Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 6: Freunde und Feinde

Der fünfte Teil der Geschichte


Jei in seinem alten Körper und die kleine Keiko
Quelle: FIXME Can't find reference "uy-book12", Seite 140

Der Oberpriester Sanshobo vor seinem Tempel
Quelle: FIXME Can't find reference "uy-book12", Seite 140
Neue Figuren: Keiko, das kleine Mädchen, das mit Jei umherzieht, Keiko und ihr Mann Neko (meine Erfindung), Prinzessin Takani (ihr Bild findet sich in Teil 4), der Zen-Priester Sanshobo.

Wahrheit

"Wir werden eurem Begleiter für die Nacht ein Zimmer zuweisen", schlug der Diener vor.

Pau lehnte ab. "Es ist besser, wenn Usagi uns zum Shogun begleitet, denn er würde ihn kurz nach mir rufen lassen. Auf diese Weise können wir dem Shogun unnötige Warterei ersparen."

Der Diener blinzelte überrascht und verneigte sich dann. "Bitte folgt mir."

Usagi war fast froh über den langen Weg, denn das gab ihm Zeit, sich etwas zu sammeln und seine Ruhe wiederzugewinnen. Inzwischen machte er sich keine Gedanken mehr darüber, woher Pau so genau gewusst hatte, wann der Shogun sie rufen würde. Statt dessen versuchte er sich so gut es ging, auf seine Aufgabe vorzubereiten. Leider hatte er keine Ahnung, welchen Zusammenhang es zwischen seiner Aufgabe und dem Wunsch des Shoguns geben könnte, sie zu sehen.

Als sie endlich angekommen waren, bat Pau Usagi zu warten, bis er gerufen wurde. Ein Diener brachte ihm einen bequemen Stuhl, damit er nicht stehen musste. Er musste nicht lange warten, da öffnete sich die Tür zu dem Zimmer, in dem Pau verschwunden war. Eine ganze Reihe von Leuten mit steinernen Mienen verliess den Raum, darunter auch viele Samurais. Ein Diener kam zu Usagi und bat ihn hinein. Usagi konnte sich gerade noch beherrschen und sein Grinsen unterdrücken. Selbst hier trat alles so ein, wie Pau es wollte.

Er betrat den Raum und kniete vor dem Shogun nieder. "Setzt euch", bat dieser und wies auf einen Stuhl. Drei Stühle standen eng beieinander in der Mitte des Raumes. Auf einem sass Pau und auf einem anderen der Shogun. Usagi setzte sich etwas unbehaglich auf den dritten. Er sass so nahe am Shogun, er hätte nur den Arm ausstrecken müssen, um ihn zu berühren.

"Ich habe nun alle eure Forderungen erfüllt. Kommt nun bitte zur Sache, denn meine Geduld neigt sich dem Ende zu", forderte der Shogun.

Pau nickte und wandte sich an eine der vier Wachen, die noch im Raum waren. "Ich weiss, dass ihr Lippenlesen könnt. Ich möchte euch raten, euer Talent zu zügeln. Solltet ihr dennoch versuchen zu erfahren, was wir hier reden, werde ich euch töten müssen."

"Was soll das? Sie werden sowieso jedes Wort hören, das wir sprechen!" ärgerte sich der Shogun.

Pau setzte sich bequem hin und konzentrierte sich kurz. Die Welt wurde ganz still. "Nein", widersprach Pau. "jetzt nicht mehr."

"Nun könnt ihr fragen", gestattete Pau.

"Warum ist er hier?" Der Shogun wies auf Usagi

"Er möchte mein Schüler werden und muss dazu bestimmte Aufgaben erfüllen. Dieses Gespräch hier ist Teil einer Aufgabe", antwortete Pau.

Damit wurde Usagi für den Shogun zu einer unbedeutenden Nebenperson. Er beachtete ihn nicht mehr und richtete seine Aufmerksamkeit ganz auf Pau Tai.

"Nun, das war ja ein wunderbares Schauspiel, das ihr da heute für uns aufgeführt hat. Ich würde nur gerne eure Beweggründe kennenlernen."

Pau schüttelte den Kopf. "In Wirklichkeit interessiert euch viel mehr, ob ich für euch eine Gefahr darstelle oder ob ich ein Verbündeter sein könnte. Ich denke, ich erkläre euch die Situation wie ich sie sehe und dann können wir über diese Frage reden."

"Wie ihr bereits wisst, ist Herr Okii tatsächlich unschuldig", eröffnete Pau und Usagi traute seinen Ohren nicht.

"Allerdings unterliegt er teilweise der Kontrolle von Fürst Hikiji. Idealerweise hätte ich Hikiji selbst eliminieren müssen, aber es steht kein Ersatz für ihn zur Verfügung. Daher beschneide ich seine Macht soweit, dass er immer noch eine Bedrohung für das Reich ist, aber keine Gefahr mehr."

"Auf diese Weise ist die Stabilität des Reiches gesichert. Durch die neuen Allianzen zwischen den Fürsten um die Geishu-Provinz habe ich einen zweiten Kern der Stabilität geschaffen, der ausreichen sollte, die Ränke von Hikiji im Schach zu halten. Durch die ständige Bedrohung von Hikiji wird das Reich wachsam bleiben und nicht in Degeneration verfallen. Auf der anderen Seite ist Hikiji mit dieser Opposition nicht mehr in der Lage die Kontrolle an sich zu reissen und das Land ins Chaos zu stürzen."

"Ihr habt das von Anfang an geplant", kam es schwach von Usagi. "Alles. Die Anschläge auf Noriyuki, den Angriff von Lord Tenekka, die Reise nach Edo, dies hier." Ein gigantischer, monströser Plan breitete sich vor ihm aus. Tausende von Schicksalen an feinen Fäden von Pau gezogen. Die kleinen Intrigen, die Hikiji plante, waren ein Nichts gegen das, was Usagi gerade entdeckt hatte.

"So ist es", bestätigte Pau.

"Warum?" fragte Usagi fassungslos.

"Die Stabilität einer jungen Zivilisation auf dieser Stufe hängt sehr stark von der Qualität ihrer Feinde ab. So wie ein Schwertkämpfer durch ständige Angriffe ebenfalls wachsam bleibt und besser wird, so wächst auch ein Reich. Die hier vorliegende Zivilisation hat noch nicht die notwendige innere Reife, um ohne solche Feinde wachsen zu können."

"Sollte Fürst Hikiji sterben, würde eine kurze Phase der Blüte und des Wohlstandes folgen. Aber weil die Lebewesen, die diese Kultur ausmachen, noch nicht richtig damit umgehen können, würden sie an dem ungewohnten Luxus zugrunde gehen. Die Kultur würde ein grosses Stück zurückgeworfen."

"Eine ähnliche Überlegung gilt, sollte Fürst Noriyuki sterben. In diesem Fall wird Fürst Hikiji schnell die Oberhand gewinnen und die Macht im Reich an sich reissen. Er hat zwar die meisten wichtigen Eigenschaften eines Herrschers, aber es mangelt ihm an der notwendigen geistigen Stabilität. Er würde früher oder später an Verfolgungswahn leiden und das Reich würde ebenfalls untergehen."

"Daher ist es im Moment ungeheuer wichtig, dass die Balance zwischen den beiden Fürsten gewahrt bleibt. Auf diese Weise hat das Reich den notwendigen Feind, an dem die Bevölkerung wachsen kann. Und die zwei stabilen Zentren garantieren langsam wachsenden Wohlstand, der der Bevölkerung überhaupt die Möglichkeit gibt, Zeit auf spirituelles Wachstum zu verwenden."

Usagi und der Shogun starrten Pau entgeistert an. "Glaubt ihr an das, von dem ihr sprecht?" wollte der Shogun am Schluss ungläubig wissen.

"Ich weiss, dass es so ist", antwortete Pau ruhig, "und ihr eigentlich auch. Nur hat euch das bisher noch nie jemand so deutlich gesagt."

"Ein Beispiel. Heute morgen haben Usagi und ich im Gasthaus "Lachender Sushi" gespeist. Ich habe 80 Ryo bezahlt. Diese Geld erlaubte dem Wirt, eine Rechnung einen Tag früher zu bezahlen, als er eigentlich geplant hatte. Das Geld wird noch durch einige Hände gehen und am Schluss wird ein Bauer einen Monat früher sein Geld erhalten, weil er es gleich mitnehmen kann, statt erst wenn er das nächste mal auf den Markt geht. Sein Kind wird krank werden. Da er das Geld hat, wird er den Arzt und die Medikamente bezahlen können und das Kind wird leben. Das Kind ist der Urahn einer Reihe von Personen, die in etwa 400 Jahren etwas gründen werden, dass man Konzern nennt. Ungefähr 15 Millionen Menschen werden in diesem Konzern arbeiten. Er wird einen bedeutenden Einfluss auf die Zukunft dieser Welt haben."

"Ihr habt das gewusst?" fragte Usagi.

Pau nickte. "Alles, was ich tue, hat einen tieferen Sinn. Major Xan hat aufmerksam zugehört, als ich Dich auf die verschiedenen Kunstwerke im Palast hingewiesen habe. Ich habe eines erwähnt, in dem er bisher keine besondere Bedeutung gesehen hat. Das hat sich heute geändert. In ferner Zukunft wird ein Dichter dieses Kunstwerk sehen können, weil es an einen anderen Platz gestellt werden wird und so einer Feuersbrunst entkommt, die weite Teile des Palastes zerstören wird. Der Dichter wird daraufhin bedeutende Werke erstellen, die für viele Menschen sehr wichtig sein werden."

"Und was ist heute wirklich geschehen?"

"Vor ein paar Wochen habe ich aus Herrn Okiis Räumen das Dokument entwendet, das ich heute präsentiert habe. Ich löschte den Text und ersetzte ihn durch den bekannten. Dann gab ich das Dokument einem der Ninjas mit, die das Attentat auf Fürst Noriyuki ausführten. Ich verwendete ein spezielles Gift, welches den Körper stark schwächt, aber nicht tödlich ist. Noriyuki hätte sich nach ein paar Tagen von alleine wieder erholt."

"Fürst Tenekka wurde über Umwege von dem Attentat informiert. Nach dem erfolgreichen Attentat gab einer der Ninjas Fürst Tenekka das verabredete Zeichen und er kam in die Burg, um den Stellvertreter von Noriyuki unter Druck zu setzen, sich mit ihm zu verbünden. Damit hätte er in die Südspitze von Japan kontrolliert und die Lords dort einen nach dem anderen erledigen können."

"Leider traf er auf einen putzmunteren Fürst Noriyuki und musste seine Pläne ändern. Durch die ständigen Überraschungen, die ich für Fürst Tenekka bereithielt, verhinderte ich, dass er meine Pläne durchschauen konnte. Auf der Seite von Fürst Noriyuki war ich der grosse Held, dessen Beweggründe man vielleicht hinterfragen, aber nicht anzweifeln würde."

"Um den Anschein der Fehlbarkeit zu erhalten, schickte ich Kaneda mit einigen vertrauenswürdigen Leuten aus, die den Auftrag hatten Fürst Tenekka zu töten, sollte etwas schief gehen. Interessanterweise ist Fürst Noriyuki dieses Detail aufgefallen und er hat es korrekt gedeutet."

"Danach kam es zur Schlacht, die ich verhinderte, in dem ich alle in Angst und Schrecken versetzte. Das gab mir die Gelegenheit, Fürst Tenekka zu töten und mich der Dankbarkeit von allen Anwesenden zu versichern."

"Durch die gemeinsam verbrachten Tage stieg die Verbundenheit der Fürsten und wird sich in den nächsten Jahren weiter steigern. Auf diese Weise werden sie ein natürliches Gegengewicht zu Hikiji bilden."

"Der schwache Fürst Mono stand unter dem Einfluss von Hikiji und hätte von diesem als Keil benutzt werden können, um diese Konstellation aufzubrechen. Also musste auch er sterben. Der Nachfolger für Fürst Tenekka wird entweder Berater Nirai oder General Yamamoto sein. Beide sind geeignet, Berater Nirai kennt die Situation vor Ort besser und Yamamoto ist der erfahrenere Anführer. Idealerweise sollte Nirai Yamamoto beraten, aber Aufgrund der Clanzugehörigkeit der beiden wird das wohl nicht zu machen sein."

"Für meinen Auftritt heute, hatte Herr Okii bereits alles selbst vorbereitet. Seine Fingerabdrücke waren auf dem Brief, sein Schreiber war ein oft gesehener Kunde beim Fälscher Rameka und er hatte Rameka inzwischen beseitigen lassen, weil dieser versucht hatte, ihn zu erpressen. Das nahm mir die lästige Arbeit ab, unnötige Beweise selbst zu beseitigen."

"Der Schreiber Nokohama schliesslich hatte keine Ahnung, was ihn erwartete. Als er sich fallen liess und ich ihn berührte, löschte ich seinen Geist aus und danach sprach ich quasi mit mir selbst. Ich setzte Okii so lange zu, bis er die Beherrschung verlor und ich konnte so den letzten Beweis für seine Unschuld beseitigen. Während wir hier sprechen, hat Okii eine Wache bestochen und Seppuku begangen. In wenigen Augenblicken wird ein Diener hereingestürmt kommen und euch diese Nachricht überbringen."

Die Geräusche kehrten zurück und kurz darauf wurde an die Tür geklopft. Mit steinerner Miene liess der Shogun bitten. Ein Diener trat ein und teilte mit, dass Herr Okii sich auf unerfindlichen Wegen eine Waffe besorgt und Seppuku begangen hatte. Der Shogun nickte und der Diener zog sich wieder zurück. Mit seinem Verschwinden wurde es auch wieder ruhig.

Usagi schüttelte sich. Er fasste es einfach nicht. Pau hatte das alles geplant. Nichts von dem war Zufall gewesen. Meisterhaft hatte er seine Fäden gezogen und sie hatten geglaubt, es wäre ihr eigener Wille gewesen.

"Welche Pläne habt ihr mit mir?" fragte der Shogun ruhig.

"Ich werdet für den notwendigen Ausgleich zwischen den Fürsten sorgen. Da ihr eure Freunde und Feinde gut kennt und jetzt auch wisst, wie diese Situation entstanden ist, seid ihr in der Lage dem Reich die notwendige Ruhe und Stabilität bis zu eurem Tod in etwa 17 Jahren zu geben. Im Moment bin ich dabei, geeignete Nachfolger für euch auszuwählen."

"So wie ihr mich ausgewählt habt?"

Pau nickte. Seelenruhig zählte er die potentiellen Kandidaten von damals auf, sowie ihre Vor- und Nachteile. Wer welche Verbündeten gehabt hätte, wie er ungeeignete Kandidaten aus dem Weg geräumt oder auf andere Art und Weise dafür gesorgt hatte, dass sie nicht an die Macht kommen würden.

"Fürst Hikiji war in dem Prozess sehr hilfreich. In gewisser Weise verdankt ihr es ihm, dass ihr heute Shogun seid, denn er hat viele eurer Konkurrenten auf seine Seite gezogen oder beseitigen lassen, weil ich ihn im Glauben gelassen habe, er hätte eine Aussicht auf Erfolg."

Er lächelte Dünn. "Bedauerlicherweise waren sich alle anderen darüber einig, dass Hikiji auf keinen Fall Shogun werden durfte, und daran scheiterte er schliesslich, ohne dass ich eingreifen musste."

Damit beendete Pau seinen Bericht und wartete ruhig auf Fragen des Shoguns.

"Ihr wisst Dinge, die nur jemand wissen kann, der dabei war", sagte der Shogun nach einer Weile. "Natürlich habe ich die Berichte von Major Xan und aus ... anderen Quellen über euch studiert. Wie es scheint, kann ich nichts tun ausser euren Worten zu glauben."

"Ihr könnt einiges tun, aber nichts, was mir wirklich schaden könnte", antwortete Pau einfach. Dann grinste er fast. "Natürlich würde ich das Gleiche sagen, wenn ihr mir schaden könntet."

"Nun gut. Ich muss über eure Worte nachdenken. Ihr seid entlassen", entschied der Shogun.

Die Geräusche kehrten zurück. Pau erhob sich und verneigte sich vor dem Shogun und Usagi folgte betäubt seinem Beispiel. Ein Diener führte sie durch den Palast zu ihren Gemächern.

Es war ein langer und sehr anstrengender Tag gewesen. Ohne sich auszuziehen, sank Usagi auf sein Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken. Hinter seiner Stirn tobten die Gedanken und Gefühle. Blicklos starrte er an die Decke.

Pau hatte eine weitere Facette seiner schrecklichen, grenzenlosen Macht gezeigt. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Tausende von Soldaten durch Angst an ihren Platz bannen. Sein Körper barg ungeheure Kräfte und er manipulierte ganze Dynastien.

Usagi konnte sich gar nicht vorstellen, was so jemand denken oder fühlen würde. Konnte Pau überhaupt so etwas wie menschliche Gefühle empfinden? Wäre das ein Vorteil? Oder ein Nachteil?

Ihm wurde klar, dass er mit jemanden reden musste, oder er würde platzen. Aber mit wem? Ein Pferd verlangen und zu Tomoe reiten?

Er war schon halb aus dem Bett, als er stöhnend zurücksank. Seine zweite Aufgabe! Was hätte er ihr sagen sollen? "Hallo, Pau hat uns alle manipuliert. Er steht hinter den Anschlägen auf Noriyuki und ausserdem schützt er Hikiji."

Wem konnte er ein solches Wissen anvertrauen? Sollte er um eine Audienz beim Shogun bitten? Er war der einzige, mit dem er hätte reden können, denn sie teilten das gleiche Wissen. Ob der Shogun auch so darunter litt, wie er selbst? Aber der Gedanke, der Shogun würde ihn empfangen, war völlig lächerlich. Ausserdem war es wohl gefährlich, denn Pau hatte sicher nicht umsonst einen so hohen Aufwand getrieben, dass keines ihrer Worte nach aussen dringen konnte. So etwas konnte Usagi natürlich nicht.

Wie ein gefangenes Tier begann Usagi im Raum auf und ab zu laufen. Im Geiste ging er alle Personen durch, mit denen er hätte sprechen können. 'Noriyuki? Meine Freunde mit diesem entsetzlichen Wissen belasten? Hikiji? Lächerlich. Auch keiner seiner Berater kommt in Frage, sie wären mit ihrem Wissen sofort zu Hikiji gelaufen. Konuri hätte mich vielleicht verstanden, aber der ist weit fort.'

Er sass in der Falle. Gefangener seiner eigenen Ehre und seiner Gedanken. Auf der ganzen Welt gab es nur eine Person, mit der er hätte reden können und gerade mit dieser wollte er auf keinen Fall reden.

Pau.

Die zweite Aufgabe

Usagi setzte sich auf sein Bett und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Pau hatte ihn einmal mehr in die Enge getrieben, ohne dass er etwas gemerkt hatte. Vermutlich hatte seine zweite Aufgabe nur den Sinn gehabt, ihn abzulenken, damit Pau in aller Ruhe seine Falle aufbauen konnte.

Kenichi hätte jetzt eine Wahl gehabt, aber Usagi nicht. Usagi konnte nicht zurück, immer nur weiter. Weiter von Tomoe fort, weiter zu Pau hin. Er seufzte und gab seinen sinnlosen Widerstand auf.

Als er den Kopf hob, stand Pau neben ihm. "Ist es immer so schlimm?" fragte er leise.

Pau schüttelte den Kopf. "Die meisten wehren sich dagegen. Sie verlängern ihr Leiden so unnötig um Jahre und manchmal um Jahrzehnte."

Der Palast verschwand und sie standen wieder im Park in der Station. Pau liess die Kiste erscheinen und abwesend legte Usagi seine Schwerter hinein.

Sie gingen ein Stück und setzten sich unter den Baum, unter dem Usagi Tomoe seine Liebe geschenkt hatte. "Empfindet ihr irgendetwas?" eröffnete Usagi das Gespräch.

"Nicht in eurem Sinn", antwortete Pau. "Ich verstehe Gefühle und kann so tun, als würde ich selbst Gefühle besitzen, aber in Wirklichkeit täusche ich sie nur vor. Für mich sind Gefühle nur ein weiteres Mittel, um etwas zu erreichen."

"Warum seid ihr hier?"

"Wegen euch."

"Nein, ich meinte, warum macht ihr das? Warum manipuliert ihr all diese Leute? Den Shogun, Hikiji, Noriyuki", präzisierte Usagi.

"Wegen euch."

"Dann stimmt das, was Tomoe gesagt hat?" fragte Usagi mit belegter Stimme weiter.

Pau nickte. "Ihr besitzt alle notwendigen Qualitäten, die ein Priester der Gottheit Ookaa'h haben muss."

"Ihr sprecht nicht leichtfertig eine Lüge oder eine Wahrheit aus", zählte Pau auf, "Macht und Reichtum sind für euch zwar notwendig, aber nicht erstrebenswert. Ihr achtet die Wünsche und Gefühle anderer und setzt euren eigenen Willen nicht ohne weiteres über sie. Ihr seid offen für Neues und Altes."

"Aber ihr seid noch nicht in der Lage zu entscheiden, ob der Weg des Priesters für euch gangbar ist. Aus diesem Grund kam ich. Ich versuche euch so viel eurer Menschlichkeit zu nehmen, dass ihr sehen könnt, wie es wäre so zu sein, ohne dadurch euer weiteres Leben vorwegzunehmen."

"Dann diente meine zweite Aufgabe wirklich nur dazu, mich von dem abzulenken, was ihr tatet."

"Ich glaube", meinte Pau leicht amüsiert, "dass ich gar nicht mehr in der Lage wäre etwas so einfaches zu planen und durchzuführen. Ihr seid die Person, die am längsten mit mir zu tun hatte. Der Shogun hat euch genau beobachtet, während wir gesprochen haben. Hättet ihr meine Aussagen offen abgelehnt, so wäre er eurem Beispiel gefolgt."

"So aber sah er, wie ihr entsetzt über das wart, was ihr gehört habt, aber ihr habt nicht das abgelehnt, was ich tat. Eure Ablehnung richtete sich nur auf den Missbrauch, den ich in euren Augen mit meiner Macht trieb. Der Shogun ist sich dieses Unterschieds wohl bewusst. Vieles von dem, was er oder auch Fürst Noriyuki als Herrscher tun müssen, erscheint dem unvorbereiteten Beobachter grausam, unmenschlich oder abartig."

"Jemanden zu töten kann Mord, Notwehr oder Gerechtigkeit bedeuten. Wenn jemand euch zu töten versucht, dann ist das für euch Mord. Wenn ihr in dann tötet, ist es Notwehr und wenn der Henker die Tat für euch ausführt, dann ist es für euch Gerechtigkeit. Für den Anderen kann der Mord an euch Gerechtigkeit sein."

Usagi nickte. Das verstand er.

"Ein Fürst macht sehr ähnliche Dinge, aber auf einer höheren Ebene. Er bedient sich der Täuschung, um zwei verfeindete Fürsten ruhig zu halten oder jemanden dazu zu bringen, ihn zu unterstützen, um das Reich zu sichern. Es ist eine Lüge, aber sie kann Leben retten."

"Eure Ablehnung gegen diese Dinge ist gut und sinnvoll, denn es bedarf einer sorgfältigen Ausbildung oder eines besonderen Geistes, um diese Dinge zu tun, ohne unermesslichen Schaden anzurichten. An sich selbst und an Anderen."

"Fürst Hikiji", warf Usagi ein.

"Richtig. Er ist zwar in der Lage alles zu tun, was ein Shogun können muss, aber er vertraut niemandem. Daher muss er alle Entscheidungen selbst treffen und immer kontrollieren, was seine Untergeben tun. Sollte seine Macht noch ein klein wenig wachsen, so wäre er überfordert. Natürlich würde er die Fehler, die er dann macht, als Verrat von Anderen an ihm sehen. Ein Teufelskreis wäre in Gang gesetzt, der ihn immer mehr Feinde sehen lässt, wo eigentlich keine Gefahr besteht. Das würde das Reich am Ende in den Untergang führen."

"Was ich aber immer noch nicht verstehe, ist warum das gleiche passieren würde, wenn Hikiji stirbt."

"Das Reich muss im Moment eine gewisse Menge an Ressourcen darauf verwenden, Hikiji im Schach zu halten. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Leute und Herrscher misstrauisch beobachten, was Hikiji tut. Wenn dieser innere Feind fehlen würde, wären diese Ressourcen frei für etwas anderes. Zudem würde einiges frei, was Hikiji für die Umsetzung seiner Pläne aufwenden muss, zum Beispiel für die Ausbildung der Ninjas, die Du ja so zahlreich dezimierst."

"Das an sich wäre gut. Ein Teil davon würde natürlich wieder in kriminelle Aktivitäten fliessen, aber das ist auch gut so. Der Rest würde dazu dienen, den Wohlstand des Reiches zu vergrössern. Auch das ist an sich gut."

"Das Problem beginnt dann, wenn zu viele Personen zu viel Wohlstand bekommen und nicht genau wissen, was sie mit der nun freien Zeit anfangen sollen. Einige werden sich den schönen Künsten zuwenden und dergleichen. Aber viele werden einfach gelangweilt sein. Und Langeweile ist gefährlich, wie Du ja weisst."

"Man macht dann einfach irgendetwas, um nur überhaupt etwas zu tun", bestätigte Usagi. "Und häufig etwas, bei dem man sich hinterher fragt, wie man auf so etwas dummes kommen konnte."

Pau nickte. "In diesem Zustand scheint es nicht mehr notwendig zu sein, auf die Gefühle anderer Rücksicht zu nehmen, weil man ja nicht mehr so sehr von ihnen abhängig ist. Der Reichtum wird es schon richten. Diese Abwendung von realen und Hinwendung zu unnötigen, künstlich geschaffenen Problemen, führt dann zu einem Niedergang. Leider ist es so, dass dieser Niedergang sehr viel unauffälliger beginnt, weil ja am Anfang alle viel zufriedener sind, als sie es bisher waren."

"Durch den steigenden Wohlstand", dachte Usagi mit.

"Die kleinen Probleme, die man am Anfang sieht, scheinen dagegen wirklich unbedeutend zu sein. Alle Warnrufer scheinen nur Schwarzseher zu sein, denn geht es nicht allen gut? Leider beginnt dann ein verhängnisvoller Prozess, der in der Regel zu einem viel vollständigeren Zusammenbruch der Zivilisation führt, als die Schreckensherrschaft von jemandem wie Hikiji es jemals bewirken könnte."

"Die meisten Leute sind recht widerstandsfähig gegen Gewalt, Aggression und Terror. Wenn er aufhört, dann kehren sie schnell wieder zu ihrem alten Leben zurück. Man erinnert sich an die furchtbare Zeit, aber das Leben geht weiter. Ihr werdet das am eigenen Leib an den Soldaten erfahren, die ich in Todesangst versetzt habe. Die meisten sind inzwischen schon darüber hinweg und die Schlacht liegt ja erst vier Wochen zurück."

"Aber Reichtum und Dekadenz werden von der Leuten mit offenen Armen empfangen. Wenn diese Zeit aufhört, dann sind die Leute unglücklich und fordern den Luxus zurück, der ihnen jetzt von irgendjemand vorenthalten wird. Plötzlich ist nicht einer das Ziel des Hasses, sondern alle, die mehr haben."

"Und auf diese Weise würde eine Übermacht der "guten" Fürsten das Reich genauso sicher vernichten, wie Hikiji", vollzog Usagi den Gedanken nach.

"Nicht ganz. Es ist ja im Moment auch so, dass die "Guten" die Übermacht haben. Hikiji kann sich jetzt nicht mehr durchsetzen. Es ist tatsächlich die Existenz oder das Fehlen von Hikiji, welche das Ganze im Gleichgewicht hält."

"Nach seinem Tod würde ein schwächerer Ränkeschmied ihm nachfolgen und das Gleichgewicht wäre so stark gestört, dass die "Guten" beschnitten werden müssten, um es zu erhalten. Fürst Noriyuki ist intelligent genug, um diese Gedanken nachvollziehen zu können, und er besitzt genug Integrität dem Reich gegenüber, um seine Provinz dem Wohl aller zu opfern."

"Und sein Leben", fügte Usagi nachdenklich hinzu.

"Wie schon Fürst Mifune zu Dir gesagt hat, ist die Verpflichtung eines Fürsten seinen Untertanen gegenüber viel schwerwiegender, als die Verpflichtung der Untertanen zu ihrem Fürsten. Noriyuki versteht das. Wenn so viel auf dem Spiel stünde, dann würde er sein Leben als geringen Preis ansehen."

Eine Weile sassen sie schweigend unter dem Baum. Dann fuhr Pau fort.

"Du solltest Dich Deines Ekels vor dem, was ich tue, nicht schämen. Er ist wichtig für Dich. Du besitzt weder die Ausbildung, noch das Wissen, um so etwas zu tun. Daher schützt Deine Ablehnung Dich und andere vor Schaden. Du musst Dir nur klar machen, dass Du das ablehnst, was ich tue und nicht mich selbst."

Usagi musste ihm recht geben. Pau hatte alles sehr sorgfältig vorbereitet. Es hatte nur sehr wenige Tote gegeben, er hatte ihre Gefühle und Wünsche weitgehend geachtet und eigentlich gab es wirklich keinen Grund sich zu beklagen. Nur die abstossende Art und Weise, wie er seine Ziele erreicht hatte, lehnte Usagi ab. Und das war gut so.

Usagi hing noch eine kurze Zeit seinen Gedanken nach, dann war er endlich ruhig genug, um schlafen zu können. Pau brachte ihn zum Palast zurück und Usagi zog sich müde aus. Kaum dass er ins Bett gekrochen war, schlief er auch schon ein.

Keine Alpträume hatten ihn in der Nacht heimgesucht und am Morgen war er, trotz der Anstrengungen des gestrigen Tages und der kurzen Nacht, erholt. Ruhig kleidete er sich an, nachdem ein Diener ihn geweckt hatte.

Er traf Pau beim Frühstück. Höflich erkundigte sich Pau, ob er gut geschlafen habe und Usagi bedankte sich. "Und ihr?" fragte er zurück.

"Ich benötige schon seit langer Zeit keinen Schlaf mehr", grinste Pau zurück. Usagi lachte auf.

Eine unbekannte Ruhe erfüllte Usagi. Er wurde sich bewusst, dass er seine zweite Aufgabe, was auch immer sie gewesen sein mag, erfüllt hatte.

Und dass er kein Interesse an der dritten mehr hatte. Seine innere Unruhe, die ihn so lange getrieben hatte, schwieg zum ersten Mal in seinem Leben. Er war frei. Endlich.

Dafür dankte er Pau. Pau hob seine Trinkschale. "Auf Deine Zukunft", prostete er Usagi zu.

Usagi nickte. "Auf meine Zukunft", und trank.

Liebe

Später am Nachmittag rief der Shogun sie erneut. Pau hatte Usagi am Morgen weitere Teile des Palastes gezeigt. Usagi hatte bedeutende Kunstwerke kennengelernt und ihre Schönheit bewundert. Die neu gewonnene Ruhe half ihm, den spirituellen Wert, den sie hatten, zu sehen und für sich zu gewinnen.

Diener führten sie zur Audienz. Unterwegs trafen sie auf die Delegationen von Fürst Hikiji und Fürst Noriyuki. Höflich nickte Usagi Herrn Hebi zu, der gar nicht wusste, wie er reagieren sollte. Früher hätte Usagi das als Triumph gefeiert, aber heute schien es bedeutungslos. Mit seinem Hass hatte ihn auch die Macht verlassen, die Hikiji über ihn hatte.

Lächelnd begrüsste er Fürst Noriyuki, der ihn seltsam ansah, bevor er den Gruss erwiderte. Neben Tomoe ging er mit. Die ganze Welt verblasste in ihrer Nähe und seine Liebe zu ihr erfüllte ihn.

Sie erreichten das Audienzzimmer und Diener führten jeden an seinen Platz, nachdem sie den Shogun demütig begrüsst hatten.

"Bruder Pau Tai", begann der Shogun, "Das Shogunat hat die von euch vorgelegten Beweise sorgfältig geprüft und ist zu der Überzeugung gelangt, dass es tatsächlich Herr Okii war, der hinter den Anschlägen auf die beiden treuesten Diener des Reiches stand."

"Das Shogunat ist euch zu grossem Dank verpflichtet. Ausserdem nehmen wir zur Kenntnis und würdigen die grossen Bemühungen, die beide Fürsten unternommen haben, um uns bei der Aufklärung dieser Sache zu helfen."

"General Yamamoto, der unser volles Vertrauen besitzt, wird die Nachfolge von Fürst Tenekka antreten. Ausserdem haben wir entschieden, Nirai Hatakiro, den ehemaligen Berater des getöteten Fürsten Tenekka, zum Nachfolger von den Besitzungen von Fürst Mono zu ernennen. Den Fürsten Hirano und Fujitako dankt das Shogunat für ihre Unterstützung von Fürst Noriyuki in seinem Kampf gegen den Verräter Tenekka."

"Bruder Pau, für die grossen Verdienste, die ihr euch erworben habt, wünscht das Shogunat euch zu belohnen. Gibt es einen Wunsch, den wir euch erfüllen können?"

Pau verneigte sich. "Was ich tat, tat ich zum Wohle des Shogunats. Ich tat es weder für die Aussicht auf eine Belohnung noch wünsche ich eine solche", lehnte er demütig ab.

"Eure Integrität möge uns allen ein Vorbild sein. Die Audienz ist beendet", antwortete der Shogun und erhob sich. Alle verneigten sich, bis er den Raum verlassen hatte.

Auf dem Rückweg zu Geishu-Residenz in Edo erzählte Usagi Tomoe von den wunderbaren Werken, die er gesehen hatte. Tomoe wurde fast neidisch, dass Usagi sich fast einen Tag im Palast des Shoguns bewegt hatte, aber nur fast. Schliesslich hatte sie den grössten Schatz jetzt zurück. Usagi hatte sich verändert. Er strahlte jetzt eine Ruhe und Gelassenheit aus, die Tomoe fast mit den Händen greifen konnte.

Sie freute sich für ihn. Seltsamerweise schien er näher und gleichzeitig ferner von ihr zu sein. Natürlich hatte sie bemerkt, wie selbstsicher Usagi die Delegation von Fürst Hikiji gegrüsst hatte und wie unsicher deren Antwort gewesen war. Aber jetzt wollte sie nur seine Nähe geniessen, ohne darüber nachzudenken, was das bedeuten könnte.

Als sie in der Residenz ankamen, bat Usagi sie, kurz auf ihn zu warten und ging zu Fürst Noriyuki. Usagi sagte nur ganz kurz etwas zu ihm und sie konnte sehen, wie Noriyuki Usagi überrascht anblickte und dann nickte. Lächelnd kam Usagi zu ihr zurück und begleitete sie zu ihrem Zimmer, wo er sich von ihr verabschiedete.

Sie musste ziemlich entsetzt geschaut haben, denn er lachte: "Nur bis zum Abendessen!"

Etwas verwirrt ging Tomoe hinein, um sich umzuziehen. Zwei Dienerinnen kamen um ihr beim Waschen zu helfen. Auf Anweisung von Noriyuki lagen hübsche, frische Kleider bereit. Anscheinend würden sie zum Abendessen hohen Besuch erwarten.

Usagi ging währenddessen zu seinem Zimmer. Wie er erwartet hatte, war Pau bereits dort. Pau half ihm bei seinen Vorbereitungen. Usagi musste neidlos zugeben, dass Pau auch hier sein Handwerk verstand. Als Pau mit ihm fertig war, sah er wirklich gut aus. Pau hatte neue Kleidung anfertigen lassen und Usagi wäre jetzt fast als kleiner Fürst durchgegangen. Er lächelte bei der Vorstellung.

Gemeinsam gingen sie zu dem Zimmer, in dem Noriyuki sie mit Tomoe und den Anderen erwarteten.

Ruhig sass Tomoe neben Noriyuki und erwartete den Gast, der sie heute beim Abendessen besuchen würde. Noriyuki hatte sehr geheimnisvoll getan, als sie sich nach seinem Namen erkundigte. Dann öffnete ein Diener die Tür und kündigte Pau und Usagi an. Gemeinsam betraten die beiden den Raum.

Tomoe stockte fast der Atem. Usagi sah wundervoll aus. Sein weisses Fell strahlte und er hatte etwas an, dass Tomoe treffsicher als Stoff aus der Station identifizierte. Seine Ausstrahlung enthielt vielleicht noch mehr von der Ruhe und Gelassenheit, die sie schon am Nachmittag bei ihm bemerkt hatte.

Pau blieb zurück und setzte sich neben die Tür, während Usagi sich an den Platz vor Noriyuki begab. Formvollendet verbeugte sich Usagi vor dem Fürsten.

"Willkommen, Usagi, mein Freund", begrüsste ihn Noriyuki.

Ruhig und bestimmt antwortete Usagi. "Fürst Noriyuki, ich danke euch."

"Ich, Usagi Miyamoto, Samurai im Dienste des verstorbenen Fürsten Mifune, habe um diese Audienz bei euch gebeten, um um die Hand von Verwalterin Tomoe Ame anzuhalten, der Frau, die ich liebe."

Tomoe konnte kaum fassen, was sie da gerade gehört hatte. Konnte es wahr sein? Gefühle des höchsten Glücks durchströmten sie. Ja, es war wahr. Wie durch ein Meer aus Watte hörte sie die Antwort von ihrem Herrn.

"Mit Freuden gebe ich euch meinen Segen."

Tomoe lächelte und weinte vor Glück und Usagi strahlte noch mehr. Sie wollte aufstehen und ihm auf der Stelle in die Arme sinken, aber natürlich beherrschte sie sich.

Fürst Noriyuki lächelte glücklich. "Ich denke, wir Anderen setzen uns zu Tisch und ihr beide kommt einfach nach, sobald ihr soweit seid."

Noriyuki erhob sich und der ganze Hofstaat folgte ihm hinaus. Niemand nahm Anstoss daran, dass weder Usagi noch Tomoe sie zu bemerken schienen und sich nicht dem Protokoll gerecht verneigten. Jeder freute sich über das Stück Glück, das er hatte erleben dürfen. Pau setzte sich draussen vor die Tür und bewachte die beiden.

Im Inneren stand Usagi auf und schloss seine Tomoe in die Arme. Innig küssten sie sich und endlich waren beide glücklich vereint.

Sie erschienen nicht zum Abendessen oder zum Frühstück. Gerüchte machten die Runde, wonach ein eng umschlungenes Pärchen auf dem Nordturm des Anwesens, von dem aus man einen wunderbaren Blick über das nächtliche Edo hatte, gesehen worden war, aber die Soldaten, die dort Wache geschoben hatten, schworen, dass sie niemanden gesehen hatten.

Beim Mittagessen war das grosse Gesprächsthema die Heirat der beiden. Natürlich wäre eine Heirat in Edo möglich gewesen, aber Usagi lehnte das ab.

"Ich möchte an einem Ort heiraten", sagte er, "wo ich mich wohl fühle und wo ich unter Freunden bin. Edo ist so ... unpersönlich."

So wurde beschlossen, in fünf Monaten, in der Burg Weissreiher zu heiraten. Das würde Tomoe auch noch etwas Zeit geben, ihren Nachfolger einzuweisen.

Was sie nach der Heirat machen wollten, wussten die beiden noch nicht. Im Moment, so lachten sie, würden sie ganz andere Gedanken bewegen.

So ging die Zeit in Edo ihrem Ende zu und Fürst Noriyuki brach im tiefsten Winter auf, um in seine Provinz zurückzukehren.

Leid

Draussen vor der Stadt bat Pau Usagi und Tomoe zu sich und gemeinsam schlossen sie zu Fürst Noriyuki auf. "Ich muss euch leider noch einmal verlassen, Fürst Noriyuki", begann Pau.

"Ihr werdet den Weg nicht zusammen mit uns machen?" erkundigte sich Noriyuki überrascht.

"Das ist nicht notwendig. Ihr könnt alle Gefahren, die auf dem Weg liegen, selbst meistern. Auf mich warten noch einige Kleinigkeiten, die bis zur Hochzeit erledigt werden sollten."

"Bei jedem anderen hätte ich viel Glück gewünscht oder euch ermahnt, vorsichtig zu sein", verabschiedete sich der Fürst von Pau. "Versprecht ihr mir, dass die Hochzeit der beiden in fünf Monaten stattfindet?"

"Ja, Fürst Noriyuki. Ihr werdet keine unliebsamen Überraschungen erleben", versprach Pau.

Noriyuki danke ihm und lenkte sein Pferd voran. Pau ritt auf seinem grossen, schwarzen Ross davon.

Drei Monate später tauchte er unerwartet in Burg Weissreiher wieder auf. Der Frühling zeigte seine ersten Spuren und Usagi begrüsste seinen Freund gutgelaunt im Hof der Burg.

"Nun, wie fühlt ihr euch?" fragte Pau.

"Gut", lächelte Usagi.

"Keine Angst um eure Freiheit?"

Usagi musste laut lachen. "Sicher nicht!"

Kurze Zeit später kam ein Diener, der sie zu Fürst Noriyuki führte. Wie schon Usagi, begrüsste der Fürst den unscheinbaren Priester herzlich.

"Nun, wie ist es euch ergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?"

"Gut, ich habe einige Dinge für die bevorstehende Hochzeit vorbereitet", antwortete Pau geheimnisvoll.

"Ich nehme an, das soll eine Überraschung werden?" erkundigte sich der Fürst.

Pau nickte. "Lady Tomoe und Usagi werden ihre Freude daran haben, bei euch ... nun, wir werden sehen", lächelte er schelmisch.

"Da habe ich ja schon etwas, auf dass ich mich freuen kann", gab der Fürst trocken zurück.

"Es ist sicher besser, es mit Humor zu sehen", lachte Pau offen. Er zog ein gefaltetes Dokument hervor und gab es einem Diener, der es dem Füsten brachte.

"Hier sind einige Dinge, um die ich euch für die Hochzeit bitte", erklärte Pau.

Noriyuki entfaltete das Dokument und las einen Moment darin. "Ich verstehe ...", sagte er dann gedehnt. Geschickt hielt er den Brief so, dass Tomoe ihn nicht lesen konnte.

Als er es ganz gelesen hatte, nickte er. "Ich denke, das wird sich alles machen lassen."

"Ich danke euch, Fürst Noriyuki", verbeugte sich Pau. "Ich möchte noch etwas in der Stadt vorbereiten und würde heute Abend in die Burg zurückkehren."

"Natürlich", gab der Fürst sein Einverständnis und verabschiedete den Priester.

Auf dem Weg nach draussen erkundigte sich Pau nach den Fortschritten, die die Schüler machten, die Meister Katsuichi ihm anvertraut hatte. Usagi hatte sich in den letzte Wochen um sie gekümmert und es gefiel ihm sichtlich.

"Wer weiss", dachte Usagi laut, "vielleicht werde ich einst selbst Schüler ausbilden."

"Warum nicht? Wenn es euch gefällt", antwortete Pau mit einem seltsamen Blick.

"Gehen wir doch gemeinsam in die Stadt", schlug Usagi vor.

Pau schüttelte den Kopf. "Dann wäre es ja keine Überraschung mehr", lehnte er lächelnd ab.

"Ah", machte Usagi und sah dem Freund nach, wie er in den Strassen der Stadt verschwand.

Pau ging wieder einige Dinge kaufen und besuchte dann die Handwerker, die er beauftragt hatte, das alte Haus zu renovieren, welches er letztes Jahr erworben hatte. Zusammen besichtigten sie die Arbeiten und Pau äusserte noch einige letzte Wünsche. Sichtlich zufrieden trennten sich die verschiedenen Parteien.

Am Abend kehrte Pau dann in die Burg zurück. Er kam gerade rechtzeitig zum Abendessen, das sie alle zusammen einnahmen. Nachdem sie gegessen hatten und in lockerer Runde in einem Garten der Burg zusammensassen, kam Pau darauf zu sprechen, warum er hier war.

"Ich habe alles erledigt, was ich alleine tun kann. Nun benötige ich die Hilfe von Tomoe und Usagi. Ich möchte euch beide bitten, mich für zwei Monate zu begleiten."

Tomoe protestierte. "Wie soll ich dann Major Nega zu meinem Nachfolger ausbilden?"

Pau lächelte. "Ich denke, ihr beide werdet nach der Heirat noch eine Weile in der Hauptstadt der Geishu-Provinz bleiben", prophezeite er geheimnisvoll.

"Manipuliert ihr schon wieder unser Schicksal?" fragte Usagi freundlich.

"Nun", amüsierte sich Pau, "ich würde eher sagen, dass ich euch eine Alternative bieten wollte, die ihr schwerlich ausschlagen können würdet."

"Ah", foppte Tomoe ihn, "dann ist es ja gut."

"Ich zwinge euch nicht", verteidigte sich Pau. "Ich biete euch nur an, eure Ehe noch etwas glücklicher zu machen."

"Also sanfter Zwang", übersetzte Usagi. "Natürlich wären die Nachteile für uns entsetzlich, aber wir können uns frei entscheiden."

"So ist es", nickte Pau.

"Tja", sagte Usagi, "Dann schätze ich, werden wir uns freiwillig", er betonte das Wort auffällig, "entscheiden mit euch zu kommen."

Am nächsten Morgen beim Frühstück diskutierten sie noch einige Details. Trotz ihres Protestes fühlte sich Tomoe nicht sehr unwohl, Fürst Noriyuki in den fähigen Händen von Major Nega zurückzulassen. Und alleine wollte sie Usagi auch nicht mehr umherziehen lassen.

Am späten Morgen des nächsten Tages waren sie zum Aufbruch bereit. Pau liess sein Pferd in der Obhut von Fürst Noriyuki zurück und sie machten sich zu Fuss auf den Weg. Ein Stück in die Stadt hinein kam das Gespräch auf ein Haus, das seit langem verfallen war, und jetzt renoviert wurde.

Die beiden wollten daran vorbeilaufen und sich ansehen, wie es inzwischen geworden war, aber Pau lehnte das ab. Etwas entäuscht folgten sie Pau aus der Stadt.

"Und wie lautet unsere erste Station?" fragte Usagi forsch.

"Hirano", kam die Antwort ohne zögern. Usagi schloss die Augen und verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

"Hirano?" fragte Tomoe.

"Ist das wirklich eine gute Idee?" fragte Usagi.

Pau blickte Usagi ernst an. "Es ist eure Entscheidung. Hirano ist mein Vorschlag. Wenn ihr ihn ablehnt, dann gibt es noch andere Dinge, die getan werden sollten."

Jetzt zögerte Usagi. "Was wären die Konsequenzen, wenn ich ablehnte?"

"Sie leidet und wir können sie von ihrem Leid erlösen", antwortete Pau. Tomoe hatte keine Ahnung, wovon er redete, aber Usagi schien ihn zu verstehen.

Sie blickte Usagi fragend an. "Das ist eine längere Geschichte", wich dieser aus. "Können wir uns irgendwo zum Essen begeben? Dann kann ich in Ruhe erzählen."

Pau nickte. Sie verschwanden von der Strasse und ein Ninja starrte auf den leeren Boden. Auf dem Rückweg zu seinem Herrn wurde er überraschend von wilden Tieren angefallen und starb. Dass Pau zum gleichen Zeitpunkt zufrieden lächelte hätte ein Zufall sein können.

Sie kamen auf der Strasse zur Stadt heraus, in der die Residenz von Fürst Hirano lag. Erinnerungen stiegen in Usagi auf und altes Leid.

Sie gingen in die Stadt und Pau führte sie zu einer gemütlichen Gaststätte, wo sie Platz nahmen. Während sie auf den Tee warteten, begann Usagi mit seiner Geschichte(1).

1. Usagi Yojimbo - Daisho, Runaways

"In meinem Dienst unter Lord Mifune, hatte ich die Aufgabe, die Prinzessin Takani Kinuko sicher zu Lord Hirano zu begleiten. Sie sollte ihn heiraten und so die Bindung zwischen dem Takani und dem Hirano-Klan verstärken."

"Eine der typischen politischen Heiraten", vermutete Tomoe und Usagi nickte.

Nachdenklich hielt er seinen Tee in den Händen. "Fürst Hikiji war gegen die Heirat und schickte seine Ninjas, um die Prinzessin zu töten. Dadurch hätte er nicht nur die Bindung zwischen den Klans verhindert, sondern auch Schande über Fürst Mifune gebracht, denn er war für ihren Schutz verantwortlich."

"Es waren wirklich viele Ninjas. Nur mit Glück gelang es mir, die Prinzessin zu retten und mit ihr zu fliehen. Viele Gute Männer fielen an diesem Tag. Ich denke, wir waren wirklich die einzigen Überlebenden."

"Wir irrten mehrere Tage durch die Wildnis, bis wir auf eine Stadt stiessen. Es war die Zeit des Tanabata Matsuri", fuhr Usagi fort.

"Die beiden Liebenden, die durch Amanogawa(2) getrennt sind und sich nur in einer Nacht treffen können", kommentierte Tomoe, die langsam ahnte wohin die Reise ging.

2. Der Himmlische Fluss

"Die Prinzessin hatte furchtbare Angst und ich fürchtete um ihr Leben. Wir versteckten uns in der Menge und verbrachten das Fest gemeinsam", fuhr er leise fort.

"Und habt euch verliebt", vermutete Tomoe. Usagi nickte nur.

"Natürlich war ich nur ein einfacher Samurai von geringem Rang und sie eine hochwohlgeborene Prinzessin. Eine Heirat war und ist undenkbar", seufzte er. "Ich habe ...", er schüttelte den Kopf und blickte Pau traurig an. "Ich leide immer noch darunter."

"Wie immer war Dein Rat weiser, als ich jemals vermutet hätte. Es war richtig, hierher zu kommen."

"Gut", nahm Pau seine Entscheidung an. Er zog ein Dokument aus seiner Kleidung und gab sie der Bedienung mit Geld und der Anweisung diesen Brief an Fürst Hirano zu überbringen.

Dann gab Pau ihnen etwas Geld: "Seht euch die Stadt an. Ich werde in zwei oder drei Tagen wieder hier sein."

Lächelnd verabschiedeten sie sich. Abends musste Usagi Lady Hirano genau beschreiben. Tomoe wollte jedes Detail ihrer abenteuerlichen Reise wissen. "Und gibt es noch andere Frauen in unserer Ehe?" fragte sie schliesslich.

"Nun", begann Usagi gedehnt und tat so als müsse er nachdenken. Sie knuffte ihn. "Au!" rief er und schloss sie in seine wunderbaren Arme. "Ich bin ein begehrter Mann", sagte er entschuldigend. Dem konnte Tomoe nicht widersprechen.

Etwas ausserhalb der Stadt stand Pau und prüfte aus alter Gewohnheit die Pfade des Schicksals und passte seine nächsten Schritte mit der Ruhe langer Erfahrung an. Jei. Er streckt seine Fühler nach dem Gesandten der Götter aus und verschwand.

Regungslos stand Inazuma im Blut der getöteten Feinde. Das vertraute Grauen in den Gesichtern der Toten beobachtete sie. Mit geschickten Bewegungen reinigte sie ihr Schwert und steckte es ein.

"Tante?" kam es kläglich aus einiger Entfernung.

Jei/Inazuma drehte sich nicht um. Seine Sinne waren schon lange über die Augen hinausgewachsen. Alleine durch den schrecklichen Anblick, den sein totes Gesicht bot, waren seine Augen ihm noch von Nutzen.

"Mir ist kalt", klagte die Stimme weiter. Jei stapfte zu dem kleinen, zitternden Körper hinüber. Kälte machte ihm nichts aus, aber die Kleine litt. Fast nebenbei schüttelte er einen Toten aus seinem Umhang und wickelte die kleine Keiko darin ein.

Es würde sie etwas wärmen, aber die Kälte, die seine Anwesenheit in anderen auslöste, würde einiges vom Effekt des Mantels ruinieren. Wenn er noch zu diesem Gefühl in der Lage gewesen wäre, so hätte Jei Besorgnis empfunden. So schloss er sorgfältig alle Öffnungen in dem kleinen Bündel und legte es auf eine schneefreie Stelle unter einem Baum. Dann ging er auf Abstand. Sollte er ein Feuer entzünden? Er hatte weder Feuerstein noch Glut bei sich.

Derlei mundane Dinge waren für ihn ohne Nutzen. Aber vielleicht konnte er bei einem der Getöteten etwas finden. Er wollte sich schon umwenden um zu suchen, da hörte er etwas. Mit einer Bewegung, die so schnell war, dass ein menschliches Auge ihr nicht hätte folgen können, hatte Jei sein Schwert gezogen, war herumgefahren und hatte es in der Quelle des Geräuschs versenkt.

Nur ein Fingerbreit vor dem unbemerkten Besucher kam die Klinge zu Ruhe. Noch immer konnte Jei ihn mit seinen weiterentwickelten Sinnen kaum wahrnehmen. Aber er sah ihn trotzdem.

"Dark", begrüsste Jei den Ankömmling.

"Jei", grüsste Pau zurück.

Ohne Regung in seinem Gesicht liess Jei sein Schwert so schnell verschwinden, wie es gekommen war. Er fragte nicht, was Philmann Dark hierher führte. Neugierde war vor langer Zeit zusammen mit seiner Menschlichkeit verschwunden.

"Mein Name ist Pau Tai", erklärte Philmann Dark ungerührt. Es war nicht zu sehen, ob Jei ihn verstanden hatte.

Pau ging an ihm vorbei zu dem kleinen Körper, der in dem Umhang frohr. Ohne etwas zu sagen, nahm er ihn auf und erzeugte Wärme um sich herum. Jei liess es geschehen. Eifersucht war ihm fremd.

"Es gab", begann Pau, "vor einiger Zeit ... Aufregung im Rat der Götter."

"Es heisst, dass fast dreissig Zen Priester auf grausame Art und Weise umgekommen sind", fuhr er nach einer kleinen Pause fort.

Jei beobachtete, wie die kleine Keiko aufhörte zu zittern. "Es war ein Unfall."

"Ooh, ein Unfall", kam die Antwort mit einem Tonfall, den Jei nicht mehr einzuordnen wusste. "Dann ist ja alles bestens."

Dann fuhr Pau Jei an: "Verdammt noch mal! Es hat unheimlich viel Aufwand gekostet wieder alle zu beruhigen! So etwas darf einfach nicht passieren!"

Furcht und Angst waren Jei unbekannt, aber er verstand sehr wohl die Botschaft. Dark ... Pau würde ihn vernichten, wenn er zu dem Schluss kam, dass Jei ein Risiko geworden war.

"Ich hatte meine Fähigkeiten nicht richtig unter Kontrolle", erklärte er daher. "Ihr wisst, wie schwierig es für mich ist, mich auf heiligem Boden zu bewegen."

"Du hättest sie gar nicht einsetzen dürfen! Die Priester wollten Dir nur helfen!"

"Ist mir eine Strafe auferlegt worden?"

"Du musst lernen, positive Gefühle besser von negativen zu unterscheiden. Du wirst mich bis auf weiteres begleiten", teile Pau ihm mit.

Jei nahm die Entscheidung der Götter ungerührt hin.

"Noch etwas: Usagi steht unter dem Schutz von Ookaa'h. Er ist für uns alle unantastbar. Ist das klar?"

Jei fletschte die Zähne. 'Usagi!' Ein Knurren entwich seine Kehle. Unwillig beruhigte er sich wieder. Damit waren seine Chancen in den Kreis der Götter aufgenommen zu werden, deutlich gesunken. Bei ihrer letzten Begegnung war Jei überrascht gewesen, wie weit Usagi sich entwickelt hatte. Aber er war schliesslich zu dem Schluss gekommen, dass es für seine Zwecke nur dienlich war.

Wenn er Usagi jetzt töten würde, würde er eine sehr weit entwickelte Seele bekommen. Leider hatte Pau ihn schon bei seinem letzten Versuch Usagi zu töten, ausserhalb des Heimatdorfes des Ronins abgewiesen. Jetzt zu erfahren, dass Ookaa'h-kami(3) den Ronin unter ihren Schutz gestellt hatte, war ein schwere Schlag für Jei.

3. Gottheit

"Ist das klar?" herrschte Pau ihn an und Jei nickte. Nur ein Narr würde den Willen einer Gottheit ignorieren, vor allem wenn es eine so mächtige war, wie Ookaa'h. Aber gefallen musste es ihm trotzdem nicht.

Jei konnte spüren, wie Pau seine Aufmerksamkeit ausdehnte. Jei konnte Pau nicht leiden, aber eigentlich mochte er niemanden. Trotzdem war er immer wieder fasziniert, mit welcher Geschicklichkeit und ... Grazie Pau seine Macht einsetzte. Man sollte denken, dass Pau gar nicht mehr in der Lage war, so diffizile Magie zu verwenden, aber er tat es mühelos.

Dann kam ein Transport. Jei hasste das. Für seine hochentwickelten Sinne war es immer sehr unangenehm, wenn die Umgebung sich so plötzlich änderte.

Sie waren irgendwo auf dem Land. Oben auf einem Hügel konnte Jei eine grosse Hütte stehen sehen. Der Kamin qualmte. Bewohnt. Er konnte die Bewohner spüren. Sie schienen nicht besonders böse zu sein. Jei fragte sich nicht, warum sie hier waren. Er registrierte nur die Tatsache. Die Leute im Haus waren nicht böse und daher für ihn gleichgültig.

Pau ging den Hügel hinauf auf die Hütte zu. Jei tastete mit seinen Sinnen die Umgebung ab, konnte aber niemanden ausser ihnen fünf ausmachen. Ganz normal klopfte Pau an die Tür. Jei fragte sich, warum er nicht einfach hineinging. Er wusste, wie stark Pau war. Kein Verschluss hätte ihn aufhalten können. Trotzdem wartete er geduldig, bis jemand kam und sie einliess.

Eine ältere Frau öffnete ihnen. Sie blickte die drei Fremden überrascht an. Offensichtlich hatte sie nicht mit irgendwelchen Besuchern gerechnet. Nach einem kurzen Blick auf Jei, wurden sie sofort hereingebeten. Das Innere des Hauses bestand aus einem grossen Raum. Pau übergab Keiko an die Frau und zog sich die Schuhe aus. Den Schmutz an seiner Hose klopfte er sorgfältig ab.

Jei sah sich derweil um. Aufmerksam registrierte er alle Eigenschaften des Raumes. Wo waren Ein- und Ausgänge? Wo verliefen Balken und wo war die Wand dünn? Wie sah das Dach aus? Er merkte sich die Positionen der verschiedenen Einrichtungsgegenstände, so dass er im Falle eines Kampfes nicht so einfach ins Stolpern geraten würde.

Er wollte schon einen Schritt ins Haus hinein machen, da warnte ihn sein Instinkt. Er sah den Blick von Pau auf seine schmutzverklebten Schuhe. Jei beschloss nicht herauszufinden, was geschehen würde, sollte er mit dem Fuss den Boden im Inneren des Hauses berühren und setzte sich auf die Stufe um die Schuhe auszuziehen.

Pau folgte währenddessen der Frau, die Keiko mit der Erfahrung einer langjährigen Mutter untersuchte. Und zu viel plapperte. Als Jei den Schmutz von draussen ebenfalls abgeklopft hatte, betrat er das Haus. An der Feuerstelle sass ein Mann, wahrscheinlich der Ehemann der Frau. Ein Bauer. Keine Bedrohung.

Jei setzte sich etwas abseits. Pau registrierte seine Zurückhaltung positiv. Er wusste um die Wirkung, die Jeis Nähe auf normale Menschen hatte und das konnte man fast als Rücksichtnahme Jeis auf die Bewohner werten. Seine Arbeit hatte begonnen.

"Wollt ihr nicht näher ans Feuer kommen?" fragte der Mann trotzdem höflich, auch wenn man sein Unbehagen deutlich sehen konnte.

"Jei schätzt es, etwas ... allein zu sein", beruhigte Pau ihn. Jei schnaubte leise. Paus Freundlichkeit war so unecht, wie alles andere an ihm. Menschen waren so einfach zu täuschen.

Die Frau brachte Keiko zu ihrer Schlafstelle, die nahe beim Feuer lag. Keiko war wohl nur erschöpft und schlief jetzt. Jei war tatsächlich etwas beruhigt. Er wunderte sich nicht, möglicherweise hing diese Gefühlsregung damit zusammen, dass er einen neuen Körper hatte. Jei war schon öfters gestorben, aber bisher immer in seinem eigenen Körper zurückgekehrt. Es war gut möglich, dass der neue Körper noch einige Überraschungen barg.

Pau redete noch ein wenig mit den Leuten, dann gingen sie schlafen.

Am nächsten Morgen brachen sie wieder auf. Jei fragte sich, warum sie diese Leute besucht hatten. Pau hatte über nichts interessantes mit ihnen gesprochen und auch seine Magie nie eingesetzt.

Keiko schien Paus Anwesenheit zu geniessen. Jei wusste selbst, dass er kein angenehmer Gesprächspartner war. Er redete ja praktisch nie. Pau redete und lachte mit ihr. Einen Moment spielte Jei mit dem Gedanken, Pau zu bitten, Keiko mit sich zu nehmen, verwarf ihn aber wieder. Wenn Pau ein Interesse an Keiko gehabt hätte, dann hätte er gefragt. Trotzdem wurde Jei in diesem Moment klar, dass er eine Lösung für dieses Problem finden musste. Keiko konnte nicht ewig bei ihm bleiben.

Jei war es nicht mehr gewohnt zu planen. Sein Leben hatte in den letzten Jahrhunderten darin bestanden, nach dem Willen der Götter durch das Land zu reisen und böse Menschen zu töten. Dazu hatte es keinerlei Planung bedurft. Er musste nur einen Fuss vor den anderen setzen und ab und zu von seinen Waffen Gebrauch machen. Jetzt aber hing die Zukunft von jemand, den er ... gern hatte, von ihm ab. Er musste in Ruhe darüber nachdenken.

Die nächste Nacht verbrachten sie in einem Gasthaus, nachdem Pau sie erneut transportiert hatte. Tagsüber hatte Pau alle möglichen Vorräte eingekauft und in seinem Lager deponiert. Jei hatte keine Vorstellung davon, wie dieses Lager funktionierte, aber selbst mit seinen Sinnen konnte er nicht feststellen, was Pau da eigentlich tat. Die Gegenstände verschwanden einfach spurlos.

Sie blieben zwei Tage in der Gaststätte und Keiko gefiel es sichtlich, die anderen Gäste und Reisende auf der Strasse zu beobachten. Jei dagegen fühlte sich zusehends unwohl. Hier war so viel Böses. Nicht umsonst mied er Städte normalerweise. Aber Paus warnender Blick verhiess nichts Gutes. So hielt er sich mühsam zurück.

Am Ende blieb Jei in seinem Zimmer. Das hatte zwar die Wirkung, dass das Zimmermädchen sich weigerte, das Bett zu machen, aber Jei schlief sowieso nicht darin und auch sonst machte ihm das nichts aus. Der Wirt war es auch zufrieden, sparte er doch die Reinigung und die Gäste tranken auch nur, solange Jei nicht in der Nähe war.

Am Nachmittag des letzten Tages kehrte Pau mit einem Priester zurück. Pau bezahlte ihre Rechnung und ging hinauf, um Jei zu holen. Der Priester und Keiko warteten derweil unten. Dann kam Pau mit Jei zurück.

"Inazuma!" rief der Priester überrascht.

Jei erkannte ihn. Es war der Oberpriester aus dem Tempel, wo man Inazuma gepflegt hatte, deren Körper er jetzt verwendete. Sanshobo war sein Name. Als Licht auf Jeis Gesicht viel, erschrak der Priester.

"Inazuma, was ist mit euch?"

"Priester Sanshobo, darf ich euch Jei-san, das Schwert der Götter, vorstellen?" unterbrach Pau.

"Ihr seid Jei-san?" fragte Sanshobo ungläubig. "Was ist mit Inazuma geschehen?"

"Ihre Seele ist verloren", antwortete Pau ruhig. "Nur ihr Körper existiert noch und dient jetzt Jei."

Sanshobo erinnerte sich. Auch jetzt, in diesem neuen Körper, hatte Jei seine dämonische Ausstrahlung, die er auch früher schon bemerkt hatte. Sofort vermutete er, dass Jeis Körper durch den Kontakt(4) mit dem Schwert Kusanagi(5) vernichtet worden war.

4. Usagi Yojimbo - Grasscutter, Chapter 7
5. Kusanagi-no-tsurugi - Der Grasschneider der Götter

Er wollte schon fragen, aber Pau kam ihm zuvor. "Wir sollten jetzt aufbrechen." Sanshobo fragte sich, was wohl aus der Seele von Inazuma geworden war. Zu sehen, welches grausame Schicksal die Frau, die er mit so viel Aufwand den Klauen des Todes entrissen hatte, nun hatte, machte ihn traurig.

Draussen sprach Jei Sanshobo überraschend an. "Ich entschuldige mich für den Tod der 27 Priester", sagte er mit seiner toten Stimme.

Sanshobo wusste zuerst nicht, ob Jei das ernst meinte. Seine Stimme war bar jeder Betonung und auch kein Gesichtsausdruck bot einen Anhaltspunkt. Schliesslich akzeptierte er die Aussage so, wie sie war. "Ich akzeptiere eure Entschuldigung, Jei-san. Warum habt ihr sie getötet?"

"Nachdem Usagi Jeis alten Körper mit Hilfe von Kusanagi vernichtet hatte, benötigte die Seele schnell einen sicheren Zufluchtsort. Der Körper von Inazuma stand zur Verfügung, also manifestierte sich Jei in ihm", erklärte Pau unterwegs an Jeis Stelle.

"Leider befand sich der Körper in eurem Tempel. Für manche Lebenwesen ist gesegneter Boden ... schwierig. Jei verlor die Orientierung und als eure Brüder versuchten zu helfen, da vermutete er einen Angriff. Also verteidigte er sich."

"Ich habe die Aufgabe übernommen dafür zu sorgen, dass so ein Vorfall nicht mehr auftreten kann", beendete Pau seinen Vortrag.

Sie verliessen die Stadt. Sanshobo fragte sich, wo Pau um diese Zeit noch hinwollte. Pau hatte gesagt, er würde jetzt zu Usagi gehen, aber wo war Usagi? Gab es ausserhalb der Stadt noch etwas anderes als Felder?

Sanshobo wollte schon fragen, da verschwand die Umgebung und eine Stadt tauchte vor ihnen auf. Verblüfft blieb er stehen. Was war geschehen?

Er drehte sich um, aber von der Stadt, aus der sie gekommen waren, war nichts mehr zu sehen.

"Die Hauptstadt der Hirano-Provinz", erläuterte Pau ohne sich umzudrehen.

Die Hauptstadt war mindestens zehn Tagesreisen von der Stadt entfernt, in der sie losgelaufen waren. Was war in der Zwischenzeit geschehen? War er bewusstlos gewesen?

"Es ist keine Zeit vergangen", fuhr Pau fort. "Es ist noch der gleiche Tag."

Sanshobo war verblüfft. Pau musste ein mächtiger Zauberer sein, wenn er so etwas tun konnte. Vor allem hatte er überhaupt nicht bemerkt, dass Pau sich irgendwie konzentriert oder sonst in einer Art und Weise vorbereitet hatte. Bisher hatte Sanshobo gedacht, dass Zauberer immer etwas Vorbereitung benötigen.

Ausserdem fiel ihm noch etwas auf. Er stellt die Frage nicht, bekam er trotzdem eine Antwort.

"Ja, ich lese eure Gedanken. Usagi ist in der Gaststätte gleich hier links."

Einkaufen

Pau war einen Tag fort gewesen, als ein Diener aus dem Palast kam, um ihn zu einer Audienz zu laden. Usagi überlegte kurz, ob er dem Diener mitteilen sollte, dass Pau nicht anwesend war, beschloss dann aber an Paus Statt zu gehen. Tomoe begleitete ihn.

"Bist Du sicher, dass es eine gute Idee ist, nicht auf Pau zu warten?" fragte sie unterwegs.

"Ich weiss, was Pau vorhat und Fürst Hirano wird sich Bedenkzeit ausbitten. Daher macht es schon Sinn, dass wir ohne ihn dort hingehen. Auf diese Weise nutzen wir unsere, Paus und die Zeit des Fürsten sinnvoll. Ich denke, er wird zurück sein, wenn Fürst Hirano sich entschieden hat."

"Bist Du sicher?"

"Vertrau' mir", lächelte Usagi.

"Das", sagte Tomoe in gespieltem Ernst, "möchte ich nie wieder von Dir hören, wenn ich Dir diese Frage stelle."

Im Palast mussten sie nur kurz warten und wurden dann zum Fürsten gerufen. Damals hatte Usagi anderes im Sinn gehabt, als sich umzusehen, aber er entdeckte, dass es ihm fast Spass machte, sich alles genau anzusehen. Sicher, das Schloss von Fürst Hirano konnte sich keinesfalls mit dem Palast des Shoguns messen, aber er entdeckte doch einiges, was ihm gefiel.

Demütig begrüssten sie den Fürsten.

"Usagi, Tomoe, Willkommen", begrüsste sie der Fürst. Seine Frau war nirgends zu sehen. "Ich hatte Bruder Pau erwartet."

"Verzeiht, Fürst Hirano, als uns eure Einladung erreichte, war Pau nicht anwesend. Ich bin sicher, dass es etwas wichtiges war, das ihn zurückgehalten hat. Aber ich weiss, worüber Bruder Pau mit euch sprechen wollte und wollte nicht unverschämt erscheinen und eure Einladung ablehnen."

Fürst Hirano gab nicht zu erkennen, was er darüber dachte. "Sprecht."

"Fürst, Pau Tai und ich sind gekommen um euch anzubieten, einen Schatten zu heilen, der über eurer Ehe mit der Prinzessin Takani liegt."

"Ein ... Schatten", wiederholte Hirano langsam.

"Fürst Hirano, ich bitte euch, eurer Frau das Angebot von Bruder Pau mitzuteilen. Es ist sehr wichtig für ... uns alle."

"Es ist wichtig für Bruder Pau?"

"Es ist auch sehr wichtig für mich selbst. Ich war damals für die Sicherheit der Prinzessin verantwortlich und in gewisser Weise fühle ich mich auch jetzt noch ... verantwortlich."

"Ich verstehe", sagte Fürst Hirano ruhig. "Ich gehe davon aus, dass ich euch in der Gaststätte, in der ihr untergekommen seid, erreichen kann?"

"Ja, Fürst Hirano."

"Gut. Ich werde euch unseren Entschluss mitteilen", beendete Hirano die Audienz.

Nachdenklich blickte er dem jungen Samurai nach. Er hatte sich verändert. Sehr zu seinem Vorteil und in nur sechs Wochen. Fürst Hirano war beeindruckt. Er würde ernst und gewissenhaft mit seiner Frau sprechen. Natürlich wusste er, wovon Usagi sprach. Dass zwischen den beiden mehr war, hatte jeder sofort gesehen. Um so mehr hatte er die beiden für ihre Zurückhaltung bewundert. Leider war ihre Ehe trotzdem nicht sehr glücklich.

Er liebte seine Frau. Sie war klug, höflich und in allem besser, als er sich bei einer politischen Heirat hätte erhoffen dürfen. Aber wenn er mit ihr allein war, dann konnte er ihre Sehnsucht spüren nach dem einen. Usagi. Er hoffte wirklich, dass Pau ihnen helfen konnte. Und dass seine Frau die Kraft aufbrachte, sich dafür zu entscheiden.

Hoffentlich hatte sie noch nicht zu viele Gerüchte über Bruder Pau gehört. Hirano seufzte innerlich.

Währenddessen hatte seine Frau den Mann, den sie liebte, aus der Ferne beobachtet. Mit Freude sah sie die Ausstrahlung, die Usagi auf einmal hatte. Seine Ruhe und Fröhlichkeit. Aber der Schmerz, eine andere an seiner Seite zu sehen, war fast zu viel für sie. Furchtbar brannte er in ihr und alles was sie tun konnte, war, nicht schluchzend zusammenzubrechen. Sie vermisste ihn so sehr und sie litt zudem unter dem Leid, das sie ihrem Mann aufbürdete. Dass er sich nicht beklagte, machte es nur noch schlimmer.

Oh, wäre sie doch nur bei dem Überfall der Ninjas gestorben und Usagi mit ihr.

Tomoe und Usagi kehrten in die Stadt zurück. Sie liefen ein wenig umher und kauften sich ein paar Süssigkeiten, betrachteten die Auslagen der Händler. Am Abend kehrten sie in das Gasthaus zurück.

"Ich war sehr beeindruckt", gab Tomoe beim Abendessen zu, "wie diplomatisch Du Dich beim Fürsten ausgedrückt hast."

"Nun", antwortete Usagi etwas verlegen, "wenn mir etwas daran liegt, dann kann ich durchaus diplomatisch sein."

"Aha", machte Tomoe wissend, "an mir liegt Dir also nichts", neckte sie ihn.

Am Abend des zweiten Tages sassen sie gerade beim Abendessen, als ein kleines Mädchen die Gaststube betrat. Sie fiel Tomoe auf, weil sie sich mit leuchtenden Augen umsah, als hätte sie noch nie zuvor eine Gaststube gesehen. Als sie sah, dass Tomoe sie anblickte, winkte sie. Tomoe musste lächeln und winkte zurück.

Usagi drehte sich um, um zu sehen, was Tomoe entdeckt hatte und sah das kleine Mädchen. 'Irgendwo habe ich sie schon einmal gesehen, aber wo?' wunderte er sich. Das Mädchen lief freudestrahlend auf sie zu.

Kurz nach dem Mädchen kam jemand anders, den Usagi sofort erkannte.

"Sanshobo!" rief er überrascht.

"Usagi, mein Freund", winkte Sanshobo und kam herüber.

Dann betrat Pau den Raum und nach ihm noch jemand. Unwillkürlich griff Usagi nach seinem Schwert, zog es aber nicht. Inazuma. Jei. Was tat sie hier? Er?

Alle im Raum spürten seine Anwesenheit. Die Gespräche verstummten und jeder duckte sich in das, was er gerade tat. Völlig unbeeindruckt von dem Geschehen um ihn herum, lief Jei hinter Pau her. Der Wirt kam heraus, um zu sehen, warum es plötzlich so ruhig war. Pau bestellte seelenruhig vier weitere Abendessen. Er musste die Bestellung wiederholen, bis der Wirt sie verstanden hatte.

"Hallo", grüsste Pau freundlich und setzte sich. Am Ende sassen sie so am Tisch, dass nur der Platz neben Usagi frei war und Jei sich noch nicht gesetzt hatte. Jei betrachtete die Situation einen Moment, dann nahm er sich wortlos einen freien Stuhl und setzte sich ans Kopfende des Tisches, auf der von Usagi abgewandten Seite. Usagi atmete auf und einmal tief durch. Gleichzeitig schämte er sich, denn nun musste Sanshobo die Nähe von Jei erdulden.

Die Bedienung brachte die bestellten Essen, wobei es eine gewisse Verzögerung gab, als sie überlegte, wie sie Jei sein Essen geben könnte, ohne in seine Nähe zu kommen. Pau nahm ihr die Schüssel schliesslich ab und stellte sie vor Jei, was ihm einen dankbaren Blick von ihr einbrachte.

Pau stellte Keiko allen vor, die sie eng an Tomoe hielt, der das zu gefallen schien. Usagi träumte davon, wie sie ihre Kinder in den Armen halten würde und musste von Pau mit einem Rempler wieder in die Realität geholt werden.

"Wie ich hörte, hattet ihr eine Audienz bei Fürst Hirano?" erkundigte sich Pau.

Usagi nickte und berichtet kurz, was vorgefallen war.

"Eine Heilung?" erkundigte sich Sanshobo interessiert.

"Ich werde es euch beibringen", versprach Pau. "Darum seid ihr hier."

Sanshobo bedankte sich. "Wer seid ihr überhaupt? Ich kenne nur euren Namen und dass ihr ein Freund von Usagi seid. Ihr scheint mächtig zu sein, aber der Name Pau Tai wird in den Schriften nicht erwähnt und gehört habe ich ihn auch noch nie."

"Eizo Taku wird erwähnt", antwortete Pau ruhig.

"Das Monster?" entfuhr es Sanshobo.

"So dürfen mich nur meine Freunde nennen", gab Pau zurück.

Sanshobo verschluckte sich fast an seinem Essen. "Ihr seid Eizo Taku?" fragte er ... entsetzt. Usagi konnte ihn fast verstehen. Er fragte sich, was Sanshobo wusste. Und ob es eine gute Idee war, zu fragen.

"Ja", bestätigte Pau. "Priester Sanshobo, ihr wisst zu wenig über diese Dinge, als dass ihr euch ein Urteil bilden könntet", fuhr er fort. "Es mag an dieser Stelle genügen zu wissen, dass zwar stimmt, was in dem Buch geschrieben steht, auf das ihr euch bezieht, aber es ist nicht vollständig. Der Autor des Textes hatte kein Verständnis für das, was ich tat und hat einige wichtige Informationen weggelassen."

"Zum Beispiel?" wollte Sanshobo mit seltsamer Stimme wissen. Das Essbesteck und seine Schüssel hingen vergessen in seinen Händen.

"Zum Beispiel die Tatsache, dass Nokuhera hinter der ganzen Geschichte steckte und er komplett verrückt war."

"Das ist wohl keine Entschuldigung dafür, ihn auf so bestialische Art und Weise zu töten ... falls man das überhaupt so nennen darf!" ereiferte sich Sanshobo vorsichtig.

Pau blickte ihn direkt an. "Seitdem hat es nie wieder jemand versucht, oder?"

Sanshobo runzelte die Stirn. "Das war kein Zufall?"

"Sicher nicht", lachte Pau trocken. "Man muss nur den ersten Teil des Zaubers durchführen, um herauszufinden, dass die ganze Geschichte wahr ist. Danach sind die meisten Möchtegernnachahmer kuriert. Und diejenigen, die es wirklich nicht lassen können ..."

"Fallen in die Hände von Nokuhera", vervollständigte Sanshobo den Satz. Er sah sehr nachdenklich aus.

"Um was geht es?" fragte Usagi vorsichtig.

"Der Zauberer Nokuhera beschäftigte sich damit, Tote aus der Hölle wiederzuerwecken", antwortete Jei überraschend. "Er dachte, dass diese armen Seelen solche Qualen durchgemacht hatten, dass sie willfährig und glücklich ihm dienen würden."

Jei kicherte. "Er war etwas überrascht, als unter den Wiedererweckten einige Dämonen waren."

"Weite Teile des Landes wurden verwüstet und eine Insel komplett vernichtet."

"Nuro", fügte Sanshobo leise ein. Usagi hatte noch nie von einem Ort oder einer Insel dieses Namens gehört.

"Das ganze ist jetzt so lange her, dass sich niemand mehr an die Namen erinnert. Mir war damals klar, dass es keinen Sinn machen würde, einen Warnhinweis in allen Büchern über Totenbeschwörung anzubringen. Man hätte ihn ignoriert."

"Also tat ich etwas anderes. Man muss an einen bestimmten Ort in der Hölle gehen um dort eine Seele für die Beschwörung zu suchen. Für einen Sterblichen ist es ... unangenehm ... sich dort aufzuhalten. Also wartete ich, bis Nokuhera das nächste mal hinabstieg und stiess seinen Körper in die Hölle."

"Da er nicht weiss, wie man diese Verbannung rückgängig macht, ist er für alle Zeit verdammt, sein Dasein dort unten zu fristen. Natürlich ist er nicht sehr glücklich und er tötet jeden, der versucht diesen Ort zu erreichen."

"Auf diese Weise ist sichergestellt, dass kein Nekromant jemals wieder das gleiche Unglück über uns alle bringen kann."

Sanshobo schnaubte. "Unangenehm ..."

Er atmete tief durch. "Vielleicht war ich tatsächlich mit meinem Urteil vorschnell. Ich möchte mich entschuldigen."

Pau nickte nur.

Am nächsten Tag traf ein Diener von Fürst Hirano ein und teilte ihnen mit, dass der Fürst sie am Nachmittag zu sehen wünsche.

Je länger Sanshobo mit dem Priester der Gottheit Ookaa'h zusammen war, desto mehr faszinierte ihn diese Gestalt. Der Text, den er gelesen hatte, war über 300 Jahre alt gewesen. Usagi bestätigte ihm, dass Pau über 80'000 Jahre alt war.

"Dann hat er schon existiert, bevor es Menschen gab", fasst Sanshobo seine Gedanken zusammen.

Daran hatte Usagi gar nicht gedacht. Er interessierte sich für Geschichte, aber nicht für etwas, das so lange zurücklag. "Da müsst ihr Pau schon selber fragen", lachte er. "Aber Vorsicht! Meistens antwortet er!"

Am Nachmittag bereiteten sich Pau, Usagi und Tomoe für die Audienz vor. Jei blieb wie gewohnt in seinem Zimmer und Sanshobo folgte der kleinen Keiko, die durch die Strassen tollte. Nachdenklich sah Jei den beiden nach. Selten hatte er eine so reine Seele kennengelernt. Er würde sie vermissen. Auf seine Art.

Bei dieser Audienz waren der Fürst und seine Frau anwesend. Lady Hirano hielt ihre Gefühle von ihrem Gesicht fern, aber Usagi sah ihre Augen. Er hoffte, dass sie sich richtig entschieden hatte oder würde.

"Bruder Pau, wir danken euch für euer Angebot", begann der Fürst ruhig.

"Ich heile keine Gefühle", fiel Pau ihm ins Wort. "Ich nehme nur den Schmerz, damit man seine Gefühle als das wunderbare Geschenk annehmen kann, das sie sind."

Fürst Hirano runzelte die Stirn. Pau hatte sich einen groben Verstoss gegen das Protokoll zu Schulden kommen lassen. 'Sollte ich ihn hinauswerfen lassen?'

Usagi konnte die Änderung in den Augen der Fürstin sehen. Er wusste nicht was es war, aber Pau hatte sie erreicht. Wahrscheinlich hätte Lady Hirano abgelehnt und Fürst Hirano hätte sich dem gebeugt. Aber jetzt ... geschah etwas.

Bevor der Fürst etwas sagen konnte, sprach seine Frau. "Euer Angebot ehrt uns. Gerne akzeptieren wir eure Hilfe." Sie lächelte! Usagis Herz jubelte!

Fürst Hiranos Gesichtsausdruck war nichtssagend wie immer, aber seine Augen lächelten.

"Fürst Hirano, Lady Hirano, ich danke euch, dass ihr meine Hilfe akzeptiert", antwortete Pau gemessen. "Das, was ich vorhabe, wird einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Ich möchte euch bitten, für diesen Tag einen Stellvertreter zu bestimmen und jede Störung zu unterbinden."

Er lächelte freundlich. "Ihr werdet die Erfahrung seltsam, aber befreiend empfinden."

Fürst Hirano neigte den Kopf und sprach leise etwas zu seiner Frau. Diese nickte unmerklich. "Dann bitten wir euch, in drei Tagen zu uns zu kommen", entschied der Fürst.

"Ich danke euch, Fürst Hirano, Lady Hirano", verneigte sich Pau. Damit war die Audienz beendet und sie gingen.

"Ich finde es immer faszinierend", sprach Usagi Pau an, "wie ihr es schafft, die Leute anzusprechen. Ich rede mit ihnen, aber irgendwie erreiche ich sie nicht."

Pau ging ein Stück zur Seite und zeichnete ein Quadrat in den Staub der Strasse und bat Usagi sich hineinzustellen. "Verteidige das Quadrat!" befahl er.

Gespannt, was passieren würde kam Usagi der Aufforderung nach. Er ging im Quadrat in Verteidigungsstellung. Es war etwas klein, aber es ging. Pau winkte Tomoe und ging mit ihr weg. Als Usagi klar wurde, dass sie wirklich gingen, rief er hinterher.

Pau winkte und Usagi lief verwirrt zu den beiden. "Du hast nicht damit gerechnet, dass wir gehen würden, nicht war?"

"Nein", gestand Usagi, "Ich bin davon ausgegangen, dass Du mich angreifen würdest."

"Genau. Wenn Leute etwas ablehnen, dann verteidigen sie ihre Ablehnung mit allem, was sie haben. Die Ablehnung zu überwinden ist möglich, aber sehr aufwendig. Aber wenn sie einen Angriff erwarten, dann kann man in Ruhe etwas anderes tun. Lady Hirano, zum Beispiel, kannte die Gerüchte über mich."

"Sie fürchtete, dass ich ihr ihre Liebe nehmen würde. Sie vermutete, dass ich grausam und unmenschlich sei. Als ich das alles nicht war, waren ihre mühsam errichteten Verteidigungsstellungen nutzlos und ich spazierte einfach an ihnen vorbei in ihr Herz. Als ich ihr schutzloses Herz in der Hand hielt, war ich sanft."

"Das überzeugte sie, dass ich ihr wohlgesonnen war, denn sie hatte erwartet, dass ich meine Überlegenheit sofort ausnutzen würde, um sie zu etwas zu zwingen. Statt dessen gab ich ihr die Wahl und gerne folgte sie dem, dem sie jetzt vertraute. So bekam ich ohne Aufwand, was ich wollte. Und freiwillig."

"Zato Ino, das blinde Schwertschwein(6), lehnte Dich ab, weil Du versucht hast, ihn zu seinem Glück zu zwingen. Hättest Du Dein Schwert beiseitegelegt und ihm Dein Leben dargeboten, er hätte nichts tun können. Gegen Aggression und Gewalt hatte er eine effektive Verteidigung aufgebaut, aber gegen Freundschaft wäre er hilflos gewesen."

6. Usagi Yojimbo, Band 2

Usagi erinnerte sich und nickte. Sie waren im Streit geschieden, nachdem Usagi versucht hatte, Ino zu zwingen sich den Behörden zu stellen und die Verantwortung für die zu übernehmen, die er getötet hatte.

"Ich werde daran denken", versprach er. "Was nun?"

"Einkaufen", grinste Pau.

Die Seele von Jei

In den nächsten beiden Tagen schickte Pau sie einiges besorgen. Keiko ging immer mit jemand anders mit. Usagi musste zugeben, dass das Kind wirklich sehr angenehm war. Sie war neugierig, aber respektvoll. Ihre offene, höfliche Art kam bei allen gut an. Selbst ein geiziger Stoffhändler schenkte Keiko einen kleinen Seidenrest, aus dem sie sich geschickt ein Band für ihr Haar herstellte.

Am Abend des letzten Tages holten Usagi und Sanshobo bei einem Schneider zehn weisse Roben ab. Sie hatten alle verschiedene Grössen und Usagi fragte sich, was Pau damit vorhatte.

Am nächsten Morgen gab Pau jedem eine Robe und bat sie, ihm ihre anderen Sachen zu geben. Sorgfältig liess er sie verschwinden. Am Schluss standen Usagi, Tomoe, Sanshobo und Jei in ihren neuen Kleidern vor Pau. Usagi kam sich vor wie ein Mönch, nur hatten diese schwarze Kutten.

Pau bat sie auf seine Rückkehr zu warten, nahm zwei Bündel Kleider mit sich und ging mit der kleinen Keiko zur Burg des Hirano-Klans. Er wies die Diener dort an, auf die Kleine aufzupassen, bis er zurück war. Dann begab er sich zum Fürsten.

Ungewöhnlich herzlich wurde er empfangen. "Bruder Pau, ich freue mich euch wiederzusehen", begrüsste ihn der Fürst und seine Frau lächelte.

"Fürst Hirano", dankte Pau.

"Ich habe einen Teil der Burg für uns räumen lassen. Dort werden wir ganz unter uns sein", berichtete der Fürst.

"Ich danke euch."

Fürst Hirano führte seine Frau und Pau folgte ihnen mit den ganzen Dienern und Wachen.

Als sie die bereitgestellten Räume erreicht hatten, sperrte die Wache die Zugänge ab. Pau teilte ihnen mit, dass sie die Türen schliessen würden und dass es normal wäre, dass man sie von aussen nicht öffnen könne. Fürst Hirano akzeptierte und dämpfte so die Befürchtungen seiner Untergebenen. Heute Abend wären sie zurück.

Die Diener loszuwerden, war schon schwieriger. Aber Fürst Hirano verstand es auch hier, sich durchzusetzen. Schliesslich waren sie allein.

Gespannt warteten die beiden, was Pau nun tun würde. Pau gab jedem ein Bündel Kleider und bat sie, diese anzuziehen. Überrascht befühlte der Fürst den groben Stoff, aber da seine Frau keinen Protest erhob, fügte er sich gerne. Tatsächlich schien sie die einfachen Kleider ... gerne anzuziehen. Geduldig wartete Pau ab, bis die beiden so weit waren.

"Ich garantiere für eure Sicherheit", versprach Pau ernst. Lady Hirano nickte, aber der Fürst wunderte sich, warum Pau das sagte.

Dann verschwand der Palast und sie standen in einem recht kleinen Raum, in dem sich vier weitere Gestalten in Weiss befanden. Erstaunt erkannte der Fürst Usagi und Tomoe. Die beiden anderen kannte er nicht, aber das dämonische Grinsen der Frau verfehlte seine Wirkung auch auf ihn nicht.

"Es kommen noch drei weitere Personen hinzu, daher möchte ich noch damit warten, jeden vorzustellen", erklärte Pau ruhig.

Dann verschwand der Raum und sie standen im Freien. Erstaunt blickte der Fürst sich um. Eine dichte, saftige Wiese umgab sie in allen Richtungen. Wenige Schritte entfernt war ein grosses, einfaches Haus. Sanft fielen die Flanken des Hügels hinter und neben ihnen ab, auf dessen Spitze das Haus errichtet worden war. Rauch stieg aus dem Kamin. Seltsamerweise war es nicht kalt. In den dünnen Kleidern, die sie trugen, hätten sie eigentlich frieren müssen.

Pau klopfte sanft an die Tür und wartete geduldig, bis jemand kam, um zu öffnen. Inzwischen war dem Fürsten seltsam zumute. Es war keine Angst, aber die Situation ... beunruhigte ihn irgendwie. Die anderen schienen diese merkwürdigen Ortswechsel zu kennen, denn sie nahmen sie gelassen hin.

Eine ältere Frau öffnete ihnen. Fürst Hirano hatte sie noch nie gesehen. Er blickte sich nochmal um, aber er konnte nicht sagen, dass er die Landschaft erkannte. 'Wo sind wir?' fragte er sich.

Pau sprach kurz mit der Frau und sie liess sie ein. Sorgfältig reinigte Pau seine Beine vom Schmutz, bevor er das Haus betrat. Das ganze geschah seltsam wortlos, so als hätten sie alle ein Schweigegelübde abgelegt.

"Usagi?" rief jemand aus dem Inneren. Hirano blickte auf. An der Feuerstelle des Hauses sass ein schäbig gekleidetes Rhinozeros. Er machte keinen vertrauenswürdigen Eindruck.

"Gen!" rief Usagi erfreut zurück. "Was machst Du hier?"

"Oh, das ist eine tolle Abkürzung, wenn man nach Teifu will", sagte Gen.

"Du hast Dich verlaufen!" lachte Usagi offen.

"Ich?" protestierte Gen, "Ich habe mich noch nie verlaufen!"

Dann wurde Gen ganz ruhig. Er blickte Pau seltsam an. "Ihr!"

"Gen", begrüsste Pau ihn mit einem Nicken.

"Er auch?" fragte Usagi leise und Pau nickte.

Pau gab der Frau ein Bündel mit der weissen Kleidung, die alle anhatten und bat sie, sich umzuziehen. Der Mann, wohl der Ehemann, und das Rhinozeros Gen bekamen ebenfalls je ein Paket. Das Rhinozeros würde dabei sein? Hirano war jetzt entschieden unwohl. Er wollte schon protestieren, da bat Pau ihn noch um etwas Geduld.

"Ich kann es euch jetzt noch nicht erklären, aber morgen werdet ihr es verstehen", versprach er.

Pau zog sich ebenfalls um und Usagi beobachtet ihn aus den Augenwinkeln. Tatsächlich war auch an Paus Körper nichts auffällig. Wenn man ihn so sah, hätte man ihn für einen normalen Menschen halten können.

Gen wog die Kleidung in den Händen. Schliesslich zuckte er mit den Achseln und zog sich um. Am Schluss sassen sie alle um das Feuer und blickten Pau an.

"Ich möchte alle die, welche bewaffnet sind, bitten ihre Waffen bei der Tür zu deponieren", begann Pau. Ohne zu zögern erhob sich Jei und ging zur Tür und kam ohne Waffen zurück. Usagi und Tomoe folgten nur unmerklich später. Auf dem Weg zur Tür blieb Usagi bei Gen stehen.

"Usagi", sagte Pau ohne besondere Betonung. Usagi lächelte, verneigte sich vor Pau und ging ohne ein weiteres Wort zur Tür. Er erinnerte sich an seine Lektion. Gen zu zwingen, hätte nur seinen Widerstand herausgefordert. Unbewaffnet kam Usagi zurück.

"Ich danke euch", fuhr Pau fort. Noch immer hatte Gen seine Waffen und Hirano liess ihn nicht aus den Augen. Ruhig wartete Pau ab. Schliesslich erhob sich Gen, brummelte etwas unverständliches und legte seine Waffen zu den anderen. Hirano war verblüfft.

"Ich danke Dir, Gen", sagte Pau ernst. Gen schnaubte.

Dann begann Pau.

"Ich bin Tai. Nur Tai. Ich bin heute aus freien Stücken hier. Niemand hat mich gezwungen. Es ist mein eigener, freier Wille. So wie ich meinen eigenen Willen hier zu sein akzeptiere, werde ich den Willen eines anderen akzeptieren, zu gehen. Ich werde ihn nicht hindern durch diese Tür zu gehen und unsere Runde zu verlassen, weder durch Worte noch durch Gedanken oder Taten."

"Ich bin heute hier, um jedem meine Hilfe anzubieten, der mich darum bittet. Alles von dem, was heute hier gesprochen wird, werde ich als das Geschenk akzeptieren, das es ist. Nichts davon werde ich jemals einem Aussenstehenden erzählen. Ich weiss nicht, was hier geschehen wird, aber ich verspreche alles zu tun, was in meiner Macht steht, um denen zu helfen, die mich darum bitten."

Er nickte Usagi zu. "Ich bin Usagi. Nur Usagi. Ich bin aus freien Stücken hier, um denen zu helfen, die meine Hilfe annehmen wollen", begann dieser und wiederholte das, was Tai gesagt hatte, mit eigenen Worten.

Dann folgte Tomoe, der Mann, der Neko hiess, seine Frau Keiko. Lady Hirano, die sich Kinuko nannte und der Fürst, dessen Name heute Kan war. Sanshobo. Gen schwieg. Jei sass neben Tai, wie eine Statue.

"Gen", sprach Tai den Kopfgeldjäger an. "sucht euch bitte jemanden in unserer Runde aus."

Gen blickte ihn überrascht an. "Und wen?"

"Wen immer ihr wollt."

Unsicher blickte Gen ihn an, zuckte dann die Schultern. "Gut."

"Geht bitte zu ihm oder ihr", fuhr Tai fort.

Gen stand auf und trampelte zu Kan hinüber. "Bitte fragt Kan, ob ihr euch hinter ihn stellen dürft."

Gen öffnete den Mund, aber Tai fuhr fort. "Ich weiss, dass euch das seltsam vorkommen wird, aber es ist sehr wichtig, dass ihr die Frage wiederholt."

Gen runzelte die Stirn und seufzte auffällig. "Kan, darf ich mich hinter euch stellen?" rumpelte er.

Kan blickte die ganze Zeit stur gerade aus. Er hatte keine Ahnung, was das ganze sollte. Gen war nicht mehr bewaffnet und wo er nun stand, hatte für ihn keine Bedeutung. Er nickte.

Gen wollte sich schon in Bewegung setzen, als Tai nochmals sprach. "Kan, das ist ebenfalls sehr wichtig. Ich möchte, dass ihr Gen anseht und ihm laut und deutlich antwortet."

Kan runzelte die Stirn. Da legte plötzlich seine Frau ihre Hand auf sein Bein. So einer persönliche Geste in aller Öffentlichkeit! Aber dann sah er das Lächeln in ihrem Gesicht und sein Wiederstand schmolz.

Er blickte zu dem jungen Mann hoch. "Ich gestatte es euch", sprach er ernst.

Und Usagi sah es. Was auch immer es war, etwas geschah mit Gen in diesem Augenblick. Fast vorsichtig, ging Gen hinter Kan und blieb stehen. Er schien über sich selbst überrascht zu sein, und etwas verwirrt blickte er zu Tai.

"Gen, ich möchte, dass ihr Kan um die Erlaubnis bittet, eure Hände auf seine Schultern legen zu dürfen", fuhr Tai ruhig fort.

Gen öffnete den Mund und musste erstmal schlucken. Mit seltsamer Stimme fragte er, "Kan, darf ich ... meine Hände ... auf eure Schultern ... legen?"

Kan spürte es. Obwohl er Gen nicht sehen konnte, spürte er, wie etwas hinter ihm geschah. Aber was?

Er drehte den Kopf etwas. "Ich erlaube es euch", sprach er nach hinten.

Hinter Kan sank Gen auf die Knie. Er streckte seine Hände aus, und sie zitterten. Wie ein Ertrinkender packte er die Schultern von Kan. Tränen rannen über sein Gesicht und er zitterte am ganzen Körper. Kan sass wie ein Fels und gab der armen Seele halt. Als eine Hand abrutschte, griff Kan sofort und ohne zu Zögern zu und hielt Gen. Und Gen schluchzte. Jahre der Qual kämpften sich ihren Weg an die Oberfläche.

"Vater!" schrie Gen, "Vater!" Immer wieder. Gens Kopf sank gegen den Rücken von Kan und er weinte hemmungslos. Lange Zeit war nichts zu hören, als sein Schluchzen.

Als es langsam verebbte, sprach Tai: "Gen, wann immer ihr euch bereit dazu fühlt, an euren Platz zurück zu gehen, dann tut es."

Tai blickte zu Jei. Jei starrte auf Kan. Das dämonische Grinsen war aus ihrem Gesicht verschwunden. Jetzt zeigte es ... Erstaunen?

Dann bemerkte Jei, wie Tai ihn ansah. Einen Augenblick erwiderte Jei den Blick, dann sprach er. "Ich bin Jei. Nur Jei. Ich bin heute aus freien Stücken hier. Ich bin hier, um jedem meine Hilfe anzubieten, der mich darum bittet", und leistete seinen Schwur. Usagi mochte es kaum glauben. War da mehr in Jeis Stimme als gestern?

Schliesslich hatte Gen sich beruhigt. Langsam stand er auf und trat in den Kreis. Einen Augenblick zögerte er, dann kniete er vor Kan. "Ich danke euch", sagte er mit rauer Stimme.

Kan kam aus dem Staunen nicht heraus. Wie hatte Pau das gemacht? Er hatte nichts bemerkt. Pau hatte nur einige Worte gesagt und damit so etwas in dem jungen Mann ausgelöst. Nachdenklich blickte er in das seltsam traurige und gelöste Gesicht. Dann verneigte er sich vor Gen. "Ich danke euch", antwortete er ernst. Er hatte keine Ahnung, warum er das tat, aber es schien das einzig richtige zu sein. Manipulierte Pau sie?

"Was wir heute hier erleben werden, kommt aus uns selbst", fuhr Tai fort. "Ich hole es nur zum Vorschein, aber was wir sehen werden, sind nur wir selbst."

Gen setzte sich wieder auf seinen Platz und Tai blickte ihn ruhig an. Er erwartete nichts, forderte nichts, bot nur an. Gen räusperte sich. "Ich bin heute Gen. Nur Gen ...", und leistete seinen Schwur.

"Dann können wir beginnen", sagte Tai fast feierlich.

"Unser Verstand ist eine Illusion", erklärte er, "und eine gefährliche dazu, denn wenn wir uns zu sehr auf den Verstand stützen, dann sehen wir die Welt nicht mehr so, wie sie ist, sondern so, wie unser Verstand sie sehen will. So verlieren wir den Kontakt zu unseren Gefühlen, und plötzlich scheint alles sinn- oder hoffnungslos. Aber das sind nur Illusionen."

"Heute werden wir einige Illusionen sehen. Unsere eigenen. Die von anderen. Vor allem unsere eigenen. Was wir in anderen sehen, sind immer nur wir selbst. Unser Verstand erzeugt die Illusion, dass der andere schlecht ist, aber wir sehen nur unsere eigenen Fehler. Am Ende belügen wir uns selbst. Wir fordern vom anderen sich zu ändern, damit wir nicht immer unsere eigenen Fehler sehen müssen."

"Und so beginnt Leid. Geboren aus einer Täuschung. Sorgfältig genährt, dass die Lüge am Schluss so gross ist, dass sie wahr sein muss. Wer könnte sich schon so irren?"

"Aber wie alles andere ist auch die Angst vor dem Irrtum nur eine Illusion. Heute werden wir einige Illusionen, Ängste und Lügen sehen. Wir werden sehen, was sie wirklich sind."

"Nichts."

"Ein Nichts, dem wir die Kontrolle über unser Leben gegeben haben. Ein Nichts, vor dem wir so viel Angst haben, dass wir nicht wagen es anzusehen. Aber wenn wir es sehen, dann sehen wir, was es ist."

"Nichts."

"Eine Illusion aus Angst oder Scham geschaffen, ohne Substanz oder Halt."

"Darunter, unsere reine Seele, denn wie ein Trugbild kann die Illusion nichts ändern, nur den Blick täuschen. Aber wenn wir sie durchschauen, dann bleibt ... Nichts"

"Nichts ausser uns selbst."

Tai schwieg einen Moment, Ruhe breitete sich aus.

"Ich bin Tai. Ich biete jedem meine Hilfe, der sie wünscht. Wer wünscht meine Hilfe?"

Keiko erhob sich. Verlegen suchte sie nach Worten.

"Worte sind ganz überflüssig", beruhigte Tai sie.

"Keiko, ich möchte euch helfen. Dazu benötige ich euer Vertrauen. Vertraut ihr mir?"

Zögernd nickte Keiko. Tai nickte Usagi zu. Dieser wiederholte die Worte mit Inbrunst. Tomoe. Neko. Kinuko. Kan. Sanshobo. Gen.

Dann war die Reihe an Jei. Bevor Jei etwas sagen konnte, sprach Tai. "Keiko, dies ist für Dich und Dich allein. Nur wenige aus dieser Runde haben die Kraft, Jei ihr Vertrauen zu schenken. Wenn Du ihm nicht vertraust, dann wird er Dir nicht helfen können. Daher ist es wichtig, dass Du offen sagst, wenn Du nicht dazu in der Lage bist, ihm zu vertrauen."

"Wir alle werden Deine Entscheidung akzeptieren, so wie sie ist und egal wie sie ausfällt."

Keiko blickte Jei unsicher an. Usagi spürte, wie sie mit sich kämpfte. Sie hatte Angst vor Jei, aber wollte ihn nicht ausschliessen.

"Keiko", sagte da Jei auf einmal, "tut dies nicht für mich. Tut dies für euch selbst. Ich werde eure Entscheidung akzeptieren, so wie sie ist und egal wie sie ausfällt." Keine Spur von Gefühl war in der Stimme. Aber ... etwas ... anderes.

Keiko seufzte und liess den Kopf hängen. Wortlos stand Jei auf und setzte sich in die entfernte Ecke des Raumes.

"Wir benötigen jetzt viel Platz", erklärte Tai. Alle zusammen halfen, den Boden freizuräumen. Am Schluss sassen sie an einer Wand und Keiko stand in der Mitte der freien Fläche.

Etwas unsicher blickte sie Tai an.

"Weil der Verstand nur eine Illusion ist", sprach Tai, "ist es so wichtig, dass wir Eins mit unseren Gefühlen sind. Leider verbauen die Illusionen und Täuschungen, mit denen sich unser Verstand so gerne umgibt, den Zugang zu unseren Gefühlen."

"Was wir hier tun werden, ist, eine Illusion von Keiko darzustellen. Jeder von uns wird ein Teil dieser Illusion werden, ein Aspekt davon. Wenn die ganze Illusion aufgestellt ist, wird Keiko sie erkennen als das, was sie ist."

"Nichts."

"Seid ihr bereit?" Keiko lächelte tapfer.

"Dann möchte ich den ersten Aspekt der Illusion aufrufen. Ich rufe den Aspekt der Schande. Kan, möchtet ihr diesen Aspekt verkörpern?"

Kan war überrascht, aber nickte und erhob sich.

"Wo ist euer Platz?" fragte Tai.

Kan runzelte die Stirn. "Mein Platz?"

"Erinnert ihr euch, wie Gen sich hinter euch stellte? Das war der richtige Platz für ihn. Wo ist der richtige Platz für den Aspekt der Schande?"

Kan überlegte einen Moment. Dann ging er zielstrebig auf Keiko zu. Er stellte sich breitbeinig hinter ihr auf, strecke seine Arme aus und klemmte sie ein, ohne sie zu berühren. Er konnte spüren, dass dies die richtige Stelle war.

Keiko duckte sich vor ihm, aber wich ihm nicht aus.

"Keiko", fragte Tai sanft, "was seht ihr?"

"Die Schande erdrückt mich!"

Tai nickte.

Fasziniert beobachteten die anderen den Vorgang. Man konnte sehen, wie sehr die Schande Keiko belastete. Sie musste sehr unglücklich sein.

"Ich benötige als nächstes den Aspekt der Ehre. Sanshobo?"

Sanshobo erhob sich und stellte sich vor Keiko. Auch er hielt seine Arme neben sie, ohne Kan zu berühren. Gemeinsam bannten sie sie. Keiko hatte keinen Ausweg.

"Tomoe, ihr seid der Aspekt der Liebe. Sucht euch euren Platz."

Unschlüssig blieb Tomoe stehen. "Ihr wisst nicht, wo euer Platz ist?" Tomoe nickte.

"Ich benötige den Aspekt des Ehemannes." Usagi stand auf. Er wusste eigentlich gar nicht warum. War nicht Neko der Ehemann?

"Sucht euren Platz", forderte Tai ihn auf. Usagi zuckte innerlich mit den Schultern. Er stellte sich links hinter Sanshobo, so dass er Keiko sehen konnte und sie ihn, wenn sie den Kopf hob. Im Moment aber stand sie nur mit gesenktem Kopf da. Usagi störte, dass Sanshobo im Weg stand. Wenn er nicht da wäre, dann könnte er seine Frau sehen.

Irgendwie setzte sich der Gedanke in Usagi fest. Er machte ein finsteres Gesicht.

Tomoe stand immer noch da. Sie wollte ihren Platz einnehmen, aber aus irgendeinem Grund konnte sie es nicht. Sie fühlte eine starke innere Zerrissenheit. Was machte sie falsch? Alle anderen hatte ohne zu zögern ihre Position eingenommen!

"Denkt euch nichts dabei, Tomoe. Es liegt nicht an euch", sprach Tai ihr gut zu. Sie entspannte sich etwas. 'Aber was ist an mir so besonders? An der Liebe?' wunderte sie sich.

"Nun muss ich selbst einen Aspekt annehmen", verkündete Tai. "Ich bin der Aspekt des Liebhabers." Keiko schluchzte auf.

Usagis Kopf ruckte herum. Seine Frau hatte einen Liebhaber?

Tai stellte sich neben Usagi auf die andere Seite von Sanshobo. Usagi betrachtete ihn ablehnend. Nicht nur, dass die Ehre ihm seine Frau nahm, nun war da auch noch ein Konkurrent! Keiko weinte leise.

"Neko, ich möchte dass ihr wie Tomoe ein Aspekt der Liebe seid."

Neko, der das ganze seltsam distanziert betrachtet hatte, stand langsam auf. Dann gingen er und Tomoe rasch zu Usagi und Tai. Tomoe stellte sich hinter Tai und umarmte ihn zärtlich; es war fast mehr, als Usagi ertragen konnte. Dann stand Neko hinter ihm und gab ihm wieder Kraft. Er würde seinen Widersacher töten und seine Frau zurückgewinnen!

Aber plötzlich hielt ihn die Liebe seiner Frau. Usagi konnte sich nicht bewegen. So sicher, wie die Scham und die Ehre seine Frau an ihren Platz bannten, so sicher band ihre Liebe zu ihm ihn an seinen. Er weinte um dieses Geschenk. Es gab nichts, was er tun konnte. Würde er seinen Kontrahenten töten, würde die Liebe sterben und er würde alles verlieren. Was sollte er nur tun?

"Keiko", sprach Tai sanft, "Seht eure Schande an."

Keiko blickte mit tränenüberströmten Augen zu Tai. Tai lächelte sie an. "Seht zu eurem Mann, der euch liebt wie ihr ihn."

Keiko blickte zu Usagi. Oh, wie sehr er sie liebte! Er musste etwas tun. Er machte einen Schritt auf sie zu. Er konnte gehen! Es ging ganz leicht. Fast nebenbei bemerkte er, wie Tai jedem seiner Schritte folgte, aber das war nicht wichtig. Er musste zu seiner Frau.

Dann war er fast da. Noch immer war sie im Griff der Ehre und Schande gefangen, aber wenn er den Arm ausstreckte, dann konnte er sie berühren.

Er tat es und zu dritt betrauerten sie ihr Leid. Mit veränderten Augen sah Usagi seinen Nebenbuhler. Er liebte seine Frau so wie er selbst und sie liebte sie beide. Es tat weh, aber seltsamerweise hatte er auch den Eindruck, dass es half. Was konnte er tun?

"Keiko, Du musst die Schande ansehen", forderte Tai leise.

"Ich habe Angst", schluchzte sie.

"Ich weiss", tröstete Tai sie sanft, "ich weiss."

"Wir müssen ihr beide helfen", sagte er zu Usagi, ihrem Ehemann. Usagi nickte. Gemeinsam warteten sie, bis Keiko sich etwas beruhigt hatte. Dann halfen sie ihr, sich zu drehen. Das war schwierig, zwischen der Ehre und der Schande war nur wenig Platz.

Aber dann hatten sie es geschafft! Doch Keiko brachte nicht die Kraft auf, den Kopf zu heben. Noch nicht. Usagi vertraute ihr. Gemeinsam stellte er sich mit Tai und ihrer Liebe hinter die Schande. Geduldig warteten sie.

"Ich ...", sprach sie nach einer Ewigkeit, "hatte so grosse Angst vor Dir. Dunkel und Mächtig standest Du immer hinter mir. Nahmst mir den Atem. Die Freude. Das Lachen. Jetzt sehe ich Dich an, und habe keine Angst", sagte sie fest.

"Wer bist Du?" forderte sie zu wissen.

"Nichts", antwortete Kan und liess die Arme sinken. "Ich hatte alle Macht über Dich, die Du mir gabst. Jetzt, wo Du sie mir nimmst, bin ich nichts mehr."

Er schien wie aus einem langen Traum zu erwachen. Er blickte Tai an. "Habt ihr das Gefühl, dass sich dieser Aspekt jetzt aufgelöst hat?" fragte Tai. Kan nickte.

"Dann könnt ihr aus der Rolle treten und euch setzen", bat Tai. Kan ging und Tai und Tomoe folgten ihm. Endlich war der Weg zu seiner Frau frei. Weinend fielen sich Usagi und Keiko in die Arme. Und ihre Liebe und Ehre verbanden sie.

"Ich liebe Dich", flüsterte Usagi ihr ins Ohr.

"Es tut mir so Leid", weinte sie auf seiner Schulter. "All die Jahre ... all die verlorenen Jahre ... unser ganzes Glück ... es tut mir so Leid ..."

Langsam lösten sich ihre Rollen auf und am Schluss standen sie in tiefer Umarmung da. Hielten sich gegenseitig fest und waren einfach nur da. Aber das Leben ging weiter und vorsichtig lösten sie sich voneinander. Keiko lächelte Usagi dankbar an.

"Ich danke euch", sagte sie leise und ihr Mann nickte.

Usagi verneigte sich. "Ich danke euch, dass ich euch helfen durfte." Leichtfüssig ging er an seinen Platz zurück. Nur Sanshobo blieb nachdenklich stehen.

Schliesslich blicke er Tai an. "Ich bin Sanshobo. Ich bitte euch um eure Hilfe."

"Und gerne gebe ich sie euch", antwortete Tai.

"Seid ihr bereit Jei zu vertrauen?" fuhr er fort.

Sanshobo sah zu der finsteren Gestalt in der Ecke des Raumes. Usagi konnte spüren, dass er Angst hatte. Aber mit einem Ruck setzte er sich in Bewegung. "Ich brauche eure Hilfe", sagte er zu Jei.

Jei sagte nichts, aber er zeigte auch nicht sein dämonisches Grinsen. Fast schien es, als warte er ab. Sanshobo streckte die Hand aus und half Jei auf. Einen Moment standen sie nur da, hielten sich an der Hand und blickten sich direkt in die Augen. "Dann will ich euch helfen, so gut ich kann", antwortete Jei schliesslich.

Gemeinsam kamen sie zurück. Usagi sah keinen Triumph in Sanshobos Gesicht, eher Zufriedenheit. Der Priester hatte seine Angst angesehen und war durch sie hindurchgetreten. Jetzt war er frei. Usagi hoffte, dass er auch einmal so weit sein würde.

Jei wurde der Aspekt der Angst. Gemeinsam halfen sie Sanshobo seiner grössten Angst ins Auge zu sehen. Seltsamerweise schien das weniger auf Sanshobo einen Effekt zu haben, als auf Jei. Usagi erkannte, dass jeder Aspekt sich in einem Teil der Aufstellung wiederfand und so eigene Probleme erkannte und für sich löste.

Dann assen sie zusammen und setzen sich unter das Vordach. Es war kalt und die Luft klar und rein. Man konnte sehr weit sehen. Sie lachten und scherzten. Obwohl sie intimstes Wissen über die anderen erhalten hatten, war die Stimmung locker und frei. Usagi beobachtete fasziniert, wie Gen mit Kan redete. Nicht auf seine übliche ruppige Art, sondern leise und ehrlich.

Usagi fragte sich, was geschehen würden, wenn die beiden wieder der Kopfgeldjäger und der Fürst sein würden. Jetzt waren sie sie selbst. Sichtlich genossen es beide, keine Rolle spielen zu müssen. Gen sagte etwas und Kan lachte. Sie hatten beide viel Spass.

Usagi unterhielt sich mit Neko und Tomoe mit Keiko. Jei und Sanshobo sassen einträchtig nebeneinander und assen schweigend. Tai brachte Kinuko etwas zu essen und sie lehnte sich an ihn. Kan störte sich nicht daran. Er hatte es wohl gesehen, aber sich sofort wieder Gen zugewandt. Mit viel Einsatz seiner Hände erklärte er Gen etwas und Gen hörte fasziniert zu.

Nach dem Essen blieben sie noch einen Augenblick sitzen und liessen sich von der Sonne wärmen.

Dann ging es weiter. Als nächstes trat Tomoe vor sie und bat um ihre Hilfe. Gemeinsam halfen sie ihr, ihre Angst zu überwinden, ihre Heirat mit Usagi würde dazu führen, dass sie ihre Pflichten für Fürst Noriyuki vernachlässigen würde.

Nach Tomoe trat Gen vor die Gruppe und sie versöhnten ihn endlich mit seinem Vater. Kan, der den Stolz des Vaters auf den Sohn repräsentiert hatte, blieb beim Abendessen bei Gen, der sehr ruhig geworden war. Kinuko, die Liebe der Mutter zu ihrem Sohn, sass auf der anderen Seite von Gen und gemeinsam gaben sie Gen etwas von der Familie, die er nicht gehabt hatte.

Usagi ging zu Jei und setzte sich neben sie. Jei war die Rache gewesen, die Gens Vater immer weiter getrieben hatte, immer weiter hinter dem Verräter seines Herrn und immer weiter von seiner Familie fort. Gen hatte ihn angeschrieben, beschimpft, angeklagt, fast niedergeschlagen.

Mit stoischer Ruhe hatte Jei alles über sich ergehen lassen. Keine Muskel hatte in ihrem Gesicht verzogen, als Gen ihr ins Gesicht geschrien hatte. Kalt und unnahbar, war sein Aspekt gewesen, fordernd und unerbittlich.

Trotzdem spürte Usagi, dass da mehr war. Jei hatte sich in dieser Sitzung verändert, Gen hatte etwas in ihm bewegt. Mit wenig Appetit ass Jei. Als Usagi sich neben sie setzte, sah sie nicht auf.

"Jei?" fragte Usagi.

Jei blickte ohne Hast auf. "Usagi?" kam die Antwort mit der toten Stimme. Wie immer, wenn er Jei sah, pochte das Blut in seinen Schläfen. Usagi hatte Angst.

"Kann ...", Usagi brach ab. "Kann ich Dir helfen?" brachte er schliesslich heraus.

"Mir helfen?" Ohne jedes Gefühl in der Stimme war nicht erkennbar, was Jei dachte.

"Ihr wollt mir helfen?" wiederholte Jei, als Usagi nicht antwortete.

"Gebt ihr mir eure Seele, damit die Götter mich als einen der ihren anerkennen?" fragte Jei weiter.

Usagi legte den Kopf schief. "Nein", sagte er dann und Jei wandte sich wieder seiner Schüssel zu. "Ich kann Dir nur Deine eigene Seele wiedergeben", bot Usagi an.

Auf halben Weg zu seinem Mund, frohr Jeis Hand ein. Er zitterte nicht, aber bewegte sich auch nicht mehr.

"Ihr wisst nicht, wovon ihr sprecht", wies Jei ihn dann ab und ass weiter.

Usagi sah hilfesuchend zu Tai, aber dieser unterhielt sich mit Sanshobo und blickte nicht auf, obwohl Usagi sicher war, dass er bemerkte, was vor sich ging.

Nach dem Abendessen waren alle sehr erschöpft. Sie hatten nur vier Aufstellungen vorgenommen. Sechs von ihnen hatten noch nicht um Hilfe gebeten und der Tag neigte sich dem Ende zu. Besorgt hoffte Usagi, dass Kinuko als nächstes vor die Gruppe treten würde, aber sie wurden alle überrascht.

Jei stand auf. "Ich bin Jei. Ich bitte um meine Menschlichkeit."

Tai nickte ernst.

Es dauerte ewig.

Sie sahen Jeis Wahnsinn. Die Spiegelbilder der Furcht und Angst, die er in anderen erzeugte, in ihm selbst. Den Hass, den er in den Jahrhunderten seiner Existenz aufgenommen hatte. Seine monotone Gleichgültigkeit. Andere, seltsame Facetten einer unsterblichen Seele in einem unsterblichen Körper.

Als es vorbei war, musste Mitternacht schon lange vorbei sein. Usagi lag einfach nur auf dem Boden. Er fühlte sich so schwach, dass er auf der Stelle einschlafen wollte. Aber da war noch immer Kinuko. Er konnte sie nicht im Stich lassen. Sie und der Fürst mussten zurück und das war die letzte Gelegenheit.

Er würde einfach noch etwas liegenbleiben und sich erholen. Ein Schatten fiel auf ihn. Er blinzelte nach oben. Da stand Jei und blickte ihn an. Usagi lächelte schwach. "Wie geht es Dir?" fragte er sie leise.

"Danke", sagte Jei einfach. Noch immer hatte die Stimme ihren seltsamen Klang, aber etwas schwang jetzt darin mit. Aufrichtigkeit? Dankbarkeit? Usagi konnte es nicht sagen.

"Danke", antwortete er stattdessen.

Jei setzte sich neben Usagi und sass eine Weile nur so da. Dann stand er auf und ging weg. Usagi konnte hören, wie er etwas tat, dann kam er zurück. In der Hand hielt er eine Schüssel. Er half Usagi auf und ihm dann zu trinken. Überrascht und dankbar trank Usagi. Ihm war nicht mehr kalt. Jeis tödliche Aura war schwächer geworden oder er spürte es nicht mehr so stark.

"Willst Du immer noch meine Seele?" fragte er scherzhaft.

Kein Lachen zeigte sich auf Jeis Gesicht. "Ich denke, ich brauche sie jetzt nicht mehr", antwortete er ernst.

Usagi versuchte sich aufzurichten und Jei half ihm. Er war schwach, aber für Kinuko würde er eine weitere Runde auf sich nehmen. Leider sah es so aus, als würde er neben Tai als einziger zur Verfügung stehen. Usagi sass nur da und überlegte, ob das reichen würde. Fragend sah er zu Tai.

Tai lächelte ihn an und ging zu Kan. Leise setzte er sich neben ihn. Kan seufzte. "Das war schwer", bekannte er und Usagi konnte hören, dass er genauso erschöpft war, wie alle anderen.

Kan atmete ein paar mal tief durch. Dann reichte er Tai eine Hand und Tai half ihm aufzustehen. Leicht schwankend blickte sich Kan um.

"Bringt mich zurück", bat Kan und bevor Usagi protestieren konnte, waren sie verschwunden. Was sollte nun werden?

Kinuko lächelte ihm zu, aber Usagi war traurig. Ächzend stand er auf und mit Jei zusammen gab er jedem zu trinken und einen von Tais klebrigen Energieriegeln. Jei blieb bei Sanshobo und Usagi setzte sich zu Tomoe. Erschöpft kauten sie auf dem süssen Gebäck.

Dann kehrten Tai und Kan zurück. Beide hatten ihre Arme voll mit Decken und Bettrollen. Kan setzte sich, er war am Ende seiner Kraft. Tai verschwand nochmal. Gen brachte Kan zu trinken und etwas zu essen. Sanshobo begann die Decken und Bettrollen auszubreiten und Tai kam mit weiteren Betten zurück.

Fragend blickte Usagi Kan an. Kan schluckte, trank noch einmal und antwortete dann: "Wir sind alle viel zu erschöpft, als dass wir irgend jemand noch einmal helfen könnten. Wir bleiben heute Nacht alle hier und machen morgen weiter."

Kan lächelte seine Frau an und diese kam zu ihm, setzte sich und lehnte sich an ihren Mann.

Sie alle waren ungeheuer müde. Keine fünf Minuten lagen alle in ihren Betten. Gen hatte einen Moment unschlüssig zwischen den Betten von Usagi mit Tomoe oder Kan und Kinuko gestanden. Schliesslich winkte Kan ihn heran. Usagi freute sich für Gen. Statt Gen schlief Tai bei ihnen.

Kurze Zeit später waren alle eingeschlafen.

Fortsetzung

Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 6: Freunde und Feinde