Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 15: Noriyuki

Der 14. Teil der Geschichte

Zwischenspiel

Sie versteckten sich zwischen den Stämmen des Bambushains, als die Reiter sich näherten. Eine Vorhut mit dem Wappen von Fürst Noriyuki kam vorbei und kurze Zeit später die Hauptgruppe.

Eine kleinere Gruppe spaltete sich von der Hauptgruppe ab und wurde langsamer, während der Rest weiterritt. Makiko verwünschte ihr Glück, als die Reiter direkt vor ihnen anhielten. Wahrscheinlich musste einer der Reiter austreten und hatte sich ausgerechnet diese Stelle ausgesucht.

Sie wagten es nicht, sich weiter fortzuschleichen, denn der Hain war nicht sehr dicht. Makiko hoffte, dass es nicht zu einem Kampf kam, denn dann hätten sie sehr schnell die anderen Reiter auf dem Hals gehabt.

Ein Reiter, ein weisser Hase mit langen Ohren, lächelte, als er sagte: "Makiko-San, kommt bitte heraus."

Makiko war verwirrt, aber nur so lange, bis sie Pau Tai unter den Reitern erkannte. Unwillkürlich lachte sie auf. Schon ihre Mutter hatte sie darauf hingewiesen, dass Pau seltsame Auftritte schätzte. Sie erhoben sich und traten auf die Strasse.

"Mein Name ist Miyamoto Usagi. Ich bin ein Priester der Gottheit Ookaa'h und ein Schüler von Pau Tai", stellte der Hase sich vor. "Bitte begleitet uns doch ein Stück."

Er wies auf drei Pferde ohne Reiter. Makiko bedankte sich und sie stiegen auf.

Da sie schnell ritten, war kaum Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Am Abend trafen sie auf die Hauptgruppe, als diese schon das Lager aufgeschlagen hatte.

Rückreise

Während ihre Pferde fortgebracht wurden, nahm Usagi die drei ehemaligen Ninjas zur Seite.

"Zwei Dinge sind für euch wichtig: Fürst Hikiji ist tot und Pau Tai ist nicht hier", erklärte er ihnen. Er deutete auf T'he. "Sein Name ist T'he und er ist nur ein Historiker."

"Ich verstehe", antwortete Makiko und Usagi wusste, dass es wirklich so war. Es war ein seltsames Gefühl.

Seit Ookaa'h ihn verändert hatte, verlor er immer mehr von seinen eigenen Erinnerungen. Stattdessen erinnerte er sich nun an Dinge, die er nicht selbst erlebt hatte. Er fühlte nicht mehr, er wusste nun, was um ihn herum geschah. Wenn er jemanden etwas tun sah, dann war ihm völlig klar, warum diese Person das jetzt tat. Darum empfand er auch keinen Verlust, wenn seine eigene Vergangenheit immer mehr in den Hintergrund trat.

Er lächelte und bedankte sich bei Makiko, weil das die richtige Reaktion war. So sorgte er dafür, dass sie sich richtig verhielt. Genauso, wie Pau das immer getan hatte.

Als nächstes stellte er alle einander vor. Niemand wunderte sich, dass er die Namen der drei Neuankömmlinge wusste, auch wenn die vermuteten Gründe alle falsch waren.

Seine Begleiter hatten seine Veränderung mit Staunen wahrgenommen, aber darauf geschoben, dass er nun im Besitz von Kusanagi war. Da das Wissen, dass er erst seit kurzem ein vollwertiger Priester von Ookaa'h war, ihnen keinen Vorteil brachte, klärte Usagi sie nicht über ihren Irrtum auf.

Usagi wusste nun auch, was Pau mit Khassar getan hatte und warum. Er billigte Paus Handlungen jetzt, da er alles wusste, auch wenn er Khassars Schicksal bedauerte. Trotzdem hatte Khassars Opfer viel unnötiges Leid vermieden. Er wusste, dass Khassar das verstehen würde, wenn sie ihn irgendwann einmal freilassen konnten.

Am Abend kam Hikiji, der sich nun Hajime(1) nannte, zu ihnen herüber. Makiko erkannte ihn sofort, sagte aber nichts.

1. Hajime bedeutet "Anfang" und spielt auf die Tatsache an, dass er nun ein neues Leben anfängt. Wiederum gilt mein Dank Stan Sakai :-)

"Was habt ihr vor, wenn wir zurück sind?" fragte Usagi ihn.

"Ich weiss es noch nicht", sagte Hajime. "Ich dachte, dass ich eine Weile in den Diensten von Fürst Noriyuki bleibe. Vielleicht in der Armee oder auch als Berater."

"Habt ihr schon vom Shiroi Usagi Dojo gehört?"

"Eure Kampfschule? Gehört, ja. Aber ich bin wohl zu alt, um als Schüler aufgenommen zu werden und was sollte ich unterrichten?"

"Kalligrafie", schlug Usagi verschmitzt vor.

Hajime lachte und die anderen stimmten ein. Doch Usagi wusste, dass er damit den Samen für Hajimes Zukunft gesetzt hatte. Er würde in den nächsten Tagen nicht mehr daran denken, aber wenn er die Schule betrat, würde er sich erinnern. Und seinem Namen folgen.

Bald darauf zogen Kimi und Katsumi sich zurück, um sich miteinander zu vergnügen. Makiko hoffte, dass sie genügend Selbstbeherrschung aufbrachten, sich nicht allzu auffällig zu lieben.

Die anderen unterhielten sich noch lange. Makiko und Usagi führten auf T'hes Frage hin weitere typische Situationen aus dem japanischen Alltag vor und beantworteten seine Fragen. Usagis Begleiter waren fasziniert von dieser rigiden und doch so eleganten Kultur, die so anders war, als die der TAURUS.

Später auf der Reise erkundigte sich Usagi bei Makiko, was ihre Pläne wären.

"Ich vermute", antwortete Makiko, "dass ihr bereits Pläne für uns habt."

Usagi lächelte. Als Anführerin eines Ninja-Klans war Makiko es gewohnt direkt zur Sache zu kommen. Sie konnte aber auch diplomatisch sein.

"Das stimmt. Katsumi wird mit uns kommen, denn er will sich weiter entwickeln und das kann er hier nicht. Meine jüngste Tochter Yumi wird Hajime heiraten und ihr Fürst Noriyuki", stellte er fest.

Makiko fiel vor Überraschung beinahe vom Pferd. "Ihr scherzt", sagte sie schliesslich lahm.

Usagi lächelte nur freundlich.

Noriyukis Geheimnis

Während sie sich der Geishu Provinz näherten, widmete sich Usagi seinen Aufgaben als Priester: Er kümmerte sich um das Seelenheil der Menschen um ihn herum. Da er nun alles über jeden wusste, fiel es ihm leicht mit den Menschen ein Gespräch anzufangen und ihnen zu helfen.

Das entging Noriyuki natürlich nicht. Fast täglich wurde die Stimmung in der Gruppe besser und Noriyuki dankte seinem Freund herzlich für das, was er für sie tat. Usagi lächelte, verbeugte sich und dankte dem Fürsten, dass er dies für sie tun durfte.

"In wenigen Tagen werden wir die Grenze zu meiner Provinz erreichen", sagte der Fürst zufrieden. "Endlich kann ich mich wieder entsetzlich langweiligen Dingen, wie der Verwaltung meiner Untertanen widmen."

Usagi lächelte. "Vielleicht sind sie langweilig, aber sie geben euch auch ein Gefühl der Zufriedenheit."

"Das stimmt", gab Noriyuki zu. "Das tun sie wirklich."

Der Fürst lächelte. "Es ist erstaunlich, wie sehr ihr Pau Tai inzwischen gleicht. Wie er findet ihr mit unheimlicher Präzision die richtigen Worte."

"Ich habe jetzt mit fast allen Leuten gesprochen, die unter eurem Einfluss stehen", sagte Usagi umständlich, "nur einer entzieht sich mir."

"Oh?" fragte Noriyuki. "Vielleicht sollte ich mal mit ihm sprechen? Wer ist es?"

"Ihr selbst."

"Oh", machte Noriyuki. "Als Fürst findet man nur selten Zeit etwas für sich selbst zu tun", entschuldigte er sich.

"Fürst Hirano hat seinen Untergeben einfach befohlen sich zwei Tage um sich selbst zu kümmern", gab Usagi ihm ein Beispiel.

"Ah ja? Ich habe die Gerüchte gehört. Pau Tai hat ihn wirklich geheilt?"

"Ja."

"Ich war erstaunt, wie sehr er sich verändert hat. Allerdings konnte ich mir kaum vorstellen, dass er so etwas zulassen könnte. Er war immer sehr ... verschlossen."

"Du hast Angst", stellte Usagi fest.

"Ich ..." Noriyuki brach ab, aber nicht so sehr wegen der unerhörten Anrede in aller Öffentlichkeit. Usagi hatte Recht. Er hatte wirklich Angst.

"Ich weiss es bereits", half Usagi ihm.

"Ihr ... wisst ...", würgte Noriyuki hervor. Ein schrecklicher Alptraum, der ihn nun seit drei Jahrzehnten heimsuchte, begann furchtbare Realität zu werden.

"Ja. Und ihr seid immer noch mein Freund Noriyuki. Ihr seid, was ihr seid. Daran könnt ihr nichts ändern und ich auch nicht. Ich achte euch nicht mehr und nicht weniger für das, was ihr seid, seit ich es weiss."

"Es tut mir Leid", sagte Noriyuki mit erstickter Stimme. "Ich will es nicht, aber ..."

"Ich kann euch helfen, wenn ihr es zulasst", bot Usagi ruhig ab.

"Helfen ... mir kann niemand helfen", sagte der Fürst hoffnungslos.

"Nicht so, wie ihr es euch vorstellt", schränkte Usagi ein, "aber ich kann euch helfen, euch so zu akzeptieren, wie ihr seid. Dann werdet ihr in der Lage sein, euch von eurem Gefühl der Schuld und der Schande zu befreien und euch darauf zu konzentrieren, eine Lösung zu finden."

"Das sagt sich so einfach", machte er Fürst einen weiteren Versuch das Unvermeidliche zu verhindern.

"Fürst Hirano hat es geschafft sein Misstrauen zu überwinden und einen ersten, winzigen Schritt in Richtung Heilung zu tun. Alles, was dazu notwendig war, war sich zu entscheiden, es zu versuchen", trieb Usagi seine Argumentation unerbittlich voran.

Verzweifelt schüttelte Noriyuki den Kopf. Usagi verbeugte sich und ritt wieder zu seinen Begleitern zurück. Der Keim war gepflanzt und weitere Worte hätten keinen Sinn mehr gehabt. Er wusste, dass Noriyuki sich innerhalb der nächsten drei Tage entscheiden würde.

Es war nun an der Zeit einen Ort zu wählen, wo sie unter sich sein würden.

Noriyukis Heilung

"Was haltet ihr von ihm?" fragte Usagi.

"Spielt das eine Rolle?" fragte Makiko zurück.

Usagi schüttelte lachend den Kopf und Makiko machte ein wütendes Gesicht. "Sicher", sagte er schliesslich, "ihr werdet ihn auf alle Fälle heiraten. Aber ihr könntet euch auch entschliessen, ihn zusätzlich noch zu mögen."

"Wir sind doch nur Spielsteine für euch", antwortete Makiko frustriert. "Was spielen unsere Gefühle schon eine Rolle für euch?"

"Das habt ihr Pau auch schon vorgeworfen", sagte Usagi amüsiert, "und ich ebenfalls. Nur die Antwort ist immer die gleiche: Ihr stosst euch an der Methode, die wir verwenden. Ihr würdet das, zu dem wir euch angeblich zwingen, mit Freuden freiwillig tun. Aber stattdessen denkt ihr, wir würden euch zu etwas zwingen."

"Stellt es euch so vor: Wir wissen, was geschehen wird und sagen es euch vorher, damit ihr davon nicht gar so überrascht werdet."

"Jetzt sollen wir wohl auch noch dankbar sein", gab Makiko missmutig zurück.

"Das wäre nett", gab Usagi zu.

Katsumi war der Unterhaltung gefolgt, hatte sich aber bisher nicht eingemischt. "Bedauert ihr, dass ihr mit mir geschlafen habt, Makiko?" fragt er demütig.

"Nun, eigentlich nicht", gab Makiko etwas verlegen zu, weil er das jetzt vor Usagi ansprach.

"Warum habt ihr euch dann so lange dagegen gesträubt, Makiko?"

Darauf wusste Makiko nicht sofort eine Antwort.

"Angst", sagte Usagi und sie nickte. Sie hatte Angst gehabt, die Kontrolle zu verlieren. Sich hinzugeben. Jemanden diese persönlichste aller Grenzen überschreiten zu lassen, selbst wenn dieser jemand völlig abhängig von ihr war.

Und auch Angst, Katsumi auszunutzen. Sich nicht beherrschen zu können und ihn völlig zu vereinnahmen. Zu einem Spielzeug ihrer Begierden zu machen.

"Ich werde mich in den nächsten Tagen alleine mit Fürst Noriyuki zurückziehen. Vielleicht möchtet ihr uns begleiten? Es wäre eine günstige Gelegenheit den Mann hinter dem Fürsten kennenzulernen."

"Ich werde darüber nachdenken", wich Makiko aus, obwohl sie sich bereits entschieden hatte. Usagi lächelte. 'Wie ich, möchte sie nicht vor sich selbst davonlaufen. Dennoch verteidigte sie ihre Grenzen bis zum Letzen.'

Die Begleiter von Fürst Noriyuki hatten derweil ihre eigenen Sorgen. Seit Usagi mit dem Fürsten gesprochen hatte, war Noriyuki fahrig und unkonzentriert. Sie respektierten ihren Fürsten viel zu sehr, als dass sie auf die Idee gekommen wären, ihn deswegen anzusprechen, aber sie sorgten sich sehr um ihn. Das wiederum blieb Noriyuki nicht verborgen, obwohl er so stark mit sich selbst beschäftigt war. Er erkannte, dass er in einer Zwickmühle steckte.

Er wollte sich niemandem öffnen, selbst Usagi nicht. Zu lange hatte er sein Geheimnis mit sich herumgetragen und es ganz tief unten in seiner Seele vergraben. Dass es eine andere Lösung gab, eine, unter der er vielleicht nicht so stark leiden würde, schien unvorstellbar.

Ausserdem hätte es ja auch bedeutet, dass er sich jahrzehntelang unnötigerweise Sorgen gemacht hatte.

Aber er konnte sich auch seiner Verantwortung nicht entziehen. Die besorgten Blicke seiner Begleiter brannten auf ihm. Nachts hatte er Alpträume, dass sein sorgsam gehütetes Geheimnis ans Licht käme und jedermann sich von ihm abwenden würde.

Noriyuki hatte furchtbare Angst.

Am dritten Tag musste er einsehen, dass er so nicht weiterleben konnte. Wie Pau vor ihm, hatte Usagi ihn geschickt in eine Falle gelockt. Mit wenigen Worten hatte er Noriyukis Seele aus dem Gleichgewicht gebracht und etwas in Bewegung gesetzt, dem der Fürst hilflos ausgeliefert war.

Seltsamerweise trug er es Usagi nicht nach. Irgendwo in seiner Seele war eine Stimme, die ihm sagte, dass Usagi recht hatte. Also ging Noriyuki zu seinem Freund.

"Was muss ich tun?" fragte Noriyuki.

"Deine Heilung wird drei Tage in Anspruch nehmen. Wir sollten die Anderen verlassen und an einen Ort gehen, wo wir ungestört sind. Dann ist es am einfachsten über alles zu sprechen", schlug Usagi vor.

Noriyuki nickte und ging, um die entsprechenden Vorbereitungen zu treffen.

Währenddessen traf sich Usagi mit Makiko, um ihr zu sagen, dass es nun begann. "Ich möchte auch Katsumi dabeihaben", bat Usagi.

"Sicher", antwortete Makiko überrascht.

Am Abend waren alle Vorbereitungen getroffen und Noriyuki schlug vor, am nächsten Morgen aufzubrechen.

"Wir brechen jetzt auf", entschied Usagi, "sonst überlegt ihr nur die ganze Nacht, ob es nicht doch einen guten Grund geben könnte, es nicht zu tun."

Noriyuki liess die Schultern hängen, willigte aber ein.

Als er sah, dass Makiko und Katsumi sie begleiten würden, protestierte er aber: "Ich dachte, nur wir beiden ...", versuchte er Usagi zu überreden, die beiden zurückzulassen.

"Leider kann ich nicht Teleportieren wie Pau Tai", bedauerte Usagi. "Es ist möglich, dass wir die Hilfe von diesen beiden Menschen benötigen und daher müssen sie uns jetzt gleich begleiten."

Noriyuki war nicht ganz überzeugt, sagte aber auch nichts mehr.

Bei Sonnenuntergang ritten sie los.

Bald war es zu dunkel, um ohne Licht weiterzureiten. Also befahl Usagi Kusanagi über ihren Köpfen zu schweben und zu leuchten.

Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang trafen sie bei einer einsamen, verlassenen Hütte ein.

Usagi bat Makiko und Noriyuki innen zu schlafen, während er es sich mit Katsumi draussen bequem machen würde. Zu Makikos Überraschung schien Noriyuki erleichtert und willigte sofort ein.

Während sie ihre Lager ausbreiteten, plauderte Noriyuki höflich und ungezwungen mit Makiko. Sie war zurückhaltend mit Informationen über ihre Vergangenheit, aber Noriyuki schien sich nicht daran zu stören. 'Wahrscheinlich ist er von Pau Tai in der Hinsicht einiges gewohnt', vermutete Makiko.

Auf der anderen Seite stellte sich Noriyuki als angenehmer Gesprächspartner heraus. Anders als viele andere Männer, die sie bisher getroffen hatte, war er sanftmütig und freundlich. Irgendwie schien ihm die unterschwellige Aggression zu fehlen, die sie bei den meisten anderen Männern bemerkt hatte.

Schon nach kurzer Zeit scherzten und lachten sie miteinander. Sie musste widerwillig zugeben, dass Usagi recht behalten hatte. Sie mochte Noriyuki wirklich.

"Was bedeuten die Schriftzeichen auf eurem Halsschmuck?" fragte Noriyuki arglos.

Unwillkürlich griff Makiko nach dem Sklavenring. Ihr wurde klar, dass sie sich jetzt entscheiden musste zu sprechen oder auf ewig zu schweigen. Wenn sie sich Noriyuki jetzt nicht offenbarte, wo ihre Beziehung noch oberflächlich war, würde sie ihn schwer verletzen, sollte er es später herausfinden. Und das hatte er nicht verdient.

Sie liess die Hand wieder sinken und blickte Noriyuki direkt an. Der Fürst spürte, dass er an einem unangenehmen Thema gerührt hatte und öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, aber Makiko hob die Hand. Dann sammelte sie sich.

"Ich ... ich mag euch", gab sie zögernd zu. Noriyuki lächelte unsicher. "Daher möchte ich euch nicht verletzen. Aber ich denke, es ist wichtig, dass ich eure Frage beantworte."

Sie senkte den Blick und suchte nach Worten. "Wenn es euch unangenehm wird, dann sagt es und ich werde gehen."

Noriyuki war sichtlich verwirrt.

"Ich bin Eigentum von Pau Tai", erklärte Makiko. "So wie Katsumi auch."

Noriyukis Verwirrung wuchs. "Wie meint ihr das? Ihr dient ihm?"

"In einfachen Worten ausgedrückt zwingt dieser Sklavenring mich dazu alles zu tun, was Pau Tai von mir verlangt", führte Makiko aus.

Noriyuki begann zu verstehen. "Und was hat er von euch verlangt?"

"Nichts."

Noriyuki schüttelte verwirrt den Kopf. "Bitte erzählt mir die ganze Geschichte, nicht immer nur Bruchstücke."

Makiko wollte noch einmal darauf hinweisen, dass er nur zu sagen brauchte, wenn er es nicht hören wollte, aber diesmal hob Noriyuki die Hand: "Ich weiss, ich werde euch sofort sagen, wenn es unerträglich für mich wird."

"Mein Name ist Katsushika Makiko", begann Makiko ihren Bericht. "Ich war die Klanchefin der Neko Ninjas, die Pau Tai vor etwa zwei Wochen ausgelöscht hat. Wenn ihr so wollt, dann sind Kimi und ich die einzigen Überlebenden ..."

Sie sprach lange und redete sich ihre Frustration von der Seele. In Noriyuki hatte sie einen geduldigen und aufmerksamen Zuhörer gefunden.

Als sie fertig war, fühlte sie sich viel besser. Sie bedankte sich bei Noriyuki dafür, dass er ihr zugehört hatte.

"Ich danke für eure Offenheit", lächelte Noriyuki. "Ich habe nur wenige Menschen um mich, die so offen zu mir sind, wie ihr. Und dann auch noch ohne den Hintergedanken etwas von mir zu wollen."

Makiko überlegte, ob sie ihm sagen sollte, dass Usagi sie beide verkuppeln würde, aber etwas sagte ihr, dass es dafür noch zu früh war.

"Und warum seid ihr hier?" fragte sie.

Die Situation von vorhin wiederholte sich, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Kaum dass sie es ausgesprochen hatte, spürte sie, dass sie an etwas gerührt hatte.

Beide hoben die Hände. Makiko, weil sie sich entschuldigen wollte und Noriyuki, weil er ihr sagen wollte, dass sie ihn wissen lassen müsse, wenn sie es nicht mehr ertrug.

Der Anblick war für beide so komisch, dass sie anfingen zu lachen.

"Wenn es euch unangenehm ist, darüber zu sprechen, dann müsst ihr es mir nicht sagen", schlug Makiko vor, nachdem sie sich wieder beruhigt hatten.

"Meine Befürchtung ist eher, dass es für euch unangenehm sein könnte, es zu wissen", antwortete Noriyuki ihr.

Makiko lachte auf. "Ich denke, nachdem, was Pau mit Katsumi gemacht hat, kann mich nichts mehr erschüttern."

Sie schüttelte den Kopf. "Stellt euch vor: Er hat aus einem Ninja, noch dazu aus meiner rechten Hand, einen Liebessklaven gemacht!"

"Das klingt sehr nach Pau Tai", bemerkte Noriyuki trocken.

"Ihr müsst ihn schon viel länger kennen", vermutete Makiko.

"Ich war bei der Schlacht bei Joge(2) dabei", erklärte Noriyuki.

2. Usagi Yojimbo Teil 5 - Edo

"Pau Tai ebenfalls?" sagte Makiko überrascht, obwohl sie es sich eigentlich hätte denken können. "Es gibt ja die wildesten Gerüchte über das, was damals passiert ist."

Froh, sich noch einmal um die Antwort drücken zu können, berichtete Noriyuki kurz, was damals passiert war.

"Er versteht es wie kein Zweiter Leute aus der Fassung zu bringen", bestätigte Makiko. "Er hatte Katsumi nur drei Tage in den Fingern und schon hat er alles getan, was Pau von ihm verlangt hat."

Sie berichtete, wie Marena Katsumi zurückgebracht hatte, mit Leine und unbekleidet. Wie Katsumi sich verhalten hatte.

"Es schien ihm nichts auszumachen. Damals habe ich das nicht verstanden, aber das erste Mal in seinem Leben war er wirklich glücklich. Er war Pau tatsächlich dankbar dafür, dass er sein Sklave war. Das ging so weit, dass Pau ihn den Ring abnehmen liess und Katsumi dann befahl ihn zu befriedigen und er hat es tatsächlich getan."

Noriyukis Gesicht zeigte sein Unbehagen und Makiko winkte ab. "Damals habe ich auch so reagiert. Es war entsetzlich für mich einen meiner Leute so gedemütigt zu sehen. Es war fast, als hätte Pau das mit mir selbst gemacht. Aber in den letzten Tagen habe ich von Katsumi gelernt. Er will das wirklich, so unglaublich das auch klingen mag."

"Wir können ihn selbst fragen, wenn ihr mir nicht glaubt", schlug sie vor. "So lange er den Ring trägt, muss er alles tun, was ich ihm sage und auch jede Frage wahrheitsgemäss beantworten."

Noriyuki schüttelte sich. Das Gespräch fing an Bereiche zu tangieren, die er ruhen lassen wollte.

"Es tut mir Leid", sagte Makiko erschreckt. "Das muss sehr unangenehm für euch sein. Das wollte ich nicht."

Aber da war noch etwas, dass Noriyuki wissen musste. Selbst um den Preis seiner Seele. "Was denkt ihr nun über Katsumi?" fragte er ängstlich.

"Bitte?" fragte Makiko überrascht. Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. Trotzdem ging sie in sich und versuchte ihre Gefühle zu ergründen.

"Ich weiss nicht recht", gab sie zu. Dann lächelte sie beschämt. "Ich habe in der letzten Woche fast jede Nacht mit ihm verbracht. Ich denke, dass er keine Probleme damit hat, was er ist. Und irgendwie bin ich auch neidisch darauf. Sein Leben ist so einfach und sorglos geworden. Er ist nur noch was er ist. Er strebt nicht mehr nach irgendwelchen Zielen, die er dann doch nicht erreichen kann."

"Oder vielleicht anders gesagt: Er strebt jetzt nach Zielen, die ihn glücklich machen, wenn er sie erreicht, statt Unglück über sich und andere zu bringen", versuchte Makiko ihre Gedanken in Worte zu fassen.

Noriyuki war sehr nachdenklich geworden. "Ich hätte es mir denken können", sagte er mehr zu sich selbst, "als ihr sagtet, dass ihr Paus Eigentum seid."

Fragend sah Makiko ihn an. Noriyuki seufzte. "Ihr müsst euch an den Gedanken gewöhnen, dass wahrscheinlich nichts, was bisher in eurem Leben passiert ist und sicher nichts, was noch passieren wird, zufällig geschieht. Pau hat das alles sorgfältig geplant. Er manipuliert uns. Nur manchmal sehen wir einen der Fäden, mit denen er uns zieht in der Sonne aufblitzen. Aber sie sind immer da."

"Ich habe so etwas geahnt", gab Makiko zu, "als Usagi mich ansprach." Sie suchte nach Worten, die Noriyuki nicht verletzen würden. "Mögt ihr mich?" fragte sie schliesslich, weil ihr nichts anderes einfiel.

Noriyuki fügte die Fakten sofort zu einem Bild zusammen: "Wir werden heiraten."

Makiko entschuldigte sich sofort: "Wenn ihr nicht wollt ..."

"Würdet ihr meine Frau werden wollen?" unterbrach Noriyuki sie.

"Ja", antwortete sie ohne nachzudenken.

"Warum?"

"Ich wüsste keinen Grund, der gegen euch spricht", sagte sie ehrlich.

"Ich schon", sagte Noriyuki langsam und beobachtet ihre Reaktion. "Ich finde euch nicht attraktiv", sagte er vorsichtig, um sie nicht zu verletzen. 'Oh, wie sehr erinnerte sie mich an Tomoe. Tomoe, die ich so sehr vermisste.'

"Nun, ich bin sicher nicht die Schönste im Land", antwortete Makiko eher verwirrt als verletzt.

"Das meinte ich nicht", sagte Noriyuki bedrückt und zwang sich die Worte auszusprechen: "Ich finde den Gedanken mit einer Frau Kinder zu zeugen ... unangenehm."

"Stimmt", sagte Makiko und verblüffte ihn damit vollkommen.

Als sie seinen Gesichtsausdruck sah, lachte Makiko freundlich: "Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was euch so ... ungewöhnlich macht."

"Ungewöhnlich", echote Noriyuki unbehaglich.

"Mir haben einige Ninjas gedient, die ebenfalls das eigene Geschlecht dem anderen vorgezogen haben", erklärte Makiko nicht unfreundlich. "Natürlich bin ich eingeschritten, wenn mir etwas zu Ohren kam, aber mit der Zeit habe ich gelernt die ... Zeichen zu deuten. Die Ninjas Aki und Ikki waren ein Pärchen."

"Sehr erfolgreiche Ninjas", gab sie unumwunden zu. Es war seltsam für Noriyuki, wenn sie die Qualitäten ihrer Mörder lobte. "Sie haben jeden Auftrag zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt, ohne dabei unnötig Staub aufzuwirbeln. Ich habe es tatsächlich bedauert, sie in den Tod schicken zu müssen, als sie es ... übertrieben haben und die Gerüchte in der Burg überhand nahmen."

"Es scheint euch nichts auszumachen", wagte Noriyuki vorsichtig zu hoffen.

Makiko machte ihm nichts vor. "Vor zwei Wochen hätte ich noch anders reagiert, aber nein, heute macht es mir nichts mehr aus. Ich kann es akzeptieren."

"Ich nicht", sagte Noriyuki traurig und bereitete sich fürs Schlafen vor.

"Noriyuki?" fragte Makiko seinen Rücken.

"Hm?" machte der Fürst ohne sich umzudrehen.

"Man kann lernen zu akzeptieren", sagte sie.

Zwischenspiel

"Ihr seid also Katsumi", sagte Usagi, um ein Gespräch in Gang zu bringen, während sie ihr Lager etwas entfernt vom Haus aufschlugen, damit die beiden im Innern ihre Ruhe hatten. Kusanagi wachte über sie alle und würde ihn rechtzeitig warnen, sollte sich jemand nähern.

"Ja, Herr", antwortete Katsumi demütig.

"Wie lange seid ihr schon in Pau Tais Besitz?" fragte Usagi, obwohl er die Antwort schon wusste. Trotzdem bemühte er sich, diese einfachen Formeln des sozialen Kontakts beizubehalten, um sich möglichst lange den Anschein eines normalen Menschen zu erhalten. Paus Fähigkeit die Gedanken und Motivationen anderer zu erraten, hatte ihn immer sehr gestört.

Natürlich wusste er nun, warum Pau das tat: Es spielte keine Rolle. Er gab immer vor genau so viel zu wissen, wie die Anderen gerade noch ertragen konnten. Auf diese Weise sparte er sich einfach Zeit. Usagi aber wollte nicht auf Kosten anderer bequem leben.

"Seit 22 Tagen, Herr."

"Und wie findet ihr ihn?"

"Umsichtig, Herr", antwortete Katsumi ohne Zögern.

Usagi lachte auf. So hätte er Pau nicht charakterisiert, aber der Sklave hatte irgendwie auch recht.

"Kann ich etwas für euch tun, Herr?" fragte Katsumi.

Usagi zögerte mit einer Antwort. So sicher er sich bei anderen war, so wenig wusste er über sich selbst. Ein weiser Mann hatte einst gesagt, dass man alles versucht haben sollte, aber Usagi war sich unsicher, ob er das wirklich wollte. Vor allem wie hoch der Preis sein würde, den er zahlen würde.

Seine Motivation war ihm klar und auch, dass er es versuchen wollte. Nur wie das Ergebnis aussehen würde, wusste er nicht und das verunsicherte ihn. Auf der anderen Seite machte er sich klar, dass er es nur hinauszögerte.

"Könnt ihr mich massieren?" fragte er.

"Ich habe es nicht gelernt, Herr, aber ich werde mein Bestes tun", versprach Katsumi.

Im Laufe der Nacht erkundete Katsumi gewissenhaft, was Usagi gefiel.

Noriyukis Heilung

Katsumi und er wuschen sich die Spuren ihrer nächtlichen Aktivitäten in einem kleinen Bach in der Nähe vom Körper. Usagis Gefühle waren zwiespältig. Auf der einen Seite war es interessant gewesen und er hatte neue, überraschende Seiten an sich selbst kennengelernt, aber es war auch nichts, dem er viel abgewinnen konnte.

Katsumi dagegen war mit sich und der Welt zufrieden.

Nun war Noriyuki an der Reihe, den nächsten Schritt zu tun. Den Ersten hatte er gestern Abend schon getan und alles, was Usagi tun musste, war abzuwarten.

In lockerer Atmosphäre, die Usagi auch schon bei der letzten grossen Heilung aufgefallen war, assen sie ihr einfaches Frühstück.

"Was geschieht nun?" fragte Noriyuki nach dem Essen.

"Was ihr wollt", bot Usagi ihm an.

"Ich dachte, wir gehen ins Haus und stellen ein Problem von jedem von uns dar?" fragte der Fürst leicht überrascht.

"Dazu sind wir zu wenige. Als Sanshobo zu uns kam und euch die Gelegenheit gab, eine Heilung durchzuführen, da habt ihr einige Probleme aus der Kindheit gelöst, aber dieses nicht. Daher habe ich nicht genug Leute für eine Aufstellung herbestellt. Wir werden dies auf eine andere Art und Weise lösen."

"Wie?"

"Auf jede Art, die ihr zulasst."

Noriyuki lachte auf. "Jetzt hatte ich mich schon gefreut, mal ein paar Tage nichts entscheiden zu müssen."

"Vielleicht sollten wir damit anfangen, die Distanzen zwischen uns abzubauen", schlug Makiko vor. "Ich bin Makiko."

"Ich bin Usagi."

"Ich bin Katsumi."

"Mein Name ist Tamaro", sagte Noriyuki.

"Möchtest Du etwas über Dich lernen, Tamaro?" fragte Usagi.

"Nun, das kommt darauf an", antwortete Noriyuki zögernd.

"Ich kann Dir jede Frage beantworten", versprach Usagi.

"Jede?"

"Ja. Aber es gilt das gleiche, wie bei Pau Tai: Manche Antworten sind gefährlich. Allerdings werde ich versuchen euch vorzuwarnen."

"Danke", sagte Noriyuki säuerlich, der sich daran erinnerte, die furchtbar manche Antworten von Pau Tai gewesen waren. "Kann man mich heilen?"

"Du bist nicht krank, daher lautet die Antwort: Nein. Die Vorliebe für ein bestimmtes Geschlecht wird genauso wie das eigene Geschlecht bei der Geburt festgelegt und kann danach nicht mehr so einfach geändert werden(3). Mir sind zwar Techniken bekannt, mit denen man die Vorliebe ändern kann, aber sie greifen stark ins Bewusstsein ein. Du wärst danach einfach nicht mehr Du selbst."

3. Zugegeben, die Forschung ist sich noch uneins, ob Homosexualität tatsächlich genetisch bedingt ist oder nicht. Aber das hier ist auch ein Roman und die Leser, die es besser wissen, mögen mir meinen Kunstgriff verzeihen, da er so schön in die Geschichte passt.

"Was ist die Ursache?" wollte Noriyuki wissen.

"Es gibt im Verhalten von Männern und Frauen deutliche Unterschiede, die nur zum Teil durch gesellschaftliche Einflüsse geprägt sind. Frauen planen eher, während Männer gerne ausprobieren. Männer gehen gerne aggressiv vor, während Frauen zur Zusammenarbeit neigen. Frauen weichen der Gewalt oder erdulden sie, während Männer sie gerne ausüben."

"Das sind natürlich nur grobe Bilder", fuhr Usagi fort. "Jede Person legt dabei andere Schwerpunkte. Ich selbst vermeide Gewalt und Aggression, wenn ich kann, aber ich weiche auch nicht zurück oder erdulde sie, wenn ich mich wehren kann."

"Da ist viel von einer Frau in mir", realisierte Noriyuki.

"Ja, Du sprichst Dich gerne mit anderen ab, statt ihnen nur zu befehlen, Du planst sorgfältig statt wild loszustürmen und Du vermeidest Gewalt, selbst zu einem hohen Preis für Dich selbst."

"Du achtest auf Deine Schutzbefohlenen, wie eine Mutter sich um ihre Kinder sorgt, Herr", fügte Katsumi hinzu.

"Und eine, auch wenn dieses Wort in diesem Zusammenhang vielleicht gefährlich ist, "normale" Frau fühlt sich auch eher zu Männern als zu Frauen hingezogen", vervollkommnete Makiko das Bild.

"Ich hätte wohl als Frau geboren werden sollen", sagte Noriyuki fasziniert.

"Und Tomoe als Mann", fügte Usagi hinzu.

"Ja, sie war immer ziemlich impulsiv", erinnerte sich Noriyuki. "Nur, was hilft mir das? Ich weiss jetzt nur, dass ich nichts tun kann."

"Nur, dass Du es nicht ändern kannst", korrigierte Makiko.

"Also bleibt nur zu lernen, damit zu leben und es zu akzeptieren", schlug Usagi in die gleiche Kerbe. "Schliesslich hat es ja nicht nur Nachteile. Deine Beliebtheit bei Deinen Untertanen rührt auch daher."

"Du solltest auch bedenken", fuhr er fort, "dass Du weniger ein Problem mit Deiner Veranlagung an sich hast, als vielmehr mit der gesellschaftlichen Ächtung, wenn es herauskommt."

"Das stimmt nicht!" widersetzte sich Noriyuki. "Ich finde den Gedanken mit einem Mann zu schlafen widerlich!"

"Aber die Gefühle sind unterschiedlich", versuchte Usagi zu erklären. "Wenn Du daran denkst mit einer Frau zu schlafen, dann empfindest Du Ekel. Der Gedanke mit einem Mann zu schlafen löst Gefühle in Dir aus, die Du nicht haben möchtest. Daraus entsteht Ablehnung."

"Aber Du lehnst die Sehnsucht ab. Nicht den Akt an sich", führte Usagi aus.

Noriyuki liess die Schultern hängen. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann musste er zugeben, dass Usagi recht hatte. Mit unheimlicher Präzision hatte Usagi den Finger genau auf den Wunden Punkt gelegt. So wie Pau.

"Was passiert, wenn ich es nicht tue?" fragte er schwach.

"Dann wirst Du in wenigen Jahren Deine Sehnsucht nicht mehr kontrollieren können. Sie wird irgendwann plötzlich überhand nehmen und dann könnte es passieren, dass Du am helllichten Tag über jemanden herfällst."

Trotz der erschreckenden Prognose musste Noriyuki beinahe lachen, als er sich vorstellte, wie er einem seiner Berater in einer Sitzung plötzlich die Kleider vom Leib riss. Es wäre komisch gewesen, wenn es nicht so ernst wäre.

"Wie kann ich es in den Griff bekommen?"

"Du musst es kontrolliert ausleben", schlug Usagi vor.

"Das ist nicht Dein Ernst!"

"Ich bin offen ...", begann Usagi.

"... für bessere Vorschläge, ich weiss," beendete der Fürst den Satz verdriesslich. Ärgerlich fuhr er fort: "Und wie stellst Du Dir das genau vor?"

Usagi grinste. "Ich sage nur, wie eine Lösung aussieht, die funktionieren kann."

"Ah ja richtig", sagte Noriyuki, "die ganzen kleinen unbedeutenden Details sind ja die Sache von den Leuten, welche die Lösung am Ende ausbaden müssen."

"Natürlich", stimmte Usagi sofort zu. "Sonst wäre Dein Leben ja völlig langweilig. Ausserdem hätte ich gar nichts anderes mehr zu tun, als allen ständig nur noch zu sagen, was sie zu tun hätten."

Noriyuki stöhnte. "So hat Pau sich auch immer herausgeredet."

"Und? Stimmt es etwa nicht?"

"Das ist ja das Schlimme daran", gab Noriyuki wütend zurück, aber ihm war klar, dass er auf verlorenem Posten stand.

"Warum gehst Du nicht ein Stück und denkst darüber nach, was Du jetzt erfahren hast?" schlug Usagi vor. "Vielleicht fällt Dir dann ja noch etwas ein."

"Sollte nicht jemand mitgehen und aufpassen? Nicht, dass sich hier irgendwelche Banditen herumtreiben", warf Makiko ein.

"Da sind keine", antwortete Usagi überzeugt.

Noriyuki kam erst spät am Abend wieder. Schweigend ass er sein Abendessen.

"Ich habe lang über das nachgedacht, was Du mir gesagt hast, aber ich konnte keinen Entschluss fassen", gab er schliesslich zu.

"Warum nicht?"

"Ich fürchte mich vor den Konsequenzen. Natürlich", winkte er ab, als er sah, wie Makiko widersprechen wollte, "ist mir klar, dass ich schon Möglichkeiten und Freiräume zum Ausleben meiner Vorlieben finden könnte. Aber wie ein weiser Mann einst sagte: Es ist leicht sich ganz zu enthalten. Masshalten ist die Schwierigkeit."

"Wenn ich einmal nachgebe, werde ich es dann noch unter Kontrolle haben? Wenn ich mich in jemanden verlieben sollte, was dann?"

"Probleme löst man, wenn sie sich stellen", wiederholte Makiko einen Lehrsatz der Ninjas. "Probleme zu vermuten, wo keine sind, kostet nur Kraft und bringt gar nichts."

"Du hast leicht reden", beklagte sich Noriyuki. "Es wird nicht Dein Kopf sein, der rollt."

"Als Deine Frau wäre ich direkt betroffen."

Noriyuki musste zugeben, dass sie recht hatte. Wenn er entehrt wurde, dann würde auch sie darunter leiden, denn eine Frau als Herrscher war undenkbar. Selbst wenn viele Fürsten auf ihre Frauen hörten oder sogar von ihnen kontrolliert wurden, so würde eine Frau in einer höheren Position als ein Mann doch niemals akzeptiert werden -- zumindest nicht offiziell.

"Warum soll ich sie überhaupt heiraten?" fragte Noriyuki, um sich noch einmal etwas Zeit zu verschaffen.

"Ookaa'h wünscht, dass ihr einen Sohn zeugt."

"Sie soll ein Kind von mir empfangen?" fragte Noriyuki entsetzt. Diese Vorstellung war noch schlimmer, als alles andere.

"Ja. Heute oder morgen nacht."

"Nein", lehnte Noriyuki rundweg ab. "Auf keinen Fall."

"Leider ist das etwas", sagte Usagi bedauernd, denn er wusste, wie unangenehm die Situation für Noriyuki war, "bei dem Katsumi und ich Dir nicht helfen können." Er grinste schwach. "Wenn sie mit Dir verheiratet wäre und einen Löwen oder Hasen zur Welt bringen würde, liesse sich das kaum erklären."

Noriyuki runzelte die Stirn. "Du hast gehört, was ich gesagt habe?"

"In dieser Sache habe ich leider überhaupt keinen Handlungsspielraum", bedauerte Usagi. "Das wird geschehen. Mit oder gegen Deinen Willen. Deine Untertanen brauchen dieses Kind."

"Muss das wirklich sein?" flehte Noriyuki.

"Das Kind wird Dir viel Freude bereiten", versprach Usagi.

Noriyuki stöhnte auf. "Noch mehr Überraschungen in der Art?"

"Hm", tat Usagi so, als würde er nachdenken. "Mit wem wirst Du die Nacht verbringen?"

Am liebsten wäre Noriyuki in dem Moment aufgestanden und weggelaufen. Leider war ihm klar, dass Usagi völlig recht hatte. Der Druck in seinem Innern, seiner Neigung nachzugeben, war in letzter Zeit immer stärker geworden. Der Krieg hatte ihn abgelenkt, aber immer häufiger ertappte er sich dabei, wie er mitten am Tag plötzlich das Verlangen empfand, einen seiner Begleiter zu küssen oder sich gar mit ihm zurückzuziehen.

Er erkannte seine Chance, aber auf der anderen Seite hatte er diesen Teil von sich jetzt so lange unterdrückt, dass er sich nicht mehr vorstellen konnte, nachzugeben.

"Mit wem sollte ich denn heute Nacht schlafen?" fragte er, aber eigentlich wollte er gar keine Antwort hören.

"Am besten mit Katsumi", antwortete Usagi sofort und trat damit eine Lawine von Gefühlen in Noriyuki los, die diesen völlig überraschte. Er spürte Angst und Scham, aber auch eine tiefe Sehnsucht.

'Aber ach, zwei Seelen wohnen in meiner Brust', dachte Noriyuki. Auf der einen Seite war es verlockend, seiner Neigung endlich nachzugeben. Herauszufinden, ob Liebe wirklich etwas so wunderbares war, wie man sagte. Und auf der anderen Seite die Angst vor der Ächtung, dem verlorenen Respekt oder gar der Abscheu.

Natürlich kannte er die Gerüchte über andere Fürsten, die sich angeblich mit männlichen Liebhabern vergnügten, aber die Liste war kurz und darauf waren nur Personen, die Noriyuki abstossend oder unehrenhaft fand. Auf keinen Fall wollte er mit solchen Leuten in Verbindung gebracht werden.

"Jomoi, der Sohn von Fürst Fujishima, teilt Deine Vorliebe", sagte Usagi in diesem Moment.

Er war Noriyuki aufgefallen. Irgendjemand hatte eine entsprechende Bemerkung gemacht, aber er hatte nicht wirklich darauf geachtet. In seiner Nähe zu sein, war für Noriyuki aus irgendeinem Grund immer sehr unangenehm gewesen. 'Vermutlich habe ich gespürt, dass eine allzu grosse Nähe für mich gefährlich werden konnte', überlegte der Fürst.

Dann fiel ihm auf, wie passend Usagis Bemerkung gewesen war. "Lest ihr etwa meine Gedanken?" fragte er misstrauisch und ging instinktiv auf Distanz.

"Ich ... erinnere mich an Dinge, die ich wissen muss", antwortete Usagi zögernd. "Als ich mit überlegte, was ich sagen könnte um Dir zu helfen, fiel mir dieser Gedanke ein. Ich weiss nicht woher er kommt und wie es funktioniert. Aber seit ich ein Priester von Ookaa'h bin, weiss ich immer alles, was ich wissen muss."

Kaum hatte er es ausgesprochen, wusste Usagi auch schon, dass es ein Fehler gewesen war. Dieses Wissen in den falschen Händen war gefährlich. Irgendwann würde sich diese Offenheit rächen.

"Daher weiss ich auch, dass Katsumi Dir helfen kann, Dich selbst zu akzeptieren. Ich habe die gestrige Nacht mit ihm verbracht und stünde auch zur Verfügung, aber er wäre besser für Dich."

"Wirklich?" fragte Noriyuki überrascht. "Warum?"

Die Frage war leicht falsch zu verstehen, aber Usagi wusste, dass Noriyuki wissen wollte, warum er mit Katsumi geschlafen hatte. Der wahre Grund war, weil es Noriyuki leichter fallen würde, sich für Katsumi zu entscheiden, nachdem er diese Tatsache erfahren hatte. Aber das zu sagen hätte den gewünschten Effekt verhindert. Also antwortete er: "Damit Du die Wahl hast."

"Du würdest ... heute Nacht ... mit mir ...?" erkundigte Noriyuki sich vorsichtig.

Im Bewusstsein, dass er dazu tatsächlich bereit war, es aber nicht geschehen würde, antwortete Usagi ehrlich: "Ja."

Noriyukis Blick wanderte zwischen Katsumi und Usagi hin und her. 'Mein Freund Usagi ist mir zu vertraut. Er ist mein Freund und würde das für mich tun, aber ich kann ihm das doch nicht antun', überlegte er.

Gleichzeitig entsetzt über sich selbst und voller Vorfreude entschied er sich für Katsumi.

Usagi lächelte freundlich und stand mit Makiko auf. "In diesem Fall werden wir euch beide alleine lassen. Du weisst, dass Katsumi alles tun muss, was Du verlangst? Wenn es Dir zuviel wird, musst Du es nur sagen, und er wird sofort aufhören."

Etwas unsicher blickte Noriyuki den lächelnden Katsumi an. Katsumi schien diese Aussicht nicht zu stören, aber Noriyuki wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte.

"Und er kann nur sprechen, wenn Du es ihm erlaubst", fügte Usagi noch hinzu. Dann ging er mit Makiko fort.

Unsicher blickte Noriyuki hinter den beiden her. Dann, mit womöglich noch grösserer Unsicherheit zu Katsumi.

"Tja", sagte er verlegen, "was nun?"

"Vielleicht gehen wir ein Stück, Herr?" schlug Katsumi unterwürfig vor. 'Nein', korrigierte Noriyuki seinen ersten Eindruck, 'demütig. Er unterwirft sich nicht, sondern nimmt nur sich zurück. Bietet mir ohne Hintergedanken an.'

"Warum hat Usagi gesagt, ihr müsst alles tun, was ich sage?" fragte Noriyuki obwohl er es schon wusste, um etwas Zeit zu schinden.

Katsumi legte beide Hände an den dicken, flexiblen, silbernen Ring, den er um den Hals trug. Makiko trug den gleichen Ring und die selben, seltsamen Schriftzeichen waren in ihn eingearbeitet.

"Dies ist ein Sklavenring, Herr", erklärte er freundlich. "So lange ich ihn trage muss ich alles tun, was mein Herr von mir verlangt."

"Alles?" fragte Noriyuki erschreckt.

"Ja, Herr", antwortete Katsumi immer noch freundlich, als ob es ihm nichts ausmachen würde.

"Und wenn ...", Noriyuki überlegte einen Moment, "wenn ich Dir nun befehlen würde zu sterben?"

"Das hat noch niemand von mir verlangt, Herr, aber ich denke, ich würde auf der Stelle tot umfallen."

"Das muss schrecklich sein", würgte Noriyuki hervor.

"Nein, Herr", widersprach Katsumi sanft, während sie durch den dunklen Wald gingen. Ein schwacher Mond warf sein sanftes Licht auf den Weg. "Es wäre schrecklich für euch, aber für mich ist es ... beruhigend."

"Wie ist das möglich?" fragte Noriyuki ungläubig. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand es ertragen könnte, dass andere eine so vollständige Kontrolle über ihn haben."

"Es ist tatsächlich eine Frage des Vertrauens, Herr", versuchte Katsumi die Frage zu beantworten. "Ich bin Eigentum von Pau Tai und er wacht über mich. Er hat mich an Makiko weitergegeben und sie nun an Dich, aber ich bin ganz sicher, dass auch ihr die Macht, die ihr über mich habt, nicht missbrauchen werdet."

"Da mögt ihr Recht haben", sagte Noriyuki dumpf. Die Vorstellung jemanden zu verletzen, der Eigentum von Pau Tai war, hatte etwas sehr beunruhigendes.

Sie waren bei einem kleinen Weiher angekommen, der im Mondlicht dalag, wie ein Spiegel. Wären sie ein normales Liebespärchen gewesen, hätte die romantische Umgebung Noriyuki entspannt. So aber stieg seine Furcht vor dem, was kommen würde.

"Ich kann nicht", sagte er nach einer langen Pause leise, "ich kann es einfach nicht."

Katsumi schwieg.

Frustriert setzte sich Noriyuki an den Rand des Sees und begann kleine Steine hineinzuwerfen, die das ruhige Bild rasch zerstörten. Katsumi setzte sich neben ihn und wartete geduldig darauf, dass Noriyuki ihm Anweisungen gab, was er tun sollte.

"Was soll ich nur tun?" fragte Noriyuki.

"Lasst euch von mir führen, Herr", bot Katsumi an.

"Sage doch bitte Tamaro zu mir", antwortete Noriyuki, während er darüber nachdachte, ob er Katsumis Angebot annehmen sollte. Er war so entsetzlich unsicher und das war ungewohnt. Zu seiner Angst und Sehnsucht kam noch Unsicherheit und Frustration über sich selbst.

"Du wirst sofort aufhören, wenn ich es verlange?" versicherte Noriyuki sich noch einmal.

"Ja, Tamaro", versprach Katsumi ehrlich.

"Also gut", entschied Noriyuki sich endlich und verspürte die Erleichterung, sich entschieden zu haben.

"Darf ich mich hinter Dich setzen, Tamaro?" fragte Katsumi sanft.

"Warum?" wollte Noriyuki sofort misstrauisch wissen.

"Vertraust Du mir, Tamaro?"

Noriyuki lachte leise auf und schleuderte wütend einen Stein in den dummen Teich. "Im Moment vertraue ich mir selbst nicht", gab er zu.

"Es ist schwer zu vertrauen, wenn man sich selbst kein Vertrauen schenken kann", sagte Katsumi weise.

"Das stimmt. Oh ja", nickte Noriyuki.

Katsumi band seine Gürtel ab und Noriyukis Unbehagen wuchs. Zu seiner Überraschung begann Katsumi aber nicht, sich auszuziehen, sondern reichte ihm den Gürtel. Vorsichtig nahm er ihn entgehen.

Katsumi schloss die Augen. "Bitte verbinde mir die Augen, Tamaro", bat er.

Noch immer unsicher kam Noriyuki dem Wunsch nach. Es war unerwartet schwierig den Gürtel so um Katsumis Kopf zu binden, dass er die Augen auch wirklich bedeckte, weil er keine Nase sondern eine lange Schnauze hatte.

"Bitte führe mich um den Weiher, Tamaro", bat Katsumi, als Noriyuki fertig war.

Neugierig geworden, kam Noriyuki dem Wunsch nach. Auch das war viel schwieriger, als er gedacht hätte. Obwohl Katsumi sicher an der Augenbinde hätte vorbeischielen können, hielt er die Augen die ganze Zeit über geschlossen. Selbst wenn er über eine unsichtbare Wurzel stürzte, blinzelte er nicht. Er gab sich vollkommen in Noriyukis Hand.

Noriyuki versuchte dem dichtesten Gestrüpp auszuweichen, aber auf der anderen Seite des Weihers gab es keinen Weg und auch kein Ufer. Manchmal musste er Katsumi zurücklassen und sich erst selbst halb blind einen Weg durch das Dickicht tasten.

Immer stand Katsumi genau dort, wo er ihn zurückgelassen hatte. Vertrauensvoll folgte er jeder Anweisung von Noriyuki. Als sie wieder am Ausgangspunkt angekommen waren, hatte er einige Schrammen mehr als Noriyuki, aber es machte ihm nichts aus. Mit neuer Hochachtung blickte Noriyuki seinen Begleiter an, der sich so vollständig in seine Hände begeben hatte, während dieser die Augenbinde abnahm.

"Möchtest Du es versuchen, Tamaro?" fragte Katsumi und hielt beide Hände vor Noriyukis Gesicht.

Nachdenklich blickte Noriyuki den Gürtel an, der darin lag, wie ein Geschenk.

Er schloss die Augen und nickte.

Noriyukis erstes Mal

Noriyuki musste neidlos zugeben, dass Katsumi viel umsichtiger war, als er vorher. Bisher war er kein einziges Mal gestolpert oder hatte sich in einem Baum verfangen. Dabei kamen sie nicht einmal langsam voran.

Mehrmals hatte Katsumi ihn alleine lassen müssen. Für eine geraume Zeit war er da alleine gestanden, manchmal mit nichts als dem leisen Rascheln von Blättern in den Ohren.

Seltsame Gedanken waren ihm gekommen.

Komische: Was wohl jemand denken würde, der ihn jetzt so sah?

Nachdenkliche: Obwohl er manchmal gar nichts hörte, wenn Katsumi wohl angestrengt in die Dunkelheit starrte, hatte er keine Angst. Sicher, irgendwo war Usagi und wachte über sie. Zwar konnte Katsumi ihn nicht in den See werfen oder ihn überwältigen. Ihm einen Stein an den Kopf werfen. Aber es war trotzdem schwer sich so ganz der Führung einer anderen Person zu unterwerfen. Dennoch hatte er keine Angst. Immer mehr begann er Katsumis Führung zu vertrauen.

Zweimal führte Katsumi ihn nicht an der Hand, sondern sagte nur, was er tun sollte. Einmal musste er blind springen und Katsumi fing ihn auf.

Seine Runde schien ihm viel länger zu dauern, aber wahrscheinlich kam ihm das nur so vor. Und es begann ihm Spass zu machen. Vielleicht würde er etwas ähnliches als Gesellschaftsspiel bei sich am Hof einführen. Es wäre sicher interessant zu sehen, wie sich die einzelnen Personen verhielten.

Dann waren sie wieder am Ausgangspunkt und Katsumi half Noriyuki sich zu setzen. Noriyuki griff zum Gürtel, um ihn voller Triumph abzunehmen, aber Katsumi fragte: "Möchtest Du weitergehen oder aufhören?"

Noriyukis Finger verharrten einen Moment unter dem Stoff. "Weiter", entschied er dann und seine Hände sanken wieder herunter. Er würde versuchen Katsumi so lange zu vertrauen, wie er konnte.

Stoff raschelte und Noriyuki hörte, wie Katsumi sich bewegte. Wahrscheinlich zog Katsumi sich jetzt aus. Noriyukis Unbehagen wuchs wieder, aber er hielt sich noch zurück und sagte nichts.

"Darf ich Dir helfen, Deinen Kimono auszuziehen, Tamaro?" fragte Katsumi freundlich.

Noriyuki musste tief durchatmen, konnte sich aber überwinden zu nicken. Zusammen lösten sie den Gürtel und Katsumi half ihm den Kimono abzulegen. Dann fasste Katsumi ihn sanft am Arm und half ihm aufzustehen. 'Wahrscheinlich ist jetzt meine Hose dran', dachte Noriyuki und wollte schon abbrechen, als Katsumi ihn bat sich hinzuknien.

Überrascht liess Noriyuki es zu. "Legt euch auf den Bauch", bat Katsumi. 'Will er jetzt über mich herfallen?' dachte Noriyuki entsetzt und erstarrte.

"Weiter oder aufhören, Tamaro?" fragte Katsumi sanft.

Noriyuki musste sich sehr überwinden. Seine Hände berührten den Boden und stiessen auf Stoff. Von der Qualität her würde Noriyuki schätzen, dass es der Kimono von Katsumi war. Widerstrebend legte er sich darauf.

"Bitte noch einmal ein wenig die Brust heben, Tamaro", bat Katsumi.

Noriyuki stiess sich noch mal hoch und Katsumi stopfte eine Stoffrolle unter ihn. Noriyuki griff danach und erkannte seinen eigenen Kimono. Sorgfältig half Katsumi ihm, sich bequem hinzulegen.

Dann fing er an Noriyuki zu massieren und Noriyuki kam sich wie ein Idiot vor. Katsumi hatte nur seinen Rücken massieren wollen und er hatte schon wer weiss was befürchtet.

Er atmete tief durch und versuchte sich wieder zu entspannen. Im fahlen Mondlicht lächelte Katsumi zufrieden.

Die Massage tat wirklich gut. Die Anspannung der letzten Tage und vor allem der heutige Tag hatten ihre Spuren hinterlassen.

Katsumi lockerte auch seine Arme, die Schultern und den Nacken.

"Ich würde auch gerne Deine Beine massieren, Tamaro", bot Katsumi an.

"Natürlich", stimmte Noriyuki sofort zu und zog seine Hose aus. Katsumi breitete sie auf dem Boden aus, damit er nicht direkt auf dem kalten Boden lag und begann Noriyukis Beine zu bearbeiten, nachdem dieser sich wieder hingelegt hatte.

Dann bat er Noriyuki sich auf den Rücken zu drehen und lockerte die Waden und knetete sogar die Fusssohlen. 'Das ist erstaunlich unangenehm,' fand Noriyuki, 'vor allem, wenn man bedenkt, dass ich den ganzen Tag mit meinem vollen Gewicht auf den Füssen stehe.'

Dann begann Katsumi ihn zu kitzeln. Noriyuki zuckte zusammen und versuchte sich Katsumis zielsicheren Fingern zu entziehen, aber er schaffte es natürlich nicht. Noch immer blind konnte er sich nur lachend zusammenrollen und seine Seiten mit den Händen schützen, aber Katsumi fand immer wieder eine Lücke.

Also ging Noriyuki zum Angriff über. Rasch hatte er blind ein Bein von Katsumi gefunden und von dort aus war es ein Kinderspiel, seine Seite zu finden und ihn zu kitzeln. Seltsamerweise funktionierte das nicht. Während Noriyuki sich unter Katsumis Berührung wand, liess es Katsumi völlig kalt, wenn Noriyuki ihn kitzelte.

Immer noch lachend hob Noriyuki abwehrend eine Hand. Sofort hörte Katsumi auf. Kichernd liess Noriyuki sich fallen. Es dauerte eine Weile, bis sich sein Atem wieder beruhigt hatte.

"Warum bist Du nicht kitzelig?" fragte Noriyuki neugierig.

"Das funktioniert nur, wenn man verkrampft ist, Tamaro", antwortete Katsumi fröhlich. "Entspann Dich!"

Katsumi griff wieder in Noriyukis Seite und der Fürst zuckte wieder weg.

Beim nächsten Mal versuchte er sich aber zu entspannen und wirklich, das half. Kurze Zeit später hatte Noriyuki den Bogen raus und egal, was Katsumi auch versuchte, es zwang ihn nicht mehr zu lachen.

"Weiter oder aufhören, Tamaro?" fragte Katsumi sanft.

"Weiter", antwortete Tamaro mit Überzeugung.

Er konnte spüren, wie Katsumi mit den Händen über seinen Kopf fuhr und ihn streichelte. Erinnerungen an seine Mutter stiegen in Tamaro hoch. Sie hatte das auch manchmal getan, wenn er traurig gewesen war. Dann spürte er eine elektrisierende Berührung am Mund.

Katsumi hatte ihn geküsst.

Damit war der Damm gebrochen, den Noriyuki in langen Jahren errichtet hatte. Die aufgestauten Gefühle dahinter rissen seinen Verstand fort. Wie ein Ertrinkender schlang Tamaro seine Arme um Katsumi und küsste ihn lange und intensiv.

Der Tag danach

Ein Schrei gellte durch die Nacht. Usagi blickte nicht auf. Es war nur Noriyuki, der ihr Spielchen durchschaut hatte.

Noch bevor die Sonne wieder aufging, kam Makiko zurück. Sie war offensichtlich zufrieden mit sich selbst. Auf ihre Frage, ob sie nun mit dem Kind von Noriyuki schwanger war, nickte Usagi nur lächelnd.

"Er war ziemlich aufgebracht", sagte sie schmunzelnd.

Usagi nickte langsam. "Er wird bald darüber hinweg sein. Er ist es gewohnt Opfer für seine Untertanen zu bringen."

Makiko seufzte. "Tja und was ist mit mir?"

"Er wird viel Verständnis für Dich aufbringen", besänftigte Usagi ihre Befürchtungen, dass sie von nun an enthaltsam leben müsste.

"Soll ich mich nun freuen oder nicht?" fragte sie seufzend. "Er ist so ein netter Mann. Und gar nicht so ungeschickt. Wenn er nur irgendwie seinen Ekel überwinden könnte."

"Gebt ihm Zeit", schlug Usagi vor. "So viel ist in so kurzer Zeit auf ihn eingestürmt. Wenn er sich wieder gefangen hat, dann könnt ihr einen der Mönche aus dem Zen Kloster von Oberpriester Sanshobo um eine Heilung bitten."

Am Morgen kamen Tamaro und Katsumi zurück. Beide waren noch nass vom Schwimmen im Weiher und trugen ihre Kleidung in einer Hand.

Katsumi war fröhlich wie immer, aber Tamaros Gesichtsausdruck verfinsterte sich, als er Makiko und Usagi sah.

"Das war nicht nett", sagte er schmollend.

"Es ist schon seltsam", überlegte Usagi laut, "da helfe ich den Leuten und sie danken es mir nicht nur nicht, nein, sie werfen es mir dann sogar noch vor!"

Als Strafe für diese freche Bemerkung warf Tamaro Usagi seine Hose an den Kopf.

"Wenigstens ist das Frühstück schon fertig", grollte er, während er sich über ihre kärglichen Vorräte hermachte.

Während sie frühstückten, versuchte Noriyuki seinen Frust immer wieder an Usagi auszulassen, aber der ging nicht darauf ein.

"Vielen Dank, dass ich Dir helfen durfte", sagte er stattdessen, stand auf und ging.

Sprachlos starrte Tamaro ihm hinterher.

Ohne sich noch einmal umzusehen, stieg Usagi auf sein Pferd und ritt davon.

Das löste Tamaros Erstarrung. Fluchend sprang er auf und ritt Usagi, nackt wie er war, hinterher.

Nach kurzer Zeit hatte er ihn eingeholt. Usagi achtete nicht auf ihn, als er aufschloss: Er hielt nicht an, noch ritt er schneller.

"Es tut mir Leid", entschuldigte Tamaro sich. "Ich sollte wohl eher wütend auf mich sein, weil ich euch nicht vertraut habe, statt Dir irgendwelche Vorwürfe zu machen."

Er seufzte. "Es ist ja auch meine Schuld. Im Eifer der Erregung geriet irgendwie mein Kopf unter Wasser und beide haben versucht mich zu halten. Als ich dann plötzlich vier Hände spürte, die mich hielten, wurde ich misstrauisch, statt meinen Freunden zu vertrauen. Ich hätte mich einfach wieder in ihre Hände begeben sollen, statt die Augenbinde herunterzunehmen, um zu sehen, was da los ist."

Sie waren an einem grösseren See angekommen. Tamaro konnte Fischer auf der anderen Seite erkennen und ihm wurde bewusst, dass er keine Kleidung trug. Noch immer hatte Usagi nicht auf seine Worte reagiert. Statt dessen blickte er in den See.

Bevor Tamaro noch etwas sagen konnte, hatte Usagi Kusanagi erscheinen lassen und in hohem Bogen in den See geworfen.

"Was ...?" fragte Tamaro überrascht, aber da schoss das Schwert schon wieder aus den Fluten hervor.

Drei grosse Fische steckten auf der Klinge. Verblüfft beobachtete Tamaro, wie Usagi das Schwert ergriff und die Fische kurz untersuchte. Offensichtlich zufrieden nahm er einen Beutel aus einer Satteltasche und liess die Fische darin verschwinden.

"Ich dachte", sagte Usagi unbekümmert, "dass Du nach der langen Nacht vielleicht etwas herzhafteres haben willst, als nur Reis und getrocknete Früchte. Aber ich habe nicht richtig zugehört. Hast Du etwas gesagt?"

Tamaro senkte den Kopf. "Nichts wichtiges", antwortete er dankbar.

"Dann lass uns zurückreiten. So nass wie Du bist, holst Du Dir noch den Tod."

"Danke", sagte Tamaro.

"Ich freue mich, dass Du meine Hilfe angenommen hast", antwortete Usagi.

Auf halbem Weg kam ihnen Makiko mit einer Decke und den Kleidern von Tamaro entgegen. Dankbar wickelte der frierende Tamaro sich in die warme Decke.

Als sie wieder bei der alten Hütte ankamen, hatte Katsumi ein Feuer gemacht und Tamaro wärmte sich daran, während Usagi die Fische ausnahm und Makiko ein paar Zweige schnitt, mit denen sie die Fische braten konnten.

Bald zog der köstliche Duft von bratendem Fisch über die kleine Lichtung.

Mit riesigem Appetit biss Tamaro in seinen Fisch. Mit Makiko und Katsumi zu schlafen, in dem kalten Weiher zu schwimmen, die ganze Aufregung und der schnelle Ritt mit nassem Fell forderten ihren Tribut.

Nach dem Essen war er sehr müde und er ging in die Hütte, um etwas Schlaf nachzuholen. Katsumi folgte ihm, sobald er mit dem Essen fertig war, damit er zur Verfügung stand, wenn Tamaro ihn brauchte.

Makiko warf die letzten Reste der Fische ins Feuer und setzte sich dann unter das Vordach, um die wärmenden Strahlen der Herbstsonne zu geniessen.

"Unter welchem Vorwand soll ich Fürst Noriyuki eigentlich heiraten?" fragte sie Usagi. "Als Anführerin eines Ninja Klans bin ich eigentlich keine gesellschaftlich akzeptable Gemahlin für einen Fürsten."

"Es ist in diesem Fall am einfachsten, wenn Du als Lady Katsushika vom Neko Klan auftrittst. Durch den Krieg wurde Dein Klan ausgelöscht, aber er hat Dich auch in die Arme eines Mannes getrieben, der sich als Deine grosse Liebe entpuppt hat."

"Ich kann mir kaum vorstellen", gab sie ungläubig zurück, "dass das funktionieren wird."

"Es wird", versicherte Usagi.

"Wie funktioniert diese Allwissenheit eigentlich? Kennst Du auch die Zukunft?"

"Das ist eine gefährliche Frage", gab Usagi zurück.

"Inwiefern?" fragte Makiko verwundert.

"Es war ein Fehler euch allen zu erklären, wie meine Fähigkeit funktioniert. Noch schützt mich die Nähe zu Pau Tai, aber bald werde ich selbst mächtige Feinde haben, die jede noch so kleine Information über mich sammeln werden."

"Ich verstehe", sagte Makiko nachdenklich.

"Ja", bestätigte Usagi. "Da wäre nur noch eine Kleinigkeit", fuhr er fort.

"Ja?"

"Würdet ihr mir bitte euren Sklavenring geben?"

Usagitomoe

Sie blieben noch eine Nacht und ritten am nächsten Morgen erst los, als die Sonne schon hoch stand. Tamaro nutzte die Gelegenheit, um sich selbst mit Katsumis Hilfe zu erforschen. Als sie bei seinen Leuten eintrafen, war er müde, aber die grosse Anspannung in seinem Innern war fort.

Beim Abendessen überraschte Noriyuki dann alle, als er ankündigte Lady Katsushika vom Neko Klan heiraten zu wollen. Unbeschreiblicher Jubel brach aus, der selbst Noriyuki überraschte. Genauso wenig wie Usagi damals, war ihm aufgefallen, wie sich seine Untertanen hinter seinem Rücken Sorgen machten, weil er keine Frau fand.

Wissende Blicke wurden ausgetauscht und niemand kam auf die Idee, dass Noriyuki in Wirklichkeit aus einem ganz anderen Grund so locker und müde war. Alle vermuteten, dass er die drei Tage mit seiner zukünftigen Frau verbracht hatte und der demütige Katsumi sie als eine Art Diener begleitet hatte, damit die hohe Dame nicht ganz ohne ihre gewohnte Umgebung war.

Das Ereignis wurde natürlich mit einem kleinen Fest gefeiert und es wurde ziemlich spät, bis sie alle ins Bett kamen. Die Mitglieder der Leibwache von Noriyuki schlugen sich fast um die Ehre, ihre neue Herrin bewachen zu dürfen. Noriyuki war sehr glücklich zu sehen, mit welcher Begeisterung seine zukünftige Frau von seinen Leuten aufgenommen wurde.

Auf dem Weg zu ihren Zelten passte Usagi Khassar ab. T'he, der sich mit Khassar unterhalten hatte, wünschte den beiden eine gute Nacht und dann waren sie allein.

Der Wunsch reichte aus und sie standen wieder am Strand in Ookaa'hs Traum. Khassar fuhr zusammen.

"Seit wann könnt ihr Teleportieren?" fragte er misstrauisch.

Usagi antwortete nicht sofort, sondern wartete, bis Tomoe zu ihnen kam.

"Darf ich Dir meine erste Frau Tomoe Ame vorstellen?" sagte er statt einer Antwort. "Dies ist Xut Khassar, einer der Leute, die mir geholfen haben, Kusanagi wiederzubekommen", stellte er Khassar Tomoe vor.

"Es ist eine Ehre für mich euch kennenzulernen", sagte Tomoe.

"Hallo", antwortete Khassar kurz angebunden. "Wo sind wir?"

"Kommt", bat Usagi statt einer Antwort und ging los.

Wieder trat der seltsame Schmiereffekt ein, aber der Himmel verdüsterte sich. Das Donnern und Blitzen der mehrfach überschallschnellen MLB(4)-Geschosse zuckte über den Himmel. Am Horizont schlugen Bomben ein und tauchten den Himmel kurz in ein unwirkliches Licht.

4. Magnet-Linear-Beschleuniger

Soldaten und Kampfmaschinen stürmten an ihnen vorbei und wurden von feindlichem Feuer niedergemäht. Khassar hatte sofort reagiert und sie in eine Deckung gezerrt.

Als sie dort ankamen, wechselte die Szene erneut. Sie standen in der Zentrale eines Raumschiffes. Befehle wurden geschrieben, der Alarm schrillte, dann bäumte sich der Boden auf. Ein langer Riss lief die Decke und die Wand entlang. Bevor die Luft beginnen konnte mit heulendem Geräusch in das Vakuum des Weltraums zu rauschen, explodierte das Schiff.

Sie fanden sich in den verbrannten Überresten einer Stadt wieder. Vollautomatische Kampfroboter patrouillierten in den Strassen und löschten selbstständig die letzten Reste an Leben aus. Khassar griff nach seinem Schwert, zog es aber nicht. Selbst seine übermenschlichen Reflexe wären nicht schnell genug gewesen, um der Zielautomatik eines hochgezüchteten Kampfroboters zu entgehen. Aber sie wurden ignoriert.

"Es ist nur ein ... Traum", erklärte Usagi.

Khassar fluchte. "Kannst Du einen nicht vorwarnen?"

"Es hat mich selbst überrascht", gab Usagi zu. "Wir sind sicher. Ookaa'h möchte uns nur etwas zeigen. Kommt."

Er führte sie zielsicher durch die zerstörte Stadt. Tomoe starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die vernichteten Wunder einer hochentwickelten Zivilisation. Leichen von Soldaten und Zivilisten lagen in ungeheurer Zahl in den Eingängen der Häuser, den Strassen und auf den Plätzen.

Die Kampfroboter kümmerten sich nicht um die Toten. Ihre Sensoren spürten nur die Lebenden. Mit kalter Präzision gruben sie die aus, die sich in Hohlräumen unter dem Schutt versteckt hatten. Aber immer seltener hallte das Bellen ihre automatischen Waffen durch die sterbende Stadt.

Nach einer Weile kamen sie auf einem grossen Platz in der Mitte der Stadt an. Tomoe war ganz grau im Gesicht. Es war furchtbar für sie zu sehen, welche Abscheulichkeiten zukünftige Kriege hervorbringen würden. Es war unvereinbar mit der Ehre eines Samurai wehrlose Zivilisten zu töten.

Die Kampfmaschinen hatten keinen Unterschied zwischen Soldaten, Frauen, Kindern oder Haustieren gemacht.

Zusammen mit ihnen traf eine immer grössere Zahl von Maschinen auf dem Platz ein. Im Zentrum stand eine grosse Statue, die stolz den Kopf erhoben hatte und mit einer Hand nach den Sternen griff. Sie sah Khassar ähnlich und Usagi wusste, warum.

Jemand hatte sie "erschossen": Raketen hatten Löcher in die Brust und den Kopf der Statue gerissen. Dennoch war ihre ursprüngliche Form noch gut auszumachen.

Zwei Lebewesen befanden sich auf dem Sockel der Statue. Die eine hatte sich zusammengekauert und starrte hoffnungslos ins Leere. Um ihren Hals lag ein Sklavenring, wie Pau sie verwendete. Es war Khassar.

Khassar hatte sie nun ebenfalls gesehen und erstarrte. Obwohl er sich nicht erinnern konnte, wurde ihm klar, dass er hier seine eigene Vergangenheit sah.

Die andere Person auf dem Sockel war eine hochentwickelte Kampfmaschine. Sie hatte bei den Kämpfen Schäden erlitten, aber diese waren nur oberflächlich. Ihre Hautverkleidung hing an ein paar Stellen in Fetzen herunter und der rechte Arm endete knapp oberhalb des Ellenbogens. Lässig hielt sie eine automatische Waffe in der linken Hand, als wöge sie nichts.

Unhörbar erstatteten die anderen Kampfroboter ihm Bericht.

"Das waren die letzten", übersetzte er für den Khassar, der oben auf dem Sockel hockte. "Damit bist Du der letzte Deiner Art."

Der andere Khassar antwortete nicht. Seine Wut und der Hass war schon vor langer Zeit der Hoffnungslosigkeit gewichen. Er hatte alles versucht, um die Kampfmaschinen aufzuhalten, aber ohne Erfolg. Weder Worte noch Versprechungen oder Drohungen hatten Planetenvernichter Nr. 13 von seinem Werk abhalten können.

Mit Milliarden Kampfmaschinen war er über diese Galaxis hergefallen und hatte systematisch alles Leben ausgelöscht. Natürlich war Khassars Rasse nicht völlig unvorbereitet gewesen. Ihr letzter grosser Krieg gegen die einzige andere, grosse Rasse in dieser Galaxis lag noch nicht lange zurück. Dabei waren die Anderen ausgelöscht worden. Khassars Rasse hatte damit die uneingeschränkte Vormachtsstellung in dieser Galaxis errungen.

Kaum hatten sie sich von den Wunden des Krieges erholt, als schon Pläne geschmiedet wurden, die grosse Lücke zur nächsten Galaxis zu überspringen und sich weiter auszubreiten.

Daher waren die Kampfmaschinen eigentlich auf eine Galaxis getroffen, die auf dem Höhepunkt ihrer Kampfbereitschaft war.

Dennoch hatte das Militär nur am Anfang Erfolge feiern können.

Rasch hatten die Maschinen sich auf einigen rohstoffreichen Systemen festgesetzt und begonnen sich enorm zu vermehren. Als ihre Zahl in die Billionen ging, hatten sie die Galaxis einfach überrannt.

In ihrer Verzweiflung hatte Khassars Rasse versucht, zumindest ein paar Mitglieder ihrer Rasse mit ihrem Wissen mit einem Fernraumschiff in die nächste Galaxis zu retten.

Gegen jede Vernunft hatten die Maschinen jeden Verlust hingenommen, um das zu verhindern. Vier Wochen lang waren sie gegen die Verteidigung des Systems angerannt, in dem das Schiff gebaut wurde. Verzweifelt hatte man sich zur Wehr gesetzt und alles geopfert, um dieses Projekt zu schützen. Dann war die Verteidigung unter dem Ansturm zusammengebrochen.

Als die Maschinen die Anlagen, in denen das Raumschiff gebaut wurde, mit Planetoiden bombardierten, breitete sich kaltes Entsetzen aus.

Die Maschinen stellten keine Forderungen. Sie nahmen keine Kapitulationen an. Machten keine Gefangenen.

Wenn sie ein System erobert hatten, dann war es häufig sogar für sie selbst unbrauchbar geworden, so schwer waren die Schäden an den Planeten.

Nur sechs Monate nach dem ersten Angriff fielen sie über die Hauptwelt her und löschten die letzten Überlebenden von Khassars Rasse aus.

Seitdem wartete Khassar auf seinen Tod.

Seit über 70'000 Jahren.

Nachdem Khassar und Nr. 13 verschwunden waren, führten die Kampfmaschinen den letzten Befehl aus.

Die Einheiten am Boden sammelten sich und wurden durch Bombardement aus dem Weltraum vernichtet. Die Roboter im Weltraum dagegen stürzten sich in die nächste Sonne.

Nach nur sechs Monaten war eine ganze, blühende, aufstrebende Zivilisation ausgelöscht und ihre Galaxis ein Trümmerfeld, in der nie wieder Leben gedeihen würde.

Alle möglicherweise bewohnbaren Planeten waren instabil oder bereits auseinandergebrochen. Ihre Atmosphären, die nicht mehr durch ein planetares Magnetfeld vom Sonnenwind geschützt und die Gravitation festgehalten wurden, verwehten.

Nr. 13, der sich selbst Philmann Dark nannte, machte Khassar unsterblich und löschte seine Erinnerungen. Nur den Hass liess er zurück.

Dann verblasste der Traum und sie standen auf einer flachen grünen Ebene. Tomoe weinte bittere Tränen ob dem Grauen, das sie hatte mitansehen müssen. Usagi tröstete sie, so gut er konnte.

Khassars Miene war wie versteinert. Durch die Bilder hatte der Block, den Dark um seine Erinnerungen gelegt hatte, angefangen sich aufzulösen.

"Warum?" fragte er mit rauer Stimme.

"Es ist vorbei", erklärte Usagi. "Der Nutzen, den das Opfer Deiner Rasse gebracht hat, ist aufgebraucht."

"Dann darf ich jetzt endlich sterben?"

"Wenn Du unbedingt willst."

"Wozu leben?" wollte Khassar verbittert wissen.

"Komm", sagte Usagi und ging voraus zum Tempel von Ookaa'h.

Khassar rührte sich nicht. Das ergab den seltsamen Effekt, dass der Boden unter seinen Füssen durchzugleiten schien. Er beachtete es nicht.

Dann waren sie wieder in dem kleinen Tal. Neugierig sah sich Usagi um, konnte aber keinen Unterschied zum letzten Mal feststellen. Doch er wusste, dass bis auf das Symbol des Steinkreises auch hier alles nur von geringer Dauer war.

"Sie erwartet Dich", sagte Usagi zu Khassar und wies auf den Kreis.

"Wer?"

"Ookaa'h."

"Es gibt keine Götter", antwortete Khassar abweisend.

"Sie ist nur eine sehr weit entwickelte Lebensform. Was Du hier um Dich herum siehst, ist quasi ein einfacher Gedanke von ihr", half Usagi ihm zu verstehen.

"Keine Materieprojektion?"

"Nein. Es ist auch keine telepathische Illusion. Wir sind wirklich hier. Es ist im weitesten Sinn real, so wie Du das Wort definieren würdest, aber die Naturgesetze hier sind ... weicher. Einfacher zu ändern."

Es war Khassar wirklich egal. Jetzt, wo er begann sich wieder zu erinnern, erfüllte ihn die qualvolle Sinnlosigkeit seiner Existenz. Nichts, was ihm einst etwas bedeutet hatte, existierte noch. Sein Glaube, seine Freunde, seine Kultur, einfach alles war fort. Niemand sprach mehr seine Sprache.

Die einzige Möglichkeit der Fortpflanzung wäre Cloning oder eine Rasse zu finden, die mit ihm kompatibel war. Der Verlust seiner zwei Frauen und die vier Kinder, die er gehabt hatte. Sein Rang. Die Abschlussarbeit an der Akademie zum Thema "Flexible Kampftaktiken bei Kampfhandlungen mit unbekannten Gegnern", von der nun nur noch er wusste, dass sie überhaupt einmal existiert hatte.

Er hatte auch den letzten Grund verloren, der ihn bisher am Leben erhalten hatte.

Er erinnerte sich jetzt wieder, was er alles verloren hatte.

"Khassar", sagte Usagi eindringlich, aber er blickte nicht auf. Hielt sich aber auch nicht die Ohren zu.

"Du hast einmal auf mich gehört. Höre noch einmal auf mich. Geh hinein", bat Usagi.

Khassar lachte bitter auf. "War mein Opfer noch nicht gross genug? Kann man noch etwas mehr Nutzen aus mir herausquetschen?"

"Ja."

Khassar schüttelte nur den Kopf.

"Wie kannst Du entscheiden, wenn Du die Alternativen nicht kennst?"

"Noch mehr leiden? Ich habe es satt."

"Dann möchte ich es anders ausdrücken", sagte Usagi. "Entweder gehst Du freiwillig oder ..."

"Einem Toten kann man nicht drohen."

"Das stimmt, aber man kann ihn an einem Bein packen und herumschleifen."

Gegen seinen Willen musste Khassar lachen. "Warum? Warum bin ich so wichtig für Dich?"

"Ich leite diese Mission noch immer", erinnerte ihn Usagi. "Ich bin immer noch für Dich verantwortlich."

"Das ist nicht alles", vermutete Khassar.

Usagi nickte. "Aber das kann ich Dir nicht erklären. Sie schon."

Khassar seufzte.

"Ich verspreche Dir einen schnellen und ehrenvollen Tod, wenn Du dann immer noch nicht weiterleben willst", bot Usagi an.

Khassar schnaubte. "Das heisst dann ja wohl, dass ich das dann nicht mehr will."

Usagi lächelte. "Das war es, was ich meinte, als ich sagte, dass ich es nicht richtig erklären kann."

Resigniert liess Khassar den Kopf hängen. Trotz allem mochte er den seltsamen Hasen.

Er trat in den Ring.

Khassar träumte einen Traum. Und Ookaa'h träumte die andere Seite des Traums.

Er sah das Universum, aber zweimal.

In einem Universum ging seine Rasse unter. Es entwickelte sich zu dem, was er heute kannte.

Im anderen Universum überlebte seine Rasse.

Sie überzog einen grossen Bereich des Universums mit Tod und Vernichtung.

Durch ihre Taten fühlten sich andere angespornt und folgten ihrem Beispiel. Die wenigen Priester von Ookaa'h waren nicht mehr in der Lage, die Situation im Griff zu behalten und die Entwicklung des Universums wurde zurückgeworfen.

Khassar begann die Gründe zu verstehen, die damals zur Ausrottung seiner Art geführt hatten, auch wenn er sie nicht gutheissen konnte. Dazu war Dark zu brutal vorgegangen; hatte wehrlose Zivilisten rücksichtslos abschlachten lassen.

Langsam verblasste der Traum.

Und Khassar träumte einen weiteren Traum.

Aus dem Dunkel des Weltraums schälte sich ein Planet. Städte und künstlich geformte Landschaft rollte unter dem Raumschiff hinweg, während es zum Landeanflug ansetzte. Khassar stieg mit einigen anderen Passagieren aus und sie gingen zur Zollabfertigung.

Die Zöllner sahen ihm sehr ähnlich.

Während er sich in der riesigen Abfertigungshalle umsah, erinnerte er sich an Dinge, die er vorher nicht gewusst hatte. Dark hatte unbemerkt während des Krieges einige Mitglieder seiner Rasse umgesiedelt. Da es nach dem Krieg keine Informationen mehr über seine Rasse gegeben hatte, war das möglich gewesen.

Dann stand er wieder im Kreis.

Sicher, diese Angehörigen seiner Art würden sich in der langen Zeit verändert haben. Sie würden nichts mehr über die Kultur wissen, so wie er sich erinnerte. Aber dennoch: Er würde zumindest an einem Ort sterben, der einer Heimat am nächsten kam.

Usagi fragte ihn nicht einmal, ob er immer noch sterben wollte. 'Nach 70'000 Jahren Exil freut man sich schon über Kleinigkeiten', dachte er halb amüsiert.

Dann trat Usagi vor seine Herrin. Er berichtete ihr, wie er Noriyuki geheilt hatte und dass der gewünschte Sohn geboren werden würde. Ookaa'h war zufrieden. Da er nun soweit war, schenkte sie ihm eine weitere Fähigkeit, die er an Tomoe ausprobieren konnte.

Mit neuem Lebensmut hatte Khassar zugesehen, wie Usagi mit seiner Göttin gesprochen hatte. Mit seinen hochgezüchteten Augen hatte er das Energiefeld untersucht, welches sich bildete, wenn jemand mit Ookaa'h sprach, aber das Feld selbst schien keinen Nutzen zu haben. Wahrscheinlich diente es nur dazu, den eigentlichen Effekt optisch zu verdecken, vermutete Khassar.

Diesmal brauchten sie fast zwei Tage, um den Strand wieder zu erreichen. In der Zeit sprach Tomoe viel mit Khassar, denn im Gegensatz zu Usagi hatte sie ja bisher noch nie jemanden angetroffen, der so fremd war. Sie kämpften sogar miteinander, damit Tomoe sich ein Bild von seinen unglaublichen Reflexen machen konnte.

Usagi dagegen war sehr in sich gekehrt. Er spürte, wie die neue Fähigkeit ihn langsam veränderte. Das war sehr seltsam und machte ihm auch Angst. Aber ihm war auch klar, dass er die neue Fähigkeit brauchte, auch wenn sie ihm wieder einen grossen Teil seiner Menschlichkeit nahm.

Am Ufer des Meeres angekommen, wollte Tomoe von ihm wissen, warum es manchmal so lange dauerte zu Ookaa'h zu kommen und warum manchmal der Rückweg länger war.

"Wenn Ookaa'h mit etwas anderem beschäftigt ist, dann gibt sie uns etwas zu tun, bis sie bereit ist uns zu empfangen. Sie könnte uns auch irgendwo herumsitzen lassen, aber ich glaube, sie versteht, dass wir uns dann langweilen würden. Ein anderer Grund ist, dass man manchmal noch etwas lernen muss, bis es Sinn macht mit ihr zu sprechen."

"Der Rückweg ist normalerweise kurz, aber diesmal musste ich für eine neue Fähigkeit verändert werden und das hat etwas Zeit in Anspruch genommen."

"Eine neue Fähigkeit?" fragte sie neugierig.

"Ja", antwortete Usagi und lächelte sie an.

"Aha", machte sie, "und nun brauchst Du ein Opfer, ich meine natürlich einen Freiwilligen."

Usagi meinte ironisch zu Khassar: "Wie sie das nur immer herausfindet?"

"Sollte ich vielleicht vorher noch etwas wissen?" erkundigte sie sich spitz.

"Tote werden nicht gefragt", antwortete Usagi lachend.

"Also ist es potentiell unangenehm", schloss sie.

"Es ist ungewöhnlich", schränkte er ein, "aber Du solltest keine Probleme damit haben."

"Sage mir erst, was Du vorhast", wies sie ihn ab.

"Du erinnerst Dich vielleicht noch daran, dass Pau Tai einmal sagte, er sei nicht einer, sondern mehrere?"

"Ja?"

"Das kann ich jetzt auch."

"Du bist jetzt mehrere?" fragte sie erstaunt.

"Noch nicht. Mit Dir wäre ich zwei. Wir?" Er lachte auf: "Mit einer solchen Situation haben die Leute, die unsere Sprache erfunden haben, wohl nicht gerechnet."

Sie lachte. "Das hat sie also gemeint! Ookaa'h sagte, ich solle mich gedulden. Bald wäre ich Dir näher, als ich es mir jemals würde vorstellen können."

"Möchtest Du es versuchen?" fragte er hoffnungsvoll.

Sie nickte.

Er liess sie verschwinden. Dafür spürte er ihre Anwesenheit.

'Tomoe?' dachte er an sie.

'Ich höre Dich, Usagi', erklangen ihre Gedanken in seinem Geist. 'Hm. Ich kann hören und sehen, aber mich nicht mehr bewegen.'

'Ist es schlimm?' fragte er zurück.

'Es ist nicht angenehm.'

"Hat es funktioniert?" fragte Khassar.

"Ja. Es gefällt ihr nur nicht."

Khassar lachte. "Stelle Dir mal vor, Du wärst in ihrem Körper eingesperrt!"

'Oh', dachte sie überrascht.

'Was ist?'

'Jetzt kann ich mich wieder bewegen. Wo bin ich hier?'

Usagi schloss die Augen seines Körpers und konzentrierte sich auf seinen Seelenraum. Da war sie. Neugierig blickte sie sich um.

'Ziemlich öde hier', sagte sie zu ihm.

'Ja', musste er zugeben. Sein Seelenraum war nicht mit schwarzen Spalten mit der Aussenwelt verbunden, wie bei Dark. Und da sich nur er und sie darin befanden, war er ziemlich leer.

'Was ist das hier?'

'Mein Seelenraum. Alle Lebewesen, die ich im Laufe der Zeit aufnehmen werde, landen hier.'

'Eine Art Behälter für Seelen?'

'Sie lösen sich hier nicht auf', erklärte er. 'Und sie können hier das empfangen, was ich wahrnehme. Als ich nach dem Kampf mit Meister Heroito gestorben bin, hat Pau Tai mich in seinem Seelenraum transportiert und dann meine Seele wieder in meinen Körper zurückgeschickt, nachdem er ihn wiederbelebt hatte.'

'Das muss sehr interessant gewesen sein', dachte sie mit einem gewissen Bedauern.

Da sie nun ein Teil von ihm war, konnte er ihr alle Erinnerungen offen legen, die er wollte. Sie würde sich nun an das, was er erlebt hatte, genauso erinnern, als hätte sie es selbst erlebt.

'Unglaublich', konnte er sie verstehen, als sie die Anzahl an Seelen sah, die Pau Tai war.

'Ja', dachte er zurück und richtete seine Konzentration wieder auf seinen Körper.

"Und?" fragten Khassar.

"Sie versucht sich noch daran zu gewöhnen", erklärte Usagi.

Dann standen sie wieder im Lager von Noriyuki.

Ein deutlich gelassenerer Khassar verabschiedete sich von Usagi/Tomoe und ging zu Bett.

'Ich sehe Zelte', sagte Tomoe zu ihm. 'Wo sind wir?'

Usagi öffnete die entsprechenden Erinnerungen für sie, so dass sie wusste, was in den letzten Wochen geschehen war.

'Du hast alle betrogen', kam sie sofort zum Punkt.

'Die Wahrheit hätte nur allen geschadet.'

Dann erinnerte sie sich an etwas anderes. 'EIN ATTENTAT?' schrieen ihre Gedanken.

'Es geht ihm gut', versuchte Usagi sie zu beschwichtigen.

Aber sie hatte schon das Nächste gefunden. 'Er hat mit Katsumi ...' würgte sie.

'Erinnere Dich, wie gut es ihm getan hat', wies Usagi hin.

'Wenn das jemals herauskommt, dann ...', fuhr sie auf.

'Es wird herauskommen und es wird ihm nicht schaden', wehrte Usagi ab.

'Es wird ...?' dachte sie entsetzt. 'Das ist sein Ende! Du musst etwas tun!'

'Das habe ich schon', versuchte er sie zu beruhigen. 'Seine Frau wird für alles sorgen.'

'Eine Ninja! Du hast ihn mit einer Ninja verheiratet! Hast Du völlig den Verstand verloren?'

Usagi seufzte. Das wurde schwerer, als er gedacht hatte. Sicher, Tomoe liebte ihn und er sie, aber sie war auch eine starke Persönlichkeit, die sich nicht leicht unterordnete.

'Du brauchst gar nicht so zu seufzen!' fuhr sie ihn an.

'Das reicht jetzt!' dachte er bestimmt zurück. 'Dürfte ich Dich bitten, Dir erst einmal die ganze Geschichte in Erinnerung zu rufen, bevor Du mir hier weiter Vorwürfe machst! Ich habe mir nämlich ziemlich viele Gedanken über alles gemacht und glaube nicht, dass Du Dir das schon alles bewusst gemacht hast.'

Sie schnaubte, aber es kamen keine weiteren Proteste mehr.

Also ging Usagi auch in sein Zelt.

Er legte sich zum Schlafen hin und schloss die Augen.

Dann schwebte er wieder in seinem Seelenraum. Er war etwas überrascht, aber dann wusste er, dass er ab jetzt nie mehr schlafen würde. Er konnte seinen Körper zur Ruhe betten, aber sein Geist würde von nun an immer wach sein.

Tomoe schwebte neben ihm. 'Was ist?' fragte sie.

'Mein Körper schläft jetzt', antwortete er.

'Das heisst, dass ich Dich jetzt jede Nacht vier Stunden(5) am Hals habe?' erkundigte sie sich sarkastisch.

5. Ein Japanischer Tag hat 12 Stunden

'So ist es', antwortete er.

'Gut', sagte sie sichtlich erleichtert, 'ich hatte schon befürchtet, ich würde hier jahrelang alleine herumschweben müssen, bis Du weitere Seelen eingesammelt hast.'

'Das hätte ich Dir nie angetan', versicherte Usagi und schwebte zu ihr herüber. Er streckte die Hand aus und berührte sie sanft in der Wange.

Leider glitt seine Hand ohne Widerstand durch sie hindurch. Der Körper, den er sah, war nur eine Illusion seines eigenen Geistes.

Tomoe seufzte. Für sie waren seit ihrem Tod erst ein paar Tage vergangen, während es für Usagi fünf Jahre gewesen waren. Er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, sie nie wieder in den Händen halten zu können, während der Verlust für sie noch frisch war.

Um sie abzulenken, erzählte er ihr, was in der Zwischenzeit passiert war.

Dass Nara sich gegen Usagi gewendet hatte, überraschte sie nur wenig. 'Ich wusste seit langem, dass er sich mit Deiner Kampftechnik beschäftigte und war besorgt. Aber ich habe darauf vertraut, dass Himesama auf ihn aufpasst.'

'Warum hast Du mir nichts gesagt?' fragte Usagi verwundert und begann sich darüber Gedanken zu machen, welche Geheimnisse Tomoe vor ihm gehabt haben mochte. Bisher war er viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, seine Geheimnisse vor ihr zu verbergen, als dass er auf diese Idee gekommen wäre.

'Zu welchem Zweck? Nara musste seinen eigenen Weg gehen. Wenn er sich zum Guten geändert hätte, dann hätte ich Dich nur unnötig beunruhigt und in jedem anderen Fall hättest Du auch keinen Vorteil davon gehabt, wenn Du es vorher gewusst hättest. Du hättest Dir nur die ganze Zeit Sorgen gemacht.'

Usagi lachte leise. Er war derjenige in der Familie gewesen, dem es am schwersten gefallen war, die Kinder ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Damit hatte Tomoe nie Schwierigkeiten gehabt. Wenn eines des Kinder Probleme gehabt hatte, dann war Usagi sofort zur Stelle gewesen, aber Tomoe hatte immer gewartet, bis man sie um Hilfe gebeten hatte.

Hinter ihrem Rücken hatten ihr einige Leute vorgeworfen, dass sie sich nicht genug um ihre Kinder kümmerte. 'Aber war es nicht genau das, was Pau Tai auch tat?' überlegte Usagi.

Tomoe würde ihm nun helfen, das Gleiche tun zu können.

'Hast Du Dich eigentlich gewundert, dass ich nicht älter wurde?' wollte er wissen.

'Nachdem Pau Tai Dich in den Fingern hatte, hat mich gar nichts mehr gewundert', dachte sie sarkastisch zurück. 'Es hat mich auch nicht gestört. Seit wir auf Pau Tai getroffen sind, war mir klar, dass unsere gemeinsame Zeit nur kurz sein würde und ich damit zufrieden sein musste, was man mir freiwillig geben würde.'

'Jetzt hast Du ja eine Ewigkeit mit mir', dachte er freundlich.

Es dauerte einen Augenblick, bis sie antwortete. 'Ja.'

Und dann fügte sie noch hinzu: 'Leider bist Du nicht mehr der Mann, mit dem ich verheiratet war.'

Betroffen schwieg Usagi.

Ihr sanftes Lachen klang in seinem Geist. 'Ich bedauere es nicht. Ich hatte eine wundervolle Zeit mit Dir und Dinge erreicht, die ich mir niemals hätte träumen lassen. Alleine in unserem Dojo als vollwertige, offizielle Lehrerin unterrichten zu dürfen und beweisen zu können, dass eine Frau das genauso gut kann, wie jeder Mann, war es wert.'

'Besser', korrigierte er sie. 'Alle Schüler wollten immer von Dir unterrichtet werden.'

'Und sind dafür ausserhalb der Schule verachtet worden', gab sie zurück.

'Dafür haben sie gelernt, dass Ehre und Stolz ein Unterschied sind. Dass man Ehre hat, egal was andere sagen', hielt er dagegen.

'Sie haben mich sehr stolz gemacht', gab sie zu.

'Ich bedauere nur, dass ich mich nicht von ihnen verabschieden konnte', sagte sie traurig.

'Nun, diese Chance hast Du ja nun', deutete Usagi an. 'Spätestens in zwei Wochen werden wir wieder zuhause sein.'

Zurück Zuhause

Noriyukis Rückkehr wurde begeistert gefeiert. Da aber die meisten Männer erst zusammen mit ihren Armeeeinheiten eintreffen würden, waren es fast nur Frauen und Kinder, welche die Strassen säumten.

Sofort nach seiner Ankunft, wurden die Vorbereitungen für die Hochzeit begonnen. "Damit mir der Fisch nicht unverhofft von der Angel springt", hatte Makiko gescherzt.

Jotaro hatte seinen Posten aufgegeben und war mit dem Fürsten in die Hauptstadt gekommen.

Usagi hatte derweil Tomoe auf den letzten Stand gebracht. Er hatte von seinen Abenteuern auf der TAURUS erzählt, von Tep und Käl. Tomoe wusste nun über seine neuen Begleiter Bescheid und über Usagis Beziehung zu den Sklaven Karla und Joshka, sowie das unglückliche Ende von Talia(6).

6. Siehe Teil 13

Wie Usagi damals hatte Tomoe grosse Schwierigkeiten die Tatsache zu akzeptieren, dass Pau Tai Sklaven hielt. Dass Usagi selbst inzwischen damit leben konnte, war nur ein kleiner Trost für sie. Sie war überhaupt nicht begeistert von der Aussicht Tep in naher Zukunft persönlich kennenzulernen.

Im Dojo wurde Usagis Rückkehr erleichtert aufgenommen, bedeutete es doch, dass sie die Schüler, welche als Soldaten eingezogen worden waren, bald wiedersehen würden. Zusammen mit seinen Kindern wohnte Usagi in den Gästezimmern des Dojos.

Wie er versprochen hatte, übernahm er einige Unterrichtseinheiten und unterwies seine Schüler darin, auf andere Rücksicht zu nehmen. Einen ganzen Tag lang musste die eine Hälfte der Schüler alles tun, was die andere ihnen sagte und am anderen Tag wurde getauscht. Am dritten Tag besprach man die Erfahrungen, welche die Schüler gesammelt hatten.

Hajime kam tatsächlich ins Dojo und sah sich den Unterricht an. Wie Usagi vorausgesagt hatte, gefiel es ihm, den Schülern beim Zeichnen und der Kalligraphie zu helfen. Aber er war noch nicht soweit, als dass er sich das Leben als Lehrer vorstellen konnte.

Jeden Abend sassen sie lange zusammen, erzählten sich Geschichten oder wie der Tag gewesen war und lachten. Auch Jotaro kam ab und zu vorbei und setzte sich zu ihnen. Obwohl er nur ein Schüler des Dojo gewesen war und damit eigentlich nicht direkt zur Familie gehörte, störte sich niemand an seiner Anwesenheit.

Seine verblüffende Ähnlichkeit zu Usagi war Anlass zu allerlei freundlichen Bemerkungen.

Usagi genoss diese Zeit enorm. Noriyukis Hochzeit war noch ein paar Wochen hin, da er warten wollte, bis die Armee zurück war. "Es wäre für mich unerträglich, wenn meine Untertanen mein Glück nicht teilen könnten, weil ihre Geliebten nicht bei ihnen sind", hatte er entschieden.

Und eine weitere von Usagis Prophezeiungen war eingetroffen: Niemand vermutete hinter Lady Katsushika von Neko Klan die Anführerin der Neko Ninjas. Oder alle, die etwas vermuteten, behielten ihre Gedanken für sich.

Doch Usagi war klar, dass seine unbeschwerte Zeit bald vorbei sein würde. Tagsüber zog er sich häufig in sein Zimmer zurück und half Tomoe zu lernen seinen Körper zu kontrollieren. Am Anfang hatte sie sich gegen die Idee an sich gesträubt, aber inzwischen konnte sie schon ganz gut laufen und wieder aufstehen, wenn sie gestürzt war. Sprechen war aber noch unmöglich. Statt Worten konnte sie nur ein sinnloses Gebrabbel produzieren.

Er besuchte auch Fürst Noriyuki und sie verbrachten einige Zeit im Garten, wo Usagi die Fragen seines Freundes beantwortete.

"Vermisst ihr Tomoe eigentlich?" fragte Noriyuki unvermittelt.

"Nein", antwortete Usagi ehrlich.

"Ich schon", gestand der Fürst. "Sie war wie eine Mutter für mich und vielleicht sogar wie ein Vater. Als sie damals so unvermittelt aus unserer Mitte gerissen wurde, das hat mich schon sehr getroffen."

"Kurz darauf seid ihr verschwunden und da habe ich erst wirklich gesehen, wie wichtig ihr beide für mich wart", fuhr er fort.

"Das tut mir Leid", antwortete Usagi, aber es war nur eine Floskel. "Nachdem ich Nara getötet hatte, brauchte ich etwas Zeit, um wieder zu mir zu kommen. Daher bin ich nicht zurückgekehrt."

"Ich verstehe das", versicherte der Fürst, "denn es war auch für mich eine schwere Zeit."

'Sage ihm jetzt nur nicht, dass ich noch lebe', warnte Tomoe Usagi.

'Willst Du Dich nicht ordentlich von ihm verabschieden?' wunderte sich Usagi.

'Bist Du verrückt? Ich bin tot! Das Wissen, dass ich noch als ... als "Anhängsel" an Deinem Bewusstsein existiere, würde ihn nur belasten!'

'Hm', überlegte Usagi.

'Mach jetzt keinen Fehler!' drohte Tomoe offen.

"Ich bin sicher", sagte Usagi laut, "dass Tomoe sich gerne richtig von euch verabschieden würde, wenn sie das könnte."

'Und was ist mit unseren Kindern?' fragte Usagi.

'Was denkst Du denn? Das gleiche natürlich!'

'Das finde ich nicht richtig', bekannte Usagi und bekam deswegen etwas nicht mit, dass Noriyuki in diesem Augenblick sagte.

Bevor er fragen konnte, informierte Tomoe ihn: 'Er will wissen, wie lange Du noch bleiben kannst.'

Usagi, der den Mund schon für eine Frage geöffnet hatte, schaltete blitzschnell: "Ich denke, bis zu eurer Hochzeit ganz sicher."

'Wie hast Du gleichzeitig mir zugehört und Noriyuki?' wunderte er sich.

Tomoe lachte. 'Deine Gedanken sind für mich immer noch ganz einfach zu erraten. Ausserdem habe ich mein halbes Leben damit verbracht, auf Noriyuki zu achten. Es ist wohl inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Sozusagen.'

'Er ist erleichtert', sagte sie, weil Usagi schon wieder etwas verpasst hatte.

'Das ist es nicht', sagte Usagi überzeugt. 'Du hast keinen Körper mehr und kannst Dich jetzt auf andere Dinge konzentrieren. Darum kannst Du gleichzeitig mir und Noriyuki zuhören.'

'Möglich. Jetzt will er wissen, ob Du vielleicht irgendwie mit Jotaro verwandt bist.'

Ihre Fähigkeit mehrere Dinge zu tun, verblüffte Usagi, so dass er lachen musste.

"Ihr müsst zugeben, dass er euch wirklich ähnlich ist", stimmte Noriyuki mit ein. Er war sehr erleichtert, dass sein Freund diese persönliche Frage so locker nahm.

"Ja, das stimmt", gab Usagi zu, "und ihr habt völlig Recht."

"Er ist also wirklich euer Sohn?" vergewisserte sich Noriyuki.

"Ja."

'Ah ja?' fragte Tomoe anzüglich.

Noriyuki schüttelte lachend den Kopf. "Ihr wisst sicher, dass er schon mehrmals mit euch verwechselt worden ist."

Usagi nickte. 'Er ist der Sohn von Mariko, der Frau von Kenichi', erklärte er Tomoe.

'War er nicht mal Dein Feind?' erkundigte sich Tomoe.

'Ja, aber schon von Kindesbeinen an. Es war Zufall, dass er Mariko geheiratet hat.'

'Kluges Mädchen', vermutete Tomoe sofort. 'Nachdem Du Dich verdrückt hast, hat sie sich schnell jemanden zum Heiraten gesucht, damit sie nicht alleine mit dem Kind dasitzt. Er will wissen, wer das noch weiss.'

'Nur die Leute, denen Jotaro es selbst gesagt hat', antwortete Usagi.

Tomoe kicherte. 'Du solltest es vielleicht noch laut aussprechen, sonst wartet Noriyuki umsonst.'

Usagi wiederholte es noch einmal laut und rief sich innerlich zur Ordnung. Sicher, er war weit gekommen, aber sich gleichzeitig mit Tomoe und Noriyuki zu unterhalten, überforderte ihn noch.

Dem scharfen Auge von Noriyuki war das natürlich nicht entgangen. "Was ist mit euch?" fragte er.

Beinahe hätte Usagi geantwortet, dass er sich gleichzeitig noch mit Tomoe unterhielt. "Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf, seit ich zu einem vollständigen Priester erhoben wurde."

"Das hängt mir eurer Fähigkeit zusammen, jede Frage beantworten zu können", vermutete Noriyuki sofort.

"Äh, ja", antwortete Usagi ausweichend und Noriyuki drang nicht weiter in ihn.

"Irgend etwas, das ich sonst noch wissen sollte?" fragten der Fürst und Tomoe gleichzeitig.

'Bitte nicht beide gleichzeitig', ermahnte Usagi Tomoe. 'Ich kann mich sonst wirklich nicht konzentrieren.'

"Katsumi wird mit mir gehen", sagte er zu Noriyuki, dem das klargewesen war, aber der dennoch nicht glücklich darüber war.

"Sprecht mit Sanraku darüber, er kann euch helfen", versprach Usagi.

"Sanraku ist ...?" fragte Noriyuki erstaunt, sprach es aber nicht aus.

Usagi lachte. "Nein, aber er kennt die Mitglieder eurer Leibwache ziemlich gut."

"Oh", fiel Noriyuki erleichtert ein, "ich dachte schon ..."

'Es scheint ihm wirklich nichts auszumachen', kommentierte Tomoe erstaunt.

'Für ihn ist der Gedanke mit einer Frau zu schlafen genauso abstossend, wie für Dich', übermittelte Usagi ihr.

"Nun, es war schön mal wieder in Ruhe mit Dir sprechen zu können", verabschiedete sich Noriyuki bald darauf. "In etwa zwei Wochen wird die Armee zurück sein und etwa eine Woche später soll meine Hochzeit stattfinden."

"Tamaro", sagte Usagi sanft und breitete die Arme aus.

Noriyuki zögerte einen kurzen Augenblick, aber nahm dann seinen Freund in die Arme. "Usagi, danke für alles."

"Danke, Tamaro, mein Freund", antwortete Usagi.

Noriyuki lächelte, als Usagi am Ausgang des Gartens noch einmal stehenblieb und winkte.

'Ich werde mich wohl an den Gedanken gewöhnen müssen', meinte Tomoe auf dem Rückweg zur Schule, 'denn Du wirst sicher kein enthaltsames Leben führen.'

Usagi lachte leise. 'Ja. Ich bin schon gespannt, was Du empfinden wirst, wenn ich meiner nächsten Gefährtin begegne.'

Tomoe fand den Gedanken nicht so lustig, musste aber zugeben, dass sie selbst ein klein wenig neugierig geworden war.

Am Abend sassen sie wieder in gemütlicher Runde zusammen, als Jotaro zu ihnen kam. Er sah unglücklich aus.

"Was ist mit Dir?" fragte Himesama, die neben Hajime sass.

Jotaro setzte sich und seufzte. "Ich habe gerade erfahren, dass mein Vater Kenichi gestorben ist."

Sofort sprachen ihm alle Anwesenden ihr Beileid aus.

"Wie ist es passiert?" wollte Hajime wissen, obwohl er nun schon seit fast einem Monat nicht mehr für seine Provinz verantwortlich war.

"Ich weiss es nicht genau, der Brief sprach nur von einem Unfall beim Bau des neuen Hauses." Jotaro seufzte. "Ich werde ihn vermissen."

"Ich auch", antwortete Usagi mitfühlend.

"Ihr kanntet Magistrat Kenichi?" fragte Hajime.

"Wir sind zusammen aufgewachsen", berichtete Usagi.

"Tatsächlich?"

"Er war ein Jahr älter als ich und wäre jetzt etwa 67 geworden."

Hajime lachte auf. "Ich weiss natürlich, dass ihr viel älter seid, als man euch ansieht. Aber erst jetzt, wo ich weiss, dass ihr so alt wie Magistrat Kenichi seid, wird es mir richtig bewusst. Magistrat Kenichi war ja schon uralt, als ich ihn vor 7 Jahren das letzte Mal traf!"

"Ihr kanntet meinen Vater?" fragte Jotaro überrascht.

"Ja", antwortete Hajime schnell, "ich war vor einer Weile mehrmals in der ehemaligen Provinz von Fürst Hikiji."

"Tatsächlich?" meinte Jotaro misstrauisch. "Was mir schon vorher aufgefallen ist: Ihr seht dem toten Fürsten verblüffend ähnlich!"

"Und ihr seht Usagi verblüffend ähnlich", kam die pfeilschnelle Antwort.

"Verstehe", signalisierte Jotaro seine Bereitschaft, das Thema ruhen zu lassen.

Die Anderen allerdings blickten nun Usagi auffordernd an.

"Vielleicht", schlug dieser beschwichtigend vor, "ist es an der Zeit, auszusprechen, was sowieso schon alle wissen."

"Alle?" fragte Jotaro und runzelte die Stirn.

"Nun, wenigstens alle Leute in diesem Raum. Es wird euch beiden helfen, wenn ihr jemanden habt, zu dem ihr ganz offen sein könnt."

Jotaro seufzte. "Natürlich habt ihr recht. Ja, es stimmt. Ich bin der Sohn von Usagi, Kenichi und Mariko. Usagi hat mich gezeugt und Kenichi hat mich grossgezogen. Ich betrachte beide als meine Väter."

"Kenichi war nicht in der Lage Kinder zu zeugen", fügte Usagi hinzu. "Und ich war nicht in der Lage Kinder grosszuziehen. Dazu war ich erst in der Lage, als ich Tomoe kennen lernte. Auf diese und noch viele andere Weisen haben Kenichi und ich uns ergänzt. Es ist wirklich schade, dass wir uns so lange gegenseitig das Leben zur Hölle gemacht haben."

"Nun, zu meiner Person kann ich nur sagen, dass Fürst Hikiji wirklich und endgültig tot ist", gestand Hajime. "Aber es ist auch richtig, dass ich die Person war, die unter dem Namen Hikiji die Armeen aus dem Norden gegen den Shogun geführt habe."

"Nicht ganz freiwillig, wie ich hinzufügen möchte", erklärte Usagi.

"Hm, doch, eigentlich schon", gab Hajime zu.

"Kusanagis Beeinflussung ist so subtil, dass ihr sie nicht bemerkt habt. Aber auf euch alleine gestellt hättet ihr euch zuerst um die Stabilität eurer Provinz gekümmert, statt gleich damit anzufangen, ganz Honshu zu erobern."

"Nun, vielleicht", meinte Hajime unbehaglich.

"Wenn Du willst", bot Usagi Jotaro an, "dann kann ich Qu'ral bitten, Dich nach Hause zu bringen, damit Du das Grab Deines Vaters besuchen kannst."

"Ich werde darüber nachdenken", versprach Jotaro.

"Das stellt uns nun vor einige interessante Probleme", meinte Goemon amüsiert.

"Inwiefern?" wunderte sich Himesama.

"Jetzt ist Jotaro der Erstgeborene!"

"Das stimmt", stimmte Benjiro(7) lachend zu.

7. Ein weiterer Sohn von Usagi

"Sehr gut", meinte Sanraku, der Erstgeborene, "damit trägt jetzt endlich jemand anders die Verantwortung in der Familie."

"Halt, halt!" rief Jotaro. "Wenn das bekannt wird, dann ist meine Familie entehrt!"

"Keine Sorgen", versprach Sanraku, "nach aussen hin bin natürlich immer noch ich der erstgeborene Sohn. Aber Du darfst Dich jetzt um die ganzen internen Streitereien kümmern! Die sind viel schlimmer! Wie die kleinen Kinder!"

Sie lachten.

"Ausserdem", fuhr Goemon genüsslich fort, "jetzt, wo Vater unsterblich ist, was wird dann aus unserem Erbe?"

"Da wäre auch noch die Kleinigkeit von meiner Mitgift", fügte Himesama maliziös hinzu. "Wenn Meister Waytiki nicht eingesprungen wäre, dann hätte ich nie heiraten können!"

"Tja, wenn ihr Geld wollt, dann sucht euch Arbeit", wehrte Usagi ihre Vorstösse lachend ab. "Seit ich Meister Waytiki die Schule geschenkt habe, habe ich nichts mehr. Aber was ist eigentlich aus Tomoes Sachen geworden?"

"Nachdem Du so überstürzt abgereist bist", antwortete Himesama mit leichtem Vorwurf, "habe ich sie in Truhen verstaut und ins Lager der Schule schaffen lassen."

"Ich sollte sie wohl noch durchsehen, bevor ich wieder gehen muss. Vielleicht möchte Tomoe ja noch etwas davon aufheben", nahm Usagi sich vor.

'Idiot', kam es von ihr und alle im Raum blickten ihn fragend an.

Abschied von Tomoe

Usagi lächelte. "Die Seele ist unsterblich. Wenn wir wiedergeboren werden, dann vergessen wir, was in unserem vorhergehenden Leben war, aber im Zustand dazwischen erinnern wir uns. Sie ist hier und kann euch hören und sehen."

"Wo?" fragte Goemon und die anderen blickten sich neugierig um.

"Keine Fragen", wies Usagi ihn ab. "Aber wenn ihr ihr etwas sagen wollt, dann tut das jetzt."

Sie schwiegen.

"Wir vermissen Dich sehr", fasste Himesama ihre Gefühle zusammen und Tomoe weinte.

"Sie vermisst euch auch", sagte Usagi leise.

"Eine Stunde(8)", sagte Pau Tai, der auf einmal in der Tür stand. Er streckte den Arm aus und eine formlose, leuchtende Wolke floss aus seiner Hand. Dann verschwand er wieder spurlos.

8. Also zwei von unseren Stunden. Pau ist nicht völlig gefühllos. Nur sparsam.

Usagi spürte, wie die Wolke an Tomoe zerrte. Er gab sie frei.

Obwohl sie ihn verlassen hatte, konnte er sie auch ausserhalb von sich selbst noch wahrnehmen. Ihre Seele glitt auf die Wolke zu und langsam begann diese sich zu verformen, bis sie sich zu einem leuchtenden, leicht durchscheinenden Ebenbild von Tomoe geformt hatte.

"Jotaro, holt bitte Qu'ral!" befahl Usagi, während Tomoe staunend ihre neue Hand vor ihr Gesicht hielt.

"Mutter?" fragte Himesama mit Tränen in den Augen.

"Tochter", erklang die Stimme der Toten, als ob sie noch am Leben wäre und sie fielen sich in die Arme.

Gemeinsam mit ihren Eltern betrauerten die Kinder ihren Verlust.

Nach kurzer Zeit war Jotaro mit Qu'ral zurück. Erstaunt blickte der Magier auf das leuchtende Gespenst.

Usagi löste sich kurz von seinen weinenden Kindern, nahm einen Zettel hervor und schrieb etwas darauf. "Bringt Jotaro zur Burg und kommt so schnell wie möglich mit Fürst Noriyuki zurück!" wies er die beiden an.

Sofort waren die beiden verschwunden.

"Danke", sagte die weinende Tomoe und lächelte. Sie nahm seine Hand. Ihre leuchtenden Tränen liefen über seinen Arm und zersprangen auf dem Boden.

Usagi schlang seine Arme um sie. Zum letzten Mal für alle Ewigkeit.

Ihr Kuss war fest und intensiv und doch so flüchtig, wie ein Augenblick.

Dennoch fühlte er sich hinterher erleichtert und sie vielleicht auch, denn ihre Tränen versiegten langsam.

Dann waren ihre Kinder an der Reihe. Jedes umarmte sie und leise wechselten sie ein paar persönliche Worte.

In der Folge hielt Usagi sich zurück. Ihre Kinder sollten so viel wie möglich von dieser einmaligen Chance haben: "Dies ist für euch", sagte er. "Die zu verlieren, die mir etwas bedeuten, wird von nun an immer ein Teil meines Lebens sein."

So kam zur Trauer über den Verlust der Mutter jene über das Schicksal des Vaters.

Aber in den letzten fünf Jahren waren auch schöne Dinge passiert, von denen die Kinder voller Stolz berichteten. Alle waren sehr erleichtert, als Tomoe ihnen sagte, dass sie ihnen keine Vorwürfe machte, weil sie an der Seite von Hikiji gekämpft hatten.

Während sie sich noch unterhielten, traf Fürst Noriyuki ein. Da ein offizieller Empfang von Tomoe eine zu grosse Ehre für eine ehemalige Leibwächterin gewesen wäre, warteten seine Begleiter unten, während er nur mit seiner zukünftigen Frau und Katsumi nach oben kam.

So konnte Tomoe sich selbst ein Bild von den Personen machen, die ihrem Fürst näher gekommen waren, was ihr lieb war.

Noriyuki war sichtlich froh, sie zu sehen. Er kam sofort auf Tomoe zu, die sich vor ihm verbeugte, wie es sich gehört.

Sanft ergriff der Fürst sie bei den Schultern. "Hier und heute bin ich nur Tamaro", sprach er und umarmte die Frau, die ihn so lange beschützt hatte.

Es dauerte einen Augenblick, bis Tomoe sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, die Umarmung ihres Fürsten zu erwidern. Er hatte sich sehr verändert, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Da war nun eine grosse Stärke in ihm, wo vorher eine vorsichtige Zurückhaltung geherrscht hatte.

Sie musste erkennen, dass die abscheuliche Handlung, die Usagi ihrem Fürsten ermöglicht hatte, tatsächlich zu seinem Vorteil gewesen war. 'Jedem anderen hätte es geschadet', realisierte sie, 'aber für diesen einen Menschen war es gut.'

Tamaros Schmerz floss mit seinen Tränen aus ihm heraus. Sie hielt ihn, während er weinte.

Als er sich von ihr lösen wollte, hielt sie ihn zurück. "Ich weiss es", flüsterte sie so leise in sein Ohr, dass nur er sie hören konnte. Sofort versteifte er sich. 'Meine Worte müssen ihm noch immer viel bedeuten', erkannt sie.

"Ich freue mich für Dich", fuhr sie fort und spürte, wie erleichtert er war. Sie liess ihn los und er nahm ihre Hände.

"Danke", sagte Tamaro offen, "das bedeutet mir sehr viel."

Für einen Augenblick war er wieder das verängstigte kleine Kind, das sie vor fast 30 Jahren quer durch das Land nach Edo gebracht hatte.

Tomoe lächelte und genoss sein Glück. So viel Elend und Leid hatte ihr Fürst schon erleben müssen. Er hatte es sich wahrhaft verdient, etwas für sich zu haben, selbst wenn alle anderen es verurteilten.

"Ich möchte Dir meine zukünftige Frau Makiko vom Neko Klan vorstellen", sagte Tamaro, als ob Tomoe seine Mutter wäre. Und sie realisierte, dass sie das in gewisser Weise ja auch gewesen war.

"Tomoe-san", begrüsste Makiko Tomoe zurückhaltend. "Mein zukünftige Ehemann ist voll des Lobes über euch."

Tomoe sah die starke Frau dahinter. 'Makiko ist in der Lage harte Entscheidungen zu treffen, wenn sie muss. Daher spricht ihre Zurückhaltung nur für sie. Makiko wird eine grosse Stütze für meinen Schützling sein.'

"Ich muss ehrlich zugeben", antwortete Tomoe lächelnd, "ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Er ist so ungeheuer anspruchsvoll und niemand hätte zu träumen gewagt, dass sich überhaupt eine Frau finden liesse, die dem gerecht werden könnte."

Tomoe konnte nicht sagen, ob Makiko nur erleichtert war, dass sie sie akzeptierte oder ob das Lob sie wirklich freute. Amüsiert überlegte sie, ob Noriyuki vielleicht auf dem Weg hierher mit ihr gesprochen hatte. 'Vielleicht hat er sie davor gewarnt, wie viel mein Wort hier noch bedeutet, auch wenn ich schon tot bin.'

"Diesen Mann, der mir so viel bedeutet, sicher in euren Händen zu wissen, ist eine ungeheure Erleichterung für mich", fügte sie hinzu.

"Ausserdem", sagte sie ehrlich, "möchte ich euch von ganzem Herzen für die Opfer danken, die ihr bereits für meinen Fürsten gebracht habt. Nur wenige wären stark genug für so etwas gewesen und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der Fürst Noriyuki nicht aufrichtig liebt, es getan hätte."

Damit war das Eis gebrochen. "Ich beginne nun zu verstehen, warum euer unerwartetes Dahinscheiden meinem Mann so viel bedeutet hat", antwortete Makiko bewegt. "Euer Tod war ein grosser Verlust für diese Provinz."

Er wäre nun an der Zeit gewesen, einige Worte mit Katsumi zu wechseln, aber Tomoe musste feststellen, dass sie es nicht konnte. Seine pure Existenz stiess sie ab.

Katsumi verbeugte sich. "Wenn ihr gestattet, Herrin, ziehe ich mich zurück."

Sie konnte nur nicken. So musste sie ihn zumindest nicht die ganze Zeit sehen.

Geschmeidig erhob er sich und verliess sie. Einige erstaunte Blicke folgten ihm, aber niemand stellte eine Frage.

Dann stürzten sich wieder alle auf Tomoe, denn ihre Zeit lief unerbittlich ab.

Noriyukis Hochzeit

Die Hochzeit war prächtig. Fürst Hirano liess es sich nicht nehmen, trotz seines Alters persönlich zu erscheinen. Es sollte seine letzte Reise sein. Viele andere Fürsten und sogar der Shogun schickten ihre besten Glückwünsche an das glückliche Paar.

Die Soldaten waren seit knapp zwei Wochen zurück und das Leben hatte sich wieder einigermassen normalisiert. Tausende feierten auf den Strassen, während ein Zen Priester das Paar traute.

Auf irgendwelchen Wegen hatte T'he Usagi ein Gewand besorgt, welches angeblich die einzige offizielle Tracht darstellte, die ein Ookaa'h-Priester jemals trug, sofern er sich offen bewegen wollte. Es war eine Priesterkutte in weiss, auf der sich ständig verändernde schwarze Muster tanzten.

Die Hochzeitsgäste waren entsprechend beeindruckt, bedeutete es doch, dass eine Gottheit das Paar offiziell segnete. Zur Sicherheit hatte Usagi aber nachgefragt, bevor er seinen Segen laut aussprach.

Persönlich freute sich Usagi, dass Gen hier war und Josuke, der Sohn von Fürst Hirano, der nun bald die Provinz von seinem Vater übernehmen würde.

Gen wollte natürlich als Erstes Kusanagi sehen. Lachend liess Usagi das Schwert erscheinen und gab es seinem verblüfften Freund.

Probeweise schlug Gen ein paar Löcher in die Luft. "Hm", kommentierte er enttäuscht, "scheint nichts besonderes zu sein, wenn man mal davon absieht, dass es unsichtbar sein kann."

"Typisch Gen", lachte Usagi und packte die Klinge mit der blossen Hand. Gen, der annahm, dass Usagi das Schwert nun zurück haben wollte, liess den Griff los.

Usagi schüttelte den Kopf. Er hielt Gen den Griff unter die Nase. "Zieh!" forderte er ihn auf.

Glücklicherweise schienen die anderen Gäste sie im Moment zu ignorieren. "Die fehlenden Finger gehen dann aber auf Deine Kappe", versicherte Gen sich, bevor er das Schwert packt und daran riss.

Wie nicht anders zu erwarten, glitt das Schwert nach kurzem Anfangswiderstand problemlos aus Usagis Faust.

Entsetzt stoppte Gen die Bewegung.

Usagi liess los und hielt Gen seine offene Hand vors Gesicht. Sie war unverletzt.

"Einem alten Mann so einen Schrecken einzujagen!" führte Gen sich auf. "Unerhört!"

"Aber das war noch gar nichts!" versprach Usagi und nahm Gen das Schert hab.

"Was hältst Du davon?" fragte er und stiess das Schwert durch Gens gesundes Bein und die Bank, auf der er sass.

Gen schrie auf, aber mehr überrascht als vor Schmerz.

"Tut es sehr weh?" fragte Usagi voller falschem Mitgefühl.

Verblüfft starrte Gen auf das Schwert. Kein Blut trat aus der Wunde, weder oben noch unten. Er spürte auch keinen Schmerz, sondern nur einen eigentümlichen Widerstand, wenn er sich bewegte.

Misstrauisch tastete er die Wunde ab. Er spürte den Druck, aber immer noch keinen Schmerz. Die Klinge fühlte sich aber trotzdem hart und fest an. Er schnitt sich sogar in den Daumen, wenn er die Schneide berührte, obwohl der Stoff seiner Hose unbeschädigt zu sein schien.

"Was zur Hölle ...?" fragte er. Er wollte aufstehen, aber er konnte das Bein nur an der Klinge entlang bewegen. Obwohl es ihn nicht verletzte, nagelte es ihn doch an der Bank fest!

"So, da Du ja nun sicher aufgehoben bist, kann ich mich jetzt ein wenig unter die Hochzeitsgäste mischen und mich amüsieren", sagte Usagi süffisant. "Bis später!"

"Hey!" rief Gen ihm hinterher. "Das kannst Du doch nicht machen!" Mit wachsender Verzweiflung zog er am Griff des unheimlichen Schwertes, aber es bewegte sich kein Stück.

"Usagi! Komm sofort zurück! Usagi! Verdammt!" schrie Gen wütend. "Na warte, wenn ich den in die Finger kriege! Der kann etwas erleben!"

Ein Diener, der wegen dem Geschrei herbeigelaufen kam, fiel fast ihn Ohnmacht, als er sah, wie Gen versuchte das Schwert herauszuziehen. Sofort lief er los, um Hilfe zu holen.

Kurze Zeit später war Gen von knapp einem Dutzend Wachen umgeben, die versuchten ihm zu helfen, das Schwert herauszubekommen. Es war entsprechend kompliziert für Gen ihnen klarzumachen, dass er unverletzt war, obwohl die Schneide des Schwertes doch offensichtlich so scharf war.

Leider war das Einzige, was sie erreichten, dass die Bank hochgehoben wurde, auf der Gen sass. Das Schwert liess sich nicht davon beeindrucken, dass vier Mann mit aller Kraft daran zogen.

"Ah, wie ich sehe, lässt Du Dir gerade dabei helfen die Bank so zu drehen, dass Du Dir nicht den Hals verrenken musst, um die Hochzeit zu sehen", kommentierte Usagi, der kurze Zeit später mit etwas zu trinken wiederkam.

"Da will ich Dich nicht weiter stören", fuhr er fröhlich fort und drehte sich wieder um.

"Bitte! Zieh es raus!" flehte Gen ihn an.

"Na gut", gab Usagi nach. Wie von Geisterhand bewegt sprang das Schwert hoch in die Luft, wirbelte herum und schoss dann auf Usagi herunter, wo es wieder spurlos verschwand.

"Hier", hielt Usagi Gen eine Schale Sake hin, "auf den Schreck."

Erleichtert stellte Gen fest, dass sein Bein wirklich unverletzt war. Kein Muskel war zerschnitten und der Knochen war auch noch heil. Nur in der Bank war unter seinem Bein ein Spalt, durch den er den Boden sehen konnte.

"Unglaublich", kommentierte er, während er Usagi seine Trinkschale zum Füllen hinhielt. "Wie macht es das?"

Usagi zuckte mit den Schulter. "Keine Ahnung", gab er zu, "ich habe es nur gebeten, Dich an die Bank zu nageln, ohne Dich zu verletzen."

Gen trank erst einmal einen Schluck. "Mit seinem Schwert zu reden, ist normalerweise kein gutes Zeichen", meinte er.

"Stimmt", bekannte Usagi freimütig und trank ihm zu, "und meines antwortet sogar!"

Sie mussten beide lachen.

Abschied auf Zeit

Am Abend verabschiedete sich Usagi von den Fürsten.

"Werden wir euch wiedersehen?" fragte Noriyuki.

"Ich denke, ich werde in ein paar Jahren noch einmal hier auftauchen", versprach Usagi und fuhr dann zu Fürst Hirano gewandt fort: "Aber für uns ist es ein Abschied für immer."

"Miyamoto-bonze(9)", sprach Fürst Hirano, "der Hirano Klan verdankt euch so viel, es wäre unmöglich euch für alles zu danken, was ihr für uns getan habt."

9. Priester

"Ich danke euch, dass ihr meine Hilfe angenommen habt", antwortete Usagi.

"Wir stehen tief in eurer Schuld. Sollte es jemals etwas geben, das wir für euch tun können, so seid gewiss, dass wir alles tun werden, was in unserer Macht steht, um euch zu helfen."

"Auch wir möchten euch danken", sagte Fürst Noriyuki und seine Frau lächelte dazu, "auch wenn Worte ein so schwaches Mittel zu sein scheinen, um unsere Dankbarkeit euch gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Der Geishu Klan wird auf ewig in eurer Schuld stehen."

"Ich danke euch, dass ihr mir die Chance gegeben habt, zu helfen", antwortete Usagi.

"Obwohl ihr bereits so viel für uns getan habt", fuhr die Fürstin fort, "möchten wir euch dennoch um einen weiteren Dienst bitten. Unser Diener Katsumi hat den Wunsch geäussert, euch zu begleiten und da er uns so aufopferungsvoll gedient hat, sehen wir uns ausserstande seinen Wunsch abzulehnen. Werdet ihr ihn in eure Obhut nehmen?"

"Es wäre eine Ehre für mich", antwortete Usagi gemessen, während Tomoe verzweifelt aufstöhnte.

Damit war die Audienz beendet. Usagi verbeugte sich und verliess den Raum zusammen mit Katsumi.

Auf dem Weg zum Haupttor begegneten sie Gen.

"Du verlässt uns schon wieder?" fragte Gen.

"Ja. Es war eine Bereicherung für mich, Dich gekannt zu haben, mein Freund", antwortete Usagi.

"Dann werden wir uns wohl nicht mehr wiedersehen?" vermutete Gen und sah auf einmal sehr alt aus.

Wortlos umarmte Usagi seinen Freund.

"Ich wünsche Dir alles Gute, mein Freund", sagte Gen mit Tränen in den Augen.

Leise war der Sohn des Fürsten Hirano zu ihnen getreten. Usagi drückte Gen noch einmal, dann wandte er sich dem zukünftigen Fürsten zu.

Der Sohn ehrte Usagi, indem er sich vor ihm verbeugte. "Euer Name wird im Hause Hirano nicht vergessen werden, Meister Miyamoto", versprach er. "Und auch wenn es unmöglich wäre, es offiziell zuzugeben, so möchte ich euch doch wissen lassen, dass wir die grösste Hochachtung vor Meisterin Tomoe und Meisterin Keiko empfinden."

"Ich danke euch. Eure Provinz ist bei euch in guten Händen", antwortete Usagi. Mit einer Verbeugung verschwanden er und Katsumi in der Nacht.

In der Schule waren währenddessen alle seine Kinder eingetroffen. Auf dem Weg ging er im Lager vorbei, wo Tomoes Eigentum aufbewahrt wurde und nahm einige Gegenstände an sich.

Jotaro war bei ihnen und Usagi freute sich, dass man ihn so selbstverständlich aufgenommen hatte.

"Es ist Zeit für mich", bekannte Usagi, "aber ich werde in ein paar Jahren zurückkehren, wenn ich kann, und euch besuchen."

"Vor ein paar Tagen sprachen wir von eurem Erbe. Obwohl es stimmt, dass ich über kein Geld verfüge, so gibt es doch noch einige Dinge, die nun euch gehören, da ich mich von dieser Welt abwende."

Jeder bekam einen Gegenstand aus dem Besitz ihrer Mutter, der sie an die grosse Frau erinnern sollte, die sie gewesen war.

Als letztes band Usagi sein Daisho ab und steckte es in einen Beutel. Dann bat er Yumi, seine jüngste Tochter, zu sich.

"Dies sind die Schwerter Deiner Mutter", sagte er und gab ihr den Beutel mit Tomoes Schwertern. "Nun gehören sie Dir. Und dies", fuhr er fort und gab ihr seine Schwerter, "ist mein Hochzeitsgeschenk für Dich und Deinen Mann. Möget ihr miteinander glücklich werden. Ihr habt meinen Segen und ich bin sicher, auch den von Tomoe."

Weinend nahm Yumi dieses grosse Geschenk entgehen. "Danke, Vater. Mutter", schluchzte sie und fiel ihm um den Hals.

Die anderen waren sehr überrascht. "Wer ist es?" riefen sie neugierig, nachdem sie sich die Tränen abgetrocknet hatte. "Nun sag schon!"

Sie wurde rot blickte beschämt zu Boden. "Hajime", sagte sie leise.

"Wirklich?" staunten sie.

"Er wird Dir ein guter Ehemann sein", versprach Usagi, "und ich möchte, dass ihr ihn freundlich aufnehmt. Er hat Dinge gesehen, die kein Mensch jemals sehen sollte und trotzdem überlebt. Gebt ihm die Chance, zu beweisen, dass ein Mensch hinter seinem Ruf existiert, für den das Wort Ehre etwas bedeutet."

Als sie sich für die Nacht verabschiedeten, hielt Usagi Sanraku noch einmal zurück. "Es gibt noch eine Sache, über die wir reden müssen."

"Worum geht es, Vater?" fragte Sanraku neugierig.

"Es gibt etwas, das Du wissen musst, damit Du richtig reagieren kannst", begann Usagi vorsichtig.

Sein Sohn hörte ihm weiter zu. Behutsam brachte Usagi ihm bei, dass Fürst Noriyuki vielleicht einmal nach bestimmten Mitgliedern der Leibwache verlangen könnte.

"Nun, er ist der Fürst", wunderte sich Sanraku. "Es ist seine Leibwache."

"Für einen sehr privaten Zweck", deutete Usagi an.

Sanraku war ein wahrer Sohn von Usagi. Die wenigen Andeutungen reichten aus, um ihn auf die richtige Spur zu führen. "Um die Nacht mit ihnen zu verbringen?" fragte er mehr ungläubig als entsetzt.

"Ja", bestätigte Usagi.

"Das kann ich mir nicht vorstellen!" lachte Sanraku, aber als Usagi nicht in das Lachen einfiel, verstummte er unsicher.

"Das ist nicht wichtig", sagte Usagi bestimmt. "Wichtig ist, dass Du in der Lage bist den Wunsch Deines Herrn zu erfüllen, wenn er ihn ausspricht."

"Katsumi!" hauchte Sanraku entsetzt. Natürlich hatten Gerüchte und ironische Bemerkungen die Runde gemacht, wenn Katsumi mehrmals nachts in den Gemächern des Fürsten verschwunden war. Aber Sanraku hätte niemals für möglich gehalten, dass das der Grund war.

"Ja", bestätigte Usagi wiederum.

"Das ist ... entsetzlich!" sagte Sanraku angewidert.

Usagis Blick wurde hart. "Wenn Du die anderen Vorteile Deines Herrn haben willst, dann wirst Du es akzeptieren müssen. Wenn Du es nicht akzeptieren kannst, dann musst Du seinen Dienst verlassen. Wenn es Dir etwas bedeutet, dass seine Untergebenen und Untertanen ihm etwas bedeuten, dann musst Du lernen damit zu leben."

"Aber ...", versuchte Sanraku einen anderen Ausweg zu finden.

Ruhig wartete Usagi ab, bis Sanraku den Blick senkte. "Ich habe verstanden, Vater", unterwarf sich der Sohn.

"Sanraku, bitte denke immer daran, dass es nicht Noriyuki ist, der ein anderer sein wird, sondern Du", bat Usagi.

"Ja, Vater. Ich werde es versuchen. Ich verspreche euch, dass ich weder euch noch meinen Herrn enttäuschen werde", gelobte Sanraku.

"Danke", verbeugte sich Usagi. "Dein Verständnis wird Noriyuki sehr viel bedeuten."

Betreten sah Sanraku zu Boden. "Ich weiss nicht, ob ich es kann", gab er zu bedenken.

"Lerne es zu akzeptieren, genauso wie Du gelernt hast zu akzeptieren, dass Deine Mutter Schüler im Bushido unterweist oder dass Himesama eine bessere Schwerkämpferin ist, als Du. Möge es eine weitere Lektion in Toleranz für Dich sein."

"Ja, Vater", versprach Sanraku, bevor er sich mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck verabschiedete.

Am nächsten Morgen verabschiedete sich Usagi noch von Meister Waytiki und seiner Frau. Sie war mächtig stolz, als Usagi ihr hinter vorgehaltener Hand berichtete, dass die Fürsten Hirano und Noriyuki sie heimlich bewunderten.

Auf dem Hof hatten sich währenddessen alle Schüler der Schule versammelt. Einige hatten noch Verbände oder waren noch wackelig auf den Beinen, aber erfreulich viele waren aus dem Krieg zurückgekehrt. Selbst diejenigen, denen es sehr schlecht ging, hatten es sich nicht nehmen lassen, sich vom Gründer der Schule zu verabschieden.

37 Schüler und neun Lehrer zählte die Schule nun. Usagi war ungeheuer stolz auf das, was er sah und er sagte das auch.

"Was aber nicht heisst", drohte er ihnen, "dass ich jemanden verschonen werde, der sich jetzt auf die faule Haut legt, wenn ich das nächste Mal zurückkehre!"

Sie versprachen, ihn nicht zu enttäuschen. "Dann lebt wohl", verabschiedete er sich, "und denkt immer daran, dass das Motto unserer Schule ist, besser zu sein als die Anderen, statt auf sie herabzublicken."

Auf dem Weg zu seinem Team trat noch Yumi zu ihm. Sie hatte Hajime im Schlepptau, erwartete aber offensichtlich, dass er Usagi ansprach.

"Ihr verlasst uns?" fragte der ehemalige Fürst, der bedenkenlos eine riesige Armee in die Schlacht geführt hatte, um Zeit zu gewinnen.

"Ja", antwortete Usagi schlicht.

"Nun, in diesem Fall gibt es da noch etwas, das ich mit euch besprechen wollte", fuhr der Mann vorsichtig fort.

'Vom Bauersohn zum Fürsten zum Niemand', kommentierte Tomoe trocken.

'Ruhe dahinten', gab Usagi amüsiert zurück.

"Ich wüsste nicht, was es da noch zu besprechen gäbe", sagte Usagi. "Willkommen in der Familie, Schwiegersohn."

"Aber ... ihr wisst es schon?" fragte Hajime verblüfft.

Usagi lachte freundlich und klopfte ihm auf die Schulter. "Vor mir wusste es nur Ookaa'h", erklärte er.

"Oh", machte Hajime nur.

"Macht euch nichts daraus", tröstete Usagi ihn. "Mit den Jahren lernt man es hinzunehmen."

Hajime musste nun ebenfalls lachen. "In dem Fall bleibt mir wohl nur, mich bei euch für all das zu bedanken, was ihr für mich getan habt."

"Was tut man nicht alles, um einen guten Ehemann für seine Tochter zu finden", meinte Usagi freundlich.

Er nahm die Hand seiner Tochter und die von Hajime und legte sie ineinander. "Ihr habt meinen Segen und den von Tomoe", sagte er ihnen. "Werdet glücklich miteinander."

"Danke, Vater", freute sich Yumi.

"Miyamoto-sensei", ehrte Hajime ihn und verbeugte sich.

Sie begleiteten ihn noch bis zu dem Raum, in dem die anderen Teammitglieder schon warteten.

"Da wäre noch eine Kleinigkeit", setzte Hajime an.

"Ihr habt beschlossen es doch als Lehrer in meiner Schule zu versuchen", setzte Usagi den Satz für ihn fort. Er grinste Hajime ins Gesicht. "Irgendeinen Vorteil muss es schon haben, wenn man Priester der mächtigsten Gottheit wird, die es gibt."

Hajime lachte auf. "Nicht alleine, dass ich die Tochter des Todfeindes meiner Familie heirate! Er musst auch noch allwissend sein! Wie entsetzlich langweilig!"

"Zumindest", sagte Usagi wie nebenbei, "weiss ich meine Schule bei euch beiden in guten Händen."

Während die Verlobten ihn noch völlig verblüfft anstarrten, gab er Qu'ral das Zeichen für den Aufbruch. Mit lautem Knallen sprangen sie zum Mond.

Usagi Yojimbo and Pau Tai Teil 15: Noriyuki