Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 8: Lose Enden

Der siebte Teil der Geschichte

Die dritte Aufgabe

Nach einem kurzen, aber erholsamen Schlaf, wachten die beiden frisch Vermählten in ihrem gemeinsamen Bett auf. Leider hatten sie nicht viel Zeit für sich, denn schon kurze Zeit später wurden sie wieder von einer Heerschar Diener für den Tag vorbereitet. Wieder hatte Fürst Noriyuki nichts dem Zufall überlassen und glücklich gaben sich die Beiden in seine erfahrenen Hände.

Viele Gäste waren gestern schon abgereist, so dass heute nur noch etwa 40 engere Freunde und Verwandte anwesend waren. Unter ihnen befand sich Meister Heroito, bei dem sich Usagi wortreich für sein Missgeschick entschuldigte. Der Meister nahm seine Entschuldigung ernst an.

"Was sind nun eure Pläne?" erkundigte er sich.

"Pau meinte, dass sich nach der Hochzeit einige interessante Möglichkeiten ergeben würden und daher sollten wir noch nicht zu sehr planen", gestand Usagi.

"In diesem Fall möchte ich euch anbieten, einige Zeit in meiner Schule zu verbringen", erklärte Meister Heroito, "ihr habt ein grosses Potential und es wäre eine Ehre für mich, euch dabei zu unterstützen, es zu entdecken."

Usagi versprach, mit Tomoe über dieses Angebot zu sprechen.

"Und wenn ich das richtig sehe, dann schuldet ihr mir ausserdem noch einen Kampf", fuhr Meister Heroito fort.

Tomoe stellte Usagi ihren jüngeren Bruder Tajima vor, der die Falling Rain(1) Schule ihres Vaters übernommen hatte, in der viele der Kämpfer des Geishu-Klans ausgebildet wurden(2). Tajima grüsste Usagi respektvoll und hiess ihn in der Familie Ame willkommen, aber die beiden mochten sich nicht. Nachdem sie höflich ein paar Worte gewechselt hatten, trennten sie sich wieder.

1. Klingt nicht gut in der Übersetzung: Fallender Regen
2. Usagi Yojimbo Color Special No. 1

Tomoe seufzte schwer, als ihr Bruder ging. Noch immer konnte er es nicht verkraften, dass Tomoe ihm im Schwertkampf überlegen war. Wenn es nur nach Können gegangen wäre, so hätte sie der Kopf der Schule werden müssen, aber die traditionelle Rolle der Frau liess so etwas nicht zu.

Die anderen Gäste brachten sie schnell auf andere Gedanken. Kitsune war da und Pau hatte Tomoe versprochen auf sie aufzupassen und damit auf die Geldbörsen und Wertgegenstände der anderen Gäste. Trotz ihrer Ablehnung gegen diese Eigenschaft der hübschen Füchsin, mochte Tomoe sie irgendwie. Ihr unkomplizierter Charakter und die Fähigkeit sorglos fröhlich zu sein, machten Kitsune für Tomoe sympathisch.

Kenichi und Mariko gratulierten Usagi zu seinem Glück und berichteten ihm, dass Fürst Hikiji sich bisher tatsächlich an die Abmachungen gehalten hatte.

Nach dem Mittagessen trat dann Pau an das glückliche Paar heran. "Es ist nun Zeit euch mein Geschenk zu überreichen", sagte er freundlich lächelnd.

"Ihr habt noch ein Geschenk für uns, nachdem ihr alle diese Leute aus dem ganzen Land zusammengetragen habt?" staunte Usagi.

"Das war nur ein Dienst für einen Freund. An meinem Geschenk werdet ihr länger etwas haben", antwortete Pau geheimnisvoll.

Mit den ganzen verbliebenen Gästen und Fürst Noriyuki, der auf einem Pferd ritt, wie es sich für ihn gehörte, folgten die beiden Pau, der sie durch die Stadt führte.

Bis sie vor einem frisch renovierten Haus stehen blieben. "Ist es da drin?" fragte Usagi neugierig.

"Nein", schmunzelte Pau, "das ist das Geschenk."

Einen Moment war Usagi sprachlos. "Ihr schenkt uns ein Haus?"

"Ja", antwortete Pau schlicht. "Die Taja Ninjas waren reich und ich denke, ich habe das Geld so sinnvoll angelegt. Wenn ihr wollt, dann betrachtet es auch als eine Wiedergutmachung."

Sprachlos blickten die beiden auf das riesige Haus. Es war gut fünfzig Schritte lang und breit, hatte zwei Stockwerke und lag nahe bei der Burg Weissreiher.

"Ausserdem wollen wir doch nicht, dass ihr Fürst Noriyuki mit euren nächtlichen Aktivitäten den Schlaf raubt", lachte Pau verschmitzt und Kitsune stimmte fröhlich ein. Usagi wurde ganz rot. Nur Fürst Noriyuki tat, als habe er nichts gehört.

Mit einer Verbeugung übergab Pau den beiden das Dokument, in dem sie als Eigentümer eingetragen waren.

"Wollen wir es uns ansehen?" schlug Pau vor, weil die beiden sich immer noch nicht rührten.

Beeindruckt gingen sie durch das enorme Gebäude. Usagi wagte sich gar nicht vorzustellen, wieviel es gekostet haben mochte. Auf die Frage eines Gastes, was er mit so viel Platz anzufangen gedenke, hatte Usagi noch keine Antwort.

"Jetzt kann er mit seinen Kindern einen eigenen Klan gründen", foppte Pau ihn freundlich.

"Dann muss er sie aber selbst zur Welt bringen", versprach Tomoe resolut, während Usagi rot anlief.

In der Mitte des Hauses war ein grosser Hof, mit einem Boden aus gestampfter Erde. Das brachte Usagi auf eine Idee, aber wie immer war Pau ihm weit voraus. Pau bat die Gäste sich um den Hof zu verteilen und Tomoe und Usagi sich zu setzen.

Dann winkte er die Schüler des verstorbenen Meisters Katsuichi zu sich und stellte sich mit ihnen in den Hof, direkt vor das Paar.

Pau kniete demütig nieder und die Schüler folgten seinem Beispiel.

Ruhig klang Paus Stimme über den Hof. "Hiermit", begann er, "erfülle ich den letzten Wunsch von Meister Katsuichi."

"Er bat mich, diese Schüler von ihm zu euch zu bringen, Meister Miyamoto, und euch von Meister Katsuichi auszurichten, dass es sein Wunsch war, dass ihr ihre Ausbildung vollendet. Werdet ihr den Wunsch von Meister Katsuichi erfüllen?"

Dann schwieg Pau und wartete auf eine Antwort.

"Das werde ich", antwortete Usagi mit zitternder Stimme. In diesem Moment war kein Mensch auf der Welt so glücklich wie er.

"Es ist eine grosse Ehre für mich, diese Pflicht von Meister Katsuichi zu übernehmen und ich werde mich ihrer würdig erweisen", fuhr Usagi fort.

"Ich danke euch", sprach Pau, verneigte sich erneut und ging dann zu den anderen Gästen.

Kurz blickte Usagi zu Kenichi herüber, aber dieser lächelte nur stumm und nickte kurz, um sein Einverständnis zu zeigen. Erleichtert sammelte Usagi sich kurz, um die Schüler willkommen zu heissen. Dann fiel ihm etwas ein. Er blickte zu Pau hinüber.

Pau beugte sich zu Keiko hinunter und sagte etwas zu ihr, dass Usagi nicht hören konnte. Die Kleine blickte Pau überrascht an und dann zu Usagi. Dieser nickte aufmunternd. Rasch sprang die Kleine in den Hof und setzte sich neben Waytiki. Da die Schüler noch immer demütig zu Boden sahen, konnte Usagi seinen Gesichtsausdruck nicht sehen, aber die Bewegung der Ohren liess ihn vermuten, dass Waytiki lächelte.

"Willkommen im Shiroi Usagi Dojo(3)", begann Usagi und hoffte, dass die Strafe von Tomoe für diesen Namen nicht zu hart ausfallen würde. Aber er hatte etwas, das sie vielleicht besänftigen würde.

3. Kampfschule Weisser Hase

"Wie es auch für Meister Katsuichi galt, so nehmen wir nur die besten Schüler auf. Jene, von denen wir glauben, dass sie für alle anderen ein Vorbild sein werden. Wir bilden jeden aus, den wir für würdig empfinden, egal ob Mann oder Frau. Wir erwarten von unseren Schülern, dass sie sich untereinander und auch gegen jeden Aussenstehenden respekt- und ehrenvoll verhalten. Im Gegenzug werden meine Frau und ich euch alles Wissen vermitteln, das wir besitzen."

Usagi konnte spüren, wie überrascht Tomoe war, als er sie zu einer Lehrerin machte. Vielleicht hatte er jetzt eine Chance, den nächsten Morgen zu erleben.

"Keiko", sprach Usagi die kleine, kniende Gestalt an, "seht mich bitte an."

Keiko hob den Kopf und erwiderte Usagis Blick. "Wollt ihr eine Schülerin unserer Kampfschule werden?"

"Ja", kam die ernste Antwort ohne zu zögern.

"Versprecht ihr, unsere Regeln zu achten?"

"Das tue ich", versprach Keiko.

"Dann seid willkommen", begrüsste Usagi seine erste Schülerin.

"Jetzt Du", sagte er so leise er konnte. Wenn Tomoe überrascht war, dann beherrschte sie sich meisterhaft.

"Waytiki", klang ihre Stimme ruhig und klar auf, "seht mich an."

Wie schon Keiko, wurde Waytiki gefragt, ob er der Schule betreten wolle und ob er ihre Regeln achten würde. Waytiki versprach es und Tomoe hiess ihn in ihrer Schule willkommen. Sie begrüsste auch die beiden anderen Schüler und so wurde es Tradition im Shiroi Usagi Dojo, dass ein Ehepaar die Leitung hatte und die Frau die männlichen Schüler willkommen hiess.

So kam es, dass Usagi Meister Heroito ein Gästezimmer anbieten konnte. In den nächsten Tagen würden sie ihr Haus genauer untersuchen, einen Künstler mit einem Wappen für die Schule beauftragen und entsprechende Kleidung bestellen.

Am nächsten Tag brachte Pau die letzten Gäste nach Hause und kam dann zurück, um sich zu verabschieden.

"Ihr verlasst uns endgültig?" fragte Usagi seinen Freund.

"Wahrscheinlich", nickte Pau.

"Dann habt ihr eure Mission erfüllt?" wollte Usagi überrascht wissen.

"Ja."

"Davon habe ich nichts bemerkt."

"So sollte es auch sein. Wenn jemand wüsste, was ich getan habe, dann könnten diese Person auf die Idee kommen, es zu beeinflussen."

Tomoe blieb in der Schule zurück, um auf ihre Schüler aufzupassen und Usagi begleitete seinen Freund aus der Stadt. Auf dem kleinen Weg, wo Pau vor Monaten Tomoe abgesetzt hatte, blieben sie stehen.

"Ich danke Dir für alles", sagte Usagi ernst.

"Es war mir eine Freude", bedankte sich Pau.

"Ich habe aber noch ein paar Fragen, wenn Du erlaubst."

Pau nickte.

Usagi arbeitete einen Augenblick an der Formulierung seiner ersten Frage. "Seit wann arbeiten die Taja Ninjas für Dich?"

Keine Regung zeigte sich in Paus Gesicht. Er lächelte nicht und zeigte auch sonst kein Gefühl. "Ich habe die Taja Ninjas etwa einen Monat vor dem Zeitpunkt geschaffen, an dem Du ihnen in die Hände fielst. In diesem Monat haben sie sich vorbereitet, damit sie Dir eine überzeugende Illusion bieten konnten und Du nicht sofort misstrauisch wurdest."

Eigentlich war Usagi nicht erstaunt darüber, dass Pau das so ruhig zugab, sondern viel mehr, dass er selbst nicht das Bedürfnis hatte, Pau dafür umzubringen. Er war tatsächlich daran gewachsen und darüber hinweg.

"Warum?"

"Mir stand nicht viel Zeit zur Verfügung, um Dich so weit zu entwickeln, also musste ich etwas tun, um den Vorgang zu beschleunigen. So konnte ich Dich an Deine Grenzen bringen und Dich innerhalb von nur wenigen Monaten zu dem machen, was Du jetzt bist."

Usagi nahm die Aussage so hin. "Du selbst bist Ausbilder Tse, nicht war?"

Statt einer Antwort löste sich die Form von Pau auf und Tse stand vor Usagi. Wieder lief es Usagi kalt den Rücken hinunter, aber es war zu ertragen. Er überlegte, was er tun sollte, aber eigentlich gab es nur eine Sache zu tun. Für sich selbst.

"Ich verzeihe Dir", sagte Usagi ernst.

"Danke", kam die höfliche Antwort. "Möchtest Du jetzt Deine dritte Aufgabe erfahren?"

Usagi lachte leise auf. Eigentlich wollte er nicht, aber die Neugierde würde ihn umbringen. So nickte er nur.

"Lasse Deine Frau, Deine Freunde und alles andere hinter Dir und komme mit mir."

Befreit lächelte Usagi. Das konnte er nicht. "Pau", verabschiedete er seinen Freund, "werde ich Dich wiedersehen?"

"Wenn Du das willst", antwortete Tse, "dann wird das geschehen."

"Auf Wiedersehen, Pau Tai und viel Glück", verneigte sich Usagi.

"Usagi, es war mir eine Freude ein Stück Deines Lebenswegs mit Dir gehen zu können. Friede und ein langes Leben", verabschiedete sich Pau und verschwand.

Kopfschüttelnd drehte sich Usagi um. Er hatte jetzt ein Leben mit jemanden zu leben.

In der Station auf dem Mond war wieder Ruhe eingekehrt. Nur die wichtigsten Systeme arbeiteten noch. Der Park war kahl und leer, alle Pflanzen und Tiere entweder eingefroren oder an andere Orte gebracht. Tse kehrte aber nicht hierher zurück.

Stattdessen stand Tse am Ufer eines Meeres, welches langsam und gleichmässig an einen flachen Strand schwappte. Während sich sein Körper automatisch in Bewegung setzte, fügte er die letzten Informationen in das grosse Puzzle ein, welches das Ergebnis seiner Mission in Usagis Welt war. Er schätzte, dass Usagi in fünfzehn bis zwanzig Jahren herausgefunden haben würde, was er getan hatte. Usagi würde irgendwann durch all die Lügen und Fehlinformationen, mit denen Pau ihn gefüttert hatte, hindurchsehen und entdecken, was Pau ihm angetan hatte.

Dann stand Tse vor dem alten Steinkreis. Seit Milliarden von Jahren lag er nun schon hier, in dieser unwirklichen Realität. Im inneren Sanktum von Ookaa'h. Ihr Tempel. Der Ort, wo man direkt mit ihr kommunizieren konnte.

Ohne zu Zögern trat Tse in den Kreis. Ein eventueller Beobachter hätte ein Leuchten gesehen, das den Kreis nun füllte. Grell hätte es ausgesehen, aber trotz der Helligkeit konnte man direkt hineinsehen, ohne dass es in den Augen schmerzte.

Nach geraumer Zeit trat Tse wieder aus dem Kreis und das Leuchten verlosch. Ookaa'h war zufrieden gewesen, er hatte seine Mission besser erfüllt, als geplant gewesen war. Nun hatte er Zeit sich seinem nächsten Problem zu widmen: Lord Braxter.

Wäre Tse in der Lage gewesen, irgendwelche Gefühle zu empfinden, so hätte ein wölfisches Grinsen auf seinem Gesicht gelegen. Ookaa'h hatte entschieden, dass es an der Zeit war, die Zivilisationen dieser Galaxis auf eine neue Stufe zu heben. Als Philmann Dark würde er an seine Arbeit zurückkehren und die Ränke des Lords endgültig beenden.

So aber blieb sein Gesicht ausdruckslos, bar jeder Regung. Mit fliessenden Bewegungen ging er zum Strand zurück, verwandelte sich wieder in Philmann Dark und verschwand aus dieser Realität, um unmittelbar danach in seiner selbstgewählten Heimat auf Halkor, dem Sitz des Rates, aus einem Transmitter zu treten.

Verräter!

Gen war noch ein paar Tage bei Usagi geblieben, hatte den Schülern nützliche Tipps gegeben, welche irgendwann dazu geführt hatten, dass Tomoe ihn hinausgeworfen hatte. Angeblich würde er die Schüler verderben. Er hatte sich seine gute Laune dadurch nicht vermiesen lassen, schliesslich war es wichtiger am Ende eines Kampfes noch am Leben zu sein, als stolz aus dem Grab rufen zu können, dass man ehrenvoll gekämpft hatte.

Aber schliesslich hatte er es selbst nicht mehr ausgehalten. Er hatte sich von Usagi und den anderen verabschiedet, von Kitsune seine Geldbörse zurückgefordert(4) und hatte sich auf den Weg zum Hof von Fürst Hirano gemacht.

4. Usagi Yojimbo Book 7 - The Return Of Kitsune

In der Stadt angekommen, überlegte er, ob er sofort zum Palast gehen sollte, entschied sich aber dagegen. Stattdessen würde er erst einmal etwas Geld ausgeben, um sich präsentabel zu machen. Er kaufte sich neue Kleider und übernachtete in einer einfachen, aber sauberen Herberge. Am nächsten Morgen badete er und ging dann zum Palast.

"Ich habe hier ein Empfehlungsschreiben für den Fürsten", polterte er, als die Wachen ihn nicht einlassen wollten und reichte das Schreiben einem von ihnen. Dieser nahm es unwillig entgegen, wurde aber sehr zuvorkommen, nachdem er das Siegel gesehen hatte. Ein Diener wurde gerufen, der ihn ins Innere geleitete.

Dort wurde er trotz heftiger Proteste nochmal gewaschen und in ordentliche Kleider gesteckt. Dennoch gefiel es ihm, wie die Dienerinnen um ihn herum kicherten und sich um ihn bemühten. Vielleicht würde es doch nicht so schlimm werden, wie er befürchtet hatte.

Dann musste er warten, bis der Fürst bereit war, ihn zu empfangen. Er hasste es zu warten. Je länger es dauerte, desto ungeduldiger wurde er. Und nervöser. Wenn seine Ungeduld das jetzt vermasseln würde, das würde er sich nie verzeihen. Also beherrschte er sich mühsam.

Schliesslich war es endlich so weit, aber Gen war auch am Rande seiner Selbstbeherrschung angelangt. Das Ganze lief eigentlich ganz gut, bis zu dem Zeitpunkt, wo Fürst Hirano ihn fragte, ob er in seinen Dienst treten wolle.

Gen blickte auf und sagte schlicht: "Ja." Der empörte Blick von Sakajato verriet ihm, dass das Protokoll hier nicht vorsah, dass er den Fürsten anblickte. 'Verdammt', fluchte er innerlich.

Fürst Hirano blieb äusserlich unbewegt. "Und in welcher Form wollt ihr mir dienen?"

Darüber hatte Gen noch gar nicht nachgedacht. Einen Kopfgeldjäger konnte der Fürst wahrscheinlich nicht brauchen. Und sonst gab es da nicht mehr viel Auswahl. "Ich möchte in eurer Leibwache dienen", antwortete er etwas zu hastig. Es war unmöglich zu sagen, ob diese Anmassung zu noch mehr Empörung in Berater Sakajato führte.

"Ich verstehe", antwortete der Fürst. "In diesem Fall möchte ich, dass ihr Morgen früh gegen drei Kämpfer in meiner Leibgarde antretet, damit ich mir ein Bild davon machen kann, ob ihr euch für diese Aufgabe eignet."

"Danke, Fürst Hirano", verbeugte sich Gen. Damit beendete der Fürst die Audienz und Gen trampelte aus dem Raum. Draussen wurde er wieder von einem Diener in Empfang genommen, der ihn in einen etwas abgelegenen Garten brachte, wo Gen sich etwas entspannen konnte.

Er wagte sich gar nicht vorzustellen, wie viele Verstösse gegen das Protokoll er sich gerade geleistet hatte. Zumindest Berater Sakajato würde ihn wohl lieber heute als morgen aus der Burg werfen. Und er wollte Fürst Hirano auch nicht antun, dass er die ganze Zeit seine schützende Hand über ihn halten musste. Er versprach sich, es denen Morgen zu zeigen.

Am nächsten Morgen war er guter Dinge. Ein Diener führte ihn zu dem Ort, wo seine Prüfung stattfinden würde und Gen war bereit. Die ersten beiden Kämpfer besiegte er nach kurzem Kampf, aber der dritte erwies sich als unbezwingbar.

Dreimal griff Gen an und dreimal wurde er besiegt.

Damit waren seine Chancen wohl zunichte gemacht. Deprimiert kniete er mit den drei anderen vor dem Fürsten. Ein unbekannter Mann in Uniform sprach leise mit dem Fürsten. Dann sagte Berater Sakajato etwas. Gen konnte sich schon vorstellen, was. Aber er würde seine Niederlage mit Stolz tragen.

"Nun gut", sprach der Fürst schliesslich laut, "ich denke, wir werden es mit euch versuchen."

Gen traute seinen Ohren nicht. Hatte er es wirklich geschafft? Er konnte es nicht fassen! Beinahe hätte er vor Freude einen der Kämpfer neben ihm umarmt. Das musste gefeiert werden und zwar bald!

Als die Pause immer länger wurde, realisierte Gen, dass man wohl etwas von ihm erwartete.

"Ich danke euch, Mein Fürst! Ihr werdet es nicht bereuen!" sprudelte er hervor. Berater Sakajato schloss die Augen.

Fürst Hirano wies auf den unbekannten Mann neben sich. "Dies ist Major Terani. Er ist der Anführer meiner persönlichen Leibwache und nun euer Vorgesetzter. Er wird euch in eure Pflichten einweisen lassen."

Mit unbewegtem Gesicht nickte der Major. Damit waren sie entlassen. Der Fürst und sein Berater gingen, nicht ohne dass der Berater noch einmal einen vernichtenden Blick auf Gen abgeschossen hatte.

Der Major kam herüber zu ihnen und die Kämpfer erhoben sich. "Ihr seid mir noch nicht vorgestellt worden", begann dieser das Gespräch. Seine Stimmer war dunkel und beherrscht.

"Mein Name ist Murakami Gennosuke", stellte Gen sich mit einer leichten Verbeugung vor.

"Seid ihr mit General Murakami verwandt?" erkundigte sich Terani.

"Er war mein Vater", antwortete Gen.

"Ein grosser Mann."

"Alle anderen hatten mehr von ihm, als ich", kam die etwas traurige Antwort.

Der Major ging nicht darauf ein. Er stellt die anderen Kämpfer vor. Die ersten beiden Männer, die Gen besiegt hatte, waren Brüder und hiessen Abai und Kinai. Der letzte Kämpfer hiess Vato. Gen erfuhr, dass sie die drei besten Kämpfer aus der Leibgarde waren.

"Ich war beeindruckt, als ihr die Brüder so mühelos besiegt habt", gestand der Major. "Ihr werdet eine grosse Bereicherung der Leibgarde sein."

"Sobald wir euch beigebracht haben, euch bei Hofe zu bewegen", setzte er hinzu. Gen verzog nur das Gesicht.

"Vato, ich übergebe ihn in eure Hände. Weist ihn ein", befahl der Major und ging dann.

Als erstes zeigte Vato Gen sein neues Zuhause, sie besorgten Kleidung und sonstige Ausrüstung und dann wurde Gen den anderen Mitgliedern der Leibwache vorgestellt. Wie der Major versprochen hatte, wurde Gen zuerst höfisches Protokoll eingetrichtert. Das fiel Gen sehr schwer. Er war eher der direkte, offene Typ, der aus seinem Herzen keine Mördergrube machte. Das steife Gehabe bei Hofe behagte ihm nicht und so machte er nur langsam Fortschritte.

Auch seine Beziehung zu Berater Sakajato wurde nicht besser. Sakajato ging Gen aus dem Weg und wenn sie sich trafen, liess er Gen deutlich seine Abneigung spüren. Zumindest konnte Gen ihm zugute halten, dass er ihn nicht anschwärzte, weil er mit dem Fürsten so persönlich gewesen war.

So verging geraume Zeit, bis Gen das erste Mal offiziell als Leibwächter des Fürsten eingesetzt werden konnte. Er war sehr stolz auf seine Leistung und selbst der kühle Major Terani schien etwas aufzutauen. Vato wurde ein guter Freund und gemeinsam schulten sie die anderen Leibwächter. Leider stellte sich die Aufgabe selbst als unglaublich langweilig heraus. Die meiste Zeit verbrachte Gen damit, irgendwo in der Nähe von Fürst Hirano zu sitzen und nichts zu tun.

Innerhalb der Burg waren die Leibwachen nichts weiter als Ausstellungsstücke, weil die Palastwache alle Gefahren abhielt. Und in dieser Zeit reiste Fürst Hirano nur wenig, also kamen sie nur selten hinaus. Gen, der ein freies Leben ohne Regelmässigkeiten gewohnt war, stellte unbehaglich fest, dass er immer weniger Freude an seiner Aufgabe fand.

Ausserdem war Fürst Hirano jetzt für ihn unerreichbar geworden. Zwar hätte er nur die Hand auszustrecken brauchen, um ihn zu berühren, aber sprechen konnte er nicht mit ihm. Das wäre für jemanden mit einem so niedrigen Rang wie ihm, nicht schicklich gewesen.

Nach einem besonders ereignislosen Tag konnte Gen nicht schlafen und er beschloss ein wenig im Palast zu patrouillieren, auch wenn das völlig sinnlos war. Aber so hatte er wenigstens eine gute Entschuldigung, zumindest vor sich selbst und konnte sich ein wenig die Beine vertreten, bis er müde genug war, um zu schlafen.

Obwohl er sich leise und unauffällig bewegte, wurde er mehrmals von der Palastwache aufgehalten. Diese Leute verstanden ihren Job und machten ihn gut. Auf dem Rückweg allerdings sah er aus dem Augenwinkel einen anderen Schatten herumhuschen. Zuerst glaubte er einer Täuschung aufgesessen zu sein, aber als er den Gang hinunter ging, sah er gerade noch etwas um die Ecke verschwinden.

Gen erhöhte seine Geschwindigkeit, achtete aber immer noch darauf, dass er so leise wie möglich blieb, damit, was auch immer es war, nicht merkte, dass es verfolgt wurde. Während er lief, überlegte er, ob er Alarm schlagen sollte, entschied sich aber dagegen. Er wollte sich nicht der Schande preisgeben, sollte er sich geirrt haben.

Er kam in einen Gang, der ins Freie führte. Berater Sakajato hatte hier sein Zimmer und noch jemand, der Gen gerade nicht einfiel. 'Ist der Schatten ins Freie gelaufen?' überlegte er. Während er lautlos den Gang hinunter lief, kam er an der Tür zu Sakajatos Gemächern vorbei. Sie stand einen Spalt offen. Routinemässig warf er einen Blick durch den Spalt und da war sein Schatten wieder!

Ohne nachzudenken oder anzuhalten warf sich Gen durch die Wand des Zimmers. Der Verfolgte schien völlig überrascht zu sein, denn er zog sein Schwert erst, als Gen bereits heran war. Er hatte keine Chance. Von Gen tödlich getroffen brach der Ninja zusammen.

"Alarm!" brüllte Gen so laut er konnte, "Ninjas in der Burg!"

Erleichtert hörte er, wie irgendwo der Alarmgong geschlagen wurde. Sofort erfüllte das Getrappel vieler Füsse die Burg.

"Seid ihr verletzt?" fuhr Gen den verstörten Berater an, der anscheinend im Schlaf überrascht worden war. Mit leerem Gesicht blickte er zwischen Gen und dem Ninja hin und her. Schliesslich schüttelte er nur den Kopf.

Die Tür wurde aufgerissen und mehrere Mitglieder der Palastwache stürmten in den Raum. Gen begrüsste sie mit einem kurzen Nicken, dann machte er sich auf den Weg zu Fürst Hirano, dessen Sicherheit seine Pflicht war.

Nach mehreren Stunden Suche stand fest, dass der Ninja alleine gewesen war. Es war nicht klar, wie der die Burg hatte ungesehen betreten können, aber der Major, der die Palastwache unter sich hatte, versprach den Schwachpunkt zu finden und zu beseitigen.

Gen wurde von Fürst Hirano persönlich ein Lob für seine Aufmerksamkeit ausgesprochen und er konnte sehen, wie stolz das die anderen Mitglieder der Leibwache machte. Auch wenn sie hier im Palast eigentlich keine wichtige Aufgabe hatten, so hatten sie doch bewiesen, dass sie trotz allem einen Sinn hatten.

"Trotzdem sehe ich, dass ihr nicht zufrieden seid", fuhr der Fürst fort.

Beinahe hätte Gen laut geseufzt. "Nein, mein Fürst", bekannte er.

"Warum nicht?"

"Es ist langweilig", gab Gen ehrlich zu und Berater Sakajato sog scharf die Luft ein. 'Kann ich nicht einmal in meinem Leben meine verfluchte, grosse Klappe halten?' fluchte Gen innerlich.

"Ich verstehe", sagte der Fürst. "Leider erlauben es meine Pflichten nicht, mich öfters auf Reisen zu begeben."

Der Fürst dachte eine Weile nach. "Aber Berater Sakajato muss häufig in meinem Auftrag reisen und daher werdet ihr ihn in Zukunft begleiten."

Gen war, als hätte man ihm den Boden unter den Füssen weggezogen. Statt Langeweile die Schlangengrube. Es musste ziemlich entsetzt ausgesehen haben, denn einen Moment sah er Kan in den Augen von Fürst Hirano.

"Vertraut mir, Gen", sagte der Fürst leise.

Das gab Gen die Kraft, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, bis er alleine war. "Natürlich, mein Fürst", sagte er ruhig, verbeugte sich und ging, als er entlassen war.

Er hatte sich wieder etwas gefangen, als Berater Sakajato ihn rufen liess. Fürst Hirano musste sich dem politischen Kalkül beugen, aber Gen vertraute Kan. Wenn Kan ihn bat Vertrauen zu haben, dann würde Gen das tun.

Um keinen weiteren Anlass zu geben, beeilte sich Gen zu seinem neuen Vorgesetzten zu gehen und achtete sorgfältig auf das Protokoll, die notwendigen Verbeugungen und wann er zu sprechen hatte.

Trotzdem hörte er nur mit halbem Ohr hin. Berater Sakajato erklärte ihm, wohin die nächste Reise gehen würde, wie viele sie sein würden, was der Zweck der Reise war. Sakajato verhielt sich kühl, aber korrekt. Nur war das Gen nicht mehr genug. Zu lange hatte er seinen wahren Charakter unterdrücken müssen.

"Warum hasst ihr mich so sehr?" verlangte er schliesslich zu wissen, als er es nicht mehr aushielt.

Sakajato war verwirrt. "Bitte?"

"Seit ich hier bin, seht ihr mich an, als sei ich eine üble Krankheit, die man vom Fürsten fernhalten müsste. Ich habe gesehen, wie ihr mit Fürst Hirano gesprochen habt, als ich meine Prüfung ablegte. Sicherlich habt ihr ihm empfohlen, mich fortzuschicken", beklagte sich Gen bitter.

"Ich weiss nicht, was ihr gesehen habt", antwortete Sakajato kühl, "aber nicht ich wollte euch abweisen. Meine Empfehlung an den Fürsten war, euch euren Wunsch zu erfüllen. Und ich hasse euch auch nicht, ich verachte euch."

"Aber warum?" fragte Gen, seinerseits verwirrt.

"Ihr seid eine Schande für das Andenken eures Vaters, des berühmten Generals Murakami", war die ruhige Antwort.

"Was wisst ihr schon über meinen Vater?" fragte Gen bitter.

"Er war mein Freund. Ich habe den grössten Respekt vor der Integrität und Ehrenhaftigkeit eures Vaters und zu sehen, wie sein eigener Sohn dieses Andenken zurückweist und als einfacher Kopfgeldjäger die Ehre der Familie in den Schmutz zieht, ist fast mehr, als ich ertragen kann!"

"Die Ehre der Familie? Ehre?" ereiferte sich Gen. "Vielleicht war er euer Freund, aber ihr wisst nichts über ihn! Was seine angebliche Ehre seiner Familie angetan hat! Was ist mit der Ehre seiner Frau und des kleinen Kindes, die er wegen irgendeiner abstrusen Pflicht ignorierte(5)?"

5. Usagi Yojimbo Book 7 - Gen

"Was ist mit unserer Ehre gewesen? Den Qualen und den Erniedrigungen, die wir erdulden mussten? Was ist mit der Ehre, wenn die darunter leiden müssen, die sich nicht wehren können?" brüllte Gen. Es war ihm verdammt egal, ob und wer sie hörte.

"Habt ihr eine Ahnung, was es für ein Kind heisst, am Grab der Mutter zu stehen und nicht weinen zu dürfen, weil der Vater keine Zeit für so einen Unsinn hat?"

"Zu sehen, wie die eigene Mutter in einem Dreckloch irgendwo im Nichts verscharrt wird, weil das Geld nicht einmal dazu reicht, etwas zum Essen zu kaufen?"

"Einen Vater zu haben, dessen ganzes Leben sich nur um die Pflicht zu seinem Klan drehte, und der seine Pflicht gegen seine eigene Familie völlig vernachlässigte?"

"Ihr wisst gar nichts! Nichts von dem, was ich durchmachen musste! Ihr mokiert euch darüber, dass ich nur ein Kopfgeldjäger bin! Mein Vater war gar nichts. Ich leiste einen wichtigen Beitrag für diese Gesellschaft, auch wenn er nicht sehr hoch angesehen ist, aber er hat immer nur meine Mutter zum Betteln geschickt! Was war da mit Ehre, häh?"

"Seine Ehre hat allen anderen immer nur Unglück, Leid und Verzweiflung gebracht. Am Ende hatte er Berater Oda gefunden, aber wahrscheinlich war seine Ehre ihm wichtiger als etwas zu essen zu besorgen und so starb er voller Ehre ohne seine Pflicht gegen irgendjemanden erfüllen zu können!"

Wie Faustschläge hämmerten die Worte auf Berater Sakajato ein. Als Gen schliesslich voller Zorn aus dem Zimmer stürmte, zitterte er so sehr, dass er sich setzen musste.

Währenddessen lief Gen wie eine Inkarnation des Gottes des Zorns durch die Burg. Er sah nicht, wem er begegnete, blickte nicht nach links oder rechts und wer ihm nicht rechtzeitig auswich, der wurde niedergewalzt. Als er wieder zu sich kam, war er in dem kleinen, abgeschiedenen Garten, in dem er auf seine erste Audienz mit Fürst Hirano gewartet hatte.

Er setzte sich auf eine kleine Steinbank und wartete, bis sich seine tobenden Gefühle wieder beruhigt hatten. Das war es dann wohl, damit hatte er seine Zukunft wohl endgültig zerstört. Stöhnend legte er seinen Kopf in die Hände. 'Was ist nur in mich gefahren? Warum habe ich mich so aufregen müssen? Wieso konnte ich mich nicht beherrschen, entschuldigen und dann ein paar Übungen auf dem Trainingsfeld machen, um mich abzureagieren?'

Stattdessen hatte er den wichtigsten Berater des Fürsten vor den Kopf gestossen und das auch noch quasi vor allen anderen.

Er blickte nicht auf, als Schritte sich ihm näherten. Es waren mehrere Personen, die in den Garten getreten waren. Wahrscheinlich hatte der Berater einfach die Palastwache gerufen, damit sie ihn ins Verlies warfen. Eine einzelne Person näherte sich ihm. Natürlich wussten sie, wie gut er kämpfte und wollten nicht unnötig Leben opfern. Wahrscheinlich sammelten sich in diesem Augenblick Bogenschützen auf den Mauern um den Park.

Aber er würde Kan nicht entehren. Er hatte schon zu viel Schaden angerichtet. Langsam, um niemanden zu provozieren band er sein Schwert ab und legte es achtsam neben sich auf die Bank. Dann blickte er auf, um sich zu ergeben.

Vor ihm stand aber kein Soldat oder Major Terani sondern Berater Sakajato. Als Gen aufblickte, sank der Berater vor ihm auf die Knie.

"Verzeiht mir, Murakami Gennosuke, für meine unbedachten Worte. Wie wohl viele andere, sah ich in euch euren Vater und die vielen Ideale, die mir ein Vorbild waren und mein Schmerz, zu sehen, wie ihr diese Ideale meiner Meinung nach missachtet habt, liess mich sprechen. Es tut mir Leid. Ich hätte mich niemals von der Erinnerung blenden lassen dürfen, sondern auch als den anerkennen müssen, der ihr seid."

Gen wusste nichts zu sagen. Sprachlos blickte er zu dem Berater auf, der in demütiger Haltung vor ihm stand. Am Rande des Gartens stand Major Terani mit Vato. Keine Bogenschützen waren zu sehen. Der Berater hatte sich vor anderen bei ihm entschuldigt.

"Ähm", stammelte Gen. "Vielleicht sollten wir noch einmal von vorne anfangen", bot er an.

"Ich danke euch", sagte Berater Sakajato. Er nickte Major Terani und Vato zu und diese gingen wortlos.

"Bitte setzt euch doch", bot Gen an. Hastig rückte er zur Seite und brachte sein Schwert in Sicherheit. Er konnte es nicht sehen, aber über ihren Köpfen stand Lady Hirano an einem Fenster ihrer privaten Gemächer und beobachtete sie, wie sie es getan hatte, als Gen auf seine Audienz gewartet hatte. Sie lächelte und liess die beiden allein.

"Ich weiss gar nicht, was in mich gefahren ist", stammelte Gen nervös.

"Alter Hass", antwortete der Berater ruhig, "ist meist unkontrollierbar, wenn an ihm gerührt wird."

Gen nickte nur. All die Jahre, wo er seinen Hass sorgfältig gepflegt und gehegt hatte.

"Wenn ihr wollt, dann kann ich euch etwas von eurem Vater erzählen", bot Sakajato an. "Ich kannte ihn gut. Wir beide haben zusammen lange Zeit dem Asano Klan gedient."

Gen seufzte leise. "Alles, was mir von ihm geblieben ist, ist die Erinnerung und sein Schwert."

"Und euer Hass."

"Und mein Hass."

Sie schwiegen eine Weile, bis Gen wieder in der Lage war, das Gespräch fortzusetzen.

"Wie seid ihr in den Besitz des Schwertes eures Vaters gelangt?" erkundigte sich Sakajato schliesslich.

Gen seufzte erneut. "Ich war mit Usagi unterwegs. Zufällig trafen wir auf Lady Asano, die wie mein Vater dem Verräter Oda hinterher jagte. Tatsächlich traf sie auf Oda. Wie üblich konnte Usagi sich nicht zurückhalten und musste ihr helfen. Wir wurden alle gefangengenommen, konnten aber fliehen. Im Lager von Oda holten wir uns Waffen. Zufällig nahm ich das Schwert meines Vaters."

"Was geschah mit Oda?"

"Ist tot. Lady Asano hat ihn getötet."

"So habt ihr die Pflicht eures Vaters gegen den Asano Klan erfüllt."

"Gegen meinen Willen, ja", gab Gen zu.

"Bedeutet euch das nichts?"

Gen blickte Sakajato offen an. "Ich habe einen zu hohen Preis für diese Pflicht gezahlt, um mich darüber freuen zu können."

"Was wisst ihr über Oda?"

"Nichts. Als der Asano Klan durch Odas Verrat vernichtet wurde, war ich noch sehr klein. Später sagte mir mein Vater nur, dass er den Klan verraten hatte und dafür den Tod verdient hatte."

"Das war vielleicht der einzige Fehler Deines Vaters. Er war sehr stolz."

Gen schnaubte nur.

"Lasst mir euch die ganze Geschichte erzählen. Vielleicht hilft es euch, mit eurem Vater Frieden zu schliessen."

"Als Oda den Klan verriet, stand ich schon im Dienst von Fürst Hirano. Aber ich erinnere mich noch, wie Oda in den Klan kam. Fürst Asano traute ihm nicht. Beinahe wäre all das nicht passiert, aber Oda hatte einen Fürsprecher, dem Fürst Asano vertraute. So konnte er bleiben und seinen Verrat ausführen."

"Mein Vater", vermutete Gen dumpf.

"Als herauskam, dass Oda ein Verräter war, muss Dein Vater sich verantwortlich gefühlt haben. Ich denke, der Gedanke seinen Fehler wiedergutzumachen war dann das Einzige, was ihn erfüllte. Er musste seinen Fehler bereinigen und so das Unglück lindern, dass er über den Klan, der ihm vertraut hatte, gebracht hatte."

"Mein Vater hat die Schlange eingelassen."

Wieder schwiegen beide. Dann bat Gen darum alleine zu sein. Wortlos ging Berater Sakajato. Gen sass noch lange Zeit im Garten und hing seinen Gedanken nach. Unbemerkt beobachtete Fürst Hirano ihn eine Weile als er zu Bett ging. Er hoffte, dass die beiden zueinander finden würden. Sakajato war ein guter Freund von General Murakami gewesen und Gen hatte viel von seinem Vater, auch wenn er es abstritt. Hoffentlich konnte Gen Sakajato helfen.

Am nächsten Morgen erschien Gen etwas müde, aber erleichtert zum Dienst, um Berater Sakajato sicher an sein Ziel zu begleiten. Sie sassen auf und ritten beim ersten Sonnenlicht los.

Unterwegs bedankte sich Gen bei Sakajato für sein Verständnis. Sakajato lächelte traurig. "Ich muss gestehen, ich tat es wiederum nur wegen des Andenkens an euren Vater. Zu sehen, wie sein Sohn meinen guten Freund hasst, war mehr, als ich ertragen konnte."

"Ich bitte euch, seht den grossen Mann, der er war, bevor Oda den Asano Klan zerstörte und damit das Leben eures Vaters und eures. Wenn ihr wollt, dann erzähle ich euch von ihm, während wir unterwegs sind."

Gern akzeptierte Gen das Angebot und er erfuhr viel von Sakajato. Einiges wusste er, aber vieles lernte er aus einem neuen Licht kennen. Es war wirklich interessant, etwas über die eigene Vergangenheit zu erfahren. Im Laufe der Reise schaffte Gen es schliesslich, seinen Frieden zu finden und seinem Vater zu vergeben.

Als Berater und sein Leibwächter waren sie losgezogen, als Freunde kehrten sie zurück. Nach langer Zeit empfand Gen endlich wieder Freude an seiner Aufgabe. Die beiden waren fast unzertrennlich und wohin Sakajato auch ging, Gen war in seiner Nähe. So kam er auch viel häufiger mit Fürst Hirano zusammen und in viel zwangloserer Atmosphäre. Keine Gäste des Fürsten waren in der Nähe, wenn sie sich besprachen und Gen war nun tatsächlich in der Lage, öfters ein paar Worte mit dem Fürsten zu wechseln.

Alles wäre perfekt gewesen, wenn Sakajato sich nicht immer mehr verändert hätte. Gen begann sich Sorgen um seinen Freund zu machen, aber es ergab sich irgendwie nie eine günstige Gelegenheit, seine Sorgen zur Sprache zu bringen.

Nach einer Reise zu Fürst Noriyuki, auf der sie weitere, gemeinsame Projekte der beiden Fürsten abgesprochen hatten, bat Sakajato ihn zu sich. Die Reise war sehr erfolgreich gewesen, Gen hatte Usagi besucht und gemeinsam mit Sakajato hatten sie auf die Zukunft ihrer Provinzen getrunken.

Gen war fest entschlossen, jetzt zu sprechen, egal ob es passte oder nicht. Am Ende der Reise hatte Sakajato fast kein Wort mehr gesprochen.

Aber bevor er etwas sagen konnte, bat Sakajato ihn, eine Kiste zu öffnen. Im Inneren der Kiste waren Säcke. Auf Geheiss von Sakajato öffnete Gen einen davon. Darin befand sich Geld. Gen schätzte, dass in der Kiste etwa 800 bis 1000 Ryo waren. Bevor er fragen konnte, was es damit auf sich hatte, fuhr Sakajato mit leiser Stimme fort.

"Ein Leben ohne Ehre ist kein Leben mehr. Dein Vater hat dem, was er für Ehre hielt, sein eigenes Leben geopfert, sein Glück, seine Familie. Leider bin ich schwach, Gen."

"Aber ich kann jetzt nicht mehr. Als Freund bitte ich Dich darum, mir einen letzten Wunsch zu erfüllen. Sei mein Zweiter(6)."

6. Helfer beim Rituellen Selbstmord Seppuku, der dem Selbstmörder assistiert, damit dieser sich auf jeden Fall ehrenvoll sterben kann

Die Puzzlestücke fielen in Gens Kopf an den richtigen Ort, bis sich ein Bild ergab. "Du bist bestochen worden", vermutete er. Sakajato antwortete nicht.

Gens Gedanken rasten. Er brauchte dringend Hilfe, aber an wen konnte er sich wenden? Wenn der Fürst erfuhr, was vorgefallen war, würde er Sakajato Seppuku befehlen müssen und seine Ehre wäre auf ewig beschmutzt. "Ich bin einverstanden", sagte er mit gezwungen ruhiger Stimme, "aber ich muss eine Bedingung stellen."

"Welche?" fragte Sakajato gequält.

"Nicht heute und nicht morgen", verlangte Gen.

Überrascht blinzelte Sakajato. Er hatte eher damit gerechnet, dass Gen versuchen würde, ihm seinen Wunsch auszureden. Vielleicht sogar gehofft. Dass Gen so bereitwillig zustimmen würde, traf ihn fast unvorbereitet, aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. "Ich bin einverstanden. Und kein Wort zu irgendjemand."

"Das versteht sich von selbst", versprach Gen ruhig.

Erleichtert entspannte sich sein Freund. Fast war es wieder wie zu Beginn ihrer Freundschaft, nachdem sie sich ausgesprochen hatten. Der unsichtbare Schatten, der auf Sakajatos Seele gelegen hatte, war fort und er würde seine beiden letzten Tage auf dieser Welt geniessen.

Nachdem Gen sich für die Nacht verabschiedet hatte, ging er in sein Zimmer und dachte nach. Es musste ihm etwas einfallen. Er konnte seinen Freund nicht einfach so sterben lassen. Aber was sollte er tun?

Dann fiel ihm etwas ein. Es gab eine Person mit der er sprechen konnte! Dass er nicht gleich daran gedacht hatte! Sicher würde sie einen Rat wissen. Er schrieb eine kurze Botschaft auf ein Blatt Papier und rief einen Diener, sie beim Morgengrauen zu übergeben.

"Es ist ungeheuer wichtig, dass er diesen Brief bekommt", schärfte Gen dem Diener ein, "falls nicht, könnte jemand sterben!" Schockiert versprach der Diener, sich persönlich darum zu kümmern.

An nächsten Tag trat Gen wie gewohnt seinen Dienst an. Sakajato war noch immer so locker, wie lange nicht mehr. Entspannt redete er mit Gen und Gen merkte, wie sich alle freuten, dass es Sakajato wieder besser ging. Auch Fürst Hirano war die Änderung nicht entgangen, aber er lächelte nur kurz, als Gen ihn ansah und sagte nichts.

Gen indes war ziemlich nervös, weil er noch keine Antwort erhalten hatte. Am Nachmittag war er fast schon so weit, den Diener zu suchen, um ihn zur Rede zu stellen, als dieser gelaufen kam und ihm einen Brief übergab.

"Trefft mich heute nach Sonnenuntergang in dem Garten, in dem ihr auf eure erste Audienz mit Fürst Hirano gewartet habt", stand da. Kein Name oder ein Siegel. Erleichtert dankte Gen den Göttern.

"Eine heimliche Liebschaft?" erkundigte sich Sakajato fröhlich.

"Besser!" entfuhr es Gen.

"Noch besser?" lachte Sakajato.

"Ich werde heute Abend einen alten Freund wiedersehen, den ich lange vermisst habe", freute sich Gen.

"Einen Freund? Im Garten unter den Privatgemächern des Fürsten?" staunte Sakajato arglos.

Gen erstarrte. Aber wenn er darüber nachdachte, dann musste der Garten wirklich unter den Gemächern von Fürst Hirano liegen. "Die haben mich da schmoren lassen, um mich zu beobachten!" sagte er fast empört.

Sakajato lachte. "Dazu will ich mich jetzt nicht äussern. Ist es Pau Tai?"

Gen schüttelte den Kopf. "Nach dem, was Usagi berichtet hat, werden wir ihn niemals wiedersehen. Das ist vielleicht auch besser so."

Sakajato wollte schon weiterfragen, aber Gen winkte ab. "Du kennst ihn nicht, aber er wird Dir gefallen, da bin ich mir ganz sicher."

So ging der Tag vorbei und die Sonne ging unter. Gen war mir Sakajato schon vorher da.

"Also. Einiges, was heute Abend hier passieren wird, wird Dir seltsam oder merkwürdig vorkommen", begann Gen, der seine Waffen am Eingang des Gartens zurückgelassen hatte. "Wann immer Du willst, kannst Du einfach gehen. Niemand wird Dich zurückhalten oder schlecht von Dir denken, wenn Du das tust."

Erstaunt nickte Sakajato, um anzuzeigen, dass er verstanden hatte und Gen fuhr fort: "Ich möchte Dich bitten, erst einmal nichts zu sagen und mir das Reden zu überlassen."

Sakajato runzelte die Stirn, stimmte aber zu. "Warum hast Du Deine Waffen am Eingang zurückgelassen?" wollte er stattdessen wissen.

Gen zuckte mit den Schultern. "Ich weiss nicht. Es schien ... richtig zu sein. Das ist wahrscheinlich das seltsamste an dem ganzen. Ich werde heute Nacht viele Dinge tun, bei denen ich beim besten Willen nicht werde sagen können, warum ich das gemacht habe. Nur dass es ... irgendwie ... richtig ist."

Gen hatte Sakajato jetzt wirklich neugierig gemacht. Gemeinsam warteten sie. Dann aber kamen Fürst Hirano und seine Frau in den Garten. 'Sicher würden sie den Garten für sich haben wollen', dachte Sakajato. Gemeinsam standen sie auf. Wie es sich gehörte, verbeugte sich Sakajato, aber Gen stand einfach nur da.

Als sie heran waren, sprach Gen: "Hallo Kan, ich freue mich, Dich wiederzusehen."

Sakajato erstarrte. 'Was masst sich Gen da an?'

"Gen, ich freue mich auch." Dann umarmten sich die beiden, wie alte Freunde. Sakajato blickte auf. Es war ohne Zweifel Fürst Hirano. Was ging hier vor?

Dann begrüssten sich die Fürstin und Gen. Auch sie sprach Gen mit ihrem Vornamen an und auch sie beide umarmten sich. Es war nicht etwa so, dass Gen sie umarmte. Nein, sie erwiderte die Umarmung offensichtlich!

"Kan, ich möchte Dir einen guten Freund von mir vorstellen", sagte Gen und wies auf Sakajato. "Dies ist Maro."

"Hallo Maro", grüsste der Fürst seinen Berater zwanglos und so, als würde er ihn zum ersten Mal im Leben sehen, "ich freue mich, einen Freund von meinem Sohn Gen kennenzulernen."

"Sohn?" staunte Sakajato.

Kan lächelte und Gen lachte. "Kan ist der Vater für mich, den ich nie hatte. Er ist der Grund, warum ich überhaupt an den Hof des Fürsten Hirano gekommen bin. Und Du", sagte er zu Sakajato, "hast mir geholfen, den anderen Vater zu finden, den ich nicht hatte. Dafür Danke ich Dir von ganzem Herzen."

Der Fürst und seine Frau waren in weisse Gewänder gekleidet, schmucklos und ihrer Position nicht angemessen. Trotzdem schien es ihnen nicht unangenehm zu sein. Dann erinnerte sich Sakajato wieder. Diese Gewänder hatten sie auch getragen, nachdem Pau Tai sie geheilt hatte. 'Was geht hier nur vor?' überlegte Sakajato, dem immer unbehaglicher zumute war.

"Kommt mit", bat der Fürst und führte sie ein Stück bis zu einer Stelle, wo Decken auf dem Boden lagen.

Sakajato wollte Gen ansprechen, doch dieser winkte ab. "Nur einen Rat noch. Was auch immer geschieht, nimm es einfach an, ohne Hintergedanken und ohne zu überlegen, was es bedeuten könnte. Sei einfach nur hier und jetzt."

Sie setzen sich. Gen fing an. "Ich bin Gen. Nur Gen. Heute habe ich keine Vergangenheit, nur das Jetzt. Alles, was mir hier und heute angeboten wird, werde ich als das Geschenk annehmen, dass es ist, ohne Hintergedanken und ohne es zu be- oder verurteilen. Alles, was mir hier und heute offenbart wird, wird niemals diesen Ort verlassen. Hier und heute bin ich nur Gen. Ich will jedem, der mich darum bittet, helfen, so gut ich kann, ohne Hintergedanken, ohne auf eine Belohnung zu hoffen oder für einen anderen persönlichen Vorteil."

Wie schon einmal, wiederholten Kan und Kinuko das Versprechen mit ihren eigenen Worten. Dann warteten sie, dass Maro sprach. Und Maro beschloss, es zu versuchen. 'Was habe ich schon zu verlieren?' dachte er. 'Morgen spielt es sowieso keine Rolle mehr.'

"Ich bin Maro. Nur Maro", begann er und leistete seinen Schwur.

"Gen, bist Du sicher, dass wir ohne die Hilfe von Sanshobo oder Tai eine Aufstellung durchführen können?" fragte Kinuko etwas unsicher.

"Nun, ich möchte eigentlich nur reden. Aber wenn das gewünscht wird, dann bin ich bereit", versicherte Gen. "Es ist so lange her, dass wir uns zuletzt gesehen haben und es gibt so viel zu besprechen."

"Wie gefällt es Dir jetzt am Hof von Fürst Hirano?" fragte Kinuko.

"Ich denke jetzt, dass es die richtige Entscheidung war, hierher zu kommen. Es hat zwar eine Weile gedauert, meinen Platz hier zu finden, aber ich bin jetzt ziemlich glücklich. Es wäre nur schön", sagte er zu Kan, "wenn ich Dich öfters zu sehen bekommen würde."

"Ja", gestand Kan, "ich habe das gleiche Problem. Falls jemand einen Vorschlag hat, wäre ich dankbar."

"Nun, könnte Dein Berater Sakajato nicht mal für Dich einspringen, und Du könntest eine Reise machen? Ich denke, es würde mehr bringen, wenn Du direkt mal mit Fürst Noriyuki reden würdest statt das immer über Boten zu machen."

Maro gefiel der Vorschlag. Leider würde er bald nicht mehr zur Verfügung stehen, und das war schade. Er konnte sehen, wie Kan darunter litt, hier in der Burg quasi eingesperrt zu sein. Maro stöhnte innerlich auf. Er würde sich zwischen seiner Pflicht und seiner Ehre entscheiden müssen. Konnte er überhaupt so selbstsüchtig sein und sein persönliches Glück über das seines Herrn stellen?

Um sich von diesen unangenehmen Gedanken abzulenken, fragte er: "Was ist das eigentlich, eine Aufstellung?"

"Es ist eine Art Heilverfahren", sagte Gen, "aber frage mich jetzt bitte nicht, wie es funktioniert. Ich habe keine Ahnung."

"Stelle Dir vor, Du hättest ein Problem, dass Dich schwer belastet, aber das Du nicht in Worte fassen kannst", bat Kan. Das fiel Maro nicht schwer.

"Eine Aufstellung macht genau das: Es zeigt Dir Dein Problem. Wenn Du es dann gesehen hast, was es ist, aus welchen Teilen es sich zusammensetzt, dann ist meist offensichtlich, wie es funktioniert und wie man es lösen kann."

"Das verstehe ich nicht", bekannte Maro offen und spürte die Freude, die es ihm bereitete, ohne Hintergedanken über etwas sprechen zu können.

"Du erinnerst Dich, wie Du mir von meinen Vater erzählt hast", erläuterte Gen. Maro nickte. "Du hast mir gesagt, dass Du vermutest, dass Rache ihn getrieben hätte."

"Das wusste ich damals schon. Tai hat eine Aufstellung mit mir gemacht. Dabei erfuhr ich viel über mich und meinen Vater. Keine Geschichten oder Worte oder so", sagte er nachdenklich, "es waren eher ..."

"Aspekte", half Kinuko ihm.

"Genau. Aspekte des Problems. Wir waren damals zu acht", holte Gen aus, damit Maro besser verstand.

"Wie dass? Nur der Fürst, seine Frau und Pau Tai waren in dem abgeriegelten Teil der Burg!"

"Nur kurz", erklärte Kan ruhig. "Pau hat uns an einen anderen Ort gebracht. Dort warteten die anderen schon."

"Tomoe und Usagi waren dort, ein Priester namens Sanshobo, das Ehepaar Keiko und Nero, ich und jemand namens Jei. Seltsamer Typ. Angeblich ein Bote der Götter und unsterblich."

"Ich habe von ihm gehört", warf Maro ein, "er hat angeblich alleine Fürst Sakana-no-ashiyubi und 50 seiner Kämpfer getötet(7)"

7. Usagi Yojimbo - Grasscutter, Seite 56ff.

"Klingt nach Jei", sagte Gen mit einem trockenen Lachen. "Wie dem auch sei, Jei verkörperte für mich den Aspekt der Rache, dem mein Vater alles geopfert hat. Ich konnte ihn so richtig schön hassen, ihm all das einmal an den Kopf werfen, was ich schon immer loswerden wollte und das hat mir geholfen."

"Auf diese Weise", fuhr Kan fort, "haben wir alle ein persönliches Problem aufgestellt bekommen. Wir konnten die Aspekte sehen, die es ausmachen und es besser verstehen. Danach war das Problem entweder keines mehr oder wir wussten zumindest, worum es geht und wie man damit umgehen kann."

"Leider sind wir zu wenige, um eine auch nur etwas komplizierte Situation aufstellen zu können", sagte Kinuko bedauernd.

"Es gibt aber sicher etwas wichtiges zu besprechen", beendete Kan das Thema. "Dein Brief an mich klang sehr ernst", forderte er Gen auf.

"Ja", antwortete Gen und dachte einen Moment nach, wo er anfangen sollte. "Ich bin von jemandem, den ich sehr achte, um einen Gefallen gebeten worden, den ich nicht ablehnen kann, aber den ich auch nicht gewähren will. Ich bin in der Zwickmühle. Auf der einen Seite verstehe ich den Wunsch dieser Person, aber auf der anderen kommt es mir falsch vor. Daher brauche ich euren Rat."

"Kannst Du uns sagen, um was es bei diesem Gefallen geht?" fragte Kinuko.

"Ich soll ihm beim Seppuku assistieren."

"Das ist eine grosse Ehre", beneidete Kan ihn.

"Das ist es", sagte Gen und meinte das auch so. "Aber ich kenne die genauen Gründe nicht, warum er Selbstmord begehen will und das macht mich misstrauisch."

"Er wollte es Dir nicht sagen?"

"Nein."

"Das ist wirklich seltsam", überlegte Kinuko laut. "Auf der einen Seite bringt er Dir so grosses Vertrauen entgegen Dir diese Ehre anzubieten und auf der anderen Seite vertraut er Dir nicht genug, Dir die ganzen Gründe für seine Entscheidung offenzulegen."

Gen nickte. "Was soll ich nun tun? Ich kann diese Ehre nicht ablehnen aber ich weiss auch nicht, was ich sonst tun könnte. Ich habe nur den Eindruck, dass es etwas gibt, was ich tun könnte, aber es will mir nicht einfallen."

"Kannst Du uns sagen, wer Dir diese Ehre angeboten hat?" fragte Kan ruhig.

"Nein", antwortete Gen bedauernd.

Und Maro erkannte seine Chance. Niemals hätte er mit dem Fürsten oder der Fürstin oder sonst jemand sprechen können. Aber nichts, was hier und jetzt gesprochen werden würde, würde diesen Ort verlassen. Er würde sich erklären und so eine grosse Last abstreifen können.

"Ich war das", bekannt er offen.

"Du möchtest Selbstmord begehen, weil Du Geld von Fürst Hikiji angenommen hast, damit Du Deinen Herrn verrätst", stellte Kan fest.

Maros Kinnlade sank nach unten. "Ihr wisst es?" fragte er ungläubig.

"Fürst Hirano weiss es seit langem", gab Kan ruhig zu, "aber", fuhr er eindringlich fort, "ich bin Kan und sonst niemand. Wenn Du mit Fürst Hirano sprechen willst, dann musst Du diesen Ort hier verlassen und Dich in seine Gemächer begeben."

"Ich verstehe", antwortete Maro schwach. "Seit wann? Warum?" stammelte er.

"Ich erfuhr es kurz nachdem Tai mich nach meiner Heilung zurückgebracht hatte. Meine Heilung war, dass ich nicht vertrauen konnte. Alles musste ich immer kontrollieren und nie konnte ich aufhören, in jeder Handlung von anderen Verrat zu sehen."

"Nach der Heilung teilte Tai mir mit, dass ich Berater Sakajato vertrauen könnte. Also tat ich das."

Maro lachte trocken. "Das war ein Fehler."

"Nein", widersprach Kan ruhig, "das war es tatsächlich nicht."

Ungläubig starrte Maro ihn an.

"Lass es mich erklären." Kan sortierte seine Gedanken.

"Als wir zurückkamen, da lobten wir Berater Sakajato für seine Arbeit. Seltsamerweise schien er darüber unglücklich zu sein. Als ich wieder genesen war, erfuhr ich von der Palastwache, dass sich vielleicht ein Ninja in der Burg aufgehalten hatte, während ich fort war. Es war nicht schwer die beiden Tatsachen miteinander zu verbinden."

"Also dachte ich, dass Tai mich hatte vor einem Verräter warnen wollen. Die ganze Zeit hatte ich misstrauisch in alle Richtungen geblickt, aber als der lange erwartete Verrat endlich kam, da kam er aus einer Richtung, die ich nicht erwartet hatte. Und ich lernte etwas: Es ist unmöglich Verrat zu verhindern."

"Das hätte eigentlich das Ende der Geschichte sein sollen, wenn es da nicht etwas gegeben hätte, das mich störte. Tai hatte mich nicht vor einem Verrat gewarnt, im Gegenteil, er hatte mich aufgefordert dem Verräter zu vertrauen!"

"Das kam mir sehr seltsam vor. Man kann über Pau Tai sagen, was man will, aber wenn er etwas sagt, dann sagt er die Wahrheit."

"Also wollte er wohl wirklich, dass ich dem Verräter vertraute, so seltsam das auch klingen mag. Und ich bin sicher, dass Tai wusste, dass Berater Sakajato mich verraten hatte. Ich beschloss herauszufinden, was Tai mir hatte sagen wollen und vertraute dem Verräter."

"Und seltsam, je mehr ich ihm vertraute, je mehr ich mich in seine Hände begab, desto unglücklicher schien er zu werden. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich vermute, dass mein ewiges Misstrauen gegen alles und jeden dazu geführt hat, dass Berater Sakajato mich verraten hat. Und als ich mich öffnete, da sah er seinen Fehler und er bedauerte ihn. Aber der Schaden war schon angerichtet und ich fürchtete um sein Leben."

"Dann kam Gen, sehnsüchtig von mir erwartet. Ich wusste, dass ihr ein alter Freund seines Vaters gewesen ward und hoffte, dass ihr beide Freunde werden würdet. Leider durchkreuzte Gen meine Pläne fast, indem er bat in meine persönliche Leibwache aufgenommen zu werden. Ich liess ihn gegen meine besten Leute antreten, in der Hoffnung, ein bisschen Kontrolle darüber zu erlangen, wo er enden würde, und er wischte den Boden der Arena mit ihnen auf."

"Meine Hoffnungen, das Leben von Berater Sakajato zu retten, waren zunichte gemacht. Aber er beging immer noch keinen Selbstmord. Ich schöpfte wieder Hoffnung, vielleicht hatten die Götter meine Gebete erhört und mir eine zweite Chance gegeben. Ich zog Gens Temperament in Betracht und liess ihn die langweiligsten Arbeiten tun, die Major Terani überhaupt finden konnte."

"Dann kam die Sache mit dem Ninja, den Gen tötete. Ich sah meine Chance und schlug sofort zu. Gen wurde abkommandiert und endlich wurdet ihr beide Freunde."

Sprachlos waren Gen und Maro den Ausführungen von Kan gefolgt.

"Du hast mich benutzt", sagte Gen schliesslich fassungslos.

"Ihr habt das alles geplant", kam es von Maro.

"Gen, ich würde Dich nie benutzen", wehrte Kan ab, "aber Fürst Hirano hat manchmal keine Wahl. Ich kann mich frei entscheiden, aber Fürst Hirano kann das nicht. Aber ich verspreche Dir, dass Fürst Hirano Dich niemals für unehrenhafte Zwecke benutzen wird oder für etwas, dass Du nicht auch freiwillig tun würdest", gelobte Kan.

"Danke", sagte Gen, "das genügt mir."

"Und ja, meine Frau und ich, hofften, dass es so in der Art ausgehen würde, wie es nun ist. Ohne sie, hätte ich es nicht geschafft", sagte er dankbar und Kinuko freute sich sichtlich über das Lob.

"Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, Gen", bat sie sanft.

"Wie könnte ich", lachte Gen, "das war genial!"

"Gut", rief Kan sie wieder zur Ordnung, "Maro, Du kannst mich belügen und täuschen wann immer und so viel Du willst, aber dieses eine Mal musst Du mir ehrlich antworten."

"Natürlich, Fü ... Kan", gelobte Maro und blickte Kan offen an.

"Hast Du mich verraten?"

Maro schüttelte den Kopf. "Ich erhielt das Geld im voraus. Ich vermute, der Ninja, den Gen getötet hat, sollte mit mir reden und mir sagen, was ich tun sollte."

"Hikiji hat Dir das Geld im Voraus gegeben?"

"Ja", antwortete Maro ehrlich.

Kan blickte seine Frau an. "Kann man eigentlich so viel Glück haben?" fragte er sie lachend und sie schmunzelte.

Verwirrt blicke Maro Kan an. Kan bleckte die Zähne. "Weisst Du eigentlich, was Du getan hast?"

"Ich habe euch verraten", bekannte Maro.

"Du hast es geplant", korrigierte Kan.

"Was spielt das für eine Rolle?"

"Der Unterschied ist, dass ich meine Leute nicht für Fehler enthaupte, die sie gemacht und eingesehen haben. Aber davon rede ich nicht. Du hast mir eine Waffe in die Hand gegeben!"

Das verstand Maro nicht, aber Gen. "Wenn Hikiji Dir nicht vertrauen würde, hätte der misstrauische alte Hund Dir sicher kein Geld im voraus geschickt."

"So ist es", bestätigt Kan Gens Gedanken, "und ich plane das weidlich auszunutzen!"

"Als Fürst Hirano befehle ich euch, Berater Sakajato, mich zu verraten!"

"Aber, aber", stammelte Maro schwach.

"Verstehst Du denn nicht? Hikiji vertraut Dir! Du wirst ihm alles sagen, was er wissen will und mir dann berichten! Auf diese Weise kann ich ihm immer einen Schritt voraus sein, denn ich werde wissen, was er weiss!"

"Ich soll ihn belügen", erkannte Maro.

"Nein!" widersprach Kan. "Das würde er früher oder später herausfinden! Sage ihm die Wahrheit, aber berichte mir dann, was Du ihm gesagt hast!"

"Siehst Du, es ist eigentlich ganz einfach. Nächsten Monat werde ich zu Fürst Noriyuki reisen. Ich werde planen, mit etwa 20 Mann zu reisen. Das berichtest Du Hikiji. Er wird einen Hinterhalt planen, um mich zu ermorden. Am Morgen der Abreise werde ich aber entscheiden, dass heute ein schöner Tag ist und meine Leute zu wenig Bewegung bekommen und mit 120 Mann ausrücken. So schnell kann Hikiji seine Pläne nicht umstellen."

"Da ich weiss, welche Informationen er bekommt, kann ich mich vorbereiten. Ich werde ihm immer einen Schritt voraus sein und es wird hoffentlich lange dauern, bis er dahinter kommt, wie ich das anstelle. Ihr werdet euch immer als eine vertrauenswürdige Quelle für Informationen über mich herausstellen und falls Hikiji noch einen Spion haben sollte, dann wird dieser nur berichten können, dass ihr die Wahrheit sagt."

"Das ist unschätzbar wertvoll für mich, und ich bitte euch, diesen Dienst für mich zu tun", schloss Kan.

Kan grinste diabolisch. "Es ist an der Zeit Hikiji mal wieder ein paar seiner Mörder wegzunehmen", versprach er.

Als Fürst Hirano mit seiner Frau zu Fürst Noriyuki reiste, kam es nur zu einem unbedeutenden Zwischenfall. Gerüchten zufolge soll Fürst Hirano laut gelacht haben, während er seinen Leuten half, die Angreifer abzuwehren.

Abschied

20 Jahre waren vergangen, seit sie geheiratet hatten und noch immer liebte Usagi seine Frau wie am ersten Tag. Die paar Fältchen, die ihr schönes Gesicht bekommen hatte, machten sie für ihn nur noch schöner. Aber jetzt machte ihr Alter ihm Sorgen.

Nass vom Fieber lag sie in ihrem Bett. Zwei Heiler von Fürst Noriyuki selbst untersuchten sie. Leise unterhielten sie sich. Usagi verstand nur wenig von ihrer Kunst, aber je länger die Untersuchung dauerte, desto mehr schwand seine Hoffnung.

Drei Tage später tat sie ihren letzten Atemzug, ohne nochmals aufgewacht zu sein.

Ihr Tod nahm eine grosse Last von Usagis Seele, denn nun war sein Geheimnis sicher. Er rief alle zusammen und teilte die traurige Kunde mit.

Trauer erfüllte das Shiroi Usagi Dojo. Die Schüler und anderen Meister schlichen durch die Gänge, fast konnte man meinen alleine in dem weitläufigen Gebäude zu sein.

Boten wurden zu Fürst Noriyuki und der Familie von Tomoe gesandt. Tomoes Körper wurde verbrannt und fast 80 Trauergäste wohnten der Beisetzung bei.

Die Priester führten das angemessene Ritual durch, aber alle, die Tomoe gekannt hatten, fühlten einen unermesslichen Schmerz, dass diese grosse Frau von ihnen gegangen war.

Vor allem ihre vielen Kinder zeigten ihre Trauer deutlich. Mit Tränen in den Augen rief sich Usagi die Szene wieder in Erinnerung, als Tomoe ihn nach dem achten Kind lachend aus dem Ehebett geworfen hatte. Unwillkürlich musste er lächeln. So glücklich war er gewesen, es war fast unmöglich heute traurig zu sein.

Er erinnerte sich an die Lektion, die er am Grab von Katsuichi gelernt hatte. Als die Trauergemeinde sich auflösen wollte, hielt er sie zurück.

Da sie sich nicht um das Grab herum setzen konnten, gingen sie ein Stück zu einer Wiese und setzten sich dort. So gut er konnte, erinnerte sich Usagi an die Geschichte vom Fluss, die Pau damals erzählt hatte. Meister Waytiki überraschte ihn erneut, als er sich Wort für Wort erinnern konnte. Ruhig trug Waytiki vor, was Pau ihnen damals erzählt hatte.

Usagi war schnell bereit sich von Tomoe zu verabschieden. Er drehte sich zu ihrem Grab um und sprach mit fester Stimme, "Tomoe, ich danke Dir für alle die glücklichen Stunden, die ich mit Dir zusammen verbringen durfte. Für das Leben, dass Du mit mir geteilt hast. Ich danke Dir."

Er verbeugte sich und die Trauer machte Dankbarkeit Platz. Ruhig erhob er sich und ging etwas abseits, um abzuwarten, bis die anderen soweit waren. Meister Waytiki folgte ihm kurz darauf mit seiner Frau Keiko.

Nach und nach kamen sie alle, die Schüler, die Verwandten, Fürst Noriyuki. Nur einige ihrer Kinder konnten nicht loslassen. Usagi verstand sie gut, Tomoe war eine hingebungsvolle Mutter gewesen.

Schliesslich kam Nara herüber und verlangte, was Usagi befürchtet hatte. "Ruft Pau Tai!" schrie er.

Als Usagi sich nicht rührte, warf Nara sich vor ihm zu Boden. "Bitte! Ruft ihn, damit er sie zurückbringt!" flehte sein Sohn.

"Nein", sagte Usagi voller Mitgefühl.

"Warum nicht?" weinte Nara, "Liebt ihr eure Frau nicht mehr?"

Scharf sogen einige Leute ob dieser ungeheuren Beleidigung die Luft ein, aber Usagi war die Ruhe selbst. Keine Trauer benebelte seine Sinne, er sah den Schmerz seines Sohnes als wäre es sein eigener, aber er konnte nichts tun.

"Siehst Du die Stadt am Fuss des Hügels?" fragte er stattdessen. Sein Sohn gab keine Antwort.

"Dort leben tausende von Menschen und viele von ihnen haben jemanden verloren, der ihnen so viel bedeutet hat wie Deine Mutter uns beiden."

"Wie können wir von ihnen verlangen mit ihrem Schmerz zu leben, wenn wir dazu nicht bereit sind?"

"Haben sie Pau Tai erdulden müssen?" kam die störrische Antwort.

"Nein, das haben sie nicht. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Pau Tai kann niemanden gegen seinen Willen zurückholen."

"Warum sollte sie nicht zurückkehren wollen?"

"Könntest Du mit der Enttäuschung leben, wenn Pau Tai Dir mitteilen würde, sie wolle es nicht?"

"Wenn Du es von ihm verlangen würdest, dann würde er es trotzdem tun!"

Usagi sackte in sich zusammen. Warum verstand Nara ihn nicht? "Ich kann nicht", sagte er leise, "ich bin nicht bereit den Preis dafür zu zahlen."

"Weil Ihr sie nicht liebt!" schrie Nara und begann seinen Vater unflätig zu beschimpfen, Dinge zu unterstellen, die den anderen Trauernden erbleichen liessen. Usagi, der den Schmerz unter all dem Hass sah, ertrug alles geduldig.

Aber die Ablehnung der anderen war zu viel. Schliesslich wandte sich Nara ab und lief weg, auf die Stadt zu. Stumm hockte Usagi da, er hatte versagt.

Die anderen trösteten ihn, aber Usagi hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Als sie wieder in der Schule ankamen, war Nara verschwunden, sowie Nahrungsmittel und einige persönliche Dinge von Nara. Usagi war klar, er musste ihm nach, um zu retten, was noch zu retten war.

Wie er geplant hatte, übergab er die Schule an Meister Waytiki und Keiko, die beide bereit waren, diese Aufgabe zu übernehmen. Bei ihnen wusste Usagi seine Schule in guten Händen. Als er alles andere hatte, ging er, um noch etwas Geld aus der Kiste zu holen, die Pau ihm dagelassen hatte.

Aber genauso wie die diversen Diebe, die sich an ihr versucht hatten, konnte er sie nicht mehr öffnen. Lachend rief er Waytiki und bat ihn, die Kiste zu öffnen. Verwundert kam Waytiki dem Wunsch nach. Problemlos öffnete er die Kiste und blickte auf das ganze Geld.

"Kommt unser ganzes Geld aus dieser Quelle?" fragte er erstaunt.

Usagi nickte. "Nur der Meister der Schule und seine Frau können die Kiste öffnen und glaubt mir", lachte er über Waytikis Gesichtsausdruck, "viele haben es versucht!"

"Gebt ihr mir etwas?" bat er.

"Natürlich. Wieviel? Und warum nehmt ihr euch nicht selbst?"

"Ich wage nicht herauszufinden, ob Pau Tai noch irgendwelche anderen Spässchen installiert hat. 150 Ryo sollten mehr als genug sein."

"Bitte", gab Waytiki ihm das Geld. "was werdet ihr nun tun?"

"Ich werde Nara zurückholen", versprach Usagi.

"Und wenn er nicht will?"

Usagi antwortete nicht.

Nach drei Wochen hatte Usagi Nara gefunden. Im Gegensatz zu ihm, war Nara es nicht gewohnt, alleine zu überleben. Usagi hatte viele Jahre als herrenloser Ronin zugebracht, er kannte sich auch in der Wildnis aus. Nara war behütet in der Stadt aufgewachsen, hatte nie viel Interesse gezeigt, wenn sie auf Reisen gegangen waren.

Das kam Usagi jetzt zugute und auch das, was Pau ihm angetan hatte. Was er nicht einmal seiner Frau hatte sagen können.

Nara war trotzdem ein guter Schüler gewesen. Mühelos hatte er die acht Räuber, die die vermeintlich leichte Beute überfallen hatten, besiegt. Trotzdem machte Usagi etwas Sorgen. Drei Räuber hatten sich ergeben, aber Nara hatte sie gnadenlos getötet.

Als Nara sein Schwert gesäubert und weggesteckt hatte, spuckte er auf die Toten und lachte. Dann sah er Usagi am Wegesrand sitzen und erstarrte. "Was willst Du?"

"Ich bin gekommen, um Dich zurückzuholen", antwortete Usagi ruhig.

Nara lachte. "Du alter Sack! Mich zurückbringen! Ich werde Dich genauso leicht besiegen, wie diese Bastarde hier!"

Wenn Usagi über den Ausbruch überrascht war, so zeigte er es nicht. An seinem Gesicht war nicht abzulesen, welche Gedanken ihn bewegten.

Nara zog sein Schwert und liess die Scheide achtlos fallen. Mit einem Kampfschrei griff er an.

Gnadenlos attackierte er seinen Vater. Usagi musste sein ganzes Können aufwenden, um die ersten Augenblicke des Kampfes zu überleben.

Nara grinste nur schief. "Ich bin beeindruckt!" spottete er, "für jemanden, der so alt ist wie Du, kämpfst Du noch erstaunlich gut."

Usagi antwortete nicht. Es gab nichts mehr zu reden. Nur mit Glück überlebte er die nächsten Angriffe. 'Oder weil Nara nur mit mir spielt.'

Aus mehreren kleinen Wunden blutend stand Usagi da, sein Atem ging jetzt deutlich, aber noch nicht schwer. Er musste sich etwas einfallen lassen und das schnell.

"Ah, endlich bequemen sich der Herr sein Hirn anzuwerfen", höhnte Nara. "Ist der missratene Sohn vielleicht doch besser, als gedacht?"

'Irgendetwas ist falsch, aber was?'

Nara sagte es ihm: "Ich habe die Kampftechnik des Tai Chi erlernt! Wollt ihr es sehen?"

Naras Umriss wurde für Usagi zu einem Schemen. Hilflos versuchte er die Angriffe abzuwehren, aber wie Heroito hatte er keine Chance mehr.

Nara lachte und Usagi stand nackt in einem Haufen Stoff, der einmal seine Kleidung gewesen war.

"Was sagt ihr nun?" lachte Nara zynisch. "Und ihr dachtet wohl auch, dass mein Ausbruch am Grab meiner Mutter echt war. Hah! Ich wollte nur wissen, ob ihr Pau Tai rufen würdet! Er ist der Einzige, der mich nun noch aufhalten könnte! Aber wie wäre es, wenn ich euch vorher noch das Fell schere?" versuchte er Usagi zu demütigen und griff wieder an.

Diesmal war Usagi besser vorbereitet. Er liess los und fand sich in diesem seltsamen, distanzierten Zustand wieder, der den Kampfstil des Tai Chi auszeichnete. Aber er musste sich beeilen, durfte auf keinen Fall zu lange in diesem Zustand bleiben.

Regungslos stand er da, liess Nara kommen, der sich für ihn nun scheinbar wieder normal schnell bewegte und erzeugte so die Illusion, immer noch hilflos zu sein. Dann war er heran und Usagi hieb so schnell er konnte nach der Breitseite der Klinge seines Sohnes.

Wie er gehofft hatte, rettete Pau wieder einmal sein Leben. Sein spezialbehandeltes Katana schnitt tief in die Klinge seines Sohnes. Mit einem metallischen Ping zerbrach sie.

Aber Nara dachte nicht daran aufzugeben. Mit dem fast nutzlosen Schwertgriff wehrte er die Angriff seines Vaters ab, so gut er konnte, bis er sein Wakizashi gezogen hatte. Ein Teil von Usagi bewunderte seine exzellente Technik, aber nur, um eine Schwachstelle zu finden.

Trotzdem verrann die Zeit wie Sand zwischen seinen Fingern. Bald würde sein Körper der Belastung nicht mehr standhalten und er würde wieder sterben. Und Nara würde eine blutige Spur durch das Lang ziehen.

Da, eine Chance. Sofort schlug Usagi zu. Zu spät erkannte er die Finte, sah das Wakizashi auf sich zukommen, unmöglich jetzt noch auszuweichen. Aber die Finte misslang und Usagis Katana schnitt tief in die linke Schulter von Nara. Trotzdem würde Nara immer noch genug Zeit haben, das Wakizashi in sein Herz zu stossen. Sie würden gemeinsam sterben.

Aber er hatte sein Ziel erreicht. Usagi löste sich aus dem Tai Chi und die Welt wurde dunkel.

Er erwachte in einem Bett.

Wieder tobte der Schmerz durch seinen Körper, aber er zeigte nur an, dass er lebte. Nur war diesmal nicht Pau oder Tomoe an seiner Seite, sondern seine Tochter Himesama.

Der Schmerz war erstaunlicherweise erträglich und ein seltsamer Geruch stieg Usagi in die Nase. Himesama gab ihm ein übel schmeckendes Gebräu zu trinken. Usagi fragte sich, was es war.

Wortlos begann seine Tochter ihn mit einer Art Salbe einzureiben. Von ihr rührte der seltsame Geruch her.

"Es ist eine Salbe, die Nara und ich uns von einem Heilkundigen haben herstellen lassen", erklärte sie ohne Aufforderung, "etwas ähnliches wird verwendet, wenn Heiler gezerrte Muskeln behandeln. Diese Salbe ist nur viel stärker."

Wortlos hörte Usagi seiner Tochter zu. Sie erzählte ihm, wie sie seit frühster Jugend von der Tai Chi Kampftechnik fasziniert gewesen waren. Heimlich hatten sie geübt und experimentiert und tatsächlich einen eigenen Stil entwickelt. Salben und Tränke probiert, bis sie etwas gefunden hatten, das es ihnen erlaubte, in den Zustand zu wechseln und ihn wieder zu verlassen und trotzdem noch soweit handlungsfähig zu sein, um die Salben aufzutragen.

"Leider scheint es, dass irgendwann Naras Seele verloren gegangen ist. Er war immer der bessere von uns beiden, aber er war besessen. Ich weiss nicht warum, aber er war auch früher schon so. Was auf der Beerdigung von Tomoe geschehen ist, war schon laneg vorhanden und ist dort nur zum Ausbruch gekommen."

Usagi schloss die Augen und schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen ging es ihm wieder ziemlich gut. Er konnte aufstehen und sich halbwegs bewegen. Seine Schwerter lagen griffbereit neben ihm. Daneben lag das Daisho seiner Tochter. Sie sass am Fenster, mit dem Rücken zu ihm.

"Ich habe Angst", gestand sie leise. "Was, wenn ich den gleichen Fehler wie Nara begehe?"

Schutzlos bot sie sich ihm dar, überliess ihm die Entscheidung.

Langsam ging Usagi zu ihr, stellte sich neben sie und blickte in den Hafen der Stadt, in der sie sich befanden. "Solange Du Angst davor hast, besteht keine Gefahr", sagte er ruhig und umarmte sie.

Gemeinsam trauerten sie um den verlorenen Sohn.

Später berichtete Himesama, was sich zugetragen hatte. Da sie gewusst hatte, wozu Nara fähig war, war sie Usagi heimlich gefolgt. Als Nara zugestossen hatte, war sie es gewesen, die das Wakizashi aufgehalten hatte. Da sie nur kurz im Zustand des Tai Chi gewesen war, hatte sie keine Probleme damit gehabt, Usagi hierher zu bringen. Nara hatte eine grössere Menge an den notwendigen Heilmitteln dabei gehabt und sie ebenfalls und so hatte sie ihn pflegen können.

Usagi musste sich drei mal waschen, bis der Geruch wieder aus seinem Fell verschwunden war. Er scherzte mit Himesama, dass sie etwas hätten finden müssen, dass nicht so unangenehm roch, aber sie lachte nicht.

"Das war das Schlimmste, was ich in meinem Leben tun musste", brachte Usagi schliesslich heraus.

"Es tut mir Leid, Vater. Wir haben euer Vertrauen enttäuscht", sagte sie niedergeschlagen. Wie sehr sie doch Tomoe ähnelte.

Schweigend nahmen sie ein Mittagessen ein und gingen dann ziellos durch die Stadt. Irgendwann trafen sie im Hafen ein. Wuchtig ragte eines der schwarzen Schiffe der Fremden im Hafen auf.

"Sie nennen sich Engländer", berichtete seine Tochter, "sie kommen von einer Insel auf der anderen Seite der Welt."

Schweigend blickten sie auf das wuchtige Schiff.

"Werde ich euch wiedersehen?" fragte sie.

"Geht zurück zur Schule", bat Usagi, "wenn ich zurückkehre, dann dorthin."

"Vater."

"Meine Tochter. Du hast eine schwere Last auf Deine Schultern geladen. Ich hoffe, nicht zu schwer." Usagi lächelte und ging dann den Kapitän des Schiffes suchen.

Himesama sah ihm nach, bis er in der Menge verschwunden war. Dann machte sie sich auf den Rückweg zur Schule. Meister Waytiki würde es beruhigen zu erfahren, dass Nara tot war. Und entsetzt über die Umstände.

Suche

Im Hafen erfuhr Usagi, dass der Kapitän Gast beim Magistrat der Stadt war. Als man ihm den Namen nannte, lächelte er. Das würde einfacher werden, als angenommen.

Beim Haus des Magistrats angekommen, bat er um eine Audienz in einer Familienangelegenheit. Nach kurzer Zeit wurde er vorgelassen.

"Usagi!" rief Jotaro erfreut, "was führt Dich hierher?"

Es war schön zu sehen, dass Jotaro seinen Platz gefunden hatte. Jotaro war immer geschickt im Umgang mit dem Schwert gewesen, aber noch besser konnte er mit Leuten umgehen. Er hatte sich schnell in der Hierarchie hochgedient und war jetzt Magistrat in der grossen Hafenstadt Fukuyama im Norden der Geishu Provinz.

"Leider keine guten Nachrichten", gestand Usagi leise. "Tomoe ist gestorben."

"Das tut mir Leid zu hören", sagte Jotaro mitfühlend, "sie war eine grosse Frau. Die Schule wird ohne sie eine andere sein."

"Waytiki hat die Schule übernommen", berichtete Usagi.

"Der gute Waytiki. Das freut mich zu hören. Das heisst Du bist jetzt wieder frei und kannst die Welt unsicher machen", lächelte Jotaro und Usagi musste lachen.

Dann wurde Jotaro ernst. "Weisst Du schon von Nara?"

Usagi nickte. "Er starb durch meine Hand."

Jotaro blinzelte überrascht. "Was ist geschehen?"

Usagi berichtete knapp.

"Ich hatte etwas in der Art vermutet", gestand Jotaro, "als die Leiche vor ein paar Tagen gefunden wurde. Es gibt nur wenige Leute, die ein Schwert tragen, mit dem man ein Katana der Qualität, wie es bei Nara gefunden wurde, zerteilen kann."

"Aber", vermutete Jotaro scharfsinnig, "das ist nicht der Grund, warum Du hier bist."

Statt einer Antwort blickte Usagi auf das Schiff im Hafen, das von hier aus gut zu sehen war. Jotaro folgte seinem Blick nicht.

"Kommt", lud er seinen Meister ein, "ich möchte euch jemanden vorstellen. Sein Name ist Blackthorn(8)."

8. Frech geklaut aus der Novelle Shogun von James Clavell

Usagi verstand sich auf Anhieb gut mit dem seltsamen Mann. Wenn er ehrlich war, dann erinnerte er ihn an Pau Tai. Auch Pau hatte häufig den notwendigen Respekt fehlen lassen.

Blackthorn stellte sich als ungeheuer neugierig und wissbegierig heraus. Er fragte Usagi wahre Löcher in den Bauch. Usagi beantwortete seine Fragen, so gut er konnte, aber manchmal schien Blackthorn nicht zu verstehen. Sein Japanisch war einfach und mit einem starken Akzent versehen.

Blackthorn lud Usagi ein, ihn zu begleiten und Usagi sagte nur zu gerne zu. Sie verabschiedeten sich von Jotaro und segelten nach Norden, nach Edo. Die Seeleute mieden Usagi am Anfang, aber bald tauten sie durch seine freundliche, hilfsbereite Art auf. Und er fing seinerseits an, Blackthorn über das Land auszufragen, aus dem er kam. Er erfuhr einiges über England.

Wie Japan war es eine Insel, aber nicht so weit vom Festland entfernt. Im Gegensatz zu Japan hatte England eine grosse Flotte, mit der sie weitere Teile der Welt bereisten und überall Handel trieben. Er erfuhr von anderen Nationen, die es den Engländern gleich taten, und mit diesen verfeindet waren. Blackthorn war hier auf Portugiesen getroffen, welche anscheinend an irgendjemand Waffen lieferten.

Usagi konnte sich schon vorstellen, an wen. Nach einigen Wochen an Bord und zusammen mit Blackthorn in Edo, konnte Usagi fast besser englisch als Blackthorn japanisch. Am Ende wurde Usagi Übersetzer und Yojimbo(9) von Blackthorn. Als Bezahlung erhielt er von Blackthorn das Versprechen, mit nach England reisen zu dürfen.

9. Leibwächter

So kam Usagi nach Europa, wo er eine grosse Sensation war. Man hatte vor allem in Adelskreisen schon von Japan gehört, aber einen leibhaftigen Japaner zu sehen, war etwas Besonderes. Fast überschlugen sich die Reichen und Mächtigen mit Einladungen. Gemeinsam mit Blackthorn bereiste Usagi weite Teile von Europa.

Leider stellte sich das Ganze als nicht so schön heraus, wie Usagi gehofft hatte. Sicher, er lernte viele interessante Leute und exotische Länder und Sitten kennen. Aber auch hier waren die Menschen letztendlich dumm und kurzsichtig und suchten nur ihren kurzfristigen Vergnügen. Das war es nicht, was Usagi suchte.

Es wurde ihm klar, dass er bereit war. Er hatte die dritte Aufgabe von Pau Tai erfüllt. Er war bereit, dies alles hier zurückzulassen und mit ihm zu kommen.

"Ich werde euch bald verlassen", eröffnete er Blackthorn eines Abends.

Blackthorn war überrascht. "Wohin werdet ihr gehen?"

Usagi lächelte. "Das weiss ich noch nicht, aber ich schätze weit fort."

"Zurück nach Japan?"

Usagi schmunzelte. 'Soll ich Blackthorn erzählen, dass ich schon auf dem Mond gewesen bin? Besser nicht.'

"Nein", sagte Usagi lächelnd, "kommt, ich stelle euch einen Freund von mir vor."

Mit Pferden ritten sie in ein kleines Wäldchen des Landsitzes, auf welchem Usagi mit Blackthorn wohnte. In einer Lichtung gab Usagi Blackthorn die Zügel und setzte sich in die Mitte der Lichtung um Pau zu rufen.

Und Pau ...

... kam nicht.

Nach einer Weile gab Usagi es auf. 'Was ist schiefgelaufen?' wunderte er sich. Sonst hatte Pau immer sofort reagiert, aber da war er auch in der Nähe gewesen. Trotzdem glaubte Usagi nicht, dass er etwas falsch gemacht hatte. Pau hatte gesagt, dass sie sich wiedersehen würden, wenn Usagi das wünschte. Vielleicht mussten sie nur mehr Geduld haben.

Blackthorn wollte seinen Freund schon fragen, was das ganze sollte, als seine Kinnlade plötzlich herunterfiel. Triumphierend drehte sich Usagi um, um ebenfalls überrascht innezuhalten. Das war nicht Pau Tai.

Eine völlig fremde Lebensform sass in demütiger Haltung auf dem Boden der Lichtung. Es war eine Echse. Usagi schätzte, dass sie etwas kleiner war als er, aber breiter gebaut. Eine viel zu hohe Zahl an Fingern lag im Gras und die Echse war, bis auf einen silbernen Ring um den Hals, völlig nackt, schien aber trotz der kalten Temperaturen nicht zu frieren.

"Hallo", sagte Usagi auf japanisch, "wer seid ihr?"

"Pau Tai lässt euch durch mich ausrichten, dass er leider im Moment unabkömmlich ist", antwortete die Echse in einwandfreiem japanisch und ohne den Kopf zu heben.

"Er bat mich, euch zu fragen, ob ihr euch entschieden habt", fuhr der Fremde nach einer kleinen Pause fort.

"Das habe ich", antwortete Usagi bestimmt.

"Wer ist das?" zischte Blackthorn.

Usagi drehte sich zu ihm um. "Das ist wohl ein Freund oder Vertrauter von Pau Tai."

"Und Pau Tai ist wer?"

"Ein Gott", antwortete Usagi schlicht.

Blackthorn lachte, als hätte Usagi einen Witz gemacht. "Es ist euch ernst", erkannte er.

Usagi nickte. "Er hat mir angeboten, sein Schüler zu werden", erklärte Usagi.

"Hm", machte Blackthorn, "ich schätze, das ist etwas, dem ihr nicht widerstehen konntet."

Usagi lachte leise. "Doch", widersprach er, "fast 20 Jahre lang, aber ihr habt schon recht, jetzt ist mein Widerstand aufgebraucht."

"20 Jahre lang", staunte Blackthorn, "fast euer ganzes Leben lang."

Usagi lachte. "Was denkt ihr denn, wie alt ich bin?"

Blackthorn blinzelte überrascht. "Nun, so um die Dreissig, würde ich schätzen."

"Ich bin jetzt 53 Jahre", antwortete Usagi ruhig.

"Was?"

"Seit Pau Tai mich in den Fingern hatte, werde ich nicht mehr älter", erklärte Usagi seinem Freund.

"Er hat euch unsterblich gemacht?" fragte Blackthorn ungläubig.

Usagi zuckte mit den Schultern. "Wer weiss? Durch ihn habe ich meine Grenzen kennengelernt, habe die schönsten und furchtbarsten Stunden meines Lebens erlebt."

Blackthorn stieg ab, nahm die Zügel in eine Hand und reichte die andere seinem Freund. Usagi schlug ein. "Werde ich Dich wiedersehen?" fragte der Kapitän.

Usagi schüttelte den Kopf. "Ich denke nicht. Vielleicht, aber wahrscheinlich werden alle, die mich kennen, schon Tod sein, wenn ich das nächste Mal auf diese Welt zurückkehre", vermutete er. "Pau plant in Jahrtausenden. Als sein Schüler werde ich das wohl bald auch tun."

"In diesem Fall nur viel Glück", wünschte Blackthorn.

"Danke. Für Dich auch", antwortete Usagi und ging zu dem Fremden ohne Namen, der sich die ganze Zeit nicht gerührt hatte.

"Ich bin bereit", sagte er.

"Habt ihr euch entschieden ein Schüler von Pau Tai zu werden, mit allen damit verbundenen Konsequenzen?"

"Das habe ich."

"Dann heisse ich euch Willkommen, Miyamoto Usagi", sprach der Fremde und der Wald verschwand und wurde durch eine geräumige, leere Halle ersetzt.

Tep

Usagi fragte sich, welche Geschichte Blackthorn wohl erzählen würde, aber er war sich sicher, sein Freund würde sich zu helfen wissen. "Wo sind wir?" fragte er stattdessen.

"Ihr befindet euch in Paus Residenz an Bord der TAURUS, Herr." Noch immer hatte sich der Fremde nicht aus seiner demütigen Haltung erhoben. Usagi fragte sich, ob diese Haltung für den Fremden normal war.

"Ihr kennt meinen Namen, aber euren habt ihr mir noch nicht gesagt", versuchte Usagi auf vertrauten Boden zurückzukehren.

"Ich heisse, wie auch immer ihr mich rufen wollt, Herr."

Das Gespräch lief nicht gut, aber Usagi hatte keine Ahnung, woran das lag. "Wie hat Pau euch denn immer gerufen?"

"Er nannte mich immer Tep, Herr."

"Gut, Tep. Und was genau seid ihr?"

Usagi war inzwischen ja schon Einiges gewohnt und auch die Erfahrung der letzten Jahre hatte ihn gelassener gemacht, aber die Antwort haute ihn trotzdem fast um.

"Ich bin ein Sklave von Pau Tai, Herr."

Usagi brauchte einen Moment, um sich davon zu erholen. "Pau hält Sklaven?" fragte er unsicher.

"Ja, Herr."

"Wie viele?"

"Zwölf, Herr."

Usagi fand das abstossend, aber er beschloss das ganze erst einmal zurückzustellen und mit Pau Tai zu sprechen, wenn er zurück kam. Etwas anderes musste er aber sofort tun.

"Steht bitte auf", bat er. Sofort erhob sich Tep, aber sein Blick war noch immer gesenkt.

Wie Usagi vermutet hatte, trug Tep keinerlei Kleidung. Seine Haut hatte eine dunkelgraue Farbe und war leicht geschuppt. Auf der Brust war eine kompliziertes Muster aus kleinen, verschiedenfarbigen Schuppen zu sehen.

'Warum trägt er keine Kleidung?' fragte sich Usagi unbehaglich. Die öffentliche Demütigung des Sklaven war ihm fast unerträglich.

"Ich möchte, dass ihr euch Kleidung besorgt", bat Usagi den Sklaven.

"Natürlich, Herr", sagte Tep demütig.

"Jetzt gleich", befahl Usagi, als Tep sich nicht rührte.

Sofort ging Tep, um den Wunsch seines Herren zu erfüllen. Als er fort war, atmete Usagi erst einmal durch. Die Unterwürfigkeit des Sklaven bereitete ihm mehr Probleme als er sich zuerst hatte eingestehen wollen. Wenn er mit ihm sprach, dann hatte er immer Angst, etwas falsches zu sagen.

'Ich werde mich niemals mit der enormen Verantwortung für einen Sklaven belasten', schwor sich Usagi. 'Soll ich ihn bitten mich zu meiden?'

Sicher hätte Tep seinen Wunsch erfüllt, aber Usagi war jetzt ein Schüler von Pau Tai und dieser hatte sich sicher etwas dabei gedacht, gerade Tep zu schicken. Also würde er den Sklaven nicht abweisen, sondern erdulden, so gut er konnte.

Kurze Zeit später kam Tep adrett gekleidet wieder. So gefiel er Usagi schon viel besser und auch Tep schien sich viel wohler zu fühlen. Usagi empfand Freude, dass es dem Sklaven gefiel, wieder Kleidung tragen zu dürfen und Tep strahlte.

"Warum befindet sich in dieser Halle nichts?"

"Dies ist euer Reich, Herr. Es ist leer, damit ihr es nach euren Wünschen einrichten könnt."

Zusammen mit Tep richtete sich Usagi wohnlich ein. Sie errichteten ein Haus im japanischen Stil, indem sie dem Raum einfach sagten, was sie wollten. Bewegte Bilder an den Wänden erzeugten die Illusion von Weitläufigkeit.

Müde ging Usagi später ins Bett. Die Arbeit mit Tep war sehr angenehm gewesen, dem Sklaven schien es zu gefallen, Usagi Freude zu bereiten. Er war zurückhaltend, aber immer begierig seinem Herrn zu Diensten zu sein. Er hatte Usagi geholfen, schöne Farben für seine Einrichtung auszuwählen und die Dinge im Raum anzuordnen, ein Talent, das Usagi schon bei Tomoe bewundert hatte.

Als Usagi sich hinlegte, bot Tep ihm eine Massage an, aber Usagi lehnte dankend ab. Er war einfach zu müde. Lächelnd wünschte Tep Usagi einen erholsamen Schlaf. Glücklich bedankte sich Usagi und Tep strahlte.

Kaum dass Usagi seinen Kopf auf das Kopfkissen gelegt hatte, war er auch schon eingeschlafen. Als er am nächsten Morgen aufwachte, fühlte er sich gut, wie lange nicht mehr. Nein, wie noch nie. So fühlte sich jemand an, der gerade wiedergebohren worden war. Erstaunt horchte Usagi in sich hinein.

Irgendwie musste Tep gemerkt haben, dass Usagi erwacht war, denn plötzlich stand er neben dem Bett, fast wie aus dem Boden gewachsen.

"Guten Morgen, Herr", begrüsste er Usagi demütig und lächelnd.

Usagi lächelte zurück. "Guten Morgen, Tep", sagte er fröhlich und Tep strahlte.

Dann kam ihm ein beunruhigender Gedanke. "Wo habt ihr geschlafen, Tep?"

"Zu euren Füssen, Herr", kam die Antwort nach einem minimalen Zögern. Tep lächelte noch immer.

Also hatte Usagi richtig gehört. Tep war fast lautlos aufgestanden und um das Bett herum gegangen, aber das leise Rascheln der Kleidung war Usagis trainierten Sinnen nicht entgangen.

"Ihr habt die ganze Nacht auf dem Boden geschlafen?" fragte Usagi entsetzt und das Lächeln in Teps Gesicht war wie weggewischt.

"Habe ich einen Fehler begangen, Herr?" fragte Tep.

'Verzweifelt? Bei den Göttern', dachte Usagi entsetzt, 'was hat man dem armen Geschöpf angetan? Wie kann man eine Seele so sehr vergewaltigen, dass sie sich schämt etwas Demütigendes nicht zu tun?'

Sorgfältig löschte Usagi seine Gedanken von seinem Gesicht. "Nein", log er, "ich war nur überrascht."

Tep lächelte vorsichtig, aber hatte Usagi das sichere Gefühl, es war nur aufgesetzt, genauso wie sein eigener Gesichtsausdruck.

"Möchtet ihr, dass ich euch jetzt massiere, Herr?" bot Tep an und Usagi war froh über den Themenwechsel. Das würde ihm Zeit geben, nachzudenken und er nahm dankbar an. Und Tep lächelte wieder. Usagi musste sich sehr beherrschen, um seine Gefühle aus seinem Gesicht fernzuhalten.

Tep bat Usagi, sich auf den Bauch zu drehen und begann geschickt, ihn zu massieren. Zu seiner Überraschung empfand er keine Schmerzen, sein ganzer Rücken schien bereits völlig entspannt zu sein. Keine Spur der schmerzhaften Muskelknoten, die er sonst immer hatte. Er konnte sich ganz entspannen und dem wohligen Gefühl der Massage hingeben.

'Was nun?' fragte sich Usagi. Mit Tep selbst zu sprechen würde keinen Sinn machen. So wie er ihn einschätze, würde Tep seine Füsse abschneiden, lecker zubereiten und essen, wenn Usagi ihn darum bat. Er musste mit jemand anders sprechen. 'Aber mit wem?'

"Weisst Du, wann Pau Tai zurückkehren wird?" fragte er Tep.

"Leider nein, Herr", kam die Antwort mit echtem Bedauern in der Stimme. 'Bedauert Tep jetzt, dass Pau nicht so bald zurückkehren würde, oder dass er die Frage nicht beantworten kann?'

"Gibt es hier noch andere Schüler von Pau Tai?"

"Ja, einen, Herr. Sein Name ist Käl."

'Sehr gut', dachte Usagi erleichtert, 'hoffentlich ist er hier.'

"Ich würde gerne mit Käl sprechen", sagte Usagi. "Wäre was möglich?"

"Käl würde sich freuen, euch zu treffen, Herr", kam die Antwort ohne zu zögern.

Das überraschte Usagi ein wenig, aber sicher war Käl auf ihn so neugierig, wie er selbst. "Wann hat er Zeit?"

"Wie wäre es, wenn ihr zusammen mit ihm frühstücken würdet, Herr?" schlug Tep vor. Das gefiel Usagi und Tep teilte ihm mit, dass Käl zugesagt hatte.

"Wie macht ihr das?" fragte Usagi, "Wie könnt ihr mit Käl sprechen, ohne etwas zu sagen?"

"Um meinem Herrn besser dienen zu können, habe ich ein Implantat erhalten, mit dem ich lautlos mit der Station oder anderen Leuten sprechen kann, Herr", antwortete Tep sofort.

'Magie ist hier wohl normal', dachte Usagi amüsiert und stellte ohne sehr überrascht zu sein fest, dass er sein Körpergewicht nicht mehr spürte. Anders als bei allen anderen Massagen, die er bisher gehabt hatte, machte sein Körpergewicht ihm das Atmen nicht schwer. Er blinzelte und sah, dass er etwa eine Handbreit über dem Bett schwebte und so frei und entspannt atmen konnte.

Nach dieser Wohltat half Tep ihm in seine neuen Kleider und sie gingen zum Frühstück, um Käl zu treffen.

Das Frühstück fand im Wohnzimmer von Usagis neuem Heim statt. Als sie unten ankamen, ertönte ein Gong und Tep teilte Usagi mit, dass Käl draussen vor der Tür stand.

"Bittet ihn herein", bat Usagi.

Die Aussentür öffnete sich und Usagi verstand, warum Tep ihm vorgeschlagen hatte, die Räume viel höher zu machen, als üblich. Käl war ein Riese, doppelt so hoch und breit wie Usagi. Wie ein lebendig gewordener Berg ragte er vor dem Hasen auf.

Das nächste was Usagi auffiel, war ein starker Geruch, den Käl verströmte. Während Käl sich förmlich verbeugte, wie Usagi es von einem seiner Landsleute erwartet hätte, verdrängte Usagi hastig einen ungehörigen Gedanken, ob Käl es wohl mit dem Waschen nicht so genau nahm.

Wie Tep war auch Käl eine Echse, aber er war ein Krieger. Er trug einen einfachen, zweckmässigen Panzer, aber ausser einem, für seine Verhältnisse kurzen, Dolch, keine Waffen. Seine Beine waren so dick, wie Usagis Kopf und er vermutete, dass Käl sehr schnell laufen und weit springen konnte. Die Füsse trugen keine Schuhe und drei mit langen Krallen bewehrte Zehen schleiften über den Boden.

Sein Gleichgewicht hielt Käl mit einem fast zierlichen Schwanz, den er sorgfältig vom Boden fernhielt. Die Beine waren nicht gepanzert, aber der Schwanz schon. Eine silberne Kapsel steckte auf der Spitze, aber ohne irgendwelche Dornen, die Usagi unbewusst erwartet hatte.

Enorme Muskelpakete bewegten sich unter der Haut und das Gebiss von Käl war tatsächlich so furchteinflössend, wie Pau gesagt hatte. Eine lange Reihe fingerlanger, spitzer Reisszähne oben und unten verhiess seiner Beute nichts Gutes. Zwei intelligente Augen, weit aussen am Kopf, gaben ihm eine gute Sicht in alle Richtungen. Der Schädel war für Usagis Verhältnisse flach und zwei enorme Nasenlöcher waren direkt über der Oberlippe zu sehen.

Seine Schuppenhaut setzte sich aus relativ grossen Schuppen in verschiedenen Grau-, Braun- und Grüntönen zusammen, die es ihm wahrscheinlich ermöglichten, sich in der Wildnis gut zu tarnen.

In einwandfreiem Japanisch sprach Käl die übliche Begrüssungsformel und Usagi antwortete höflich. Sie verbeugten sich und gingen dann zu dem Ort, wo unsichtbare Geister das Frühstück bereitet hatten.

Käl setzte sich direkt auf den Boden, wobei er seine Beine breit aufstellte und dann dazwischen nach unten sank. Sein Hinterteil berührte den Boden dabei nicht und auch den Schwanz hielt er nach wie vor vom Boden fern. In dieser Haltung sah er für Usagi eher noch kampfbereiter aus, als vorher schon. Gespannt wie die Sehne eines Bogen hockte er da, jederzeit bereit aufzuspringen und sich auf einen Gegner zu stürzen.

Für Usagi war eine erhöhte Plattform installiert worden, so dass er Käl problemlos ins Gesicht sehen konnte, ohne den Kopf heben zu müssen.

Tep bediente sie, goss Käl ein schäumendes Gebräu in etwas, das Usagi als Eimer verwendet hätte, und brühte für Usagi frischen Tee auf. Usagis Frühstück schwebte auf einem Tablett vor ihm in der Luft, während Käl eine abgedeckte Wanne vor sich auf dem Boden stehen hatte. Etwas entfernt lag ein grosses, weisses Tuch bereit.

Usagi wünschte Käl einen guten Appetit und griff beherzt zu. Tep entfernte den Deckel von Käls Wanne und darin befand sich ein recht grosses Tier mit braunem Fell. Usagi konnte nicht sehen, dass es in irgendeiner Form zubereitet war. Es sah eher so aus, als hätte man es gefangen, getötet und dann einfach so in die Wanne gelegt.

Kurze Zeit später musste Usagi sich korrigieren, als das Tier aus der Wanne sprang und versuchte zu fliehen. Mit einer schnellen Bewegung, hatte Käl es am Hals gepackt und mit einer mühelosen Bewegung des Daumens brach er ihm das Genick.

Das Essen blieb Usagi im Halse stecken, als Käl seine Reisszähne in dem niedlichen Körper versenkte und er Knochen brechen hören konnte und das Blut an seinem Mund entlang lief und in die Wanne tropfte. Ab und zu leckte Käl seine Lippen mit einer langen, geschickten Zunge etwas sauber, lehnte den Kopf zurück und goss etwas von dem Gebräu in den offenen Mund.

Anscheinend war Käls Zunge nicht dazu geeignet, die Nahrung in den Hals zu transportieren. Statt dessen legte er immer den Kopf in den Nacken und schluckte grosse Brocken hinunter.

Da Usagi auf einigen Schlachtfeldern gekämpft hatte und den Anblick von Blut und Tod fast gewohnt war, gelang es ihm, weiterzuessen, aber er hatte seine Mühe damit. 'Wie hat Blackthorn gesagt? Fremde Länder, Fremde Sitten.'

Als er das Tier komplett zerrissen und heruntergeschlungen hatte, trank er das Blut aus der Wanne und wischte sich mit dem Tuch sauber. Wenn er immer so ass, dann wunderte Usagi sich nicht über den Geruch. Dann war es schon eher erstaunlich, dass er nicht noch schlimmer roch.

Nach dem Frühstück, das sie schweigend eingenommen hatten, wofür Usagi dankbar war, bat Käl den Sklaven sie alleine zu lassen. Demütig sammelte Tep die Reste und das Geschirr ein und verschwand.

"Willkommen, Usagi", begrüsste ihn Käl schliesslich trocken, "in der Hölle."

Usagi zog eine Augenbraue hoch. "Heisst das, dass ich ab jetzt immer mit euch essen muss?"

Und Käl lachte laut auf. "Verzeihung, aber ich wollte wissen, wie tolerant ihr wirklich seid." Er fletschte die Zähne, was wohl so etwas wie ein Lächeln sein sollte.

"Das war nicht sehr angenehm", sagte Usagi ruhig.

Käl beruhigte sich wieder. Seine Augen nahmen einen abwesenden Ausdruck an, und er fing an, mit seiner Zunge in seiner Nase zu bohren. Unbehaglich starrte Usagi an einen anderen Ort, damit er nicht sehen musste, wenn sie womöglich mit einem Fundstück zurück kam.

Schliesslich stand Käl auf, kam näher und setzte sich vor Usagi. Er streckte seine offene Hand aus und bat Usagi seinen Arm hinzuhalten. "Ich möchte euch etwas zeigen", erklärte er.

Zögernd kam Usagi dem Wunsch nach. Käl streifte den Ärmel etwas hoch und begann Usagis Fell gegen den Strich zu streicheln, bis es falsch herum lag. Als er zufrieden war, hörte er auf und fragte Usagi, ob ihm das gefiel.

"Nein", sagte Usagi, dem das Ganze sichtlich unangenehm war. Aber es machte keinen Sinn jetzt schon mit Käl Streit anzufangen. Sicher würden sie eine ganze Weile zusammen sein.

"Seht ihr, wenn ich von mir ausgehen würde, dann wäre ich jetzt erstaunt, denn bei meiner Haut macht mir das nichts aus. Wenn ihr wollt, dann könnt ihr euer Fell jetzt wieder sortieren."

"Wie lange trägt Tep jetzt schon Kleidung?" fragte Käl unvermittelt.

Usagi hielt inne. "Seit gestern, seit ich hier angekommen bin. Warum?" fragte er misstrauisch.

"Warum trägt er Kleidung?"

"Es ist demütigend für ihn, wenn er nackt herumlaufen muss!" verteidigte Usagi den armen Sklaven.

Käl schüttelte den Kopf. "Nein, es ist demütigend für euch. Ihr geht einfach davon aus, dass es für ihn eine Demütigung ist, weil es für euch eine wäre, aber ihr habt weder ihn noch euch gefragt, wie er das sieht."

"Usagi", sagte Käl fast beschwörend, "Tep ist kein Mensch."

"Ich weiss", sagte Usagi bitter, "er ist nur ein Sklave."

Käl dachte darüber nach. "Das war nicht, was ich sagte. Wir müssen etwas vorsichtig sein, denn ich spreche eure Sprache nicht wirklich. Die Technik der Station macht euch nur glauben, dass ich das tue, aber genauso wenig, wie ihr meine Sprache sprecht, obwohl ich das zu hören glaube, spreche ich eure. Daher kann es vor allem bei so komplexen Sachverhalten, wie dem, den ich euch gerade beizubringen versuche, zu unnötigen Missverständnissen kommen."

Käl kreuzte seine Klauen vor seiner Brust. "Bin ich ein Mensch?"

"Natürlich", sagte Usagi.

"So wie ihr?"

"Selbstverständlich."

"Dann sollte ich Tep wohl bitten nochmal eine Schale T'sha zu bringen. Dann könnt ihr mir zeigen, ob ihr so essen könnt, wie ich."

"Ich spreche nicht von dem spirituellen Aspekt ein Mensch zu sein. Ich rede davon einen menschlichen Körper zu haben. Mein Körper ist ein anderer als eurer. Während ihr eure geschmackslosen und wenig nahrhaften Reiskügelchen esst, brauche ich etwas Richtiges zu essen. Meine Haut verlangt nach Knochen, meine Muskeln nach Fleisch und Blut. Diese Bedürfnisse habt ihr nicht, und darum bin ich kein Mensch wie ihr."

"Und Tep auch nicht."

"Was ihr sagen wollt, ist, dass es nicht richtig war, ihm Kleider zu geben?" fragte Usagi ungläubig.

"Nicht nur. Es ist jetzt sehr wichtig, dass ihr mir zuhört, bis ihr sicher seid, dass ihr alles verstanden habt, sonst macht ihr es vielleicht noch schlimmer, als es jetzt schon ist. Versprecht ihr mir das?"

Zögernd nickte Usagi, aber Käl war damit nicht zufrieden.

"Ich möchte, dass ihr es mir bei eurer Ehre versprecht!" verlangte er.

Erschreckt blickte Usagi den Schüler an. 'Er verlangt was?'

"Glaubt mir, das ist wichtiger, als ihr euch im Moment vorstellen könnt!" redete Käl eindringlich auf ihn ein.

Es gefiel Usagi nicht, aber es war Käl offensichtlich ernst. "Ich verspreche bei meiner Ehre, dass ich erst mit Tep sprechen werde, wenn ich sicher bin, dass ich verstanden habe, was ihr mir sagen wollt."

Damit war Käl auch nicht zufrieden. "Das ist nicht das, was ich wollte", sagte er undeutlich und bohrte sich wieder mit der Zunge in der Nase.

Usagi räusperte sich. "Würdet ihr das bitte unterlassen?" bat er Käl.

"Was?"

"Mit der Zunge in der Nase zu bohren."

Käl starrte ihn an. "Was macht ihr denn, wenn ihr nachdenkt?"

Darauf wusste Usagi nicht gleich eine Antwort. "Nun, ich mache gar nichts oder manchmal kratze ich mich am Kopf", antwortete er.

Käl machte ein abfälliges Geräusch. "Kein Wunder, dass dabei nichts gescheites herauskommt", sagte er, aber nicht ganz ernst.

"Seht mal", fuhr er fort. Ein Bild von einem Auge mit vielen Tentakeln erschien in der leeren Luft. "Das ist ein Wesen, für das es sehr schwer ist, sich mit Euch zu unterhalten, wenn ihr während des Gesprächs blinzelt."

"Für euch ist es wichtig zu blinzeln, weil sonst euer Auge austrocknet. Aber für dieses Wesen bedeutet das Schliessen des Auges, dass das Gespräch beendet ist. Wenn ihr alle paar Augenblicke eure Augen befeuchtet, dann stosst ihr ihn jedes mal vor den Kopf und es muss sich erst einmal überlegen, ob ihr das Gespräch wirklich jetzt schon beenden wollt oder nicht."

"In eurer Kultur waren solche Probleme praktisch unbekannt, weil ihr alle zwar verschieden ausseht, aber in etwa gleich denkt. Hier könnt ihr auf Wesen treffen, die euch ungeheuer ähnlich sehen, aber völlig anders denken. Im Endeffekt solltet ihr immer davon ausgehen, dass das, was ihr seht und das was ihr denkt, was es bedeutet, nichts miteinander zu tun haben."

"Schön", stimmte Usagi zu, "aber was hat das mit Tep zu tun?"

"Was denkt ihr über Sklaverei?"

"Ich verachte sie", bekannte Usagi offen.

"Sklavenhändler?"

"Sind Monster, denen man das Handwerk legen muss."

"Sklaven?"

"Bedauernswerte Geschöpfe, denen man helfen muss."

"Halter von Sklaven?"

Usagi zögerte. In diese Gruppe fiel auch Pau. "Solchen Leuten begegne ich grundsätzlich mit Misstrauen", antwortete er schliesslich vorsichtig.

Käl dachte wieder nach, aber er unterliess es diesmal in der Nase zu bohren.

"Habt ihr es bemerkt?"

"Was?"

"Dass ich nicht in der Nase gebohrt habe?"

"Ja."

"Gut. Der Grund, warum ich das getan habe, ist, dass ich möchte, dass ihr über meine Worte nachdenken könnt, statt eure Konzentration darauf zu verschwenden euren Ekel im Zaum zu halten."

"Ich habe gelesen, dass ihr einst im Dienst eines Herrn standet?"

"Fürst Mifune", nickte Usagi.

"Er war Herr über Leben und Tod von euch?"

"Ja", antwortete Usagi stolz.

"Also wart ihr sein Sklave", schloss Käl gnadenlos.

"Was? Wie kommt ihr darauf?" fuhr Usagi auf.

"Was war der Unterschied zwischen einem Sklaven und euch? Habt ihr frei und unabhängig über euer Leben bestimmen können? Wenn er etwas von euch verlangt hat, konntet ihr dann einfach ablehnen?"

"Natürlich nicht", wehrte Usagi ab, "ich war durch meine Ehre gebunden."

"Was also ist der Unterschied gewesen?"

"Ich habe mich freiwillig in diese Abhängigkeit begeben", wies Usagi ihn zurecht.

"Gut", sagte Käl, wohl zufrieden, diesen Punkt geklärt zu haben.

"Wie ich gelesen habe, kanntet ihr eine Geisha mit dem Namen Maple", fuhr Käl fort.

"Gelesen?" fragte Usagi.

"Pau Tai hat ausführliche Dossiers über euch angelegt, die ich sorgfältig studiert habe", bekannte Käl, "aber ich möchte, dass wir erst einmal bei einer Sache bleiben."

Usagi verzog das Gesicht unwillig, aber stimmte zu. "Ja, ich kannte Frau Maple."

"Was ist eine Geisha?"

"Eine Begleiterin, deren Aufgabe es ist, alle Bedürfnisse des Mannes, bei dem sie ist, zu befriedigen", versuchte Usagi zusammenzufassen.

"Also eine Hure?"

"Nein, eine Geisha ist eine Begleiterin, die den Mann, den sie begleitet unterhalten soll. Sie muss intelligent, klug und schön sein, einwandfreie Manieren haben, man muss sich gut mit ihr unterhalten können, eine angenehme Art haben, damit man sich bei ihr wohlfühlt", wehrte Usagi ab.

"Ja", sagte Käl, "so habe ich das auch verstanden."

"Es gibt Sklaverei, seit es intelligente Lebewesen gibt. Die Gründe, warum es sie gibt, sind so vielfältig, wie die Lebewesen, auf die man treffen kann. Manche sind Sklaven, weil jemand davon einen Vorteil hat und andere sind wie Geishas."

"Ihr wollt sagen, dass Tep aus freien Stücken ein Sklave geworden ist?" fragte Usagi ungläubig.

"Teps höchstes Ziel ist es, seinen Herrn glücklich zu machen. Als ihr ihm Kleider gegeben habt, da war er glücklich, nicht war? Aber er freute sich nicht über die Kleider, er freute sich darüber, dass ihr ihn nicht mehr abgelehnt habt."

"Das ist an und für sich sehr gut so, aber ihr habt dabei nur eure eigenen Interessen und Gefühle im Sinn gehabt. Was es für Tep vielleicht bedeuten könnte, hat dabei keine Rolle gespielt. Es war für euch unangenehm zu sehen, wie er nackt herumläuft, also habt ihr ihm befohlen etwas anzuziehen."

"Und weil Tep Tep ist, war er glücklich, als ihr glücklich wart. Er hat sich nicht über die Kleider gefreut, sondern darüber, dass es euch gefallen hat, wie er Kleidung trägt."

Nachdenklich nickte Usagi. "Er würde seinen Fuss essen, wenn er mich damit glücklich machen könnte."

"Genau", stimmte Käl zu, erleichtert, wie Usagi meinte.

"Und damit kommen wir zum Problem. Wenn ich euch jetzt sagen würde, was ihr getan habt, würdet ihr sofort nach ihm rufen und ihm befehlen die Kleidung abzulegen. Er würde sehen, dass ihr das nur tut, weil er unfähig ist, euren Wunsch zu erfüllen und daran würde er zerbrechen."

"Es wäre unerträglich für ihn zu sehen, wie ihr darunter leidet, dass er einen so simplen Wunsch von euch nicht erfüllen kann. Andere glücklich zu machen ist nicht sein höchstes Ziel, Usagi", sagte Käl eindringlich, "es ist sein einziges."

"Wie eine Geisha hat er sein ganzes Leben darauf ausgerichtet, andere glücklich zu machen, egal was es ihn selbst kostet. Wenn es euch Spass bereiten würde, ihn jeden Tag zu Brei zu schlagen, dann würde er euch anflehen es zu tun."

"Das ist entsetzlich", hauchte Usagi.

"Es ist entsetzlich für euch und für mich", stimme Käl ruhig zu, "aber er ist nicht wie ihr oder ich. Er ist Tep. Und für Tep gibt es nichts Schlimmeres, als seinen Herrn unglücklich zu sehen oder unglücklich zu machen."

"Wenn ihr Tep danach fragen würdet, ob ihm das gefallen hat, dann würde er in euer Gesicht sehen, um herauszufinden, ob es euch gefallen hat. Und falls ja, dann würde er um mehr betteln. Und falls nicht, wäre er furchtbar unglücklich, dass er unfähig war, euch eine Freude zu bereiten."

Wie betäubt sass Usagi da und Käl fuhr fort. "Dort draussen, vor den Türen der Residenz von Pau Tai, werdet ihr auf Lebewesen stossen, für die ist es eine Beleidigung, wenn man sie direkt ansieht und solche, für die ist es eine ebensolche Beleidigung, wenn man das nicht tut. Manche begrüssen sich, indem sie sich ins Gesicht spucken und andere schlagen sich kräftig auf den Kopf. Es gibt solche, die beissen sich gegenseitig ein Stück aus dem Körper und essen es auf und andere, die nur miteinander reden, nachdem sie miteinander geschlafen haben."

"Toleranz ist keine nützliche Eigenschaft in unsere Kultur, es ist ihre Grundlage. Wenn man die anderen Lebewesen hier nicht voll und ganz so akzeptieren kann, wie sie sind. Wenn man seine Wünsche, wie sie zu sein hätten, nicht zurückstellen kann, dann würde man sich tausende von Feinden machen, indem man sich nur ein paar Meter auf einem öffentliche Platz bewegt."

"Ich empfehle euch dringend, diese Räume erst zu verlassen, wenn ihr Tep als Tep akzeptiert habt. Nicht als Sklave Tep. Nicht als der Tep, den Usagi gerne hätte. Tep selbst."

Nachdem Usagi das einigermassen verdaut hatte, versprach er: "Ich verspreche bei meiner Ehre, dass ich erst nach Tep rufen werde, wenn wir gemeinsam eine Lösung gefunden haben."

Erstaunlich sanft legte Käl seine Pranke auf Usagis Schulter. "Danke, mein Freund. Das war es, was ich wollte."

"Was habe ich getan?"

"Obwohl Tep eine Haut hat, wie ich, ist sie extrem Dünn. Er hat eine Kleidung gewählt, die wie eure war, weil er annahm, dass euch das gefallen würde. Diese ist für seine Haut wie Schleifpapier. Es würde mich wundern, wenn er an irgendeiner Stelle, die durch Kleidung bedeckt ist, noch Haut am Körper hat."

Usagi musste seine ganze Willenskraft aufwenden, seinen Schwur zu halten.

"Er leidet jetzt Höllenqualen", stiess Usagi aus.

"Er ist glücklich, weil ihr glücklich darüber seid, dass er Kleidung trägt", widersprach Käl. "Die furchtbaren Schmerzen haben da nur wenig Bedeutung für ihn."

Am Boden zerstört, bedeckte Usagi seine Augen mit den Händen. 'Was habe ich dem armen Tep nur angetan?'

"Was kann ich nun tun?" fragte er verzweifelt.

"Nichts kompliziertes", schlug Käl vor. "Tep liebt sein Leben, weil es einfach ist. Er muss nur immer tun, was man von ihm verlangt und selbst über nichts nachdenken."

Dann schlug er etwas vor, das sich in Usagi Ohren vernünftig anhörte. Nachdem Usagi noch ein paar Anpassungen vorgenommen hatte, damit er ihren Plan durchführen konnte, rief er nach Tep. Sofort stand der Sklave im Raum.

"Tep", sagte Usagi mit einem Lächeln, "ich möchte alles über euch lernen."

"Ja, Herr", lächelte Tep zurück. Usagi staunte über dieses unscheinbare Lebewesen. Obwohl er ungeheure Qualen empfinden musste, sah man nichts davon in seinem Gesicht, seinen Augen und hörte nichts davon in seiner Stimme. Sein Gesicht war nur ein Spiegel, in dem Usagi sich selbst sah.

"Käl hat mir gesagt, wie empfindlich eure Haut ist und darum möchte ich als erstes lernen, wie ich die Wunden, die ihr durch das Tragen der Kleidung erfahren habt, heilen kann", bat Usagi ruhig.

"Ja, Herr."

"Was muss ich tun?"

Demütig, wie es seine Art war, leitete Tep Usagi an. Sorgfältig hielt Usagi sein Entsetzen im Schach, als er sah, wie furchtbar Tep wirklich zugerichtet war. Tep erhielt ein Getränk, in dem etwas war, das nach seiner Aussage seine Schmerzen lindern würde. Deutlich zeigte Usagi seine Erleichterung zu helfen, als er das Heilplasma auftrug und Tep strahlte.

Glücklicherweise stellte Tep nie die Frage, die Usagi insgeheim befürchtete, nämlich ob er sich ab jetzt jeden Morgen die Haut abziehen sollte, damit Usagi ihm helfen konnte.

Als Tep glücklich verarztet war, wandte sich Usagi an Käl, der die ganze Zeit ruhig dagesessen und nicht gesagt hatte.

"Danke für Deine Hilfe", verbeugte sich Usagi.

"Es freut mich, dass Du sie angenommen hast", bedankte sich Käl.

"Sehen wir uns morgen wieder?"

"Wenn Du willst."

Dann lachte Käl: "Aber ich schätze, wenn ich vermeiden will, dass Du beim Frühstück verhungerst, werde ich mich mit aufbereiteter Nahrung begnügen müssen."

"Das wäre sehr angenehm", bedankte sich Usagi.

Dann ging Käl und Usagi war froh, einen Freund gefunden zu haben, mit dem sich die Ewigkeit aushalten liess.

Usagi setzte sich draussen auf die Terrasse und blickte auf die Illusion des weiten Meeres, welches leise an den künstlichen Strand rauschte. Fast meinte man das Meer riechen zu können und einen leichten Wind zu spüren.

Er liess sich von Tep ein Kissen bringen und machte es sich darauf bequem. Dann bat er Tep ihnen etwas zu trinken zu holen und es sich ebenfalls bequem zu machen. Sofort rollte sich Tep an seiner Seite auf dem Boden zusammen.

"Erzählt mir von euch. Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Wie kommt es, dass ihr im Dienst von Pau steht?" bat Usagi und nippte an seinem Tee.

Und Tep erzählte Usagi mit seiner ruhigen, angenehmen Stimme, von seinem Leben.

Fortsetzung