eigentlich sollte er ein Fürst oder sogar ein Shogun sein. Dann würden wir ihn viel einfacher als das akzeptieren, was er ist. So aber tut er so, als wäre er ein einfacher Priester, aber das ist er natürlich nicht."
Er lachte kurz. "Ist euch aufgefallen, wie unglücklich die Fürsten darüber waren, als er sich vor ihnen verbeugte, wie es sich für einen einfachen Priester gehört? Ich denke Hirano war kurz davor, vor Pau zu knien, als dieser das Zelt betrat."
"Als ich ihn holte, da tat ich genau das", erinnerte sich Usagi.
"Ich frage mich, warum Pau sich so verhält. Ich meine, er könnte seine Ziele doch auch direkt erreichen und uns alle seine Wünsche aufzwingen. Trotzdem kommt er uns extrem weit entgegen."
"Wir wissen nicht, was seine Ziele sind", schaltete Tomoe sich ein. "Vielleicht darf er sich nicht als Herrscher aufschwingen?"
Usagi schüttelte den Kopf. "Er hat ja die dreihundert Taja-Ninjas in seine Gewalt gebracht. Ich denke viel eher, dass er einfach sehr viele Möglichkeiten hat, etwas zu tun. Wenn Fürst Noriyuki mit Fürst Hirano sprechen will, dann gibt es eigentlich nur einen Weg, den er gehen kann. Aber bei Bruder Pau ist das anders."
Er musste unwillkürlich lächeln. "Ich könnte mir vorstellen, dass Pau so viele Möglichkeiten hat, dass er manchmal kaum entscheiden kann. Dazu kommt, dass Macht für ihn wohl keinen Reiz mehr bietet, denn es gibt kaum jemanden, der ihm in dieser Beziehung auch nur nahe kommen würde. Ich sehe an mir, dass ich schnell das Interesse an einer Sache verliere, wenn ich sie erreicht habe."
"Du wirst Dich doch nicht mit ihm vergleichen wollen?" protestierte Tomoe.
"Das ist es nicht. Aber wenn man der Mächtigste ist, macht es dann Sinn noch mächtiger werden zu wollen? Er könnte uns zwingen etwas zu tun, aber macht es nicht den besseren Herrscher aus, wenn er seine Untertanen dazu bringen kann, etwas freiwillig zu tun?"
"Nehmen wir Fürst Noriyuki als Beispiel. Er hat mich für den gefährlichen Auftrag ausgewählt, diesen Brief an Fürst Hirano zu überbringen."
Tomoe unterbrach ihn. "Das war Pau. Fürst Noriyuki wurde zu diesem Zeitpunkt von Pau ... geheilt."
Usagi zuckte mit den Schultern. "Ich erinnere mich, dass Fürst Noriyuki mir damals seltsam anders vorkam. Aber hätte Fürst Noriyuki anders gehandelt? Er hatte eine wichtige Aufgabe und jemand, der sie tun wollte. Keiner von beiden hätte mich zwingen müssen, das zu tun. Und Pau weiss ja, wenn jemand etwas freiwillig tun würde, weil er seine Gedanken lesen kann."
Konuri stimme Usagi zu. "Oft genug habe ich erlebt, wie mein Fürst etwas ähnliches getan hat. Und es macht ja Sinn jemanden zu nehmen, der die Aufgabe erfüllen will, statt jemanden zu zwingen. Derjenige, welcher unter Zwang handelt, muss immer kontrolliert werden. Wenn dann die ersten Schwierigkeiten auftreten, dann gibt so jemand leicht auf, während der andere sich aufbäumt."
Schweigend gaben Usagi und Tomoe ihm recht. Trotzdem war es schwer die Angst zu überwinden, dass Pau sich auch mit Gewalt holen könnte, was er wollte.
"Und das ist wohl der wichtige Punkt: Wenn mein Fürst meine Gedanken errät, dann akzeptiere ich das, weil ich gelernt habe ihm zu vertrauen. Usagi akzeptiert Pau aus dem gleichen Grund. Aber Tomoe und mir fehlt das Vertrauen zu Pau, daher haben wir Angst."
"Nicht zu vergessen, dass wir uns die ganze Zeit Sorgen machen, was ein Mensch tun würde, der so mächtig ist. Schliesslich gibt es ja genug schlechte Beispiele", fügte Tomoe hinzu.
Danach hing jeder seinen Gedanken nach. Irgendwann meldete sich der Hunger und sie beschlossen, sich etwas Essen zu holen. Als sie ein Stück gegangen waren, öffnete sich das Zelt der Fürsten und Fürst Noriyuki trat heraus. Tomoe bedauerte, dass sie nun nicht mit den beiden anderen Essen könne, weil sie zu ihrem Fürsten zurück musste. Einer Eingebung folgend, beschloss Usagi sie zu begleiten. So ging Konuri alleine weiter und die beiden liefen den Hügel hinauf um Noriyuki zu treffen.
"Ah Tomoe, Usagi", begrüsste sie Noriyuki freundlich. "Ich bin gerade auf dem Weg etwas zu essen und würde mich über etwas Gesellschaft freuen", lächelte er.
Die beiden verbeugten sich und gemeinsam gingen sie zu Noriyukis Zelt. Noriyuki blickte sich um. "Wie ich sehe, haben sich die Soldaten etwas beruhigt. Wo ist Pau?"
"Es ist fort, Fürst Noriyuki", berichtete Usagi.
Noriyuki blieb stehen. "Fort?" fragte er gedehnt.
"Ich fragte ihn, was ich tun könne und er sagte, ich sollte mir überlegen, wie ich den Leuten hier helfen könnte. Da alle unter seiner Anwesenheit zu leiden schienen, bat ich ihn zu gehen", berichtete Usagi
"Und das tat er dann auch?" wollte Noriyuki mit undeutbarem Gesichtsausdruck wissen.
Usagi fühlte sich ein bisschen nervös. "Ich kann ihn ja jederzeit wieder rufen", fügte er hastig hinzu.
Fürst Noriyuki ging weiter und schweigend legten sie den Rest des Weges zurück. "War das richtig?" fragte Usagi schliesslich vorsichtig.
Mit überraschtem Gesichtsausdruck sah Noriyuki auf. "Ich denke gerade an etwas anderes. Es tut den Leuten gut, alleine zu sein. Ihr solltet euch deswegen keine Sorgen machen", beruhigte er Usagi.
Beim Essen sprach Noriyuki weiter. "Wir haben uns natürlich weiter Gedanken darüber gemacht, warum Pau tut, was er tut. Schliesslich müssen wir in der Lage sein, vorherzusagen, wie er auf unsere Entscheidungen reagieren wird. Oder", fügte er säuerlich lächelnd hinzu, "wir haben zumindest den Eindruck, dass wir das müssen."
"Was ihr mir gerade gesagt habt passt ziemlich gut zu dem, was wir uns überlegt haben." Dann schwieg Noriyuki.
Usagi konnte sich nicht beherrschen und wollte schon fragen, als Noriyuki wieder sprach. "Tomoe, könntet ihr bitte nochmal wiederholen, was Bruder Pau euch über seinen Traum erzählt hat?"
Tomoe setzte die Reisschüssel ab und erinnerte sich. So gut sie konnte, wiederholte sie Paus Worte. Noriyuki wiegte den Kopf. Usagi konnte sehen, dass er unzufrieden mit der Antwort war.
Nachdenklich sagte Fürst Noriyuki, "Ich erinnere mich, dass irgendjemand mir gegenüber etwas erwähnt hat. Einmal hat Pau direkt gesagt, warum er hier ist und was er tun soll. Aber wer?"
"Als er mich bei den Taja-Ninjas befreit hat, hat er gesagt, dass seine Göttin ihn geschickt hat, um mich zu suchen und die Ninjas dafür zu bestrafen, was sie mir angetan haben", warf Usagi ein.
Sie konnten sehen, wie die einzelnen Gedanken in Noriyukis Geist sich zu einem Bild formten. "Richtig", sagte er schliesslich. "Seine Göttin habe ihn geschickt euch zu finden." Nachdenklich blickte er Usagi an. "Irgendwie seid ihr der Schlüssel zu dem ganzen."
"Was für ein Interesse könnte eine Gottheit an einem Ronin haben?" lehnte Usagi unbehaglich ab.
"Wer weiss? Dennoch habt ihr als einziger von uns eine gewisse Macht über ihn. Er folgt euren Wünschen."
Usagi schüttelte den Kopf. "Er folgt dem Wunsch von jedermann. Es ist nur so, dass ich häufiger Wünsche an ihn richte. Aber er respektiert jeden."
"Seid ihr sicher?"
Usagi nickte bekräftigend. Er war sicher.
"Woher nehmt ihr diese Sicherheit?"
Mit lautem Klappern fiel Tomoe ihre Schüssel aus der Hand. Erschreckt zuckten alle zusammen und starrten sie an. Man konnte die Erkenntnis auf ihrem Gesicht sehen.
Sie schluckte und leckte sich die Lippen. "Erinnerst Du Dich, wie wir vorhin unter dem Baum gesessen haben und Du sagtest, dass Macht für ihn nichts bedeutet? Und wie ich im Scherz gefragt habe, dass Du Dich doch wohl nicht mit ihm vergleichen wolltest?"
Usagi erinnerte sich und er nickte. Worauf wollte sie hinaus?
"Ich habe mir gerade überlegt, was euch beide eigentlich unterscheidet", fuhr Tomoe fort.
Usagi zuckte leichthin mit den Schultern. "Er ist viel mächtiger als ich."
"Und was noch?" bohrte Tomoe weiter.
"Er hat diese mächtige Waffe."
"Und sonst?"
Usagi zögerte.
"Euch unterscheiden nur Äusserlichkeiten", setzte Tomoe ihren Gedanken fort. "Ihr beide seid euch ähnlich. Innerlich."
Usagi winkte ab. "Er ist viel ruhiger und gelassener als ich."
"Du bist viel ruhiger und gelassener seit Du ihn kennst."
"Er hat mich nicht als Schüler akzeptiert."
"Hat er nicht gesagt, Du seist noch nicht so weit?" schaltete sich Fürst Noriyuki ein.
"Ich würde nie so sein wollen, wie er!" protestierte Usagi. "Ich wollte nur ... etwas ... ein klein wenig ...", Usagi liess seinen Kopf hängen, "... so sein wie er", schloss er.
Fürst Noriyuki nickte nachdenklich. "Ich denke, ihr habt Recht, Tomoe."
"Und wenn ich das nicht will?" fragte Usagi leise.
"Er respektiert eure Wünsche doch, oder? Ihr habt eure Aufgaben bekommen, nachdem ihr danach gefragt habt. Er hat euch nie gezwungen etwas zu tun, sondern immer gewartet, dass ihr in bittet."
"Ich würde mich nie so weit von den Menschen entfernen wollen", sagte Usagi.
"Gerade eben wart ihr doch noch so sicher, dass er die Wünsche von jedermann akzeptieren würde. Warum sollte er euch zwingen, sich von den Menschen abzuwenden, wenn ihr das nicht wollt?"
Usagi erkannte, dass er genau davor Angst hatte. Hätte er die Kraft nein zu sagen, wenn Pau ihm anbot sein Schüler zu werden? Seine Menschlichkeit zu opfern? Und ihm wurde klar, dass genau das passiert war. Usagi hatte genau das gewollt und Pau hatte erkannt, dass er noch nicht so weit war, die Tragweite einer solchen Entscheidung zu erkennen.
Usagi hatte Angst vor sich selbst. Davor, dass sein Trieb, immer weiter zu gehen, neues zu entdecken, ihn am Schluss das kosten würde, das ihm am teuersten war.
Sorgfältig stellte Usagi seine Schüssel ab und bedankte sich in Gedanken bei Pau, der ein Freund gewesen war, als er einen gebraucht hatte.
Gefasst sah er Fürst Noriyuki und Tomoe an. "Ihr habt beide recht. Er ist wegen mir hier. Weil ich ihm ähnlich bin."
"Ich vermute, dass es nur ganz wenige gibt, die sich eignen, eine solche Macht zu besitzen. Daher bin ich wohl interessant für seine Göttin", schloss er.
"Es gibt ganz sicher nur wenige, die eine solche Macht einsetzen können ohne davon korrumpiert zu werden", bekräftigte Noriyuki. "Seid ihr sicher, dass ihr dazu gehört?"
Nachdenklich schüttelte Usagi seinen Kopf. "Jetzt wo mir das klar geworden ist, will ich das auch gar nicht mehr. Ich habe seine Ruhe und Gelassenheit bewundert und wollte das auch. Endlich Ruhe zu finden. Ich hoffe, dass ich stark genug bin, der Versuchung zu widerstehen, ganz so werden zu wollen, wie er. Mit allem, was dazugehört."
Er lächelte. Auch dafür hatte Pau gesorgt, erkannte er. Usagi wandte sich Fürst Noriyuki zu.
"Ich habe eine Frage, die sehr wichtig für mich ist", begann er bedächtig.
"Bitte", ermunterte ihn der Fürst.
Usagi zögerte einen Moment. Er war unglücklich über die Formulierung, aber es fiel ihm nichts besseres ein. Schliesslich überwand er sich: "Wenn ich um Tomoes Hand anhalten würde, würdet ihr sie mir dann geben?" Fast zitterte seine Stimme, als er es sprach.
Er konnte hören, wie Tomoe scharf einatmete, aber Noriyuki Gesichtsausdruck war nicht der, den er erwartet hatte. Er sah ... verwirrt aus.
"Ihr haltet um ihre Hand an?" fragte Noriyuki vorsichtig.
Usagi machte ein unglückliches Gesicht. "Ich ... ich wollte nur wissen, ob ihr meinen Wunsch ablehnen würdet." Verzweiflung war in seiner Stimme.
Aus irgendeinem Grund war Fürst Noriyuki enttäuscht, fing sich aber schnell wieder. Er setzte seine Schüssel ab und sah Usagi freundlich an. "Usagi, mein Freund", begann er, "wann immer ihr mit diesem Wunsch zu mir kommt, ich werde ihn mit Freuden erfüllen."
Trauer erfüllte Usagi, dass er diesen Wunsch nicht hier und jetzt stellen konnte. Er blickte zu Tomoe hinüber, deren Gesicht ein Spiegel seiner Gefühle war. "Ich kann nicht. Aber ich verspreche, dass ich Dich heirate, sobald ich die Ruhe gefunden habe, Dich glücklich zu machen", versprach er ernst.
Eine Träne rann in ihrem und seinem Gesicht hinunter.
"Ich hoffe, dass wir nicht zu lange auf diesen Moment warten müssen", sprach Fürst Noriyuki leise. Sie blickten ihn an und sahen einen Moment seinen Schmerz. "Ihr seid nicht die einzigen, die darunter leiden."
Schweigend assen sie zu Ende.
Väter und Waisen
Nachdem Pau das Lager verlassen hatte, tauchte er viele Meilen entfernt nahe einem kleinen Dorf wieder auf. Zwei Pfade des Schicksals würden sich heute treffen und gegenseitig beenden, wenn er nichts unternahm.
Mit der Ruhe langer Erfahrung nahm er die Gegend in sich auf, die Lebewesen, die in ihr lebten, ihre Schicksale. Einer der Kontrahenten war schon da. Wie üblich hatte der Kopfgeldjäger Inukai sein letztes Kopfgeld zu dem Waisenhaus gebracht, in dem er aufgewachsen war und kümmerte sich um die Kinder, während die Leiterin des Heims sich ein wenig erholte. Später würde er in die Stadt gehen um Besorgungen zu machen.
Währenddessen näherte sich die andere Partei. Pau drehte sich um. Den meisten Lebewesen war es unangenehm, wenn er sich ihnen nicht zuwandte, wenn er mit ihnen sprach. Für ihn selbst war es gleichgültig, er sah in alle Richtungen gleich gut.
Gen, der Kopfgeldjäger, kam zurück in das Dorf um die Belohnung für einige Banditen einzusammeln, die er vor einigen Wochen erledigt hatte. Er hoffte, dass das Geld inzwischen angekommen war. Er hatte es bitter nötig. Die Vorstellung endlich wieder unter einem Dach und in einem richtigen Bett zu schlafen, liess ihn grinsen.
Weiter vorne am Weg sah er einen grossen Hund stehen. Einen Moment lang dachte er, da stünde Stray Dog, der ihn vor einer Weile um eine Menge Geld betrogen hatte. Aber der Hund dort hatte schwarze und weisse Flecken in seinem Fell. Trotzdem knirschte er vernehmlich mit den Zähnen. Er würde Stray Dog töten, wenn er ihn in die Finger bekam.
Der Hund stand da, als würde er jemanden erwarten. Gen ging an ihm vorbei und blieb dann stehen, als er merkte, dass der Fremde ihm nachsah. "Wartet ihr auf jemanden?" polterte Gen.
"Wenn ihr Murakami Gennosuke seid, dann warte ich auf euch", antwortete der Fremde mit ruhiger, rauer Stimme. Gen hatte ihn noch nie gesehen und betrachtet ihn abschätzend. Er schien nicht bewaffnet zu sein, aber Gen vertraute seinen Instinkten, die ihn vor dem Fremden warnten.
"Wer seid ihr?" forderte Gen.
"Mein Name ist Pau Tai. Ich bin ein Priester der Gottheit Ookaa'h und ein Freund von Usagi Miyamoto", stellte sich der Fremde vor und verbeugte sich. Gen betrachtete ihn amüsiert. Bisher hatte sich noch nie jemand vor ihm verbeugt.
"Ein Freund von Usagi, eh? Steckt das Langohr wieder in Schwierigkeiten?"
Pau lachte. Verschwörerisch sah er sich um und flüsterte lachend, "Tomoe droht mit Heirat."
Gens Kinnlade fiel und dann brüllte er vor Lachen. "Da werde ich ihn wohl nicht retten können!" prustete er. Der Priester hatte etwas, das gefiel ihm. Gönnerhaft winkte er mit dem Kopf. "Kommt! Ich lade euch ein. Dann müsst ihr mir alles erzählen."
Gemeinsam gingen sie ins Dorf. Nachmittags kamen sie an und Gen ging zuerst zum Magistrat, der ihm mürrisch sein Geld aushändigte. Pau erwartete ihn draussen. "200 Ryo!" rief Gen gut gelaunt und gemeinsam suchten sie eine Kneipe.
Gen war ungewöhnlich gut gelaunt. Bereitwillig erzählte er von seinen Abenteuern mit Usagi und trank dazu Sake. Gen erzählte, wie er Usagi selbstlos aus unzähligen Schwierigkeiten gerettet hatte, in die der ungeschickte Ronin geraten war. Ausserdem beschwerte er sich über die unfreundliche Bedienung, die wohl Angst darum hatte, dass er nicht bezahlen könne. Sie assen gemeinsam etwas.
Es war schon später Nachmittag, als sie das Gasthaus verliessen, um sich etwas die Beine zu vertreten. Unterwegs erzählte Gen immer weiter, bis sein Blick plötzlich auf den Kopfgeldjäger Inukai fiel. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und er verabschiedete sich ein wenig unwirsch von Pau. "Da gibt es noch eine persönliche Angelegenheit, die ich regeln muss."
"Ich sehe euch später im Gasthaus!" rief er noch zu dem Priester zurück, der stehengeblieben war und eilte Inukai nach. Endlich würde er seine Rache bekommen.
Inukai schien jeden Laden in der Stadt besuchen zu wollen. Was tat er da? 'So viele Vorräte konnte er unmöglich für sich alleine kaufen', dachte Gen, während er dem Kopfgeldjäger unauffällig folgte. Man sah es Gen nicht an, aber er konnte tatsächlich unauffällig sein.
Es war schon fast Abend, als Inukai tatsächlich endlich fertig zu sein schien. Gens Wut war inzwischen fast ins unermessliche gestiegen. Genüsslich malte er sich aus, wie er den verhassten Gegner demütigen würde, für das, was er ihm angetan hatte.
Zielstrebig ging Inukai zu einem bestimmten Haus und verschwand darin. Gen umrundete das Haus einmal, um sich einen Überblick zu verschaffen. Er war zornig, aber nicht lebensmüde. Es sah nach einem normalen Haus aus. Es war gross, schien aber nicht viele Räume zu haben. Seltsame Geräusche drangen von drinnen nach aussen, die Gen nicht richtig zuordnen konnte. Es klang aber nicht nach Kämpfern. Vielleicht war es ein Bordell. Er konnte keine Wachen oder sonst etwas in der Art sehen.
Schliesslich blieb er vor dem Eingang stehen. Sollte er mit der Tür ins Haus fallen oder sich lieber hineinschleichen? Er entschied sich schliesslich für den Vordereingang. Das passte besser zu ihm, als sich leise anzuschleichen. Leise stieg er die wenigen Stufen nach oben. Mit geübten Bewegungen lockerte er sein Schwert. Seine Augen suchten die Strasse ab, aber niemand war zu sehen. Leise zog er das Katana und machte sich bereit.
Mit einem Ruck riss er die Tür auf und fluchte innerlich, als sie unter der plötzlichen Belastung zerbrach. Aber sie war so alt und morsch, dass er einfach durch sie durchgehen konnte. Wie ein Racheengel stand er im Raum dahinter.
Viele Augen in kleinen Köpfen starrten ihn entsetzt an. Ein Scheppern und Klirren liess ihn herumfahren. In der Tür zu einem Nebenraum stand eine Frau, die vor Schreck ein Tablett mit Geschirr hatte fallen lassen. Stray Dog sass am Boden und die Kinder hingen an ihm. Gen starrte seinen Feind wütend an. Er wagte sich gar nicht vorzustellen, was dieser Bastard den Kindern hier antat.
Inukai setzte die Kinder, die er im Arm hielt, vorsichtig ab. "Bring die Kinder nach hinten", befahl er der Frau. Er sah in Gens Gesicht, dass reden jetzt sinnlos war. Weinend hängten sich die Kinder an die Frau, die sie mit sich zog. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie Gen und Inukai an, aber die beiden achteten nicht auf sie.
"Wir regeln das draussen", schlug Inukai äusserlich ruhig vor. In seinem Innern war ihm klar, dass nur viel Glück ihn retten würde. Aber er musste sein bestes geben. Für die Kinder. Er nahm seine Waffen und ging an Gen vorbei nach draussen.
Gen machte gerade so viel Platz, dass Inukai passieren konnte. In sicherem Abstand folgte er ihm dann auf die Strasse. Dort machten sich die Kopfgeldjäger bereit.
Gen musste zugeben, dass Inukai besser war, als er erwartet hatte. Stray Dog kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung. Aber Gen konnte Inukais Angriffe bisher gut abwehren und musste nur auf seine Chance warten. Trotz seiner Wut war er geduldig. Und als die Chance da war, schlug er sofort zu.
Inukai musste sich eingestehen, dass er einen Fehler begangen hatte. Die Spitze von Gens Schwert drückte gegen seinen Hals und hielt ihn im Schach. Er konnte nur auf dem Rücken liegen und auf das Ende warten.
"So", dröhnte Gens Stimme auf, "Jetzt wirst Du lernen, was es heisst sich mit Gennosuke anzulegen." Gen spuckte aus. "Eine hilflose Frau als Geisel zu nehmen und mich um meinen Anteil am Kopfgeld zu betrügen."
Inukai antwortete nicht. Er war seltsamerweise ganz ruhig. Nur um die Kinder tat es ihm Leid. Aber sie hatten jetzt ja noch etwas Geld. Und wer weiss, vielleicht fand sich ja nach ihm jemand anders, der ihnen helfen würde. Gefasst erwartete er den tödlichen Streich.
"Wollt ihr diesen Waisen wirklich ihren Vater nehmen, der sich liebevoll um sie kümmert?" erklang da auf einmal eine ruhige, raue Stimme. Inukai schielte in ihre Richtung. Auf der Treppe zum Waisenhaus sass ein grosser Hund, der ihm ziemlich ähnlich sah.
Mit Gen ging eine seltsame Verwandlung vor. Inukai fragte sich, wer der Fremde war und woher er das mit ihm und dem Waisenhaus wusste.
"Vater", sagte Gen seltsam tonlos. Noch immer stand er da, bereit zu töten. Inukai wagte sich nicht zu rühren, zu hoffen.
Schliesslich kehrte Gens Blick zurück. Er starrte Inukai mit einem Blick an, den dieser nie vergessen würde. "Stimmt das?" herrschte er ihn an.
Gen liess sein Schwert fallen und riss Inukai hoch, als sei er nur eine Stoffpuppe. Sein Blick flackerte und er wiederholte die Frage nochmal.
"Was kümmert es euch, was ich tue?" raunzte Inukai zurück.
"Er gibt alles, was er sich erkämpft den Waisen, die nichts haben", sagte der Fremde wieder leise.
Gen liess plötzlich einfach los. Inukai stürzte überrascht zu Boden. Langsam rappelte er sich auf. Er blickte zu dem Fremden, der einfach da sass. Und zu Gen, auf den die Worte des Fremden diese seltsame Wirkung gehabt hatten. Gens Gesichtsausdruck war undeutbar.
Ruckartig bückte sich Gen, hob sein Schwert auf und steckte es weg. Dann ging er wortlos fort. Inukai sah ihm sprachlos hinterher. Hastig blickte er sich nach seinem Schwert um. Es lag neben dem Fremden auf der Treppe. Inukai kalkulierte seine Chancen, es zu erreichen, als Gen plötzlich stehenblieb. Inukai schluckte trocken.
Mit seltsam hölzernen Bewegungen kam Gen zurück. Er griff in seinen Umhang und holte etwas heraus. Wog es einen Augenblick in der Hand. Dann drückte er es Inukai in die Arme. Dieser griff überrascht danach. Es fühlte sich schwer und kalt an. Dann griff Gen noch zweimal in seinen Umhang und holte noch zwei Päckchen heraus und gab sie ebenfalls Inukai. Einen Moment stand er ruhig, dann holte er ein viertes Päckchen und tat es zu den anderen. Dann ging er endgültig.
Der Fremde erhob sich und folgte ihm wortlos. Sprachlos starrte Inukai auf das, was Gen ihm gegeben hatte. Vier Geldpackete. 200 Ryo. Er überlegte, ob er Gen hinterherlaufen und sich bedanken sollte, aber der Fremde sprach ihn an. "Kümmert euch jetzt um die Kinder."
"Warum ...?" begann Inukai.
Pau seufzte. "Gen hat seinen Vater an Bushido verloren. Gen konnte seinen Körper berühren, aber sein Geist war für ihn unerreichbar", antwortete Pau so leise, dass nur Inukai ihn hören konnte.
Inukai fühlte Trauer in sich aufsteigen. Diese Waisen hatten nie einen Vater gekannt. 'Um wieviel schrecklicher musste es sein, seinen Vater zu sehen und doch nicht zu haben?' Inukai nahm sich vor, sich bei Gen zu bedanken, wenn er ihn das nächste mal traf. Dann ging er zu den Kindern, um sie zu beruhigen.
Eine Weile wanderte Gen ziellos durch die Stadt. Schliesslich blieb er vor dem Gasthaus stehen. Da war jetzt eine Rechnung von ihm offen, aber er hatte kein Geld mehr. Normalerweise hätte er sich einfach aus dem Staub gemacht, aber irgendwie schien das nicht mehr richtig zu sein. Er seufzte. Auch diesen Ärger würde er durchstehen.
Er betrat das Gasthaus und ging zum Wirt. Dieser begrüsste ihn freundlich. Irgendwie tat es Gen doch Leid, dass er dem Wirt jetzt sagen musste, dass er die Rechnung nicht bezahlen konnte. Doch die unerwartete Freundlichkeit des Wirts machte es seltsamerweise schwerer. Er atmete tief durch, um seine Gedanken etwas zu klären.
Dann wusste er auf einmal nicht, was er sagen sollte. 'Was würde es den Wirt kümmern, dass er das Geld den Waisen gegeben hatte?' "Ich kann meine Rechnung nicht bezahlen", spuckte er schliesslich aus.
Seltsamerweise wurde der Wirt nicht wütend, sondern lächelte. "Nun, Herr Samurai, ich muss zugeben, dass ich so etwas vermutet habe. Aber der Priester, mit dem ihr heute Mittag hier gesessen habt, kam am Nachmittag vorbei und bezahlte für euch. Er trug mir auf, euch zu sagen, es sei die Belohnung für eine selbstlose Tat."
Sprachlos starrte Gen den kleinen Mann an. "Er hat bezahlt?" brachte er schliesslich heraus.
Der Wirt nickte. "Wie euer Freund gewünscht hat, steht ein Zimmer bereit und wir werden euer Abendessen nach oben bringen, wenn ihr wollt."
"Zimmer?"
"Es ist Zimmer Nummer 3. Ich zeige es euch, Herr." Gen stapfte dem Wirt hinterher. Das Zimmer war gross und sauber. Ein bequemes Bett und ein richtiger Tisch standen darin. Auf die Frage des Wirts, ob er zufrieden mit dem Zimmer sei, nickte er nur. Und nochmal auf die Frage, ob sie das Abendessen nach oben bringen sollten.
Als ein Mädchen sein Essen gebracht hatte, brach seine Beherrschung auseinander und er schluchzte hemmungslos.
Auf dem Hügel vor dem Dorf löste Pau sich in Nichts auf.
Edo
Am Nachmittag berieten die Fürsten ihr weiteres Vorgehen. Fürst Noriyukis Erkenntnisse wurden interessiert aufgenommen, aber echte Sicherheit brachten sie nicht. Schliesslich kam man überein, dass Fürst Noriyuki nach Edo reisen sollte, um den Shogun vom Tod Fürst Tenekkas zu berichten. Dieser würde dann einen Nachfolger bestimmen.
Währenddessen würde Fürst Hirano die Armeen auflösen. Insgesamt waren doch alle sehr dankbar, dass es nur so wenige Tote gegeben hatte. Der Winter stand vor der Tür und jede Hand wurde gebraucht.
"Ich vermute", sprach Fürst Hirano abschliessend, "dass dies die kürzeste Schlacht war, die unser Land jemals gesehen hat."
Ein Bote überbrachte die Entscheidung dem Berater Nirai, der sofort mit der Umsetzung begann. Die Armee von Fürst Tenekka brach am folgenden Morgen auf und auch die vereinte Armee machte sich auf ihren langen Heimweg.
Natürlich machten die wildesten Gerüchte über Bruder Pau die Runde, aber die Menschen würden bald vergessen. Nur einige seltsame Legenden würden überleben, deren Wahrheitsgehalt niemand glauben würde. Die meisten Menschen waren so froh, ihre Lieben wiederzusehen, dass sie nicht nachbohrten, wenn sie seltsame Blicke ernteten, wenn sie nach Geschichten von der Schlacht fragten.
Fürst Noriyuki liess es sich nicht nehmen, die beiden anderen Fürsten bis an die Grenze seiner Provinz zu begleiten. Da er seine Einheiten unterwegs auflöste, verabschiedete er die beiden anderen Fürsten nur mit seiner Leibgarde. Er versprach die beiden anderen zu besuchen, wenn er aus Edo zurückkehrte und ihnen zu berichten. Trotz der kurzen Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, waren sich die Fürsten näher gekommen. In Zukunft würden sie enger zusammenarbeiten.
Dann ritten sie zur Hauptstadt der Geishu Provinz zurück, wo Major Nega die Vorbereitungen für ihre Reise nach Edo begonnen hatte. Als sie in der Hauptstadt eintrafen, war alles vorbereitet. Fürst Noriyuki bestimmte nur noch seine Vertreter und sie machten sich auf den Weg.
Ein paar Tage später stiessen sie auf die Waffen von Banditen, die am Strassenrand lagen. Von den Banditen war keine Spur zu sehen.
"Es scheint, als würde jemand seine schützende Hand über uns halten", sinnierte Fürst Noriyuki und Usagi nickte. So wie die Station sie unsichtbar und allgegenwärtig geschützt hatte, so tat Pau das hier.
Als sie einige Wochen später Edo erreichten, fiel bereits der erste Schnee. Neben der Strasse in der Nähe der Stadt erwartete sie Pau mit einem Pferd. Geschickt stieg er auf das edle, schwarze Ross, als sie näher kamen und ritt zu ihnen. Usagi musste zugeben, dass Pau ein sehr guter Reiter war, was aber in keiner Weise überraschend war.
"Ein edles Pferd für einen einfachen Mönch", begrüsste Fürst Noriyuki ihn freundlich.
"Es gefiel mir und sein vorheriger Besitzer gefiel mir nicht, also habe ich ihm etwas Geld gegeben und es für mich gewonnen."
"Armut scheint in eurer Religion keine Tugend zu sein", warf Tomoe ein.
"Da meine Religion nur wenige, ausgesuchte Anhänger hat, denen Geld und Macht nichts bedeuten, ist das auch nicht notwendig", gab Pau zurück.
"Dann seid ihr reich?" fragte Noriyuki nebenbei.
Pau zuckte mit den Schultern. "Ich könnte mir die Geishu-Provinz leisten und hätte noch einiges übrig."
"Tatsächlich?" schmunzelte Fürst Noriyuki. "Und wenn ich nicht verkaufen will?"
"Das ist kein Problem", kam die fröhliche Antwort. "Ich rede einfach mit Usagi, der überredet Tomoe und die dann euch." Sie lachten herzlich.
Am Abend sassen sie in der Residenz von Fürst Noriyuki in Edo gemeinsam beim Essen. "Ich werde versuchen in den nächsten Tagen eine Audienz beim Shogun zu erhalten", begann Fürst Noriyuki. "Dann können wir um eine Untersuchung der Vorfälle bitten. Ich denke", sagte er an Pau gewandt, "dass man die Beweise, die ihr in der Zwischenzeit gesammelt habt, dann sehen möchte."
Pau nickte. "Das wird man ganz sicher. Fürst Hikiji wird uns übrigens in jeder Form unterstützen." Alle am Tisch erstarrten. Pau lächelte dünn. "Schliesslich will er nicht, dass am Ende sein Kopf rollt."
"Ihr habt schon mit Fürst Hikiji gesprochen?" erkundigte sich Fürst Noriyuki nachdem er sich erholt hatte.
Pau nickte. "Ich denke, das wird helfen unser etwas ... angespanntes Verhältnis zu Fürst Hikiji zu verbessern."
"Allerdings", fuhr Pau fort, "fürchte ich, dass eine Audienz beim Shogun nicht den gewünschten Erfolg bringen wird. Daher habe ich bereits etwas in die Wege geleitet."
Er blickte Usagi an. "Alles, was jetzt noch fehlt, ist Deine Entscheidung."
Usagi verzog den Mund. "Ich muss mich entscheiden, ob ich Fürst Hikijis Leben retten will, oder nicht", sagte er bitter.
Pau nickte. "Und wenn ich mich weigere, wird Fürst Hikiji sterben und ihr werdet Fürst Noriyuki töten."
Pau schüttelte den Kopf. "Das Leben der beiden Fürst ist untrennbar miteinander verbunden. Wenn einer in der jetzigen Situation sterben sollte, so muss der andere folgen, sonst werden Tausende sinnlos geopfert. Es werden zwar andere Gründe sein, warum sie zugrunde gehen, wenn Fürst Noriyuki sterben sollte, als wenn Fürst Hikiji getötet wird. Aber für die einfachen Leute wird es keinen Unterschied machen."
"Und es ist auch nicht so, dass ich Fürst Noriyuki eigenhändig töten würde. Ich würde ihm nur die Konsequenzen aufzeigen, die es hätte, wenn er weiterleben würde. Seine Integrität wird ihm dann keine Wahl lassen, als Seppuku zu begehen."
"Bei Hikiji sähe das anders aus. Für ihn müsste ich wohl einige der Taja-Ninjas opfern, da er in dieser Sache kaum auf mich hören würde."
"Ausserdem besteht immer noch die Möglichkeit, dass ich Fürst Hikiji ohne eure Hilfe retten kann. Aber seine Chancen sind dann geringer."
"Wie Du siehst, hast Du die freie Wahl. Niemand zwingt Dich das eine oder andere zu tun."
Usagi dachte nach. Dann blickte er Pau direkt an. "Was empfiehlst Du mir?"
Pau blickte offen zurück. "Du solltest es tun. Aber für Dich selbst und sonst niemanden."
Usagi starrte blicklos auf sein Essen. Er wollte das nicht tun. Schliesslich sah er Pau wieder an. "Ich werde es für mich tun. Ich möchte endlich frei sein und mein Leben nicht mehr von Fürst Hikiji diktiert sehen."
Bitter fuhr er fort. "Fürst Hikiji hat mein Leben lange genug kontrolliert. Er hat viele meiner Freunde getötet, meinen Herrn und meinen Vater. Ich hasse ihn. Aber ich will mich endlich wieder frei entscheiden können, was ich tun will und meine Entscheidungen nicht vom Hass auf ihn kontrolliert sehen."
Pau lächelte. "Ein guter Grund. Er sollte euch genug Kraft geben, um das durchzustehen."
Danach ass Usagi sehr nachdenklich. Er erinnerte sich gut an die Schrecken, die er bei seiner ersten Aufgabe durchzustehen und wieviel Kraft es ihn gekostet hatte. Aber er glaubte auch an sich. Pau hätte ihn nicht vor die Wahl gestellt, wenn er nicht bereit war.
An nächsten Tag gingen Usagi und Pau durch die Strassen von Edo. Pau kaufte einige Kleinigkeiten und liess sie in seinen Taschen verschwinden. Mittags assen sie in einem hervorragenden Gasthaus. Als der Wirt den Preis von 80 Ryo nannte, dachte Usagi zuerst, er hätte sich verhört. Aber Pau bezahlte ohne mit der Wimper zu zucken.
"Das war teuer!" sagte Usagi ungläubig, als sie wieder auf der Strasse standen.
"War es gut?"
Usagi nickte.
"Dann war es nicht teuer", behauptete Pau.
Usagi schnaubte. "Für so viel Geld könnte ich fast einen Monat essen."
"Der Wirt muss seine Leute und die Nahrungsmittel bezahlen. Selbst wenn er das meiste für sich behält, so wird er es wahrscheinlich irgendwann für Arbeiten an seinem Haus ausgeben, denn Reichtum nur zu besitzen ist langweilig. Man muss ihn auch zeigen können. Auf diese Weise wandert das Geld weiter."
"Der Wirt bezahlt den Händler und der seinen Händler und irgendwann kommt etwas davon beim Bauern an. Sicher bekommt der Bauer nicht mehr viel, aber es leben ja auch einige Leute von dieser Kette. So gesehen hat jeder etwas davon. So etwas sollte nicht ins Extrem ausarten, so dass viele Hunger leiden während andere ungeheuren Reichtum horten. Aber so wie es hier ist, ist es noch ganz normal."
"Da bei Dir alles von Robotern erledigt wird, passiert so etwas natürlich nicht mehr", antwortete Usagi ein wenig neidisch.
Pau zuckte die Schultern. "Manchmal versuchen trotzdem Leute irgendetwas in sinnloser Menge anzuhäufen. Aber wir verstehen die Mechanismen, die dabei ablaufen und können diesen Leuten dann helfen."
Sie gingen eine Strasse hinunter und kamen auf eine grosse Hauptstrasse. Eine Prozession näherte sich und Schreier kündigten den Shogun an. Usagi hatte den Shogun noch nie gesehen und sie stellten sich in die Menge. Langsam arbeiteten sie sich nach vorne, bis sie in der ersten Reihe standen. Gespannt blickte Usagi der Prozession entgegen.
Banner- und Lanzenträger schritten voran. Dazwischen ritten die jeweiligen Gruppenführer. Das ging eine ganze Weile so. Dann sah Usagi endlich den Shogun. Er ritt in einer prächtigen Uniform auf seinem Pferd. Neben ihm ritt ein alter Bekannter, Major Xan. Langsam kamen sie näher. Usagi konnte sehen, wie der Shogun etwas zu Major Xan sagte und dieser aufmerksam zuhörte. Dann waren sie heran und Pau stellte sich ihnen in den Weg.
Usagi konnte nicht fassen, was er da sah. 'Ist Pau jetzt ganz verrückt geworden?' Die Menge stöhnte auf und hielt den Atem an. Sofort war Pau von Bewaffneten umringt, die ihn abzudrängen versuchten und Usagi schalt sich einen Narren. Natürlich wusste Pau genau was er tat. 'Aber was soll ich jetzt tun?' Da Pau ihm keine Anweisungen gegeben hatte, blieb er erst einmal, wo er war. Sich auch noch in das Getümmel zu stürzen würde die Verwirrung nur erhöhen.
Die Prozession war unterdessen zum Stehen gekommen. Soldaten von weiter vorne kehrten eilig zurück und solche von weiter hinten eilten vor, um ihren Herrn zu schützen. Usagi konnte sehen, wie Major Xan etwas zum Shogun sagte und dann hierher ritt.
Diszipliniert machten die Soldaten ihm Platz. Usagi hatte nicht genau erkennen können, was sie mit Pau gemacht hatten, aber er schien unversehrt zu sein. Vor Pau hielt Major Xan an. "Bruder Pau Tai", sagte er ruhig. "Ihr habt eine Schwäche für grosse Auftritte."
Pau verneigte sich. Wortlos zog er ein Dokument aus seiner Kleidung und reichte es einem Soldaten. Major Xan winkte ihn heran. Er nahm das Dokument entgegen und entfaltete es. Dann wendete er sein Pferd und ritt zum Shogun, um ihm zu berichten.
Der Shogun las das Dokument und steckte es ein. Er erteilte Major Xan einen Befehl. Dieser verbeugte sich und ritt zu Pau zurück. "Der Shogun wünscht, dass ihr uns begleitet", befahl er.
Pau wies auf Usagi. "Ich benötige meinen Begleiter", antwortete er ruhig.
Major Xan blickte zu Usagi hinüber und nickte. Die Soldaten bildeten eine Lücke und Usagi konnte zu Pau treten. Zwei Pferde wurden gebracht. Pau und Usagi steigen auf und Major Xan führte sie zum Shogun. Unterwegs wies er sie an, sich zu verbeugen, aber nicht abzusteigen. Sie hatten schon genug Zeit verloren.
Usagi und Pau verneigten sich vor dem Shogun und warteten. Schweigend musterte der Shogun die beiden. Dann ritt er an ihnen vorbei und die Prozession setzte sich fort. Major Xan ritt mit den beiden direkt hinter dem Shogun. So ritt Usagi mit dem Shogun durch die Stadt.
"Ist das Dokument echt?" erkundigte sich Major Xan leise.
"Nein, es ist nur eine Kopie. Das Original ist nicht mehr sehr ... ansehnlich", antwortete Pau ruhig. "Ich musste ein wenig damit experimentieren um herauszufinden, wie man es gemacht hat."
"Usagi, seht nach links", meinte Pau unvermittelt.
Usagi sah sie. Sie blickten zum Shogun, aber als er vorbei war, fielen die Blicke von Tomoe und Fürst Noriyuki auf ihn. Ihre Kinnladen sanken herab. Usagi verrenkte sich fast den Kopf, während er sie langsam verschwinden sah.
"Wir möchten euch bitten", sagte Major Xan eindringlich, "die Würde des Shogun nicht zu untergraben."
Usagi setzte sich sofort wieder aufrecht im Sattel zurecht.
"Ihr kennt Fürst Noriyuki?"
Pau nickte. "Vor ein paar Wochen wurde er von Fürst Tenekka überfallen. Fast zur gleichen Zeit fand ein Attentat auf Fürst Noriyuki statt. Hinter beidem steht die gleiche Person."
"Habt ihr einen Verdacht?"
"Nein, ich weiss ganz genau wer dahinter steht. Aber es ist schwierig, genug Beweise gegen ihn zusammenzutragen, denn er geht äusserst geschickt vor."
"Aber ihr wollt mir keinen Namen nennen?"
Pau blickte ihn ausdruckslos an, lenkte dann sein Pferd nahe an das von Major Xan und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Usagi konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Major Xan kreidebleich wurde.
"Seid ihr sicher?" zischte Xan und Usagi konnte das Beben in seiner Stimme hören.
"So sicher, wie ich weiss, dass der freundliche Herr vor uns nur ein Doppelgänger des Shoguns ist", antwortete Pau so leise, dass Usagi in fast nicht hören konnte.
Aber Xan hörte ihn. Usagi konnte spüren, wie es in ihm arbeitete. "Ich denke", sagte Xan schliesslich mit erzwungener Ruhe, "wir sollten unser Gespräch im Palast fortsetzen."
"Wir ihr wünscht", kam die ruhige Antwort von Pau.
Schweigend ritten sie hinter dem falschen Shogun her. Im Palast angekommen, nahmen Diener ihre Pferde entgegen und sie folgten Major Xan. Soldaten begleiteten sie. Unterwegs wies Pau Usagi auf einige besonders schöne Schätze hin. Usagi fragte sich, woher Pau wusste, was wo stand. Und Major Xan wohl ebenfalls, denn er runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
Schliesslich kamen sie in einen schlichteren Teil der Anlage. Eine Palastwache öffnete eine Tür und sie folgten Major Xan in ein geräumiges Arbeitszimmer, in dem einige Schreiber und Adjutanten von Major Xan arbeiteten.
Sie traten durch eine weitere Tür und befanden sich in Major Xans eigenem Arbeitsraum. "Nun, ich höre", forderte er Pau auf.
Pau griff in seine Kleidung und zog das Schreibtäfelchen heraus, mit dem Usagi sich am Anfang mit ihn verständigt hatte. Er schrieb etwas darauf und reichte es Xan. Usagi konnte spüren, wie er langsam die Geduld verlor. Xan beherrschte sich aber noch einmal und befahl: "Lasst uns allein."
Die Diener und Palastwachen verliessen eilig den Raum. Pau blickte ihnen emotionslos nach. Als sie die Türe geschlossen hatten, erhob er sich und setzte sich zwischen Usagi und Major Xan auf den Boden.
"Nun können wir sprechen", begann er.
"Was ich vorhabe, wird nicht ganz einfach sein, weil ich es quasi unter den Augen und mit dem Einverständnis des Verräters tun muss. Dieser wird alles in seiner Macht stehende tun, um Fürst Hikiji die Schuld zuzuschieben. Und wir beide wissen, dass seine Macht nicht gering ist."
"Verzeihung", unterbrach Usagi. "Könnt ihr mir nicht auch sagen, wer der Verräter ist?"
Pau blickte ihn ruhig an. "Denke an Deine Aufgabe", befahl er. Jemand in Hikijis Umfeld? "Es ist Herr Okii."
In Usagis Gehirn fielen die Puzzlestücke an ihren Platz. Damals, als Fürst Noriyuki seinen Anspruch auf die Geishu-Provinz erhoben hatte, hatte Hikiji Ninjas geschickt um ihn zu töten(1). Der ganze Plan war von einem Berater Hikijis, dem Herrn Nerai, ausgeführt worden. Als Noriyuki die Hauptstadt lebend erreicht hatte, hatte Hikiji Nerai befohlen Seppuku zu begehen. Nerai hatte aber ein sehr belastendes Dokument geschrieben, welches Usagi durch Zufall in die Hände gefallen war. Sie hatten die Beweise für Hikijis Verrat damals an den Shogun übergeben.
Nur hatten sie keine Audienz beim Shogun erhalten. Herr Okii hatte sie empfangen und das Dokument entgegen genommen. Geschehen war nichts.
Usagi wollte Major Xan schon davon berichten, als ihm plötzlich einfiel, dass dies auch Hikiji schwer belasten würde. Sicherlich, er hatte keinen Beweis mehr, aber Fürst Noriyuki und Tomoe hatten das Dokument ebenfalls gesehen und wenn etwas von diesem Vorfall ans Licht kam, dann würden sie aussagen müssen. Ihm war sehr unbehaglich zumute. Plötzlich wurde ihm klar, dass er jedes Wort, dass er sagte, sorgfältig abwägen musste, sonst konnte es zu einer Katastrophe kommen. Seine zweite Aufgabe hatte begonnen.
Aber diesmal hing nicht sein Heimatdorf von ihm ab, sondern die Zukunft der Geishu-Provinz und die Frau, die er liebte. Wenn Fürst Noriyuki starb, würde Tomoe ihm jemals wieder in die Augen sehen?
Jetzt machte auch das andere alles Sinn. Herr Okii war der oberste Berater des Shogun. Nichts geschah im Umfeld des Shogun, von dem Okii nicht erfuhr.
Pau fuhr fort. "In wenigen Augenblicken wird Herr Okii das belastende Dokument in den Händen halten und beginnen, seinen Plan zur Vernichtung von Fürst Hikiji umzusetzen. Es ist äusserst wichtig, dass ihr euren Einfluss auf den Shogun geltend macht, damit beim Verhör von Fürst Hikiji folgende Personen anwesend sind: Der Shogun selbst, Herr Okii, Fürst Hikiji, Herr Hebi, Fürst Noriyuki, Frau Tomoe, ihr, Usagi und ich."
"Ich denke, es wird am schwierigsten sein, den Shogun dabei zu haben, denn alle anderen wird Herr Okii wohl selbst herbeizitieren. Sollte der Shogun nicht anwesend sein, so wird Herr Okii sicherlich Erfolg haben und die Fürsten Hikiji und Noriyuki werden sterben, bevor der Frühling beginnt."
Major Xan hatte aufmerksam zugehört und blickte jetzt überrascht auf. "Warum wird Fürst Noriyuki sterben?"
"Die Leben der beiden Fürsten hängen im Moment voneinander ab. Der Shogun weiss, wovon ich spreche", wich Pau aus.
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und ein Diener stürzte herein. "Herr Okii möchte euch und die beiden Gäste sofort sehen." Wenn er sich darüber wunderte, dass Pau auf dem Boden und nicht auf einem Stuhl sass, dann zeigte er es nicht.
Major Xan, der wohl nicht das erste mal mit einer Intrige im Palast konfrontiert war, fing sich sofort. Er nickte. "Gehen wir", forderte er die beiden auf. Pau erhob sich und gemeinsam verliessen sie das Zimmer.
Draussen blieb Major Xan an einem Schreibtisch stehen und schrieb hastig etwas auf ein Blatt Papier. Er winkte einen Adjutanten heran. Er faltete das Blatt und gab es dem Adjutanten. Dann instruierte er ihn leise und eindringlich. Der Diener, der sie zu Herrn Okii bringen sollte, wurde sichtlich nervös. Endlich war Major Xan fertig. Der Adjutant verneigte sich und eilte davon.
Eilig führte der Diener sie durch den Palast. Wiederum wies Pau auf einige besonders schöne Stücke hin und erzählte Usagi ein wenig über sie, aber Usagi konnte sich nicht konzentrieren. In einem Audienzzimmer wurden sie bereits von Herrn Okii erwartet. Er hielt ein Dokument in der Hand.
Sie verneigten sich tief und warteten dass Herr Okii sprach. "Woher stammt dieses Dokument?"
"Es ist eine Kopie eines Dokuments, welches ein Ninja bei einem Attentat auf Fürst Noriyuki bei sich trug", antwortete Pau ruhig.
Herr Okii runzelte die Stirn. "Eine Kopie sagt ihr? Wo ist das Original?"
"An einem sicheren Ort", wich Pau aus.
Herr Okii fuhr auf: "Was? Wie könnt ihr es wagen, mich so zu beleidigen! Ich bin der persönliche Vertraute des Shoguns! Ihr werdet mir das Dokument umgehend aushändigen!" schäumte er.
Pau antwortete nicht. Statt dessen hörten sie, wie sich die Tür öffnete. Herr Okii wurde von dieser unerwarteten Störung völlig überrascht. Noch überraschter war er, als ein Diener eintrat und die Nachricht überbrachte, dass der Shogun ihn, Major Xan und die beiden Gäste zu sehen wünsche.
"Gewiss", antwortete Herr Okii und sie erhoben sich. Der Diener führte sie eine kurze Strecke durch den Palast und in ein weiteres Audienzzimmer.
Dort sass der Shogun, umgeben von weiteren Beratern und seiner Leibwache. Als sie den Raum betraten, konnte Usagi die Ausstrahlung des Herrschers spüren.
Wie vorgeschrieben verbeugten sie sich tief.
Der Shogun liess sich von Herrn Okii berichten. Er nahm das Dokument entgegen und wies Okii an, sich an seine Seite zu setzen. Dann studierte er es.
"Es ist eine ausgezeichnete Fälschung", sprach er schliesslich. "Ihr seid im Besitz des Originals?"
"Ja, Shogun", antwortete Pau.
"Wie lange wird es dauern, es herbeizuschaffen?"
"Zwei Stunden, Shogun."
Der Shogun überlegte einen Augenblick. "Schafft es herbei. Major Xan, ich übertrage euch die Sicherheit der beiden. Herr Okii, befehlt Fürst Hikiji zu mir. Ich erwarte euch hier kurz vor Sonnenuntergang."
"Shogun?" begann Pau und Herr Okii runzelte die Stirn.
"Sprecht."
"Es wäre von Vorteil, wenn Herr Hebi, der persönliche Vertraute von Fürst Hikiji sowie Fürst Noriyuki und seine Verwalterin Tomoe anwesend wären. Sie alle sind in der einen oder anderen Form von diesem Vorfall betroffen und es würde viel Zeit sparen, sie ebenfalls einzuladen."
Der Shogun nickte. "Gut. Die Audienz ist beendet." Sie verneigten sich, bis der Shogun den Raum verlassen hatte.
Usagi und Pau ritten mit einem grossen Trupp Soldaten des Shoguns, der von Major Xan angeführt wurde, zur Residenz von Fürst Noriyuki. Eine Abordnung des Shoguns überbrachte Noriyuki die Einladung für die Audienz am Abend während die Soldaten routiniert den Weg zu Paus Zimmer absicherten. Pau ging hinein und kam mit einer grossen Mappe aus Karton wieder, in der Künstler üblicherweise ihre Bilder transportieren.
Gemeinsam ging es zum Palast zurück. Dort trafen sie auf die Abordnung von Fürst Hikiji. Reserviert begrüssten sich die beiden Fürsten. Auf dem Weg durch den Palast glitt Herr Hebi neben Pau.
"Als wir die überraschende Einladung zu einer Audienz beim Shogun erhielten, musste ich sofort an euch denken", begann Hebi das Gespräch. Usagi liess sich etwas zurückfallen, damit er nicht in der Nähe von Hebi gehen musste. Hebi zischte belustigt.
"Ich weiss", antwortete Pau ruhig.
Das war keine Antwort, mit der Hebi gerechnet hatte. "Die Boten des Shoguns waren leider nicht in der Lage uns den Grund für diese Audienz zu nennen. Wisst ihr vielleicht, um was es geht?" fuhr er schliesslich fort.
"Hochverrat", kam die kurze Antwort.
Es war nicht zu erkennen, ob Hebis Erschrecken gespielt oder echt war. Hebi blickte zu den Fürsten, die stoisch nebeneinander voranschritten.
"Ich kann kaum glauben, dass Fürst Noriyuki ...", begann Hebi, als er sich wieder gefangen hatte, aber Pau schüttelte nur Stumm den Kopf.
Hebi brach ab. "Fürst Hikiji ...?" fragte er sehr zögerlich und Pau schüttelte abermals den Kopf.
Hebis Verwirrung wuchs. Langsam drehte Pau seinen Kopf, bis er Hebi direkt anblickte. Ein dämonisches Lächeln spielte um seine Lippen. "Ich hatte eine sehr interessante Unterhaltung mit Herrn Tse", begann er. "Wirklich sehr interessant." Eine drohende Betonung lag auf dem Wort sehr.
Hebi zuckte fast zurück. Er neigte den Kopf ein wenig und glitt dann rasch zu den anderen Begleitern von Fürst Hikiji zurück.
Nachdem Hebi fort war, kam Usagi zu Pau zurück. Finster blickte er auf den Schlangenkörper von Hebi. Dann erinnerte er sich an seine Aufgabe und entspannte sein Gesicht, aber in seinem Inneren brannte der Hass heiss. Sorgfältig hielt er ihn im Schach.
Sie wurden in ein Zimmer geführt, wo ein Essen bereits auf sie wartete. Kein Gespräch wollte sich entwickeln und so assen sie schweigend.
Während sie darauf warteten, dass der Shogun sie zu sich bitten liess, sprach Fürst Hikiji Pau an. "Ich vermute, bei dieser Audienz geht es um die gleiche Sache, wegen der ihr mich vor drei Tagen aufgesucht habt?"
"So ist es", bestätigte Pau.
"Und ihr wollt uns nicht mehr sagen?"
Pau schüttelte den Kopf. "In wenigen Augenblicken wird der Shogun uns bitten lassen. Es würde keinen Sinn machen, noch etwas zu sagen."
Und tatsächlich, kaum dass Pau ausgesprochen hatte, betrat ein Diener den Raum und bat sie, ihm zu folgen. Pau trug seine Mappe selbst und wehrte alle Angebote der Diener bestimmt ab, ihm zu helfen.
Sie kamen in einen grossen Raum, in dem der Shogun mit einigen Beratern und Herrn Okii auf sie wartete. Ungewöhnlich viele Soldaten bewachten den Raum und auch im Inneren sassen zwei Reihen von Samurai an den Wänden.
Sie betraten den Raum und knieten vor dem Shogun. Dieser eröffnete die Audienz. "Willkommen Fürst Hikiji, Fürst Noriyuki. Es sind uns Beweise vorgelegt worden, welche darauf hinweisen, dass jemand versucht hat, Fürst Noriyuki zu ermorden. Weiterhin wurde uns mitgeteilt, dass die hier anwesenden Personen in irgendeiner Form in diese delikate Angelegenheit verwickelt sind. Aus diesem Grund wurden sie hergebeten. Bitte begeben sie sich an die Plätze, welche die Diener für sie vorbereitet haben, damit wir beginnen können."
Diener baten Fürst Hikiji zu einer Plattform auf der linken Seite und Fürst Noriyuki wurde rechts platziert. Pau schickte Usagi zur Gruppe von Fürst Noriyuki und wurde selbst in der Mitte, dem Shogun gegenüber, platziert.
"Beginnt", forderte der Shogun Pau auf.
"Shogun, Herr Okii, Fürst Hikiji, Fürst Noriyuki", begrüsste Pau die anwesenden förmlich. "Ich bedauere keinen direkten Beweis für die Schuld der Person vorlegen zu können, denn sie geht überaus geschickt vor. Daher möchte ich alle meine Beweise und die Überlegungen, welche ich dazu angestellt hatte, darlegen. Danach mögt ihr selbst entscheiden, ob ihr meinen Schlussfolgerung folgen wollt oder nicht."
Der Shogun nickte knapp.
"An dem Anschlag auf das Leben von Fürst Noriyuki waren ungefähr sechzig Ninjas beteiligt. Das bedeutet, dass die Person, die hinter dem Anschlag steht, über beträchtliche Ressourcen verfügen muss. Ausserdem wurde die Geishu-Provinz fast zeitgleich von Fürst Tenekka angegriffen. Die Vermutung liegt nahe, dass beide Ereignisse in einem Zusammenhang stehen, beweisen kann ich das aber nicht", begann Pau.
"Fürst Noriyuki kam nach Edo um über diesen Überfall auf seine Provinz zu berichten." Noriyuki nickte. "Aber das spielt für meine Überlegungen keine Rolle. Ich vermute, dass Fürst Tenekka über den Anschlag informiert war und einfach die Gunst der Stunde zu nutzen versuchte."
"Bei einem der Ninjas wurde ein Dokument gefunden, welches den Auftrag enthielt, Fürst Noriyuki zu ermorden." Pau bat den Shogun Fürst Hikiji seine Kopie vorzulegen. Ein Diener nahm das Dokument entgegen und brachte es zu Hikiji.
Während Hikiji es untersuchte, knotete Pau seine Mappe auf und begann durch die Bilder zu blättern. Er nahm ein stark zerknittertes Bild heraus und fuhr mit Daumen und Zeigefinger an einer Kante entlang. Ein breites Band Papier fiel zu Boden. Dann nahm Pau die restlichen Bilder aus der Mappe und legte sie achtlos neben sich.
"Das ist eine Fälschung", urteilte Hikiji schliesslich.
"So ist es", bestätigte Pau. "Ich liess ein paar Kopien des Originals anfertigen, um damit experimentieren zu können." Usagi konnte sehen, wie Pau das Bild schüttelte. Anscheinend bestand es aus zwei Bögen Papier mit einem Hohlraum dazwischen. Im Hohlraum war ein übel zugerichtetes Dokument, welches Pau sorgfältig in seine Mappe gleiten liess.
Er klappte die Mappe zu und reichte sie einem Diener. "Bitte zeigt dies dem Shogun", wies er ihn an. "Ich möchte euch bitten, das Dokument selbst nicht zu berühren."
Der Diener brachte die Mappe dem Shogun, der sie entgegennahm und öffnete. Ein fleckiges Dokument starrte ihm entgegen. Seltsame feine silberne Strukturen bedeckten es. Sie waren oval und fein strukturiert. Einige waren sorgfältig mit einer Zahl versehen worden. Der Text selbst war schlecht lesbar, aber immer noch erkennbar. Seltsame Schatten lagen hinter den Buchstaben.
Der Shogun schloss die Mappe und drehte sie auf die andere Seite. Dann öffnete er sie wieder und konnte so die Rückseite des Dokuments mit dem Siegel sehen. Wie bei der Kopie war das Siegel von Hikiji.
Der Shogun reichte die Mappe an Herrn Okii weiter, der es ebenfalls sorgfältig betrachtete. "Was sind diese seltsamen silbernen Muster?" wollte Herr Okii wissen.
"Wenn ihr gestattet, dann möchte ich zuerst Fürst Hikiji bitten, die Echtheit des Dokuments zu bestätigen. Dann werde ich erklären, was es mit dem Dokument selbst und seinem Zustand auf sich hat."
Okii betrachtete das Siegel genau. "Es sieht für mich echt aus."
"Das ist es auch", bestätigte Pau.
Herr Okii hielt sein Gesicht mit Gewalt ausdruckslos. "Ihr wollt damit sagen, dass Fürst Hikiji die Ermordung von Fürst Noriyuki befohlen hat?"
Pau schüttelte den Kopf. "Nein, Herr Okii. Ich sage nur, dass das Siegel echt ist."
Okii runzelte die Stirn. Er wusste nicht, wohin das ganze abzielte, aber es behagte ihm nicht. Langsam schloss er die Mappe und reichte sie einem Diener, der sie an Fürst Hikiji weitergab.
Fürst Hikiji betrachtete das Dokument genau. Er wendete es mehrmals, schloss die Mappe dann und reichte sie dem Diener zurück. "Das Dokument ist echt", sprach er bestimmt, "aber sein Inhalt nicht."
Pau nickte. "Ich bin zum gleichen Schluss gekommen." Ein Raunen ging durch die Anwesenden.
"Fahrt fort", befahl der Shogun ruhig.
"Ich denke, allen Anwesenden sind die Gerüchte bekannt, dass Fürst Hikiji vor langer Zeit versucht hat, Fürst Noriyuki zu töten, als dieser Anspruch auf die Geishu-Provinz erhob."
"Diese Gerüchte entbehren jeder Grundlage", begehrte Herr Hebi auf.
"Ich wollte nur auf die Tatsache hinweisen, dass es diese Gerüchte gibt", erläuterte Pau und wies den Diener an, die Mappe auch Fürst Noriyuki vorzulegen.
Wie die anderen betrachtete er den Brief sorgfältig. Die filigranen Muster sahen seltsam vertraut aus, aber auch er hatte keine Ahnung was sie sind. Aber Tomoe hatte die richtige Idee. "Das sieht aus, wie Fingerabdrücke", sagte sie und Usagi nickte. Jeder Samurai wusste, wie schwer es war, einen Fingerabdruck wieder von einem Schwert zu entfernen. So verwunderte es die beiden auch nicht, dass sie auf dem Papier waren.
"So ist es", bestätigte Pau. Er hob seine Hand. "Auf allem, das wir berühren, hinterlassen wir unsere Spuren. Mit einem speziellen Verfahren kann ich die Abdrücke einer Hand auf Papier sichtbar machen. Auf dem Dokument befinden sich die Abdrücke von fünf Personen, wobei ich nur diejenigen zähle, die sich im inneren des Dokuments befinden weil diese Personen es auch gelesen haben müssen."
"Die Abdrücke der ersten Person gehören dem Schreiber Jikohiro, der in den Diensten von Fürst Hikiji steht. Die Position der Abdrücke lässt mich vermuten, dass er derjenige war, der zuerst ... etwas auf dieses Papier geschrieben hat."
"Zuerst?" fragte der Shogun.
"Die seltsamen Schatten hinter den Buchstaben sind der ursprüngliche Text." Pau blickte Fürst Hikiji an. "Soweit ich es entziffern konnte, handelt es sich um eine Antwort auf eine Anfrage, wann ihr in Edo sein werdet."
Fürst Hikiji überlegte, dann fiel es ihm ein. Er starrte Okii an.
"Die zweite Person, die das Innere des Dokuments berührte, war die von Schreiber Nokohama, der im Dienst von Herrn Okii steht. Dieser gab es an Herrn Okii weiter, der es ebenfalls gelesen hat."
"Die fünfte Person, die das Dokument gelesen hat, war der Ninja, bei dem es gefunden wurde", fuhr Pau fort.
"Die vierte Person hiess Rameka Utosaki. Rameka war ein in Edo ansässiger Schriftkünstler und wurde vor zwei Wochen tot aufgefunden."
"Aufgrund der vorliegenden Tatsachen vermute ich, dass folgendes geschehen ist. Derjenige, der hinter dem Ganzen steht, hat das Dokument an Rameka übergeben, dieser hat den ursprünglichen Text gelöscht und durch den Mordauftrag ersetzt. Dann wurde das Dokument den Ninjas mitgegeben, damit der Verdacht auf Fürst Hikiji fallen würde. Jeder würde sich an die Gerüchte, von denen ich vorhin sprach, erinnern und niemand würde die Echtheit des Dokuments in Frage stellen."
"Dazu passt zum Beispiel die Tatsache, dass der Ninja zwar hätte erfolgreich fliehen können, aber dies nicht tat. Wir müssen jetzt überlegen, ob die gesuchte Person ahnen konnte, dass das Dokument jemandem in die Hände fallen würde, der nach Fingerabdrücken suchen würde", schloss Pau und blickte Herrn Okii ruhig an.
Langsam dämmerte es Herrn Okii, auf was Pau abzielte. Er wurde bleich. "Ihr wollt behaupten, dass ich ...", stammelte er fast.
"Euer Schreiber Nokohama wurde mehrmals zusammen mit Rameka gesehen", trieb Pau seinen Angriff gnadenlos voran.
"Es ist bekannt, dass Nokohama euch treu ergeben ist und euch nie hintergehen würde", fuhr er fort.
Herr Okii zitterte vor Entsetzen. Es schien keinen Ausweg mehr zu geben. Da sprach der Shogun.
"Herr Okii dient mir jetzt viele Jahre und es gab nie einen Grund an seiner Treue zu zweifeln. Wenn das alle eure Beweise sind, so muss ich zugeben, dass sie beeindruckend sind, aber keinesfalls ausreichend, um mich von eurer Schlussfolgerung zu überzeugen. Bisher habe ich keinen eindeutigen Beweis gegen Herrn Okii gesehen."
Pau neigte den Kopf. "Als Zauberer war ich problemlos in der Lage herauszufinden, was wie geschehen war, nachdem ich den Brief in der Hand hielt. In gewisser Weise wirkt er wie ein Token, ein persönlicher Gegenstand, den wir häufig benutzen, um eine Person zu finden oder zu binden. Aber diese Erkenntnisse sind euch leider nicht zugänglich. Daher habe ich versucht Beweise auf dieser Ebene der Realität zu sammeln, um euch überzeugen zu können."
"Leider war Herr Okii sehr geschickt und hat es verstanden keine Spuren zu hinterlassen, welche direkt zu ihm führen würden."
Pau machte eine Pause. "Bis auf eine einzige."
"Wenn ihr erlaubt, dann möchte ich, dass ihr den Schreiber Nokohama zu uns bittet. Er kann meine Version der Geschichte bestätigen."
Der Shogun nickte und ein Diener lief los, um Nokohama zu holen. "Ist es aber nicht so, dass Schreiber Nokohama seinem Herrn treu ergeben ist? Er wird ihn dann auch keinen Fall belasten."
"Mit eurer Hilfe bin ich in der Lage, ihn dazu zu zwingen, die Wahrheit zu sagen. Dafür benötige ich zwei Dinge. Ich möchte euch bitten, ihm zu befehlen meinen Anweisungen folge zu leisten. Und während ich ihn befrage, darf niemand sprechen. Wenn ihr ihm eine Frage stellen wollt, so möchte ich euch bitten mir ein Zeichen zu geben. Ich werde dann zu euch kommen, und ihr könnt mir die Frage leise mitteilen, damit ich sie weitergeben kann."
"Das müsst ihr näher erklären", forderte der Shogun.
"Ich bin in der Lage eine Person in einen Zustand zu bringen, in dem ihr Bewusstsein ... schweigt. In diesem Zustand, den man Hypnose nennt, bekommt man auf alle Fragen eine direkte und ehrliche Antwort, denn das Bewusstsein bewertet nicht mehr. Der normale Prozess, bei dem man zuerst überlegt, wie man antworten soll, findet nicht statt. Daher ist die Formulierung der Frage sehr wichtig, denn man bekommt immer die erste Antwort, die der Person in diesem Moment gerade einfällt."
"Ausserdem sind fast alle Schutzmechanismen des Geistes ausser Kraft. Die Person wird versuchen allen Anweisungen, die sie in diesem Zustand erhält, folge zu leisten, denn sie bewertet diese ebenfalls nicht mehr. Das ist auch der Grund, warum alle Fragen beantwortet werden. Die hypnotisierte Person ist nicht mehr in der Lage zu entscheiden, ob sie die Frage beantworten soll, oder nicht. Das bedeutet, dass ein unbedachtes Wort ungeheuren Schaden anrichten kann."
"Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass nur ich rede."
Der Shogun dachte eine Weile über diese Wort nach. "Dann wäre es möglich, ihn unter Hypnose zu zwingen, gegen seinen Herrn auszusagen?"
"Ja, Shogun", bestätigte Pau, "denn der Schutzmechanismus, der ihn durch Ehre an seinen Herrn bindet, ist ebenfalls ausser Kraft."
"Und es wäre auch möglich ihn zu zwingen, zu lügen?"
Pau sah den Shogun offen an. "Wenn es mir möglich gewesen wäre, ihn vor dieser Audienz zu hypnotisieren, dann hätte ich ihm dort meine Version der Geschichte aufzwingen können", bekannte er ruhig.
"Alles, was einem während einer solchen Sitzung gesagt wird, wird ungeprüft als Wahrheit hingenommen. Wenn ich ihm z.B. während der Hypnose sage, dass Herr Okii versucht hat, Fürst Noriyuki zu töten, dann würde er das, selbst wenn es nicht stimmen würde, als Wahrheit akzeptieren. Nach der Hypnose wäre es so wahr für ihn, wie die Tatsache, dass er Herrn Okii dient oder dass ihr der Shogun seid."
Seltsamerweise schien sich Herr Okii immer mehr zu beruhigen, je länger Pau sprach. Fürst Hikiji dagegen schien immer faszinierter zu sein. Usagi konnte sich lebhaft ausmalen, welche Gedanken ihn bewegten. Er hatte eine schreckliche Vision von Leuten, die von Hikiji hypnotisiert worden waren und gegen ihren Willen Gräueltaten vollbrachten.
"Kann man sich gegen diese Hypnose wehren?" fragte der Shogun weiter.
"Es ist nicht möglich jemanden gegen seinen Willen zu hypnotisieren. Daher bat ich darum, dass ihr dem Schreiber Nokohama befehlt, meinen Anweisungen zu folgen. Ausserdem kann man mit einer Willensanstrengung die Hypnose während der Sitzung durchbrechen. Dann wacht man auf, aber alles, was vorher während der Sitzung geschehen ist, wird immer noch als Wahrheit akzeptiert."
Pau hielt zwei Hände übereinander. "Man kann sich das so vorstellen, dass das Bewusstsein", er bewegt die obere Hand, "auf eine breite Basis an Wissen und Erfahrung", er bewegte die untere Hand, "zurückgreift. Dieses Wissen wird bewertet, wenn es abgelegt wird. Normalerweise nehmen wir Erfahrungen auf, bewerten sie mit unserem Bewusstsein und legen dann beides in unserem Gedächtnis ab, um später darauf zurückzugreifen."
"Unter Hypnose ist das Bewusstsein abgeschaltet und ich kann von aussen direkt auf das Wissen und die Erfahrungen zugreifen. Wenn man es abfragt, dann bekommt man das Wissen und die Bewertung, aber die Bewertung wird nicht vom Bewusstsein ausgewertet, da es nicht aktiv ist."
"Wenn ich einer Person unter Hypnose etwas mitteile, dann gelangt das neue Wissen ohne Umweg direkt in das Gedächtnis. Es findet keine Bewertung statt und wenn dieses Wissen später abgerufen wird, dann nimmt das Bewusstsein es als wahr an, da es keine Bewertung finden kann. Daher hält man alles für richtig, was einem während einer Hypnose mitgeteilt wird."
Kurze Zeit später traf Schreiber Nokohama ein. Keine Gefühle zeigten sich auf seinem Gesicht, als er den Raum betrat und sich vor dem Shogun verneigte.
"Schreiber Nokohama, wir sind bei einer wichtigen Besprechung und benötigen eure Hilfe", erläuterte der Shogun.
"Shogun", erklärte Nokohama sich bereit.
"Bruder Pau hier wird euch erläutern, was wir von euch wünschen."
Ausdruckslos wandte Nokohama sich Pau zu. Dieser lächelte freundlich. "Was ich mit euch zusammen tun möchte ist etwas ungewöhnlich, aber ich verspreche euch, dass es euch weder körperlich noch geistig schaden wird."
Nokohama nahm die Aussage ungerührt hin und nickte leicht als Zeichen, dass er verstanden hatte.
"Setzt euch bitte bequem hin und entspannt euch", fuhr Pau ruhig fort. Nokohama atmete tief durch und liess seine Schultern etwas sinken.
"Nun schliesst bitte die Augen und konzentriert euch ganz auf meine Stimme." Nokohama tat, wie ihm geheissen.
"Ich möchte, dass ihr euch eine Wiese vorstellt, vielleicht auf einem der Hügel vor der Stadt", begann Pau in einem monotonen Tonfall. "Es ist Frühling und ihr könnt die Vögel in den Bäumen zwitschern hören. Es ist ein strahlend schöner Tag und die Sonne lacht vom Himmel. Ihr könnt ihre Wärme spüren. Wenige Wolken sind am hellblauen Himmel."
Usagi schüttelte den Kopf um wieder klar denken zu können. Paus Stimme übte eine ungeheure Faszination aus und er musste sich konzentrieren, um ihr zu widerstehen. Nokohama dagegen entspannte sich zusehends. Usagi konnte sehen, wie sein Kopf langsam nach unten sank und der Mund leicht offen stand. Es war faszinierend zu sehen, wie der Wille Nokohama verliess und er sich Paus Stimme hingab.
"Ihr könnt das frische Grün des Grases unter euren nackten Füssen spüren. Es lädt euch ein, euch zu setzen. Der Duft von Frühlingsblumen steigt euch in die Nase." Pau griff nach einem Kissen und hielt es in der Hand. "Es wäre wunderschön, sich jetzt einfach fallen zu lassen und im Gras zu liegen."
Überraschend für alle ausser Pau kippte Nokohama sofort nach hinten. Pau fing ihn geschickt und legte das Kissen unter seinen Kopf. "Liegt ihr bequem?" fragte er und Nokohama nickte einmal.
"Wie ist euer Name?" begann Pau.
"Nokohama Herito", kam die Antwort mit ähnlich monotonen Stimme, wie die von Pau.
Pau zögerte einen Augenblick. "Habt ihr noch einen anderen Namen?" fragte er dann.
"Ja."
Pau blickte zum Shogun und dieser nickte auffordernd. "Wie lautet euer anderer Name?"
"Tatseku Tsuo."
Alle konnten hören, wie Herr Okii scharf einatmete. Pau blickte den Shogun an und dieser schüttelte den Kopf. Das war nicht interessant.
"Wem dient ihr?"
"Herrn Okii Ashiyubi."
"Was tut ihr in seinem Dienst?"
"Alles, was mir aufgetragen wird."
"Schreibt ihr Briefe für euren Herrn?"
"Ja."
Pau grinste. "Wie viele Personen sind in diesem Raum?"
"37", kam die Antwort ohne zu zögern.
"Ist dies hier eure erste Begegnung mit mir?"
"Ja."
"Wir sind uns noch nie begegnet?"
"Nein."
"Hat euch schon einmal jemand in den Zustand versetzt, in dem ihr jetzt seid?"
"Nein."
"Habt ihr in den letzten Wochen einen Brief an Fürst Hikiji geschrieben, mit der Frage, wann er das nächste mal in Edo sein würde?"
"Nein."
"Wisst ihr von so einem Brief?"
"Ja."
"Habt ihr die Antwort von Fürst Hikiji auf diesen Brief gelesen?"
"Ja."
"Was stand darin?"
"Herr Okii, Wir werden im letzten Monat des Jahres in Edo sein und stehen dann zu eurer Verfügung. Gezeichnet Fürst Hikiji."
"Was habt ihr mit dem Brief getan, nachdem ihr ihn gelesen habt?"
"Ich zeigte ihn meinem Herrn."
"Hat er ihn auch gelesen?"
"Ja."
"Gab er ihn euch danach zurück?"
"Ja."
"Kennt ihr jemanden mit dem Namen Rameka Utosaki?"
"Ja."
"Wo kann ich ihn finden?"
"Er ist tot."
"Habt ihr ihm den Brief, von dem wir gerade sprachen, gegeben?"
"Ja." Okii stöhnte auf. Ein strenger Blick des Shoguns brachte ihn zum Schweigen, aber er schüttelte entsetzt den Kopf. Nokohamas Hände zuckten.
"Kitzelt euch das Gras an den Händen?" erkundigte sich Pau nach einem Blick auf Okii sanft. "Warum legt ihr sie nicht auf euren Bauch?" schlug er vor.
Nokohama tat wie ihm geheissen und kam wieder zur Ruhe.
"Wie viele Diener habt ihr auf dem Weg hierher gesehen?"
"73."
"Womit verdient Rameka sein Geld?"
"Er ist ein Fälscher", kam die seelenruhige Antwort.
"Was hat er mit dem Brief getan, den ihr ihm gegeben habt?"
Nokohama wurde wieder unruhig. "Mit welchem Brief?"
"Der Brief von Fürst Hikiji", antwortete Pau in einem beruhigenden Tonfall, "von dem wir gerade sprachen."
Nokohama beruhigte sich wieder etwas. "Er sollte den alten Text entfernen und durch einen neuen ersetzen."
"Wisst ihr, wie der neue Text lautet?"
"Ja."
"Sagt ihn mir bitte."
"Hiermit befehle ich die Ermordung von Fürst Noriyuki. Gezeichnet Fürst Hikiji", sagte Nokohama mit seiner hypnotisierten Stimme, aber in seinem Gesicht zuckte es.
"Das ist eine Lüge!" heulte Herr Okii da auf einmal los. "Das ist nicht wahr! Er lügt! Ich bin unschuldig! Ihr müsst mir glauben!" flehte er den Shogun an.
"Schweigt!" donnerte der Shogun. "Wache! Schafft ihn hinaus und werft ihn in den Kerker!"
Sofort packten einige Samurai den jammernden Okii und schleiften ihn fort.
Schockiert blickten die Anwesenden ihnen nach. Und dann zu Pau, der mit traurigem Gesichtsausdruck neben Nokohama sass. Nokohama lag ganz ruhig da. Die ganze Aufregung schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein.
Auffordernd blickte der Shogun Pau an, doch dieser schüttelte den Kopf. "Es ist vorbei", sagte er leise.
Der Shogun legte den Kopf schief. Pau winkte ab. "Ich habe ihn verloren. Ihr könnt wieder sprechen."
"Erklärt euch", bat der Shogun.
Pau sah ihn traurig an. Er seufzte. "Herr Nokohama wird uns nichts mehr sagen, er ist ... fort."
"Als Okii anfing zu schreien, da wurde das, womit Nokohama sich gerade beschäftigte, zu einer Lüge. Nokohama glaubt jetzt, dass er gelogen hat und dass Okii unschuldig ist. Dann kam euer Befehl zu schweigen und den befolgte er ebenfalls."
"Das Ehrgefühl von Nokohama ist sehr stark. Er dachte, dass er durch seine Aussage, die jetzt ja eine Lüge war, seinem Herrn geschadet hat. Das Geschrei und die Aufregung um ihn herum taten ihr übriges, um eine verhängnisvolle Kettenreaktion in seinem Geist in Gang zu setzen. Es ist so ähnlich, wie wenn einem eine neue Erkenntnis aufgeht, aber da es kein Bewusstsein gibt, welches den Vorgang steuert, stösst jede dieser Erkenntnisse die nächste an und nun wird sein ganzer Geist durcheinandergewürfelt."
"Damit ist der letzte Beweis für die Schuld Herrn Okiis vernichtet. Es tut mir Leid, Herr Nokohama, dass ich euch das angetan habe."
Pau verneigte sich vor dem lebenden Schreiber mit dem toten Geist. "Ich bitte um die Erlaubnis, ihn zu erlösen", bat Pau den Shogun leise.
Der Shogun schwieg einen Moment. "Wenn ich ruhig geblieben wäre, wäre Nokohama dann noch zu retten gewesen?"
Pau zuckte mit den Schultern. "Vielleicht. Es ist nicht mehr zu ändern."
Nachdenklich blickte der Shogun auf den regungslosen Körper des Schreibers. "Ich übernehme die Verantwortung für diesen Vorfall", erklärte der Shogun dann, "Herr Nokohama, ihr habt dem Reich einen grossen Dienst erwiesen. Ich danke euch. Bruder Pau, ich bitte euch, Herrn Nokohama zu erlösen."
"Euer Mitgefühl ehrt euch", dankte ihm Pau und griff nach seiner Waffe.
Panik ergriff die Abordnung von Fürst Noriyuki, die als einzige wussten, was jetzt kommen würde.
Wieder erschien das Schwert in der Hand Paus, als er sie hinter den Kopf hielt und wieder füllte seine Monströsität ihren Geist. Diesmal war es aber sehr schwach und vergleichsweise leicht zu ertragen. Mit einer gewissen Genugtuung sah Usagi die entsetzten Gesichter den Delegation von Fürst Hikiji. Nur der Shogun schien sich einigermassen im Griff zu haben.
Die Klinge leuchtete in ihren hellen, kalten, blauen Licht, als Pau sie sachte in den Körper von Nokohama schob. Sie schien ohne Widerstand in den leblosen Körper einzudringen. Dann begann sich ein goldenes Leuchten um den Körper zu bilden und sie konnten spüren, wie Nokohamas Seele sich auflöste.
Dann nahm Pau seine Waffe wieder zurück und liess sie hinter seinem Kopf verschwinden. Usagi hatte den Vorgang noch nie so nahe gesehen. Sobald Pau losliess, verschwand die Waffe lautlos. Und ihre Wirkung liess sofort nach.
"Eine mächtige Waffe", sprach der Shogun sichtlich beeindruckt.
Regungslos antwortete Pau, "Wenn ich sie einsetzen muss, gibt es immer Anlass zur Trauer."
Die Delegation von Fürst Hikiji brauchte lange, bis sie sich erholt hatte. Blankes Entsetzen sprach aus ihren Augen und Bewegungen. Usagi hatte auf einmal Mitleid mit ihnen. Er selbst hatte die Waffe ja schon zweimal erlebt und an das erste Mal erinnerte er sich gar nicht mehr. Er wusste genau, wie furchtbar das Gefühl war, dass sie in einem erzeugte und dass man lange brauchte, sich davon zu erholen. Er bewunderte den Shogun, dass dieser sich so gut im Griff hatte.
"Für seine Verdienste wird Herr Nokohama ein ehrenvolles Begräbnis erhalten. Herr Okii wird, wie es das Gesetz vorschreibt, in sieben Tagen bei Morgengrauen hingerichtet", befahl der Shogun.
"Die Audienz ist beendet." Der Shogun erhob sich und alle verneigten sich. Dann ging er und liess sie zurück.
Auf dem Rückweg durch den Palast hielt die Delegation von Fürst Hikiji einen deutlichen Abstand zu Pau. Dieser beachtete es nicht. Die Mitglieder von Fürst Noriyukis Delegation waren insgeheim zufrieden damit, dass Hikiji einmal in Angst und Schrecken versetzt worden war. Nur Usagi machte sich Sorgen. Was wurde jetzt aus se
