Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 12: Kusanagi

Der elfte Teil der Geschichte

Zwischenspiel

"Weglaufen macht nur Sinn, wenn man Dir nicht folgen kann."

"Es hat begonnen", sagte Käl.

"Ich weiss", antwortete Philmann Dark.

"Soll ich es Usagi sagen?"

"Das ist nicht notwendig", lehnte Dark ruhig ab. "Er wird es rechtzeitig selbst herausfinden. Alles, was Du tun musst, ist es ihm schonend beibringen, wenn es soweit ist."

Rebellion

'Wie es wohl in seiner alten Heimat aussah?' Usagi rief die entsprechenden Berichte aus dem Netz ab und erstarrte.

Honshu brannte.

Anscheinend tobte seit Monaten ein neuer Bürgerkrieg, der von Fürst Hikiji angezettelt worden war. Gerüchten zufolge war der Tenno(1) wieder aufgetaucht und wurde von Hikiji unterstützt. Der Shogun und seine Verbündeten taten alles, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen, aber sie schienen nicht sehr erfolgreich zu sein.

1. Imperator

'Was war geschehen?' fragte Usagi sich betäubt. 'Pau Tai hatte die Situation doch stabilisiert, damit eine Periode der Ruhe und des Friedens herrschen konnte. Hatte Pau etwas übersehen? Unwahrscheinlich. Waren vielleicht andere Mächte am Werk? Etwas, dass Pau nicht hatte vorhersehen können? Oder hatte Pau auch das geplant?'

Hektisch durchsuchte Usagi die Berichte nach irgendwelchen Hinweisen, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Nach und nach kristallisierte sich ein erschreckendes Bild heraus.

Der Imperator war anscheinend Fürst Hikiji selbst, bzw. der Sohn des Fürsten, der Usagi so viel Leid zugefügt hatte. Er war vor ein paar Monaten aufgebrochen, um das Land zu erobern. Obwohl er am Anfang nur über eine kleine Armee verfügt hatte, schien er unaufhaltsam zu sein. Selbst wenn seine Chancen fast aussichtslos gewesen waren, hatte er es irgendwie geschafft, als Sieger aus jeder Schlacht hervorzugehen.

Sofort vermutete Usagi, dass da mehr dahinter steckte. Schon der alte Fürst war ein hervorragender Taktiker gewesen, aber wie der junge Fürst seine Siege errang, das stank. Er musste irgendeine Art von Magie einsetzen oder er hatte Hilfe von jemandem wie Pau oder zumindest einen mächtigen Magier.

Usagi sah sich die Aufzeichnungen im Psi-Band an. Wenn Hikiji einen Magier einsetzte, dann müsste er hier zu sehen sein. Und tatsächlich, da war etwas. Der Computer ordnete die seltsamen Muster, die Usagi gar nichts sagten, einer Waffe zu, die er als "Externe, psionische Erweiterung der Persönlichkeit" bezeichnete.

Damit konnte Usagi nichts anfangen und er bat den Computer um eine ausführlichere Erklärung.

Er erfuhr, dass eine solche Waffe quasi ein Teil der Persönlichkeit ihres Besitzers wurde. Sie erweiterte die Fähigkeiten ihres Besitzers ohne ihn dabei permanent zu verändern. Wenn man die Waffe ablegte, dann war man wieder man selbst. Der Computer führte einige Beispiele an. Zwei davon kannte Usagi:

Das Schwert, welches Pau eingesetzt hatte.

Und Kusanagi.

Usagi verzog das Gesicht. Wenn Kusanagi in die Hände von Hikiji gefallen war, und das Schwert auch nur einen Bruchteil der Macht von Paus Waffe hatte, dann wunderte er sich nicht mehr, warum Hikiji von Sieg zu Sieg zog.

Er folgte dem Link zur Waffe von Pau. Keine Warnung war zu sehen. Usagi überflog den Text. Die Waffe von Pau konnte jede Form und Konsistenz annehmen, stand da. Sie konnte sich aus eigener Kraft bewegen und sich in einer Art Zwischendimension aufhalten. Auf diese Weise machte Pau sie für jedermann unerreichbar.

Anscheinend hatte Pau sogar zwei von diesen Waffen. Er hatte ihnen Namen gegeben: Schatten- und Trauerklinge. Es schien keinen Unterschied zwischen den Waffen zu geben. Als Hauptfähigkeit der Waffen war angegeben, dass sie jede Änderung der Realität durchführen konnten, die sich ihr Besitzer vorstellen konnte.

Usagi lachte auf. Pau konnte sich eine Menge vorstellen.

Am Ende stand noch eine Warnung. Die Waffen verfügten wohl über so etwas wie einen eigenen Willen. Sie töteten jeden, der sie berührte, wenn sie ihn für unwürdig hielten. Ausserdem schützten sie ihren Besitzer aus eigenem Antrieb. Wenn eine Gefahr auftrat, die ihr Besitzer nicht alleine bewältigen konnte, dann traten sie von alleine in Aktion. 'Schwer vorstellbar, dass das bei jemanden wie Pau passieren könnte', dachte Usagi amüsiert.

Usagi atmete einmal tief durch. Dann wählte er den Link zu Kusanagi.

Wie erwartet erschien die Warnung, diesen Text erst zu lesen, wenn er bereit war. Usagi wählte den Link auf den eigentlichen Text unterhalb der Warnung.

Paus Gesicht erschien auf dem Schirm. Wie üblich lächelte er freundlich. "Bitte setze Dich mit Käl in Verbindung", bat er. Dann erlosch das Bild, bevor Usagi noch etwas sagen konnte.

Verwirrt blickte Usagi auf das Pad. Dann zuckte er mit dem Schultern und bat den Computer Käl anzurufen.

"Ja?" fragte Käl.

In kurzen Worten berichtete Usagi, was er herausgefunden hatte.

"Als ich dann den Bericht über Kusanagi lesen wollte, erschien ganz kurz Pau auf dem Schirm und sagte mir, dass ich mir Dir sprechen sollte."

"Eine vorher aufgenommene Nachricht, nehme ich an", dachte Käl laut. "Warum kommst Du nicht zu mir herüber und wir besprechen das Ganze?"

"Ich bin unterwegs", antwortete Usagi und unterbrach die Verbindung.

Ein Hologramm das Computers führte ihn zum Eingang von Käls Räumen, die Usagi noch nie zuvor betreten hatte. Usagi betätigte den Rufknopf und wartete ungeduldig, dass er eingelassen wurde.

Als die Tür sich öffnete, stand Usagi in einem dichten Dschungel, in den jemand einen schmalen Pfad gehauen hatte. Staunend trat er ein. Als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, war von ihr nichts mehr zu sehen ausser dem Öffnungsknopf, der in einen Baum eingelassen war. Irgendwo schrien Vögel oder andere Tiere.

Da Käl nirgendwo zu sehen war, folgte Usagi dem Pfad bis zu einem Baum, in dessen Wipfel jemand eine Art Behausung integriert hatte. Eine aufwendig geformte Schlingpflanze schien so etwas wie eine Treppe nach oben darzustellen.

Käl rief von oben herab, er möge doch bitte heraufkommen und Usagi machte sich mit wachsender Ungeduld an den Aufstieg. Natürlich musste Käl auf keine der Annehmlichkeiten der TAURUS verzichten, aber in seinem Bereich war alles sorgfältig in die Natur integriert. Er musste in den 3000 Jahren, die er hier verbracht hatte, einige Zeit in seinen Wohnbereich gesteckt haben.

"Vielen Dank, dass Du mich so schnell empfangen kannst", dankte Usagi, als er oben angekommen war.

"Das hat seinen Grund", erklärte Käl, während er Usagi in einen Raum führte, von dem aus man einen wunderbaren Blick über den Urwald hatte. Trotz seiner Ungeduld konnte Usagi sich der Wirkung dieses Ausblicks nicht ganz entziehen und er beruhigte sich etwas.

"Können wir das schnell hinter uns bringen?" bat er. "In meiner Heimat sterben die Leute und ich möchte möglichst rasch etwas unternehmen."

"Natürlich", stimmte Käl zu, "aber Dir ist sicher klar, dass es besser wäre, sich erst einmal zu beruhigen und in Ruhe nachzudenken, was Du tun könntest."

Usagi seufzte. Selbstverständlich hatte Käl recht. Aber es war schwer, sich damit abzufinden, dass vielleicht weniger Leute sterben oder zu Schaden kommen würden, wenn er sich mehr Zeit liess, während gleichzeitig schon viele Leute litten oder getötet wurden.

"Warum hat Pau mich zu Dir geschickt, als ich den Bericht über Kusanagi lesen wollte?"

"Im Gegensatz zu einem statischen Text kann ich auf Dich eingehen und Dir Deine Fragen besser beantworten."

"Das heisst wohl, dass mir das nicht gefallen wird, was Du mir sagen musst", vermutete Usagi.

"So ist es", pflichtete Käl ihm bei.

Usagi verzog das Gesicht. "Und je schneller ich das hinter mich bringe, desto schneller kann ich etwas tun, nehme ich an?"

"Dem ist nichts hinzuzufügen", lachte Käl.

"Wenigstens einer von uns beiden kann noch lachen", seufzte Usagi. "Also, was musst Du mir sagen?"

"Du weisst inzwischen, dass Kusanagi eine Waffe in der Art ist, wie das Schwert von Pau", begann Käl.

Statt zu nicken fragte Usagi: "Heisst das, dass Du mich auch die ganze Zeit überwachst, wie Pau das getan hat?"

"Was lässt Dich vermuten, dass Pau Deine Überwachung eingestellt hat?" fragte Käl zurück.

Usagi stöhnte. "Können wir diese Nebenschauplätze vielleicht erst einmal weglassen?"

"Von mir aus gerne", antwortete Käl.

"Kusanagi ist bei weitem nicht so mächtig wie Paus Waffen, aber es hat trotzdem einige sehr nützliche Eigenschaften. Wenn man damit kämpft, dann kann man sein Gewicht, seine Geschwindigkeit und den Widerstand bei einem Treffer vorgeben."

"Die ersten beiden sind mir klar, aber was bedeutet es, den Widerstand bei einem Treffer zu ändern?"

"Wenn Du Dich mit dem Schwert verteidigst, dann kannst Du vorgeben, dass es die ganze Wucht des Schlages von Deinem Gegner aufnehmen soll. Wenn Du selbst angreifst, kannst Du ihm vorgeben, widerstandslos durch die Waffe des Gegners, seine Rüstung und ihn selbst zu schneiden", erläuterte Käl. "Wenn Du ihm kein Gewicht gibst, kannst Du so schnell zuschlagen, wie Du Dein Handgelenk drehen kannst. Und seine Geschwindigkeit beeinflussen zu können heisst, dass Du z.B. auch seine Flugbahn ändern kannst, wenn Du es wirfst und zwar während es schon unterwegs ist."

"Schon komplizierter sind dann Dinge, wie z.B. nur die Waffe eines Gegners zu zerschneiden und z.B. ihn selbst unverletzt zu lassen. Auch das geht, aber Du müsstest etwas üben, bis Du herausgefunden hast, wo die Grenzen dabei sind."

"Als ich das Schwert damals gefunden habe(2), habe ich nichts ungewöhnliches feststellen können", sagte Usagi verwundert.

2. Siehe Usagi Yojimbo - Grasscutter

"Hast Du Dir denn irgendwelche Besonderheiten gewünscht?"

"Äh, nein, eigentlich nicht", gab Usagi zu.

"Das Schwert reagiert auf Deine Wünsche. Solange Du Dir wünscht, dass es sich wie ein normales Schwert verhält, dann tut es das natürlich auch."

"Das würde es erklären", sagte Usagi nachdenklich, "obwohl ich natürlich wusste, dass das Schwert seine Besonderheiten hat, habe ich nicht wirklich danach gesucht. Und was ist jetzt die unangenehme Nachricht?"

"Du weisst ja schon einiges über die Geschichte von Kusanagi. Weisst Du auch, was die letzten Wort von Gozen Tomoe waren, als sie das Schwert bei Shimonoseki in die Fluten des Meeres warf ?"

"Nein", antwortete Usagi, "davon habe ich in keiner Legende etwas gehört."

"Hier", Käl reichte ihm ein Pad.

Auf dem Pad war ein Bild aus einem Filmbericht zu sehen. Usagi sah ein Schiff, auf dem sich viele Frauen und Dienerinnen befanden. Eine alte Nonnen hielt einen kleinen Jungen an der Hand. Sie hielt einen langen Gegenstand in der Hand, das in ein kostbares Tuch eingeschlagen war. Usagi vermutete, dass es sich um Kusanagi handelte.

Usagi berührte das Pad um den Bericht fortzusetzen. Kein Lüftchen regte sich, das Schiff schaukelte nur leicht in der Dünung.

"Ich wünschte", sagte die Nonne bitter, "Kusanagi würde nur Menschen dienen, die seiner auch würdig sind." Damit warf sie das Schwert in die Fluten und folgte ihm mit dem kleinen Kind im Arm.

Usagi starrte auf das Bild, während der Bericht unbeeindruckt weiter ablief und zeigte, wie das Schiff von den feindlichen Soldaten geentert wurde.

"Das Schwerte diente zu dieser Zeit dem jungen Imperator. Dieser hat die weisen Worte seiner Tante gehört und sie nach all dem Grauen des Krieges für gut und richtig befunden. Kusanagi hat diese Worte daraufhin als einen Wunsch seines Herrn interpretiert. Es hat geduldig 400 Jahre lange gewartet", erläuterte Käl ruhig.

"Das bedeutet, dass Kusanagi mich für würdig hält?" fragte Usagi schliesslich langsam.

"Ja, aber das ist nicht alles", sagte Käl vorsichtig.

'Jetzt kommt es', dachte Usagi unbehaglich.

"Du hast Kusanagi zum Atsua Schrein(3) gebracht, wo seine Replik seit der Zeit des letzten Imperators aufbewahrt wird. Die Replik wurde durch das Original ersetzt, damit niemand erfahren würde, dass Kusanagi wieder aufgetaucht ist", fuhr Käl fort.

3. Nachzulesen im Comic Usagi Yojimbo - Grasscutter II

Usagi nickte, aber je länger Käl sprach, desto unbehaglicher wurde ihm. 'Worauf wollte Käl hinaus?'

"Nur die Komori und Neko Ninjas haben davon erfahren", sagte Käl.

"Richtig. Die Komori Ninjas wurden getäuscht und dachten, dass Kusanagi für alle Zeiten im Meer versenkt worden ist", berichtete Usagi. "Nur die Neko Ninjas haben dann doch wieder von seiner Existenz erfahren, weil eine zweite Gruppe von ihnen mir beim Atsua Schrein selbst aufgelauert hat."

"Ja. Chunin(4) Kagemaru, ein hoher Neko Ninja, der von krankhaftem Ehrgeiz getrieben wurde, hat diese Information an Fürst Hikiji weitergeleitet. Hikiji hat sich mit dem Schwert beschäftigt und einiges darüber herausgefunden."

4. Ausführender Offizier

"Also hat er es in seinen Besitz gebracht und erobert jetzt mit seiner Hilfe Japan", folgerte Usagi.

"Nicht ganz", sagte Käl.

Verwirrt sah ihn Usagi an.

"Ich würde es eher so formulieren: Kusanagi benutzt Fürst Hikiji, um das Land für denjenigen zu erobern, den es als seinen rechtmässigen Besitzer ansieht."

"Was?" rief Usagi aus, "Kusanagi ist dafür verantwortlich?"

"In gewisser Weise. Dir fehlen noch ein paar Kleinigkeiten, um das ganze Bild zu verstehen", sagte Käl beschwichtigend.

"Und was wäre das?"

"Nachdem Du Kusanagi gefunden hattest, ist es Dir doch mehrmals abhanden gekommen(5)?" fragte Käl.

5. Diese Ereignisse werden in "Usagi Yojimbo - Grasscutter" erzählt

"Ja, ein seltsames Lebewesen, dass mehr Tier als Mensch war, hat es mir gestohlen. Irgendwie fiel es dann Jei in die Hände. Beim Kampf mit ihm konnte ich es wiederbekommen und ihn damit töten bzw. zumindest seinen Körper vernichten."

"Richtig. Das Lebewesen hiess Kitanamono. Und dann?"

"Tja, später wurde es mehrmals von verschiedenen Ninjas geraubt", erzählte Usagi, dem nicht ganz klar war, worauf Käl hinauswollte.

"Fakt ist, dass Kusanagi immer zu Dir zurückgekehrt ist", folgerte Käl.

"Ja", gab Usagi. Dann ahnte er worauf Käl hinauswollte: "Du willst mir sagen, dass das kein Zufall gewesen ist. Dass Kusanagi zu mir zurück wollte!"

"Ja."

"Es ruft diese Zerstörung hervor, um mich dazu zu bringen, nach Honshu zurückzukehren!" rief Usagi.

"Ja, aber da ist noch mehr: Du wolltest Frieden für das Land. Fürst Hikiji ist die grösste Bedrohung für den Frieden und daher versucht das Schwert nun eine Situation herbeizuführen, in der Hikiji und seine Verbündeten vernichtet werden können, um so Deinen Wunsch zu erfüllen."

Sprachlos starrte Usagi die riesige Echse an.

"Kusanagi wird, so lange Du lebst, versuchen zu Dir zurückzukehren. Es kann sich zwar aus eigener Kraft bewegen, aber nur, wenn Du das willst. Da Du bisher davon ausgegangen bist, dass es sich um ein normales Schwert handelt, hat Kusanagi quasi nur hinter den Kulissen agiert. Es zeigt seine Macht nicht wirklich, sondern alles, was passiert, scheinen nur Zufälle zu sein."

"Kitanamono überwältigt Dich im Kampf und entwendet Kusanagi. Kurze Zeit später trifft er auf Jei und wird selbst getötet. Daraufhin triffst Du auf Jei und zufälligerweise fällt Dir Kusanagi in die Hände, als Du es brauchst, um den Kampf mit Jei zu überleben. Ich würde sogar davon ausgehen, dass Kusanagi die Täuschung der Komori-Ninjas geplant oder zumindest unterstützt hat, damit Du sie los bist."

Usagi lachte bitter. "Wenn es so mächtig ist, warum hat es dann General Ikeda nicht gerettet?"

"Wer weiss? Am besten fragst Du Kusanagi danach."

"Fragen? Wie?" fragte Usagi erstaunt.

"Wenn es verstehen soll, was Du von ihm willst, dann muss es kommunizieren können. Und es kann auch antworten, wenn Du es zulässt", antwortete Käl.

"Moment", sagte Usagi, dem etwas anderes eingefallen war. "Wie ist das möglich? Warum hat Pau das nicht vorhergesehen?"

"Wieso denkst Du, dass er das nicht wusste?"

"Bitte?" fragte Usagi tonlos, der auf einmal ein ganz schlechtes Gefühl hatte.

"Was lässt Dich vermuten, er hätte nicht gewusst, dass genau das passieren würde?"

"Hat er?"

"Ja."

"Warum hat er es mir dann nicht gesagt?" fragte Usagi verzweifelt. "Wir hätten einfach zum Schrein gehen und das Schwert mitnehmen können und all das wäre nicht passiert!"

"Das ist richtig, das wäre auch möglich gewesen. Aber was wären die Konsequenzen?"

"Konsequenzen?"

"Paus Pläne auf diese Art zu ändern, hätte Auswirkungen gehabt. Kannst Du Dir vorstellen, welche das gewesen wären?"

"Naja", begann Usagi, aber Käl unterbrach ihn noch einmal.

"Vor allem, was die Nachteile gewesen wären?"

"Ich weiss nicht", gab Usagi unwillig zu. "Was wären die Konsequenzen?"

"Der Weg von Fürst Hikiji ist jetzt zu Ende. Er ist nicht mehr notwendig. Wenn er jetzt beseitigt wird, dann wird es in Deiner Heimat für mindestens 300 Jahre Frieden geben. Aber er hat erst jetzt seinen Zweck erfüllt. Daher musste er so lange leben, diesen Krieg beginnen können und das Land ein letztes Mal ins Chaos zu stürzen."

Usagi stütze verzweifelt seinen Kopf in seine Hände. "Und es gab keine andere Lösung?" fragte er.

"Einige", gab Käl zu, "aber das war das Optimum. Keine andere Lösung hätte Deiner Heimat eine so lange, stabile Periode des Friedens beschert."

"Manchmal muss man verletzen, um zu heilen", sagte Usagi leise und akzeptierte damit.

"So ist es. Für Deine nächsten Schritte würde ich Dir folgendes Empfehlen. Suche Dir eine Gruppe von Leuten zusammen, vielleicht 8-12 Personen, die Dich nach Honshu begleiten. Gemeinsam solltet ihr in der Lage sein Fürst Hikiji zu besiegen und das Schwert in Deinen Besitz zu bringen. Tep kann Dich bei den notwendigen Vorbereitungen unterstützen. Vor allem, was die Genehmigungen des Rates betrifft, der die Galaxis beherrscht, in der Deine Heimatwelt liegt."

Usagi stöhnte auf. Der Rat, daran hatte er gar nicht mehr gedacht. Pau hatte ihn ja erwähnt und die strengen Richtlinien, die er hatte, was den Transfer von Technologie zwischen den Welten betraf. Diese Probleme hatte er bei seiner ersten Reise auf die Welt von Karla nicht gehabt. Das würde die Ausrüstung und die möglichen Begleiter stark einschränken.

Die restlichen Tag verbrachte Usagi mit Tep. Zuerst arbeiteten sie sich in die Richtlinien des Rates ein. Der Computer und Tep halfen, daraus eine Liste von Einschränkungen zu erstellen, die man verwenden konnte, um Ausrüstung auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Danach stellten sie eine Anzeige ins Netz, in der sie Leute für diese Aufgabe suchten und fügten die Liste der Einschränkungen an.

Etwa 400 Personen meldeten sich. Durch weitere Einschränkungen blieben am Schluss noch 24 mögliche Begleiter übrig. Usagi lud sie für den nächsten Tag in einen Besprechungsraum ein, um ihnen die Situation zu verdeutlichen. Dabei würden wahrscheinlich wieder einige abspringen und den Rest würde er einen nach dem anderen persönlich treffen, um sich ein Bild von ihnen zu machen.

Heimkehr

Zuletzt blieben 8 Begleiter übrig.

Xut Khassar war ein löwenähnlicher Hüne, mit einem dichten, sandfarbenen Fell. Er war wortkarg, aber belastbar und verlor auch in hektischen Kampfsituationen nicht die Nerven. Die Liste an Einsätzen, die er erfolgreich abgeschlossen hatte, war beachtlich und auch die nicht erfolgreichen Einsätze wussten zu beeindrucken. Er verstand es, selbstständig zu handeln, konnte sich aber auch unterordnen oder selbst führen, wenn das notwendig war.

Seine Ausbildung umfasste natürlich viele Hightech-Waffen, aber er wusste sich auch so seiner Haut zu wehren. Er hielt sich fit und hatte nur wenige Implantate. "Nur das notwendigste", wie er es selbst ausdrückte. Sein Erscheinungsbild war beeindruckend, auch wenn er sich verschlossen und zurückhaltend gab. Usagi vermutete, dass es in seiner Vergangenheit einen unbewältigten Schmerz gab, aber da Khassar nicht darauf einging, fragte er auch nicht.

Wardo Ferdo hatte sich der Heilkunst verschrieben. Da alle ausser Usagi sich auf einer für sie fremden Welt bewegen würden, war es für Usagi sehr wichtig, einen kompetenten Heiler dabei zu haben, der sich um die anderen kümmern konnte, weil die meisten einheimischen Heiler wohl hoffnungslos überfordert gewesen wären.

Sein grösster Nachteil war wohl, dass er extrem hektisch war und immer drei Sachen auf einmal zu tun schien. Aber seine Fähigkeit als Arzt standen ausser Frage. Sein Körper, der einem Frettchen wohl am ähnlichsten war, würde zwar ein wenig Aufsehen erregen, aber er war noch innerhalb der Kriterien, die der Rat vorgegeben hatte.

Qu'ral war da definitiv ein Problem. Er war ein mächtiger Magier und Zauberer, aber mit vier Armen und einer glitschigen, schwarzen Haut, definitiv ausserhalb der zulässigen Parameter. Glücklicherweise konnte er seine Essenz auf einen anderen Körper übertragen und er war bereit, sich einen passenden Körper zu erschaffen und diesen zu beseelen.

Zusammen mit Usagi suchte er etwas passendes heraus. Am Ende wählten sie einen Körper, der dem von Pau Tai ziemlich ähnlich war. Er war etwas kleiner, die Arme und Beine fast zierlich und das weisse Fell mit einem komplizierten, schwarzen Muster durchsetzt.

Tsuku T'he Heramabitiano, der einer Ratte sehr ähnlich sah, war eigentlich Historiker und hatte so lange auf Usagi eingeredet, bis dieser entnervt zugestimmt hatte, ihn mitzunehmen. Zwar war an seiner körperlichen Verfassung nichts auszusetzen, aber Usagi machte sich Sorgen, welchen Nutzen sie aus ihm ziehen könnten. T'he dagegen versprach sich von der Reise Einblicke in eine lebende, primitive Kultur.

Mit Unbehagen erinnerte sich Usagi, dass Pau seine Kultur auch so genannt hatte. Es mochte ja für diejenigen, die eine andere Kultur als einfach oder primitiv bezeichneten, keine Rolle spielen, aber für die Angehörigen der anderen Kultur wurde es dadurch nicht angenehmer.

Quitanamongo war ebenfalls ein Magier, der gut Teleportieren(6) konnte und in der Lage war, telekinetische Schilde(7) zu erreichten, um die Gruppe zu transportieren und zu schützen. Er sah einer Katze mit rotem Fell oder einem Fuchs sehr ähnlich.

6. Mit dieser Fähigkeit kann man sich selbst und häufig auch andere an einen anderen Ort bringen. Teleportation hat unter normalen Umständen die gleiche Wirkung, wie die Methode, die Pau Tai zum Transport über grosse Distanzen einsetzt.
7. Telekinese ist die Fähigkeit einen Gegenstand zu bewegen ohne ihn zu berühren.

Usagi machte sich nur Sorgen wegen seinem Namen, der im Japanischen eine sehr beleidigende Bedeutung(8) hatte. Daher bat er ihn, sich für die Mission einen anderen Namen auszudenken oder besser zusammen mit Usagi einen anderen Namen zu wählen, damit es nicht zu unnötigen Szenen kam, wenn man ihn rief. Sie einigten sich auf Hanshiro.

8. Geehrter Leser. Damit Sie sich nicht der Peinlichkeit aussetzen müssen, einen Japaner zu fragen, was das Wort bedeutet: Es heisst in etwa Drecksack. Mein Dank geht an Stan Sakai, der mir freundlicherweise erneut mit seinen Kenntnissen der japanischen Sprache geholfen hat.

Die letzten drei Mitglieder waren die Chey Brüder Chey-A, Chey-E und Chey-I, welche Katzen sehr ähnlich waren. Da sie alle völlig gleich aussahen, hatte es sich eingebürgert jeden der drei Chey-O zu rufen. Wie Khassar waren sie Kämpfer, aber sie konnten einen Kampfstil vorweisen, der dem Tai Chi von Usagi ähnlich war. Ausserdem waren sie unsterblich und konnten so ziemlich lange in diesem Zustand verweilen. Bei ihnen war das Hauptproblem die Nahrung. Sie waren auf die meisten Lebensmittel in Usagis Heimat allergisch.

Einen Eingriff in ihre DNA, um ihr Immunsystem anzupassen, lehnten sie ab. Als Unsterbliche hatte so ein Eingriff noch viel weitreichendere Folgen, als für jemanden, der nur ein paar Jahre damit leben musste. Daher waren sie äusserst zurückhaltend, was Veränderungen an ihren Körpern anging.

Die anderen waren schon sehr viel länger auf der TAURUS als Usagi und diese Mission war für sie nicht die erste. Erstaunlicherweise konnte der Historiker T'he auf die grösste Anzahl an Aussenmissionen zurückblicken. Er hatte bereits mehr als 25'000 verschiedene Welten besucht.

Wie alle Personen, die häufig fremde Welten besuchen müssen, hatten Khassar, T'he, Hanshiro und Ferdo ihr natürliches Immunsystem irgendwann durch eines ersetzt, welches sich quasi programmieren liess. Dazu gehörte natürlich auch eine Anpassung des Stoffwechsels, so dass sie die Nahrung auf der Zielwelt verarbeiten konnten. Das hatte seine Grenzen, aber Usagis Welt würde zumindest in dieser Hinsicht keine Probleme darstellen.

Die Sprache war ein weiteres Problem. Usagi hatte zwar inzwischen die allgemeine Verkehrssprache auf der TAURUS gelernt, aber damit er nicht ständig als Übersetzter arbeiten musste, lernten alle bis auf zwei der Chey-Brüder in einer speziellen Schulung zumindest die Grundbegriffe der japanischen Sprache und Etikette.

Da es nicht erlaubt war, mit einer ferngesteuerten Marionette zu agieren, beschloss Usagi mit seinem eigenen Körper zu gehen. Damit er nicht ganz ungeschützt war, liess er sich in einem kleinen Eingriff direkt unter der Haut Matten aus einem speziellen Stoff einsetzen, welche für Schwerter und Pfeile kaum zu durchdringen waren.

Nach drei Tagen waren sie startbereit. Tep hatte ihnen über einen Mitarbeiter von Philmann Dark in der Zielgalaxis Pagtar neue Identitäten verschafft, so dass sie zumindest problemlos einreisen konnten. Da die Bewohner von Pagtar sich Körper nach Mass herstellen lassen konnten, würde sich niemand über ihr Aussehen wundern und auch die modifizierten Stoffwechselsysteme waren quasi Standard bei Raumfahrern.

Das Ferntransportsystem der TAURUS brachte sie in Darks Anwesen auf der Zentralwelt Halkor in Pagtar. Von dort aus ging es über einen Nahtransmitter zu einem grossen Transmitterport, wo sie über einen Ferntransmitter in die Nähe von Usagis Heimatwelt befördert wurden. Ein kleinerer Ferntransmitter brachte sie schliesslich in die Station auf der Rückseite des Mondes.

Nach über 25 Jahren betrat Usagi die Station wieder. Erinnerungen kamen hoch, schöne und weniger schöne.

Ihre Ausrüstung war bereits eingetroffen. Professionell und mit wenigen Worten zogen sie sich um, legten unauffällige Kleidung an und nahmen die versiegelten Kisten mit ihren Waffen an sich. Jeder erhielt noch einen Beutel mit Nahrung für die Chey Brüder, damit ihre beiden Teleporter nicht so häufig zum Mond springen mussten, um Nachschub zu holen.

Da Usagi nur wenig Erfahrung damit hatte, andere Personen in einem Kampf zu führen, wurde beschlossen, dass Usagi normalerweise das Sagen hatte und wenn es zu einer Auseinandersetzung kam, würde Khassar die Führung übernehmen. Dadurch war sichergestellt, dass Usagi durch seine geringe Erfahrung mit den Möglichkeiten und Fähigkeiten der anderen Teammitglieder keine unnötigen Fehler machte.

Das Ziel der Mission war, Kusanagi in ihren bzw. Usagis Besitz zu bringen und den Bürgerkrieg so schnell wie möglich zu beenden. Dazu brauchten sie als erstes Informationen vor Ort. Usagi schlug vor, zuerst in die Geishu Provinz zu gehen, weil er dort vielleicht auf Fürst Noriyuki treffen konnte. Dieser würde ihnen sicher weiterhelfen können. Falls Noriyuki nicht anwesend war, würde er wohl jemanden in seiner Kampfschule antreffen oder andere Leute aus der Stadt, die er während seines langen Aufenthalts dort kennengelernt hatte.

Qu'ral konnte bei jedem Sprung nur eine kleine Zusatzlast mitnehmen, daher würde er mehrmals springen, während Hanshiro nur einmal springen konnte, aber dafür alle drei Chey Brüder gleichzeitig ans Ziel bringen würde. Qu'ral nahm als ersten Khassar mit, damit die Kämpfer den Zielpunkt sofort sichern konnten für den Fall, dass sie direkt nach der Teleportation angegriffen wurden.

Auf einer Karte zeigte Usagi den beiden, wo Pau Tai sie immer abgesetzt hatte.

"Da ist ein Marker", sagte Qu'ral überrascht, "spürst Du ihn?"

"Nein", antwortete Hanshiro, "diese Fähigkeit fehlt mir. Aber ich kann einfach Deinem Sprung folgen."

"Interessant", fuhr Qu'ral fort, "sehr aufwendig, dieser Marker. Er überwacht sogar das Zielgebiet und teilt einem mit, wenn sich Personen in der Nähe aufhalten."

"Was ist ein Marker?" fragte Usagi.

"Nun, ein Marker ist für einen Teleporter eigentlich eine Art Leuchtfeuer", erklärte Qu'ral abwesend, "Es ist sehr einfach einen Marker anzupeilen, wenn man ihn wahrnehmen kann. Häufig werden sie an Orten errichtet, die eine Affinität für Teleporter haben. Auf diese Weise ist der Sprung nicht so anstrengend. Aber dieses Konstrukt scheint viel mehr zu sein, als ein einfacher Marker."

"Hm", machte Usagi unschlüssig, "und was bedeutet das?"

"Besteht eine Gefahr?" fragte Khassar.

"Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich kann viele unbekannte Strukturen in dem Konstrukt erkennen. Es scheint zumindest über eine eigene Energieversorgung zu verfügen."

"Also kann es uns vielleicht angreifen", folgerte Khassar.

"Das wäre möglich. Es ist zumindest in der Lage sich gewissen Angriffen im Psi-Band zu widersetzen. Ich würde vermuten, dass es über einen Schutz verfügt, der verhindert, dass man den Marker manipuliert. Aber ob es uns angreifen wird, wenn wir den Marker verwenden, kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen."

"Pau ist immer mit uns dorthin oder zumindest in die Nähe gesprungen", berichtete Usagi.

"Wie mächtig ist Pau?" fragte Khassar.

"Sehr mächtig. Ich habe keine Ahnung, ob es überhaupt jemanden gibt, der mächtiger ist als er."

Khassar runzelte die Stirn, beliess es aber dabei. "In dem Fall kann es sein, dass es ihm einfach egal war oder er war von vorneherein in der Lage, eine Reaktion des Konstrukts zu unterdrücken", überlegte er.

"Ich würde denken, dass er zu beidem in der Lage war. Aber vielleicht finden wir ja etwas in den Computern", antwortete Usagi und ging zu einem Panel an der Wand.

Er rief Pau Tais Berichte über diese Welt auf. Als erstes fiel ihm auf, dass die Berichte, die im galaktischen Netz gespeichert waren, viel weniger umfangreich waren, als das, was er in der TAURUS gesehen hatte. Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sich von der TAURUS einen Datenspeicher mit allen Berichten nachschicken zu lassen, aber er unterliess es dann doch, weil er davon ausging, dass Pau Tai auch in diesen Berichten alles notwendige erwähnt hatte.

Problemlos fand er eine Karte, auf der die Psi-Phänomene seiner Heimatwelt eingetragen waren. Natürlich konnte er mit den Markierungen nichts anfangen, also bat er ihre beiden Zauberer herüber. Diese sahen sich die Karte an und begannen sofort miteinander fachzusimpeln. Da Usagi keine Ahnung hatte, worüber die beiden sprachen, wartete er erst einmal ab.

Khassar gesellte sich nach kurzer Zeit zu ihnen. Im Gegensatz zu Usagi schien er ein wenig von dem zu Verstehen, was die beiden Zauberer besprachen, denn er stellte ab und zu eine Frage. Zu dritt riefen sie weitere Informationen ab, die Usagi nichts sagten.

"Nun?" fragte Usagi, als die Diskussion sich endlos hinzuziehen schien.

"Anscheinend hat die Person, die Du Pau Tai nennst, fünf Marker auf Honshu installiert, darunter auch den in der Geishu Provinz", antwortete Qu'ral.

"Dann können wir sie wohl gefahrlos verwenden", folgerte Usagi.

"So sieht es aus."

"Um das herauszufinden habt ihr so lange diskutiert?"

"Nein", antwortete Qu'ral, "auf der Karte sind noch einige weitere Psi-Phänomene verzeichnet, von denen einige als gefährlich markiert sind. Wir sind dabei sie uns anzusehen und entsprechend zu planen, falls wir auf sie treffen sollten."

"Ah, ich verstehe. Wie lange wird das dauern?"

"Nur noch ein paar Minuten. Kannst Du uns etwas zu diesem Phänomen sagen?" Qu'ral wies auf ein seltsames Muster auf dem Schirm.

"Die Muster sagen mir nichts", bekannte Usagi.

"Pau Tai hat sie mit dem Namen "Jei" versehen."

"Jei, ja, das sagt mir etwas."

"Was ist das? Es scheint beweglich zu sein."

"Jei ist ein Mensch. Naja, er war mal ein Mensch. Die Götter haben aus ihm eine Waffe gemacht, um alle bösen Menschen zu töten", erklärte Usagi.

"Götter, hm?" fragte Qu'ral offensichtlich über so einen rückständigen Glauben amüsiert. "Eine interessantes Phänomen. So wie ich die Muster interpretieren würde, kann er anderen Lebewesen ihre Lebenskraft entziehen. Er müsste unsterblich sein."

"Ja, er entzieht seiner Umgebung ständig Lebenskraft", bestätigte Usagi. "Ich habe ihn mehrfach getötet, aber er ist immer wieder von den Toten auferstanden. Erst mit Hilfe von Kusanagi konnte ich zumindest seinen Körper zerstören, aber er hat sich dann in einer anderen Person wieder manifestiert."

"Er blutet, wenn man ihn verletzt?" fragte Khassar direkt.

"Ja. Wenn wir auf ihn treffen sollten, dann werde ich mit ihm reden. Vielleicht lässt er uns dann in Ruhe. Falls ihr alleine auf ihn treffen solltet, dann sagt ihm, dass ihr mit mir unterwegs seid."

"Und wenn ihm das egal ist?"

"Dann könnt ihr versuchen ihn zu verletzen oder zu töten, aber ich hoffe, dass das nicht nötig sein wird."

"Wie sieht dieser Jei aus?"

Usagi ging zum Computer, aber es gab kein Bild. Die ganze Akte zu Jei schien zu fehlen, es war nur dieser knappe Eintrag unter den Psi-Phänomenen zu finden. 'Warum ist Pau hier so geizig mit seinen Informationen?' wunderte sich Usagi.

Also beschrieb Usagi Jei, so gut er konnte. "Aber wenn er vor euch steht, dann werdet ihr keine Probleme haben, ihn zu erkennen," schloss er seine Beschreibung.

"Gut", entschied Khassar.

Qu'ral und Hanshiro sahen sich noch zwei weitere Phänomene genauer an und dann waren sie bereit. Die drei Chey Brüder stellten sich um Hanshiro herum auf und berührten ihn, während Qu'ral keinen körperlichen Kontakt mit Khassar benötigte, um ihn zu transportieren. Mit zwei recht lauten Knalls verschwanden die sechs.

So ein Geräusch war Usagi bei Pau nie aufgefallen und er fragte Qu'ral danach, als er wieder auftauchte.

"Nun, es gibt viele verschiedene Möglichkeiten des Transports. Bei der Teleportation, wie Hanshiro und ich sie einsetzen, entsteht ein Vakuum an dem Ort, den wir verlassen und die Materie am Zielpunkt wird verdrängt, kurz bevor wir auftauchen. Daher gibt es an beiden Orten ein Geräusch."

Dann brachte er Usagi hinunter kurz gefolgt von Ferdo und T'he. Usagi fragte sich, wie Pau sie immer transportiert hatte. Anscheinend war das ganze Gebiet der Zauberei sehr viel komplizierter, als er bisher gedacht hatte.

"Standort gesichert", berichtete Khassar knapp und Usagi dankte ihm. Er und die Chey Brüder hatten sich weitläufig um den Zielpunkt verteilt und waren kampfbereit.

Sie brachen sofort auf nachdem sie ihre Waffen aus den Transportkisten entnommen hatten.

Da Hanshiro über telepathische Fähigkeiten verfügte, waren sie vor überraschenden Angriffen sicher. Hanshiro behauptete allerdings, dass er Usagis Gedanken nicht lesen konnte. Anscheinend war das sehr schwierig, wenn man verschiedenen Rassen angehörte. Hanshiro konnte nur feststellen, ob sich Lebewesen in ihrer Nähe aufhielten und wo diese ungefähr waren.

Eine Stunde später hatten sie die Stadtgrenze erreicht. Die Leute wirkten nervös und gehetzt. Nur wenig Verkehr war auf der Hauptstrasse und viele, ärmlich gekleidete Personen waren auf den Strassen zu sehen. Auf dem Weg zu Usagis Schule begegneten sie mehreren bewaffneten Polizeipatrouillen. Erst als Usagi versicherte, dass sie unterwegs zur Burg waren, um sich für die Armee von Fürst Noriyuki zu melden, durften sie passieren.

"Teil der Armee zu werden würde unsere Pläne stark verzögern", gab Hanshiro zu bedenken.

"Ich hoffe, ich kann von Fürst Noriyuki eine Sondererlaubnis erhalten, die uns erlaubt uns frei zu bewegen", antwortete Usagi. "Ausserdem wollten wir ja wirklich zur Burg."

"Und wenn er nun nicht da ist?"

Usagi zuckte mit den Schultern. "Das werden wir überlegen, wenn es soweit ist. Ich hoffe, dass man mir in der Burg zumindest sagen kann, wo er sich aufhält. Dann kann Qu'ral mich direkt zu ihm bringen oder etwas in der Art."

Mit dieser Antwort zufriedengestellt, nickte Hanshiro.

T'he dagegen war ganz in seinem Element. Neugierig sah er sich um und murmelte begeistert vor sich hin. Ab und zu machte er Notizen in ein kleines Büchlein.

Die Häuser in dem Stadtteil, in dem Usagis Schule lag, sahen alle neu aus, nur die Schule war noch so, wie er sie in Erinnerung hatte. Seltsamerweise waren die Türen geschlossen. Mit der Faust schlug Usagi dagegen und hoffte, dass noch jemand da war, um ihm zu öffnen.

"Wer ist dort?" erklang nach einer Weile die misstrauische Stimme von Waytiki.

"Waytiki-San", rief Usagi durch die Tür, "ich bin es, Usagi!"

"Usagi-San?" antwortete Waytiki überrascht. Geräusche erklangen und dann wurde ihnen geöffnet.

Nur Waytiki stand hinter der Tür. Kein Schüler war zu sehen.

"Waytiki", freute sich Usagi, "es ist schön Dich wiederzusehen."

"Usagi", begrüsste Waytiki seinen Freund, "willkommen zurück, auch wenn es zu einem so unglücklichen Zeitpunkt ist."

"Ja", sagte Usagi bedrückt. 'Sollte ich Waytiki sagen, dass es vielleicht meine Schuld ist?'

Usagi stellte seine Begleiter vor und ging dann ins Haus. Nur Qu'ral zögerte, einen Fuss ins Haus zu setzen.

"Was ist mit euch?" fragte Meister Waytiki.

"Dieser Stadtteil ist vor kurzem abgebrannt", sagte der Zauberer nachdenklich, während er irgendetwas am Haus sah, dass nur er wahrnehmen konnte.

"Das stimmt", sagte Waytiki kaum überrascht. Diese Schlussfolgerung war offensichtlich, wenn man durch die Strassen ging.

"Nur dieses Haus hat den Brand unbeschadet überstanden", stellte der Zauberer fest.

"Ja. Worauf wollt ihr hinaus?"

"Kann ich offen sprechen?" wandte sich Qu'ral an Usagi.

"Ja", entschied Usagi.

"In die Materie des Hauses sind mächtige Konstrukte eingearbeitet worden. Ich bin nicht sicher, was passiert, wenn ich versuche das Gebäude zu betreten."

"Ah", sagte Usagi, der sich an das seltsame Verhalten der Geldkassette erinnerte, "so lange wir als Gäste von Meister Waytiki hier sind, droht uns sicher keine Gefahr."

"Seid ihr sicher?"

"Diese Schutzzauber sind wahrscheinlich von Pau Tai errichtet worden", vermutete Usagi. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas in ein Wohnhaus eingearbeitet hat, das Gäste ohne Vorwarnung angreifen würde. Selbst die Diebe, die sich ab und zu an unserem Geld vergriffen haben, wurden nie getötet."

"Dass ihr es euch nicht vorstellen könnt", sagte einer der Chey Brüder, "heisst nicht, dass es so ist."

"Es ist einfach nicht Paus Stil. Wenn das Haus Qu'ral ablehnt, dann wird er es nicht betreten können aber das Haus wird ihn nicht einfach ohne Vorwarnung töten."

"Ihr riskiert da mein Leben", warf Qu'ral ein.

"Das habe ich schon getan, indem ich euch herbrachte", sagte Usagi leicht verärgert über die Verzögerung. "Wir alle riskieren hier unser Leben."

Zwischenspiel

Eine muskulöse Gestalt huschte unbemerkt von den Wachen von Deckung zu Deckung. Auf diese Weise arbeitete sie sich immer näher an den Eingang der Höhle heran, die den Komori(9) Ninjas als Heimat diente.

9. Fledermaus

Durch ihren schwarzen Panzer verschmolz sie mit der Nacht und trotz ihrer Grösse schaffte sie es irgendwie sich völlig lautlos zu bewegen.

Im Innern der Höhle war ausser dem gleichmässigen Tropfen von Wasser nichts zu hören. Aufmerksam sah die Gestalt sich um, suchte etwas. Als sie es gefunden hatte, setzte sie sich wieder in Bewegung.

Ein kleines Gerät wurde an einem bestimmten Punkt der Höhle abgesetzt und aktiviert. Ein Zähler begann emotions- und lautlos die verbleibende Lebenszeit der Ninjas abzuzählen.

Die Gestalt machte sich auf den Rückweg. Unbemerkt erreichte sie den Ausgang und ging in der Nähe in Deckung. Sorgfältig errichtete sie einen telekinetischen Schild, um sich zu schützen.

Im Innern der Höhle verstrichen die letzten Takte des Zählers. Das Kästchen erwachte zum Leben und begann tiefe Töne von sich zu geben, die weit durch die Höhle hallten. Aufgeschreckt begannen die Ninjas nach dem Ursprung des Lärms zu suchen, aber durch die Echos war nicht auszumachen, woher er kam.

Dann hatte das Kästchen den richtigen Ton gefunden. Die Luft begann zu vibrieren, als es mehr und mehr Energie in diesen Ton gab, der die Resonanzfrequenz der Höhle darstellte. Staub tanzte auf dem Boden und rasch bildeten sich Risse in der Decke.

Die Ninjas hielten sich die Ohren zu, aber das nützte nichts. Blut lief aus ihren Nasen, während des Geräusch ihre inneren Organe zerstörte. Ohnmächtig stürzten sie von ihren Schlafstellen auf den Boden der Höhle.

Kurze Zeit später folgten grössere Steinbrocken und Stalaktiten aus der Decke der Höhle. Unbeeindruckt von dem Chaos passte sich das Kästchen an die veränderte Geometrie der Höhle an und liess die Luft immer heftiger vibrieren.

Bis die ganze Decke nachgab und den letzten Unterschlupf der Komori Ninjas unter sich begrub.

Draussen vor der Höhle spürte Käl nach Lebenszeichen, fand aber keine mehr. Wer nicht von Steinen erschlagen worden war, war durch die Resonanz umgekommen. Drei Tage wartete er auf Nachzügler und zog sich dann so spurlos zurück, wie er gekommen war.

Das Shiroi Usagi Dojo

Etwas unsicher setzte Qu'ral einen Fuss in das Haus.

Nichts geschah.

Also trat er ein.

Und erstarrte.

Seine Haare standen ihm zu Berge.

Hastig rannte er wieder nach draussen.

Sofort waren Khassar und die Chey Brüder kampfbereit. "Raus hier!" befahl Khassar und sie setzen sich in Bewegung.

Mit schreckensgeweiteten Augen starrte Qu'ral auf das Haus. Sein Atem ging schnell und er zitterte.

"Was ist?" herrschte Khassar ihn an.

Es dauerte lange, bis Qu'ral sich beruhigt hatte. Was auch immer geschehen war, es hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht.

"Was ist das?" fragte er schliesslich entsetzt.

"Das Haus?"

"Das ist kein Haus!" rief Qu'ral. "Ich habe keine Ahnung was es ist, aber ein Haus ist es nicht!"

Einzelne Passanten machten, dass sie von der Strasse kamen. Usagi begann sich Sorgen zu machen, was geschehen würde, wenn eine Patrouille jetzt auf die kampfbereite Gruppe traf und Waytiki stand verwirrt im Eingang.

"Erklärung!" schnarrte Khassar.

"Das, was ich für einen Schutz gegen Feuer gehalten habe, ist in Wirklichkeit eine Art Sichtschutz im Psi-Raum! Erst, wenn man das Gebäude betritt, kann man sehen, was sich wirklich dahinter verbirgt! Es ist unglaublich komplex und aufwendig. Ich weiss nicht was es ist, aber ein Brandschutz ist es nicht. Es ist fast, als wäre es lebendig!"

"Hat es Euch angegriffen?" fragte Usagi ernst.

"Keine Ahnung", sagte der Zauberer immer noch ausser sich, "aber nein, eigentlich nicht."

"Was heisst das?" fragte Khassar.

"Nein, nein, es hat mich nicht direkt angegriffen. Ich ... ich habe mich nur erschreckt. Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen! Hat Pau Tai das geschaffen?"

"Vermutlich", antwortete Usagi, während die Kämpfer ihre Waffen wegsteckten.

"Unglaublich. Wie lange hat er dafür gebraucht?"

"Keine Ahnung", gab Usagi zu. "Vermutlich ein paar Tage."

"Ein paar Tage? Für so etwas braucht man Jahre, vielleicht Jahrhunderte!" ereiferte sich Qu'ral.

"Wie gesagt", antwortete Usagi ruhig, "Pau ist sehr mächtig."

Qu'ral lachte ungläubig. "Mächtig? Das hat nichts mit Macht zu tun! Es ist viel zu aufwendig, um von einer Person in so kurzer Zeit erschaffen zu werden. Alleine die Probleme, um das Ganze stabil zu halten, die Stützstrukturen so sorgfältig zu erstellen, dass sie länger als ein paar Minuten halten!"

"Nun, das ist einfach erklärt", antwortete Usagi, "Pau hat mir gesagt, dass er viele ist. Ich war einmal kurz Teil seines Bewusstseins. Ich hatte den Eindruck, dass er aus Millionen von Seelen besteht."

"Ein Konzept(10) oder eine Superintelligenz(11) vielleicht?" warf Hanshiro ein.

10. Ein Lebewesen, welches eine kleine Zahl von Bewusstseinen in einem Körper beherbergt
11. Geistige Essenz eines Volkes, welches kollektiv seine Körper aufgegeben hat

"Diese Worte sagen mir nichts. Pau sagte nur, dass er ein Priester der Gottheit Ookaa'h sei."

"Wirklich?" fragte T'he plötzlich interessiert. "Ein Ookaa'h Priester?"

"Das waren seine Worte", bestätigte Usagi.

"Nun, in dem Fall ist eure Einschätzung von seiner Macht wohl absolut korrekt", sagte der Historiker eifrig. "Auf meinen Reisen bin ich mehrmals auf Spuren dieser Priester gestossen, aber nie selbst einem begegnet. Und ihr sagt, dass ihr Pau Tai persönlich begegnet seid?"

"Ja", gab Usagi zu.

"Wunderbar", sagte T'he begeistert. "Ihr müsst mir unbedingt alles über ihn erzählen!"

Usagi war verwirrt. "Habt ihr nie versucht, ihn persönlich zu treffen?"

Nun war T'he verwirrt. "Ich habe noch nie zuvor von einem Wesen mit diesem Namen gehört. Wie hätte ich ihn treffen sollen?"

"Er lebt doch schon seit einer Ewigkeit auf der TAURUS", antwortete Usagi.

"Wirklich?" sagte T'he überrascht. "Das ist seltsam. Warum habe ich nie von ihm gehört? Der Computer hätte mich sicher darauf aufmerksam gemacht, wenn es noch einen Ooh'kaa Priester auf der TAURUS gäbe."

"Noch einen?"

"Nun, es ist ja bekannt, dass der Gründer der TAURUS ein Priester von Ooh'kaa ist."

"Das ist Pau Tai", sagte Usagi und die Hölle brach los.

"Ihr kennt Philmann Dark?" fragte T'he überrascht.

Qu'rals Haare standen wieder zu Berge und er stammelte unzusammenhängende Worte.

Hanshiro starrte Usagi nur an, als wäre ihm plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.

Ferdo brachte sich hastig in Sicherheit.

Khassar packte Usagi voller Wut und riss ihn hoch. Usagi war so überrascht, dass er schon mit dem Leben abgeschlossen hatte, bevor ihm einfiel, dass er den Angriff mittels Tai Chi abwehren könnte.

Die Chey Brüder stürzten sich sofort auf Khassar und versuchten Usagi zu befreien, aber die Wut verlieh ihm die Kraft sie abzuschütteln, während sie nicht mit voller Kraft angreifen konnten, wenn sie weder Khassar noch Usagi verletzen wollten.

Es war schliesslich Hanshiro, der Khassar per Telekinese packte, seine Hände aufzwang und dann festhielt.

Einer der Chey Brüder brachte Usagi in Sicherheit während die beiden anderen sich zwischen dem Tobenden und dem Rest der Gruppe aufstellten.

Ferdo kümmerte sich sofort um Usagi, der schwer atmend auf dem Boden sass.

Khassar brüllte vor Wut, aber durch den Schild, den Hanshiro errichtet hatte, drang kein Laut.

Mit offenem Mund war Waytiki dem Schauspiel gefolgt. Hastig lief er um den tobenden Khassar herum zu Usagi. Noch immer war keine Patrouille der Polizei zu sehen, aber alle Passanten waren inzwischen verschwunden.

"Mir fehlt nichts", wehrte Usagi Ferdo schliesslich ab.

"Wir sollten vielleicht doch hineingehen", schlug Waytiki vor.

"Ja", sagte Usagi und befahl den anderen hineinzugehen. "Alle", sagte er mit einem Seitenblick auf Qu'ral, der zusammenzuckte.

"Könnt ihr ihn hinein tragen?" fragte Usagi Hanshiro.

"Kein Problem."

"Gut, dann tut das."

Sie gingen hinein, Qu'ral mit allen Anzeichen von Angst.

"Kann ihn nicht halten!" rief Hanshiro, als sie in der kleinen Eingangshalle standen. Sofort machten sich die Chey Brüder kampfbereit, während Usagi Waytiki half, die Tür zu schliessen und zu verrammeln. Usagi hatte dabei kurz das unangenehme Gefühl, dass sie sich damit in einer Falle selbst einschlossen.

Khassar fiel zu Boden und landete geschickt auf den Füssen. Er rührte sich nicht, blickte aber immer noch voller Hass auf Usagi.

"Das Haus wehrt sich gegen den Einsatz von Psi-Fähigkeiten in seinem Inneren", berichtete Qu'ral unbehaglich. "Ich kann sehen, wie das Konstrukt auf Hanshiros Fähigkeiten Einfluss nimmt."

Hanshiro merkte es offensichtlich auch, sein Gesicht verzerrte sich, aber er konnte nichts ausrichten. Schliesslich gab er es auf und schüttelte nur den Kopf. "Sinnlos. Was auch immer es ist, es verhindert effektiv, dass ich irgend etwas tun kann."

Währenddessen sah sich Qu'ral um. Staunen hatte die Angst in seinem Gesicht ersetzt. "Unglaublich", flüsterte er ehrfürchtig.

Usagi wandte sich nun seinem eigentlichen Problem zu. "Waytiki, bitte führt die anderen doch zum Trainingsplatz. Khassar und ich kommen gleich nach."

"Seid ihr sicher?" fragte Hanshiro ungläubig.

"Ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist", wandte Qu'ral ein.

"Qu'ral, sollte ich während dieser Mission getötet werden, dann möchte ich, dass ihr versucht, Kusanagi in euren Besitz zu bringen. Bringt es zur TAURUS und übergebt es dort Käl oder Pau Tai selbst. Sie werden wissen, was damit zu geschehen hat."

"Aber ..."

"Es kann sein, dass sich das Schwert dem widersetzt. Solltet ihr auf unüberwindlichen Widerstand stossen, dann kehrt zur TAURUS zurück und berichtet einfach nur, was geschehen ist. Nun geht", befahl Usagi.

Widerstrebend folgten die anderen der Anweisung. Schliesslich war Usagi mit dem wütenden Hünen alleine.

Usagi setzte sich ein wenig entfernt von Khassar auf den Boden, um ihn nicht unnötig zu reizen. Langsam band er seine Schwerter ab und legte sie neben sich auf den Boden.

"Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten", sagte er ruhig. "Ihr tötet mich oder ihr erzählt mir eure Geschichte."

"Seid ihr Dark?" spukte Khassar mühsam beherrscht aus.

"Nein", sagte Usagi, "ich bin sein Schüler."

Khassar schnaubte. "Ein Schüler des Monsters."

Unbewegt wartete Usagi ab.

"Dafür, dass ich meine Beherrschung verloren habe", sagte Khassar schliesslich, "entschuldige ich mich. Ich denke, dass ich professionell genug bin, um den Einsatz dennoch mit euch durchführen zu können, falls euch noch etwas daran liegt, mich dabei zu haben."

Usagi seufzte. "Solange ihr nicht mit mir sprecht, kann ich nichts für euch tun."

"Mir helfen?" zischte Khassar erbost, aber er behielt die Kontrolle. "Mir kann keiner helfen."

"Solange ihr es nicht zulasst, nicht."

"Was wisst ihr schon", sagte Khassar bitter, "und ich wüsste auch nicht, was meine privaten Angelegenheiten euch angehen."

"Vor eurem Angriff auf mich hätte ich euch zugestimmt, aber nun ist es auch eine persönliche Sache zwischen euch und mir."

Khassar schnaubte. "Sagen wir einfach, dass Philmann Dark mein Todfeind ist."

"Warum?" bohrte Usagi weiter.

"Ich möchte nicht darüber sprechen", sagte Khassar. "Es hat mich viele Jahre gekostet, endlich damit leben zu können und ich möchte das nicht wieder hervor holen. Es ist vorbei. Er hat mich vernichtet, mehr als mein Tod das jemals hätte tun können. Dafür hasse ich ihn."

"Als ich das erste mal auf Pau Tai traf", berichtete Usagi, "da war auch viel Leid und Schmerz in mir. Er hat mir gezeigt, wie man das auflösen kann. Ich bin nicht so gut in dieser Heiltechnik, aber ..."

Khassar winkte nur müde ab. "Belastet euch nicht damit. Natürlich kenne ich die Techniken, mit denen man seelischen Schmerz verarbeiten kann. Das gehörte zu meiner Ausbildung, lange bevor ich auf Dark traf. Dark hat dafür gesorgt, dass das Leid niemals weniger wird."

Betroffen schwieg Usagi. Natürlich würde Pau Vorkehrungen dagegen treffen, dass jemand, den er wirklich leiden lassen wollte, sich dem nicht entziehen konnte. 'Warum hatte Pau das getan?' wunderte sich Usagi.

"Das reicht mir leider nicht", sagte Usagi schliesslich und Khassar seufzte.

"Was wollt ihr denn noch?"

"Nun, aus euren Worten kann man zweierlei schliessen. Entweder sollte man sich von euch fernhalten oder von Pau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Pau sich nichts bei dem gedacht hat, was er euch antat. Oder es könnte sein, dass Pau doch nicht ganz das ist, was ich mir bisher vorgestellt habe."

Khassar verzog das Gesicht. "Hört auf damit. Ich habe das schon mehrmals durchgemacht und jedes mal war es für mich und den anderen eine Qual. Und genützt hat es überhaupt nichts, nur waren am Ende alle unglücklich. Lasst euch gesagt sein, dass ich seit fast 70'000 Jahren eine Lösung suche und bisher ohne Erfolg."

"Das tut mir Leid", sagte Usagi ehrlich, "wenn ihr das wünscht, kann ich euch aber etwas anbieten. Ich kann mit Pau sprechen, wenn ich ihn das nächste mal sehe."

"Wird nichts nützen. Habe ich auch schon versucht", antwortete Khassar hoffnungslos und Usagi fragte sich, wie dieses Lebewesen es fertigbrachte jeden Morgen aufzustehen und sich den Herausforderungen des Tages zu stellen.

"Gut", akzeptierte Usagi. Er würde trotzdem mit Pau sprechen, aber Khassar nicht damit belasten. "Ich bin zwar ein Schüler von Pau Tai, aber was ich tue, entscheide ich selbst."

Khassar schnaubte. "Das haben schon viele gesagt, die in Darks Schatten standen. Aber ihr habt recht, ich sollte euch nicht für die Verbrechen eures Meisters verantwortlich machen. Was werdet ihr nun tun?"

"Ich betrachte euch nach wie vor als eine Bereicherung des Teams", sagte Usagi ehrlich, "aber ich kann nicht für die anderen sprechen."

"Sie werden sich euch unterordnen", stellte Khassar fest.

"Nur, wenn ich sie zwinge, und das will ich eigentlich nicht."

"Ferdo und T'he haben jetzt kein Vertrauen mehr in mich," zählte Khassar auf. "Qu'ral ist im Moment durch das Haus abgelenkt, aber wenn das seinen Reiz verliert, wird er mir ebenfalls den Rücken zukehren. Hanshiro kann ich nicht zuordnen. Nur die Chey Brüder würden evtl. einer weiteren Zusammenarbeit zustimmen."

Usagi stimmte dem innerlich zu. "Trotzdem werde ich das sicher nicht über ihre Köpfe entscheiden."

"Du führst, Du entscheidest."

Usagi nahm seine Waffen wieder auf und gemeinsam gingen sie zu den anderen.

Im Hof der Kampfschule waren einige jüngere Schüler mit Übungen beschäftigt. Waytiki wartete dort mit seiner Frau und den anderen auf sie. Keiko war sichtlich erleichtert, als Usagi mit Khassar hinter ihm durch auf den Hof trat.

"Halt", rief Waytiki zu seinen Schülern. "Meister Miyamoto, der Gründer der Schule, erweist uns die Ehre eines Besuchs."

Die Schüler beendeten ihre Übungen und stellten sich diszipliniert auf, um Usagi zu begrüssen. Zusammen mit ihren Meistern verbeugten sie sich vor Usagi. "Ich danke euch", sagte Usagi und verbeugte sich seinerseits. "Es erfüllt mich mit Stolz zu sehen, dass Meister Waytiki in diesen schweren Zeiten so viele gute Schüler für unsere Schule finden konnte."

"Werdet ihr uns die Ehre erweisen, die Übungen der Schüler zu leiten?" bot Keiko ihm an.

"Leider nicht", sagte Usagi mit echtem Bedauern in der Stimme, wenn auch vielleicht nicht aus dem Grund, an den die Schüler dachten. Schüler auszubilden war immer besser, als sich in gefährliche Abenteuer zu stürzen.

"Ich bin aus einem anderen Grund hier. Meisterin Keiko, Meister Waytiki, kann ich einen von euch beiden bitte alleine sprechen? Ich muss wissen, wie die Situation hier in der Geishu Provinz ist."

"Natürlich", antwortete Keiko. "Bitte folgt mir."

Während die Schüler unter der Aufsicht von Waytiki ihre Übungen fortsetzten, führte Keiko sie in eines der hinteren Zimmer.

"Was möchtet ihr wissen?" fragte sie nachdem Usagi sie begrüsst und die anderen vorgestellt hatte.

"Ich weiss, dass wieder Bürgerkrieg herrscht und dass Fürst Hikiji darin verwickelt ist. Aber ich möchte mir ein Bild machen, wie die Situation vor Ort ist. Was wisst ihr?"

"Vor einem Jahr sind plötzlich Gerüchte aufgetaucht, dass der Tenno wieder auferstanden sei. Mit einem leuchtenden Schwert führe er seine Soldaten in die Schlacht und er würde seine Feinde mit Leichtigkeit aus dem Feld schlagen", berichtete Keiko.

"Natürlich war Fürst Noriyuki sehr beunruhigt. Während ihr die Schule aufgebaut habt, hatten wir eine Periode des Friedens und des Wohlstands. Alle hatten Angst, dass wir wieder in das alte Chaos(12) zurückfallen würden."

12. In den Jahren zwischen 1200 und 1600 herrschte in Japan praktisch ununterbrochen Bürgerkrieg.

"Wisst ihr, wer der neue Imperator ist?"

"Angeblich soll es jemand sein, der unter Fürst Hikijis Einfluss steht oder sogar er selbst. Sein Sohn, heisst das. Der alte Fürst, der euer Feind war, ist ja tot."

"Wo ist Fürst Noriyuki jetzt?"

"Er ist mit den anderen Fürsten aus dem Südwesten von Honshu nach Norden gezogen, um sich mit den Armeen der anderen Fürsten, die noch treu zum Shogun stehen, zu vereinen und gegen den angeblichen Imperator zu kämpfen."

"Die Patrouillen auf der Strasse sagten uns, dass noch immer Leute für die Armee ausgehoben werden."

"Das stimmt. Anscheinend fürchtet man, dass Fürst Hikiji auch gegen alle Armeen, die der Shogun aufstellen kann, siegreich sein könnte, obwohl ich mir das nicht vorstellen kann. Also werden ständig weitere Männer rekrutiert. Ihr habt ja den Zustand der Schule gesehen. Alle Schüler über 14 Jahre wurden in den Dienst gepresst. Waytiki und ich fürchten, dass wir nur wenige von ihnen wiedersehen werden."

"Usagi", bat Keiko eindringlich, "könnt ihr etwas tun? Wird Pau wieder eingreifen?"

"Deswegen bin ich hier, aber Pau ist nicht bei uns. Dennoch denke ich, dass ich etwas ausrichten kann."

"Das ist gut", sagte Keiko erleichtert und Usagi war sich unbehaglich zumute. 'Kann ich die Hoffnungen, die ich in ihr Herz pflanze, wirklich erfüllen?'

"Das ergibt aber ein neues Problem. Ich muss mich frei bewegen können, aber wenn jeder, der eine Waffe tragen kann, sofort eingezogen wird, dann brauche ich eine Sondergenehmigung von Fürst Noriyuki. Gibt es noch jemanden in der Burg, der sich an mich erinnert und mit dem ich sprechen könnte?"

"Ich weiss nicht, da müsstet ihr mit Waytiki sprechen. Er war in letzter Zeit häufiger in der Burg."

Dann, beinahe ängstlich, fragte sie: "Ist an den Gerüchten etwas dran?" fragte Keiko.

"Was meint ihr?"

"Haben die Götter uns wirklich einen neuen Imperator geschickt?"

Usagi lachte bitter auf. "Nein, ich glaube nicht." Er seufzte. "Ich möchte euch nur ungern mit diesem Wissen belasten. Aber soweit ich weiss, ist es tatsächlich der Sohn von Fürst Hikiji, der Kusanagi-no-tsurugi entwendet hat und es jetzt missbraucht, um seinen Machthunger zu stillen."

"Kusanagi? Das Schwert aus den alten Legenden?" rief Keiko überrascht und Usagi nickte unglücklich.

"Wie konnte es passieren, dass eine Waffe der Götter sich von so jemanden missbrauchen lässt?"

"Bitte nicht", antwortete Usagi, "die Antwort würde Dir nicht gefallen."

Keiko wartete einfach ab.

"Es ist eher so, dass Kusanagi den Machthunger von Hikiji ausnutzt, um das Land für den Imperator zu erobern, den es ausgewählt hat."

"Das Schwert?" fragte Keiko überrascht.

"Es ist kein Schwert", warf T'he ein. "Soweit ich das verstanden habe, handelt es sich viel mehr um eine Art Lebewesen, welches aber nur für einen spezifischen Zweck geschaffen wurde. Ein Zwischending zwischen einem Werkzeug und einem Sklaven ohne eigenen Willen."

"Aber wenn es Hikiji kontrolliert, dann muss es doch einen eigenen Willen haben?" wunderte sich Ferdo.

"Nicht unbedingt oder auch nur sehr eingeschränkt. Es kann sein, dass es einer sehr einfachen Programmierung folgt", antwortete der Historiker.

"Das stimmt", gab Usagi zu, "es will nur zu seinem Herrn zurück."

"Und wer ist das?" fragte Keiko, aber sie ahnte die Antwort schon.

"Ihr", sagte Khassar und blickte Usagi an.

"Das war es, was ihr meintet, als ihr sagtet wir könnten auf ungewöhnlichen Widerstand stossen, wenn wir versuchen, das Schwert mitzunehmen", folgerte Qu'ral.

"Ja. Wenn es das aus irgendeinem Grund nicht will, dann wird es sich wehren."

"Fassen wir also zusammen", sagte Ferdo, "wir haben Krieg und könnten in die Armee eingezogen werden. Wenn das passiert, dann wird man uns wohl alle in verschiedene Einheiten stecken und es wäre Zufall, wenn wir dann noch etwas erreichen würden."

"Wir haben Verbündete auf dieser Seite, aber die andere Seite scheint im Moment überlegen zu sein. Wir bräuchten jetzt einen Verbündeten, aber der ist an einem unbekannten Ort. Das, was wir entwenden wollen, ist sehr mächtig und könnte sich widersetzen. Dagegen wären wir wahrscheinlich hilflos."

"Nun", antwortete T'he, "zumindest der letzte Punkt ist wohl gegenstandslos. Ich habe mich mit solchen Waffen beschäftigt und sie sind nur selten in der Lage sich gegen den Willen ihres Herrn zu wehren. Normalerweise gibt es Schutzmechanismen, damit man sich z.B. nicht so leicht selbst damit verletzt, aber wenn Kusanagi Usagi wirklich als seinen Herrn ansieht, dann wird es sich einem Abtransport wohl nicht widersetzen."

"Qu'ral, wann kannst Du wieder in die Station springen, um Dir sie Satellitenkarten anzusehen?" fragte Usagi. "Auf den Karten sollte es kein Problem sein, die Armeen und damit Fürst Noriyuki zu finden. Dann kannst Du mich zu ihm bringen, und ich kann wegen einer Sondergenehmigung mit ihm reden. Ausserdem kann ich mir genauere Informationen über die aktuelle Lage holen."

"Vielleicht wäre es besser zuerst mit jemandem in Burg Weissreiher zu reden?" schlug Keiko vor.

"Natürlich, ihr habt recht", sagte Usagi, "könntet ihr bitte Waytiki zu mir schicken, damit er mir sagen kann, wie es in der Burg aussieht?"

"Selbstverständlich, Usagi. Bitte nur einen Moment Geduld", sagte Keiko und machte sich auf den Weg.

"Was ist jetzt mit ihm?" fragte Hanshiro und wies auf Khassar.

"Khassar hat mir die Gründe für sein Verhalten dargelegt und ich habe sie akzeptiert. Was mich betrifft, so habe ich keine Vorbehalte gegen ihn", antwortete Usagi ruhig.

"Wie bitte?" fragte Ferdo. "Er hat euch fast umgebracht!"

"Das stimmt nicht, denn in diesem Fall wäre ich jetzt tot", widersprach Usagi trocken.

Wie sie erwartet hatten, waren die Chey Brüder damit zufrieden, aber die anderen hatten Bedenken. Vor allem Ferdo machte sich Sorgen, dass Khassar in einer Stresssituation nochmals versagen könnte.

Dann kam Waytiki zu ihnen und sie mussten ihre interne Diskussion erst einmal zurückstellen.

Waytiki konnte ihnen nicht weiterhelfen. Anscheinend hatte Noriyuki nur eine absolute Rumpfmanschaft in der Burg zurückgelassen. Die Bewohner der Hauptstadt machten sich schon Sorgen, was passieren würde, wenn ein Unglück geschah.

"Es sind nur Leute übrig geblieben, die stur auf den Vorschriften beharren. Beinahe hätten sie mich selbst eingezogen!" klagte Waytiki.

"Gut", entschied Usagi, "dann bleibt es dabei, dass wir versuchen herauszufinden, wo sich Fürst Noriyuki aufhält und ich mit ihm spreche."

"Ich könnte mit Qu'ral in die Station zurückkehren", bot Khassar an. "Da viele Mitglieder des Teams mir jetzt nicht mehr vertrauen, wäre das eine sinnvolle Lösung."

"Und wie sollen wir dann das verlorengegangene Vertrauen wieder aufbauen?" fragte Usagi. "Wer hier ist nicht bereit, weiter mit Khassar zusammenzuarbeiten?"

Ferdo, Qu'ral und Hanshiro meldeten sich.

"Warum?" fragte Usagi Ferdo.

"Ich habe meine Gründe bereits dargelegt", sagte Ferdo. " Khassar ist ein Killer. Er kann uns alle problemlos töten und nach dem, was wir vorhin gesehen haben, habe ich einfach Zweifel, ob seine Selbstbeherrschung beim nächsten Mal, wenn er wieder unter starken Druck kommt, nochmal ausreicht."

"Unter Druck kann jeder hier die Beherrschung verlieren", wandte Usagi ein.

"Ja, aber von uns anderen hat sich bisher noch keiner gegen ein anderes Teammitglied gewandt."

"Wir sind bisher auch noch nicht unter Druck gekommen", hielt T'he dagegen.

"Mag sein, aber wir haben auch nicht die Aufgabe in einer Kampfsituation den Überblick zu behalten und dafür zu sorgen, dass wir da wieder lebend herauskommen."

"Khassar, was ist eure Meinung?" fragte Usagi.

"Ich habe dem nichts hinzuzufügen."

"Aber ihr denkt, dass eine normale Kampfsituation euch nicht vor Probleme stellen wird, oder?"

"Nun", zögerte Khassar, "ich muss einfach zugeben, dass mich der Ausbruch selbst überrascht hat. Für einen Moment habe ich wirklich die Kontrolle verloren und das beunruhigt mich."

"Warum habt ihr so die Kontrolle verloren?"

"Ich bin nicht sicher ..."

"Aber?"

"Ich denke, es war, weil ich euch für Philmann Dark hielt."

"Das wird also möglicherweise wieder passieren, wenn wir das nächste mal auf Pau treffen."

"Ja, vielleicht."

"Stellt sich die Frage, ob wir auf Pau treffen können", schloss Usagi.

"Mit euch im Team?" warf Qu'ral ein.

"Hm", machte Usagi. "Ich denke, wenn wir nicht auf Pau treffen, dann wird es keine Probleme geben. Und wenn wir auf ihn treffen, dann wird es keinen Unterschied machen."

"Was meint ihr?" fragte Hanshiro.

"Pau ist so mächtig, dass es egal ist, ob Khassar die Beherrschung verliert oder nicht. Ab diesem Zeitpunkt wird sowieso nur noch das passieren, was er will und zulässt."

"Das hat etwas für sich", akzeptierte Qu'ral.

"Könnt ihr das akzeptieren?" wandte sich Usagi an Ferdo.

"Ich denke schon", willigte der Arzt schliesslich ein.

"Qu'ral?"

"Ich habe keine Vorbehalte mehr."

"Hanshiro?"

"Dito."

"Qu'ral, wieviele Sprünge könnt ihr noch durchführen?"

"Tja, alleine etwa drei, vielleicht vier."

"Das bedeutet, dass ihr noch zur Station und zurück kommen würdet, aber mich dann zu Noriyuki zu bringen, würde schon knapp werden?"

"Ja."

"Das ist nicht gut. Die Patrouillen werden sicher irgendwo melden, dass eine Gruppe von Leuten zum Palast unterwegs war, um sich einzuschreiben. Wenn wir nicht auftauchen, dann werden sie irgendwann anfangen uns zu suchen."

"Euch zu Noriyuki zu bringen, würde auch nicht viel nützen, weil ich ja noch zurück müsste, um das Dokument wieder zurückzubringen", fügte Qu'ral hinzu.

"Den Dienst am Vaterland zu verweigern, ist in dieser Kultur nicht vorgesehen", berichtete T'he.

"Kennt man euch im Palast noch?" fragte Khassar Usagi.

"Sein Name ist sicher noch bekannt", antwortete Meister Waytiki. "Wenn ich mitgehe und für ihn bürge, dann wird man ihm sicher glauben, dass er Meister Miyamoto ist. Aber was soll dass bringen?"

"Er könnte zum Palast gehen und einfach fragen, ob das Dokument inzwischen eingetroffen ist."

"Wir haben ja noch gar nicht mit Noriyuki gesprochen?" warf Ferdo ein.

"Wissen sie aber nicht. Die Frage impliziert, dass wir ein solches Dokument erwarten und dann sollte es einfach sein, eine befristete Genehmigung zu erhalten, bis unsere Teleporter wieder fit sind."

"Hat jemand einen besseren Vorschlag?" fragte Usagi. Als alle nur den Kopf schüttelten, fuhr er fort: "Dann versuchen wir es so. Falls wir getrennt werden sollten, dann treffen wir uns wieder hier."

Dann gingen Meister Waytiki und er los. Im Palast trafen sie auf die Beamten, vor denen Waytiki sie gewarnt hatte. Sie waren völlig überlastet und liessen nicht mit sich reden. Aus der Gewohnheit der letzten Jahre war Usagi von den verständnisvollen Beamten der TAURUS ausgegangen, die sich immer mit den Bewohnern der TAURUS zusammen eine Lösung für anstehende Probleme suchten.

Das war hier natürlich nicht mehr der Fall. Der Beamte meinte lakonisch, dass sie ja auch als Angehörige von Noriyukis Armee auf ihre Sondererlaubnis warten könnten.

Grundausbildung

Am Abend steckten sie mit etwa 30 anderen armen Seelen, die auch erst vor kurzem eingezogen worden waren, in einem grossen Schlafsaal der Kaserne in der Hauptstadt der Geishu Provinz. Wenigstens hatten sie es geschafft, dass man sie zusammen untergebracht hatte.

Bewaffnete Wachen standen auf den Mauern der Kaserne, damit sich die Neuankömmlinge nicht aus Versehen verliefen und irrtümlich zu Deserteuren erklärt wurden, wie der Kommandant streng erläutert hatte.

Der Kommandant hatte weiter ausgeführt, dass sie etwa einen Monat ausgebildet würden, um dann als Verstärkung der regulären Armee in den Norden zu folgen. Die vergleichsweise kurze Zeit der Grundausbildung zeigte den erfahrenen Kämpfern in der Gruppe, wie verzweifelt die Armeeführung schon sein musste.

Die Chey Brüder, Khassar und Usagi machten sich wegen der Ausbildung eigentlich wenig Sorgen. Usagi hatte ja vor langer Zeit schon einmal in der Armee von Lord Mifune gedient und konnte ihnen daher ungefähr sagen, was auf sie zukam. Das grösste Problem, dass diese fünf hatten, war Khassars Grösse. Glücklicherweise hatte er seine eigene Rüstung mitgebracht, auf der nur das Wappen von Fürst Noriyuki angebracht werden musste.

T'he hatte noch nie in einer Armee gedient und machte sich eher darum Sorgen, dass er in eine Situation kommen würde, wo er töten müsste, als um die Ausbildung selbst.

Bei den beiden Magiern war das eine andere Sache. Hanshiro hatte zwar eine einfache Nahkampfausbildung, aber Qu'ral weigerte sich schlichtweg eine Waffe anzufassen. Nach einer längeren Diskussion war er bereit, den Bokken aus Holz zu berühren, aber bei den komplizierten Bewegungsmustern kam schnell heraus, dass er seinen neuen Körper nicht sehr gut unter Kontrolle hatte. Zu gross waren die Unterschiede zwischen dem Körper, den er jetzt hatte und seinem ursprünglichen Körper.

Als echte Katastrophe stellte sich aber Ferdo heraus. Seine nervöse Art erlaubte es ihm nicht, auch nur kurze Zeit still zu stehen. Während ihr Ausbilder ihnen am Morgen das Tagesprogramm vortrug, zappelte er so lange, bis dem Ausbilder der Kragen platzte.

Er schickte Ferdo auf 20 Runden um die Kaserne.

Ferdo kam nach kurzer Zeit wieder und zappelte weiter.

Da er so schnell wieder zurück war, vermutete der Ausbilder sofort, dass Ferdo die Strecke irgendwie abgekürzt hätte und schickte ihn auf 50 Runden.

Diesmal dauerte es länger, bis Ferdo wiederkam. Er konnte aber immer noch nicht still stehen. Ausserdem sah Usagi ihm an, dass er wütend war. Um den Ausbilder nicht unnötig zu reizen, stellte sich Ferdo nach ganz hinten, wo er zumindest nicht so gut zu sehen war.

Das änderte sich aber, als sie mit den Übungen begannen. Wie für ihn normal, führte Ferdo sie ziemlich schnell durch. Damit das nicht so sehr auffiel, machte er einfach mehr. Trotzdem beschloss der Ausbilder damit nicht zufrieden zu sein und er begann Ferdo zu drangsalieren.

Usagi machte sich deswegen keine Sorgen, er kannte den Ton, den Ausbilder normalerweise anschlugen und irgendjemand wurde immer härter drangenommen, als andere, damit diese sich zweimal überlegten, ob sie Ärger machen wollten. Khassar allerdings schien sich Sorgen zu machen.

"Was ist?" zischte Usagi.

"Ferdo verträgt Erniedrigungen schlecht", zischte Khassar zurück.

"Schlecht?"

Da platzte Ferdo auch schon der Kragen. Usagi fragte sich, wie jemand, der so klein war wie Ferdo, so laut brüllen konnte. Mit einem stakkatoartigen Wortschwall von Schimpfworten und Beleidigungen fiel er über den Ausbilder her, der tatsächlich vor dem tobenden Arzt zurückwich.

Ferdo schien sich bei dem Studium der japanischen Sprache hauptsächlich auf Schimpfworte und Beleidigungen konzentriert zu haben, denn obwohl er die Worte schneller aussprach, als Usagi mitdenken konnte, wiederholte er sich nie.

Nach ein paar Augenblicken hatte der Ausbilder sich von seiner Überraschung erholt und tat das, was er tun musste: Er brüllte zurück. Als das nichts half, winkte er den Wachen, die sofort gelaufen kamen, um den Tobenden gefangenzunehmen.

Khassar und die Chey Brüder standen da und warteten ab. Ohne Usagis Anweisung würden sie nicht eingreifen. Schliesslich kannte er sich am besten mit den lokalen Gebräuchen aus.

Usagi dachte kurz darüber nach und kam zu dem Schluss, dass sie auf keinen Fall einen weiteren Monat hier in der Hauptstadt verbringen würden. Also würden sie das Ganze etwas beschleunigen.

"Khassar! Los!"

Sofort begann Khassar Befehle zu verteilen.

"Hanshiro, den Hof abschirmen! Usagi, Qu'ral, Hanshiro schützen. Chey-O mit mir!"

Zu Viert stürzten sie sich auf die Wachen, die Ferdo gefangennehmen wollten.

Usagi und Qu'ral schirmten derweil Hanshiro ab, der damit anfing, sich auf einen Schild zu konzentrieren. Erleichtert sah Usagi, dass die weiteren Wachen, die jetzt von Aussen gelaufen kamen, an einem unsichtbaren Hinderniss scheiterten. Die anderen Rekruten, die mit ihnen ausgebildet werden sollten, brachten sich vor dem unheimlichen Geschehen rasch in einer Ecke des Hofs in Sicherheit.

Effektiv und sicher räumten Khassar und die Chey Brüder unter den Wachen auf. Aufgrund ihrer viel besseren Ausbildung, ihrer besseren Reflexe und nicht zuletzt wegen der Verbesserungen, die Khassar an seinem Körper hatte vornehmen lassen, waren sie schnell Herr der Lage.

Die besiegten Wachen wurden entwaffnet und in eine Ecke gedrängt. Dann löste Khassar Usagi ab, damit dieser mit dem Ausbilder reden konnte.

Auf dem Weg trat Ferdo zu ihm. "Ich brauche meine Ausrüstung, damit ich mich um die Verwundeten kümmern kann", bat er. So schnell, wie er sich aufgeregt hatte, hatte er sich auch wieder beruhigt.

"Ich sehe, was ich tun kann", versprach Usagi. "Gibt es jemand, der schwer verwundet wurde?"

"Nein, aber die Waffen sind natürlich alle schmutzig und in so einer Umgebung entzündet sich eine Wunde schnell."

Usagi nickte und ging zu ihrem Ausbilder, der mit den Wachen zusammen in einer Ecke des Hofs gefangen war und ihn mit grimmigen Gesichtsausdruck erwartete.

"Wie ihr seht", sagte Usagi ruhig, "lässt unsere Ausbildung bereits nichts zu wünschen übrig. Da wir hierhergekommen sind, um uns Fürst Noriyuki anzuschliessen und auf keinen Fall einen Monat hier mit einer nutzlosen Ausbildung verschwenden werden, würde ich vorschlagen, dass sie uns einfach Marschbefehle ausstellen und uns sagen, wo wir ungefähr auf Fürst Noriyuki treffen können."

Der Ausbilder, der erwartet hatte, dass die neuen Rekruten versuchen würden, ihre Freiheit zu erpressen, benötigte einen Moment, um sich auf die neue Situation einzustellen. Währenddessen sammelte Usagi die erbeuteten Waffen wieder ein und gab sie den Wachen mit einer respektvollen Verbeugung zurück. Unbehaglich steckten die Wachen ihre Waffen erst einmal weg.

"Das kann nur der Kommandant entscheiden", wich der Ausbilder schliesslich aus.

"Gut. Dann würde ich ihn gerne jetzt sprechen", bat Usagi.

"Wie könnt ihr es wagen?" brauste der Ausbilder auf.

Bevor er weitersprechen konnte, fiel Usagi ihm freundlich, aber bestimmt ins Wort: "Ihr müsst diesen Vorfall doch sicher sofort melden? Also, gehen wir." Usagi legte die in langen Jahren als Lehrer seiner Schüler erlernte Autorität in seine Worte.

Instinktiv reagierte der Ausbilder wunschgemäss. Als er sich in Bewegung gesetzt hatte, konnte er nicht mehr stehen bleiben, ohne erneut sein Gesicht zu verlieren. Mit wütendem Gesicht ging er voraus.

"Hanshiro, den Schild fallen lassen." Sofort stolperten einige Soldaten, die sich an die Barriere gelehnt hatten, in den Hof.

"Unternehmt nichts, bis der Kommandant eine Entscheidung getroffen hat", wies der Ausbilder seine Assistenten an.

Seelenruhig folgte Usagi dem Ausbilder durch das Spalier der Soldaten am Ausgang des Hofes. Da die Soldaten, die jetzt von Aussen kamen, nicht genau wussten, was vorgefallen war, liessen sie sie passieren und verteilten sich an den Wänden des Hofes.

Draussen wandte sich der Ausbilder nach links zu den Hauptgebäuden hin. Ein höherer Offizier kam ihnen entgegen; anscheined war er bereits von dem Aufruhr informiert worden, denn er winkte den Ausbilder sofort herüber, kaum dass er ihn gesehen hatte.

"Was ist geschehen, Ausbilder Ibu?" herrschte der Offizier den Ausbilder an.

Der Ausbilder und Usagi verbeugten sich vor dem Offizier. "Offizier Kawate, einige Rekruten verlangen sofort an die Front geschickt zu werden."

Wie schon der Ausbilder musste der Offizier das erst einmal verdauen.

"Das Sterben kann ihnen wohl nicht schnell genug gehen", schimpfte der Offizier und winkte dem Ausbilder ihm zu folgen, damit er sich die Sache aus der Nähe ansehen konnte.

"Dieser Rekrut hier", der Ausbilder wies auf Usagi, "scheint ihr Sprecher zu sein."

Der Offizier blieb stehen und sah sich Usagi näher an. "So so, und was versprecht ihr euch von diesem Unfug?"

"Einen Marschbefehl, Sir", antwortete Usagi ruhig.

"Es ist euch wirklich ernst", sagte der Offizier überrascht. "Wie lautet euer Name?"

"Ich bin Miyamoto Usagi, der Gründer des Shiroi Usagi Dojo."

Der Offizier war verblüfft, dann fuhr er auf. "Wie könnt ihr es wagen! Der ehrwürdige Meister Miyamoto ist viel älter als ihr!"

"Seit ich Pau Tai getroffen habe, werde ich nicht mehr älter", antwortete Usagi seelenruhig.

"Ha!" antwortete der Offizier, aber nicht mehr ganz so sicher. "Nun, das werden wir gleich geklärt haben. Ich hoffe für euch, dass ihr die Wahrheit gesagt habt!"

Ein Gruppe von Samurai trat gerade aus dem Hauptgebäude. Usagi konnte sehen, dass der Kommandant bei ihnen war. Aufgebracht ging Offizier Kawate zu der Gruppe und winkte Ausbilder Ibu und Usagi ihm zu folgen.

"Verzeihung", entschuldigte Kawate sich, "aber dieser Mann hier behauptet Meister Miyamoto zu sein."

Die Gruppe wandte sich ihm zu.

"Das ist ja völlig lächerlich!" herrschte der Kommandant den Offizier an.

"Vater", sagte der Anführer der Samurai und verbeugte sich. Sofort erwiesen auch seine Begleiter Usagi die Ehre.

"Sanraku", grüsste Usagi seinen Sohn und verbeugte sich.

Perplex standen Kommandant Hori, Offizier Kawate und Ausbilder Ibu da, dann verbeugten sie sich ebenfalls rasch.

"Euch zu sehen, gibt mir wieder Hoffnung", sagte Sanraku. "Kommt, es gibt viel zu besprechen."

Usagi nickte. "Holt meine Begleiter", befahl er dem Ausbilder, der sich sofort auf den Weg machte, bevor er realisierte, dass ein einfacher Rekrut ihm gerade einen Befehl gegeben hatte.

Sanraku führte Usagi ins Haus. In einem grossen Zimmer nahmen sie Platz. Respektvoll hielten die Samurai Abstand vom Meister Miyamoto. Dann kam der Ausbilder mit Khassar und den Anderen hinzu. Zwanglos setzten sie sich zu Usagi, was einige Samurai mit Unmut zur Kenntnis nahmen und sie die Stirn runzeln liess.

Sanrakus Bericht

Sanraku stellte kurz seine Begleiter vor. Er war in die Hauptstadt gekommen, um sich ein Bild der Lage zu machen und die neuen Befehle von Lord Noriyuki zu übermitteln.

Auch Usagi stellte seine Begleiter vor. Ohne eine Miene zu verziehen, nahmen die Samurai die Nachricht auf, dass T'he ein Historiker war. Die beiden Zauberer dagegen riefen eine deutliche Reaktion hervor. Da sie Usagi begleiteten, beschränkten sich die Samurai auf erstaunte Blicke und belästigten die beiden nicht weiter.

"Was ist geschehen?" fragte Usagi.

"Wir wissen es nicht genau. Vor zwei Monaten kam es bei Ueda zu einer grossen Schlacht, aber obwohl wir viel mehr Männer und die bessere Ausgangslage hatten, konnte Fürst Hikiji uns besiegen. Es gehen Gerüchte um, dass Fürst Hikiji sich schwarzer Magie bedient, Mächte der Dunkelheit", berichtete Sanraku. "Aber ihr habt uns noch nicht gesagt, warum ihr hier seid. Seid ihr gekommen, um uns zu helfen?"

"Wenn ich kann", schränkte Usagi ein, aber plötzlich erschien Hoffnung auf den Gesichtern der Samurai.

"Und es ist keine dunkle Magie, derer sich Fürst Hikiji bedient", fuhr Usagi fort, "es ist Kusanagi-no-tsurugi."

"Grasscutter?" rief Sanraku aus. "Wie ist das möglich? Das Schwert ist seit Jahrhunderten verschollen!"

Usagi seufzte. "Ich habe es gefunden." Ein Raunen ging durch die versammelten Samurai. Sanraku starrte ihn nur an. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten.

"Ich habe es zum Atsua Schrein gebracht, damit es nicht missbraucht werden kann", fuhr Usagi fort.

"Fürst Hikiji hat davon erfahren und es in seinen Besitz gebracht", vervollständigte Sanraku das Bild. "Aber wie kann es sein, dass das Schwert der Götter sich von einem solchen Mann missbrauchen lässt? Haben sich die Götter von uns abgewandt?"

"Nein", sagte Usagi leise, "es ist das Schwert, dass die Gier nach Macht von Fürst Hikijis ausnützt, um das Land zu erobern." Nachdem er es ausgesprochen hatte, realisierte er was er da gesagt hatte, aber glücklicherweise stellten die Samurai die offensichtliche Frage nicht.

Stattdessen starrten sie ihn nur sprachlos an.

"Es ist nur ein Schwert", wandte Sanraku ein.

"Es sieht nur so aus wie ein Schwert", antwortete Usagi, "aber es hat auch einen eigenen Willen und die Macht ihn durchzusetzen."

"Was können wir dann tun? Wie kann es gestoppt werden?"

"Das weiss ich noch nicht genau", log Usagi, "dazu müsste ich mir erst selbst ein Bild der Lage machen können."

Meister Waytiki und seine Frau waren nicht durch ihre Ehre an einen Herrn gebunden; sie konnten schweigen. Sanraku hatte diese Möglichkeit nicht, daher konnte Usagi ihm nicht die Wahrheit sagen. Es schmerzte ihn, wie leicht es ihm schon fiel, seinen eigenen Sohn zu belügen.

"Wie können wir helfen?"

"Ich muss mich frei bewegen können. Wenn ich von jeder Patrouille aufgehalten und verhaftet werden kann, dann werde ich nichts ausrichten können", erklärte Usagi.

"Natürlich. Wir werden in zwei Tagen aufbrechen und mit allen Soldaten hier zur Armee aufbrechen. Ihr könnt uns dann begleiten."

Usagi bedankte sich und die Versammlung löste sich auf. Vater und Sohn zogen sich etwas zurück, um sich zu erzählen, wie es ihnen in der Zeit ergangen war, in der sie sich nicht gesehen hatten. Ausserdem interessierte Usagi natürlich, wie es seinen anderen Kindern ging.

"Wisst ihr zufällig, was aus Magistrat Jotaro geworden ist? Als ich vor ein paar Jahren Japan verlassen habe, war er Magistrat der Hafenstadt Fukuyama."

"Er ist jetzt ein hoher Berater von Fürst Noriyuki und leistet Unmögliches im Norden der Provinz. Er bringt das Wunder fertig, die notwendigen Vorräte für die Armee zur Verfügung zu stellen, ohne dass es zu Hungersnöten kommt", berichtete Sanraku ehrfürchtig.

"Ihr mögt ihn", sagte Usagi lächelnd und fragte sich insgeheim, ob er Sanraku erzählen sollte, dass Jotaro sein Halbbruder war. 'Nein, das muss Jotaro selbst entscheiden. Ich darf mich dort nicht mehr einmischen.'

"Jedermann achtet und schätzt ihn", antwortete Sanraku. "Er ist ein grosses Vorbild für uns alle."

"Usagi!" rief Qu'ral da und kam mit Khassar zu ihnen gelaufen.

"Was ist passiert?" fragte Usagi und hatte eine böse Vorahnung.

Hinterhalt der Ninjas

Inmitten seiner Getreuen ritt Fürst Noriyuki zurück zum Heerlager des Shoguns. Die Verhandlungen mit Fürst Fuchida waren nicht einfach gewesen, aber er hatte sie erfolgreich abschliessen können. Fürst Fuchida würde sich mit seinen Truppen der Armee des Shoguns anschliessen.

'Was auch immer das heissen mag', dachte er bitter. Selbst unter seinen eigenen Leuten hatte es Deserteure gegeben. Nicht einzelne Personen, nein, ganze Truppenteile beschlossen manchmal geschlossen zum Feind überzulaufen. Die Wachen, die das Lager weitläufig umgaben, um sie vor Angriffen zu warnen, waren zu bedauern. 'Wer konnte es ihnen verdenken, wenn sie nichts unternahmen, wenn 50 oder 100 bewaffnete und zu allem entschlossene Soldaten einfach an ihnen vorbeimarschierten?'

Die Situation war verworren und in höchstem Masse irritierend. Selbst Personen, deren Treue zum Reich als unzweifelhaft gegolten hatte, hatten sie verraten. Fürst Noriyuki machte sich Sorgen, was wohl geschehen würde, wenn Fürst Hikiji beschloss, seine dunkle Macht auf ihn auszudehnen. Wenn er auch noch den Shogun verraten würde.

Der Angriff kam völlig überraschend.

Plötzlich war die Luft voller Schreie, Pfeile und Shuriken.

Sofort bildete seine Leibwache einen dichten Schild aus Körpern um ihren Fürsten. Die Pferde setzen über die Toten vor ihnen hinweg und begannen eine verzweifelte Flucht vor dem Tod aus dem Wald.

Der Hinterhalt war geschickt geplant. Die unsichtbaren Mörder hatten sich über eine längere Strecke entlang der Strasse verteilt. Obwohl sie schnell ritten, wollte der tödliche Regen, der auf sie herniederging, einfach nicht aufhören.

Das Pferd von Noriyuki wurde getroffen und stolperte. Der Fürst spürte nur noch, wie ihn jemand hart packte und aus dem Sattel zerrte. Er konnte nicht sagen, wer ihn gerettet hatte, denn der Mann setzte Noriyuki in den Sattel seines Pferdes und sprang dann selbst ab, damit das Pferd nicht zwei Personen tragen musste.

Ein Blick nach hinten zeigte nur noch, wie ein Körper unter den donnernden Hufen der Pferde verschwand. Unmöglich zu sagen, ob er überlebt hatte oder zertrampelt worden war. Wer er gewesen war. Ein weiteres Opfer in diesem irrsinnigen, unmöglichen Krieg.

Plötzlich verschwanden die Reiter vor dem Fürsten nach unten. Mit unerwarteter Klarheit sah er die Tiere vor sich übereinander stürzen. Ihre Reiter wurden entweder zwischen den schreienden, panischen Pferden eingeklemmt oder in hohem Bogen abgeworfen.

'Jemand hat ein Seil über die Strasse gespannt!' dachte der Fürst nur noch, dann war er auch schon heran an diesen Berg aus zuckendem Fleisch und ein Teil davon.

Geistesgegenwärtig sprang er ab und mit mehr Glück als Verstand schaffte er es, das Hinderniss zu überwinden ohne hineingezogen zu werden. Auf der anderen Seite stürzte er zu Boden und rollte sich ungeschickt ab, kam aber unverletzt wieder hoch. Mit seinem Schwert in der Hand stand er da, bereit sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Fünf seiner Leute hatten es geschafft, der Falle zu entkommen und am Waldrand entlang zu ihm zu reiten. Noch immer zuckten Pfeile und Wurfsterne durch die Luft und fanden ihre Opfer.

Eine weitere Flucht war sinnlos, zu leicht würden die Angreifer sie mit ihren Pfeilen treffen, wenn sie noch einmal versuchten, mit den Pferden zu entkommen. Also stiegen sie ab und bildeten einen Kreis um ihren Fürst, bereit zu kämpfen bis zum Tod.

Ein paar Pfeile zuckten noch zu ihnen, richteten aber keinen Schaden mehr an. Dann kamen die Angreifer aus ihrem Versteck. Ninjas.

Langsam näherten sie sich, als auf einmal Pferdehufe zu hören waren. Um die Biegung der Strasse kamen eine grosse Schar Reiter in vollem Galopp und stürzten sich auf die Ninjas.

Noriyuki wünschte sich in diesem Moment, ein gnädiges Schicksal hätte ihn in der Falle sterben lassen: Die Reiter trugen das Mon(13) von Fürst Hikiji.

13. Wappen

Zwischenspiel

Müde kroch der Mogura(14) Ninja durch den Gang zu seinem Schlafplatz. Schon fünf Tage dauerte seine Strafe dafür, in die falsche Richtung gegraben zu haben. Beinahe hätte er eine Katastrophe ausgelöst, als er zu nahe an ihre Wasserversorgung geraten war. Beinahe wären sie alle im Wasser des unterirdischen Sees ertrunken, der ihre Brunnen speiste.

14. Maulwurf

In einer Kammer, in die viele Gänge mündeten, richtete er sich auf und streckte seinen schmerzenden Rücken. Scharfe Krallen an den Händen, geeignet zum Graben und Töten, klirrten leise.

Seufzend machte er sich an den Aufstieg zum Tunnel, der ihn seinem Ziel näherbringen würde. Morgen würde seine Bestrafung weitergehen, aber diese Aussicht machte ihm nur wenig aus. Er hatte es verdient.

Er war gerade dabei in den Tunnel zu klettern, als er ein unerwartetes Geräusch hörte. Er hielt inne und blickte sich um. Durch den langen Aufenthalt in der Dunkelheit konnte er die Gestalt trotz der fast absoluten Finsternis ausmachen, die nur durch ein paar schwach glimmende Leuchtmoose aufgehellt wurde. Jeder normale Person hätte wohl nichts gesehen.

Erstaunt registrierte er die Tatsache, dass die zierliche Gestalt sich an der Wand bewegte, ohne die Arme oder Beine zu bewegen. 'Das ist unmöglich!' dachte der Ninja. 'Er fliegt!'

Als ob sie etwas suchen würde, bewegte sich die Gestalt mühelos an der Wand entlang. Irgendwann schien sie gefunden zu haben, was sie suchte und verharrte. Wandte sich ihm zu. Lachte, wie über einen guten Witz.

Grelles Licht schoss aus ihrer Hand und der Ninja schloss geblendet die Augen. Er hörte ein Heulen und Zischen. Ein übler Geruch lag plötzlich in der Luft und heisse Luft strich über sein Fell.

Dann ein Rauschen und Tosen, wie von Wasser. Oder einem Wasserfall. Noch immer konnte der Ninja nichts sehen und dem Geschehen nur mit seinen Ohren folgen.

Das Tosen hörte und hörte nicht auf. Der Ninja hatte eine böse Vorahnung, was der Fremde getan hatte und blinzelte, um die tanzenden Lichter vor seinen Augen zu vertreiben. Als er wieder etwas sehen konnte, blickte er entsetzt auf den Wasserstrahl, der waagrecht aus der gegenüberliegenden Wand trat. Dort, wo der Fremde sich zu schaffen gemacht hatte.

Der Fremde war nirgendwo mehr zu sehen. Die Müdigkeit des Ninjas war verflogen. Er liess sich fallen, kletterte weiter unten an der Wand in einen anderen Tunnel und lief diesen grösseren Haupttunnel entlang so schnell er konnte, um die anderen zu warnen.

Er schaffte es eine der Haupthöhlen vor dem Wasser zu erreichen, aber er hörte es schon hinter sich rauschen.

"Wasser!" schrie er japsend. "Jemand hat eine Wand zum Einsturz gebracht!"

Dann schoss eine Wasserfontäne aus dem Tunnel, vor dem er stand und schleuderte ihn an die gegenüberliegende Wand, die 12 Ken(15) weit entfernt war.

15. Ca. 20m

Fürst Hikiji

Mit einem hoffnungslosen Ausdruck im Gesicht blickte Fürst Noriyuki sich um. Auf dem Weg ins Lager von Fürst Hikiji hatte er lange Zeit gehabt, nachzudenken. Die Falle, in die er geraten war, war genial gewesen, musste er zugeben.

Die erste Gruppe von Angreifern hatte nur den Auftrag gehabt, sie zur kopflosen Flucht zu treiben. Ein paar wenige Männer waren entlang der Strasse verteilt gewesen, damit sie nicht zum Nachdenken kamen und weiter flüchteten.

Die Hauptgruppe war kurz vor einer Wegbiegung platziert gewesen. Sie hatten ein Seil quer über die Strasse gespannt, um die Pferde zum Stolpern zu bringen. Dann hatten sie sie bequem aus dem Dickicht der Bäume dezimiert, bis die "Retter" eintrafen. Diese hatten sich hinter der Biegung versteckt gehalten und auf den richtigen Augenblick gewartet, um Noriyuki zu "retten".

Erschöpft zollte er Fürst Hikiji für seinen genialen Plan innerlich seine Hochachtung. 'Was er wohl nun mit mir vorhat? Wird er mich zwingen, den Shogun zu verraten, wie die anderen?' dachte er müde.

Auf dem Weg hatte Fürst Hikiji zwanglos mit ihm geplaudert, aber Noriyuki war zu müde für solche Spielchen. Mit sechzig Begleitern war er aufgebrochen. Jetzt ritten noch fünf seiner Männer hinter ihm. So viele gute Männer waren in wenigen Augenblicken hingeschlachtet worden.

Verständnis für seine Gefühle heuchelnd hatte Fürst Hikiji es schliesslich aufgegeben, ein Gespräch mit ihm anzufangen und ritt jetzt weiter vorne.

Das Heerlager war riesig, sicher grösser als das vom Shogun. Endlos lange ritten sie durch Reihen von Zelten und Soldaten. Schande brannte heiss in Noriyuki, als er an Zelten mit seinem Mon vorbeikam. Er konnte sogar einige der Soldaten erkennen, die sich dort aufhielten. Leuten, denen er vertraut hatte!

Ohnmächtig blickte er auf die Gestalt, die gerade aus einem Zelt trat, umgeben von anderen Soldaten. Ihre Blicke trafen sich. Sie senkte den Blick nicht, als er die Verräterin Miyamoto Himesama voller Abscheu ansah. 'Usagis Tochter! Ausgerechnet sie! Usagi würde es das Herz brechen zu sehen, wie seine eigene Tochter zum Feind übergelaufen ist', dachte der Fürst voller Verzweiflung.

Sie schien eher überrascht zu sein ihn zu sehen, als sich zu schämen. Ohne jedes Zeichen von Beunruhigung oder Reue hielt sie seinem Blick stand, bis er vorbei war.

Verbittert blickte der Fürst auf die Standarten. Fast konnte man meinen durch das Lager des Shoguns zu reiten, so viele Banner von Verbündeten des Shoguns flatterten unbeeindruckt von seinen Gefühlen im Wind.

Fürst Hikiji wies ihnen Unterkünfte zu und liess ihnen etwas zum Abendessen bringen. Noriyukis Wunsch zum Shogun zurückzukehren lehnte er höflich, aber bestimmt ab.

"Es tut mir Leid, aber ich kann im Moment keine Männer entbehren, um euch sicher zum Lager des Shoguns zu geleiten", erklärte er höhnisch. "Es wäre doch äusserst bedauerlich, wenn ihr einem weiteren Anschlag der Ninjas zum Opfer fallen würdet, so kurz nachdem ich euch gerettet habe."

Noriyuki dankte dem lächelnden Fürsten mit einem Kopfnicken und drehte sich dann brüsk um. In diesem Moment war es ihm egal, ob Fürst Hikiji ihn für diesen Affront gleich hier und jetzt töten würde. Aber natürlich tat er es nicht. 'Er zieht sicher einen lebenden Verbündeten einem toten Feind vor', dachte Noriyuki deprimiert, als er in sein Zelt ging.

Er setzte sich auf sein Lager und barg sein Gesicht in seinen Händen. Er wagte sich gar nicht vorzustellen, was Fürst Hikiji jetzt mit ihm anstellen würde. 'Ob es wohl gefährlich ist, sich schlafen zu legen? Vielleicht wirkt Hikijis Zauber nur, wenn man schläft?'

Auf der anderen Seite war er seit vier Tagen fast ununterbrochen im Sattel gewesen. Nicht nur der brutale Mord an seinen Begleitern hatte ihm zugesetzt. Nicht nur zu sehen, wie selbstverständlich Freunde ihn verraten hatten. Er war so entsetzlich müde.

Müde, das endlose Sterben zu sehen.

Müde, weitere Freunde an den Tod oder schlimmeres zu verlieren.

So schrecklich müde.

Er konnte nur hoffen, dass der Shogun mit Fürst Fuchida an seiner Seite eine Chance gegen Fürst Hikiji hatte. Dann ergab er sich seinem Schicksal.

Am nächsten Morgen hasste er Fürst Hikiji immer noch so sehr, wie am Tag zuvor. Auch sonst konnte er keinen Unterschied an sich feststellen. Gegen jede Vernunft keimte Hoffnung in ihm auf. Der Schlaf hatte ihm gut getan und er konnte immer noch kämpfen.

Auch seine Begleiter schienen sich etwas erholt zu haben. Nur an ihren ausdruckslosen Gesichtern war zu sehen, wie unwohl sie sich im Moment in ihrer Haut fühlten.

"Noch leben wir", sagte der Fürst mit neuer Kraft. "Noch hat Fürst Hikiji nicht gesiegt. Wir werden nicht aufgeben!"

"Niemals, Mein Fürst!" klang es ihm wie aus einer Kehle entgegen.

'Sechs gegen 60,000', dachte der Fürst mit Galgenhumor. 'Aber es gibt erst dann keine Hoffnung mehr, wenn man sich aufgibt.'

Zusammen traten sie in den neuen Tag, bereit für ihre Sache zu kämpfen und dafür zu sterben, wenn nötig.

Nach dem Frühstück traf ein Bote von Fürst Hikiji ein und überbrachte die Botschaft, dass Fürst Hikiji sich freuen würde, wenn Fürst Noriyuki ihm beim Mittagessen Gesellschaft leisten würde.

Wachen trennten ihre Zelte vom Rest des Lagers ab. Ein Offizier, der wohl ihr Anführer war, versicherte Noriyuki, dass dies nur ihrem Schutz diene. Aber Noriyuki war sich darüber im klaren, dass er ein Gefangener war. 'Aber was soll ich machen? Ich werde meine letzten Untergebenen sicher nicht bei einem sinnlosen Fluchtversuch opfern.'

Also wartete er ab.

Mittags wurde er von einem hohen Offizier von Hikijis Armee abgeholt und mit einer angemessenen Ehrengarde zum Zelt von Fürst Hikiji geführt. Noriyuki musste zugeben, dass man sich ihm gegenüber korrekt und höflich verhielt. Aber der Mord an seinen Untergebenen war noch zu frisch in seiner Erinnerung, als dass er darauf hereingefallen wäre.

Vor dem Zelt traf er auf eine weitere Person, die er lieber nicht getroffen hätte. Er musste seine ganze Selbstbeherrschung aufwenden, um weiterzugehen. Den Gruss des anderen Fürsten ignorierte er. 'Warum er?' dachte Noriyuki verzweifelt. 'Warum hat er uns auch verraten?'

Der Fürst schien unangenehm berührt, aber keineswegs wegen seines Verrats. Eigentlich hätte er Seppuku begehen müssen oder wenigstens ein ganz kleines bisschen Reue zeigen sollen, aber da war nichts. Der Fürst war jetzt sehr alt. Stolz und aufrecht ging er, obwohl sein Verrat ihn hätte zerbrechen müssen.

Noriyuki verstand es einfach nicht. Seit vielen Jahren waren sie Verbündete gewesen. Wenn ihm jemand gesagt hätte, dass er eines Tages von dieser Person verraten werden würde, hätte er nicht einmal gelacht, so abwegig war der Gedanke noch vor wenigen Wochen gewesen.

Er blieb stehen, damit er nicht zusammen mit dem Verräter durch den Eingang des Zeltes treten musste. Damit er Fürst Hirano nicht zu nahe kam. Der Fürst Hirano, der lange Jahre irgendwie alle Pläne von Fürst Hikiji durchkreuzt hatte. 'Ob er schon damals für Hikiji gearbeitet hat?' fragte sich Noriyuki unbehaglich.

Fürst Hirano wandte sich schliesslich um und ging vor Noriyuki ins Zelt. Mit etwas Abstand folgte der Fürst der Geishu Provinz.

Im Innern waren viele Fürsten und ihre Ratgeber versammelt. Im Gegensatz zum Zelt des Shoguns war die Stimmung hier gut, fast fröhlich. 'Warum sollten sie sich auch Sorgen machen?' fragte sich Noriyuki. 'Schliesslich haben sie ja sogar Schlachten gewonnen, bei denen wir dachten, dass es unmöglich wäre, uns zu besiegen.'

"Ah, Fürst Noriyuki. Willkommen", grüsste Fürst Hikiji den Neuankömmling und erhob sich, um sich leicht zu verbeugen. Die anderen Anwesenden folgten seinem Beispiel.

Respektvoll grüsste Fürst Noriyuki zurück. "Fürst Hikiji." Er versuchte seine Stimme neutral zu halten, aber es gelang ihm nicht ganz, seine Ablehnung herauszuhalten. Fürst Hikiji tat, als habe er nichts gehört.

Der Reihe nach stellte Fürst Hikiji seine Verbündeten vor. Die meisten Namen waren Noriyuki bereits bekannt. Er nutzte die Zeit, um sich zu beruhigen. Hier auf Fürst Hirano zu treffen hatte ihm einen echten Schock versetzt.

Während des Essens sprachen sie nur über Nebensächlichkeiten. Fürst Noriyuki benutzte die Gelegenheit, um sich ein besseres Bild über ihren Feind zu machen. Er schätzte den jungen Hikiji als gerade und direkt ein. Eigentlich nicht jemand, der sich Täuschung und Verrat bedient, sondern eher jemand, der direkt auf sein Ziel zuging.

'Wie passt das mit dem Mord an meinen Begleitern zusammen?' überlegte Noriyuki.

"Ich hoffe, dass meine Gastfreundschaft bisher nichts zu wünschen übrig lässt", sagte Fürst Hikiji schliesslich freundlich.

Etwas in Noriyuki gab nach. "Wenn man vom Mord an meinen Begleitern absieht, sehe ich keinen Grund zur Klage", warf er dem Fürsten ins Gesicht.

Fürst Hikiji zeigte Erstaunen und Erschrecken. "Einer eurer Begleiter wurde getötet? Wann? Warum erfahre ich das erst jetzt?"

"Einer?" schrie Noriyuki aufgebracht. "Eure Mörder haben sechzig meiner Begleiter abgeschlachtet! Glaubt ihr wirklich, dass ich so leicht auf eure scheinheilige Freundlichkeit hereinfalle? Dass ich nicht genau weiss, dass ihr nur auf den richtigen Augenblick gewartet habt, um mich aus den Klauen eurer eigenen Leute zu retten? Damit ich den Shogun verrate, wie die anderen Verräter hier?"

Noriyuki war aufgesprungen und stand nun schwer atmend vor dem verhassten Feind. Seine Hand klammerte sich um seinen Schwertgriff und er war bereit zu töten.

Aber der Ausdruck in Hikijis Gesicht war nicht, was er erwartet hatte. Statt Wut und Zorn darüber, dass ein sorgfältiger Plan nicht aufgegangen war, war Hikiji sichtlich verwirrt.

Mit einer Handbewegung hielt er die Wachen zurück, die sich auf Noriyuki stürzen wollten.

"Ich schwöre bei meiner Ehre", sagte Hikiji schliesslich erzwungen ruhig, "dass ich nichts mit dem Überfall der Ninjas auf euch zu tun habe."

"Ehre?" Noriyuki spuckte das Wort fast aus. "Seit wann weiss ein Hikiji was Ehre ist?"

Sichtlich verärgert über diese Beleidigung griffen viele Personen im Raum zu ihrem Schwert, aber Hikiji hielt sie nochmals zurück, obwohl es ihm selbst schwer zu fallen schien, sich zu beherrschen.

"Fürst Noriyuki, ich möchte euch in aller Form auffordern, euch zu beruhigen", presste er heraus. "Vielleicht wäre es besser, wenn wir dieses Gespräch fortsetzen, nachdem ihr euch wieder beruhigt habt."

"Fürst Hikiji", mischte sich da Fürst Hirano auf einmal ein. "Wenn ihr erlaubt, dann würde ich gerne alleine mit Fürst Noriyuki sprechen. Vielleicht kann ich ..."

"Lieber würde ich sterben", unterbrach Noriyuki ihn und die Verachtung in seiner Stimme war deutlich zu hören, "als auch nur in eurer Nähe zu sein."

"Das reicht jetzt!" rief Fürst Hikiji verärgert. Ein Wink und mehrere Wachen stürzten sich auf den tobenden Fürsten. Sofort zogen die Begleiter Noriyukis ihre Schwerter, um ihren Fürsten zu schützen. Tod lag greifbar in der Luft.

"Fürst Noriyuki!" befahl Fürst Hikiji mit erstaunlicher Autorität. "Tut nichts unüberlegtes! Wenn ihr jetzt hier Blut vergiesst, dann werdet ihr das Lager nicht mehr lebend verlassen!"

"Als ob diese Möglichkeit jemals bestanden hätte", sagte Noriyuki verächtlich und stürzte sich auf Hikiji.

Sofort waren Hikijis Wachen heran, aber Noriyuki war zu nahe. Wenigstens diesen einen würde er mit ins Grab nehmen. 'Nichts kann dich jetzt noch retten,' dachte Noriyuki während sein Schwert zum Hals seines Feindes zuckte.

In einer unmöglich schnellen Bewegung griff Hikiji nach einem Schwert, dass sich in einer Scheide auf seinem Rücken befand und zog es. Seine Klinge erstrahlte in einem warmen, gelben Licht. Sofort musste Noriyuki an das Schwert von Pau Tai denken, das auch geleuchtet hatte.

Anders als das entsetzliche Ding, das Pau Tai bei sich getragen hatte, spürte Noriyuki aber nichts. Keine kalte Macht griff nach seinen Gedanken. Nichts verwandelte ihn in ein Wesen voller Panik, das nur noch den Wunsch hatte, dass es endlich vorbei sein möge.

Mühelos blockte Hikiji den Angriff ab. Sofort setzte Noriyuki nach, aber ohne eine Miene zu verziehen, schlug Hikiji zurück.

Mit weit aufgerissenen Augen musste Noriyuki zusehen, wie die leuchtende Klinge sein Schwert erneut aufhielt. Dann durch sein Schwert durchschnitt, als wäre es aus Papier. Bei seiner Schulter in seinen Körper eindrang und ihn irgendwo in der Höhe der gegenüberliegenden Hüfte wieder verliess.

'Es tut gar nicht weh', war Noriyukis letzter Gedanke.

Zwischenspiel

Einige Mogura Ninjas schafften es tatsächlich bis an die Oberfläche. Dort wartete schon der Fremde, der die Katastrophe ausgelöst hatte. Lautlos und mit einer unmöglichen Geschwindigkeit tötete er die, die sich gerettet glaubten.

Wie die Mogura Ninjas verwendete er kein Schwert. Stattdessen blitzen lange Klingen zwischen seinen Fingern im schwachen Licht der mondlosen Nacht. Sie waren hauchdünn und schnitten problemlos durch Fleisch, Knochen und Stahl.

Als das grausame Spiel vorbei war, waren alle Mogura Ninjas ertrunken oder lagen in einer stillen Pfütze aus ihrem eigenen Blut. Selbst die, die sich totgestellt hatten, waren den scharfen Sinnen des Jägers nicht entkommen.

Unbeeindruckt vom Massaker an der Oberfläche rauschte das Wasser leise in den unterirdischen Gängen.

Verlust der Unschuld

"Fürst Noriyuki ist in die Hände von Fürst Hikiji gefallen!" rief Qu'ral.

"Woher wisst ihr das?" fragte Sanraku und die anderen Samurai liefen zu ihnen, um zu erfahren, was die Aufregung zu bedeuten hatte,

"Wann?" fragte Usagi.

"Gestern", antwortete Qu'ral schwer atmend. Es fiel ihm immer noch schwer etwas körperlich anstrengendes zu tun.

"Wisst ihr, wo er jetzt ist?"

"Ja", antwortete Qu'ral und warf den Samurai einen schnellen Blick zu.

"Kannst Du uns alle dorthin bringen?"

"Nun, ja", kam die zurückhaltende Antwort.

"Usagi!" rief Khassar und Usagi, der schon im Begriff gewesen war, sich Hals über Kopf in die Rettung von Noriyuki zu stürzen, hielt inne.

"Wie lautet der Plan?" fragte Khassar und Usagi musste zugeben, keinen zu haben.

"Dann sollten wir vielleicht erst einmal die ganze Geschichte hören und uns einen Plan zurechtlegen", schlug Khassar vor.

"Natürlich habt ihr recht."

"Sollten die Samurai das jetzt gleich mithören?" fragte Qu'ral vorsichtig und Sanraku runzelte die Stirn.

Usagi seufzte. "Sanraku, wir werden hier jetzt Dinge besprechen, die niemals jemand erfahren darf", sagte er zu seinem Sohn. "Könnt ihr mir das versprechen?"

Sanraku war sichtlich unbehaglich zumute. "Vater, ihr wisst genau, dass ich das nicht kann. Ich bin meinem Fürsten Rechenschaft schuldig."

"Dann muss ich euch bitten uns alleine zu lassen", verlangte Usagi.

"Werdet ihr meinem Fürsten helfen?" fragte Sanraku, der innerlich betete, nicht gegen seinen Vater kämpfen zu müssen. Nicht noch jemanden an Hikiji zu verlieren.

"Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um meinen Freund Fürst Noriyuki zu schützen", versprach Usagi ernst.

"Verzeiht", entschuldigte Sanraku sich, "ich hätte nicht an euch zweifeln dürfen."

"Ich mache euch keinen Vorwurf", sagte Usagi, "was hier passiert muss euch seltsam und befremdend vorkommen."

"Ja", sagte Sanraku leise, "befremdend." Dann befahl er seinen Samurai Usagi alleine zu lassen und verliess das Haus mit ihnen.

Usagis Team versammelte sich im Haus.

"Schirme uns ab", befahl Khassar Hanshiro.

Wie bei Pau Tai wurde die Welt ruhig. Kein Geräusch von Aussen drang mehr zu ihnen hinein und kein Wort, das sie sprachen, würde nach draussen dringen.

Qu'ral breitete einige Bilder vor ihnen aus, die anscheinend von einem Satelliten aus aufgenommen worden waren.

"Hier sehen wir die Armeen des Shoguns und von Fürst Hikiji. Laut Computer sind es insgesamt fast 90,000 Mann."

"Die Armee von Hikiji sieht viel grösser aus", warf T'he ein.

"Das ist sie auch. Er hat etwas mehr als 60,000 Soldaten zu seiner Verfügung."

"Schon doppelt so viele, wie der Shogun", sagte Usagi bedrückt.

"Ich habe mir einige alte Aufnahmen durchgesehen. Hikiji hat schon Schlachten gewonnen, wo sein Gegner 10 mal so viele Soldaten hatte, wie er."

"Unglaublich", sagte einer der Chey Brüder.

"Kusanagi", antwortete Khassar.

"Vermutlich. Es scheint auch so zu sein, dass ständig Einheiten seiner Feinde zu ihm überlaufen. Manchmal ganze Truppenteile mit 100 oder mehr Mann", berichtete Qu'ral weiter.

"Da werden die Wachen, die so etwas verhindern sollen, keine Freude haben. Einzelne Deserteure kann man ja noch aufhalten und öffentlich bestrafen, um Nachahmer abzuschrecken, aber wenn es gleich so viele auf einmal sind, dann braucht er ja fast eine eigene Armee, nur um Desertationen zu verhindern", sagte T'he belustigt.

"Das ist nicht komisch!" wies Usagi ihn zurecht.

"Nicht? Dann wartet mal ein paar hundert Jahre ab", gab T'he selbstbewusst zurück.

"Ruhe", herrschte Khassar sie an. "Weiter."

"Hier sieht man Aufnahmen von gestern. Eine Gruppe von Reitern ist in einen Hinterhalt geraten. Aus der anderen Richtung nähert sich eine andere Gruppe in vollem Galopp."

Die Bilder waren so gut, dass man problemlos die Banner der Reiter erkennen konnte. Selbst einzelne Pfeile waren zu sehen. Beunruhigt suchte Usagi die Bilder nach Noriyuki ab, konnte ihn aber nicht finden. Wahrscheinlich trug der Fürst einen Kopfschutz.

Qu'ral wies auf einen der Reiter. "Laut Computer ist das hier Fürst Noriyuki."

Er zeigte ihnen weitere Bilder. Am Schluss sahen sie, wie nur fünf Personen aus Noriyukis Gruppe überlebten und mit Hikijis Leuten zusammen davonritten. Laut Computer befand sich Fürst Noriyuki unter den Überlebenden.

"Hier sieht man ein paar der Angreifer", sagte Qu'ral und zeigte auf schwarz vermummte Gestalten, die aus dem Wald getreten waren.

"Ninjas", sagte Usagi, "bezahlte Mörder. Wahrscheinlich von Fürst Hikiji selbst gesandt, damit er Noriyuki "retten" kann."

"Das glaube ich nicht", wandte Khassar ein. "Da müsste Fürst Hikiji schon über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen. Hier, seht ihr, wie weit er auf dem ersten Bild noch entfernt ist?"

Er deutete auf die Gruppe von Reitern, die Noriyukis Gruppe entgegenkam. "Wenn es sein Hinterhalt war, dann hätte ich erwartet, dass er direkt hier an der Biegung der Strasse lauert. Da Deine Kultur über keine Mittel verfügt, Nachrichten schnell über eine grosse Distanz zu transportieren, ist es unmöglich, das Timing so exakt hinzubekommen."

"Das glaube ich auch", stimmte Ferdo zu. "Hier, er kommt im letzten Moment an. Es ist reines Glück, dass er überhaupt noch jemand lebend angetroffen hat."

"Und genau das ist es, was mich so irritiert", sagte Hanshiro.

"Warum?" fragte Ferdo überrascht.

"Wohin war Fürst Hikiji unterwegs? Warum hatte er es so eilig? Könnte es sein, dass Kusanagi dabei seine Finger im Spiel hatte?"

"Das Schwert hat Finger?" fragte T'he belustigt.

"Verdammt!" fluchte Usagi. "Da sind gerade sechzig Menschen getötet worden! Wie könnt ihr euch nur darüber lustig machen?"

"Ich bin Historiker", antwortete T'he schlicht. "Was meint ihr, wie oft ich solche Bilder schon gesehen habe? Wenn man sich mit der Geschichte eines beliebigen Volkes beschäftigt, dann könnte man meinen, sie haben in der ganzen Zeit ihrer Existenz nichts anderes getan, als sich gegenseitig umzubringen. Und häufig auch noch wegen Dingen, an die sich schon nach wenigen Jahren niemand mehr erinnert!"

"Bei den Khulaars gab es einen Krieg, in dem über 200,000 Soldaten umgekommen sind. Der Auslöser des Krieges war, dass zwei Herrscher sich getroffen haben und einer davon hatte ein weisses Hemd an. Der andere fühlte sich beleidigt und antwortete mit Krieg. Ein Jahr später hatte die Mode gewechselt und weisse Hemden waren der grosse Renner."

"Worauf ich hinaus will ist folgendes: Es bringt nichts, sich wegen der Toten schlecht zu fühlen. Sie sind tot und nichts wird das wieder ändern. Wir sollten uns jetzt erst einmal entspannen und dann darauf konzentrieren, wie wir Noriyuki retten können."

T'he hatte Recht. Usagi fühlte sich wirklich schuldig. Wenn er einen Tag vorher versucht hätte, Noriyuki zu finden, wenn er diese lächerliche Farce mit der Grundausbildung irgendwie vermieden hätte, dann hätten diese Leute gerettet werden können.

Aber er hatte das nicht getan. War wieder einmal blind herumgestolpert, weil er sich nicht rechtzeitig informiert hatte. Er hätte eine Kopie der Berichte aus der TAURUS dabei haben sollen, versuchen müssen, etwas zu finden, das er hier auf diese Welt bringen konnte, um die Daten in der Mondstation abzufragen. 'Das nächste Mal', versprach er sich.

Usagi atmete einmal tief durch und entspannte sich etwas.

"Wo ist Noriyuki jetzt?" fragte er.

"Er ist im Lager von Fürst Hikiji. Das ist sein Zelt." Qu'ral wies auf eines der vielen weissen Rechtecke auf dem Bild.

"Wie können wir ihn herausholen?"

"Ihn alleine herauszuholen ist kein Problem", antwortete Qu'ral, "aber was wird aus seinen Begleitern?"

"Notfalls müssen wir sie zurücklassen", antwortete Usagi ruhig.

Qu'ral starrte ihn an. "Habt ihr euch nicht vor wenigen Augenblicken darüber ereifert, dass T'he Witze reisst, während wir den Angriff auf die Leute von Fürst Noriyuki untersucht haben? Und nun wollt ihr die letzten Überlebenden einfach so opfern?"

"Das ist etwas anderes!" verteidigte sich Usagi.

"Tatsächlich?" fragte Qu'ral sichtlich irritiert. "Es ist euch nicht recht, wenn man Witze macht, während wir versuchen herauszufinden, was passiert ist. Aber Leute kaltherzig dem sicheren Tod überlassen ist in Ordnung?"

"Ich sagte notfalls! Nur wenn es keinen anderen Weg gibt! Diese Leute gehören zu Noriyukis Leibwache. Es ist ihre Aufgabe zu sterben, wenn sie damit das Leben ihres Fürsten retten können", erklärte Usagi.

"Das kann ich nicht akzeptieren! Ich werde unter keinen Umständen absichtlich ein Lebewesen dem sicheren Tod überlassen!" lehnte Qu'ral Usagis Intention rundweg ab.

"Und was schlagt ihr vor?" fragte Usagi ungehalten zurück. "Sollen wir neun gegen 60,000 kämpfen und unzählige Menschen töten, nur um vielleicht vier Leben mehr zu retten?"

"Wieso müsst ihr immer gleich ans Kämpfen denken? Warum sprechen wir nicht zuerst einmal mit Fürst Hikiji? Vielleicht kann man sich ja auf eine andere Weise einigen. Oder wir planen sorgfältig und auf das Ziel hin, euren Freund und seine Begleiter unbemerkt zu befreien. Wir könnten auch dafür sorgen, dass sie eine gute Überlebenschance haben, wenn wir den Fürsten alleine befreien müssen."

"Es gibt so viele Möglichkeiten, dass wir uns nicht gleich am Anfang auf eine festlegen sollten", schloss Qu'ral.

"Ja, da habt ihr Recht", gab Usagi zu, "nur kenne ich meine Landsleute besser als ihr. Daher habe ich nur wenig Hoffnung, dass wir ohne Gewalt Erfolg haben werden."

Qu'ral stöhnte auf. "Wenn jeder so denkt, dann wundert es mich nicht! Dann würde ja niemand jemals eine friedliche Lösung versuchen, weil er ja schon vorher weiss, dass sie nicht funktionieren wird."

"Das reicht jetzt", fuhr Khassar bestimmt dazwischen. "Bevor wir nicht einmal die Ansätze einer Idee haben, was wir tun könnten, sollten wir uns nicht darüber streiten."

"Was wird Hikiji mit Noriyuki machen?" fragte einer der Chey Brüder.

"Wer weiss? Vielleicht schätzen wir die Situation auch völlig falsch ein und Fürst Noriyuki ist freiwillig bei Hikiji", gab T'he zu bedenken, der sich einige weitere Bilder angesehen hat.

"Niemals!" rief Usagi aus. "Fürst Noriyuki würde eher sterben, als mit Hikiji gemeinsame Sache zu machen!"

"Seid ihr euch da ganz sicher?" fragte T'he leichthin und Usagi stolperte ohne Na