Der sechste Teil der Geschichte
Prolog
Bisher 6 Teile in sechs Wochen, etwa 600KB Text. Nicht schlecht. :-)
Kitsune direkt nach einer Vorstellung
Quelle: FIXME Can't find reference "uy-book7" - Kitsune, Seite 12
Freundschaft
Am nächsten Morgen beim Frühstück waren alle sehr müde, aber es war keine körperliche Erschöpfung. Vielmehr war der gestrige Tag geistig sehr anstrengend gewesen. Trotzdem waren sie alle begierig darauf, dass es weiterging.
Nach dem Frühstück bat Tai Sanshobo, die erste Runde des Tages zu leiten. Sanshobo war überrascht, akzeptierte aber nach kurzem Zögern. Also nahmen sie wieder ihre Plätze ein.
Sanshobo sprach die einleitenden Worte. "Ich bin Sanshobo. Wer wünscht meine Hilfe?"
Kinuko stand auf und ging in die Mitte des Raumes. "Kinuko, vertraut ihr mir?" fragte Sanshobo ernst. Kinuko nickte.
"Gibt es jemand anders in unserer Runde, dem ihr nicht euer volles Vertrauen schenken könnt?"
Kinuko zögerte. "Es ist wichtig", ermunterte Sanshobo sie, "dass ihr ehrlich zu euch selbst seid, sonst werdet ihr unnötige Energie darauf verschwenden müssen, euch zu etwas zu zwingen, dass euch widerstrebt."
Alle erwarteten, dass sie Jei ablehnen würde, aber schliesslich sagte sie leise, "Tai."
Tai erhob sich und ging lächelnd in die entfernte Ecke des Raumes. Usagi konnte sehen, wie Kinuko aufatmete. Sie hatte ihre Furcht vor Tai noch nicht überwunden. Er wunderte sich nicht; zu gut erinnerte er sich selbst, wie schwer das ihm selbst gefallen war.
"Seid ihr bereit?" Kinuko nickte. "Dann beginnen wir nun. Als erstes rufe ich den Aspekt der Pflichterfüllung." Gen stellte sich vor ihr auf.
Dann kam der Aspekt der Ehre, gefolgt von der Treue und als letztes die Verantwortung verkörpert durch Kan, Neko und Tomoe. Sie fassten sich an den Armen und bildeten zu viert eine undurchdringliche Mauer um Kinuko. Gefasst ertrug sie die Einschränkung.
Jei wurde der Aspekt der Fremdbestimmung. Nahtlos fügte er sich in die Mauer ein.
Keiko, die Sehnsucht, kreiste um die Mauer.
Als letztes rief Sanshobo Usagi, als Aspekt der Liebe.
Usagi spürte, dass das falsch war. Er wusste nicht warum, aber er war sicher, dass er nicht die Liebe war. Ruhig blieb er sitzen. Sanshobo hatte es ebenfalls bemerkt und auch von Kinuko kam keine Reaktion. Nachdenklich ging der Priester um das starre Gebilde herum, kreiste um es, wie die Sehnsucht.
Usagi dachte nach. Freiheit? Selbstbestimmung? Alles fühlte sich nicht richtig an. Instinktiv wussten Usagi und Sanshobo, dass sie wissen würden, wenn sie das Richtige gefunden hatten.
Sanshobo überlegte, ob er Tai um Hilfe bitten sollte, aber das würde das Vertrauen, das Kinuko in ihn setzte, verletzen und das wollte er nicht riskieren. Dann hatte er eine Idee.
"Usagi, suche Deinen Platz", bat er.
Usagi erhob sich zögernd. "Aber was bin ich?"
"Ich weiss es noch nicht. Versuche, ob Du Deinen Platz trotzdem finden kannst."
Seine Sinne aufs äusserste gespannt und konzentriert begann Usagi um die Mauer zu kreisen. Er folgte den Bewegungen der Sehnsucht, aber das half ihm nicht. Schliesslich blieb er stehen, blickte nachdenklich auf die unsichtbare Kinuko. Sie war dort irgendwo im Innern, ganz allein.
Er war zu klein, um über die Schultern der Aspekte zu sehen, die die Mauer bildeten, aber wenn er sich bückte, konnte er vielleicht zwischen den Beinen hindurchsehen.
Usagi konnte es nicht sehen, aber im Inneren der Mauer war Kinuko seinen Bewegungen gefolgt. Auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, so wusste sie doch immer, wo er war.
Also kniete Usagi auf dem Boden und breitete seine Arme aus. Er legte die Hände mit den Handrücken nach unten auf den Boden und öffnete sich so für Kinuko. Er sah nur ihre Beine, wie durch ein Gefängnisgitter.
Kinuko ging in die Knie und starrte aus ihrem Gefängnis auf Usagi.
"Ohne etwas zu verlangen, biete ich euch meine Freundschaft", verkündete Usagi ernst. Das war es, was er war. Der Aspekt der Freundschaft.
Tränen rannen das Gesicht von Kinuko herunter. Sie streckte die Arme durch das Gitter ihres Käfigs, aber Usagi war zu weit entfernt. Da kam die Sehnsucht, ergriff die flehend ausgestreckte Hand und berührte mit der anderen Usagis gesenkten Kopf.
Kinuko schrie.
Nie zuvor hatte Usagi so etwas gehört und er hoffte, es nie wieder hören zu müssen.
Die Mauer wankte und wich nicht, als die Verzweiflung in Kinuko ihre Bahn brach.
Verzweifelt suchte Sanshobo einen Weg um zu ihr zu gelangen, aber es gab keine Lücke. Wie einen Schlag ins Gesicht spürte er die Ablehnung der Mauer, die Kinuko umgab. Er konnte sie nicht erreichen.
Er lief um sie herum, und Kinukos Schrei stockte einen Augenblick, aber nur so lange, bis sie Luft geholt hatte. Er spürte deutlich, wie die Situation ihm entglitt. Wenn er nicht etwas unternahm und zwar schnell, würde er Kinuko verlieren. Panik breitet sich in ihm aus. Hatte er sich übernommen? Eine Seele seinem arroganten Wunsch nach Wissen geopfert?
Er blickte zu Tai, der in der Ecke sass und meditierte. Sanshobo konnte nicht erkennen, ob er überhaupt wahrnahm, was hier geschah. Sollte er rufen? Hinübergehen? Das Vertrauen, dass die anderen in ihn setzten, opfern, um Kinuko zu retten?
Was sollte er nur tun?
Da sah er, wie Usagi schwankte. Ohne nachzudenken stürzte er zu seinem Freund und hielt ihn. Sofort spürte er, wie die Sehnsucht ungeheure Energien aus der Freundschaft riss und auf Kinuko übertrug. Er musste Usagi helfen.
So wurde Sanshobo auch zum Aspekt der Freundschaft und verschmolz mit Usagi. Gemeinsam gaben sie Kinuko, was sie konnten. Ohne an die Folgen zu denken, ohne etwas zu verlangen.
Kinuko hörte auf zu schreien und fing an zu weinen. Die Sehnsucht verliess sie, Kinukos Arm sank zu Boden. Die Sehnsucht wurde ebenfalls zum Aspekt der Freundschaft und zu dritt erholten sie sich etwas. Selbstlos warteten sie ab, dass Kinuko ihre selbsterrichteten Mauern niederriss, damit sie sich erreichen konnten.
Irgendwann hörte Kinuko auf zu weinen. Erschöpft sass sie in der Mitte ihres Kerkers. Dicke Mauern umgaben sie, aber der Halt, den sie versprachen, war nur Schein. Sich an sie zu lehnen würde sie nur Kraft kosten, statt ihr zu helfen. Statt sie zu schützen, engte die Mauer sie nur ein. Fast unmerklich raubte ihr das die Kraft.
Schliesslich stemmte sie sich hoch. Gerade blickte sie der Fremdbestimmung in die toten Augen. "Geh!" befahl sie. Jei wich ein wenig zurück, wurde aber von den anderen gehalten.
Einen nach dem anderen wies Kinuko zurück. "Ihr seid nur so mächtig, wie ich es zulasse!" sagte sie ernst. "Ihr habt keine Macht über mich, wenn ich es nicht will!"
Langsam liessen die Aspekte ihres Kerkers die Arme sinken. Am Schluss standen sie immer noch um Kinuko, aber jeder für sich. Wieder wies Kinuko jeden einzeln ab und erste Lücken bildeten sich.
Noch ein drittes Mal versagte Kinuko ihren Schatten die Macht über sie, aber sie wichen nicht mehr weiter zurück. Ein Stück Freiheit hatte sie sich erkämpft, aber nur wenig. Noch engten sie ihre Verpflichtungen ein.
Kinuko erkannte, wieviel sie diesen unsichtbaren Aspekten ihres Lebens geopfert hatte. Wie sehr sie sich schon mit ihnen identifizierte. Was konnte sie noch tun? Wie konnte sie endlich loswerden, wieder frei und selbst über ihr Leben bestimmen?
Wie aus einem tiefen Traum erwachte Sanshobo. Er war immer noch der Aspekt der Freundschaft mit den beiden anderen, aber irgendwie war alles zu einem Stillstand gekommen. Er konnte es nicht erklären. Etwas fehlte. Sein Blick fiel auf Tai, der immer noch in seiner Ecke sass.
"Tai", sagte Sanshobo ruhig, "ich rufe den Aspekt der Ablehnung."
"Was?" schrie Kinuko auf, "wie könnt ihr mir das antun?"
Langsam kam Tai auf Kinuko zu. Sie wollte zurückweichen, aber stiess an die Mauern, die ein so entsetzlicher und vertrauter Teil ihres Lebens geworden waren. Sie konnte nicht fliehen, nicht entkommen.
Mühelos durchdrang die Ablehnung ihre Schutzwälle, trat zwischen Fremdbestimmung und Pflichterfüllung auf sie zu, unaufhaltsam.
Keuchend wich sie so weit zurück, wie sie konnte, aber die Mauern hinter ihr gaben nicht nach. Verzweifelt versuchte sie sich durch die Lücke zwischen Ehre und Treue zu zwängen, aber die Ablehnung war endgültig heran.
Brutal riss die Ablehnung Kinuko zurück und umklammerte sie von hinten, dass sie fast keine Luft mehr bekam. Sie konnte jetzt mühelos in ihrem selbstgeschaffenen Kerker umher gehen, aber die Ablehnung nicht abschütteln.
Sie wand sich, aber die Ablehnung hatte sie fest im Griff. Kein Teil ihres Schutzes konnte ihr helfen, nicht die Ehre, noch die Treue, nicht die Pflichterfüllung oder die Verantwortung. Die Fremdbestimmung lächelte nur höhnisch.
Die Freundschaft war noch immer unerreichbar. Es war zum Verzweifeln. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten! Früher oder später würde sie unter der Belastung einfach zusammenbrechen und sterben.
Wie ein Stein, ein Gewicht hing die Ablehnung an ihr, zog sie in die Tiefe, raubte ihre Kraft. Es war nicht irgendeine Ablehnung; es war ihre Ablehnung gegen die Pflichterfüllung, gegen die Ehre und Treue und die Verantwortung, die ihr so viel genommen hatten.
Ihre Ablehnung gegen die Fremdbestimmung, die ihr Leben kontrollierte. Sie wollte frei sein, frei von den Zwängen ihres Standes, ihrem Klan gegenüber. Sie wollte ihr Leben für sich.
Einen Freund auswählen zu dürfen. Natürlich hätte sie jemanden bestimmen können, sie hätte befehlen können, Usagi zu ihr zu lassen. Aber die Ehre verbot es.
Die Verantwortung hielt sie davon ab. Aber am Ende waren es nicht diese Dinge, sondern ihre Ablehnung dagegen, die so viel Kraft kostete. Die Überwindung dieser Ablehnung. Jeden Tag. Woche für Woche. Ihr eigenes Glück abstrakten Idealvorstellungen zu opfern. Gegen und gleichzeitig mit ihrem Willen.
Als sie das erkannte, erlahmte die Ablehnung und sie konnte etwas freier atmen.
Für einige Augenblicke stand sie nur da, ihre wiedergewonnen Freiheit geniessend. Die Ablehnung immer noch hinter sich herschleppend, ging sie zur Verantwortung.
"Ihr seid mir eine grosse Last und eine grosse Hilfe gewesen. Ihr habt mir mein Glück genommen. Ihr habt mir die Kraft gegeben, zu herrschen. Ihr seid ein Teil von mir, und als ein Teil von mir will ich euch akzeptieren."
Und die Verantwortung wurde wieder zu Tomoe, die sich setzte.
Kinuko ging zu ihrer Ehre, die sie davor abgehalten hatte, vor ihrem vorbestimmten Leben davonzulaufen. Die auf diese Weise verhindert hatte, dass sie sich und andere ins Unglück stürzte.
Sie akzeptierte ihre Ehre als Teil von ihr und Kan konnte gehen.
Ihre Treue wurde wieder zu einem normalen Teil von ihr selbst und Neko konnte sich setzen.
Ruhig stand sie am Schluss zwischen der Ablehnung und der Fremdbestimmung. Sie blickte Jei gerade ins Gesicht. "Mein Leben wurde seit meiner Geburt von anderen bestimmt. Meine Kleidung wurde für mich ausgewählt. Wie ich zu gehen und zu sitzen hatte. Wohin ich wann gehen musste. Mein Mann wurde mit mir verheiratet, ohne dass ich ihn zuvor gesehen hatte. Nach meiner Heirat bestimmten andere über mein Leben."
Sie senkte den Kopf einen Moment. Dann fuhr sie mit fester Stimme fort. "Das wird sich nicht ändern, wenn ich morgen in mein Leben zurückkehre. Aber ich will meine Kraft nicht darauf verschwenden, etwas abzulehnen, was ich nicht ändern kann. Daher akzeptiere ich Dich als Teil meines Lebens." Jei verneigte sich und ging.
Auch der Aspekt der Ablehnung löste sich auf. Tai trat hinter ihr hervor und ging um den Aspekt der Freundschaft herum. Hinter dem Aspekt kniete er sich mit den Gesicht zu Kinuko hin und verneigte sich dann, bis seine Stirn den Boden berührte. Dort verharrte er.
Kinuko trat zum Aspekt der Freundschaft. Keiko und Sanshobo setzten sich auf. Usagi krümmte sich zu einem kleinen Ball zusammen. Mühelos stieg Kinuko durch den so aufgelockerten Aspekt hindurch.
Nachdem sie hindurch war, richteten sich die drei auf. Kinuko blieb vor dem neuen Aspekt stehen, den Tai jetzt verkörperte. Kinuko schloss die Augen und senkte den Kopf etwas.
Feierlich sprach sie: "Mit Demut empfange ich die Freundschaft, die mir ohne Hintergedanken, ohne etwas zu fordern, angeboten wird."
Tai, der vierte Aspekt der Freundschaft erhob sich. Die anderen drei Aspekte stellten sich um Kinuko herum auf. Jedem einzelnen dankte sie.
So wurde aus der zerrissenen Kinuko wieder sie selbst.
Etwas erschöpft, aber glücklich, setzen sich alle um das Feuer herum. Kinuko ging zu Usagi und bedankte sich bei ihm, für das wunderbare Geschenk, dass er ihr gemacht hatte.
Dann ging sie zu Kan und lehnte sich an ihn. Kan, der sich bis heute Morgen nicht hätte träumen lassen, dass er jemals erleben würde, dass seine Frau in aller Öffentlichkeit so etwas intimes tun würde und er es geniessen könnte, statt es ablehnen zu müssen, legte einen Arm um sie.
"Manchmal", erklärte Tai, "ist es nicht Liebe und Zuneigung, die wir brauchen, sondern nur ein Freund. Jemand, mit dem wir reden können, der keine Forderungen stellt, dem wir nichts geben müssen. Du solltest Dir so bald wie möglich einen Freund oder eine Freundin suchen, Kinuko."
"Das wird nicht einfach sein", dachte Kinuko laut.
"Jetzt, wo Du Deine Ehre, Treue, Verantwortung und Pflichterfüllung als einen Teil von Dir akzeptierst, wirst Du feststellen, dass Du viel von der Kraft, die Du auf die Abwehr der Fremdbestimmung verwendet hast, nutzen kannst, um die Welt um Dich herum nach Deinen Wünschen zu formen."
"Du wirst leichter in der Lage sein, einen echten Freund von einem Speichellecker zu unterscheiden, der Dir nur etwas bietet, um selbst etwas zu bekommen."
"Ich denke", lachte Tai, "dass Kan Dir da einige Tipps geben kann." Kan grinste fast und nickte.
"Unsere Gefühle sind ein Teil von uns, so wie unser Verstand. Aber genauso, wie ein zu starker Verstand die Gefühle vergewaltigt, passiert das gleiche, wenn wir uns ausschliesslich von unseren Gefühlen kontrollieren lassen. Wie in allem in der Natur, so muss auch hier ein Gleichgewicht zwischen den Extremen herrschen, um uns zu vervollständigen."
"Nur so können wir alles erreichen, was überhaupt möglich ist. Gewähren wir einer Seite die andere zu unterdrücken oder zu kontrollieren, so berauben wir uns selbst einer Wahl. Und die unterdrückte Seite wird für sich kämpfen. Das kostet Kraft. Die andere Seite muss dann wieder mehr Kraft aufwenden, um die Kontrolle zu behalten."
"Am Ende kann keiner als Sieger hervorgehen, denn das Ziel ist kein Ort, an dem wir sein wollen. Manchmal täuschen wir uns und dann finden wir uns an diesem Ort wieder. Wir fragen uns: Wie bin ich hierher gekommen? Wie konnte es soweit kommen?"
"Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist: Wie komme ich wieder zurück?"
Tai liess seine Wort eine Weile wirken.
"Ich bin Tai. Wer wünscht meine Hilfe?"
Neko und Kan blickten sich an. "Ich bin noch nicht soweit", sagte Kan offen. Neko nickte und erhob sich.
"Ich bin Neko und erbitte eure Hilfe."
"Dann wollen wir Dir helfen, Neko, mit allem was wir sind." Sie setzen sich wieder an die Wand bis auf Neko, der in der Mitte des Raumes stehen blieb.
Tai wies ihm den Aspekt des Wohlstandes zu. Dann kamen die Aspekte der Scham, des Glücks, des Ansehens, der Zufriedenheit. Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass Neko unglücklich darüber war, dass er seiner Frau nicht mehr Wohlstand und Sicherheit bieten konnte. Er verschwendete seine Kraft darauf, sich das zu wünschen statt aus dem, was er hatte, mehr zu machen.
Kan stellte fest, dass er die Situation von Neko in keiner Weise bewertete. Der Gedanke, die Probleme von Neko könnten mehr oder weniger wichtig als von irgendeinem anderen in der Runde sein, kam ihm seltsam vor. Er fand das so wichtig, dass er es laut aussprach. Viele aus der Runde nickten.
"Ich denke vor ein paar Tagen hätte ich noch anders darüber gedacht", fuhr er fort und blickte Tai nachdenklich an. "Das war es, was Du meintet, als Du am Anfang davon sprachst, dass wir nicht zurückkehren würden."
"Leben heisst Veränderung", antwortete Tai. "Das, was wir in diesen beiden Tagen erleben, wird uns für immer verändern. Die Personen, die durch diese Tür getreten sind, sind nun nicht mehr da."
Wieder gab Tai jedem Zeit über die Worte nachzudenken.
"Essen wir etwas", schlug Tai dann vor. Wie schon gestern assen sie draussen unter dem Vordach. Es war viel kälter als gestern. Sie hüllten sich in ihre Decken und wärmten sich gegenseitig.
Während und nach dem Essen unterhielten sie sich angeregt über ihre Erfahrungen und Einsichten, die sie gestern und heute gewonnen hatten. Überrascht stellten sie fest, dass fast jeder etwas anderes gesehen hatte. Während der Eine eine unbestimmte Sehnsucht im Blick der Verantwortung auf den Wohlstand in Nekos Aufstellung gesehen hatte, hatten andere Trauer gesehen.
"Das hängt damit zusammen, dass keiner von uns die Welt so sehen kann, wie sie wirklich ist", erklärte Tai. Er klopfte an einen Balken, der das Vordach stützte.
"Braunes Holz. Wir sind uns alle einig. Sogar die Farbe wird von uns allen gleich aufgenommen, zumindest äusserlich. Wir würden alle übereinstimmen, dass dieser und der andere Balken dort, etwa die gleiche Farbe haben."
"Bei Gefühlen gibt es solche einfachen Vergleichsmöglichkeiten nicht. Ausserdem werden die Gefühle, die wir bei anderen sehen, stark davon beeinflusst, wie wir uns selbst fühlen und welche Erfahrungen wir selbst schon gemacht haben. Jemand, der immer in Armut gelebt hat, wird anders über den Reichtum, den Edo so selbstverständlich präsentiert, denken als jemand, der in Edo geboren wurde."
"Der Eine wird sich abgestossen fühlen, von so viel Verschwendung. Der Andere wird sich wundern, wenn er Edo verlässt, wie es sein kann, dass es nicht überall so schön ist. Die Frau, welche mit gewalttätigen Brüdern aufgewachsen ist, wird anders über ihren aggressiven Ehemann denken, als die Frau, welche frisch verliebt ist."
"Kan", fragte Tai, "Was habt ihr gedacht, als ihr Gen das erste Mal gesehen habt?"
"Äh ...", wich Kan aus, der mit Gen unter einer Deckte steckte, "darf ich mich erst in Sicherheit bringen?" Sie brüllten vor Lachen.
"Ich habe es irgendwie gefühlt", sagte Usagi ruhig, "dass da mehr ist, als nur der Lügner, der Abweisende."
"Hey! Ein schöner Freund bist Du", protestierte Gen.
"Deine Erfahrung hat Dich gelehrt, nicht immer nach dem ersten Anschein zu gehen. Damit hattest Du immer die grössten Probleme und daran hast Du am härtesten gearbeitet", bestätigte Tai.
"Die meisten Leute haben Gen sofort abgelehnt, aber Usagi konnte sich nicht entscheiden. Auf der einen Seite lehnte er die Art von Gen ab, aber er war sich auch sicher, dass da mehr war."
Tai blickte zu Gen hinüber. "Erinnert ihr euch noch an eure erste Begegnung mit Stray Dog?"
Usagi blickte überrascht auf. Noch grösser war seine Überraschung, als Gen ruhig blieb und nur nickte.
"Usagi hat damals schon gesagt, dass Inukai mehr sei, als er zu sein schien."
Usagi konnte sehen, wie Gen nachdenklich nickte. Als Inukai sie betrogen hatte, hatte Gen stundenlang getobt. "Was ist geschehen?" fragte er Gen.
Gen dachte einen Moment nach. "Erinnerst Du Dich, dass er schon wieder abgebrannt war, als wir ihn trafen? Ich hatte gehört, dass er kurz vorher eine grössere Belohnung kassiert hatte, aber er hatte nichts mehr von dem Geld."
"Naja, ich habe herausgefunden, warum", schloss Gen.
"Und Du willst es mir nicht sagen?" hakte Usagi nach.
Gen schüttelte nur den Kopf. "Du musst ihn schon selber fragen, wenn Du ihn das nächste mal triffst."
"Da fällt mir noch ein, dass ich mich noch nicht bedankt habe", sagte er an Tai gewandt.
"Das ist nicht notwendig", antwortete dieser.
"Doch", bekräftigte Gen, "Ich danke euch. Für alles."
"Ich danke euch, dass ihr meine Hilfe angenommen habt."
Eine Weile sagte niemand etwas. Nur ihr Atem gefrohr leise in der Luft.
"Einige von euch denken noch immer, dass ich Magie einsetze oder etwas in der Art. Alles, was gestern und heute passiert ist, ist geschehen, weil ihr es zugelassen habt."
"Als ich Kan die Hilfe für seine Frau anbot, da wollte sie nicht. Sie misstraute mir, weil sie so viel schlechtes über mich gehört hatte. Das legte sich gestern nicht, also half ich Sanshobo so weit, dass er ihre Aufstellung durchführen konnte. So schuf ich das Vertrauen in Kinuko, dass sie benötigte, um das hier durchzustehen."
Usagi lachte auf. "So manipuliert ihr uns."
Tai schmunzelte. "Das ist, was ich am besten kann. Aber das, was ich heute tue, kann jeder hier. Gehen wir wieder hinein?"
Nach und nach erhoben sie sich und versammelten sich wieder im Haus.
"Ich bin Tai. Wer wünscht meine Hilfe?"
Kan wollte sich schon erheben, aber Usagi kam ihm zuvor. Ohne, dass er sagen könnte warum, ging er zu jedem und bedankte sich lächelnd. Die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus. Jei bedankte sich zurück, regte sich aber sonst nicht. Tai nickte nur. Sanshobo blickte ihn überrascht an. Gen stand auf und umarmte ihn fest. Neko grinste und dankte.
Keiko verneigte sich. Tomoe nahm seine Hände und hielt sie einen Moment. Kinuko fiel ihm um den Hals und küsste ihn! Usagi war es weder peinlich, noch störte er sich daran. Ganz gab er sich dem Gefühl hin. Als sie sich wieder von ihm löste, rauschte das Blut in seinen Ohren. Etwas verlegen setzte sie sich wieder. Weder Tomoe noch Kan schienen sich daran zu stören, eher war das Gegenteil der Fall. Sie freuten sich mit Kinuko und ihm.
Kan bedankte sich ernst. "Dich zu kennen, bereichert mein Leben. Ich danke Dir."
Usagi ging in die Mitte des Raumes zurück und kniete sich hin. Leise begann er zu sprechen. "Ich bin Usagi. Ich erbitte Hilfe, um in meine Seele blicken zu können. In mir gibt es eine ... Kraft, etwas, dass mich vorantreibt. Wenn ich sehe, dass jemand Hilfe braucht, dann kann ich mich nicht entscheiden - ich muss helfen."
"Ich helfe gerne, aber manchmal schadet meine Hilfe mehr als sie nützt. Das geschieht dann, wenn das ... Etwas in mir keine Ruhe gibt. Wenn ich nicht zum Nachdenken komme, weil ich helfen muss. Hals über Kopf stürze ich mich in Schwierigkeiten, ohne nachzudenken oder innezuhalten und reisse meine Umgebung mit mir."
"Ich möchte verstehen, was da vorgeht und es auflösen", schloss er und blickte die anderen offen an.
"Gibt es jemanden unter uns, dem Du nicht vertrauen kannst?" erkundigte sich Tai ernst.
'Kan', dachte Usagi überrascht. Er wusste nicht warum und es war ihm unangenehm. War Kan nicht der einzige, der noch nicht vorgetreten war? Hatte er, Usagi, ihm nicht etwas genommen, weil er jetzt hier sass und nicht Kan?
Tais Gesichtsausdruck lieferte Usagi keinen Hinweis. Sollte er sprechen oder schweigen? Aber das lieferte schon die Antwort.
"Kan", sagte er laut. Kan blickte ihn überrascht an und auch die anderen hatten etwas anderes erwartet.
Usagi senkte den Kopf. "Ich weiss nicht warum."
"Es ist nur Kan", sagte er entschuldigend.
"Kannst Du sagen, warum?" ermutigte Tai ihn.
Usagi dachte noch einmal nach, aber alles, was passierte, war, dass sich sein Gefühl verstärkte. Schliesslich schüttelte er den Kopf.
"Kan, kannst Du Dir vorstellen, warum Usagi Dir nicht vertraut?"
Kan schüttelte seinen mächtigen Kopf. Sein Gesicht war ausdruckslos. "Nein", bekräftigte er.
"Aber in Deinem Inneren tobt ein Sturm der Gefühle", sprach Tai ruhig.
Kans Kopf ruckte herum. Sorgfältig hielt er sein Gesicht ausdruckslos. Er öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, aber kein Laut kam über seine Lippen.
"Jeder ausser Dir hat jetzt um unsere Hilfe gebeten", erklärte Tai. "Dass Du Dein Gesicht mit aller Gewalt von Deinen Gefühlen fernhälst, zeigt uns, wie es in Dir aussieht."
"Das kostet Dich viel Kraft. Diese hast Du nun nicht, um Usagi zu helfen. Du hast viel Erfahrung darin, andere darüber im Unklaren zu lassen, was Du im Moment denkst, aber trotzdem spüren wir alle es."
"Den Verstand kannst Du täuschen, aber die Gefühle nicht. Usagi weiss es nicht, aber er spürt, dass Du keine Hilfe für ihn bist, solange Du Deine ganze Kraft dazu einsetzt, Deine eigenen Gefühle zu kontrollieren."
Erst jetzt drehte Tai sich Kan zu. "Du musst Dich entscheiden, ob Du Deinem Freund Usagi helfen willst, oder nicht. Niemand kann Dir das abnehmen. Niemand kann Dir dabei helfen. Aber solange Du Usagi nicht helfen kannst, können wir Dir auch nicht helfen. Ohne die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, kann man selbst nicht helfen."
Ohne Vorwurf wartete Tai Kans Entscheidung ab. "Aber ich will ihm helfen!" protestierte Kan kraftlos.
"Ja", bestätigte Tai, "aber nicht weil Du willst, sondern weil Du es für Deine Pflicht hälst. Das ist der Grund, warum Du hier bist. Und warum Du bisher noch nicht vorgetreten bist. Du kannst nichts annehmen."
Gen wollte etwas sagen, aber Tai hielt ihn zurück. "Wir können nichts tun, als Kans Entscheidung abzuwarten und diese zu respektieren."
Geduldig warteten sie. "Ich habe Angst", gestand Kan schliesslich ein.
"Natürlich", bestätigte Tai, "aber Du kannst nur den Teil von Dir verlieren, der nicht Kan ist."
"Du musst sehr einsam sein", sagte Usagi mitfühlend. "Hast Du überhaupt jemand, dem Du vertraust?"
Mit leerem Blick starrte Kan geradeaus. Sein Gesicht zuckte, aber noch immer konnte er einfach nicht loslassen. Sich öffnen. Jemandem vertrauen.
Zeit seines Lebens war er nur von Leuten umgeben gewesen, denen er nicht hatte vertrauen können. Das Misstrauen war zu einem Teil seiner Seele geworden. Er wusste, dass er dringend die Hilfe der anderen benötigte, aber er konnte es nicht. Konnte sich nicht überwinden.
"Kan", sprach Tai ihn eindringlich an, "es geht nicht darum, etwas zu wollen. Es geht darum, etwas zu tun. Du hast zugelassen, dass Gen sich hinter Dich stellt. Dass er Dich berührt. Da hast Du nicht nachgedacht, Du hast es einfach getan. Das ist es, was Du kannst. Wenn Du nachdenkst, dann wird Dein Verstand nur weitere Ausreden produzieren. Warum es nicht geht, warum Du nicht kannst, darfst, sollst."
"Du musst nicht nachdenken, Du musst Dich nur entscheiden."
"Ich habe Angst", wehrte Kan schwach ab. Es kostete ihn seine ganze Kraft diese Worte auszusprechen.
"Niemand hier wird schlecht über Dich denken, wenn Du einfach aufstehst und gehst", bot Tai an.
"Das will ich nicht. Ich will nicht vor mir selbst flüchten."
"Aber entscheiden willst Du Dich auch nicht."
Seufzend legte Kan den Kopf an die Wand hinter sich und starrte zum Dachgiebel hinauf.
Tai stand auf und ging zu Kan hinüber. Er wartete ab, bis Kan ihn anblickte. "Geht zu jedem und blickt ihm ins Gesicht", befahl Tai.
Langsam erhob sich Kan und ging zu Neko. Neko war ein kleingewachsener Bauer und der Fürst ragte mächtig und gross vor ihm auf. Eine lange Zeit blickten sich die beiden direkt an, ohne zu blinzeln, ohne den Blick zu senken. Dann ging Kan zum nächsten.
Am Schluss ging er zu Usagi. Ohne irgendetwas bestimmtes zu Denken blickte Usagi ihn direkt an. Bot sich selbst ohne Hintergedanken dar. Er spürte den Schmerz, den Kan so sorgfältig verbarg. Die vergewaltigte Seele in der schönen Hülle. Wie er gelernt hatte, hielt er sich zurück, dachte nicht einmal daran, Kan zu etwas zwingen zu wollen. Kan musste selbst entscheiden.
Kan sah ihn lange an. Dann liess er den Kopf hängen und ohne sich noch einmal umzudrehen, verliess er das Haus.
Traurig sahen ihm die anderen nach. "Die schwerste Lektion im Leben", sagte Tai, "ist zu erkennen, wenn man nicht helfen kann. Den Willen von anderen zu akzeptieren, auch wenn er falsch zu sein scheint und ihnen so den Freiraum zu geben, sich zu entwickeln."
"Wird er zurückkommen?" fragte Gen besorgt.
Tai blickte auf den Ausgang. "Ich weiss es nicht. Er steht am Abgrund und er müsste nur einen kleinen Schritt tun, aber statt nach vorne zu sehen, blickt er nach unten."
"Es spielt keine Rolle. Sanshobo wird bald genug gelernt haben, um diese Technik selbst anzuwenden. Dann kann er zu einem späteren Zeitpunkt Kan seine Hilfe nochmals anbieten."
"Usagi, gibt es noch jemanden, dem Du nicht vertraust?"
"Nein."
"Dann werden wir Dir helfen. Bitte setze Dich noch einmal hin. Als ersten Aspekt rufe ich die Trauer. Neko, wollt ihr für uns die Trauer sein?"
In den folgenden Stunden lernte Usagi, wie seine Aufopferung seine Hilfsbereitschaft kontrollierte und wie sich diese Spannung entlud, wenn jemand seine Hilfe benötigte. Das war der Moment, wo er die Kontrolle verlor und seine Hilfe zu einem Problem wurde.
Jetzt verstand er wirklich, was Tai damit meinte, wenn er sich bedankte, dass jemand seine Hilfe annahm und warum es so wichtig war, dass man anderen nur half, wenn diese die Hilfe auch wollten.
Vertrauen
Nachdem sich alle ein wenig erholt hatten, ging Usagi nach draussen, um nach Kan zu sehen. Kan sass unter dem Vordach in einer Decke. Ohne etwas zu sagen, setzte sich Usagi neben ihn. Gemeinsam blickten sie auf die bleiche Schneedecke vor dem Haus, die nur an wenigen Stellen von Spuren durchbrochen war.
"Was denkt ihr jetzt von mir?" erkundigte Kan sich endlich.
"Willst Du die Wahrheit wissen?" fragte Usagi zurück.
Kan schnaubte. "Ist es so schlimm?"
"Ich denke gar nichts", bekannte Usagi.
Kan blickte ihn überrascht an. Das war nicht die Antwort, die er befürchtet hatte.
"Es ist Deine Entscheidung. Ich habe zwar eine Meinung dazu, aber ich werde Deine Wünsche akzeptieren", erklärte Usagi.
"Ich hatte es etwas einfacher als Du", fuhr Usagi fort, "Tai hat mich bereits mehrmals geheilt. Wenn er mir vorher gesagt hätte, was auf mich zukommt, ich wäre wahrscheinlich davongelaufen. Aber jetzt, wo es vorbei ist und ich die Früchte meiner Anstrengungen ernten kann, bin ich froh um den Schmerz."
Kan antwortete ihm nicht.
"Wir verlangen nichts. Keine Erklärungen oder Ausreden. Alles, was wir uns wünschen ist, dass Du Dich entscheidest. Entweder wieder hineinzugehen und unsere Hilfe anzunehmen oder zu sagen, dass Du unsere Hilfe nicht willst. Dann kann Tai euch wieder nach Hause bringen."
Usagi erhob sich und ging wieder hinein.
Nach einigen Augenblicken folgte Kan ihm.
Usagi setzte sich an die Wand zu den anderen und Kan ging in die Mitte des Raumes. In Gedanken versunken stand er da.
"Erinnerst Du Dich an Deinen grössten Fehler?" fragte Tai. Kan blickte auf.
"Eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als völlig falsch herausgestellt hat?"
"Nun ...", begann Kan.
"Bedauerst Du, dass Du Dich entschieden hast?"
Wie aus einem offenen Wasserschlauch schien die Spannung aus Kan herauszufliessen. "Nein", bekannte er, "Ich bedauere, was aus der Entscheidung geworden ist, aber ich bedauere nicht, dass ich mich entschieden habe."
Ein Ruck ging durch seinen Körper. "Ich bin Kan und bitte um eure Hilfe."
Er schluckte und sammelte die Kraft für die nächsten Worte.
"Ich weiss nicht, was nun kommen mag. Aber ich habe mich entschieden", sagte er bestimmt und erleichtert, dass er es getan hatte.
Tai nickte. "Gibt es jemand hier, dem Du nicht vertraust?"
Kan lachte humorlos. "Mir selbst." Sein Blick traf sich mit dem von Usagi. "Ihr hattet Recht mir nicht zu vertrauen."
"Wir werden sehen", antwortet Tai.
"Ich rufe den Aspekt des Misstrauens." Gen, Kinuko, Keiko, Neko, Usagi und Sanshobo erhoben sich wie ein Mann und stürzten sich auf Kan.
Kan versuchte ihnen auszuweichen, aber sie packten ihn und hoben ihn hoch. Sobald Kan den Boden unter den Füssen verloren hatte, hing er wie betäubt in ihren Armen. Mühelos trugen die Sechs den schweren Körper.
"Jei, ihr seid Kans Selbstvertrauen." Jei stand auf und setzte sich in eine Ecke. Wie ein Häuflein Elend hockte er da.
"Der Boden", Tai klopfte auf ihn, "ist die Realität. Kan, Kannst Du sehen, wie Dein Misstrauen Dich von ihr fernhält?"
Kan blickte stattdessen zu seinem Selbstvertrauen. "So schlimm ist es nun auch wieder nicht."
Tai ging zu ihm hinüber. "Das, was Du für Selbstvertrauen hälst, ist in Wirklichkeit Misstrauen. Es ist so selbstverständlich für Dich anderen zu misstrauen, dass Du es schon für einen wichtigen Teil von Dir selbst hälst."
In den nächsten Stunden lernte Kan verschiedene Aspekte seines Misstrauens besser kennen und ihre Ursachen. Wie auch schon Usagi bei seiner ersten Heilung, brach Kan völlig zusammen, aber auch die anderen hatten am Ende kaum mehr Kraft. Keiko erlebte das Ende der Aufstellung schon gar nicht mehr. Tai trug sie zu einem Lager, nachdem sie zusammengebrochen war und sie führten es ohne sie zu Ende.
Als es vorbei war, lag Kan bewusstlos am Boden, aber er hatte sich bewegt. Sein Selbstvertrauen hatte sich aufgerichtet und ein Teil seines Misstrauens hatte sich in Vorsicht verwandelt.
Tai brachte Kan und Kinuko in ihre Burg zurück. Diener trugen den reglosen Fürsten in seine Gemächer. Tai gab den Heilern genaue Anweisungen und liess Medikamente und einige seiner Energieriegel zurück.
Bevor er ging, nahm er Kinuko noch zur Seite. "Fürst Hirano sollte mehr von seiner Verantwortung mit anderen Leuten teilen. Berater Sakajato, der während seiner Abwesenheit den Fürsten vertreten hat, würde sich zum Beispiel anbieten."
Kinuko versprach mit dem Fürsten zu sprechen. Glücklich verabschiedete sie sich von Tai. "Werde ich euch wiedersehen?"
"Sicherlich", versprach Tai, "wenn Usagi und Tomoe heiraten."
"Oh, wie schön!" freute sich die Fürstin.
Tai verbeugte sich und verliess mit der kleinen Keiko die Burg. Nachdenklich sah Kinuko ihm nach. Berater Sakajato kam, um ihr zu berichten, was in den letzten beiden Tagen vorgefallen war.
"Habt ihr etwas zu berichten, dass nicht bis morgen warten kann?" eröffnete sie das Gespräch.
Demütig verneinte Sakajato, aber etwas an ihm fiel Kinuko auf. Etwas störte sie. In den letzten beiden Tagen hatte sie gelernt, auf ihre Gefühle zu hören. Aber hatte Tai sie nicht aufgefordert dem Berater zu vertrauen?
"Gibt es etwas anderes, über das ihr mit mir sprechen wollt?" hakte sie nach.
Erschreckt verneinte ihr Gegenüber. Sie fragte sich, wovor er sich fürchtete. Sie beschloss ihn aufzumuntern. "Mein Mann und ich sind sehr dankbar für das, was ihr für uns getan habt."
Seltsamerweise schien ihn das nicht glücklicher zu machen. "In den nächsten Tagen werde ich viel Zeit mit meinem Mann verbringen, bis er sich wieder ganz erholt hat. Ich würde mich freuen, wenn ihr in dieser Zeit weiter die Amtsgeschäfte leiten würdet."
Verblüffung zeichnete sich im Gesicht von Sakajato ab. "Natürlich, Fürstin. Ihr könnt euch auf mich verlassen."
"Ich danke euch", beendete Kinuko die Audienz.
Nachdem alle fort waren und Kinuko mit ihrem Mann alleine war, dachte sie noch lange über das seltsame Verhalten des Beraters nach. Sie war sich fast sicher, dass verschiedene Gefühle sich in diesem Mann einen heftigen Kampf lieferten. Morgen würde sie mit ihrem Mann darüber reden. Vielleicht konnten sie ihm helfen, wie Tai ihnen geholfen hatte. Entspannt schlief sie ein.
Berater Sakajato kehrte derweil in seine Räume zurück. Einen Moment stand er regungslos und blickte die Kiste an, in der sich das Geld befand, dass Fürst Hikiji ihm für den Verrat an Fürst Hirano bezahlt hatte.
Die Freiheit über den Wolken
Pau kehrte mit Keiko zum Haus zurück, wo die anderen sich schon schlafen gelegt hatten. Während Keiko sich zu ihnen legte, setzte sich Pau draussen vor das Haus und wägte seine nächsten Schritte ab. Sanshobo würde noch eine Weile bei ihnen bleiben, um mehr über diese Form der Heilkunde zu lernen und Jei natürlich ebenfalls.
Gen würde sie nochmals verlassen. Blieben die Bewohner des Hauses, Keiko und ihr Mann Neko. Wenn nichts geschah, würden sie in zwei Tagen sterben.
Gefühllos beurteilte Tai verschiedene Möglichkeiten das Schicksal zu beeinflussen. Am Ende kam es immer auf das gleich heraus. Es war besser, nichts zu tun. Tomoe würde es nicht gefallen, aber unter der Alternative würden andere, wichtigere Personen zu leiden haben.
Nachdem klar war, dass er den Überfall der Banditen nicht verhindern würde, plante Pau, wie er Tomoe und den anderen die Wahrheit beibringen würde. Nachdem auch das entschieden war, wandte er sich der Frage zu, wohin sie als nächstes gehen sollten.
Nebenbei prüfte er, was andere Personen taten, die er als wichtige Knotenpunkte des Schicksals ermittelt hatte. Aufmerksam untersuchte er die verschiedenen Pläne, die Fürst Hikiji im Moment verfolgte, was der Shogun im Moment tat, wo sich Fürst Noriyuki im Moment befand und noch viele weitere Personen, von denen viele nicht einmal wussten, dass jemand wie Pau sie für wichtig hielt.
Als der nächste Morgen anbrach, hatte Pau über fünfzig Manipulationen durchdacht, die zum Teil erst in hunderten von Jahren Auswirkungen haben würden. Bald würde seine Zeit hier zu Ende gehen und er würde eine Weile fort sein. Dafür musste er noch einiges vorbereiten.
Die anderen im Haus begannen sich zu rühren. "Guten Morgen", grüsste Keiko fröhlich, "Du hast Doch nicht etwa die ganze Nacht hier draussen verbracht?"
Pau lächelte freundlich. "Guten Morgen, Keiko. Ich schlafe schon seit vielen Jahren nicht mehr. Das ich die Nacht gestern im Haus verbracht habe, war reine Höflichkeit."
Keiko starrte ihn verblüfft an, dann lachte sie herzlich: "Ihr versteht es wirklich, andere zu verblüffen! Kommt, die anderen sitzen schon beim Frühstück."
Zusammen mit Keiko ging Pau ins Haus zurück. Gen zog Usagi inzwischen damit auf, dass dieser Tomoe einen Heiratsantrag gemacht hatte. Sehr zu seinem Verdruss sprang Usagi kaum darauf an.
In guter Stimmung assen sie. Wie auf eine unausgesprochene Übereinkunft erzählte jeder eine lustige Begebenheit aus seinem Leben. Sie hatten viel Spass miteinander und der Abschied fiel entsprechend lange aus.
Draussen blickte Gen sich misstrauisch um. "Was mir schon gestern aufgefallen ist ...", begann er langsam. "Da waren keine Fusspuren von euch auf dem Weg ..."
Die Szenerie wechselte. Die anderen waren inzwischen schon fast daran gewöhnt, aber Gens Kinnlade sank herab.
"Teifu", wies Pau auf die kleine Stadt, die sich in einiger Entfernung an die Hügel schmiegte.
"Auf Wiedersehen, Murakami-san", verabschiedete sich Pau und Gen seufzte.
"Ich hoffe, dass Du zu unserer Hochzeit kommst", bat Usagi freundlich. Gen nickte und überraschte alle, als er seinen Freund umarmte. Dann ging er. Eine Weile sahen sie ihm nach, wie er zielstrebig auf Teifu zuging.
"Was nun?" fragte Usagi als er ausser Sicht war.
"Wie wäre es mit etwas Entspannung?" schlug Pau vor.
Pau brachte sie an die Küste der Geishu-Provinz. Das Meer rauschte leise an den Strand zu ihren Füssen. Der Tag war leicht diesig und die Luft roch stark nach Meer.
Sie wanderten eine Weile an der Küste entlang, machten in einigen Dörfern und Städten Rast. Jei probierte seine neue Fähigkeit aus, sich unter Menschen zu bewegen. Eines Tages war er verschwunden, aber da Pau sich keine Sorgen zu machen schien, kümmerte es die anderen nur wenig.
Sie machten an einem leicht erhöhten Punkt des Ufers Rast. Draussen im Meer konnte man Fischerboote sehen und die Schwärme der Möwen, die die Boote begleiteten.
"Ich habe einen Wunsch", sagte Usagi zu Pau. Pau blickte zu ihm auf. "Ich möchte noch einmal fliegen."
Pau nickte einfach.
"Fliegen?" fragte Sanshobo.
Usagi wandte sich ihm zu, hob die Arme und stiess sich leicht vom Boden ab. Wie eine Feder schwebte er langsam empor, drehte sich langsam um sich selbst. Wieder breitete sich dieses unvergleichliche Gefühl in seinem Innern aus und sein Gesicht strahlte. Mit geschlossenen Augen gab er sich der Erfahrung hin.
Verblüfft betrachtete Sanshobo seinen schwebenden Freund. "Möchtet ihr es auch einmal versuchen?" bot Pau an.
"Ich kann fliegen?" fragte Sanshobo ungläubig.
"Solange ich in der Nähe bin", schränkte Pau ein.
"Au ja!" freute sich die kleine Keiko, die um Usagi herumhopste.
"Usagi", rief Pau und Usagi stoppte die Drehung. Ruhig hing er in der Luft. "Fliegt auf die andere Seite", bat Pau.
"Fasst euch alle an den Händen", wies Pau sie an. Er hielt Sanshobos Hand, dieser die kleine Keiko, diese Tomoe und Tomoe wurde von Usagi gehalten.
Dann löste sich der Boden von ihnen. Sanshobo, der diesen Zustand noch nie erlebt hatte, klammerte sich fest an Pau, aber keine Gewalt zerrte an ihm. Nichts zog an ihm, er war frei!
Die kleine Keiko hatte da weniger Probleme. Nach kurzer Zeit liess sie die Hände von den anderen los und schoss davon. "Keiko!" rief Tomoe dem lachenden, kleinen Körper besorgt nach, der sich rasch entfernte.
"Keine Sorge", beruhigte Pau sie, "es kann nichts passieren."
"Aber ihr sagtet, dass man sich in der Nähe aufhalten muss", antwortete sie nicht ganz beruhigt.
"Da ich die Fähigkeit zur Verfügung stelle, ist es nicht möglich, sich zu weit von mir zu entfernen. Wenn man an meine Grenzen kommt, dann kann man einfach in eine bestimme Richtung nicht mehr weiter. Man kann auch nicht über diese Grenze hinausschiessen oder etwas in der Art."
Sanft stiess er Sanshobo von sich. Die Zen-Priester versuchte sofort zu Pau zurückzukommen und stellte überrascht fest, dass er sich sofort genauso bewegte, wie er es sich vorstellte. Als er zurück zu Pau wollte, gehorchte sein fliegender Körper sofort seinem Wunsch und als er anhalten wollte, stoppte er sofort.
Staunend begann er dieses Wunder anzunehmen. Er landete vorsichtig, aber problemlos. Er stiess sich ab und schwebte. Wenn er sich vorstellte, sich langsam um seine eigene Achse zu drehen, dann geschah das. Es ging so leicht und problemlos wie atmen.
Etwas abseits, flogen Usagi und Tomoe wie zwei Tauben nahe beieinander. Lachend umkreiste Usagi seine Freundin und zukünftige Frau, die sich nicht so leicht an dieses seltsame Gefühl gewöhnen wollte.
Unten bei den Wellen konnte man Keiko sehen, die den Strand entlang flog und Möwen jagte, die über diesen seltsamen Vogel sehr erstaunt waren. Pau blieb in der Nähe von Sanshobo und beobachtet, wie der Mönch sich langsam, aber sicher in der neuen Fähigkeit zurechtfand.
"Das ist unglaublich!" rief Sanshobo und flog langsam an Pau vorbei. Mühelos folgte Pau den Bewegungen des Mönchs. "Welche unglaubliche Macht", fuhr Sanshobo ehrfürchtig fort.
Pau lächelte nur. Er winkte und alle kamen zu ihm. "Folgt mir!" rief er und tauchte zum Meer hinunter.
Mit einiger Verzögerung aber problemlos schlossen die anderen zu ihm auf. Tief über dem Wasser flogen sie dahin. Eine Gruppe von Delphinen folgte ihnen unter der Wasseroberfläche. Wenn ein Tier sprang, dann konnten sie es berühren.
Ein besonders vorwitziger Delphin machte sich einen Spass daraus, Usagi zu folgen und ihn anzuspringen und nasszuspritzen, bis Usagi lachend höher flog. Tatsächlich schien der Delphin unglücklich zu sein, dass sein neues Spielzeug sich ihm entzog, denn er prustete protestierend.
Pau hielt sie sorgfältig von den Fischerbooten fern. "Sonst fallen sie noch vor Schreck von Bord", lachte er.
Sie flogen eine ganze Weile bis sie zu einer kleinen, unbewohnten Insel vor der Küste kamen. Sie sahen sich um und Keiko begann sofort die Natur, die unbekannten Blumen und Pflanzen zu bewundern. Sanshobo und Pau blieben in ihrer Nähe, während Tomoe und Usagi sich absonderten.
Hand in Hand gingen die beiden am Strand entlang und flogen über kleine Bäche, die sich aus dem Inneren der Insel ins Meer ergossen. Irgendwann zog Tomoe Usagi ins Dickicht und blickte ihn in der Abgeschiedenheit voller Verlangen an. Usagi war unwohl bei dem Gedanken sich ihr hier hinzugeben. Was, wenn die anderen zurückkamen? Aber sein Widerstand schmolz in ihrem leidenschaftlichen Kuss.
Sie hatten in den letzten Wochen so wenig Zeit für sich gehabt und voller Inbrunst gaben sie sich ihrer Liebe hin. Sie schwebten zwischen den Kronen der Bäume und erlebten die Ekstase sich im Flug zu lieben.
Pau achtete ihre Privatsphäre sorgfältig und führte die anderen fort.
Während Keiko sich die Insel zu eigen machte, nutze Sanshobo die Ruhe, um mit Pau über die neue Heilmethode zu sprechen, die er gelernt hatte. Pau führte ihm weitere Details vor, indem er an Sanshobo arbeitete.
Am späten Nachmittag trafen sie wieder aufeinander. Tomoe und Usagi schwammen im Meer und wuschen sich gegenseitig die verräterischen Spuren ihres Liebesspiels vom Körper. Kurze Zeit später stürzten sich Keiko und Pau ins Wasser zu ihnen und nur Sanshobo blieb erschöpft am Strand zurück. Aber auch er musste schliesslich der Gewalt weichen, als sie drohten herauszukommen und ihn mitsamt seinen Kleidern ins Wasser zu werfen.
Obwohl er so erschöpft war, stellte Sanshobo fest, dass es gut tat sich im Wasser treiben zu lassen. Noch immer konnte er fliegen und so konnte er seinen Kopf ohne Anstrengung über Wasser halten, während Keiko ausprobierte, unter Wasser zu fliegen und Fische zu erschrecken.
Später, als sie sich am Strand von der erstaunlich starken Frühlingssonne trocknen liessen, verteilte Pau Sushi und Früchte. Tomoe und Usagi sassen verliebt zusammen und lehnten sich seelig aneinander. Sanshobo bemerkte, dass sie genauso erschöpft waren, wie er selbst und er freute sich mit ihnen. Ohne Bedauern erinnerte er sich an die glückliche Zeit, die er zusammen mit seiner Frau gehabt hatte. Wie sein Sohn aufgewachsen war und ihn stolz gemacht hatte. Er wünschte den beiden von ganzem Herzen Glück.
Taschenspielertricks
"Nun?" wandte sich Usagi an Pau.
"Kitsune", schlug Pau vor.
Im nächsten Dorf traf Usagi auf seine alte Bekannte Kitsune, die wie üblich eine grössere Menge an Zuschauern mit ihrem geschickten Spiel mit den Fächern und Koma(2) unterhielt. Nach der Vorstellung, als die Menge sich wieder etwas verlaufen hatte, trat Usagi mit den anderen zu ihr und stellte jeden vor.
Pau beugte sich verschwörerisch zu ihr herunter. "Ich verrate euch ein Geheimnis", begann er so leise, dass ihn jeder hören konnte. "Mein anderer Ärmel ist auch leer!" Mit ernstem Gesicht richtete er sich wieder auf.
Kitsune lachte ihr gewinnendes Lachen. "Ein Mädchen muss sehen, dass es zu etwas kommt."
"Natürlich", bestätigte Pau freundlich. Er hielt einen Kreisel von ihr hoch. "Ihr seid sehr geschickt. Meine Hochachtung." Mit einer kleinen Verbeugung gab er ihr den Kreisel zurück, den sie etwas überrascht entgegennahm.
"Vielen Dank", freute sich Kitsune und begann ihre Sachen einzusammeln.
"Und wie ich sehe", fuhr Pau fort, "könnt ihr auch ganz gut von eurer Kunst leben", und schüttete den Inhalt einer Geldbörse in seine hohle Hand.
Überrascht blickte Kitsune auf. "Hey", rief sie aus und nahm Pau ihre Geldbörse wieder ab. Usagi lachte, als er sah, wie Pau sie mit dem Diebstahl ihrer Börse überrascht hatte. Sie schmollte ein wenig, als sie sie sorgfältig wegsteckte, während Tomoe ihre Stirn runzelte.
"Denke Dir nichts dabei", sagte Usagi fröhlich zu ihr, "Es passiert nicht oft, dass Kitsune auf einen Meister in ihrem eigenen Fach trifft."
"Sie stiehlt?" erkundigte sich Tomoe leicht indigniert.
"Sie überlebt", korrigierte Pau sie lächelnd. "Oh, ein Taschentuch."
Kitsune zuckte zusammen und blickte zu Pau hoch, der ein weisses Taschentuch in den Händen hielt. Aber sein übertrieben erstaunter Gesichtsausdruck brachte sie zum Lachen und die anderen stimmten ein. Gespielt wütend hielt sie auffordernd ihre Hand hin.
"Was ist?" fragte Pau überrascht.
"Gebt es mir zurück", forderte sie lachend.
"Was zurückgeben?"
"Mein Taschentuch!"
"Euer Taschentuch, das ist mein Taschentuch", verteidigte sich Pau.
Kitsune war einen Moment verwirrt, griff dann in ihren Ärmel und kam mit ihrem Taschentuch wieder heraus. Lachend schüttelte sie ihren Kopf.
Pau klopfte ihr beruhigend auf die Schulter. "Macht euch nichts daraus, aber sagt, wollt ihr eure Geldbörse nicht doch zurück?" Er hielt sie ihr hin.
Kitsune schüttelte sich vor Lachen. Auf dem Weg zum Mittagessen mussten alle feststellen, dass vor Pau nichts sicher war. Grosszügig entwendete und verteilte er ihre Besitztümer, zog gekochte Eier aus ihren Ohren und andere, seltsame Dinge aus ihren Taschen. Einmal zog er eine drei Schritte lange Stange aus der Tasche von Sanshobo und fragte den völlig verblüfften Mönch, wie um alles in der Welt er denn einen so langen Gegenstand in die kleine Tasche gebracht hatte.
Pau gab die Stange an Usagi weiter, der anfing sie zu untersuchen, aber nichts ungewöhnliches finden konnte. Es schien eine ganz normale Holzstange zu sein. Währenddessen steckte Pau seinen Kopf in Sanshobos Tasche. "Aha!" rief er und fing an mit ausgestrecktem Arm darin zu wühlen. Bis zu seiner Schulter versank er in der kleinen Tasche. An der Tasche war nichts zu sehen, nur Paus Gesichtsausdruck änderte sich von konzentriert suchend und tastend zu überrascht zu ernstem Stirnrunzeln.
Man konnte sich direkt vorstellen, was er in der Tasche tat. Lachend wartete Sanshobo und hielt seinen Beutel hin, während Pau offensichtlich gerade etwas gefunden hatte. Er zog, aber was auch immer er gefunden hatte, widersetzte sich. Immer, wenn er seinen Arm ein Stück aus der Tasche gezogen hatte, wehrte es sich und zerrte ihn zurück. Lachend halfen ihm die anderen zu ziehen.
Plötzlich gab es nach und alle fielen hin. Aus der Tasche schlängelte sich ein Drachenkopf und Pau liess das Horn, an dem er den Kopf gezogen hatte, überrascht los. Der Kopf erhob sich aus der am Boden liegenden Tasche mit einem mindestens 12 Ken(3) langen Hals! Er zischte wütend und fauchte und zog sich dann schnell wieder zurück. Alle starrten auf die Tasche, die jetzt harmlos und schlaff auf dem Boden lag. Wortlos nahm Pau die Stange, stecke sie in die Tasche und gab sie dann mit gespieltem Entsetzen an Sanshobo zurück.
Über ihren Schreck mussten alle lachen und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Um ganz sicher zu gehen, leerte Sanshobo den Stoffbeutel auf die Strasse und drehte ihn um. Weder die Stange noch der Drache kamen dabei zum Vorschein.
Beim Essen versuchte Kitsune Pau um einige Tricks zu erleichtern. Amüsiert erklärte er einige der Tricks, die er draussen vorgeführt hatte. Nur bei dem Trick mit der Stange und dem Drachenkopf hielt er eisern dicht.
Einmal blickte Kitsune beim Essen überrascht auf, als ein anderer Gast bezahlte. "Ich habe ihm seine Geldbörse zurückgegeben", klärte Pau sie auf.
"Ihr Schuft!" beklagte sie sich vorsichtig empört.
"Macht euch nichts daraus", tröstete Pau sie und fing an, Geld aus Kitsunes Geldbörse abzuzählen, um für das Essen zu bezahlen. Auflachend stürzten sich alle auf Pau und schlugen sanft auf ihn ein, bis er lachend um Gnade bat und versprach es nicht wieder zu tun.
"... nachdem ich euch allen wiedergegeben habe, was ich euch abgenommen habe, während ihr auf mich eingehauen habt!" lachte er.
Am Nachmittag verblüfften Kitsune und er eine wachsende Zuschauerschaft mit Zaubertricks und Illusionen. Selbst Tomoe und Usagi, die Pau ja schon länger kannten, kamen manchmal aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Virtuos spielte Pau mit der Menge und Kitsune, die er oft ungeschickt nachzuahmen versuchte und so die Menge und sie zum Lachen brachte. Am Abend zählte Pau seinen Anteil aus Kitsunes Geldbörse ab. Alle blickten ihn mit gespieltem Zorn an, bis er aufblickte.
"Was ist?" fragte er überrascht.
Mit gerunzelter Stirn griff Kitsune in ihre Taschen und überraschte alle, als sie mit ihrer Geldbörse wieder zum Vorschein kam. Lachend überreichte Pau ihr ihren Anteil und steckte die Geldbörse, die der von Kitsune so täuschend ähnlich war, wieder ein.
Am nächsten Tag begann in der Stadt eine grosse Veranstaltung, an der sich Schwertkämpfer aus dem ganzen Land messen würden. Kitsune hoffte auf noch mehr Publikum und viele fliegende Händler waren in die Stadt gekommen und hatten ihre Buden aufgebaut. Mehrere Arenen waren abgesteckt worden, so dass mehrere Wettkämpfe gleichzeitig stattfinden konnten.
Kämpfer aus dem ganzen Land, zum Teil mit Schülern und verschiedene Kampfschulen waren angereist. Usagi freute sich darauf, sich die verschiedenen Stile und Techniken ansehen zu können. Während Kitsune sich daran machte, den Leuten ihr Geld abzunehmen, gingen die anderen über dem Marktplatz. Einmal blieb Usagi zurück und kam dann mit einem nichtssagenden Gesichtsausdruck hinterher, der Tomoe verriet, dass er etwas ausgeheckt hatte.
Am Rand einer Arena liessen sie sich nieder, um die Kämpfe zu beobachten. Am Anfang kämpften viele unbekannte Kämpfer und solche, die noch keine hohe Meisterschaft erreicht hatten. Wie zu erwarten, gab es hier auch die meisten Verletzungen. Wenig Neues war zu sehen, und gespannt erwarteten sie den Auftritt der ersten besseren Kämpfer.
Tomoe ahnte, was Usagi getan hatte, als nach ein paar Runden Pau Tai als Kämpfer aufgerufen wurde. Mit einem ironischen Lächeln ging Pau an Usagi vorbei zu seinem Kampf und Usagi musste lachen, als er kurze Zeit später selber ausgerufen wurde. Er hatte Pau hinter dessen Rücken angemeldet und dieser offensichtlich auch.
Tomoe musste sich entscheiden, welchen der beiden Kämpfe sie sehen wollte und entschied sich schliesslich zu Pau zu gehen. Usagis Kampfstil kannte sie bereits, aber sie war sich sicher, dass Pau heute einiges zeigen würde. Der Gedanke, dass selbst jemand wie Pau es nicht lassen konnte mit seinen Fähigkeiten anzugeben, hatte etwas beruhigendes für sie. Ausserdem hätte Usagi sich den Kampf sicher auch gerne angesehen und so konnte sie ihm später berichten.
Der erste Gegner von Pau war ein alter Schwertmeister. Während der Schwertmeister das Reishiki(4) durchführte, lockerte Pau sich mit einer Übung des Tai Chi. Beide nickten kurz, als der Schiedsrichter fragte, ob die bereit seien.
"Kämpft!" kam das Kommando und der Schwertmeister griff sofort an. Pau liess seinen Bokken achtlos fallen und machte einen langen Schritt zur Seite, als der Gegner heran war. Sein Gegner wirbelte sofort herum, aber Pau brachte ihn mit einem Fusshaken zu Fall. Während der Gegner sich geschickt abrollte, war Pau heran. Als der Schwertmeister wieder auf den Beinen war, stand Pau so nahe bei ihm, dass er sein Schwert nicht sofort zum Einsatz bringen konnte.
Er versuchte mit einem Schritt nach hinten zu entkommen, aber Pau brachte ihn mit einem weiteren Fusshaken zu Fall und griff dieses Mal nach der Schwerthand. Geschickt verdrehte er den Arm, so dass der Gegner auf dem Bauch zu liegen kam.
Pau stellte einen Fuss in die Achsel des Armes und verdrehte die Hand, bis der Gegner den Bokken losliess. Einen Moment passierte gar nichts, bis der Schwertmeister einsah, dass er sich nicht selbst befreien konnte.
"Ich gebe auf", sagte er etwas schwer atmend. Sofort gab Pau seine Hand frei und bot ihm Hilfe beim Aufstehen an. Einen Moment zögerte der Schwertmeister, ergriff dann aber doch die angebotene Hand. Mit einer fliessenden Bewegung stand er auf.
Pau bückte sich und hob den Bokken des Schwertmeisters auf. Mit einer Verbeugung reichte er die Waffe zurück. "Ich danke euch für diese Lektion", bedankte sich der Schwertmeister. In der Menge waren die ersten Kämpfer auf Pau aufmerksam geworden. Angeregt unterhielten sie sich über Details seiner Technik.
"Es war eine Ehre gegen euch antreten zu dürfen", verbeugte sich Pau. Mit einer geschickten Bewegung des Fusses schleuderte er den Bokken in seine Hand. Beide wandten sich den Schiedsrichtern zu und erwiesen auch diesen die Ehre und gingen dann vom Feld. Als Sieger des Kampfes wurde Pau ausgerufen.
Kurze Zeit später traf Usagi bei ihnen ein. "Nun?" fragte Tomoe anzüglich. Usagi schnaubte. "Es war kein schwerer Gegner", verteidigte er sich gegen den unausgesprochenen Verdacht, er hätte verloren.
Einige Kämpfer hatten sich versammelt und unterhielten sich. Immer wieder warfen sie Blicke auf Pau. Dieser ging zu den Kampfrichtern und redete mit ihnen. Ernst hörten sie sich an, was er zu sagen hatte. Am Ende nickten sie und Pau kam zurück.
"Was habt ihr mit ihnen gesprochen?" wollte Usagi wissen.
"Wartet es ab", lächelte Pau.
Kurze Zeit später kamen Kampfrichter von den anderen Arenen gelaufen und sie unterhielten sich. Am Ende nickten alle einträchtig. Ausrufer wurden gerufen und ihnen das Ergebnis der Beratung mitgeteilt. Die Ausrufer verteilten sich und verkündeten die Entscheidung der Schiedsrichter.
"Auf Wunsch eines Kämpfers", begannen sie, "werden die Regeln wie folgt ergänzt."
"Wenn beide Kämpfer das wünschen, dann kann der Kampf über fünf Punkte gehen. Jeder Treffer zählt einen Punkt. Das Übertreten des Randes gibt dem Gegner einen Punkt. Eine besondere oder besonders gut ausgeführte Technik kann mit einem halben Zusatzpunkt belohnt werden. Wer zuerst fünf Punkte oder mehr erzielt, gilt als Sieger."
Die Kämpfer nahmen den Vorschlag interessiert auf. Auf diese Weise würden die Kämpfe zwischen gleich guten Gegner sehr viel interessanter werden. Im Laufe des Tages entschieden sich immer mehr Kämpfer für das neue System und am Abend war es quasi der neue Standard.
Usagi wurde an diesem Tag noch sieben mal in die Arena gerufen und Pau zwölf mal. Bei jedem Kampf zeigte er eine andere Technik. Schnell hatte sich das herumgesprochen und nach jedem Kampf war er schnell von anderen Kämpfern umringt, die Fragen zu bestimmten Details hatten. Eine Kampfschule erkundigte sich, ob er bei ihnen als Lehrer arbeiten wolle. Es gab sogar einige Anfragen von Personen, die Schüler von ihm werden wollten. Alle Anfragen wurden von Pau freundlich, aber bestimmt abgewiesen.
Am nächsten Tag war die Spreu vom Weizen getrennt. Nur noch die besten Kämpfer waren übrig und wenn Pau antrat, dann mussten Ordner einschreiten, um die Menschenmenge unter Kontrolle zu halten. Sichtlich gespannt warteten die Zuschauer darauf, was Pau diesmal vorführen würde und selbst seine Gegner begannen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Vorfreude anzutreten.
Einen Gegner besiegte er, indem er alle Angriff so lange abwehrte, bis der andere schliesslich aufgab. Neidlos gab sein Gegner zu, einfach nicht gut genug zu sein. Pau verneigte sich respektvoll vor seinem Kontrahenten und den Kampfrichtern, die seine Leistung ehrten, indem sie sich erhoben und vor ihm verbeugten.
Am Nachmittag waren noch sieben Kämpfer übrig und Usagi hatte bei der Auslosung Glück; er kam direkt in die nächste Runde. Die anderen sechs Kämpfer traten der Reihe nach in einer Arena an. So kam er in den Genuss, sich die besten Kämpfe in Ruhe ansehen zu können.
Und sie waren gut. Es war eine Ehre für ihn, dass er überhaupt so weit gekommen war. Usagi machte sich keine übertriebenen Hoffnungen, die nächste Runde gewinnen zu können. Jeder Kämpfer, der aus dieser Runde als Sieger hervorging, war besser als er.
Trotzdem freute er sich über die Gelegenheit, seine Kunst mit einem Besseren messen zu können. Nur selten hatte er diese Chance und er würde seinen letzten Kampf heute nutzen, um sich zu verbessern.
Um so überraschter war er, als er den ersten Punkt holte und sogar einen halben Zusatzpunkt. Sein Gegner schien noch überraschter zu sein als er und Usagi ging tatsächlich als Sieger aus dem Kampf hervor. Nach dem ersten Treffer hatte sein Gegner einfach keinen Fuss mehr auf die Erde bekommen, während Usagi fast entspannt gekämpft hatte. Nach dem Kampf sprach er Pau darauf an.
"Dein Gegner wollte unbedingt gewinnen, während Du mehr Möglichkeiten hattest. Wenn Du diesen Wunsch beibehalten kannst, dann wirst Du am Ende als Sieger aus dem Turnier hervorgehen", erklärte Pau ruhig.
"Gegen Dich?" fragte Usagi ungläubig, "das ist nicht Dein Ernst?"
Pau lächelte nur. Dann ging er zu seinem Kampf und traf dort auf Meister Heroito. Im Gegensatz zu vielen der anderen Kämpfern, hatte Heroito sich gut vorbereitet. Eine ganze Weile konnte keiner der Kämpfer einen Vorteil für sich verbuchen und die Zuschauer bekamen etwas für ihr Geld zu sehen.
Dann rutschte Paus Fuss nur um eine Winzigkeit und Heroito nutze seine Chance. "Anderthalb Punkte für Meister Heroito", rief einer der Kampfrichter.
Respektvoll verbeugten sich die Gegner voreinander und begaben sich wieder in die Ausgangspositionen. Dort setzten sie sich hin und meditierten kurz um sich mental auf die nächste Runde vorzubereiten und sich etwas zu erholen. Als sie soweit waren, erhoben sie sich ruhig und nickten kurz um anzuzeigen, dass sie bereit waren. "Kämpft!"
Heroito verwendete jetzt eine andere Technik und Pau ebenso. Es war fast, als ob zwei andere Kämpfer sich gegenüberstanden. Während Heroito in der ersten Runde hauptsächlich auf seine Deckung geachtet hatte, griff er nun zielstrebig an und kämpfte die Deckung von Pau gezielt nieder.
Dieser antwortete mit einer ungeheuer schwierigen Technik. Er veränderte seinen Rhythmus laufend. Auf diese Weise konnte Heroito sich nur schwer anpassen. Manchmal schlug Pau blitzschnell zu, dann wieder fast gemächlich, aber doch so schnell, dass Heroito reagieren musste um sich zu schützen. Und kurze Zeit später hatte Pau die richtige Geschwindigkeit gefunden. Langsam und sicher, stiess er seinen Bokken ins Herz seines Gegners, der dastand wie eine Statue und nur etwas verblüfft auf den Bokken starrte, der ihn an der Brust berührte. "Anderthalb Punkte für Bruder Pau!"
Pau hatte die Angriffsgeschwindigkeit gefunden, bei der die Reflexe seines Gegners noch nicht griffen, aber auch sein Verstand nicht mehr eingreifen konnte. Sein Gegner hatte dem Angriff hilflos zusehen müssen, während seine Reflexe darauf warteten, dass der Verstand etwas tat und dieser sich auf die Reflexe verliess. Damit konnte er den Kampf ab jetzt problemlos für sich entscheiden und seinen Gegner vom Platz fegen.
Aber das tat er natürlich nicht. Wieder gingen die beiden an ihre Positionen und meditierten. Noch dauerte es nicht länger, als in der letzten Runde, bis Heroitos Atem wieder ruhig und gleichmässig ging. Wieder standen sie auf und warteten ruhig auf das Signal zur dritten Runde. "Kämpft!"
Und Heroito konnte mit einer weiteren Kampftechnik aufwarten. Hatte er bisher eher konventionell gekämpft, d.h. ruhig mit kurzen Angriffen, war er nun in ständiger Bewegung, fintete und wirbelte in der Arena herum. Pau konterte mit einer Abwehrtechnik, bei der er keinen Angriff entgegennahm, sondern sein Bokken immer so hielt, dass der Gegner daran abrutschte. Usagi erkannte die Technik wieder, mit der Pau damals die Taja-Ninjas abgewehrt hatte. Wieder floss Pau wie Wasser um die Bewegungen des Gegners herum. Trotzdem musste er einen weiteren Treffer hinnehmen.
Auch diesmal sprachen die Kampfrichter Heroito die vollen anderthalb Punkte zu und Usagi musste dem zustimmen. Während die Gegner wieder meditierten, setzte ein Raunen ein während die Zuschauer leiser miteinander redeten.
Drei weitere Runden konnten die Zuschauer Kampftechnik vom Feinsten bewundern. Noch keiner der Kämpfer hatte Pau so lange widerstehen können. Pau lag mit viereinhalb Punkten zwar leicht in Führung, aber Heroito konnte mit seinen vier Punkten ebenfalls mit einem einfachen Treffer den Kampf für sich entscheiden.
Inzwischen zeigte Heroito schon deutliche Anzeichen von Erschöpfung und es dauerte lange, bis er sich soweit erholt hatte, dass er weitermachen konnte. Dann kam das Signal der Kampfrichter sich bereit zu machen. Heroito nahm die klassische Grundstellung ein, während Pau sich auf alle Viere niederliess.
In der linken Hand hielt den Bokken, den Arm leicht angewinkelt und parallel zum Boden. Der Bokken wies nach hinten. Die rechte Hand und die Füsse hatte er in den Boden gestemmt.
Dann kam das Signal: "Kämpft!" und Pau verschwand in einer Staubwolke. Dreck spritzte nach allen Seiten bis zu den Zuschauern.
"Hoppla", erklang Paus lachende Stimme, "der Boden ist weicher als ich dachte!"
Als der Staub sie wieder soweit gelegt hatte, dass man etwas sehen konnte, sahen sie, dass Meister Heroito sich die linke Seite hielt, wo Pau ihn wohl getroffen hatte, als er an ihm vorbeigehuscht war. Pau selbst lag am Ende einer längeren Furche aus Erde und Schmutz nahe bei den Zuschauern hinter Heroito und ausserhalb der Arena.
Auf die Frage, ob Pau ihn getroffen hatte, nickte Heroito nur. "Ein Punkt für Pau, ein Strafpunkt für Pau", erklang die Entscheidung des Schiedsrichters, "Unentschieden."
Fröhlich klopfte Pau den Staub von seiner Kleidung und ging zurück, um sich vor Heroito zu verbeugen. Währenddessen berieten die Kampfrichter, ob man Pau den Sieg zusprechen sollte, da er einen halben Punkt vor Heroito lag.
Pau plauderte währenddessen mit Heroito. Dieser blickte zu Usagi herüber und verbeugte sich dann vor Pau. Pau lachte und reichte Meister Heroito die Hand, die dieser ergriff und einmal fest drückte. "Ich gebe auf", rief Pau zu den Richtern herüber.
Diese hatten sich schon fast entschieden Pau zum Sieger zu erklären und blickten überrascht auf. Einer sprach Meister Heroito an, während die ersten Buchmacher, die Wetten angenommen hatten, bleich wurden. "Akzeptiert ihr seine Entscheidung?"
"Das tue ich", verkündete Heroito ruhig.
Der Kampfrichter nickte. "Dann ist es entschieden. Aus dem letzten Kampf geht Meister Heroito von der Kamamitsu Schule als Sieger hervor", verkündete er. "Der nächste und letzte Wettkampf findet morgen statt", er verzog das Gesicht, "wenn die Arena wieder hergestellt ist und zwar zwischen Meister Heroito und Meister Miyamoto."
Usagi wurde fast rot als er als Meister ausgerufen wurde. "Ich gratuliere, Meister Miyamoto", sprach Tomoe förmlich und Sanshobo schloss sich ihr an.
"Nenne mich noch einmal so und ich werde Dich das nächste mal ebenfalls einschreiben", drohte er nicht ganz ernst.
"Ah, wie ich sehe, zeigt eure Ernennung zum Meister bereits die ersten negativen Auswirkungen", schoss sie zurück.
Sanshobo lachte noch, als Meister Heroito und Pau zu ihnen herüberkamen. Ein Mann mit verkniffenem Gesichtsausdruck gesellte sich kurz zu ihnen und drückte Pau wortlos sechs Geldbündel mit jeweils 50 Ryo in die Hand. Pau bedankte sich höflich und der Mann nickte nur und wandte sich zum Gehen.
"Ihr habt gewettet?" erkundigte sich Meister Heroito reserviert.
"Ja", bekannte Pau, während er das Geld wegsteckte.
"Worauf?"
"Das würde ich auch gerne wissen", erklang die Stimme eines Wettkampfrichters, der unbemerkt zu ihnen getreten war.
"Entschuldigung!" rief Pau dem Buchmacher hinterher. Dieser bleib noch einmal stehen und kam dann zurück.
"Sagt diesen Herren doch bitte, worauf ich gewettet habe", bat Pau freundlich.
Mit immer noch wütendem Gesichtsausdruck, aber beherrschter Stimme antwortete der Buchhalter. "Ihr habt 30 Ryo bei 10:1 darauf gesetzt, dass Meister Miyamoto die Endrunde erreichen würde."
"Sonst etwas? Auf einen Sieg oder eine Niederlage von mir oder Meister Heroito?" erkundigte sich Pau.
Der Buchhalter schüttelte nur den Kopf. "Zumindest nicht bei mir."
"Ich danke euch", erklärte Pau und der Buchhalter ging weg, um herauszufinden, wieviel ihn Paus Entscheidung gekostet hatte.
Meister Heroito und der Kampfrichter verbeugten sich entschuldigend vor Pau. "Verzeiht mein Misstrauen", bat jeder.
Zusammen mit Meister Heroito gingen sie über den Markt. Mit wachsender Ruhe sprach Usagi mit ihm. Im Gegensatz zu ihm, schien sich Meister Heroito keine Gedanken über den Kampf morgen zu machen, während Usagi fast an nichts anderes denken konnte. Nicht höflich, Nein, wirklich interessiert, erkundigte sich Heroito nach Details von Usagis Kampftechnik. Etwas verlegen, aber auch stolz gab Usagi Auskunft, um seinerseits seinen Wissensdurst zu stillen.
Etwas weiter ab versuchten die Buchhalter sich ein Bild zu machen, um die Quoten für den Kampf morgen besser abschätzen zu können. Einige von ihnen hatten heute bluten müssen, aber nur wenige von ihnen waren dumm genug, zu versuchen sich in der Nacht zu rächen.
Trotzdem fand die Polizei zu ihrer Verblüffung am nächsten morgen einige mehr oder weniger schwer verletzte Personen in ihren Zellen vor, die sich standhaft weigerten zu erklären, wie sie dorthin gekommen waren. Sie waren sich nur einig, dass sie hierher gehörten. Bereitwillig gestanden sie ihre Verbrechen.
Am nächsten Morgen erwachte Usagi nicht sehr ausgeruht. Er wollte den Wettkampf gewinnen, aber wenn Pau recht hatte, dann würde diese Einstellung zur Niederlage führen. Aber er konnte sich einfach nicht wünschen, nicht zu gewinnen. Der Kampf würde erst am Nachmittag stattfinden, sehr zur Freude der ganzen Händler. Also hatte Usagi noch eine ganze Weile Zeit sich Gedanken zu machen.
Den Vorschlag der Anderen, noch einmal über den Markt zu gehen, lehnte er höflich ab. Er würde noch etwas meditieren und dann direkt zum Kampf gehen.
Als es soweit war, hatte er immer noch nicht die richtige Einstellung. Also gab er einfach sein Bestes.
Heroito wischte den Boden der Arena mit ihm auf.
Den ersten Treffer konnte er sich ziemlich lange vom Leib halten, aber nur, weil Heroito ihn am Anfang überschätze und entsprechend vorsichtig vorging. Die beiden nächsten folgten kurze Zeit später.
"Dreieinhalb Punkte Heroito", verkündete der Kampfrichter. Die Zuschauer blieben stumm. Usagi machte sich nichts vor. Von den beiden besten Kämpfern hatte sich das Publikum mehr erwartet.
Vor der nächsten Runde, frage Heroito ihn, ob er nicht aufgeben wolle um sich die Schande einer vollständigen Niederlage zu ersparen. Usagi blickte zu dem Kämpfer auf, der fast einen ganzen Kopf grösser war als er. "Wenn es euch nichts ausmacht, dann würde ich gerne fortfahren", bat Usagi, "ich werde sicher nie mehr in meinem Leben die Gelegenheit haben, gegen einen so guten Kämpfer anzutreten."
Meister Heroito lachte freundlich. "Nun, vielleicht reicht euer Können nicht an euren Mut heran, aber eure Ehre tut es", sagte er und ging auf seine Position zurück.
Während Usagi sich bereit machte, fiel ihm etwas ein. Als er mit aller Gewalt versucht hatte, Kenichi zu helfen, war er kläglich gescheitert. Erst, als er aufgegeben, sich entspannt hatte, war es ihm gelungen. Hatte Pau das gemeint?
Was hatte er zu verlieren?
Er legte den Bokken neben sich auf den Boden und ging in die Grundstellung des Tai Chi. Mit acht tiefen Atemzügen brachte er Ruhe in sich und Ausgeglichenheit. Er liess jeden Gedanken los, stand nur da und ruhte in sich selbst. Als er sich bereit fühlte, nahm er mit einer fliessenden Bewegung den Bokken wieder auf und nickte langsam um anzuzeigen, dass er bereit war.
Distanziert und leicht wartete er auf den Angriff von Heroito. Dieser griff wieder langsam und vorsichtig an. Aber auch Usagis eigene Bewegungen waren auf einmal langsam und schwerfällig. Dennoch hatte er keine nennenswerten Schwierigkeiten, sich Heroito vom Leib zu halten. Alle Angriffe Heroitos waren leicht vorherzusehen und schon bald sah er die erste Lücke in der Abwehr und stiess sofort zu.
Verblüfft erstarrte Heroito. "Punkt Usagi!" rief der Kampfrichter.
Ohne Regung nahm Usagi die Nachricht auf. Es war bedeutungslos geworden. Nichts hatte mehr eine Bedeutung. Der Bokken lag nicht mehr in seiner Hand, sondern war nun ein Teil von ihm, wie seine Ohren. Bewegungslos wartete er den nächsten Angriff ab, nickte nur einmal langsam, als der Kampfrichter sich erkundigte, ob sie bereit waren.
Und wieder griff Heroito unerträglich langsam an. Wieder wehrte Usagi seine Angriffe spielend ab, sah seine Chance ... und liess sie ungenutzt verstreichen. Stattdessen nahm er die Technik von Heroito in sich auf, das Spiel seiner Muskeln. Führte ihn fast durch die Angriffs- und Abwehrmuster.
Erst, als er sich sicher war, alles Wichtige gesehen zu haben, berührte er Heroito leicht mit dem Bokken, um die Runde zu beenden. Fernab jeden Gefühls von Triumph ging er ruhig an seinen Platz zurück und wartete mit gesenktem Bokken entspannt auf den nächsten Angriff.
In der nächsten Runde erlernte er die Grundlagen einer völlig neuen Technik. Interessiert lockt er Muster um Muster aus Heroito hervor, bis die Leistung von Heroito plötzlich deutlich schlechter wurde. Usagi erkannte, dass Heroito an seinen Grenzen angekommen war. Er beendete die Runde, damit Heroito sich erholen konnte.
In dieser neuen Welt zwischen An- und Entspannung wartete er ab, bis Heroito zu verstehen gab, dass er bereit war. Ohne Enttäuschung stellte er fest, dass Heroito sich in dieser Runde auf eine klassische Technik verliess, die er zwar perfekt beherrschte, die aber Usagi keinen Anreiz bot.
Er wägte zwischen seinem Wunsch nach Wissen und der Demütigung von Heroito ab. Er entschied sich gegen beides und zwang Heroito mit Mustern aus der gerade gelernten Technik in die Defensive. Ohne Bedauern stellte er fest, dass er zwar hervorragend kämpfte, aber nicht schneller lernte, als er es gewohnt war und die Runde an Heroito ging.
Während er abwartete, dass Heroito sich erholte, dachte er über die Niederlage nach. 'Hat mein Stolz mich zu diesem Fehler verleitet?' Er empfand nichts. Er hatte nicht einmal den Eindruck, dass es ein Fehler gewesen war. 'Was spielt es schon für eine Rolle, wer gewinnt?'
Trotzdem hielt er sich in der nächsten Runde mehr zurück und wurde mit neuen Mustern von Heroito belohnt. Tatsächlich schien sich Heroito zu verbessern. Usagi spürte deutlich, wie sich die Zeit, die er zum Reagieren auf Heroitos Angriffe hatte, verkürzte. Um sich besser mit dem Phänomen auseinandersetzen zu können, beendete er die Runde.
Nachdenklich ging er an seinen Platz zurück. Immer noch betrachtete er sich und Heroito mit dieser seltsamen Distanz. Er spürte nichts, keine Angst, keine Freude, keinen Triumph, einfach nichts. Sein Körper schien einem anderen zu gehören. Er entschied, dass er nach dem Kampf Pau fragen würde und nickte, als der Richter fragte, ob er bereit war.
Er wusste nicht warum, aber auf einmal hatte er den Eindruck, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Also wartete er nicht ab, bis Heroito ihn angriff, sondern ging selbst zum Angriff über. Nach sehr kurzer Zeit, hatte er die Abwehr von Heroito so niedergekämpft, dass dieser praktisch schutzlos war. Usagi konnte sich aussuchen, wo er ihn treffen wollte. Ein seltsamer Ausdruck war in Heroitos Gesicht. 'Ist er überrascht über seine Niederlage?' wunderte Usagi sich noch.
Dann kippte die Welt.
So emotionslos, wie er gekämpft hatte, stellte Usagi fest, dass sein linkes Bein ihn nicht mehr trug. Heroito verschwand vor seinen Augen nach rechts. Er machte sich keine Gedanken über den Grund, sondern riss den Arm herum, nach hinten, spürte Widerstand. Er konnte nicht sagen, was er getroffen hatte. 'Mich selbst? Heroito?'
Plötzlich waren seine Gedanken träge, wateten durch einen Morast. Etwas presste seinen Brustkorb zusammen, wie mit einer riesigen Klammer. Wie ein Ertrinkender liess er den Zustand, in dem er sich befunden hatte los, versuchte die Oberfläche zu erreichen. Mit der linken Wange lag er auf dem Boden, aber der Kopf drehte sich nicht, als er es wünschte.
Seine Zunge war geschwollen, sein Hals fühlte sich an, als hätte die letzten Stunden damit zugebracht, Sand zu essen. Etwas pfiff abgehackt. Sein Atem, erkannte er erstaunt. Dann der Schmerz in seiner Brust. 'Hat mich jemand mit einem Schwert durchbohrt? Vielleicht ein Buchmacher, der einen weiteren Verlust abwenden wollte?' wunderte er sich, aber es fiel so schwer sich auf den Gedanken zu konzentrieren.
Seine Augen brannten und er wollte blinzeln, aber nichts tat sich. Plötzlich waren überall Leute. Jemand dreht ihn um. Der ganze Himmel war voller Gesichter. Heroito, der ihn immer noch mit diesem seltsamen Ausdruck ansah. Pau war da. Und Tomoe.
Dann wurde es zum ersten Mal dunkel und wieder hell. Die Leute hatten sich verändert. Sie ... leuchteten. Er sah Tomoe, mit ihrem hellen, sanften Licht. Heroito, dessen Leuchten unregelmässig und farbig war. Die anderen Leute, die nur schwach oder stark leuchteten. Pau, der nur aus einem Gewirr von dünnen, intensiven Linien zu bestehen schien.
Noch einmal wurde es dunkel und wieder hell. Usagi stand langsam auf. Seltsamerweise spürte er nichts mehr. Er konnte atmen, keine Klammer aus Stahl presste seine Brust zusammen. Auch die Schmerzen in seiner Brust waren verschwunden.
"Danke", sagte Usagi zu Pau, "für Deine Hilfe. Ich habe es wohl etwas übertrieben." Er lächelte entschuldigend.
"Das kann man so sagen", antwortete Pau ohne die Lippen zu bewegen.
Während Usagi noch überlegte, wie er Pau trotzdem so klar und deutlich verstehen konnte, schrie Tomoe auf: "Tut etwas! Er stirbt!"
Verwirrt drehte Usagi sich zu ihr um und sah sich selbst, regungslos in ihren Armen. So wie er während des Kampfes nichts gefühlt hatte, nahm er die Tatsache hin, dass er tot war. 'Was ist passiert?'
"Du musst Dich entscheiden", erklang Paus Stimme erneut, "ob Du weiterleben willst, oder nicht."
Niemand schien Pau zu hören ausser ihm selbst. Der Blick in Tomoes Augen liess ihm keine Wahl. "Bitte, ich möchte leben!" bat Usagi plötzlich beunruhigt aber auch wieder nicht.
"Gut", sagte Pau und Usagi spürte, wie plötzlich etwas an ihm zerrte. Verzweifelt wehrte er sich, aber wie eine grosse Welle riss es, was auch immer es war, ihn mit sich. Er wurde auf eine der hellen Linien, die Pau umgaben, zugezogen. Pau wandte seinen Blick zu Usagis Körper und streckte langsam die Hand aus, während Usagi mit unwiderstehlicher Gewalt in die Linie gezogen wurde, die dünner war als ein Haar.
Trotzdem passierte Usagi sie problemlos. Geblendet schloss er die Augen, aber es half nichts. Was er als Linie gesehen hatte, war eher ein Spalt, eine Öffnung in etwas, dass er nicht sehen konnte. Dahinter war eine Sonne. Etwas, das noch viel heller war als die Sonne. Es strahlte und blendete ihn, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Er war verwirrt, aber eigentlich auch nicht. Es war so, dass er wusste, dass er verwirrt sein müsste, aber er konnte es einfach nicht sein. Eine grosse Ruhe hatte sich über ihn gelegt und kein grosses Gefühl schien mehr möglich zu sein.
Er hatte den Eindruck, dass er sich darauf zu bewegte, aber statt grösser zu werden, wurde es irgendwie kleiner. Es blendete weniger statt mehr. Es zerfiel ihn viele kleine Sonnen, die sich in zufälligen Mustern zu bewegen schienen. Es mussten Tausende sein.
Staunend sah Usagi, was sich im Inneren von Pau verbarg. Je näher er kam, desto mehr kleine Sonnen schienen es zu werden. Immer mehr konnte er sehen. Und er hörte ein Raunen, wie von einem Fluss. Oder einer Menschenmenge. Auch das schien leiser zu werden, je näher er kam.
Irgendwann war er so nahe, dass er Lücken zwischen den kleinen Sonnen sehen konnte. Er sah, dass er sich verschätzt hatte. Es waren viel mehr als er zählen konnte. Es mussten Millionen sein.
Ein paar davon kamen ihm entgegen. Langsam oder schnell, er konnte es nicht sagen, trieb er auf sie zu und sie auf ihn, bis sie eine Art Kreis um ihn gebildet hatten. Er konnte nicht sagen, ob er sich noch bewegte oder nicht. Er spürte keine Bewegung mehr aber er hatte auch auch kein Abbremsen bemerkt.
Er drehte sich um sich selbst und sah, dass sie langsam näher kamen. Er konnte sich drehen, aber den Mittelpunkt des Kreises nicht verlassen.
"Hallo", klang eine Stimme auf. Obwohl Usagi sicher war, dass er keine Ohren mehr hatte, verstand er problemlos und er wusste auch, woher die Stimme gekommen war.
Er drehte sich dem Sprecher zu und grüsste zurück. "Hallo."
Dann waren die anderen heran, und er sah, dass es Lebewesen waren, so ähnlich wie er. Manche sahen seltsam fremd aus, andere fast vertraut. So wie Usagi den Eindruck hatte, noch so auszusehen, wie zu Lebzeiten, vermutete er, dass die anderen so ausgesehen hatten, wie er sie jetzt sah.
"Ich grüsse Dich, Miyamoto Usagi", sprach das kleine Wesen, mit dem langen, dichten Fell. Fast sah es aus, wie ein Ball aus Haaren, aus dem intelligente, kleine Augen herausblickten, "Ich bin Ha'ar."
Bevor Usagi eine Frage stellen konnte, fuhr das kleine Wesen fort. "Nicht erschrecken, wir werden uns gleich versetzen. Hier auf dieser Ebene wirst Du es bewusst miterleben."
Die Welt kippte erneut, drehte ihr Innerstes nach aussen und doch nicht. Usagi war verwirrt, aber spürte keine Angst. Aber er hatte das sichere Gefühl, dass Pau sich gerade bewegt hatte, auf seine seltsame Art von der Arena zu einem anderen Ort, aber nicht weit.
"Schliesse Deine Augen", forderte ihn das kleine Wesen auf. Obwohl er keine Augen mehr hatte, versuchte Usagi dem Wunsch nachzukommen. Ein Bild in seltsamen Farben bildete sich in ihm. Er sah etwas, das wohl einen Raum darstellte. Die ganze Einrichtung war grünlich, das Sonnenlicht war viel röter, als er es gewohnt war. Ein dunkelroter Hase lag auf einem Bett.
Durch die seltsame Farbe dauerte es einen Augenblick, bis Usagi sich selbst erkannte. Deutlich zeichnete sich sein Körper unter der Kleidung ab. Die Kleidung selbst war ebenfalls, aber nur schemenhaft zu erkennen, ebenso die Dinge, die sich in seinen Taschen befanden.
Langsam wurde das Rot schwächer und dunkler. Hellrote Hände von Pau, durchzogen von den Spalten, die Usagi gesehen hatte, bewegten sich über den Körper. Manchmal floss etwas Licht aus dem Spalt in den reglosen Körper und versickerte darin.
Dann zog Pau das ganze Bett in die Nähe eines Trägers, der das Dach stützte. Es war seltsam, das Ganze aus seiner Sicht zu sehen und keine Kontrolle über die Bewegungen zu haben. Pau drückte einen Nagel in den Träger und hängte dann einen Beutel mit einer Flüssigkeit daran. An dem Beutel war ein dünner Schlauch befestigt, der in einer metallischen Kugel endete.
Mit seinem Daumen fuhr Pau über den Unterarm des Toten und Haare rieselten zu Boden. Plötzlich hatte er einen Armreif in der Hand. Auch aus dem Inneren von Pau war nicht zu erkennen gewesen, woher der Armreif gekommen war. Es handelte sich um ein fingerdickes Metallband, etwa eine Hand breit. Viele Linien aus Licht durchzogen es, aber es war anderes Licht als das, welches Pau verströmte. Es war kälter.
Sorgfältig schloss Pau es um den Arm des Toten an der Stelle, wo er die Haare entfernt hatte. Mit einem leisen Surren schloss es sich um den Arm. Als ob es atmen würde, erhob es sich noch einmal und sank dann auf die Haut zurück.
In eine Öffnung steckte Pau die Kugel am Ende des Schlauches, der aus dem Beutel kam. Weitere Linien bildeten sich auf und in dem Armreif, andere verschwanden. Langsam begann sich trübe Flüssigkeit aus dem Beutel in den reglosen Körper zu bewegen.
Dann änderte sich das Bild wieder, die Farben. Zuerst konnte Usagi gar nichts erkennen, nur ein wildes Kaleidoskop an Farben und Formen. Aber mit der Zeit gewöhnte er sich an das Bild. Pau blickte immer noch auf den reglosen Körper, aber dieser sah jetzt ganz anders aus. Deutlich stachen die Rippen und Knochen seines Körpers aus einer seltsamen, amorphen Masse hervor. Seine Kleidung war fast gar nicht mehr zu erkennen, der Boden umso deutlicher.
Die Rippen dehnten sich aus, Luft strömte in ihn hinein. Seltsame Wolken aus blauem Dunst pressten das Herz zusammen und zogen es wieder auseinander. Eine Ewigkeit zwang Pau den toten Körper zu atmen und das Herz zu schlagen. Dann hustete der Tote und atmete alleine. Pau zog sich etwas zurück und die Farben wurde wieder so wie vorher.
Jemand riss die Tür auf. Obwohl Pau seine Augen nicht von dem Körper nahm, konnte Usagi doch problemlos Tomoe sehen, wie sie völlig ausser Atem in den Raum stürzte, dicht gefolgt von Sanshobo, der Keiko trug. Usagi wunderte sich ein wenig, wie er etwas so klar und deutlich sehen konnte, wenn Pau seine Augen doch auf etwas anderes gerichtet hatte.
"Ihr hättet euch nicht so hetzen müssen", begrüsste Pau sie ruhig, "es gibt nichts, was ihr tun könnt."
"Wie geht es ihm?" japste Tomoe, "warum bewegt er sich nicht?"
"Er wird leben", versprach Pau, "ich muss jetzt nur nach Heroito sehen."
Die Stimme von Ha'ar war wieder zu hören. "Du musst jetzt in Deinen Körper zurück", teilte er Usagi mit, "sonst wird er weiteren Schaden erleiden."
Usagi konnte den Zug bereits spüren, aber etwas hielt ihn noch zurück. Erst, als er sein Einverständnis gab, fing er sich wieder an zu bewegen. Diesmal ging es viel schneller, er raste auf einen dunklen Riss im Himmel zu, dann war er durch. Mit unwiderstehlicher Gewalt wurde er von seinem Körper aufgesaugt. Dann war da nichts mehr.
Während Tomoe besorgt die Hand ihres Geliebten hielt, ging Pau nach unten und traf dort auf eine Abordnung der Kampfrichter. "Bitte zu diesem Zeitpunkt keine Fragen", wehrte Pau sie ab, bevor sie überhaupt etwas sagen konnten. "Hat jemand Meister Heroito gesehen?"
Meister Heroito schälte sich aus der Menge, die sich im Gasthaus versammelt hatte. "Ich bin hier", meldete er sich.
"Wenn ihr erlaubt, würde ich mir gerne die Stelle ansehen, wo Usagi euch getroffen hat", bat Pau ruhig.
Heroito zog eine Augenbraue hoch. "Denkt ihr, dass das notwendig ist?"
Pau nickte nur. Gemeinsam mit dem Kampfrichtern gingen sie nach oben.
Mit den vier Kampfrichtern und Heroito wurde es im Zimmer schon langsam eng. Keiko sass still neben Sanshobo und Tomoe verliess ihren Platz an Usagis Seite nicht.
Gelassen zog Heroito seine Oberbekleidung aus. Als Pau mit seiner Hand gegen den Strich durch sein Fell fuhr, um die Haut sehen zu können, sog Heroito scharf die Luft ein.
"Da ist ein Bluterguss, etwa so gross", berichtete Pau und zeigte eine Strecke von etwa zwei Handbreit an.
"So schnell?" entfuhr es Heroito und die Kampfrichter machten ein finsteres Gesicht.
Pau nickte. "Ein oder zwei Fingerbreit weiter links, und wir würden uns jetzt nicht mehr unterhalten."
"Was ist das für eine Technik? Ich habe den Treffer kaum gespürt!"
Eine Weile hielt Pau nur seine Hand parallel zur Verletzung, ohne das Fell zu berühren. "Es ist eine Abart der Entspannungstechnik, die ich verwende um mich vorzubereiten. Sie heisst Tai Chi Chuan."
"Tai Chi? Lebensenergie?"
Pau nickte. "Ich habe Usagi einige Entspannungsübungen des Tai Chi beigebracht, aber er hat anscheinend mit seinem Wissen über Kampftechniken eine neue Form entwickelt."
"Im Prinzip hat er seine Lebensenergie gezielt verbraucht, um den Kampf zu gewinnen", fuhr Pau fort. "Dadurch wurde er so schnell und geschickt, aber er ist nicht unsterblich und irgendwann war die Energie einfach alle und er starb."
"Er ist tot?" fragte Heroito schockiert.
Pau schüttelte den Kopf. "Ich habe ihn zurückgeholt. Er wird leben und ihr auch."
Er nahm einen Behälter aus seinem Ärmel, der in einen blauen Lappen eingewickelt war. Nachdem der Lappen abgewickelt war, kam ein durchsichtiger Behälter zum Vorschein, der mit einem Deckel aus dem gleichen Material verschlossen war. Im Inneren des Behälter befand sich ein dicker Stab aus Metall.
Pau nahm den Lappen in die Hand, öffnete den Deckel, legte ihn neben sich und liess den Stab in den Lappen gleiten. Er hielt den Stab mit der Hand aufrecht und legte den Behälter weg.
"Das wird sich jetzt etwas seltsam anfühlen", bereitete er Heroito vor und hielt den Stab mit der Stirnseite auf die Wunde.
Der Stab begann sich zu verformen. Während er kürzer wurde, wurde das Ende, welches Heroitos Fell berührte breiter. Dann begann das Metall langsam in Heroitos Fell zu versickern. Sein Unbehagen war Heroito deutlich anzusehen.
Heroitos Atem ging deutlich schneller, während immer mehr von dem seltsamen Metall in seinem Fell verschwand. Langsam kamen die Haare wieder zum Vorschein, während Pau dem Ganzen konzentriert zusah.
Am Schluss bedeckte eine dünne Schicht Metall die Verletzung, aber ein grosser Teil musste sich im Inneren von Heroito befinden.
"Die Heilung müsste heute Abend abgeschlossen sein", versprach Pau, "dann kann ich das Heilmetall wieder entfernen. Danach solltet ihr wieder so gut wie neu sein."
Mit etwas unsicherer Stimme bedankte sich Heroito. Vorsichtig strich er mit seiner Hand über das Heilmetall. Überraschenderweise schien es flexibel zu sein und nachzugeben. Schweigend zog er seine Bekleidung wieder an.
"Wann wird Meister Miyamoto erwachen?" erkundigte sich einer der Kampfrichter.
Pau wiegte den Kopf. "In etwa drei Tagen", schätzte er.
"Hm. Könnt ihr uns sagen, wie jemand, der so eine Technik beherrscht, so schlecht sein kann?"
"Natürlich. Usagi beherrscht diese Technik nicht. Ich bin sicher, dass er vor dem Kampf keine Ahnung hatte, das so etwas überhaupt möglich ist. Meine Vermutung ist, dass er eine natürliche Begabung dafür hat und er sie einfach zufällig entdeckt hat."
"Ihr werdet nicht erwarten, dass wir das glauben?" kam die ungläubige Antwort.
Pau blickte den Kampfrichter ruhig an. "Es ist die Wahrheit. Was ihr glaubt, ist alleine eure Sache."
"Woher wollt ihr so genau wissen, dass er diese Technik nicht vorher schon kannte?"
"Um so gut zu sein, wie wir alle gesehen haben, müsste er sie eigentlich schon einmal angewendet haben, aber das hinterlässt Spuren im Körper. Ich musste Usagi vor einer Weile einmal heilen und dabei habe ich keine solchen Spuren entdeckt. Und seitdem waren wir quasi ununterbrochen zusammen."
"Nichtsdestotrotz handelt es sich nach den Regeln des Wettkampfes um eine illegale Technik und ihr werdet ihn disqualifizieren müssen", fuhr Pau fort.
Die Wettkampfrichter bedankten sich und zogen sich zur Beratung zurück, nachdem sie noch mit Heroito gesprochen hatten.
Quasi als kleine Wiedergutmachung lud Pau Meister Heroito zum Essen ein. Bevor sie gingen, entschuldigte sich Tomoe beim Meister in aller Form.
"Ich versichere euch", schloss sie, "dass er euer Leben keinesfalls mutwillig oder aus niederen Beweggründen in Gefahr gebracht hat."
"Ich akzeptiere eure Entschuldigung", antwortete Heroito förmlich. "Bitte seid versichert, dass ich keinen Groll gegen euren Freund hege."
"Ihr seid ein ungewöhnlicher Mann", sagte Heroito während des Essens zu Pau. "Ist Meister Miyamoto ein Schüler von euch?"
Pau verneinte. "Er bat mich mein Schüler zu werden, aber ich lehnte ab."
"Darf man den Grund erfahren?"
"Er ist noch nicht soweit, eine solche Entscheidung treffen zu können."
Heroito nickte. Nachdenklich blickte er auf die Strasse hinaus. "Als ich ihn am Abend vor dem Kampf näher kennenlernte, da sah ich sein Potential. Aber seltsamerweise schien es ihm selbst nicht bewusst zu sein."
"Als ich dann gegen ihn antrat, da konnte ich fast nichts von seinem Potential mehr erkennen. Die ersten paar Runden war er ganz gut, aber nichts im Vergleich zu dem, was er sein könnte. Dann änderte sich das schlagartig. Plötzlich musste sich all meine Kunst aufwenden, um ihn mir nur vom Hals zu halten."
"Dieses Tai Chi, dass ihr lehrt, ist das eine Kampfkunst? Als ich euch eure Übungen durchführen sah, da sah ich Dinge, die einer Kampfkunst ähneln, aber dass so etwas möglich ist, hätte ich nicht für möglich gehalten. Fast glaube ich es immer noch nicht."
"Tai Chi beschäftigt sich damit, Lebensenergie zum Fliessen zu bringen, im Guten wie im Schlechten. Usagis Verderbnis war, dass man im Zustand keinen Schmerz, keine Angst, gar nichts spürt. Man ist ganz hier, voll konzentriert, aber man spürt nichts mehr. Daher merkte er nicht, wie seine Lebensenergie aus ihm heraus floss", erklärte Pau.
"Ja, ich habe es bemerkt. Plötzlich war er voller Energie, sah jeden meiner Angriffe lange voraus. Habt ihr bemerkt, wie er nach seinem ersten Treffer mit mir gespielt hat?"
Pau nickte. "Er hat sich eure Technik zu eigen gemacht."
"Es gibt nur wenige Menschen, die meine Techniken beherrschen. Usagi ist sicher keiner davon. Um so erschreckter war ich dann, als er mich nach seinem dritten Treffer mit meiner eigenen Technik angegriffen hat."
Heroito schnaubte und schüttelte den Kopf. "Innerhalb weniger Augenblicke hatte er die wichtigsten Grundlagen der Technik verstanden und war sogar in der Lage sie grob anzuwenden. Er war nicht erfolgreich, aber viel hätte nicht gefehlt und ich hätte ihn nicht mehr besiegen können."
"Er steckt voller Überraschungen", bestätigte Pau.
"Ja, das habt ihr beide gemeinsam", antwortete Heroito mit einer Mischung als Ehrfurcht und Frustration.
"Warum habt ihr mich gewinnen lassen?" fuhr er fort.
Pau zuckte die Schultern. "Nun, zum Einen wäre der Sieg für mich bedeutungslos gewesen, aber für euch nicht. Ihr habt viel Arbeit und Zeit investiert, um so weit zu kommen, während es für mich keine Rolle gespielt hat."
"Ausserdem hätte Usagi niemals so viel gegeben, wenn er gegen mich hätte antreten müssen, denn er weiss ganz genau, dass er keine Chance gehabt hätte. Bei euch war er unsicher, aber zumindest sah er eine kleine Chance. Leider hat er es wieder einmal übertrieben. Er hätte auch so gewinnen können."
Am nächsten Morgen verkündeten die Kampfrichter die Disqualifikation von Usagi, wie Pau es vorhergesagt hatte, wegen des Einsatzes einer ungültigen Kampftechnik. Meister Heroito wurde zum Sieger erklärt. Da man zu der Überzeugung gelangt sei, dass Meister Miyamoto diese Technik nicht zu seinem persönlichen Nutzen oder zum Schaden des Gegners angewendet habe, wurde auf eine Entehrung verzichtet und die Leistung Meister Miyamotos in den vorangegangenen Kämpfen nicht angezweifelt.
So wurde Usagi trotz allem zweiter, aber Tomoe musste ihr ganzes Geld einem Buchmacher geben, bei dem sie auf Usagis Sieg gesetzt hatte.
Der Markt ging noch einen Tag weiter, aber dann bauten die Händler einer nach dem anderen ihre Buden ab und es kehrte wieder Ruhe in das kleine Städtchen ein. Nach wie vor wich Tomoe nur selten von Usagis Seite, auch wenn sich sein Zustand kaum änderte.
Pau brachte das Heilmetall wieder dazu, aus Heroitos Körper zu fliessen. Im Lappen tropfte es nicht etwa zu Boden, sondern formte sich wieder zu dem dicken Stab, als den es Pau in sein Gefäss zurückbeförderte. Er wickelte wieder den Lappen darum und steckte das ganze ein. Nach kurzer Untersuchung konnte Pau Meister Heroito bestätigen, dass er keine Schäden davontragen würde.
"Was werdet ihr nun tun?" erkundigte sich Heroito während er sich wieder ankleidete.
"Nun, wir werden noch zwei Tage warten, bis Usagi aufwacht und dann wahrscheinlich in die Geishu-Provinz zurückkehren. Seine zukünftige Frau und er wollen dort bald heiraten", antwortete Pau.
"Meinen Glückwunsch", gratulierte Meister Heroito.
"Danke", lächelte Tomoe.
"Und ihr?"
"Nun, ich werde nach meinen Schülern sehen. Und wer weiss, vielleicht komme ich ja auch einmal in die Geishu-Provinz", antwortete Heroito freundlich.
"Er wäre uns eine Ehre", bedankte sich Tomoe.
Freundlich verabschiedeten sie sich von Meister Heroito. Dann warteten sie, dass Usagi sich wieder regte.
Hochzeit
Einen Tage später war es dann soweit. Übergangslos erwachte Usagi. Sofort waren Tomoe und Pau bei ihm. "Schmerz", presste Usagi zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
"Du hast einen Muskelkater, das ist normal", tröstete ihn Pau, "sieh' es einfach als eine Art Hinweis, so etwas nicht mehr zu tun."
Mit einer Handbewegung hielt er Tomoe zurück. "Wir wollen ihn nicht gleich überfordern." An Usagi gewandt fuhr er fort. "Das wichtigste in Kürze: Ihr seid disqualifiziert worden und Heroito wäre beinahe gestorben."
Usagis Augen zeigten sein Erschrecken. "Gestorben?" presste er hervor.
Pau nickte. "Jetzt könnt ihr."
"Usagi", begann Tomoe und dann schlug sie ihm mit so grosser Wucht ins Gesicht, dass sein Kopf vom Boden hoch hüpfte. Der Schmerz war so gross, dass er tatsächlich noch einmal ohnmächtig wurde. So konnte er ihr erschrecktes Gesicht nicht sehen, denn damit hatte sie nicht gerechnet.
Als er das nächste Mal aufwachte, war Pau verschwunden, aber Tomoe noch da. "Macht das nie wieder mit mir", drohte sie.
Usagi antwortete nicht, er war froh still liegen zu können ohne zu schreien. Mit Gewalt zwang Tomoe seine Zähne auseinander und steckte etwas dazwischen. Vom Geräusch, dass es von sich gab, als er seine Zähne darin versenkte, war es wohl Holz oder etwas in der Art.
Dann begann sie seine Muskeln zu bewegen. Kurze Zeit später liefen Tränen über sein Gesicht und immer wieder keuchte er auf. Tomoe liess sich nicht beirren. Wie Pau es ihr erklärt hatte, lockerte sie die verspannten Muskeln von Usagi.
Das ging fast zwei Tage so. Usagi versprach sich, diese Technik nie wieder anzuwenden. Nachdem Tomoe nichts mehr finden konnte, das Usagi wehtat, wenn sie ihn bewegte, fuhr Pau mit der Folter fort. Er lockerte Muskeln in Usagi, bei denen dieser sich jetzt wünschte, sie nicht zu haben.
Nach einem weiteren Tag konnte er zumindest sitzen, ohne allzu grosse Schmerzen zu haben. Er war sich sicher, dass Pau ihm etwas gegen die Schmerzen hätte geben können und wohl auch gegeben hätte, hätte er darum gebeten, aber er erduldete seine verdiente Bestrafung lieber.
Pau brachte sie dann zurück zur Burg Weissreiher, wo Usagi sich vollends auskurierte. Trotz seines Missgeschicks gratulierte ihm Fürst Noriyuki zu seinem neuen Titel.
"Wie soll ich Dich nun nennen? Meister Miyamoto oder Meister Usagi?" fragte der Fürst freundlich.
"Da mich alle Usagi-san nennen, ist Meister Usagi wohl besser, sonst wissen die Leute nachher nicht, von wem die Rede ist", antwortete Usagi respektvoll.
"Habt ihr euch inzwischen überlegt, was ihr nach der Hochzeit tun werdet?"
Usagi seufzte. "Ich muss ehrlich gestehen, ich habe noch keine Zeit gefunden, darüber nachzudenken und ich muss das ja auch mit Tomoe besprechen. Es ist wohl keine gute Idee, so etwas über ihren Kopf hinweg zu entscheiden."
Am Abend setzte Usagi seinen Vorsatz in die Tat um. Sie standen auf der Ostmauer der Burg, von der aus man einen wunderbaren Blick über das Land hatte.
"Fürst Noriyuki hat mich heute wieder darauf angesprochen, was unsere Pläne nach der Heirat sind", begann er unschlüssig.
"Nun, während Du Dich ausgeruht hast, habe ich mit Pau gesprochen", eröffnete sie ihm.
"Ich dachte, Du magst ihn nicht?"
"Das tue ich auch nicht, aber seine Ratschläge sind gut. Es wäre töricht so etwas nicht auszunutzen. Und wir müssen ja nicht tun, was er uns rät."
"Und was hat er gesagt?"
"Er meinte, wir sollen mit der Entscheidung bis nach der Hochzeit warten. Es würden sich für uns noch einige Möglichkeiten eröffnen und wir sollten erst abwägen, wenn wir diese gesehen haben."
"Er plant wieder etwas", vermutete Usagi.
"Vermutlich", seufzte Tomoe.
Am nächsten Tag verabschiedete sich Pau erneut von ihnen. Er versprach rechtzeitig zur Hochzeit wieder da zu sein. Zugleich bat er Usagi, während seiner Abwesenheit auf die Schüler Katsuichis zu achten, deren neuer Meister immer noch nicht eingetroffen war. Nicht, weil er nichts besseres zu tun hatte, sondern weil er sich freute das tun zu können, akzeptierte Usagi sofort.
So verging der letzte Monat bis zur Hochzeit. Fürst Noriyuki sorgte dafür, dass die Vorbereitungen für die Hochzeit der Beiden durchgeführt wurden und auch, dass die Wünsche, die Pau ihm gegeben hatte, erfüllt wurden. Bei einigen hatte er keine Ahnung, warum Pau das haben wollte, aber er war sich sicher, dass Pau wusste, was er tat.
Die kleine Keiko und Waytiki waren nach kurzer Zeit unzertrennlich und etwas ungeschickt, aber gelehrig nahm sie an den Übungen Teil, so gut sie konnte. Usagi beschloss mit dem nächsten Meister der anderen Schüler zu reden, Keiko anzunehmen, wenn diese das wollte.
Dann war der Monat um. Drei Tage vor dem grossen Ereignis traf Pau ein und er hatte Jei bei sich. Sorgfältig prüfte er die Vorbereitungen, die Fürst Noriyuki getroffen hatte und fand fast alles zu seiner Zufriedenheit. Gemeinsam besprachen sie die notwendigen Änderungen und Noriyuki versprach, dass bis zur Hochzeit alles perfekt sein würde.
Am nächsten Tag traf Gen ein. Herzlich begrüsste Usagi seinen alten Freund. Tomoe und Usagi hatten nicht viele Leute zur Hochzeit eingeladen, weil die meisten ihrer Freunde weit über das Land verstreut lebten, und die meisten arme Leute waren, die nicht einfach kurz quer durch das Land reisen konnten, um an einer Hochzeit teilnehmen zu können.
Sanshobo willigte ein, die Hochzeit durchzuführen und wurde von Pau auf einige wichtige Details aufmerksam gemacht, die es zu beachten galt. Sanshobo versprach bis zur Hochzeit keinem der Beiden irgendwelche von den Details zu verraten, die er erfahren hatte.
Aber Tomoe und Usagi hatten ganz andere Gedanken im Kopf. Erleichtert hatten sie Fürst Noriyukis Angebot angenommen, die Vorbereitungen für sie zu treffen. So hatten sie mehr Zeit für sich. Tomoe war mit den Fortschritten von Nega, der jetzt Verwalter war, zufrieden und sie würde ihr Amt als Verwalter ohne Gewissensbisse an ihn übergeben können.
Während Sanshobo sich auf den Weg machte alles Notwendige für die Zeremonie zu besorgen, ging Pau zu seinem Haus in der Stadt und sah sich das Ergebnis der Handwerker an. Es war nicht alles genau so, wie er es hatte haben wollen, aber das würde sich noch nachträglich ändern lassen. Insgesamt war er zufrieden mit dem Ergebnis.
Er führte noch einige kleine Änderungen durch und ging dann kurz vor Sonnenuntergang zur Burg zurück. Unterwegs traf er auf Gen.
"Entschuldigt", schloss Gen sich ihm an.
"Gen", nickte Pau freundlich.
"Ähm ...", wand Gen sich, um dann etwas unbeholfen um Geld für ein Hochzeitsgeschenk zu bitten.
Pau lachte auf. "Seid ihr also wieder einmal pleite", zog er den unglücklichen Gen auf.
Er wurde wieder ernst. "Gen, habt Vertrauen zu mir. Schenkt den beiden etwas Anderes, etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann."
"Aber was? Alles kostet Geld."
"Denkt darüber nach", forderte Pau ihn auf, "ich bin sicher, es wird euch etwas einfallen."
"Hm", machte Gen, etwas unsicher. "Da wäre noch etwas."
"Ja?"
"Wisst ihr, wo ich Kan finden kann?"
"Ihr habt Usagi gefragt und dieser hat sich geweigert es euch zu sagen", vermutete Pau.
Gen brauste auf, aber beruhigte sich schnell wieder. "Wo liegt das Problem? Ich will ihn ja nur noch einmal sprechen."
Pau lachte freundlich. "Macht euch keine Sorgen. Kan wird zur Hochzeit erscheinen. Aber", fuhr er verschwörerisch fort, "kein Wort zu Usagi! Es soll eine Überraschung werden."
"Ihr könnt euch auf mich verlassen", versprach Gen offensichtlich erleichtert.
"Ich weiss", antwortete Pau zweideutig und liess den verwirrten Gen zurück.
Am Tag vor der Hochzeit verabschiedete Pau sich noch einmal und versprach am nächsten Morgen wieder hier zu sein. Endlos schien sich dieser Tag hinzuziehen, um dann ganz plötzlich vorbei zu sein. In der Nacht fanden weder Tomoe noch Usagi viel Schlaf, obwohl sie getrennt schliefen.
Am nächsten Morgen wurden die beiden von zwei vielköpfigen Abordnungen der Diener von Fürst Noriyuki überfallen und herausgeputzt. Obwohl es eigentlich nichts gab, worüber sie sich hätten Sorgen machen müssen, waren beide sehr nervös.
Dann war es soweit. Die Diener geleiteten sie zum grossen Saal der Burg. Das Wetter meinte es gut, es war trocken und warm. Die Sonne lachte bereits vom Himmel und es versprach ein strahlend schöner Tag zu werden.
Usagi wunderte sich, warum sie im grossen Saal heiraten würden. Sicherlich waren nicht mehr als eine Handvoll Gäste, vor allem Angehörige von Tomoe, erschienen. Alle seine Verwandten lebten im Norden von Honshu, viel zu weit weg. Aber wahrscheinlich hatte Fürst Noriyuki es sich nicht nehmen lassen, eine besonders aufwendige Dekoration erstellen zu lassen. Den Gerüchten zufolge waren Handwerker fast eine Woche lang zugange gewesen. Er war gespannt und Tomoe auch.
Ein Diener öffnete die Tür, Usagi nahm Tomoes Hand und blickte sie an, während er sie ins Innere führte. So sah er, wie ihre Kinnlade nach unten fiel. Überrascht blickte er dorthin, wohin sie sah und sah es auch. Auch seine Kinnlade sank nach unten.
Der Saal war voll.
Es mussten Hunderte von Gästen sein. Sie alle standen und blickten das Brautpaar erwartungsvoll an.
Automatisch setzte sich Usagi wieder in Bewegung und wie im Traum gingen sie durch die enge Gasse, die für sie freigehalten worden war. Einige Gesichter kannte er, andere wieder nicht. Er sah den Kaiso(5)-Farmer Kichiro(6) dem er vor Jahren einmal geholfen hatte, Kenichi war hier, mit seiner Frau Mariko, neben Lord Noriyuki stand Fürst Hirano mit seiner Frau.
Tränen der Freude rannen seine Wangen hinunter und seine Stimme brach fast, als er "Ja!" antwortete. Dann war Tomoe endlich sein und ohrenbetäubender Jubel füllte den Saal.
In Verlauf des Tages versuchten die beiden zu jedem Gast zu gehen und sich zu bedanken, die Geschenke entgegen zu nehmen und ein paar Worte mit jedem zu wechseln. Es war unmöglich zu schaffen. Schliesslich griff Pau ein und führte die beiden gezielt zu den Gästen, die nicht bleiben konnten. Die Anderen konnten sie morgen noch treffen.
Usagi hatte keine Ahnung, wie Pau das angestellt hatte, aber er war ihm unheimlich dankbar. Dies war mit Abstand der glücklichste Tag in seinem Leben. Er konnte endlich entspannt mit Lady Hirano sprechen, die Tomoe ein wundervolles Schmuckstück als Geschenk mitgebracht hatte.
Jeder der Gäste hatte etwas dabei, sei es eine Kleinigkeit oder etwas aufwendiges. Bei jedem Geschenk war Usagi fast unglücklich, wenn er es einem Diener geben musste, der es verwahrte, weil er einfach keine Zeit hatte, es selbst zu versorgen.
Der Tag verging wie im Flug. Usagi redete mit einer unzählbaren Menge von Leuten, bis er ganz heiser war. Er lernte die Familie von Tomoe kennen, erfuhr, was aus Leuten geworden war, die er jahrelang nicht mehr gesehen hatte.
Gen traf endlich auf Kan. Berater Sakajato fiel fast um vor Entsetzen, als der ungepflegte Kopfgeldjäger plötzlich aus dem Nichts auftauchte und Fürst Hirano jovial umarmte. Noch grösser war sein Erstaunen, als der Fürst sich die Behandlung ohne Widerstand gefallen liess. Als er sogar abwinkte, als Sakajato einschreiten wollte.
Neugierig kam Fürst Noriyuki herüber. Bevor er etwas sagen konnte, sprach Fürst Hirano. "Gen, kennt ihr schon Fürst Noriyuki?"
"Natürlich", behauptete Gen stolz, "schliesslich bin ich ja eine ganze Weile mit Usagi herumgezogen. Seine Lordschaft haben mir schon eine Stelle angeboten, aber das ist nichts für mich. Zu eng für jemanden wie mich."
"Oh", machte Fürst Hirano, "das ist schade, denn ich habe hier ein Empfehlungsschreiben für euch."
"Wirklich?" machte Gen nun nicht mehr ganz so ablehnend.
"Aber wenn das nichts für euch ist, dann möchte ich euch natürlich zu nichts zwingen."
"Uhm", zögerte Gen mit einer Antwort. "Es wäre aber schade, es jetzt einfach wegzuwerfen, oder?"
"Vielleicht."
"Nun, ich kann es ja zumindest benutzen um euch zu besuchen", überlegte Gen laut.
Mit einem Schmunzeln gab Fürst Hirano Gen das Schreiben. Dieser faltete es auseinander und las.
"Oh! Das ist ja gar nicht für Fürst Noriyuki", sagte er überrascht, "ihr lebt am Hof von Fürst Hirano. Wie ist der denn so?"
"Ich denke, er wird euch gefallen", sagte Fürst Hirano leichthin und Berater Sakajato traute seinen Ohren nicht. Fürst Noriyuki entschuldigte sich hastig und lief weg, bevor er sein Lachen nicht mehr unter Kontrolle hatte.
"Na ja", sagte Gen abfällig, "ich denke, ich werde das trotzdem für euch auf mich nehmen."
"Das freut mich", sagte Kan mit einem seltsamen Lächeln.
Währenddessen sass Fürst Noriyuki auf einer Bank und versuchte seinen Lachanfall wieder unter Kontrolle zu bringen. Als nächstes suchte er Usagi auf. "Gen hat gerade Fürst Hirano umarmt", eröffnete der Fürst das Gespräch und war gespannt auf die Reaktion.
"Oh nein!" entfuhr es Usagi, "das hatte ich ganz vergessen!"
Er wollte schon loslaufen um zu retten, was noch zu retten war, aber Noriyuki hielt ihn zurück. "Mir schien, dass Fürst Hirano es ganz gut überstanden hat und Gen sprach noch eine ganze Weile mit ihm, als ich sie verlassen musste. Gibt es da etwas, dass ich wissen sollte?" fragte er freundlich.
"Äh ...", zögerte Usagi, "das ist eine längere Geschichte. Ich werde sie euch gerne erzählen, aber vielleicht nicht gerade jetzt."
Unter den Gästen war ein Ehepaar, dass weder Tomoe noch er kannten. Pau stellte sie ihnen mit einem amüsierten Lächeln vor, als gäbe es da einen Witz, den nur er verstand.
In gebrochenem Japanisch mit starkem Akzent stellte der Mann seine Frau und sich selbst vor. Sein Name sagte Usagi nichts und er war sich sicher, dass er ihn wiedererkannt hätte, wären sie sich schon einmal begegnet, denn er sah wirklich ungewöhnlich aus und auch seine Kleidung war sehr seltsam.
"Ich bin ein ... Künstler", erklärte der Mann etwas nervös. Usagi versuchte ihn mit einem aufmunternden Lächeln zu beruhigen, was ihn aber nur noch nervöser zu machen schien. Pau grinste breit, hielt sich aber sonst zurück. Paus Grinsen liess Usagi sofort vermuten, dass er sich einen Scherz auf seine Kosten leistete, aber er war viel zu guter Laune, um sich dadurch den Spass verderben zu lassen. Ausserdem war er selbst neugierig herauszufinden, um was es genau ging.
"Meinen Lebensunterhalt bestreite ich, indem ich Bildergeschichten zeichne", platze er schliesslich heraus, "ich habe euch eine Kopie mitgebracht."
Mit leicht zitternder Hand überreichte der Mann sein Geschenk. Es war in rotes Seidenpapier eingeschlagen und erstaunlich schwer. Ein klebriger Streifen hielt es noch zusammen, als Usagi die Schleife abgestreift hatte und er musste bedauernd das wertvolle Papier zerreissen, um es auszupacken.
Am Ende hielt er eine Art Buch in der Hand. Auf der Vorderseite war ein Bild von einem Hasen, mit einem fiesen Gesichtsausdruck und einem kampfbereit gezogenen Schwert. Auf dem Kimono des Hasen war das Mon(7) von Fürst Mifune. Über dem Bild stand in seltsam ausgefransten Kanji sein Name, "Usagi" und etwas kleiner darunter "Yojimbo(8)" und noch kleiner "Graue Schatten". Daneben war ein längerer Text und darunter ein seltsames Symbol aus senkrechten Streifen und vielen Zahlen und noch weitere Symbole, mit denen Usagi nichts anfangen konnte.
Auf der Rückseite war ein farbiges Bild des Hasen, der sein Katana kampfbereit hielt und einem Mann, der mit einem Jitte(9) und einer Lampe.
Etwas unschlüssig blätterte Usagi in dem Buch. Die Seiten waren gefüllt mit Bildern und kleinen runden Blasen mit Text. Irgendwo in der Mitte stoppte er. Er sah eine Szene, wo der Hase und der alte Mann von der Vorderseite einen Raum betraten, der voller Bücher war. Der Text erklärte, dass es ein Archiv war.
Die Blase über dem Mann enthielt den Text "Ich bin Inspektor Ishida. Ich bin gekommen, um einige Aufzeichnungen einzusehen, die aus der Zeit vor fünfzehn Jahren stammen."
Usagi erinnerte(10) sich daran, er hatte zusammen mit Inspektor Ishida eine Reihe von Mordfällen untersucht. Beunruhigt blätterte er eine Seite weiter. Und da war auch schon der Diebstahl des Dokuments, mit dessen Hilfe sie das Rätsel gelöst hatte, mit sauberen Bildern dokumentiert. Der Diebstahl, den Usagi begangen hatte. Es war alles da.
Woher hatte der Mann diese Information? Hatte Ishida es ihm gesagt? Das war höchst unwahrscheinlich. Usagi blickte auf und sah, dass zumindest Pau sich köstlich zu amüsieren schien und auf seine Kosten, vermutete Usagi.
Mit einem lauten Geräusch klappte Usagi das Buch zu. Der Mann, der es ihm geschenkt hatte, sah ihn erwartungsvoll und etwas ängstlich an, aber Usagi beschloss ihn erst einmal zu ignorieren. "Nun?" forderte er Pau auf.
"Es ist ganz einfach", begann dieser, "etwas, das für den einen nur ein Traum ist, ist für jemand Anders vielleicht Realität. Nicht alle Dinge, die man sich vorstellt, sind irgendwo anders real, aber manche schon."
"Für die Leute, die in der gleichen Realität wie Sakai-san leben, sind seine Geschichten über den Hasen, den er erfunden hat und der alle möglichen Abenteuer erlebt, pure Fiktion. Lächerlich. Unmöglich."
"Aber Sakai-san achtet Deine Werte und Moralvorstellungen und ich dachte, ich bringe euch beide einmal zusammen und sehe, was daraus wird. Schaden kann es jedenfalls nicht."
"Ausser, meine Geschichten gefallen euch nicht und ihr macht mich einen Kopf kürzer", warf Stan Sakai ein.
Usagi war aber schon einen Gedanken weiter. "Erlebe ich die Geschichten und er träumt dann davon oder träumt er davon und ich erlebe sie?" wollte er von Pau wissen.
"Nun", zögerte Pau mit der Antwort, "das kann man nicht so genau sagen. Es ist schwierig zu sagen, ob etwas, dass Du tust vor oder nachdem stattfindet bevor er es träumt."
"Macht euch keine Sorgen", beschwichtigte ihn Stan, "meine Geschichten finden alle statt, bevor ihr Tomoe geheiratet habt! Daher ist es für euch alles bereits passiert."
Damit war Usagi nicht zufrieden. "Vielleicht seid ihr aber dafür verantwortlich, dass viele von meinen Freunden gestorben sind oder leiden mussten!"
Erschreckt wandte sich Stan an Pau. "Ist sein Vater gestorben, weil ich das Bild gezeichnet habe?"
Pau überlegte. "Nein, ich kann keine Realität finden, in der Fürst Hikiji Magistrat Miyamoto verschont hätte. Wie später auch Usagi hatte Magistrat Miyamoto die Gabe, Fürst Hikiji bis aufs Blut zu reizen."
Stan schien etwas erleichtert zu sein aber es war ihm immer noch unwohl. Pau erlöste die beiden schliesslich. "Sakai-san, es gibt Personen, die durch ihre Träume in der Lage sind, die Realität anderer zu verändern, aber ihr könnt das nur in eurer eigenen Realität. Egal, was ihr auch träumt, es hat Usagis Leben bisher nicht beeinflusst und wird das auch in Zukunft nicht tun."
Sichtlich erleichtert atmete der Mann auf. Verärgert verzog Usagi sein Gesicht. Warum quälte Pau den armen Mann unnötig?
"Seht ihr, Usagi", las Pau wieder einmal seine Gedanken, "ich mache so etwas nur, wenn es etwas nützt und nichts schadet." Damit liess er sie allein.
"Wenn ihr gestattet", sprach Stan Usagi an, "das ist eine einmalige Gelegenheit und ich hätte da ein paar Fragen ..."
Nach kurzer Zeit gesellten sich Gen, Jotaro und Kenichi zu ihnen. Es war seltsam sich mit Stan zu unterhalten. Er schien viel mehr über sie zu wissen, als er preisgab aber auf der anderen Seite wusste er Dinge, die völlig falsch waren. Schliesslich musste Usagi ihn verlassen und sich um die anderen Gäste kümmern. Sorgfältig verwahrte er das Buch. Es durfte auf keinen Fall in die falschen Hände fallen.
Am Abend verabschiedeten sich Stan und seine Frau von Tomoe und ihm. Usagi bedauerte es, dass er schon so bald wieder gehen musste, denn es war sehr interessant gewesen, einmal jemanden zu treffen, der so ungewöhnlich war und dessen Beziehung zu einem ebenfalls.
Pau brachte Mr. Sakai und seine Frau wieder zurück nach Hause. Als Pau gegangen war, fiel Mr. Sakai siedendheiss ein, dass er in der ganzen Aufregung völlig vergessen hatte, Fotos zu machen. Jetzt hatte er keinen Beweis, ausser den Notizen, die er gemacht hatte. Aber im Zeitalter der digital manipulierten Bilder hätte ihm wohl sowieso keiner geglaubt.
In der Burg verabschiedeten sich jetzt immer mehr Gäste vom Brautpaar und Pau brachte sie nach Hause.
Gen hing immer noch an Fürst Hirano, als dieser sich verabschiedete. Usagi entschuldigte sich für seinen Freund. "Ich hoffe, er hat euch nicht zu viele Unannehmlichkeiten bereitet."
Fürst Hirano lachte. "Nein, im Gegenteil, es hat mich sehr gefreut ihn erneut zu treffen."
Irgendwann begriff auch Gen, dass da etwas im Busch war. "Ähm", begann er, "was genau macht ihr am Hof des Fürsten Hirano?"
Fürst Hirano lachte vielleicht noch mehr. "Versprecht ihr mir, dass ich immer noch Kan für euch bin, wenn ich es euch sage?"
"Klar", sagte Gen leichthin.
Mit zuckendem Gesicht wies der Fürst seinen Berater an ihn vorzustellen. Dieser folgte dem angemessenen Protokoll. "Ihr sprecht mit seiner Lordschaft Hirano Kanzaburo." Gens Kinnlade machte sich selbstständig. Usagi fand, der Anblick war es wert. Selbst Berater Sakajato musste sich sehr anstrengen, um ernst zu bleiben.
Pau kam herüber, um den Fürsten nach Hause zu bringen. "Bitte verzeiht mir meinen Scherz, aber ich fürchtete, wenn ihr wüsstet, wer ich bin, dann würdet ihr euch von mir abwenden. Ich hoffe noch immer, dass ihr meiner Einladung folgen werdet", verabschiedete sich der Fürst ernst von Gen.
"Ich werde kommen", versprach Gen schwach, der sich noch immer von dem Schreck erholte. Als Pau mit dem Fürsten verschwunden war, musste Gen sich setzen. Usagi blieb bei ihm.
"Verdammt!" schimpfte Gen, "Ich habe ihn auch noch umarmt, wie einen alten Saufkumpan! Wenn das jemals herauskommt, ist er entehrt und ich kann ihn niemals wiedersehen!"
"Keine Sorge, nur etwa 200 Hochzeitsgäste haben Dich gesehen. Und Fürst Noriyuki."
Gen verzog das Gesicht. "Verdammt!" fluchte er ungehalten.
"Sonst macht Dir so etwas doch nichts aus?"
"Naja, wenn es nur Noriyuki gewesen wäre, dann wäre es ja nicht so schlimm."
"Was wäre nicht so schlimm?" erkundigte sich Noriyuki höflich, der gerade vorbeigekommen war und den letzten Satz mitbekommen hatte. Dicht hinter ihm folgte Tomoe, die Gen mit verkniffenem Gesicht ansah. Gen biss sich auf die Zunge. Heute hatte er wirklich Pech.
"Gen und ich unterhalten uns gerade über eine neue Möglichkeit, wie man hier in Zukunft Fürsten empfangen könnte", sagte Usagi glatt.
"Oh ja?" antwortete der Fürst interessiert und Tomoe runzelte die Stirn.
"Ja, wir holen einen Bauern, der keine Ahnung hat, ..."
"Hey!" kam es von Gen.
"... lassen ihn den Fürsten umarmen, ..."
"Nicht so laut!" zischte Gen.
"... sagen im dann hinterher, wer das war ..."
"Nein!"
"... und erfreuen uns an seinem Gesichtsausdruck."
"Und so was ist mein Freund", jammerte Gen, "erfreut sich an meinem Leid!"
"Ihr hattet keine Ahnung, wer er war?" fragte Fürst Noriyuki neugierig. Gen schüttelte nur seufzend den Kopf.
"Nun, da Fürst Hirano offensichtlich keine Probleme mit eurem Verhalten hat, enthalte ich mich jeden Kommentars. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass ich ein solches Verhalten nicht tolerieren würde", erklärte der Fürst halb ernst. Er gratulierte dem Brautpaar noch einmal und verabschiedete sich dann für die Nacht.
"Ihr hattet wirklich keine Ahnung?" fragte Tomoe amüsiert.
"Fangt ihr jetzt nicht auch noch damit an! Woher denn? Alle nannten ihn immer Kan und er hat sich ja auch immer anständig aufgeführt", protestierte Gen.
"Tatsächlich, anständig", staunte Tomoe.
"Hier", Gen hielt ihr einen Brief hin, "er hat mit sogar ein Empfehlungsschreiben an Fürst Hirano gegeben!"
"Bevor oder nachdem ihr ihn umarmt habt?"
"Danach!"
"In dem Fall nimmt er es euch wohl wirklich nicht übel", meinte Tomoe.
"Er nicht! Aber ihr hättet mal das Gesicht seines Begleiters sehen sollen! Jetzt kann ich mich doch dort nicht mehr sehen lassen!" Gen weinte fast.
"So beruhige Dich doch", sprach Usagi auf seinen Freund ein, "sicherlich hat Fürst Hirano seine Leute so weit im Griff, dass er alle Gerüchte über diesen Vorfall unterbinden kann. Ausserdem ist ja bekannt, wie stolz er ist und jeder wird das Gerücht, dass er sich widerstandslos von einem dahergelaufenen Kopfgeldjäger hat umarmen lassen, als völlig lächerlich ansehen."
Gen seufzte schwer. "Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich mit so einer unbedachten Handlung die Freundschaft zu Kan ruiniert hätte."
So kannte Usagi Gen gar nicht. Es war ihm wirklich ernst. "Mach' Dir bitte nicht so viele Gedanken. Am besten, Du folgst der Einladung in ein paar Wochen. Bis dahin sollte alles vergessen sein und Du kannst Dir in Ruhe ein Bild der Lage machen."
"Danke", seufzte Gen, "und ich habe nicht einmal ein Geschenk für euch beide. Nur mich und meine Freundschaft."
"Das ist ein wundervolles Geschenk", dankte Usagi seinem Freund und umarmte ihn ehrlich. Auch Tomoe umarmte ihn und küsste ihn sogar.
Etwas unsicher stand Gen auf. "Ähm ... es war ein langer Tag und ich denke ... es ist besser, ich gehe ... jetzt dann mal ... ins Bett und so ...", verabschiedete er sich mit unsicherer Stimme. Er folgte einem Diener in ein vorbereitetes Zimmer. Niemand sah die Tränen.
Was hatte er doch für ein Glück, solche Freunde zu haben. Und gleich drei davon.
Als die letzten Gäste zu Bett gegangen waren, gingen Tomoe und Usagi zusammen in ihr Zimmer. Sie waren schrecklich erschöpft und schliefen sofort ein, kaum dass sie sich ausgezogen und hingelegt hatten.
